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Transmissionsmechanismus: Die Gefahr einer galoppierenden Inflation

Transmissionsmechanismus Die Gefahr einer galoppierenden Inflation

Gastautor: Frank Schäffler
26.10.2012, 13:31  |  5305 Aufrufe  |   | 
Am Mittwoch sprach der Präsident der EZB Dr. Mario Draghi im Bundestag vor. Er kam, um sich und die unter ihm gefassten jüngsten Beschlüsse zum Anleihenaufkauf zu verteidigen.  Deutsche Stimmen hatten diese vielfach kritisiert. Auf die geäußerten Bedenken wollte er in seiner Rede eingehen. Man kann seine Rede hier nachlesen.

 

Die Streitfrage kreist dabei um das Problem des monetären Transmissionsmechanismus. Dieser sei gestört, denn ein von der Zentralbank festgesetztes niedrigeres Zinsniveau führe nicht – wie man es üblicherweise erwarten würde – zu niedrigeren Zinsen und leichter verfügbaren Krediten für die Wirtschaft. Der Transmissionsmechanismus bezeichnet also den „Zusammenhang zwischen Änderungen im monetären Bereich und deren Wirkung auf den realen Sektor sowie das Preisniveau“ (Otmar Issing, Einführung in die Geldtheorie, S. 146). Wenn Draghi von einem gestörten Transmissionsmechanismus spricht, dann meint er allerdings nicht einmal den „realen Sektor“, von dem Issing spricht. Es gibt keine Kreditklemme, die Unternehmen erhalten derzeit und seit Jahren ausreichend Kredit.

Gestört ist der Transmissionsmechanismus vor allem und eigentlich nur im Hinblick auf die europäischen Banken. Zuletzt vor einigen Jahren erfüllte der Interbankenmarkts seine Aufgabe, dass die überschüssige Liquidität der einen Bank gegen Zins von einer anderen Bank ausgeliehen und genutzt werden konnte. Das ist nicht mehr der Fall, vor allem im grenzüberschreitenden Interbankenmarkt. Draghi spricht davon, dass der Interbankenmarkt „schwerwiegend fragmentiert“ und für einige Banken und sogar die Kreditwirtschaft ganzer Eurostaaten „praktisch verschlossen“ sei. Die Störung des Transmissionsmechanismus ist also insofern besonders, dass sie sich nicht auf den Lehrbuchfall Realwirtschaft, sondern die Kreditwirtschaft bezieht. Durch die Ankündigung Draghis, Anleihen am Sekundärmarkt ohne Preis- und Mengenlimit aufkaufen zu wollen, sollen gezielt diese Störungen bekämpft und der Transmissionsmechanismus wieder in Gang gesetzt werden.

 

Das blendet natürlich aus, dass die Störungen des Interbankenmarkt eine schlichte Ursache haben könnten: Die Kreditwirtschaft der Eurozone ist zu großen Teilen überschuldet. Niemand – zuallerletzt wirtschaftlich denkende Banken – gibt jemandem Kredit, der überschuldet ist, also Solvenzprobleme hat. Solvenzprobleme löst man nicht, indem man den Beteiligten zu noch mehr Schulden verhilft. Die Ursache für die Überschuldung liegt in meinen Augen in unserem Geldsystem, das die Schaffung von Geld und Kredit aus dem Nichts begünstigt und Ersparnisbildung behindert.

 

Doch eine andere Frage beschäftigt mich viel mehr: Was passiert, wenn Draghi mit seinen Maßnahmen Erfolg hat und den Transmissionsmechanismus repariert? Ein funktionierender Transmissionsmechanismus sorgt nach der oben wiedergegebenen Lehrbuchdefinition dafür, dass Änderungen im monetären Bereich Änderungen im realen Sektor und beim Preisniveau haben.  In dem Moment, in dem die Maßnahmen Draghis erfolgreich sind, müssen alle jetzt vorgenommene Operationen der EZB Wirkungen haben. Und davor sollte man sich fürchten.

 

Wir haben eine mehrjährige Phase von Dauerniedrigzinsen und gleichzeitig eine bislang ungesehene exorbitante Ausweitung der Geldbasis hinter uns. Gleichzeitig ist die Umlaufgeschwindigkeit von M3 und M1 auf einem historischen Niedrigstand (siehe Grafik, Quelle EZB Monatsbericht Oktober, S. 23). Sobald der Transmissionsmechanismus greift, werden die Gelder in die Wirtschaft strömen, die Umlaufgeschwindigkeit zunehmen und die Geldmengen enorm wachsen.
 

