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„Vernünftige, logische und transparente Begründung, warum ein Titel im Portfolio ist.“

24.08.2016, 10:05  |  747   |   |   

Dr. Bernhard Breloer, Client Portfoliomanager Quant Equities bei Robeco, spricht im Frankfurter Büro über das A&O des Factor Investing. Das Coca-Cola-Rezept von Robeco will er zwar nicht verraten, aber mehr als 20 Variablen würden weitestgehend gleichgewichtet in die konservativen Strategien einfließen.

Um kurzfristiges Handeln machen er und sein Team ein Bogen: Sie sind vom niedrigen Turnover ihrer Low-Vola-Strategien überzeugt – nicht zuletzt weil es die Rendite der Anleger verbessert.

 

Was bedeutet Factor Investing eigentlich?

Factor Investing bedeutet, dass ich als Anleger Aktien, anhand von gewissen Kriterien wie Volatilität, Dividendenrendite oder Kurstrends, systematisch auswähle. Factor Investing fußt auf akademischem Research, auf dessen Basis ich Aktien selektieren kann, um höhere risikoadjustierte Renditen zu erzielen. Bei Robeco haben wir vier Hauptfaktoren identifiziert: Low-Risk, den Bereich Momentum, Value und mittlerweile auch Qualität. Alle diesen Faktoren ist gemein, dass sie schon sehr lange in der akademischen Literatur beschrieben und verifiziert sind.

Kann man die Faktoren auch kombinieren?

Am besten lässt sich dies an einem Beispiel darstellen: Wenn wir eine Value-Strategie verfolgen, so selektieren wir zuerst günstig bewertete Aktien. Darüber hinaus wollen wir aber vermeiden die Aktien auszuwählen, die einen negativen Kurstrend aufweisen. Das heißt, wir berücksichtigen auch Momentum-Faktoren und versuchen zumindest den Faktor neutral zu halten. Wenn wir behaupten, dass Value als auch Momentum langfristig gewinnbringende Faktoren sind, dann macht es keinen Sinn sich gegen einen dieser Faktoren zu stellen. Vor diesem Hintergrund werden auch Low-Risk und Quality Faktoren im Rahmen unserer Strategien berücksichtigt. Verfolgen wir eine Low-Risk Strategie wie die bekannten Robeco Conservative Strategien, dann lassen wir entsprechend neben Risikofaktoren Value- und Momentum-Kriterien einfließen, um teure Low-Risk Titel mit einem negativen Kurstrend zu vermeiden.

Schauen Sie sich die Korrelation der Faktoren untereinander an?

Das ist auch Kernfrage: Wie geht man grundlegend mit Quant-Strategien um? Wir wenden eine Ranking-Methode und keine Korrelations-Methode an.

Sie finden also zurzeit für alle Faktoren Aktien, die funktionieren?

Man kann die Sichtweise vertreten, dass wir zurzeit schwankende, teuer bewertete Märkte haben. In der Folge bieten sich Conservative (Low Risk) und Value Strategien an. Gerade in turbulenten Marktphasen zeichnen sich Conservative Strategien aus bzw. weisen sie grundsätzlich ein geringeres Verlustpotenzial auf. Value-Strategien bieten hingegen ein höheres Potential an zukünftigen Erträgen, zumal diese Strategien eine längere Durststrecke hinter sich haben. 

Sind das auch die Strategien, die am stärksten nachgefragt wurden?

Derzeit werden am stärksten unsere Conservative Strategien über verschiedene Anlageregionen nachgefragt. Dies spiegelt einerseits die weiterhin hohe Unsicherheit an den Märkten wider. Anderseits stellen solche Strategien eine ideale Einstiegsmöglichkeit in den Aktienmarkt da und werden von risikoscheuen Anlegern gewählt.

„Das Coca-Cola Rezept verraten wir natürlich nicht.“

 

Die Erwartung, dass die Märkte volatil bleiben oder sogar noch volatiler werden: Beziehen Sie so etwas in ihr Quant-Modell mit ein?

