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Marktkommentar: Didier Saint-Georges (Carmignac): Tanz auf dem Vulkan
Foto: www.assetstandard.de

Marktkommentar Didier Saint-Georges (Carmignac): Tanz auf dem Vulkan

Nachrichtenquelle: Asset Standard
19.05.2016, 12:06  |  584   |   |   

Eine Erholung des Erdölpreises von 26 auf 40 Dollar pro Barrel und die erneut akkommodierende Haltung der großen Zentralbanken verhalfen den Aktienmärkten ab dem 11. Februar zu einem ähnlich starken Anstieg wie im Oktober 2015. Außerdem hatten sich die Märkte aus mehreren täglich erscheinenden Wirtschaftsstatistiken diejenigen ausgesucht, die für ein freundlicheres Konjunkturszenario sowohl in China als auch in den USA sprachen (man unterschätze niemals die Neigung des Menschen, sich vor allem auf solche Informationen zu stützen, die am ehesten seinen Wünschen entsprechen). Eine nüchterne Betrachtung der Tatsachen, die darauf achtet, das Wesentliche vom bloßen Lärm zu unterscheiden, deutet nach wie vor darauf hin, dass das seit letztem Sommer bestehende neue Marktregime weiter Bestand haben wird (siehe Carmignac's Note vom Juli 2015 "Der große Übergang hat begonnen"). Da die Zentralbanken weiterhin so gut es geht geldpolitische Unterstützung leisten, sind erhebliche mittelfristige Entwicklungen möglich. Eine Prise Opportunismus erscheint angebracht. Die Häufung der wirtschaftlichen, finanziellen, geldpolitischen und politischen Ungleichgewichte führt jedoch zu einer asymmetrischen Verteilung der Risiken, die beim derzeitigen Stand der Märkte immer noch unvorteilhaft ist. Daher beteiligen wir uns nicht am allgemeinen Tanz auf dem Vulkan, auch wenn er einstweilen ruhen sollte. Wir bleiben bei unserem wachsamen Risikomanagement und richten unser Exposure auf Anlagen, denen die Asymmetrie der Risiken unseres Erachtens zurzeit noch zugutekommen dürfte (siehe Carmignac's Note vom März 2016 "Die Schlafwandler").

Keine wirklich guten Nachrichten

Angesichts der hohen Nervosität der Finanzmärkte zu Jahresbeginn haben die großen Zentralbanken erneut Unterstützung angekündigt. Nachdem die Bank of Japan Ende Januar erstmals einen negativen Einlagenzins einführte und damit zum x-ten Mal eine Abwertung der Währung zur Wiederbelebung der Konjunktur herbeizuführen suchte, senkte China im Februar den Mindestreservesatz für Banken. Die EZB kündigte im März die Erweiterung und Diversifizierung ihrer quantitativen Unterstützungsmaßnahmen an und die Fed senkte ihre Prognosen für die im vergangenen Dezember angekündigte Anhebung der Leitzinsen.

Nachdem bereits der Ölpreis wieder aus der Panikzone von unter 30 Dollar pro Barrel angestiegen war und damit für bessere Stimmung unter den Anlegern gesorgt hatte, kam angesichts dieser Flut "guter Nachrichten" verständlicherweise wieder Risikobereitschaft an den Märkten auf. Es handelt sich aber dennoch nur um eine mittelfristige Entwicklung.

Zunächst ist diese Haltung der Zentralbanken das Zeugnis für ihren Misserfolg. In der Eurozone wie in Japan liegt die jährliche Inflation immer noch bei nahezu 0% und damit weit unter den offiziellen Zielwerten. Dieser Umstand verurteilt die Zentralbanken dazu, sich gegenseitig zu überbieten. In den USA wiederum zwingt die Labilität der Wirtschaft die Fed, ihre Prognosen für die "schrittweise Normalisierung" ihrer Geldpolitik zwei Monate nach deren Bekanntgabe nach unten zu korrigieren.

Schließlich, und dies ist der entscheidende Punkt, haben die Märkte noch nicht erkannt, dass diese Fehlschläge unvermeidlich sind. Die Probleme, denen sich die Weltwirtschaft gegenübersieht, nämlich die Verschuldung und die unzureichende Nachfrage, können nicht allein durch geldpolitische Maßnahmen gelöst werden - seien sie auch noch so unkonventionell. Wie wir in der Carmignac's Note vom vergangenen Monat unter dem medizinischen Begriff "Iatrogenie" beschrieben haben, verschlimmert die Senkung der Zinsen durch die Zentralbanken die Situation, statt Abhilfe zu schaffen: Sie fördert die weitere Verschuldung der Staaten, verringert die Gewinnmargen der Banken noch weiter und zwingt die Verbraucher dazu, stärker zu sparen, statt Konsumanreize zu schaffen. Unter diesen Umständen zeugt es von mangelndem Weitblick, wenn man sich über eine letzte vergebliche Anstrengung der Zentralbanken freut. Die grausame Wahrheit ist, dass die Märkte angesichts der bevorstehenden geldpolitischen Straffung in den USA keinerlei Anlass zur Freude haben. Die Fed-Vorsitzende Janet Yellen könnte nämlich bald gezwungen sein, zuzugeben, dass die Kosten für Mieten und Rohstoffe in den USA zu steigen begonnen haben. Ein Anstieg der Preise wäre durchaus unangenehm, weil er nicht nur zu einem erneuten Anstieg der Inflation führen, sondern auch gleichzeitig die Kaufkraft und damit die Aussichten für den Konsum beeinträchtigen würde.

