GESAMT-ROUNDUP Tarifparteien bringen sich für Tarif- und Wahljahr in Stellung
FRANKFURT (dpa-AFX) - Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände rüsten sich für die anstehenden Tarifverhandlungen. Im ersten Halbjahr stehen Verhandlungen für gut zehn Millionen Beschäftigte in Deutschland auf dem Programm. Die IG Metall mit Chef Berthold Huber sieht sich bestärkt durch den zweiten Mitgliederanstieg in Folge. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hingegen schwor die Wirtschaftsverbände auf Zurückhaltung bei Lohnerhöhungen ein.
Zwar wollte Huber am Dienstag in Frankfurt die Lohnforderung für die anstehende Tarifrunde in Deutschlands größtem Industriezweig Metall und Elektro nicht beziffern. Die Diskussion habe gerade erst begonnen, der Vorstand werde der Tarifkommission am 4. März eine Empfehlung unterbreiten.
Jedoch verwies Huber auf Wirtschaftsexpertisen, wonach der private Konsum ein stärkerer Wachstumstreiber in Deutschland werden müsse. Um die Konsumausgaben schon 2013 anzuheizen, seien eine hohe Beschäftigung und angemessene Entgelterhöhungen erforderlich, sagte Huber. Zuvor hatte bereits Baden-Württembergs IG-Metall-Chef Jörg Hofmann der 'Stuttgarter Zeitung' (Dienstag) gesagt, es gebe keinen Grund zur Zurückhaltung.
Die Arbeitgeber wollen den Appetit der Gewerkschaften hingegen zügeln. Sie sehen nur geringen Spielraum für höhere Löhne. 'Alles, was über die Produktivitätsentwicklung hinausgeht, vernichtet Arbeitsplätze', warnte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt am Dienstag in Berlin. Er empfahl die Orientierung an der aktuellen Wirtschaftslage, verbunden mit möglichst viel Gestaltungsspielraum für die Unternehmen. Den wollen die Arbeitgeber durch Öffnungsklauseln, verschiebbare Einmalzahlungen und andere betriebliche Abweichungsmöglichkeiten erreichen.
Hundt verwies auf die unterschiedliche Entwicklung in einzelnen Branchen und Betrieben. 'Differenzierung wird das Tarifgebot des Jahres sein', sagte der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes BDA, Reinhard Göhner. Das erwartete Produktivitätswachstum liege bei 0,5 bis 0,7 Prozent. Bis zu zehnmal so hohe Lohnforderungen - wie für die Beschäftigten der Länder - seien 'jenseits des Darstellbaren'.
Nach Berechnungen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung waren die Tariflöhne im vergangenen Jahr inklusive länger laufender Abschlüsse aus dem Jahr davor um 2,7 Prozent gestiegen. Nach Abzug der Teuerung seien davon real 0,7 Prozent mehr übrig geblieben.
Hundt forderte die Gewerkschaften auf, den eingeschlagenen Weg der Produktivitätsorientierung fortzusetzen. Laut BDA 2012 hatte das 2012 zu Abschlüssen von im Schnitt plus 3,9 Prozent geführt. Dies sei 'im Wesentlichen angemessen' gewesen. Aktuell seien die Rahmenbedingungen aber 'gedämpfter'. Die Nennung einer Vorgabe für die Tarifrunden 2013 lehnte er ab. Die BDA selbst führt keine Tarifverhandlungen.
Getragen von der Rekordbeschäftigung in Deutschland gewann die IG Metall 2012 zum zweiten Mal in Folge Mitglieder hinzu. Zum Jahresende hatte die größte Einzelgewerkschaft Europas gut 2,26 Millionen Mitglieder und damit fast 18 000 mehr als ein Jahr zuvor. 'Mitgliederstärke macht uns durchsetzungsfähig', sagte Huber. Die Beitragseinnahmen hätten mit 481 Millionen Euro den bisherigen Rekord von 2011 nochmals um 4,8 Prozent übertroffen.
Mit dieser Stärke im Rücken will die IG Metall ihre Forderungen in den Bundestagswahlkampf einbringen. Huber forderte einen flächendeckenden Mindestlohn sowie die Möglichkeit der Kurzarbeit für Leiharbeiter. 'Fast jeder vierte Beschäftigte in Deutschland arbeitet im Nieriglohnsektor, das ist der größte Anteil in ganz Europa.' Außerdem müsse Menschen im Alter ein flexibler Ausstieg aus dem Arbeitsleben ermöglicht werden. Die Voraussetzungen dafür seien in Unternehmen nicht ansatzweise gegeben, sagte Huber.
Auch BDA-Chef Hundt äußerte Vorstellungen zum künftigen politischen Kurs. Vieles sei unerledigt, etwa das Programm zur Gebäudesanierung und das gegen Spartengewerkschaften gerichtete Gesetz zum Erhalt der Tarifeinheit. Er forderte die Einbeziehung der Zeitarbeitsbranche in das Kurzarbeitergeld und - für den Fall eines Konjunktureinbruchs - die vorsorgliche Ausweitung des Kurzarbeitergeldes auf 24 Monate./hqs/vs/sl/men/DP/stk

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