Makroökonomische Veränderungen, wie Zinsschritte, lassen wir nicht miteinfließen. Geht es aber um länderpolitische Risiken, wie zum Beispiel Sanktionen gegen Russland, können wir diese Entwicklungen abbilden. Unter Umständen kann das quantitative Modell für ein solches Marktereignis blind sein, sodass das Portfoliomanagement eingreifen muss. Vor dem Hintergrund von Krisen in spezifischen Ländern können wir also entscheiden, ob wir Zukäufe vermeiden oder gar Verkäufe tätigen wollen. Wenn die Marktvolatilität stark ansteigt, dann werden aber in einer risikoarmen Strategie, welche die Volatilitäts- und  Beta-Faktoren verstärkt einbezieht, schon automatisch weniger Investments in diesem Land getätigt. Eine solche Entwicklung wird also schon indirekt vom quantitativen Modell erfasst. 

Sie entscheiden also auch unabhängig vom System, dass Sie in ein bestimmtes Land nicht investieren?

Wir haben, als die Sanktionen der EU gegen Russland verhängt wurden, für unsere Index nahen Core Quant Strategien entschieden, dass wir russische Aktien nur auf neutralem Level halten und gegenüber der Benchmark nicht übergewichten.  

Was zeichnet Low-Vola-Aktien aus?

Wir beschäftigen uns bereits seit zehn Jahren mit diesem Segment und haben seitdem viel Erfahrung in unsere Strategien einfließen lassen können. So schauen wir nicht nur auf Aktien, die sich durch eine geringe Volatilität auszeichnen, sondern berücksichtigen auch Aktien, die ein niedriges Beta haben. Darüber hinaus beziehen wir ebenso aktuellere Risikomaße, wie Credit-Spreads oder hauseigene Distant-to-Default-Maße ein. Solche Kriterien können besser das gegenwärtige Risiko von Aktien erfassen.

Heutzutage setzen Anleger eine niedrige Volatilität mit geringen Renditeaussichten gleich. Warum stimmt das nicht?

Folgt man der Theorie, so kann man nur mehr Rendite erzielen, wenn man mehr Risiko eingeht. Dies entspricht zumindest den Grundlehren des klassischen Capital-Asset-Pricing-Modells. Es zeigt sich aber, dass diese Beziehung von Rendite-Risiko der Realität nicht standhält. Risikoreiche Aktien erzielen langfristig aber keine höhere kumulierte Rendite als risikoarme Aktien. Sprich: Es lohnt sich nicht in risikoreiche Titel langfristig zu investieren. Es gibt verschiedene Begründungen, warum dies so ist. Tendenziell werden Low-Risk-Aktien im Durchschnitt weniger stark nachgefragt. Das liegt auch an dem Karriererisiko in der AM-Industrie: In steigenden Märkten wollen viele Fondsmanager Aktien kaufen, die ein höheres Beta haben. Wenn die Märkte fallen, dann haben Investoren oft die Neigung komplett aus dem Markt herauszugehen. 

Welche Faktoren spielen da noch eine Rolle?

Etwa die Benchmark-Restriktionen, da Anleger gewisse Aktien gar nicht kaufen können. Häufig wird die kumulierte Rendite – auch in akademischen Studien – nicht betrachtet: So schaffen es Aktien, wenn sie einmal einen großen Verlust eingefahren haben, nicht wieder auf das Ausgangsniveau zurückzukommen. Wenn mein Fonds 30 Prozent verliert, was in einem fallenden Markt bei Aktien mit einem höheren Risiko durchaus passieren kann, brauche ich 43 Prozent, um auf das Ausgangsniveau zurückzukommen. Wenn Low-Risk-Aktien hingegen nur zum Beispiel zehn Prozent verlieren, dann benötigt man lediglich  elf Prozent, um das Ausgangsniveau wieder zu erreichen. Und das wird von Anlegern häufig nicht berücksichtigt.

Sind die heutigen quantitativen Modelle komplexer geworden. Immerhin stehen immer mehr Daten zur Verfügung und können immer schneller verarbeitet werden?

