Antwort auf Beitrag Nr.:
41.004.204 von Bergfreund am 08.02.11
18:08:18Eine insgesamt solide-liberale-Zusammenfassung
des HANDELSBLATT!
Handelsblatt.com 03.02.2011 Finanzkrise:
Wie das Rettersyndrom die Politik infiziert hat
Der neue Typus des Politikers will nur eines: Retten – komme was
wolle. Dabei hindern ihn weder wachsende Staatsschulden noch
ökonomische Logik. Jedenfalls nicht bis zu dem Tag, an dem die
nächste Krise an die Türe klopft.
Auch die Bundeskanzlerin rettet wo sie kann.
Die wahrscheinlich einzig richtige Entscheidung seit Beginn der
Finanzkrise war die, die gemeinhin als die falsche gilt: die Pleite
des Bankhauses Lehman Brothers am 15. September 2008 nicht
verhindert zu haben.
Es war das letzte Mal, dass ein Krisenverursacher zur Rechenschaft
gezogen wurde. Seither ist eine neue Form staatlicher
Marktwirtschaft entstanden, in der das Verursacherprinzip für das
Geldgewerbe nicht mehr gilt. Nie zuvor in der modernen
Wirtschaftsgeschichte besaß die Finanzindustrie derartig
ungehinderten Zugriff auf das Geld der Steuerzahler.
Allein in Deutschland wurden für Zahlungen, Bürgschaften und
Ausfallgarantien an den Finanzsektor bis heute 545 Milliarden Euro
bereitgestellt. Das entspricht der Summe aller privaten Ersparnisse
seit Kriegsende.
Ein neuer Politikertypus tritt uns seither entgegen, der vom
medizinisch noch gar nicht erforschten Rettersyndrom befallen
scheint. Er will retten, auf Teufel komm raus: die Banken, den
Euro, die Griechen und die WestLB. Beim heutigen Europa-Gipfel wird
es wieder teuer.
Angela Merkel trat auf dem Höhepunkt der Finanzkrise gar als
Retterin aller Sparguthaben auf, was schon deshalb bizarr anmutet,
weil die Spareinlagen der Deutschen mit nichts anderem gerettet
werden können als mit dem Geld der Sparer selbst.
Doch die ökonomische Logik konnte den Siegeszug des
Rettungspolitikers bisher nicht aufhalten. Er beruft sich sogar
darauf, dass die alte Logik nicht mehr gilt. Jetzt nicht!
Vielleicht später wieder.
Dieser Politikertypus hat sich die Notenbanker untertan gemacht.
Seit dem Beginn der Finanzkrise wurde der US-Leitzins zehnmal
gesenkt. Jetzt liegt er nahe null. Das Bankgewerbe schwimmt in
Geld, an den Finanzmärkten ist seit Anfang 2009 der Teufel los:
Zucker plus 180 Prozent, Kupfer plus 225 Prozent, Autoaktien plus
70 Prozent.
Wer wie Bundesbankchef Axel Weber darauf hinweist, dass diese
wundersame Geldvermehrung eine Scheinwelt schafft, wirkt
altmodisch. So ändern sich die Zeiten: Wer früher als Anwalt der
Stabilität auftrat, empfahl sich für Höheres. Wer heute für
Seriosität wirbt, gilt als Querulant.
Seit geraumer Zeit kauft die US-Notenbank ihre eigenen
Staatsanleihen, weil kein Chinese sie mehr erwerben mag. Seit
gestern hält die Federal Reserve Bank mehr US-Staatsanleihen als
jede andere Notenbank. Man kann das Liquiditätssteuerung nennen,
wie es Notenbank-Chef Bernanke tut. Ehrlicher wäre es, wir würden
es Wahnsinn nennen. Amerika druckt sich Geld.
Es ist nicht richtig zu sagen, es habe sich mit der Finanzkrise
nichts geändert. Es hat. Vor der Finanzkrise war die Unvernunft in
den privaten Geldhäusern zu Hause, die Kredite an Menschen
vergaben, die nicht kreditwürdig waren. Seither ist die Unvernunft
verstaatlicht.
Die Spieler an den Weltfinanzmärkten sind dankbar für die
wundersame Geldvermehrung. Für sie ist die beste aller Welten
entstanden. An den Spieltischen regnet es Jetons.
Weil es in der echten Welt nicht genug Anlagemöglichkeiten gibt,
treiben die Marktteilnehmer die Preise nahezu aller Vermögenswerte
in die Höhe, derer sie habhaft werden können. Vor allem aber an den
Rohstoffmärkten treibt seit Anfang 2009 die Spekulation wilde
Blüten: Zink plus 100 Prozent, Blei plus 150 Prozent, und der
Rohölpreis stieg um 170 Prozent.
Längst beginnt das virtuelle Spiel mit den Milliarden, das Leben
der Gesellschaften zu verändern. Viele einfache Menschen wissen gar
nicht, wie ihnen geschieht. In China haben seit Ausbruch der
Finanzkrise die Lebensmittelpreise um 30 Prozent zugelegt. Auch in
den Lagerräumen der deutschen Großhändler staut sich Inflation auf.
Die Großhandelspreise stiegen im Jahr 2010 um knapp sechs Prozent
und warten nur darauf, auf die Endverbraucher überwälzt zu
werden.
Die Scheinwelt der Finanzindustrie ist nicht in den letzten Jahren
entstanden. Aber sie hat sich seither nochmal spürbar ausgeweitet.
