DAX+0,33 % EUR/USD+0,02 % Gold+0,46 % Öl (Brent)+1,29 %

Skandinavischer Musterschüler in Gefahr Explosives Gemisch - Platzt die schwedische Immobilienblase, brennt es überall lichterloh

18.01.2016, 14:37  |  12524   |   |   

Eine Ein-Zimmerwohnung im Souterrain, auch Keller genannt, mit „fast keinem natürlichen Licht“ ist in Stockholm für schlappe 880.000 US-Dollar zu haben. Ein schlechter Scherz? Keineswegs. Denn in Schweden braut sich seit Jahren eine gefährliche Immobilienblase zusammen. Platzt sie, setzt sie einen fatalen Dominoeffekt in Gang.

Allein im vergangenen Jahr sind die schwedischen Immobilienpreise um 20 (Wohnungen) bzw. 14 Prozent (Häuser) explodiert. Auf Sicht von zehn Jahren haben sich die Häuserpreise damit verdoppelt, die für Eigentumswohnung sogar verdreifacht. Das allein ist schon beunruhigend genug. Doch die steigenden Immobilienpreise sind nur ein Dominostein von vielen, die in Schweden demnächst umfallen könnten.

Um zu verstehen, wie gefährlich die Lage in dem skandinavischen Musterland ist, gilt es zunächst die Besonderheiten des schwedischen Immobilienmarktes zu verinnerlichen:

Laut „Reuters“ leidet Schweden unter einem außergewöhnlichen Wohnungsmangel. Bis 2020 bräuchte es demnach mindestens neue 500.000 Wohnungen. Ein beinahe unmögliches Unterfangen, denn in keinem anderen EU-Land sind die Baukosten derart hoch wie in Schweden. Auch sonst gibt es kaum Anreize für den privaten Wohnungsbau. Das liegt hauptsächlich daran, dass der schwedische Immobilienmarkt staatlich reguliert ist und die Mietpreise durch Verhandlungen oder Gerichtsurteile festgelegt werden. So kommt es, dass man in den besten Lagen Stockholms durchschnittlich 13 Jahre auf eine Mietwohnung wartet. Wer nicht so lange warten kann, der wird möglicherweise auf dem wachsenden Schwarzmarkt für Mietverträge fündig. Aufgrund der langen Wartezeiten floriert die Schattenwirtschaft, in der Wohnungen für noch horrendere Mietpreise vertickt werden. Besonders dramatisch ist die Lage für einkommensschwache Personen. Denn anders als in vielen anderen EU-Ländern gibt es in Schweden keinen Sozialwohnungsbau.

Schulden auf Schulden machen

Aufgrund dieser massiven Wohnungsknappheit bleibt vielen Schweden gar keine andere Wahl als sein eigenes Häuschen zu bauen. Nicht mieten, sondern kaufen, lautet die Devise. Warum auch nicht, dank seit Jahren sinkender Zinsen konnte sich quasi jedermann ein Eigenheim leisten, vor allem weil die Banken es in puncto Kreditwürdigkeit nicht allzu genau nehmen. Ihnen reichen die steigenden Immobilienpreise als Sicherheit vollkommen aus. Noch dazu überschlagen sie sich mit lukrativen Angeboten. Ein Kreditvolumen von über 100 Prozent zu bekommen ist in Schweden keine Seltenheit. Überspitzt formuliert könnte man sagen, Schulden machen hat sich längst zu einem schwedischen Nationalsport entwickelt. Im Jahr 2014 betrug die Überschuldung der Privathaushalte bereits 175 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens. Doch nun warnt die schwedische "Finansinspektion" vor einem neuen gefährlichen Trend: Schulden auf Schulden machen!

Dass sich Schweden mit der Tilgung ihrer Kredite Zeit lassen, ist seit Langem ein Problem. Wie die „WirtschaftsWoche“ Ende 2014 berichtete, zahlen gerade mal 60 Prozent der verschuldeten Haushalte ihre Kredite überhaupt zurück. Die durchschnittliche Rückzahlungsdauer liegt demnach bei unglaublichen 100 Jahren. Aber damit nicht genug. Die schwedischen Finanzkontrolleure stellten fest, dass immer mehr Haushalte nun auch noch Hypotheken aufnehmen, um in Aktien und Anleihen zu investieren, anstatt ihre Immobilienkredite zu tilgen.

Platzt die Blase, brennt es lichterloh!

Auf Pump in Aktien zu investieren habe sich bislang für viele als vorteilhaft erwiesen, konstatierte Erik Thedéen, Generaldirektor der Finansinspektionen, in einer Rede Ende November (siehe hier), warnte aber zugleich, dass die Haushalte dadurch sehr anfällig für „verschiedene Arten von Schocks werden.“ Es ist ein hochexplosives Gemisch, das sich da in Schweden zusammenbraut. Solange die Immobilienpreise weiter steigen, kann die Hausse weitergehen. Aber was, wenn sie es eines Tages nicht mehr steigen? „Falls irgendetwas passiert, das die Immobilienpreise zum Einsturz bringt, gibt es ein substanzielles Risiko, dass auch der Wert der anderen Vermögenklassen einbricht“, so Thedéen. Heißt: Platzt die Immobilienblase, brennt es gleich an mehreren Fronten lichterloh. Privatpersonen droht der finanzielle Ruin, Banken bleiben auf faulen Krediten sitzen und auch der Aktienmarkt könnte aus den Fugen geraten. Nicht umsonst warnen sowohl die "Finansinspektion" als auch die schwedische Zentralbank (Riksbank) und sogar der Internationale Währungsfonds (IWF) eindringlich vor der brandgefährlichen Immobilienblase. Alle drei fordern den Staat zum Handeln auf. Beispielsweise, indem der die Höhe der Verschuldung deckelt und die Haushalte dazu zwingt, ihre Kredite zu tilgen. Das zeigt, wie ernst die Lage tatsächlich ist, findet der „Business Insider“: „Bedenken Sie, wie außergewöhnlich es ist, dass eine Zentralbank und ihre Kollegen mehrmals eine Regierung anflehen, in den Markt einzugreifen.“

Wertpapier: EUR/SEK


Verpassen Sie keine Nachrichten von Redaktion w:o
Abonnieren Sie jetzt Ihren Lieblingsautor
Ich habe die Allgemeinen Nutzungsbedingungen und die Datenschutzerklärung gelesen und stimmt diesen zu.
Autor abonnieren
Wir respektieren Ihre Privatsphäre, es werden keine Daten an Dritte weitergegeben!
Verpassen Sie nichts mehr aus der wallstreet:online Redaktion!
Newsletter kostenlos abonnieren

Schreibe Deinen Kommentar

 

Kommentare

Nichts anderes als in Deutschland.
Hoffentlich werde ich die Lichter noch sehen, da solche Blasen lange wachsen .....
Das erklärt wieder vieles, warum soviele Skandinavier im warmen günstigen Thailand leben. Egal in welchem loch, Haupsache billig.

Disclaimer

Weitere Nachrichten des Autors

Titel
Titel
Titel
Titel