Armut hinter den Spieltischen (EuramS)
Jedem zweiten deutschen Kasinos droht das Aus – schuld sind Internet und TV. In den USA und in Asien dagegen blüht das Geschäft mit den Gamblern
von Günter Heismann
Sie waren einst Inbegriff von Spiel, Spannung und kultivierter Unterhaltung: die Kasinos, die im
18. Jahrhundert in fast jedem namhaften Kurort entstanden. Alljährlich fand sich die Gesellschaft
zur Badesaison in den Spielbanken von Baden-Baden, Bad Ems oder Wiesbaden ein, um das
Glück bei Baccara, Black Jack oder Roulette herauszufordern. Abendkleid für die Dame,
Smoking für den Herrn – in den ersten Häusern gilt großenteils noch heute eine strenge
Kleiderordnung.
Krawattenzwang kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Glücksspielhäuser in eine
tiefe Krise geraten sind. Das klassische Tischspiel verliert zunehmend an Bedeutung, wird
verdrängt von Automaten. In manchen einst mondänen Kasinos herrscht heute eine Atmosphäre
wie in den Daddelhallen des Bahnhofviertels.
Wachstum kennt die Branche schon lange nicht mehr. "Auch 2006 sind die Einnahmen wohl
bestenfalls stagniert", sagt Michael Seegert, Sprecher des Branchenverbands Desia und
geschäftsführender Gesellschafter der beiden Spielbanken von Bad Dürkheim und Bad Neuenahr.
Seit dem Jahr 2000 bewegen sich die Bruttospielerträge, die die deutschen Kasinos nach
Ausschüttung der Gewinne einbehalten, konstant bei etwa 950 Millionen Euro.
Besserung ist kaum in Sicht. Im Gegenteil: Neue Wettbewerber wie Online-Kasinos sowie Spiel-
und Wettprogramme im Fernsehen machen den Spielbanken das Leben schwer. "Ein
Kasino-Sterben ist unvermeidlich", befürchtet Reinhold Schmitt, Chefredakteur der Fachzeitschrift
"Isa-Casinos". Von den 49 deutschen Häusern mit Tischspiel könnte auf längere Sicht die Hälfte
schließen, schätzen Insider. "Vor allem die kleineren Betriebe sind gefährdet", sagt Kasinochef
Seegert.
Die Deutschen zocken zwar wie nie. Kaum ein anderer Wirtschaftszweig wächst so schnell wie
der Glücksspielmarkt. Allein zwischen 2003 und 2005 kletterten die Bruttospielerträge von 9,4 auf
12,2 Milliarden Euro – ein Zuwachs von knapp 40 Prozent in nur zwei Jahren.
Doch von der Spiellust profitieren ausschließlich die neuen Mitbewerber. So erzielten die privaten
Anbieter von Sportwetten 2005 Einnahmen von 1,5 Milliarden Euro. Zwei Jahre zuvor waren es
erst 150 Millionen. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom März 2006 sind private
Sportwetten jetzt allerdings solange untersagt, bis der Gesetzgeber eine klare rechtliche Basis
schafft.
Mehr Sorgen bereiten der Branche derzeit die privaten Fernsehsender, die das Geschäft mit
Glücksspielen aggressiv ausbauen. Die TV-Station 9live erzielt ihre Einnahmen fast
ausschließlich aus sogenannten Telefonmehrwertgebühren, die die mitspielenden Zuschauer
entrichten müssen. Der Spielbanken-Verband Desia schätzt: Die deutschen Radio- und
Fernsehsender haben 2005 Spielerträge von rund zwei Milliarden Euro eingenommen – viermal so
viel wie noch zwei Jahre zuvor.
Die größte Gefahr aber droht den Spielbanken von den Online-Glücksspielen, die sich im Internet
ausbreiten wie ein Flächenbrand. Allein mit deutschen Mitspielern erzielten die Anbieter von
Web-Wetten 2005 Umsätze von 1,5 Milliarden Euro – zehnmal so viel wie im Jahr 2003.
Gar nicht zu schätzen sind die Einnahmen der rund 3000 Online-Kasinos, die im Internet Poker,
Black Jack und andere Glücksspiele offerieren. Die Anbieter verstoßen zwar möglicherweise
gegen das Glücksspielmonopol der deutschen Bundesländer. Doch die Server stehen fernab in
Gibraltar, Malta oder der Karibik, wo solche Online-Spiele zulässig sind und die deutschen
Behörden keinen Zugriff haben.
Den traditionellen Glücksspielhäusern bleibt nichts anderes übrig, als die Konkurrenz
anzunehmen. Als erstes deutsches Kasino bietet die Spielbank Wiesbaden seit 2004 ein
Online-Roulette an. Dabei können die Mitspieler per Internet in Echtzeit an einem Spiel
teilnehmen, das tatsächlich an einem Roulette-Tisch in Wiesbaden stattfindet.
