BEHAVIORAL FINANCE Revolution ist nicht rational
Revolution war lange Jahre Zufall – das ist das Ergebnis, zu dem die beiden Ökonomen Thomas Apolte und Marie Möller in einem Beitrag für die FAZ kommen. Denn zum einen könne der Einzelne zum Erfolg einer Massenbewegung nahezu gar nichts beitragen. Ginge es nur darum, würde niemand auf die Straße gehen und protestieren. Selbst wenn andere Motive die potenziellen Protestler antreiben, etwa persönliche Befriedigung, so stünde auf der anderen Seite der Kosten-Nutzen-Abwägung die Wahrscheinlichkeit einer Bestrafung. Und die ist nun einmal umso größer, je weniger Menschen sich zum Protest einfinden und je besser das Überwachungssystem eines unerwünschten Diktators funktioniert. So weit so homo oeconomicus.
Die kritische Gruppengröße, bei der der Einzelne sich hinter der Masse verstecken kann und nicht mehr um Leib und Leben fürchten muss, wurde in der Vergangenheit allenfalls durch Zufall erreicht. Und jetzt, so die Argumentation der beiden Volkswirte, hilft man mit Facebook, Twitter und Co. dem Zufall eben auf die Sprünge, da derlei soziale Netzwerke im Internet die Koordination revolutionärer Aktivitäten erleichtern.
Doch einmal angenommen, all die vielen Menschen, die die ägyptische Revolution angezettelt haben, hätten tatsächlich eine solch rationale, umfangreiche, langwierige Kosten-Nutzen-Gleichung à la homo oeconomicus aufgestellt. Es tut mir leid, aber auch Facebook hätte keinen großen Unterschied gemacht, um die kritische Masse zu erreichen, der sich bereitwillig immer mehr Protestler anschließen. Denn als anonymer Straßenkämpfer kann man sich vermutlich besser maskieren als im Internet. Dass das Internet voll von Fahndern, Spionen und Verrätern ist, hat so mancher Gelegenheitsraubkopierer schon bitter erfahren müssen.
Woran liegt es dann, dass in immer mehr despotisch regierten Ländern des Mittleren Ostens revoltiert wird? Sicherlich nicht daran, dass der Zufall im Moment eben zufällig öfter zuschlägt. Lange Jahre hatten die Menschen in Ägypten, Bahrain und anderswo den Herrscher als gegeben hingenommen – sie waren an die Situation gewöhnt. Nach den Protesten in Tunesien ist ihnen aber schlagartig klargeworden: Es gibt eine Alternative. „Kein Diktator“ und „Demokratie“ wurden urplötzlich generationsübergreifend zu den neuen Referenzpunkten dieser Völker. Gegenüber diesen neuen Aussichten sehen sie sich natürlich in der mentalen Verlustzone. Diese extremen Beispiele lassen sich für uns, die wir seit Jahrzehnten in einer Demokratie leben, nur sehr schwer nachvollziehen. Aber stellen Sie sich doch nur einmal vor, ihr Kollege hätte gerade am Aktienmarkt abgeräumt: Auch wenn Ihr eigenes Depot keinen Verlust ausweist, so fühlen Sie sich trotzdem im Hintertreffen und sind angespornt, alles tun um aufzuholen. Auch die Protestierenden im Mittleren Osten wollen nur ihre neuen Referenzpunkte erreichen. Das treibt sie an, das macht sie so risikobereit. Das ist Revolution.
Weitere Informationen zur Autorin und der Behavioral Finance: www.blognition.de.

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