Wir blicken bei unseren Anlagen eher auf langfristige Entwicklungen und beziehen daher Intraday-Daten fast nicht ein. Dennoch schauen wir uns tägliche und wöchentliche Daten an, um damit noch genauer Risiken erfassen zu können. Wir nehmen eine monatliche Rebalanzierung vor und lassen uns von ganz kurzfristigen Ereignissen nicht aus der Ruhe bringen. 

Mehr Daten sind nicht gleich bessere Daten. Wurden ihre Quantmodelle, wie bei Konkurrenten von Ihnen ja schon geschehen, verschlankt?

Wir schauen immer nach Robustheit und Einfachheit. So gewichten wir tendenziell Faktoren gleich. Im Endeffekt würden wir auch einen Faktor wegnehmen, wenn sich damit über längere Zeiträume ein stabileres Ergebnis erzielen ließe. Das gesamte Modell kommt mit über 20 Variablen aus. Backtests werden durch uns nicht optimiert. Die Variablenauswahl war über die Zeit stabil. Und sie muss auch in verschiedenen Ländern und Sektoren funktionieren. Das ist entscheidend und ein Merkmal der Robeco-Strategien. Wir wollen ein einheitlich einfaches Modell. Das hat auch für den Investor einen ganz klaren Vorteil: Er weiß, dass das Modell funktioniert. Er könnte mit diesem Wissen auch Europa oder Emerging Markets als andere Strategie auswählen. 

Gibt es besonders wichtige Variablen?

Die wichtigste Variable gibt es aufgrund der Gleichgewichtung nicht. Das Coca-Cola Rezept verraten wir natürlich nicht. In unseren konservativen Strategien gewichten wir hinsichtlich des Risikos die drei großen Bereiche gleich: Volatilität, Beta und Ausfallsrisiko. Innerhalb dieser drei Körbe nutzen wir unterschiedliche Variablen, um diese zu berechnen. Das ist der Risikoaspekt. Um Rendite zu generieren, ist die Bewertung, also Value, entscheidend. Hier schauen wir auf Dividendenrenditen und andere Value-Kennzahlen. Der andere Aspekt ist Momentum: Hier betrachten wir wie attraktiv das kurzfristige Kursmoment ist. So vermeiden wir Low-Vola-Aktien, die zu teuer sind und die einen negativen Kurstrend aufweisen.

Wie sieht das konkret aus?

Wir erstellen einmal die Woche ein Ranking, in dem Aktien nach Attraktivität gelistet werden und zwar jeweils nach Low-Vola, Momentum oder Value-Gesichtspunkten. So können wir auch dem Kunden ganz klar sagen: Diese Aktie ist aus Grund A, B oder C im Portfolio. Das ist das Schöne am Quant-Investieren: Man hat eine vernünftige, logische und transparente Begründung, warum ein Titel im Portfolio ist.

(KR)

Fonds-Infos

Fonds: Robeco European Conservative Equities I EUR

Schwerpunkt: Konservative, low-risk Aktienstrategie

Fondsgesellschaft: Robeco

Fondsstart: 7.8.2007

Fondsmanager: Arlette van Ditshuizen, Jan Sytze Mosselaar, Maarten Polfliet, Pim van Vliet

Fondsvolumen: 1,805 Mr. Euro

Laufende Kosten: 0,65% (per 31.7.2016)

Wertzuwachs seit Auflage (Bruttorendite/Nettorendite per 31.7.2016): 66,54% / 56,39%

Ertragsverwendung: thesaurierend 

ISIN: LU0312333569

Fondsinfos: www.robeco.com

Stand: 15.8.2016 



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Konstantin Riffler hat mehr als 10 Jahre an Erfahrung als Redakteur und Journalist in Deutschland, Großbritannien und Asien. Seine Spezialgebiete sind Fondsmanagement, Investmentthemen, IPOs, M&A und Digitalwirtschaft. Als Redakteur und Content-Manager bei €uro Advisor Services GmbH ist er zuständig für die Top-Themen auf www.fundresearch.de.

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