Neu auf wallstreet:online?
Jetzt registrieren | Login
x
Benutzername:

Passwort:

Angemeldet bleiben
Passwort vergessen?

Schuldenkrise ad acta gelegt?

 |  11.06.2010, 14:48  |  3650 Aufrufe  |   0  | 
Angesichts des Gegackers der europäischen Politik verwundert es schon ein wenig, dass sich der Euro gegen Dollar nunmehr stabilisiert und sich sogar anschickt, den Pegel bei 1,2150 anzugreifen.

Aus Brüssel kamen zuletzt wie gewohnt starke Worte nach dem Motto „nach der Griechenland-Krise wird alles anders“, aber –ebenfalls wie gewohnt- folgten den Worten keine Taten. Eine konkrete zentrale Steuerung der Fiskalpolitik der einzelnen Mitgliedsstaaten zeichnet sich nicht ab (deren Fehlen zu einem wichtigen Teil die Schuldenkrise mit bedingt, bzw. hat eskalieren lassen). Anscheinend meinen die Politbürokraten in Brüssel und anderswo, mit dem beschlossenen Hilfspaket in Höhe von 750 Mrd. Euro und Sparmaßnahmen in den einzelnen Länderhaushalten sei die Sache ausgestanden.

Und was als Mittel zur Disziplinierung der Mitglieder beschlossen wurde –härtere Strafen für Schuldensünder-, ja, welche Wirksamkeit das hat, das steht außer Frage. Nämlich im Ernstfall keine. Denn Strafen standen schon in den Maastrichter Verträgen – und als es ernst wurde, wurden sie außer Kraft gesetzt.

Die politischen Vorgänge in Brüssel lassen nach Wolfgang Münchau von Eurointelligence den Schluss zu, dass die Schuldenkrise offenbar nicht schlimm genug ist, um in der EU ein Umdenken zu bewirken. Alles bleibt (fast) so wie es ist und wie es sich als untauglich zum Managen und Lösen einer solchen Krise erwiesen hat.

Das Rettungspaket schafft ein trügerisches Sicherheitsgefühl. Aber eine Solvenz-Krise lässt sich nun einmal nicht mit Liquidität zu lösen.

Man muss die Politiker verstehen: Schließlich sind ja dauernd irgendwo in Europa irgendwelche Wahlen, da hat keiner Interesse, unangenehme Wahrheiten verkaufen zu müssen.

Was die Finanzmärkte von der Fähigkeit der EU halten, die Schuldenkrise zu lösen, zeigt sich an der Entwicklung der Spreads europäischer Staatsanleihen zu deutschen. Sie weiten sich seit dem Beschluss des Rettungspaketes wieder aus (siehe Chart!).

Überall in Europa werden jetzt Sparpakete aufgelegt. Die Bank von Italien hat ausgerechnet, dass das nationale, 24 Mrd. Euro große Sparpaket zu einer Wachstumsminderung von 0,5 % führt. Dabei sind die Effekte anderer nationaler Sparpakete nicht berücksichtigt. Die EZB revidiert aufgrund der Sparpakete in der EU die eigenen Wachstumsprognosen: Für 2011 geht es von 1,5 % auf 1,2 % runter, für 2009 jedoch von 0,8 auf 1 % hoch (warum auch immer).

Das Sparpaket in Deutschland wird zu Recht als unsozial kritisiert. Zeitgleich genehmigen sich die Abgeordneten des niedersächsischen Landtags eine ordentliche Erhöhung ihrer Diäten, was nur zeigt, dass unsere Damen und Herren Politiker in Hannover und anderswo jegliches Gespür verloren haben (um das „vornehm“ auszudrücken) – oder nie hatten.

Meiner Meinung nach hätte ein Sparprogramm ganz einfach ausfallen können: Alle strukturellen Subventionen bis hin zur Kilometerpauschale werden gestrichen, die Begünstigung der Hotels bei der Mehrwertsteuer wird zurückgenommen, der niedrige Mehrwertsteuer-Satz bliebt ausnahmslos auf einen überschaubaren Korb wirklicher Grundnahrungsmittel beschränkt. Das bringt wahrscheinlich alles zusammen mehr als 150 Mrd. Euro und trifft alle. Zudem schafft das ein Stück mehr Markt und beseitigt die Verzerrungen, die strukturelle Subventionen stets mit sich bringen.

