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USA-Wahlen Als ARD/ZDF-Zuschauer muss man aufpassen, dass man kein Trump-Fan wird

Gastautor: Rainer Zitelmann
28.09.2016, 08:45  |  860   |   |   

Ich habe mich seit Monaten immer wieder sehr kritisch zu Trump geäußert. Meine Sympathien lagen während der Vorwahlen bei Ted Cruz und heute vielleicht bei dem libertären Kandidaten Gary E. Johnson. Aber die Einseitigkeit der Anti-Trump-Berichte in deutschen Medien nervt mich zunehmend.

Über 40 Prozent der Amerikaner, aber nur fünf Prozent der Deutschen würden Trump wählen. Ich gehöre nicht zu ihnen. Doch die Berichterstattung - besonders in ARD und ZDF - zu den amerikanischen Wahlen ist so einseitig, dass ich aufpassen muss, nicht im Gegenreflex auf einmal noch zum Trump-Anhänger zu werden. Nein, das wird bestimmt nicht passieren. Aber nicht wegen der einseitigen Berichterstattung, sondern weil ich im Sommer zwei Monate in den USA war und mich intensiv und kritisch über die Kandidaten informiert habe.

Sonntagabend, Anne Will: Da wurde ein "Trump-Wähler" eingeladen, der ihn aber erstens auch nicht mochte (sondern nur als kleineres Übel im Vergleich zu Clinton sah) und sich zudem nicht vernünftig ausdrücken konnte. Die anderen Diskussionsteilnehmer, inklusive der Moderatorin, überboten sich nur darin, zu erklären, wie verrückt die Amerikaner sind, dass sie jemanden wie Trump wählen. Davon, dass Leute wie Obama mit ihrer übertriebenen "Political Correctness" jemanden wie Trump als Gegenreaktion erst hervorgebracht hat, konnte man freilich nichts hören.

Und so geht es jeden Abend in "heute" und der "tagesschau". Die Berichterstattung ist so einseitig, dass ich mich manchmal an den Schwarzen Kanal von Eduard Schnitzler (Chefkommentator des Deutschen Fernsehfunks) der DDR erinnert fühlte. Wenn Trump-Befürworter interviewt werden, dann generell nur solche Menschen, denen die Dummheit schon ins Gesicht geschrieben steht. Dabei entlarvt Trump sich jeden Tag selbst, durch seine eigenen Äußerungen. Muss man wirklich in jedem Satz seiner Abscheu Ausdruck verleihen? Gegenüber Hillary Clinton dagegen ist die Berichterstattung sehr verständnisvoll - und oft auch ziemlich unkritisch. Sie verkörpert die reine "Vernunft" gegen die irrationalen "Emotionen" von Trump und seinen Anhängern.

Übrigens war das bei Georg W. Bush und bei Ronald Reagan ähnlich. Reagan, für mich einer der besten Politiker des 20.Jahrhunderts, wurde in den deutschen Medien seinerzeit auch als unberechenbarer Cowboy-Darsteller eingeführt. Man konnte ihn fast für die größte Bedrohung des Weltfriedens seit Adolf Hitler halten. Auf der anderen Seite verklärten die meisten deutschen Medien seinerzeit Obama auf eine schon irrationale Weise als Heilsbringer. "Der Spiegel" machte im Juli 2008 mit einer großen Titelgeschichte auf: "Deutschland trifft den Superstar". Gemeint war Obama. In dem Artikel hieß es: "Um Barack Obama rankt sich die Vorstellung, dass er nicht nur Amerika verändern wird, sondern Politik überhaupt. Obama ist die Hoffnung einer westlichen Welt, die sich viele Sorgen macht… Es ist die Stunde für ‚Leadership', für Führung. Und nur einem wird zugetraut, diese Führung übernehmen zu können: Barack Obama."

Nun, tatsächlich war Obama kein Wundertäter und Reagan war kein Teufel. Tatsächlich hat Reagans Politik später dann zum Zusammenbruch des Kommunismus und auch zur deutschen Einheit geführt. Nun ist Trump nicht Reagan, auch wenn er sich gerne auf ihn beruft. Trump ist ein Narzisst und ein Lügner, der wahrscheinlich keine wirkliche Überzeugung hat, außer jener, dass er der Größte ist.

Dennoch: Berechtigt das die deutschen Medien so extrem parteiisch zu sein? In den USA kann man ähnliche parteiische Berichte lesen, beispielsweise in der New York Times. Aber man kann eben auch eine andere Sicht finden, etwa in Fox News. Ich fand das in den zwei Monaten, die ich in den USA verbracht habe, wohltuend.

In Deutschland hat man den Eindruck, dass es fast nur noch eine Sichtweise gibt und geben darf, nämlich pro Clinton. Ich würde mir wünschen, dass etwas mehr über Johnson berichtet wird, den Kandidaten der Libertären. Er hat keine Chance, die Wahl zu gewinnen. Ich teile auch nicht alle seine Ansichten, aber er ist an Integrität den beiden Kandidaten der großen Parteien mit Sicherheit haushoch überlegen. Aber in den deutschen Medien hat man in den letzten Wochen kaum etwas von ihm vernommen, außer einmal, als er sich schrecklich-peinlich vor laufenden Fernsehkameras blamierte, weil er nichts mit dem Wort "Aleppo" anfangen konnte.


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Dr. Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten in Deutschland und Initiator der Berliner Immobilienrunde, eines Gesprächskreises von Führungskräften der deutschen Immobilienwirtschaft. Er hat 18 Bücher geschrieben und herausgegeben, u.a. „Reich werden und bleiben“ (FinanzBuch Verlag 2015).

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