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Halb voll oder halb leer Wasser im Glas

 |  23.06.2011, 09:55  |  1441 Aufrufe  |   0  | 

Wieder einmal streiten sich die Gelehrten darüber, ob das Glas Wasser halb voll oder halb leer ist. Wir beschränken uns auf das was wir wissen. Es ist auf jeden Fall "Wasser im Glas".

 

Die von US-Notenbankchef Ben Bernanke durchwachsenen Aussichten für die US-Wirtschaft und eine sich verlangsamende chinesische Produktionsaktivität ließen heute Morgen zunächst im asiatischen Raum Sorgen über das weitere Weltwirtschaftswachstum aufkommen. Der japanische Nikkei z.B. verlor -0,34 % auf 9.569 Punkte.

 

Wobei die Aussagen von Ben Bernanke nun wirklich alles andere als positiv waren. So stellte der FED-Chef fest, dass er keine Peilung habe, warum das schwächere US-Wirtschaftswachstum derzeit weiter anhält. Ein Erklärungsversuch ist der weiter vorhandene Gegenwind aus dem Finanz- und dem Eigenheimsektor, der stärker und beharrlicher bläst als erwartet.

 

In normalen Zeiten hätte die FED wohl die Zinsen weiter gesenkt oder andere stimulierende Maßnahmen auf den Weg gebracht. Da sich aber das Damoklesschwert der Inflation weiter hält und damit eine gefürchtete Stagflation zunehmend im Bereich des Möglichen liegt (letzteres füge ich hinzu und hat Bernanke so nicht gesagt) verzichtete die FED auf jegliche geldpolitische Maßnahmen. Auch das 600 Mrd. Dollar Programm zum Aufkauf von US-Staatsanleihen wird wie geplant und ohne Nachfolger Ende Juni auslaufen.

 

Wobei man die Kirche im Dorf bzw. der US-Metropole lassen sollte. So geht der Internationale Währungsfonds für die USA von einem Wachstum in diesem und nächstem Jahr von 2,5 % aus. Wo wir in Deutschland schon die Fähnchen herausholen. Und selbst Bernanke, der die Abweichung als „signifikant“ bezeichnet, hat die Wachstumsrate von +3,3 % auf immerhin noch +2,9 % reduziert. Wobei die Arbeitslosenrate zwischen 7,8 % und 8,2 % liegen soll. Und im nächsten Jahr werden von einigen Offiziellen sogar +3,7 % Wirtschaftswachstum in den Raum gestellt.

 

Ganz anders ist der Paketversender und das gleichzeitig weltweit größte Luftfrachtunternehmen FedEx unterwegs. Die sind nicht zuletzt wegen der sich rasch entwickelnden Mittelklasse in China und Indien, was sich auch in gestiegenem Paketvolumen ausdrückt, recht bullish. Das US-Wirtschaftswachstum haben sie für ihre interne Planung und das nächste Jahr von 2,5 % auf 3,0 % angehoben. Sie rechnen auch mit einer Zunahme der US-Produktion von 4,2 % in diesem und +4,3 % im nächsten Jahr.

 

Was die Weltwirtschaft betrifft ist der Chef des weltweit größten Stahlgiganten ArcelorMittal, Herr Lakshmi Mittal, eher negativ gestimmt. Er sieht wegen des eher rückläufigen Wachstums in den Schwellenländern ein etwas gedämpfteres Weltwirtschaftswachstum. Die Rückkehr zum Vorkrisenniveau erwartet er nicht vor 2015.

 

Die US-Autoindustrie, die stark ins Jahr 2011 gestartet war, hat erdbebenbedingt ebenfalls eine Bremsung einlegen müssen. Was einen nicht wundert. Angesichts der Vielzahl der japanischen Autos, die jedem USA-Besucher sofort ins Auge fallen. Und dem erdbebenbedingten Produktionsausfall. Dies zeigt aber auch, dass die Amerikaner japanischen Autos treu bleiben. Was wiederum die japanische Autoindustrie und auch diejenigen freuen wird, die heute in Japan investieren.

 

Und so fragen Sie sich wahrscheinlich angesichts der Vielstimmigkeit, wohin denn nun die Reise geht?

 

Das ist glaube ich gar nicht so schwer zu beantworten. Was die Branchen betrifft, muss man nur hören, was deren Vorturner so von sich geben.

 

Was die großen Wachstumskräfte betrifft, so mögen die in den Schwellenländern kurzfristig aufgrund von Überhitzungserscheinungen etwas ruckeln, sind aber mittel- und langfristig weiter intakt und werden die Weltwirtschaft auch weiter tragen. Was immer da auch kommen mag.

 

Europa wird die mangelnde Einsicht in die notwendigen Konsequenzen aus der Schuldenkrise mit Wachstumsverlusten bezahlen. Hier sollte man in Unternehmen investieren, die den Blick über den Tellerrand schweifen lassen, sprich ihre Umsätze vorwiegend im (asiatisch-pazifischen) Ausland machen.

 

Und für Deutschland, die mit dieser Regierung nur verlieren kann, gilt das Gleiche. Das wenig verlässliche Hin und Her und die kurzsichtige Energiepolitik werden mittelfristig zu Wohlfahrtsverlusten führen. Die energieintensive Aurubis hat bereits verlautbaren lassen, dass sie über die Verlagerung von Produktion und künftige Investitionen ins Ausland nachdenkt. Und ganz ehrlich. Hätte ich heute ein energieintensives Unternehmen würde ich – soweit möglich – meine Koffer packen. Investitionen in diesem Bereich würde ich mit Sicherheit außerhalb Europas vornehmen. Und so bin ich mal gespannt, ob unsere romantischen Sonnenanbeter das alles auffangen werden. Meine Meinung dazu kennen Sie.

 

Japan hat meines Erachtens nicht zuletzt aufgrund des Erdbebens und der bald folgenden Investitionen im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau, erstmals seit langem wieder die Chance der Deflationsspirale auf Dauer zu entkommen. Denn das was in anderen Länder als Gefahr gesehen wird, nämlich die Inflation, wäre für Japan – so verrückt das klingen mag – geradezu ein Segen.

 

Und so stehen wir wieder einmal vor einem Glas, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist. Wobei die einen meinen, dass es halb voll ist und die anderen halb leer. Bullen und Bären geben sich da die Hand.

 

Ganz egal wie man es auch sehen mag. Wasser ist auf jeden Fall im Glas, oder? Und mit Wasser kann man den Durst stillen.

 

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.

 

Ihr Norbert Lohrke

 

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