AZertifikate-Branche 2010 weiter im Aufwind - Innovationen treiben an
FRANKFURT - Die Zertifikate-Branche blickt zuversichtlich in das neue Jahr. Aktuelle Studien und Einschätzungen der Emittenten legen nahe, dass 2010 die Schockwellen der Lehman-Pleite weiter abebben - ein Prozess, der bereits im März dieses Jahres durch die anziehenden Aktienmärkte angestoßen wurde. Seitdem legen die Marktvolumina wieder zu. Dieser Trend dürfte sich Experten zufolge auch dank neuer Innovationen fortsetzten - aber nur dann, wenn die Zertifikate noch verständlicher werden.Bislang äußern sich die Emittenten noch vorsichtig optimistisch. ´Sicherheit spielt zwar für Zertifikate-Anleger nach wie vor eine sehr wichtige Rolle´, sagte Marcel Langer, Associate Director bei der UBS. ´Im Vergleich zu den vergangenen zwölf Monaten zeigt unser Investor Sentiment Index allerdings, dass die Anleger ihre Depots allmählich für einen Aufschwung aufstellen´.
ERSTE JAHRESHÄLFTE 2010 DÜRFTE POSITIV VERLAUFEN
Voller Hoffnung ist auch der Branchenverband DDV. In einer Umfrage unter 21 Anbietern, die mehr als 90 Prozent des Zertifikate-Marktes repräsentieren, rechneten 89 Prozent der befragten Experten mit einer positiven Entwicklung in der ersten Hälfte des Jahres 2010. Niemand erwartete einen Rückgang des Marktvolumens. Allerdings ging die Mehrheit der Emittenten auch davon aus, dass die Zahl der Produkte im kommenden Jahr auf dem Niveau von September 2009 verharren dürfte. Seinerzeit waren circa 390.000 Anlagezertifikate und Hebelprodukte an den deutschen Börsen notiert. ´Im Grunde ist die Angebotspalette im Zertifikatesektor ausgesprochen gut abgedeckt´, begründete Lars Brandau, Geschäftsführer des DDV, die erwartete Stagnation bei der Anzahl der Zertifikateprodukte. Die Emittenten seien der Auffassung, dass in etwa so viele neue Produkte auf den Markt kommen, wie im Gegenzug verschwinden dürften.
Laut Stefan Armbruster, Derivatespezialist bei der Deutschen Bank, wird das Hauptinteresse der Anleger auch im Jahr 2010 bei den relativ einfach konzipierten Express-, Discount- und Bonus-Zertifikaten liegen. Derartige Produkte zeichnen sich entweder durch einen gewissen Risikopuffer aus oder bieten die Chance auf Zusatzrenditen. Insofern trügen sie maßgeblich zur Diversifikation des Portfolios bei und könnten auch im Rahmen einer langfristig orientierten Vermögensverwaltung eine gute Rolle spielen. Bislang nutzen die Anleger Zertifikate eher dafür, kurzfristig auf viel versprechende Trends zu setzen.
ZERTIFIKATE IN DER VERMÖGENSVERWALTUNG
Ein neues Thema im kommenden Jahr könnte insofern der verstärkte Einsatz von Zertifikaten in der Vermögensverwaltung sein. ´Zertifikate sind auch im Jahre 2010 ein probates Mittel, Strategien in Kundendepots umzusetzen´, meinte Günter T. Schlösser, Vorsitzender des Vorstandes des Verbandes unabhängiger Vermögensverwalter Deutschland (VUV). Sie erweiterten das Spektrum der gängigen Anlageinstrumente, um bestimmte Anlegerziele abzubilden.
Ein praktisches Anwendungsbeispiel nannte Lutz Johanning, Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Kapitalmarktforschung an der WHU - Otto Beisheim School of Management: Der Anleger will beispielsweise in den Aktienmarkt investieren, hat einen Anlagehorizont von fünf Jahren, möchte aber auch im Laufe eines dieser Jahre die Verluste auf maximal fünf Prozent der Anlagesumme beschränken. Solche sogenannten ´Risiko-Overlays´ würden bislang vornehmlich von professionellen Fondsmanagern durch den Einsatz von Derivaten realisiert. Kapital- und auch Teilschutzzertifikate aber ermöglichten eine vergleichbare Risikostrukturierung und sind deshalb aus Sicht des Experten auch für die strategische Vermögensverwaltung von Anlegerdepots gut geeignet.
Branchenexperten zufolge dürfen sich die Anleger im kommenden Jahr auch auf weitere Innovationen freuen - zum Beispiel mit Blick auf die zugrunde liegenden Basiswerte. Die Experten der Deutschen Bank etwa können sich vorstellen, dass Themen wie der Elektroantrieb für Automobile oder die Verbreitung des Internets in Schwellenländern verstärkt in den Fokus der Anleger rücken. Zudem sieht Sasa Perovic, Leiter der Zertifikate-Analyse beim Ratingunternehmen Scope, bereits aktuell einen Trend zu mehr neuen Auszahlungsprofilen, der auch 2010 anhalten könnte.
POLITIK WILL EBENFALLS FÜR MEHR TRANSPARENZ SORGEN
Auf der Serviceseite und bei den Arbeitsabläufen im Hintergrund sind ebenfalls Neuerungen zu erwarten. So meinte DDV-Geschäftsführer Brandau: ´Während sich in der Vergangenheit die Innovationen der Zertifikate-Industrie eher auf neue Produktstrukturen konzentrierten, so dürften es im kommenden Jahr mehr die technologischen Prozesse sein, die im Vordergrund stehen.´
Dieser Meinung schloss sich auch Heiko Weyand an. ´Die entscheidenden Innovationen im Kampf um Marktanteile werden auf der Technologieebene stattfinden´, kommentierte der Abteilungsdirektor Produktmarketing von HSBC Trinkaus. So veröffentlicht sein Haus bereits seit Anfang Dezember Echtzeit-Produktportraits, bei dem zu jedem der circa 6.500 Discount-Zertifikate tagesaktuell das Rückzahlungsprofil grafisch dargestellt und jeweils eine positive, neutrale und negative Szenarioberechnung angestellt wird. Geplant ist, das Konzept auf das gesamte Zertifikateangebot auszuweiten. ´Alles, was mehr Transparenz schafft und den Kunden eine leichtere Produktauswahl bietet, wird sich durchsetzen´, zeigte sich Weyand überzeugt.
Bis dato aber ist nach den negativen Erfahrungen im Zuge der Lehman-Pleite das Vertrauen in den Zertifikate-Markt noch nicht wieder vollständig zurückgekehrt. ´Es gab und gibt nach wie vor komplexe Produkte, die wenig transparent erscheinen´, kritisierte VUV-Vorstandsvorsitzender Schlösser. Insofern achten die Politiker im neuen Jahr mit Argusaugen auf jeden Fortschritt der Branche in punkto Transparenz und kündigen schon einmal vorsorglich neue Gesetzesregelungen für 2010 an. So will Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) die Privatanleger mit einer Art Beipackzettel für Zertifikate vor Falschberatung schützen. Auch sollen die Haftungsregeln für Berater verschärft werden./la/gl/he
--- Von Lutz Alexander, dpa-AFX ---
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