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Hohes Fieber Einfach nur krank

 |  10.01.2012, 11:27  |  1247 Aufrufe  |   0  | 

Wenn ein Gläubiger etwas dafür bezahlt, das er Geld anlegen darf, dann stimmt was nicht. Dass ein Schuldner wie die BRD, trotz der Probleme, die das Land unbestritten hat und bekommen wird, sich zu einem Negativzins finanzieren kann, ist pervers, dumm und ungerecht zugleich. Und zeigt eines. Die Soziale Marktwirtschaft ist fast außer Kraft gesetzt.

Wie krank der gesamte Finanzmarkt ist und wie groß die Verunsicherung unter den Anlegern ist, sehen Sie daran, dass sich die Bundesrepublik Deutschland zu negativen Zinsen Geld leihen kann. Wobei die 3,9 Mrd. Euro schwere Kapitalaufnahme sogar noch 1,8-fach überzeichnet war. D. h., dass die Anleger dafür etwas bezahlen, dass man ihr Geld vernichtet. Und zwar nicht nur real wie die Banken das mit ihren Kunden vielfach tun, sondern auch nominal. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Ein geradezu paradiesischer Zustand. Während insbesondere die Regierung das als Vertrauensbeweis verstehen wird und ich schon die Wirtschafts-Analphabeten aus den zweiten Reihen die Trompeten des Triumphs blasen höre, stellt dieses Ereignis den politisch Handelnden in Wirklichkeit ein vernichtendes Zeugnis aus.

 

Schließlich besagt dies nicht mehr und nicht weniger, dass die Anleger offensichtlich kaum jemand anderem mehr vertrauen als dem Staat. Wobei das schon beinahe etwas Belustigendes hat. Wo doch gerade der Staat und seine Behörden wie die Bafin oder auf anderem Gebiet der Verfassungsschutz sowie die von Landespolitikern (aller Couleur) kontrollierten Landesbanken in der Finanzkrise doch massiv versagt haben. Und die Staatsbeteiligungen wie Telekom oder Commerzbank nicht gerade das sind, was einem Investor die Freudentränen in die Augen treibt. Ich erinnere da auch noch an die IKB oder die KfW zu Beginn der Finanzkrise. Und der gesamten Finanzkrise nicht nur Betrug vorausgeht (siehe gleichlautende Kolumne in 2008), sondern auch massives Staatsversagen.

 

Auch sollten die, die dem Staat dieses Geld geliehen haben, sich einfach mal die Tsunami-Welle an Kosten für Staatspensionen ansehen, die auf uns zukommt und nicht mehr aufzuhalten ist. Da spreche ich noch gar nicht von den Lasten, die über die Europarettung auf uns zukommen. Erst gestern sah ich im Fernsehen einen Bericht über die in seiner Gesamtheit exorbitant hohen Beamtenpensionen. Unglaublich ist, dass Länder wie Niedersachsen ihre Rücklagen für diese Pensionen statt sie zu erhöhen sogar aufgelöst und verfrühstückt haben. Und auch Schleswig-Holstein hat einst kurz einen Fonds aufgelegt und sehr schnell gemerkt, dass man damit nicht im Ansatz punkten kann, sondern das eigene Versagen in der Vergangenheit sogar noch offenbart und ihn gleich wieder geschlossen. Dieses Verhalten ist in etwa so, wie wenn wir hier an der Küste eine Sturmflut erwarten und die Dämme abbauen, weil wir mit dem Aushub woanders ein Baggerloch schließen wollen. Jedes kleine Kind weiß, dass das ein Wahnsinn und kein verantwortliches Handeln ist. Und die Folgen weit schlimmer sind. Die Bilder des Tsunami sind bei uns allen noch im Kopf.

 

Insofern müssten wir über den Weckruf, denn uns die Finanzkrise gesandt hat, eigentlich dankbar sein. Und endlich aufstehen! Ich befürchte aber, dass wir derzeit aus Bequemlichkeit liegen bleiben.

 

Eines ist klar. Wenn diese Regierung aus sog. Konservativen und sog. Liberalen so weitermacht, wird sie es bald geschafft, den Deutschen auch noch den Rest der ach so segensreichen Soziale Marktwirtschaft auszutreiben. Dass der deutsche EU-Kommissar und Ex-Ministerpräsident Oettinger jetzt eine Fusion von RWE und E.ON ins Spiel bringt, zeigt das übrigens recht deutlich. Das ist purer Staatskapitalismus und Planwirtschaft vom Feinsten. Wie schon die in Teilen verfassungsbrüchige Atomwende. Und so sollten wir in solchen Angelegenheiten zukünftig Herrn Putin um Rat fragen und ihn als Berater der EU-Kommssion bzw. der Bundesregierung aufnehmen. Der kann so etwas weit besser als wir. Zudem würden dann auch hierzulande die Wahlergebnisse wieder so sein, wie sie sich mancher wünscht.