In den siebziger Jahren war der Wert aller Währungsgeschäfte
doppelt so groß wie der Wert des realen Handelsvolumens. Heute
übertrifft die Währungsspekulation den Handel um das 20-Fache.
Der Wert aller Zinsderivate betrug 1995 rund 18 Billionen Dollar,
heute dagegen sind es 400 Billionen Dollar. Obwohl das globale
Weltinlandsprodukt sich in dieser Zeit nur verdoppelt hat, erhöhte
sich das ausstehende Volumen der Zinsspekulationen um das 20-Fache.
Die täglichen Geschäfte mit Öl-Optionen entsprachen 1990 an den
größten Handelsplätzen noch ungefähr dem Wert des tatsächlich
produzierten und konsumierten Öls. Heute übersteigt das
Spekulationsvolumen den tatsächlichen Wert der Ware um das
Zehnfache.
Das Finanzgeschehen habe sich von der Wirklichkeit gelöst, sagt der
Börsenaufseher der britischen Regierung, Lord Turner. Es besitze
die Kraft, die Werte von Industrien und Völkern zu zerstören. Die
Krise, sagt er, sei nicht nur eine Krise einzelner Banken, sondern
auch eine Krise des intellektuellen Denkens. Unsere Vorstellung,
dass Preise wichtige Informationen transportieren, dass Märkte sich
rational verhalten und sich im Falle von Irrationalität selbst
korrigieren, all das sei heute infrage gestellt. Nur wer sich diese
bitteren Wahrheiten zumute, werde bei der Suche nach Lösungen
erfolgreich sein.
Der ursprüngliche Lebensraum des Rettungspolitikers befindet sich
in den USA. Hier gab er erst das Geld künftiger Generationen aus,
dann die Sparguthaben der Chinesen und Japaner. Im vergangenen Jahr
benötigten die USA zur Aufrechterhaltung ihres privaten und
staatlichen Konsums rund zwei Drittel aller neuen privaten
Ersparnisse weltweit. Weil mittlerweile selbst die von der
Verfassung gezogenen Grenzen ausgereizt sind, beantragte die
Obama-Regierung, die staatliche Schuldengrenze von derzeit 14,3
Billionen Dollar überschreiten zu dürfen. Mögen Demokraten und
Republikaner auch sonst den feindseligen Ton bevorzugen. Wenn es um
die Staatsverschuldung geht, gibt es eine große Koalition der
Schuldenmacher.
Derweil an den Märkten sich die Liquiditätsmilliarden ergießen,
bekämpft die Politik die letzte Krise. Sie will die Banken
regulieren. Für die Verursacher der letzten Krise gibt es jetzt –
zu Recht – strenge Auflagen für das Eigenkapital. Das in die Bücher
zu nehmende Risiko und auch die Finanzprodukte müssen dem
Regulierer vorgelegt und von ihm genehmigt werden. Das ist
verdienstvoll und zugleich sinnlos, da die Politik sich zwar um die
Banken kümmert, aber nicht um jene Geldsammelstellen, die sich
Hedge-Fonds oder Private-Equity-Investor nennen.
So ist ein Schattenreich entstanden, in das die Billionen strömen
wie das Schmelzwasser in den Rhein. Jede neue
Regulierungsvorschrift verstärkt den Druck vom einen in das andere
System. Neue systemische Risiken bauen sich auf. Rund 16 Billionen
Dollar, sagen die US-Behörden, würden mittlerweile in diesem
„Shadow Banking System“ zirkulieren. Zahlen für Europa wurden
offiziell bisher nicht vorgelegt.
Josef Ackermann kennt sie trotzdem. Sie reichen aus, ihn zu
besorgen. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos mahnte der Chef der
Deutschen Bank die Politiker, in ihrem Regulierungseifer die
Schattenakteure nicht zu vergessen. Man sieht sie nicht, weil sie
keine Hochhaustürme unterhalten und kein Logo besitzen, für dessen
Bekanntheitsgrad im Fernsehen geworben wird. Aber man kann sie
spüren, zumindest an dem Tag, an dem auch diese Blase platzt.
Ackermann ist kein einsamer Mahner. Im Gegenteil: Es gibt niemanden
in der Finanzindustrie, der diese Risiken nicht sieht. So wie es
nahezu niemanden gibt, der sie nicht nährt. Denn die regulierten
Banken sind über verschlungene Pfade mit den nicht-regulierten
verbunden. Wenn die Welt schon zugrunde geht, will man vorher
wenigstens noch mitverdient haben. Samir Asaaf, Spitzenmanager der
Großbank HSBC Bank in London, spricht von der „Atombombe“, die da
gerade gebaut werde. Sie explodiere nicht heute und nicht morgen,
sagt er. Was übermorgen ist, sagt er nicht.
Wenn es eine Ähnlichkeit zur vorherigen Finanzkrise gibt, dann ist
es die Arglosigkeit der politisch Verantwortlichen. Die
Frühwarnsysteme von Bundesbank, Bankenaufsicht und
Finanzministerium blieben in der Stunde der Gefahr stumm. Sie
werden wieder schweigen. Der Tag, an dem die neue Krise die Welt
erschüttern wird, dürfte den Rettungspolitiker hart treffen. Die
Krise, die er selbst erzeugt hat, wird ihn überraschen.
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