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Spekulative Zinsswaps Pakt mit dem Teufel? Portugal verliert riskante Zinswette - Der Preis: 40 Prozent Zinsen!

27.11.2015, 12:17  |  16459   |   |   

Portugal steht Anfang der Jahrtausendwende finanziell das Wasser bis zum Hals. Um die Zinslast zu drücken, lässt es sich auf ein hochspekulatives Zinsswap-Geschäft ein. Ein schwerer Fehler, der aus 4,76 Prozent Zinsen unglaubliche 40,6 Prozent macht.

Wir schreiben das Jahr 2005. Einige Euro-Länder, darunter Portugal, sitzen finanziell in der Klemme. Wenige Jahre später werden diese Staaten die Euro-Zone in eine gigantische Schuldenkrise stürzen. Doch noch ist es nicht soweit. Noch suchen sie nach Auswegen aus der finanziellen Misere.

An diesem Punkt kommen die Banken ins Spiel. Sie eilen den Staaten zur Hilfe und bieten ihnen Zinsgeschäfte an, sogenannte Zinsswaps. Die Idee: Den (zu hohen) Zinssatz eines alten Kredits gegen ein neues (günstigeres) Zinsgerüst tauschen. Klingt super, denkt sich auch die Metro do Porto (MdP), Portugals staatlich gestützte Eisenbahngesellschaft. Also begibt sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Vertragspartner, um eine alte Schuldenlast in Höhe von 89 Millionen Euro und einem halbjährigen Zinssatz von 4,79 Prozent umzuschichten. Zwei Jahre später, 2007, wird sie fündig. Die Banco Santander bietet der MdP ein vermeintlich lukratives Zinsgeschäft an. Sie willigt ein. Was sie nicht weiß (oder nicht wissen will): In Wahrheit lässt sie sich gerade auf eine hochspekulative Wette ein, die ihr in den kommenden Jahren einen unglaublichen Zinssatz von 40,6 Prozent bescheren wird.

Die verflixte Euribor-Klausel

Dem „Business Insider“ liegt jene Vertragspassage vor, die das fatale Schicksal der MdP besiegelt. Darin vereinbaren die beiden Parteien, den alten Zinssatz von 4,79 auf 1,76 Prozent zu senken. Klingt super. Doch jetzt kommt’s. Der neue Zinssatz gilt nämlich nur so lange, wie sich der Euribor – der Referenzzinssatz für Euro-Termingelder im Interbankengeschäft – im Bereich zwischen zwei und sechs Prozent bewegt. Fällt oder steigt dieser aber, so addiert sich die doppelte Differenz zwischen dem aktuellen Euribor zur besagten Spanne auf den Zinssatz dazu, und zwar in jedem Quartal. Klingt kompliziert? Ist es auch. Hier ein (fiktives) Beispiel:

Im ersten Quartal liegt der Euribor bei 3 Prozent. Damit ist alles gut, die portugiesischen Eisenbahner müssen lediglich 1,76 Prozent Zinsen zahlen. Im zweiten Quartal fällt der Euribor allerdings auf 1,7 Prozent. Das ist schlecht für die MdP, denn jetzt wird die Differenz (0,3) zwischen aktuellem Euribor (1,7) zur Spanne (2) verdoppelt (macht 0,6) und auf den Zinssatz des vorherigen Quartals addiert (1,76 plus 0,6). Im zweiten Quartal muss die MdP demnach 2,36 Prozent Zinsen zahlen. Bleibt der Euribor im darauffolgenden Quartal unverändert, so addieren sich wiederum 0,6 Prozent dazu, der Zinssatz steigt auf 2,96 Prozent. So geht das Spiel Quartal für Quartal weiter…

Zinssatz steigt auf über 40 Prozent

Bis die MdP im Jahr 2013 schließlich einen unglaublichen Zinssatz von 40,6 Prozent zahlen muss. Was war passiert? Zunächst lief die Wette zugunsten der Portugiesen. Doch dann brach die Finanzkrise über die Welt herein und die Zentralbanken senkten weltweit die Zinsen. Entsprechend ging auch der Euribor nach unten und fiel unter die vereinbarte Zwei-Prozent-Hürde. Für Santander ein Glücksfall, für die MdP ein Desaster.

