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Die Gretchenfrage an die Geldpolitik: Wie hältst Du es mit der Inflation?

Gastautor: Robert Halver
11.10.2016, 16:00  |  545   |   |   
Es ist zur Gewohnheit geworden, Inflation als harmlos gering einzustufen. Bei den Verbrauchern haben die schwachen Ölpreise durch günstige Tank- und Heizpreise psychologisch ganze Arbeit geleistet. Aktuell beträgt die deutsche Preissteigerung offiziell 0,7 Prozent. Auch wenn sie schon tiefer war, ist sie vergleichsweise unspektakulär. Normale Preissteigerungen wie früher um drei, vier oder mehr Prozent haben wir nicht mehr auf dem Radar. Wo soll sie denn auch herkommen? Irren ist nicht menschlich, oder?

Moment, vielleicht sollte man doch etwas gegen den Strich bürsten? Sind Sie wirklich der Meinung, dass die offizielle Inflation Ihrer Preis-Lebenswirklichkeit entspricht? Ich behaupte, dass die inoffizielle, oder besser gesagt die tatsächliche Preissteigerung deutlich höher als die veröffentlichte ist. Das liegt nicht an einer mangelnden ordentlichen Messung. Das Statistische Bundesamt arbeitet qualitativ hochwertig. Ich habe mit dem Warenkorb, der der Messung zugrunde liegt, meine liebe Not. Jetzt mögen die Einwände kommen, dass es einen allgemeingültig berechenbaren Warenkorb nicht gibt. Stimmt, nicht jeder schlemmt Kaviar, süffelt Champagner oder düst mit einem Ferrari über die Autobahn.

Die offizielle Inflation ist Pinocchio-haft


Dennoch halte ich es für kein Hexenwerk, einen Warenkorb  zusammenzusetzen, der einer allgemeinen Lebenswirklichkeit, einem menschlichen Alltag, nahe kommt. Denn wir alle legen beim Einkaufen Grundnahrungsmittel in den Einkaufswagen. Ebenso bin ich mir ziemlich sicher, dass wir alle Produkte und Dienstleistungen wie z.B. Miete, Strom oder Versicherungsprämien in Anspruch nehmen. Um eine durchaus repräsentative Inflation zu berechnen, muss sich der zugrundeliegende Warenkorb also an diesen alltäglichen, leider recht teuer gewordenen Dingen orientieren. Und da diese Grundbedürfnisse naturgemäß regelmäßiger befriedigt werden als immer preisgünstiger werdende, braune Ware (z.B. Fernseher), weiße Ware (Kühlschränke & Co.) oder schwarze Ware (Notebooks, etc.) müssen diese wegen ihrer Kaufhäufigkeit auch stärkere Beachtung im Inflationswarenkorb finden als dies derzeit der Fall. Darauf gegründet bin ich überzeugt, dass eine wirklichkeitsnahe Inflation oberhalb von drei Prozent liegt.

Wie auch immer: Verständlicherweise haben keine Firma und kein Politiker irgendein Interesse an der offiziellen Ausweisung dieser tatsächlichen Preissteigerung. Dann würden Gewerkschaften und öffentlich Bedienstete höhere Lohnsteigerungen zum Inflationsausgleich einfordern, was die Ertragssituation von Unternehmen bzw. die öffentlichen Kassen strapazierte.

Und auch die Finanzmärkte haben sich an die Behaglichkeit geschönter Inflationsdaten gewöhnt wie Frostbeulen an einen warmen Kamin an kalten Herbst- und Wintertagen. Kein Wunder, denn so können sich die Notenbanken mit Blick auf das offiziell nicht erreichte Inflationsziel von zwei Prozent lässig zurücklehnen und sagen, es gibt doch gar keinen restriktiven Handlungsbedarf. Ein Schelm, wer Böses bei diesem geldpolitischen Alibi denkt.

Aber was wäre, wenn die Happy Hour offiziell niedriger Inflationsraten endet?


Zum geldpolitischen Schwur käme es allerdings, wenn selbst die offizielle Preissteigerung nachhaltig steigt. Tatsächlich glaubt der Internationale Währungsfonds (IWF), dass sich die Preisentwicklung zukünftig mindestens normalisiert: 2015 lagen die Verbraucherpreise in Amerika, in der Eurozone, in Deutschland und in China bei 0,1; 0,0; 0,4 und 1,4 Prozent. 2017 sollen sie auf 2,3; 1,1; 1,5 und 2,3 Prozent steigen.

Aber wo könnten die steigenden Preise herkommen? Sie kommen leider nicht vom Wirtschaftswachstum, dem „angenehmsten“ Inflationsgrund. Wenn auch wenig für markant steigende Rohstoffpreise spricht, werden die preisdrückenden Basiseffekte dennoch auslaufen. Ebenso könnte ein schwacher Euro für Inflationsdruck sorgen. Leider kommen Preisanstiege immer mehr von offizieller Seite, da Vater Staat in der Eurozone grundsätzlich arm wie eine Kirchenmaus ist. Wenn er also in seiner Geldnot bei den Preisen seiner Dienstleistungen und Sozialversicherungen zuschlägt, spüren wir alle die blauen Inflations-Flecken.

Nicht zuletzt sollten protektionistische Maßnahmen nicht unterschätzt werden. Den Gipfel der Globalisierungseuphorie haben wir vermutlich hinter uns. Das Jahr 2017 könnte dem Freihandel ernsthaft zusetzen. Wenn die Weltkonjunktur weniger rund läuft, ist sich jeder selbst der Nächste. Aus Gemeinnutz wird dann schnell Eigennutz. Ohnehin sind viele mittlerweile der Meinung, dass die gepriesenen Segnungen der Globalisierung nicht bei ihnen ankommen. Sorgen dann entsprechende Wahlergebnisse für Importzölle in Land oder Region A, führt das schnell als Retourkutsche auch zu Zöllen im Land B. Noch ist der Handelskrieg nur lauwarm. Doch sollte er heiß werden, würde auch der Preisauftrieb steigen, da der globale Wettbewerbsdruck nachgibt.