Die Frage des amerikanischen Wachstums

Offensichtlich geht die Debatte über die Widerstandskraft der US-amerikanischen Wirtschaft weiter. Jede neue Statistik wird auf die eine oder andere Weise in einer Art von Chart-Analyse extrapoliert, auf die Wirtschaft angewendet und als Beobachtung ausgegeben. Diese kurzsichtige makroökonomische Analyse trägt zur Instabilität der Märkte bei. Aus unserer Sicht erscheint es zweckmäßiger, die der aktuellen Wirtschaftsdynamik zugrundeliegenden Daten zu untersuchen und daraus Rückschlüsse auf Tendenzen herzuleiten. Danach sind die Margen US-amerikanischer Unternehmen von 10,6% Ende 2011 auf derzeit 7,6% zurückgegangen. Dementsprechend ist heute ein dauerhafter Rückgang des Investitionszyklus festzustellen, der vor allem auf der Entwicklung der Margen beruht. Im Übrigen hat der Konsum in den USA seit fünf Jahren im großen Umfang von einem doppelten Wohlstandseffekt (durch den Anstieg der Immobilienpreise und Finanzanlagen) profitiert, der inzwischen nachgelassen hat. Dementsprechend setzt heute ein Rückgang des Konsums von Waren und Dienstleitungen ein, und die Sparquote steigt (derzeit 5,4% gegen- über 4,9% Ende des vergangenen Jahres). Aus unserer Sicht besteht immer noch ein hohes Risiko, dass das Wachstum in den USA 2016 erheblich bis unter die 2%-Schwelle zurückgeht, ohne dass die Zentralbank, die inzwischen zu einer Phase der geldpolitischen Straffung übergegangen ist, durch geldpolitische Lockerungsmaßnahmen eingreifen kann. Die Märkte sind darauf nicht vorbereitet.

Die China-Frage

Die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft, die für sich allein 16% des weltweiten BIP und 25% der Investitionen ausmacht, hat selbstverständlich entscheidenden Einfluss auf die Konjunktur in den USA und Europa wie auch auf das Marktrisiko. Diese Frage macht aber auch ein großes Problem offenbar, denn die Wiederherstellung der Ausgewogenheit der Wirtschaft in Verbindung mit den reichlich vorhandenen Überkapazitäten erfordert unbedingt eine deutliche Verringerung des Tempos der Investitionen in China. Es gibt zwei Möglichkeiten: Die erste Möglichkeit ist, dass das Tempo der Investitionen rasch angepasst wird. In diesem Szenario ließe sich angesichts der Kapitalabflüsse und der Notwendigkeit, die Auswirkungen dieser Notbremsung auf die Binnenwirtschaft abzufedern, eine Abwertung des Renminbi nur schwer vermeiden. Eine solche Abwertung würde den Wettbewerbsdruck auf die anderen großen Volkswirtschaften der Welt erheblich verstärken. Die Wahrnehmung dieses Risikos hat zu Jahresbeginn teilweise den Märkten die Augen geöffnet. Die zweite Möglichkeit ist, dass die Regierung mit der Finanzierung eines nur sehr langsamen Abbaus dieser Investitionen fortfährt, um das Wachstum aufrecht zu erhalten. Die chinesischen Behörden scheinen derzeit dieser Option den Vorzug zu geben. In diesem Fall sind die Nachrichten über das Wachstum auf kurze Sicht "beruhigend" und der Markt könnte sich damit zufrieden geben. Dies umso mehr, wenn es durch die Einführung von Währungskontrollen gelingt, die Verluste an Devisenreserven zu begrenzen. Dann würde jedoch die Verschuldung des chinesischen Privatsektors, die bereits seit 2008 von 140% des BIP auf derzeit 240% angestiegen ist, weiter zunehmen. Denn das Kreditwachstum übertrifft derzeit mit 16% bis 20% jährlich das BIP-Wachstum bei Weitem, nämlich um mindestens 4% bis 5%. Erschwerend kommt hinzu, dass die zweifelhaften Forderungen des Bankensektors unseren Schätzungen zufolge bereits knapp ein Drittel des chinesischen BIP ausmachen. Demnach ist diese Option unhaltbar. Diese Szenarios können von den Märkten vorübergehend ignoriert werden, rechtfertigen jedoch unserer Ansicht nach eine sehr aufmerksame Verwaltung angesichts der starken Asymmetrie der damit verbundenen Risiken.

Wenn also die Zentralbanken keine andere Wahl haben als weiterhin zu tun, was sie können, stößt ihre Handlungsfähigkeit an ihre Grenzen. Die Märkte sind sich zu Jahresbeginn dieser Tatsache bewusst geworden. Gleichzeitig häuften sich die wirtschaftlichen Risiken. Dazu kamen seither neue politische Gefahren in Europa, die sich wechselseitig verstärken: die wirtschaftlichen Auswirkungen der Flüchtlingskrise, Sicherheitsprobleme und das Risiko eines Brexit. Diese Diagnose ist durchaus vereinbar mit der Marktentwicklung auf mittlere Sicht. Sie spricht jedoch vorerst für unsere auf Überzeugungen basierenden Anlagen, geschützt durch eine umsichtige Verwaltung.

Von Didier Saint-Georges

Mitglied des Investmentkomitees

Managing Director

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