 

In einer sozialen Marktwirtschaft jedenfalls haben Fusionen immer noch die Firmen selbst zu organisieren. Und zwar betriebswirtschaftlich getrieben. Dass die Politiker allgemein es nicht können, zeigt doch die Verfasstheit unseres Gemeinwesens von den Kommunen aufwärts. Da gibt es nur wenige erfreuliche Ausnahmen wie mein Heimatbundesland Bayern.

 

Und was E.ON betrifft, die ich nun wirklich sehr gut kenne, so ist die derzeit gerade auf dem Weg ihre Ressourcen nicht in Europa zu verschwenden, sondern in den Schwellenländern Ausschau zu halten und wahrscheinlich auch bald abzuschließen. Was auch zehnmal sinnvoller ist, als einen deutschen von unwissenden Politikern drangsalierten Mega-Energiekonzern zu schmieden. Das Heil der deutschen Unternehmen liegt auf absehbare Zeit außerhalb Europa. So deutlich muss das mal gesagt werden. Dass diese Feststellung kein Unsinn ist, dazu brauchen Sie das Handeln unseres Ex-Siemens Vorstand Kleinfeldt, der jetzt CEO vom weltgrößten Aluminiumkonzern Alcoa ist, ansehen. Aluminium benötigt für die Herstellung bekanntlich viel, viel Energie. Und was macht Kleinfeldt? Er kürzt seine Produktionskapazitäten in Europa. 159 Mrd. Dollar lässt er sich diese und andere Kürzungen kosten. Was ihm das Quartalsergebnis ordentlich verhagelt, ihn aber – dann endlich mit weniger Europa – zukunftsgerecht aufstellt. Völker hört die Signale, kann ich da nur zitieren.

 

Aber eines zeigt diese Geldaufnahme zum Negativzins noch. Dass die Bad Notenbank EZB und das gesamte Bankenwesen derzeit aufs Heftigste versagen. Denn die, die Geld dringend gebrauchen könnten, schaffen es nicht es aufzunehmen. Dabei ist doch so viel da. Weil sie so etwas von verschissen (sorry, aber es trifft!) haben. Und sich bis heute keiner von denen für die Finanzkrise und die Inanspruchnahme von Staatsgeldern – direkt oder indirekt – beim deutschen Souverän entweder entschuldigt und/oder bedankt hätten. Von Selbstkritik voraussetzender Verhaltensänderung ganz zu schweigen. Was hält die ein oder andere Bank ab, sich so aufzustellen, wie es eigentlich sinnvoll wäre? Wieso wartet Ihr wieder und wieder auf den Staat?

 

George Soros hat insofern recht, wenn er in Indien feststellt, dass die Schwellenländer Trost für das in weiten Teilen versagende Europa sowie Deutschland sind. Wobei der zu Recht unserem Land die Hauptschuld dafür gibt. Wobei ich noch ein Stück weiter gehe. Die Schwellenländer sind nicht nur Trost, sondern schlicht unsere Rettung. Dafür müssten wir ihnen dankbar sein und deren Einfluss in den weltweit politisch großen Gremien spürbar vergrößern. Denn stellen Sie sich bitte nur einen Moment vor, wie die ganze Finanzkrise 2008 und die momentane Banken- und Staatskrise ausgegangen wären, ohne die konjunkturelle Hilfe der Länder wie Brasilien, Indien und China aber auch vieler kleinerer asiatischer Staaten? Also vor ca. 30 Jahren. Wir würden andere Probleme haben und nicht nur wirtschaftliche bzw. finanzielle. Da bin ich mir ziemlich sicher.

 

Gesund wäre es also, wenn ein Gläubiger für sein ausgeliehenes Kapital einen Zins bekommt, der nicht nur die Inflation, sondern auch das Risiko abdeckt. Gesund wäre es auch, dass derjenige, der Kapital aufnimmt, Zinsen zahlt, weil er das Geld produktiv einsetzt. Dass beides nicht mehr gilt und damit zentrale marktwirtschaftliche Gesetze außer Kraft gesetzt werden, wird sich brutal rächen. Wenn wir nicht langsam etwas gegen diese Perversion unternehmen.

 

Die Soziale Marktwirtschaft ist krank und hat hohes Fieber. Wann endlich legen wir ihr Wadenwickel an, bekämpfen die Ursache und senken es?

 

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.

 

Ihr Norbert Lohrke

 

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