Was ist heute geldpolitisch noch normal?


Dann könnten sich die Notenbanken zwar stolz auf die Brust klopfen, weil sie das Deflationsgespenst verjagt haben. Doch die Medaille hat eine Kehrseite. Nehmen die Notenbanken ihren Job ernst - die EZB hat zumindest auf dem Papier die Verpflichtung Inflation vorbeugend zu bekämpfen - müssten sie normalerweise zins- und liquiditätsseitige Schubumkehr betreiben.

Aber was ist heutzutage noch normal und vor allem wie viel geldpolitische Normalität kann man den Finanzmärkten noch zumuten? Ehrlich gesagt, nicht viel. Abseits von politischen motivierten Jubelkommentaren ist Europas Wirtschaft keine blühende Landschaft. Auf eine stagnierende, wenn auch inflationierende Konjunktur hätten daher notenbankseitige Restriktionen eine ähnliche Wirkung wie trockengelegte Tümpel auf Frösche.
 
Heutzutage werden frische Staatsschulden dringend gebraucht, um den Euro-Volkswirtschaften künstlich auf die Sprünge zu helfen. Es geht ja auch darum, staatliche Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser und Sozialleistungen aufrechtzuerhalten. Niemand will soziale Unruhen riskieren. Und damit sich die Staaten dabei nicht das finanzielle Genick brechen, sorgt das eurozonale Wohlfahrtsamt - nennen wir es EZB - dafür, dass diese finanziert werden. Nur durch niedrige Leitzinsen und kreditzinsendrückende Anleiheaufkäufe ist die überbordende Staatsverschuldung überhaupt noch zu stemmen.  

Ohne die helfende Hand der Geldpolitik lässt man das Monster aus dem Finanz-Käfig


Bei tatsächlich offiziell höherer Inflation und einer reflexartigen Gegenreaktion der Notenbanken ist die schöne heile Schuldenwelt schnell beendet. Würde Mario Draghi als der bisherige Schutzpatron von Staatspapieren zukünftig Markt- statt Planwirtschaft zulassen, die dafür sorgt, dass die höheren Preissteigerungsraten zum Ausgleich auf die Anleiherenditen geschlagen werden, ist für die Mehrzahl der Finanzminister Staats(neu)verschuldung nicht mehr bezahlbar. Zur gepflegten Kenntnisnahme: Italien zahlt heute im Durchschnitt für seine Staatsschulden weniger als 0,4 Prozent Zinsen. Vor der Euro-Familienrettung durch seine geldpolitische Heiligkeit Mario waren es über sechs Prozent. Noch Fragen?

Überhaupt, wenn Anleiherenditen wegen Inflationsdruck steigen, wird doch kein Investor unbekümmert zusehen, wie seine Buchgewinne aus früherer Niedrigzinszeit fallen wie Blätter im Herbst. Und da die Finanzmärkte Ansammlungen von Lemmingen sind, werden selbstverständlich alle Anleiheinvestoren die Notbremse ziehen und präventiv Kasse machen, um Gewinne zu realisieren. Und dann reden wir von einem Zinsschock, einem weltweiten Anleihe-Crash mit allen realwirtschaftlichen Folgeschäden. Die Empfindlichkeit unserer heutigen Schuldenwelt entspricht der Haut eines weißhäutigen Nordschweden, der sich ohne Sonnenschutz viele Stunden am Strand einer Südseeinsel aufhält.

Bei Inflation werden die Notenbanken wegschauen


So leid mir diese Aussage aus Stabilitätssicht auch tut: Die Notenbanken können ihre eigentliche Aufgabe der Inflationsbekämpfung nicht mehr wirklich wahrnehmen. Statt Karies und Parodontose zu behandeln, gibt es viel Schokolade und ein Verbot von Zahnbürsten. Nicht jedem Politiker wird das wirklich Schmerzen bereiten. Wenn die Inflationsraten oberhalb von Anleiherenditen liegen, hilft doch die Preissteigerung mit, Staatsverschuldung in Höhe der Differenz zu verringern.

Im inflationären Extremfall wird die Geldpolitik zunächst Blendgranaten werfen. Sie wird von einem vorübergehenden Inflationsphänomen sprechen. Vor geldpolitischer Einschränkung müsse man erst die weitere Entwicklung abwarten. Und dieses Abwarten kann dann zum Warten auf Godot ausarten. Und wenn alle Stricke reißen, kann man immer noch die Warenkörbe der Inflationsindices aufhübschen. Vielleicht nimmt man dann ja Dinge wie Schwarzweißfernseher in den Warenkorb auf. Dann bekommt man bestimmt keine Inflation.
 
Hinter vorgehaltener Hand ist den (Geld-)Politikern jedes Mittel zur Aufrechterhaltung der Illusion einer intakten Schulden- und Finanzwelt recht.

Öffentlich behaupten die Notenbanken zwar weiter mit heiligem Stabilitätsschwur, bei Inflation nicht tatenlos zuzuschauen. Wer es glaubt, wird selig!

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG:
http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128




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Robert Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernsehsendern und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie Fachpublikationen und als Kolumnist einem breiten Anlegerpublikum bekannt. Seine Markenzeichen, die unterhaltsame, bildhafte Sprache, kommen bei keinem seiner Auftritte zu kurz.

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