Die Folge dessen ist für mich klar. Vor einer galoppierenden Inflation warnte eben der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark am Mittwoch in Brüssel. Er sprach davon, das alles würde zu einem „Riesenproblem werden, wenn sich das Wachstum verstärkt.“ Die Liquidität finde ihren Weg über die Vermögenspreise früher oder später auch hin zu den Verbraucherpreisen. Die Sorge vor Inflation in einer uns allen schadenden Höhe habe ich mit Jürgen Stark gemeinsam.
 
 


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Kommentare

Bonderman
27.10.12, 17:51
Interessant in diesem Zusammenhang ist vielleicht auch der Europa Ausblick von ESM-Kläger und Europa Gegner Prof. Schachtschneider:

http://www.youtube.com/watch?v=tKU09Bq8EOs

Wenn ich so etwas höre, frage ich mich, ob Europa wirklich so gut ist für Deutschland, wie uns du Politik weismachen will.

fromig
27.10.12, 15:42
Draghi verwechselt Fakten mit Wunschvorstellungen.
1. Draghi will partout nicht einsehen, dass der Euro gescheitert ist. Sein ganzes Bestreben ist es, mit immer höheren Geldspritzen den Euro zu "retten".
2. Er will nicht sehen, dass die Bedingungen für die Ankäufe von Staatsanleihen durch die EZB, die strikte und wirksame "Konditionalität", noch vor dem Operativwerden des ESM aufgeweicht wurden. Strikte Konditionalität ist reine Illusion. Die "Grace-Periods" werden laufend verlängert, die verlangten Struktureformen verschoben, "mehr Zeit" wird eingeräumt, der Defizit- und Schuldenabbau regelmäßig verlangsamt. Die Gläubiger sind praktisch der Erpressung ausgesetzt.
3. Eine faule Ausrede ist es, dass die EZB nur auf dem Sekundärmarkt Staatsanleihen von den Investoren und nicht von den Staaten selbst kauft. Wer sind denn die Investoren? In überwiegender Zahl Banken, die von der EZB mit den Mitteln ausgestattet werden , um auf dem Primärmarkt Staatsanleihen zu zeichnen, die sie dann als Collateral bei der EZB hinterlegen, um mit frischem Geld neue Staatsanleihen zu zeichnen: ein Pionzischema, das Seinesgleichen sucht! Und gleichzeitig ein Geschenk an die Banken, die sich bei der EZB billig refinanzieren können, während den Staaten der direkte Zugang verschlossen bleibt. Die EZB ermöglicht so Bankprofite zu Lasten der Steuerzahler.
4. Und natürlich verliert die EZB ihre Unabhängigkeit, indem sie sich von den Sparprogrmmen des ESM abhängig macht. Ist das Memorandum of Understanding durch EU-Kommission und Gläubigerstaat erst einmal unterzeichnet, kann die EZB Kredite nicht mehr verweigern.
5. Die ESM Programme, die ständig aufgeweicht werden, bieten überhaupt keine Sicherheit für die EZB. Und was die Überwachung dieser Programme durch die Troika wert ist, sollten inzwischen am Beispiel Griechenlands bekannt sein: nämlich nichts. Die Troika ist ein parteiisches Gremium, dass die Pleite eines Schuldnerstaates und den Zusammenbruch des EURO unbedingt vermeiden will und daher nur Gutachten erstellt, die den Vorwand für die Auszahlung weitere Tranchen bilden.
6. Und in keiner Weise ist es der EZB gelungen, die Preisstabilität im Euroraum zu gewährleisten. Die "gefühlte" Inflation liegt in den meisten Staaten weit über 7% p.a. Der Goldpreis, einer der verlälichsten Weertmaßstäbe, ist seit Einführung des EURO um jeweils 10% p.a. gestiegen. Ähnliche Preiserhöhungen haben wir bei Rohstoffen, fossilien Energieträgern und Grundnahrungsmitteln gesehen. Auch die Asset-Inflation ist in manchen Ländern exorbitant.

Mit einem Wort: Was Draghi uns weismachen will, geht auf keine Kuhhaut.




Disclaimer

Gastautor

Frank Schäffler (FDP) ist als klassischer Liberaler ein Kritiker der Euro-Rettungspolitik der Bundesregierung und des geldpolitischen Kurses der EZB. Der Autor veröffentlicht wöchentlich seinen Weblog, den man hier auf seiner Homepage anfordern kann.

RSS-Feed Frank Schäffler