Die Zinslast entwickelte sich zu einem Schneeball, der einen Hang hinunterrollt und dabei immer größer und größer wird, schreibt der „Business Insider“. Die ursprüngliche Schuldenlast von 89 Millionen war 2013 auf sagenhafte 459 Millionen Euro angewachsen. Und das alles nur, weil die MdP günstigere Zinsen wollte und sich dafür auf eine riskante halsbrecherische Wette einließ.

Spekulative Zinsswaps – Ein lukratives Geschäft für Banken

Doch die Banco Santander steht nicht allein. Vielmehr waren solche spekulativen Zinsgeschäfte unter den führenden Banken gängige Praxis. Und die Staaten, ihre Schuldenlast vor Augen, ließen sich bereitwillig darauf ein. Dem Bericht zufolge soll Portugal ähnliche Deals auch mit Goldman Sachs sowie der Nomura-Bank abgeschlossen haben. Anders als im Fall Santander hätten sich die Parteien aber gütlich geeinigt und den Vertrag aufgelöst. Davon will Santander jedoch nichts wissen. Die spanische Großbank fordert die ihrer Ansicht nach rechtmäßigen Zinszahlungen ein und zog vor Gericht.

„Wir wussten nicht, was wir da unterschreiben“, sagt die portugiesische Regierung, welche den Kredit inzwischen von der MdP übernommen hat, heute. Der Fall wird inzwischen vor dem britischen High Court verhandelt, seit 2013 liegt der Vertrag still – bei einem Zinsstand von über 40 Prozent. Santander pocht auf die Einhaltung des Vertrags, Portugal sagt Nein, die Bank habe unzureichend über die möglichen Folgen informiert und der Vertrag daher nichtig. Entscheidet das Gericht zugunsten von Santander, könnte der Zinssatz laut „Business Insider“ angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase bis 2018 auf unvorstellbare 100 Prozent ansteigen. Mit einem Urteil wird Anfang des kommenden Jahres gerechnet.

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4 Kommentare

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Kommentare

So dumm die Politiker auch sein können, Zinsen von 40 % und mehr sind Wucher.
Solchen "Banken" ist sofort die Lizenz zu entziehen, diese "Banken" genannten Halsabschneider werden für den Zahlungsverkehr, ja selbst für "Geldschöpfung" per Kreditvergabe, so diese denn im moralischen Rahmen bleibt (was bei heutigen Zinsdifferenzen zwischen Beschaffungszins und an den Kunden weitergegebenen Zins bei den wenigsten Banken noch "moralisch" zu nennen ist), nicht benötigt.

Übrigens habe ich Zweifel an der These von der totalen Dummheit der Politiker, auch in Deutschland haben etliche (sogar wohlhabende) Gemeinden ihr Geldsäckl mit Hilfe riskanter "Emittentenprodukte" vernichtet, und endlich ist ja nun durchgesickert, wie viele Bankenlobbyisten selbst im Bundestag ihr Unwesen treiben!
Genau.
Nicht der Prasser ist schuld, sondern derjenige, der dem Prasser geliehen hat.
Und wenn der Prasser noch auf seine Prasser-Schulden wettet, ist der Prasser zweimal nicht schuld an seinem Geprasse.
:keks:
"Wenige Jahre später werden diese Staaten die Euro-Zone in eine gigantische Schuldenkrise stürzen."

Ist das so ?

Ich finde man braucht noch nicht mal einen akademischen Titel um ganz einfach zu erkennen, dass bei den meisten europäischen Staaten die Staatsverschuldung sogar abnahm .... bis ja bis ... die angelsächische Verbriefungsindustrie ihre Subprimekrise in einen Kübel gepackt hat. Selbstverständlich mit ein wenig Fett angerührt wurde diese fiskalische Blutwurst dann über Europa als Carepaket abgeworfen. Die Empfänger freuten sich zuerst ganz dolle, bekammen dann aber übelsten Durchfall der nur durch den Amtsarzt mit ner Flatrate Imodium akut halbwegs geheilt werden konnte.

Also für mich ist der Auslöser der europäischen Schuldenkrise immer noch der angelsächische Metzger und nicht die mit dem schwächsten europäischen Imunsystem .....
Es heißt ja nicht umsonst ...

Gewinne werden realisiert, Verluste werden sozialisiert (es ist einfach nur zum kotzen).

Andererseits wird hier mal wieder deutlich, was für Luschen wir in der Politik sitzen haben.

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