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BEHAVIORAL FINANCE/ECONOMICS Ein Unglück kommt selten allein

 |  15.06.2011, 10:39  |  2014 Aufrufe  |   0  | 

Es war ein klarer Tag im Juli, an dem eine Concorde der Air France kurz nach dem Start in Richtung New York in der Nähe des Pariser Flughafens Charles de Gaulle Feuer fing und in ein Hotel stürzte. Zeitgleich sollte auch eine Maschine des gleichen Typs der Fluggesellschaft British Airways zum Abflug vorbereitet werden. Geduldig wartete ein britischer Passagier am Abfertigungsschalter in Heathrow, als die schrecklichen Bilder des Unglücks um die Welt gingen und sich die Nachricht, alle Passagiere und die Mannschaft wären dabei ums Leben gekommen, wie ein Lauffeuer verbreitete. Von einem Journalisten gefragt, ob er denn keine Angst habe, gerade jetzt ein Überschallmaschine zu besteigen, antwortete der Reisende ungerührt: "Natürlich nicht. Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Concorde-Flugzeuge am selben Tag verunglücken?" British Airways war allerdings (und dies zu recht) nicht dieser Ansicht und ließ alle Flugzeuge am Boden.

Tatsächlich hatte sich unser Passagier bei seiner Bewertung der Unglückswahrscheinlichkeit auf die langfristige, exzellente Sicherheits-Historie des Flugzeugs gestützt. Obgleich sich gerade ein Flugzeugabsturz ereignet hatte, dessen Ursache zum damaligen Zeitpunkt überdies auch noch völlig unklar war. Eine wichtige Information, mit der man die Unfallhistorie auf den neuesten Stand hätte bringen müssen. Denn in jedem Fall war die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Unfalls von nun an höher als zuvor. Eine Wahrscheinlichkeit, von der außerdem niemand genau sagen konnte, wie hoch man sie tatsächlich hätte beziffern müssen.

Dieselbe Logik gilt für Erdbeben. In dem Moment, wo sich eines ereignet, ist die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Bebens höher als die bis dahin bestehende langfristige Häufigkeit solcher Naturkatastrophen. Und so hat es mich schon ein bisschen erstaunt, als jetzt ein Aktienanalyst den japanischen Markt anpries, als ob es sich um die letzte gute Kaufgelegenheit vor der Wiederaufbau-Rallye handelte. Vermutlich geht er davon aus, dass sich kein weiteres großes Erdbeben ereignen werde, das den Wiederaufbau noch schwieriger gestalten könne, als er ohnehin schon ist. Mit anderen Worten: Das wäre dann eine zweite „letzte Kaufgelegenheit". Damit will ich nicht gesagt haben, dass man jetzt japanische Aktien am besten meiden sollte. Doch empfiehlt es sich, der Wahrscheinlichkeit eines weiteren großen Erdbebens ein höheres Gewicht, als es sich aus dem bislang gültigen langfristigen Durchschnitt ableiten ließe, zu verleihen.

Vielleicht hat ja die Nachricht, die kurz nach dieser Kaufempfehlung herauskam – dass nämlich das neuseeländische Christchurch, vier Monate nach dem fürchterlichen Hauptbeben, erneut von zwei heftigen Nachbeben erschüttert worden sei – mögliche Kaufinteressenten japanischer Aktien noch einmal wachgerüttelt und zum Nachdenken bewegt.

Autor: Herman Brodie, aus dem Englischen übertragen von Joachim Goldberg

 


Weitere Informationen zum Autor und der Behavioral Finance: www.blognition.de.
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Autor

Joachim Goldberg ist geschäftsführender Gesellschafter der cognitrend GmbH und Autor des Blog www.blognition.de. Dessen erklärtes Ziel ist es, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Behavioral Finance/Economics in der Praxis darzustellen und aktuelle Ereignisse aus einem verhaltensorientierten Blickwinkel zu kommentieren.