SOS Vernichtende Zahlen
Heute kann man in Zeitungen bezüglich der Commerzbank die Überschrift lesen "Gewinn der Commerzbank halbiert". Ob diese Überschrift, die zwar die tatsächliche offerierten Zahlen die wirkliche Lage der Commerzbank wiedergibt, lesen Sie hier.
Wenn Sie auf die Website der viertelstaatlichen Commerzbank AG gehen, springt Ihnen der Spruch „Weil Sie hohe Zinsen und Sicherheit wollen“ direkt ins Auge. 2,3% werden da großkotzig für 1 Jahr garantiert.
Wobei meines Erachtens weder das eine noch das andere zutrifft. Was die Ausführungen in dieser Kolumne auch noch zeigen werden. Und man sich ruhig einmal die Frage stellen darf, ob das nicht irreführend ist? Denn bei einer Inflation von zuletzt 2% ist der Realzins gerade einmal bei +0,3%. Wobei die Gefahr einer steigenden Inflation nicht zuletzt aufgrund des steigenden Ölpreises virulent ist. Da gehört schon viel Mut dazu, von „hohen Zinsen“ zu sprechen. „Minizins“ wäre da wohl angebrachter. Aber vielleicht hat die Bank das ja mit ihren Dispozinsen verwechselt, die im zweistelligen Bereich liegen und wo sie – beinahe wucherhaft? - ordentlich abkassiert. Kann ja mal vorkommen!
Aber wir wollen uns ja nicht an der Oberfläche aufhalten, obwohl selbst die schon nicht beeindruckt. Schließlich hat die Commerzbank AG gerade die Zahlen für das 4. Quartal und das Geschäftsjahr 2011 veröffentlicht. Für das Geschäftsjahr 2011 weist die Bank– man lese und staune – einen Gewinn von 638 Mio. Euro aus. Wobei der gegenüber dem Vorjahresgewinn von 1,4 Mrd. Euro ein Rückgang von -55,4% darstellt. Dabei hat es das Betriebsergebnis noch stärker verhagelt. Da musste das Unternehmen ein Minus von -63% hinnehmen. Das Betriebsergebnis gab von 1,39 Mrd. Euro im Vorjahr auf 507 Mio. Euro nach.
Der Übeltäter ist schnell ausgemacht. Das Ergebnis aus Finanzanlagen ging von 108 Mio. Euro im Vorjahr auf -3,6 Mrd. Euro zurück. Allein der Schuldenschnitt Griechenlands belastet das Ergebnis - wie zu lesen ist - mit etwa -2,3 Mrd. Euro. Wobei das ja nur 63% des Ergebnisses aus Finanzanlagen ausmachen. Da muss es also noch etwas anderes geben.
Wer jetzt glaubt, dass die Bank das doch noch recht gut weggesteckt hätte, der hat sich die Zahlen nicht genau angeschaut. Herr Blessing musste bis ans Äußerste und möglicherweise sogar darüber hinaus gehen, um nicht einen satten Verlust auszuweisen. Weil die Einsparungen bei den Verwaltungsaufwendungen in Höhe von 800 Mio. Euro nicht ausreichten, musste er wieder einmal – wie übrigens im Vorjahr auch – an die Risikovorsorge gehen. Die hat er im Vergleich zum Vorjahr um 1,1 Mrd. Euro oder -44% reduziert. Ob das angesichts eines Konjunkturrückgangs angemessen ist? Ich habe da meine Zweifel. Als langjähriger Prüfer würde ich zu der Einschätzung gelangen, dass man in Zeiten wie diesen die Risikovorsorge nicht nur nicht reduzieren sollte, sondern im Gegenteil sogar noch aufstocken müsste. Wenn ich aber nur die Risikovorsorge auf Vorjahresniveau lasse, dann erzielt die Commerzbank einen Verlust von -471 Mio. Euro.
Aber damit will ich es nicht bewenden lassen. Schließlich wäre da noch der Posten Sonstiges Ergebnis der – Surprise, Surprise – von -131 Mio. Euro im Vorjahr auf 1,253 Mrd. Euro angestiegen ist. Wenn Sonstige Posten so stark, nämlich um 1,384 Mrd. Euro ansteigen, dann leuchtet bei mir als ehemaligem Prüfer reflexhaft die rote Lampe auf. Ein „positiver Einmaleffekt“ ist da zu verzeichnen. So ein Zufall aber auch. Die stammen, wenn ich das richtig einordne, aus dem Rückkauf hybrider Eigenkapitalinstrumente von 1,1 Mrd. Euro.
Auf dem Weg hin zu einem nachhaltigen Ergebnis würde ich also diese 1,1 Mrd. Euro auch herausnehmen. Sodass ich einen Fehlbetrag von -1,571 Mrd. Euro hätte. Wohlgemerkt nach IFRS und wobei ich zugunsten der Bank unterstelle, dass da nicht noch mehr ist, was durchaus eine gewagte Annahme ist. Insofern kann ich den Jahresfehlbetrag von -3,6 Mrd. Euro nach deutscher HGB Bilanzierung sehr gut nachvollziehen. Da kommt man der Wahrheit dann wohl ziemlich nahe.
Nur nebenbei sei bemerkt, dass es schon eine bemerkenswerte Leistung ist, dass bei so niedrigen Refinanzierungs-Zinsen wie derzeit der Zinsüberschuss um -4,6% zurückgeht.
Das 4. Quartal will ich kurz machen. Das positive operative Ergebnis von 163 Mio. Euro kommt nur zustande, weil das Sonstige Ergebnis mit Einmalerträgen von +995 Mio. Euro gegenüber dem Vorjahr zu Buche schlagen. Ohne die läge das operative Ergebnis bei -823 Mio. Euro. D. h., dass wir im 4. Quartal, so bereinigt, massive operative Verluste schreiben.
Dass der Staat bzw. der Steuerzahler bekommt im übrigen auf seine stille Einlagen wieder keine Zinsen, das nur am Rande. Dass die Commerzbank bei seinen Kunden in ähnlicher Lage ähnlich verfährt, ist so nicht vorgesehen.
Nun will ich Ihnen zum Schluss die Ad hoc Mitteilung von heute nicht verschweigen. Die Commerzbank plant eine Kapitalerhöhung gegen Sacheinlage um bis zu 10% aus dem genehmigten Kapital. Dazu sollen hybride nachrangige und andere Finanzinstrumente in Aktien umgewandelt werden. Ein Debt-Equity Swap eben. Wobei mich da die Bewertung der zugrunde liegenden Finanzinstrumente schon interessieren würden. Die bekommen wir aber alle wahrscheinlich nicht zu Gesicht.
Alles in allem ist dieser Abschluss erschütternd. Wobei die allgemeine Berichterstattung nicht minder erschütternd ist. Die Headline des Handelsblatts „Gewinn der Commerzbank halbiert“ kann da schon fast – wenn man mal den uninformierten Laien berücksichtigt - als irreführend bezeichnen. Sie erweckt m.E. einen falschen Eindruck.
Tatsache ist, dass die Commerzbank diesen IFRS-Gewinn nur mit Hängen und Würgen und unter Ziehen aller Register erreicht hat. Die gute alte HBG Bilanzierung mit dem Verlust von -3,6 Mrd. Euro kommt m. E. der Wahrheit bedeutend näher. Wieder wird der Staat nicht bedient.
Eines ist jedenfalls überdeutlich. Unter Zugrundelegung der Grundsätze des Value Investments kann und sollte man die Aktien der Commerzbank AG derzeit und wahrscheinlich auch auf absehbare Zeit nicht kaufen.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.
Ihr Norbert Lohrke
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