Wollen die Kasinos im Geschäft bleiben, müssen sie auf die Vorlieben ihrer Kunden eingehen.
Längst haben die Betreiber begonnen, Spielautomaten aufzustellen. 2005 entfielen bereits drei
Viertel der Bruttoeinnahmen der deutschen Spielbanken auf die Daddelmaschinen.
Die Verdrängung von Roulette und Co hat fatale Folgen: In den Troncs der Kasinos, den in die
Spieltische eingelassenen Trinkgeldkassen, herrscht Ebbe. Daraus werden traditionell die
Angestellten einer Spielbank bezahlt – vom Direktor bis zum Kassierer. Wer aber am Automaten
gewinnt, gibt kein Trinkgeld. So sind die Tronc-Erlöse der deutschen Spielbanken dramatisch
gesunken – von 182 Millionen Euro im Jahr 2000 auf jetzt nur mehr 111 Millionen. Die
Spielbanken müssen kräftig in die Kasse einschießen, damit ihre Angestellten überhaupt den
vorgeschriebenen Mindestlohn erhalten.
Dadurch werden die ohnehin recht kargen Einnahmen erheblich belastet. Den größten Teil der
Bruttoerträge verlangen die Bundesländer, die die Konzessionen vergeben. Je nach Land
betragen die Abgaben 50 bis 93 Prozent. Von den 944 Millionen Euro Spielerträgen, die die
deutschen Glücksspielhäuser 2005 erwirtschafteten, mussten sie 774 Millionen an den Fiskus
abführen.
Da bleibt kaum etwas übrig, um in neue, attraktive Angebote zu investieren. Den Spielbanken
fehlt schlicht das Geld, um den Niedergang aufzuhalten. Neidisch blicken die Kasinochefs in die
USA, wo reihenweise neue Zockerpaläste hochgezogen werden. So plant MGM in Las Vegas
eine riesige Anlage, die sieben Milliarden Dollar verschlingen wird.
Das Kasinogeschäft in den USA ist hochprofitabel. "In Las Vegas müssen weniger als zehn
Prozent der Bruttoerträge an den Staat abgeführt werden", sagt Desia-Chef Seegert. Jetzt
entdecken Private-Equity-Gesellschaften, welche ausgezeichneten Gewinne sich mit der
Zockerei machen lassen. Die Finanzinvestoren Apollo Management und Texas Pacific wollen für
knapp 28 Milliarden Dollar die weltweit größte Kasinokette Harrah’s Entertainment übernehmen,
zu der der berühmte Caesar’s Palace in Las Vegas gehört.
An deutschen Spielbanken zeigen sich US-Investoren kaum interessiert – die Abgaben sind eben
zu hoch, die Gewinne zu niedrig. Zu haben wäre freilich schon die eine oder andere. In Ländern
wie Hamburg, Hessen oder Rheinland-Pfalz sind die Spielbanken in privater Hand; angesichts
magerer Erträge wären einige Inhaber wohl zum Verkauf bereit. Auch in Ländern wie Bayern,
Baden-Württemberg oder Sachsen, wo die Kasinos staatlich sind, spielt so mancher
Finanzminister mit dem Gedanken an Privatisierung, um Haushaltslöcher zu stopfen.
Bislang hat erst ein Bundesland seine Spielbanken an einen ausländischen Investor verkauft. Vor
zwei Jahren übernahm der österreichische Kasino-König Leo Wallner für 90 Millionen Euro die
zehn Glücksspielhäuser Niedersachsens. Der neue Eigentümer, dessen Firma Casinos Austria
weltweit aktiv ist, versprach zudem, 40 Millionen Euro in die Modernisierung der
Glücksspiel-Tempel zu stecken. Mit zugkräftigen Konzerten, Modeschauen und Galaabenden will
Wallner die Besucher zurück in die Spielpaläste locken.
Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring konnte den ausgebufften Investor freilich nur mit
kostspieligen Zugeständnissen gewinnen. So wurde die Spielbankenabgabe auf 65 Prozent
gesenkt. Obendrein erhält Wallner eine millionenschwere Entschädigung, falls die geplanten
gesetzlichen Ausweiskontrollen an den Spielautomaten seine Geschäfte beeinträchtigen.
Ebenfalls zur Kasse gebeten wird das Land, sollte es nicht die gesetzlichen Grundlagen dafür
schaffen, dass die Spielbanken in Niedersachsen ein Internetkasino starten können.
Womöglich hat Zocker-König Wallner tatsächlich ein Rezept, um das Kasino-Sterben zu
verhindern. Im ersten Jahr erzielte er in Niedersachsen sechs Millionen Euro Gewinn. "Das lag
über unseren Erwartungen", sagt Paul Herzfeld, Vorstandsmitglied bei Casinos Austria. Er will
weiter in Deutschland expandieren. Vielleicht verstehen die stilbewussten Österreicher es am
besten, die Überbleibsel der einst glanzvollen Kasino-Kultur zu retten.

0
