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Geldpolitik - Minuszinsen Leitzins bei minus 5 Prozent? "Strafzinsen zeigen den Irrsinn der Notenbanker"

11.08.2016, 11:54  |  6437   |   |   

EZB-Chef Mario Draghi und seine Kollegen aus der Schweiz und Japan wollen der Bevölkerung weiß machen, dass man mit Strafzinsen die Wirtschaft ankurbeln könne. Genau das Gegenteil ist aber der Fall. Das dämmert zusehends auch Finanzexperten.

Nach einem kurzen Zinsanstieg nehmen die Zinsen in den Industriestaaten wieder die Rekordtiefs ins Visier: Für den zwischenzeitlichen Anstieg hatte die Aussicht auf Helikoptergeld in Japan gesorgt. Investoren waren davon ausgegangen, dass man mit Helikoptergeld die japanische Wirtschaft ankurbeln und damit auch die Inflation anheizen könne. Nun dominiert aber eine andere geldpolitische Entwicklung den weltweiten Anleihenmarkt: die aggressive Lockerung der Geldpolitik durch die englische Notenbank. Sie hat die Zinsen auf das Rekordtief von 0,25 Prozent gesenkt und will kräftig Staats- und Unternehmensanleihen kaufen. Die Folge: Investoren flüchten in Anleihen von Ländern, wie den USA, bei denen es noch positive Renditen gibt, und ziehen damit die Zinsen weltweit nach unten. So sind die Zinsen für zehnjährige US-Anleihen zuletzt auf 1,53 Prozent gesunken und dürften schon bald das Rekordtief von 1,35 Prozent vom 8. Juli ins Visier nehmen. Anschließend dürften die Zinsen rapide in Richtung ein Prozent abrutschen.

Strafzinsen belasten die Wirtschaft

Inzwischen scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Zinsen in den USA ebenfalls in den Strafzinsbereich abrutschen werden. Die Konjunkturerholung in den USA läuft bereits seit Mitte 2009 und damit länger als selten zuvor. Der nächste Wirtschaftsabschwung rückt damit von Tag zu Tag näher. In Krisenzeiten senkt die US-Notenbank die Zinsen üblicherweise um 500 Basispunkte (fünf Prozentpunkte). Albert Edwards, Anlagestratege der „Société Générale hatte bereits im Januar 2016 prognostiziert. „Wir werden wir – so glaube ich – Zeuge eines schockierenden Spektakels von Leitzinsen von minus fünf Prozent am Tiefpunkt der nächsten Rezession sein.“ Die Fed sollte sich allerdings zwei Mal überlegen, ob sie Strafzinsen einführt, denn sie kurbeln die Wirtschaft nicht etwa an, sondern schwächen sie. Denn den Sparern entgehen durch die immer niedrigeren Strafzinsen immer mehr Zinseinnahmen, weshalb die Sparer weniger Geld für den Konsum haben. Gleichzeitig tun sich viele hochverschuldete Verbraucher zusehends schwer, noch mehr Schulden zu machen, weil die Verbraucher nicht nur die Zinsen bezahlen müssen, sondern auch die Kredite tilgen. Dieses Problem versucht die EZB mit den Strafzinsen zu „lösen“. „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Das ist kurz gesagt meine Einschätzung der Notenbanken“, sagte Kim Rupert, Chefin der Anleihenabteilung des US-Börsenbriefs Action Economics in Anspielung auf das berühmte Zitat von Albert Einstein. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde. Ich hatte eine Menge Respekt für die Notenbanker, aber sie werden völlig maßlos angesichts des sehr geringen Erfolgs, zumindest soweit ich es sehen kann“, betonte Rupert.

Strafzinsen stellen das Geschäftsmodell von Banken und Versicherungen in Frage
Strafzinsen können die Wirtschaft nicht ankurbeln, schon gar nicht nachhaltig. Die Verbraucher werden nur dann konsumieren und die Unternehmen nur dann investieren, wenn sie die Zukunftsperspektiven optimistisch einschätzen. Strafzinsen signalisieren genau das Gegenteil. Die Zinsen sind deswegen so niedrig, weil es der Wirtschaft schlechter geht als je zuvor, und weil die eigentlich untragbaren Schuldenberge vieler Staaten, wie Italien, Frankreich oder Spanien laut der Einschätzung von „Strafzins“-Mario Draghi nur mit Strafzinsen tragbar sind. Zweitens führen die Strafzinsen in etlichen Ländern dazu, dass die Konsumenten nicht etwa weniger, sondern mehr sparen.

