BEHAVIORAL FINANCE Verlust der Souveränität – nicht nur in Griechenland
„Sobald ein Land sich dafür entscheidet, Geld im Ausland zu leihen, gibt es seine Souveränität auf“, so Francois Baroin in einem TV-Interview. Interessanterweise sprach der französische Finanzminister nicht von Griechenland, sondern von seinem eigenen Land. Er hat recht: Leiht man sich Geld leiht, verliert man die Kontrolle über einen Teil seines verfügbaren Einkommens – man muss davon Zins und Tilgung bezahlen. Und wenn der Schuldendienst irgendwann das gesamte Einkommen beansprucht, hat man die Kontrolle – und damit seine Souveränität – komplett verloren. Vor diesem Hintergrund klingen die Beschwerden vieler Politiker, die Finanzmärkte würden die Politik diktieren, schon etwas befremdlich. Schließlich haben die Regierungen höchstselbst entschieden, sich Kapital an den Finanzmärkten zu beschaffen. Natürlich haben sie das auch künftig noch vor und versuchen daher, die Märkte tunlichst zu besänftigen.
Zwar wird der Verlust der Souveränität zumeist erst wahrgenommen, sobald IWF-Experten oder Vertreter anderer Gläubiger am Flughafen des Schuldenlandes ankommen. Doch die Erosion der nationalen Selbstbestimmung beginnt doch schon bei der ersten Bond-Auktion, bei der ausländische Gebote akzeptiert werden. Wie man die Souveränität zurückgewinnt ist offensichtlich: Die Regierungen können sich das Geld vornehmlich von den Investoren im eigenen Land beschaffen, so wie es etwa in Japan getan wird. Hat das Ausland aber bereits Staatsanleihen erworben, kann der Schuldner sein Versprechen schlichtweg brechen: Entweder indem er Zahlungsunfähigkeit erklärt und einen Schuldenschnitt forciert oder indem er die Notenpresse anwirft und Geld im großen Stil druckt – Letzteres ist natürlich nur möglich, sofern man Kontrolle über die eigene Währung hat. Zugegeben: Keine dieser Optionen ist sonderlich wünschenswert, aber wenn die Erneuerung der Selbstbestimmung das Ziel ist – so funktioniert‘s!
Seine Souveränität einzubüßen, ist nicht in jedem Fall etwas Schlechtes. Viele Staaten haben sie für ein höheres Ziel bewusst aufgegeben, z.B. zugunsten eines Staatenbunds wie die USA, Handelsvereinbarungen, Klimaabkommen oder andere internationale Abmachungen – hier geben Regierungen im Interesse aller freiwillig einen Teil ihres Handlungsspielraums auf. Auch im Falle neuer öffentlicher Schulden kann es im Interesse der Allgemeinheit sein. Allerdings nur, wenn das Geld derart verwendet wird, dass es auf lange Sicht den Bürgern mehr Nutzen als Kosten bringt. Ist diese Bedingung jedoch nicht erfüllt, hat eine Regierung ihre Souveränität umsonst verspielt – die Bürger haben dann allen Grund, gegen die Entscheidungen ihres Parlaments vehement zu protestieren.
Weitere Informationen zur Autorin und der Behavioral Finance: www.blognition.de.

0