Aber das ist natürlich zu einfach und deshalb wird es genauso wenig umgesetzt, wie all die anderen einfachen Vorschläge – ich denke da z.B. an den Plan des Gründers der dm-Drogeriekette für die Einführung eines pro-Kopf-Einkommens statt immer komplizierterer Hartz-4- Regelungen. Nun, es geht ja auch nicht um „einfach“ – der wahre Grund ist, dass die Bürokratie immer stärker in die einzelnen Verästelungen des gesellschaftlichen Lebens eingreifen und diese kontrollieren will. An die Kosten für die ausufernde Bürokratie geht natürlich sowieso niemand.

Sei, wie es sei – die Finanzmärkte beginnen, das Thema “Schuldenkrise” zunächst einmal abzuhaken. Und damit zusammen auch die Befürchtung, dass die Sparpakete die schleppende konjunturelle Erholung auf dem falschen Fuß erwischen und zu einer “double-dip”-Rezession beitragen könnten (vgl. Artikel vom 21. Mai 2010).

Zu diesem Thema schieb Paul Krugman kürzlich, der Effekt europäischer Sparprogramme könne ernste Folgen für den Rest der Welt haben. Sie führten zu sinkenden Zinsen und dadurch zu einer Abwertung des Euro. Wörtlich: “Folks, this is getting ugly. And the US needs to be thinking about how to insulate itself from European masochism.” Klingt da das Thema “Deglobalisierung” an? Der etwas US-bornierte Krugman sollte sich vielleicht einmal die Unterschiede zwischen den frühen 1980er Jahren und heute vor Augen (vgl. Artikel vom 28. Mai 2010), statt gebetsmühlenartig zu fordern, Schulden mit Schulden zu bekämpfen.

Interessanterweise haben der S&P 500 und Euro/Dollar in den vergangenen Wochen eine starke Synchronität entwickelt (vgl. Chart!). Bei beiden hat sich ein Abwärtsdreieck entwickelt, das vor einigen Tagen “regelkonform” nach unten durchbrochen wurde. Momentan wird versucht, die waagerechte Unterkante dieser Formationen nach oben zu durchstoßen, was deren Bedeutung hinfällig machte.

Ganz typisch sind diese Formationen ohnehin nicht, so bestätigte der Volumenverlauf beim S&P 500 diese z.B. zuletzt nicht mehr durchgängig. “Eigentlich” müssen fallende Kurse hierbei mit steigendem Volumen und steigende Kurse mit fallendem einhergehen. Diese Divergenz war zuletzt nicht mehr durchgängig gegeben (siehe Chart!).

Nachdem Dow und S&P 500 zuletzt ihre Tiefs aus Februar nach unten durchstoßen hatten, kam es gestern zu einer starken Gegenbewegung – wiederum synchron mit einer Erholung im Euro/Dollar, die gestern über 1,20 und heute über 1,21 führt, wobei jetzt die wichtige Marke von ~1,2150 als Widerstand ansteht.

Handelt es sich bei der Bewegung im S&P 500 wiederum um eine Eintagsfliege, der gleich der nächste Absturz folgt? Wie der Verlauf der Volumenverteilung (siehe Chart!) zeigt, hat sie jetzt in Akkumulation geschaltet. Seit 24. März hatte Distribution geherrscht. Akkumulation (“wenige kaufen viel”) ist per se ein bullisches Zeichen für die Kursentwicklung. Es wird gestützt durch die Auswertung der Anzahl steigender und fallender Aktien, dessen Verhältnis gerne der Kursentwicklung etwas vorläuft (ADL – siehe Chart!). Beide Indikatoren untermauern eine laufende Bodenbildung – mithin dürfte sich die bullische Reaktion gestern von früheren unterscheiden.

Aus Sicht der Marktbreite (TRIN – siehe Chart!) wird das im konträren Sinne untermauert: Sie ist übergeordnet so bärisch wie nicht einmal im Herbst 2008. Der damals tiefste Wert lag bei 8,48, vor einigen Tagen wurde 13,56 gemessen. Die Zahl gibt das Verhältnis der durchschnittlichen, auf steigende und fallende Aktien entfallenden Volaumina wider.

Genau dieser TRIN gibt aber auch einen Hinweis auf möglicherweise anstehende Gewinnmitnahmen. Er schloss gestern auf “idiotisch” bullischem Niveau bei 0,14: 98 % des Volumens ging auf das Konto steigender Aktien. Solange diese Gewinnmitnahmen die Abwärtslinie aus Mai bei heute ~1077 respektieren, dürfte nichts “anbrennen”, ansonsten könnten die sich zu einem technischen Betriebsunfall ausweiten. Das überordnete Bild wird dadurch aber zumindest so lange nicht eingetrübt, so lange der Index über oder an dem Tief aus Februar bei ~1057 schließt.