Die Rechnung ist völlig logisch. Angenommen bei einem Kapital von 100.000 Euro und einem Zinssatz von zehn Prozent erzielt ein Sparer Zinseinnahmen von 10.000 Euro pro Jahr. Wenn der Zinssatz auf fünf Prozent sinkt, muss man 200.000 Euro ansparen, um weiterhin Zinseinnahmen von 10.000 Euro zu erzielen. Je weiter die Strafzinsen nach unten gedrückt werden, umso mehr könnten viele Verbraucher sparen, zumal sie wissen, dass ihre erwarteten Einnahmen aus Lebensversicherungen immer geringer werden. Wie will eine Versicherung eine Rendite von fünf bis sieben Prozent pro Jahr erwirtschaften, wenn die Versicherung rund 85 Prozent des Kapitals in Anleihen investiert, von denen inzwischen viele Strafzinsen abwerfen? Gleichzeitig drücken immer niedrigere Strafzinsen den Zinsüberschuss der Banken immer weiter. Das haben die jüngsten Quartalszahlen der Commerzbank unmissverständlich gezeigt. Die Schlussfolgerung ist damit klar: Strafzinsen stellen das Geschäftsmodell von Banken und Versicherungen in Frage.

Japan druckt schon seit 15 Jahren immer mehr Geld

Rupert geht daher mit dem QE-Gelddrucken der Notenbanken, das für die hohe Nachfrage nach Anleihen sorgt und damit die Strafzinsen verursacht, scharf ins Gericht. „Das ganze Ausmaß von QE ist weitgehend ein gescheitertes Experiment, das zurückgeht bis zu seinem Beginn in Japan“, sagte Rupert. Die japanische Notenbank hatte im März 2001 mit dem Gelddrucken begonnen und es seitdem immer weiter aufgestockt hat. „Trotz Nullzinsen, Strafzinsen, Billionen an Stimuli gibt es kaum ein Prozent Wirtschaftswachstum. Ich bin skeptisch, dass die Notenbanken irgendeinen Nutzen erreichen werden, den sie sich durch all das erhoffen.“

Inzwischen sollte allerdings dem allerletzten Anleger klar sein, dass die Strafzinsen nicht etwa den Sinn haben, die Wirtschaft zu stimulieren, sondern vor allem den Aktienmarkt nach oben zu treiben. Und genau das schaffen die Strafzinsen derzeit. Obwohl die Zinsen in den Industriestaaten schon bald auf neue Rekordtiefs abrutschen dürften – und damit eine sehr schlechte Konjunkturentwicklung und damit trübe Gewinnperspektiven für die Unternehmen vorhersagen – flüchten Investoren auf der Suche nach Rendite in den DAX. Denn die Dividendenrendite des DAX liegt bei rund drei Prozent – angesichts von Strafzinsen für Bundesanleihen sind Aktien für Investoren sehr verlockend. Gleichzeitig suchen Investoren nach Aktien, die noch nicht extrem hoch bewertet sind. Derzeit liegt das KGV des DAX mit zwölf weit unter dem des S&P500 von 17. Entsprechend läuft der DAX seit Mitte Juli, als die Hoffnung auf Helikoptergeld hochgekocht ist, viel besser als der S&P500. 

Wertpapier: DAX, S&P 500


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Kommentare

Diesen einleitenden Satz;
"Der reine Wahnsinn Zeuge eines schockierenden Spektakels von Leitzinsen von minus fünf Prozent am Tiefpunkt der nächsten Rezession sein."

sollte vielleicht mal jemand umstellen, Wörter entfernen und/oder mit Satzzeichen ergänzen, damit er irgendeinen Sinn ergibt !?
Tjaa,es ist ein wenig, als würde sich die Politik,über ihr ständiges Versagen ärgern und alle,in der Bevölkerung in Geiselhaft nehmen!
...aber Negativ-Zinsen,werden es nicht gewesen sein,an denen Rom untergegangen ist !
Irgendwann ist jeder Bonus verfallen,den die etablierten Parteien hatten,dann schiessen andere,wie Pilze aus dem Boden,die es auch nicht schlechter machen,denken wir nur an Weimar,vor dem Ende,gab es viel mehr Parteien,als heute !
Die Geduld,der Gesellschaft,währt nicht ewig,irgendwann wird man beweisen müssen,dass man in der Lage scheint,eine Gesellschaft zu erhalten,dann kehrt das Vertrauen zurück!
Ist das Vertrauen wieder da,dann wird auch wieder investiert,weil man vermutet,dass es wieder morgen besser ist,als heute noch,dann werden auch die Ertragserwartungen und somit die Zinsen wieder steigen !

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