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Brexit? Kommt nicht! Großbritanniens Sicht der Dinge: Wir sind wichtig, wir kriegen unsere Rosinen!

29.06.2016, 13:19  |  4328   |   |   

Keine Vorverhandlungen, keine Rosinenpickerei. Das stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag hinsichtlich des Brexits klar. Die Briten selbst sehen das anders. Ihr Plan: Rosinen einheimsen, zweites Referendum starten, drin bleiben. Hat ja schon mal funktioniert.

Ist der beherzte "Leave"-Verfechter Boris Johnson am Ende gar nicht wirklich an einem Austritt Großbritanniens aus der EU interessiert? Ging es ihm letztlich vielmehr nur um die eigene Karriereleiter hin zum wichtigsten Amt im Vereinigten Königreich? In einem Leitartikel der "Financial Times" wies Chefkommentator Gideon Rachman nun leichtfüßig auf diese Möglichkeit hin.

Überträgt man seine Sicht der Dinge auf die britische Allgemeinheit, so erhält man einen ziemlich erstaunlichen Eindruck über das derzeitige Selbstverständnis der Inselbewohner. Denn wo die Brexit-Schlagzeilen auf dem Rest des Kontinents momentan nur so sprudeln vor Drama, bleibt der Wirtschaftsexperte ganz gelassen. Seiner Meinung nach wird es nicht zum EU-Austritt Großbritanniens kommen. Denn dafür sei das Königreich schlicht zu wichtig für die Union.

Stattdessen ruht man sich dort auf der europäischen Geschichte aus. In dem übel riechenden Potpourri aus Kompromissen, Zugeständnissen, Minimalanforderungen und Mutlosigkeit wurde selten etwas knallhart durchgezogen. So konnten 1992 die Dänen und später auch die Iren mittels verwässerter Sonderbedingungen zur Annahme der EU-Verträge überzeugt werden. Rachmans Vermutung: Nichts anderes habe Johnson auch im Sinn.

"Wir wollen den Zugang zum EU-Binnenmarkt behalten, wofür wir wohl auch weiterhin akzeptieren müssen, dass Arbeitskräfte aus der EU ins Land kommen", wird der Tory-Abgeordnete Daniel Hannan vom "Spiegel" zitiert. Nö, sagt der Wirtschaftsjournalist. Müssen wir nicht. Denn die Briten sind ein "wertvolles Mitglied der EU. Das Königreich ist ein großer Beitragszahler und ein wichtiger militärischer und diplomatischer Schlagarm." 

Daher dürfte es für beide Seiten schmerzhaft sein, wenn Großbritannien die Union verlässt. Die Chancen auf eines der wichtigsten Zugeständnisse - die Einschränkung der lästigen Arbeitnehmerfreizügigkeit - rechnet man sicher also entsprechend hoch aus. Eine weitere "Notbremse" soll es bitteschön sein. Damit das Land endlich das bekommt, wovon es schon seit Jahrzehnten träumt: Weniger Zuwanderer. 

Von den Vorteilen des europäischen Binnenmarktes will man natürlich trotzdem vollständig profitieren. Und wenn die britische Politik-Pizza endlich wunschgemäß - und zwar nur mit Rosinen - belegt ist, soll das zweite Referendum gestartet werden. Dann, so die Annahme, dürfte der Sieg des "Remain"-Lagers ein Kinderspiel sein. Johnson ist zu diesem Zeitpunkt schon Premier, die EU-Mitgliedschaft wird fortgeführt, alle Probleme sind gelöst. Im Strafgesetzbuch wird dieses Vorgehen übrigens räuberische Erpressung genannt.



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