Ob innerhalb der nächsten Monate neue Hochs bei Aktien anstehen, ist aber zweifelhaft. An der Oberseite lockt beim S&P 500 zunächst der Bereich 1115 bis 1125, dort wird sich entscheiden, ob kurzfristig noch mehr drin ist. Im Gegensatz zu den zurückliegenden kleineren Korrekturen in der Bewegung seit März 2009 ist die aktuelle Situation von deutlich größerer Unsicherheit geprägt, was sich technisch z.B. an dem ausgeweiteten Bollingerband der Volumenverteilung zeigen lässt (siehe Chart!).

Richard Russell, der Herausgeber des Börsenbriefes Dow Theory Letters, sagt, am Ende dieses Jahres werde man die USA nicht mehr wiedererkennen. Er erwartet einen neuerlichen schweren Einbruch am Aktienmarkt. Wenn die Indizes das Mai-Tief unterschreiten, werde es zu einem weiteren schmerzhaften Abgleiten der Notierungen kommen, sagt er. Als Flucht-Hafen böte sich Gold an. Russell geht davon aus, dass die Konjunktur bald wieder einbricht, diverse weitere große Probleme nicht ausgeschlossen.

Auch Marc Faber ist mittelfristig skeptisch. Zwar könnten die Aktienmärkte im Juni und Juli noch zulegen, es sei aber wenig wahrscheinlich, dass in diesem Rahmen neue Jahreshochs erreicht werden. Für den weiteren Jahresverlauf sieht er schwarz, so könnten die US-Indizes in den kommenden sechs Monaten zwischen 20 und 30 Prozent von ihren bisherigen Jahreshochs abgeben.

Man sollte nicht aus dem Auge verlieren: Das 38er Retracement des Bull-Runs von März 2009 bis April 2010 liegt im S&P 500 bei gut 1000, das 50er bei 940/950 (siehe Chart!).

Die fundamentalen Umstände sind (auch jetzt) keineswegs „berauschend“. Denn neben der europäischen Schuldenkrise gibt es auch eine in Japan (Staatsverschuldung brutto nach IWF-Schätzung knapp 220 % der BIP – netto für 2009 105 %), sowie eine in den USA, die mittlerweile auch an brutto 100 % des BIP gehen dürfte (netto für 2009: 65 %) (siehe Chart!).

Diese Pegel sind nicht tragbar, v.a. angesichts der Tatsache, dass sie nicht isoliert in ein paar Ländern auftreten, sondern überall. Und da den Polit-Bürokraten bei der Lösung dieses Problems nichts einfällt außer die staatlichen Eingriffe in die Märkte weiter zu steigern (siehe oben), ist Skepsis mehr als angebracht - auch wenn sich das nicht eins zu eins auf die Kursentwicklung übertragen lässt (siehe Artikel vom 30 April 2010).

Dass es aber nicht nur um Staatsschulden geht, das zeigt dieser Chart (siehe Chart!).: Noch in und nach der Rezession 2001 konnte man das Verhalten des Arbeitsmarktes als „normal“ bezeichnen. Ein Warnzeichen war schon, dass vier, fünf Jahre nach deren Ende die Anzahl der Jobs in den USA nicht wieder im Bereich der statistischen Regressionsgeraden lag, sondern darunter. Aktuell liegt sie 10 % tiefer, den stärksten „Durchsacker“ davor (seit 1960) gab es mit rund 6 % im Zuge der Rezession Anfang der 1980er Jahre. Richtig, damals war auch eine Kreditblase geplatzt.

Erwähnte Charts können über diesen Link eingesehen werden:
http://www.timepatternanalysis.de/comments/MB20100611.html

TrackRecord, Analysen und Prognosen unter TimePatternAnalysis.

Kontakt: info@timepatternanalysis.de

Ihren XING-Kontakten zeigen
Schreibe Deinen Kommentar
 
Disclaimer
Nachrichtensuche
Autor

Das Buch von Robert Rethfeld und Klaus Singer: Weltsichten - Weitsichten. Ein Ausblick in die Zukunft der Weltwirtschaft.
Mehr zum Autor Klaus Singer lesen Sie hier