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BEHAVIORAL FINANCE Die EZB und ihre Glaubwürdigkeit

 |  22.11.2011, 09:46  |  1121 Aufrufe  |   1  | 

Ist es nicht seltsam, dass die EZB so gar nicht mehr über die Geldmenge spricht? Es gab eine Zeit, vor der Krise, da hatte die Notenbank dies noch als eine wichtige Säule ihrer Geldpolitik gepriesen und daraus hohe Inflationsrisiken abgeleitet. Der einstige EZB-Chef Jean-Claude Trichet hatte diese Säule sogar noch heftig verteidigen müssen, nachdem die US-Notenbank einfach aufgehört hatte, überhaupt noch Daten zu allen Geldemengenaggregaten zu erheben. Sie hatte es aus Kosten-Nutzen-Erwägungen schlichtweg eingestellt. In der jüngeren Vergangenheit jedoch ist die monetäre Analyse offenbar in den Hintergrund gerückt. Als M3 zweistellige Wachstumsraten aufwies, galt es noch als triftiger Grund für Zinserhöhungen oder zumindest für erhöhte Inflationsrisiken. Doch dass die Geldmenge Anfang 2010 gar geschrumpft ist, hat den Notenbankern offenbar kein Kopfzerbrechen bereitet oder Sorgen um Deflation heraufbeschworen. Mittlerweile dümpelt das Wachstum bei 2 bis 3 Prozent herum und gilt als moderat. Es war eigentlich aber kaum genug, um damit die Zinserhöhungen im April und Juli zu rechtfertigen.

Daher bin ich umso mehr erstaunt, dass die EZB und ihr neuer Präsident Mario Draghi sich weiterhin gegen großangelegte Staatsanleihekäufe sträuben, mit der Begründung es verstoße gegen die Statuten der Notenbank, Staaten zu finanzieren. Hätten sie es zumindest damit erklärt, dass es momentan nicht ihrem Mandat, für Preisstabilität zu sorgen, vereinbar ist, wäre die Argumentation nicht nur konsistenter, sondern auch deutlich vorausschauender gewesen. Denn wie steht die europäische Notenbank denn da, wenn die Entwicklung der Geldmengenaggregate schon wieder in negatives Terrain abrutschen sollte? Wenn das Wachstum im Währungsraum drastisch schrumpft, eine Kreditklemme droht und die Zinsen bereits so weit gekappt sind, dass sie kaum mehr zu senken sind und keinen unterstützenden Effekt mehr haben? Wie will sie dann ein Deflationsrisiko bekämpfen, wenn nicht mit quantitativen Lockerungsprogrammen? Und wenn sie dann in großem Stil Vermögenswerte aufkaufen muss, um die Preisstabilität zu erhalten, was soll sie dann im Ernstfall schon kaufen außer Staatsanleihen?

Herr Draghi, noch am Freitag haben Sie so ausführlich über Glaubwürdigkeit gesprochen. Aber heute etwas partout auszuschließen, was Sie vielleicht morgen schon tun müssen, allein um Ihr einziges Mandat zu erfüllen, ist doch eine seltsame Art, um Glaubwürdigkeit aufzubauen. Oder glauben Sie tatsächlich, sie werden niemals gegen Deflation kämpfen müssen?


Weitere Informationen zur Autorin und der Behavioral Finance: www.blognition.de.
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Kommentare

Sk2
22.11.11, 10:21
Sehr guter Kommentar, danke.

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Autor

Christin Stock arbeitet als Analystin bei der cognitrend GmbH und ist Autorin des Blog www.blognition.de. Dessen erklärtes Ziel ist es, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Behavioral Finance/Economics in der Praxis darzustellen und aktuelle Ereignisse aus einem verhaltensorientierten Blickwinkel zu kommentieren.

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