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Chartmuster Wie man Charts richtig liest

Gastautor: Davies Guttmann
19.10.2016, 14:33  |  550   |   |   

Diese Woche möchte ich über ein sehr populäres Thema sprechen - Chartmuster.

Sie waren wahrscheinlich auch schon dabei, wenn Leute die Bildung einer Kopf- und Schulterformation oder eines fallenden Keils erklärten und behaupteten, dass sich diese spürbar auf die Börse auswirken. Diese Kursmuster existieren natürlich und viele verfolgen sie mit großem Interesse. Sie sind aber generell subjektiv. Ich gebe im Allgemeinen der objektiven Analyse den Vorzug, die auf Zahlen und Formeln basiert und einfach reproduzierbar ist. Objektive Indikatoren können getestet und überprüft werden. Subjektive Indikatoren wie Kursmuster werden stark von den persönlichen Vorlieben des Analysten bestimmt. Ein bärisch orientierter Analyst sieht vielleicht einen Kopf- und Schulterverlauf, während ein bullisch ausgerichteter sich den gleichen Chart ansieht und eine Rechteckkonsolidierung mit zusätzlichem Aufwärtstrend deutet.

Es gibt verschiedene Wege, wie man objektiv Muster definieren kann und ich werde mich diesem Thema gleich widmen. Zuerst möchte ich aber auf die Basics bei Chartmustern eingehen.

Trader haben schon seit jeher Kursmuster auf Charts ausfindig gemacht. Laut Börsenhistorikern ist die Analyse von Mustern schon seit zumindest dem 17. Jahrhundert beliebt. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden viele Muster benannt, genauso wie antike Zivilisationen Sternenhaufen, die für sie wie Löwen oder Bogenschützen aussahen, einen Namen gaben. Im Jahr 1930 veröffentlichte der Herausgeber des Wirtschaftsmagazins Forbes Richard Schabacker Stock Market Theory and Practice, das erste Buch mit einer Auflistung der Chartmuster. Von da an war und ist das Interesse an diesen Mustern ungebrochen. Im Jahr 1948 veröffentlichten Robert Edwards und John Magee das Buch Technische Analyse von Aktientrends, das noch heute als maßgebliche Quelle für Chartmuster gilt. In den letzten 60 Jahren wurde nichts Neues zum Thema geschrieben und die alten bis 1948 aufgestellten Regeln finden noch immer sehr großen Zuspruch.

Mit einem Beispiel will ich Ihnen zeigen, wie Edwards und Magee Muster definierten. Die Herren schreiben, dass der Kopf und die Schultern aus drei Kurshochs, die sich am Ende eines Aufwärtstrends abzeichnen, bestehen. Das mittlere Kurshoch ist dabei höher als die anderen beiden. Die zwei „flankierenden“ Kurshochs sollten mehr oder weniger die gleiche Höhe erreichen. Der Name des Musters ergibt sich daraus, dass das mittlere Kurshoch als Kopf fungiert und die zwei flankierenden Kurshochs die Schultern bilden. Wenn man nun die Tiefs des Kurshochs miteinander verbindet, erhält man die Nackenlinie. Wenn der Kurs das Niveau der Unterstützungslinie, die als Nackenlinie gezogen wurde, nach unten durchbricht, ist das ein Verkaufssignal, denn es bedeutet, dass es zu einer Umkehr beim Aufwärtstrend kommen wird. Das Bild unten ist aber sicherlich aussagekräftiger als 1000 Worte.

Das ist ein Chart von SPDR S&P 500 ETF (NYSE: SPY) aus dem Jahr 2007. Die Spitze des Kopfs (H im Chart) markiert den exakten Höchststand an der Börse. Die Schultern sind nicht perfekt, aber Perfektion kann hier nicht erwartet werden. Die linke Schulter (LS) ist Teil des Aufwärtstrends gefolgt von einem normalen Pullback. Der Aufwärtstrend nimmt nach dem Pullback wieder an Fahrt auf. Durch die Bewegung nach oben kommt es zu einem neuen Höchststand und der Kopf wird geformt. Dann erfolgt wieder ein Pullback vor der Rallye, bei der es aber nicht gelingt, einen neuen Höchststand zu erreichen, und damit wird die rechte Schulter (RS) ausgebildet. Wenn die Nackenlinie durchbrochen wird, ist das ein Zeichen, dass der Trend vorbei ist. Oftmals kommt es aber noch zu einem Throwback bzw. einer Ralley, bei der der Höchstkurs der rechten Schulter nicht erreicht wird.

Haben Sie bemerkt, wie ich bis ins Jahr 2007 zurückgehen musste, um ein Bespiel zu finden? Es ist relativ schwer solche Muster ausfindig zu machen. Aus diesem Grund glaube ich auch, dass man gegenüber Analysen, die nur auf Kursmustern basieren, skeptisch sein sollte, obwohl sich natürlich die den Mustern zugrundeliegenden Prinzipien im Allgemeinen als sehr nützlich erweisen können.

Der Schlüssel zu jedem Muster liegt meiner Meinung nach in der Symmetrie. Um dies zu veranschaulichen, eignet sich das Bild unten sehr gut.

Die blauen und grünen Rechtecke zeigen Marktbewegungen, die sich zumindest subjektiv gesehen ähneln. In den Rechtecken sieht man zwei Pullbacks, die kurz unter der Nackenlinie verweilten. Die zwei Rechtecke haben die gleiche Größe und zeigen, dass die Kurse eine ähnlich lange Zeit zur Entwicklung benötigten. Die Symmetrie zeigt sich hier nur in sehr groben Zügen. Die Linien, die im Winkel zur Nackenlinie gezogen wurden, sind gleich lang und zeigen damit, dass der Abstand von der Nackenlinie fast gleich lang wie der erste Kursrückgang, nachdem die Nackenlinie durchbrochen wurde, ist. Diese Symmetrie findet sich in allen Mustern und ist das Wesentlichste an jedem erkennbaren Muster. Aus der Höhe des Kursmusters kann man Kursziele ableiten.

Eine weitere Charakteristik der Muster ist die Existenz von Unterstützungen und Widerständen. Bei der Kopf-und-Schulterformation erfährt der Kurs Unterstützung bei der Nackenlinie. Alle Muster sind im Prinzip durch zwei Linien begrenzte Kursbewegungen, die man auch Unterstützung und Widerstand nennen kann. Das gilt für fallende Keile, Rechtecke, Tassen mit Henkeln, Dreiecke und andere Muster. Unabhängig davon, um welches Muster es sich handelt, ist der Abstand zwischen diesen zwei Linien das Wesentlichste an diesen Kursmustern. Es kann erwartet werden, dass sich der Kurs zumindest in diesem Abstand bewegt, wenn er aus dem Muster ausbricht. Hier noch ein Beispiel mit einem neueren Chart von SPY:

Da Muster subjektiv sind, ist der Name des Musters auch nicht wirklich wichtig. Man kann den markierten Bereich als doppelten Boden oder Rechteck bezeichnen. Für uns ist wichtig, dass die Höhe $14.03 beträgt. Diese Zahl erhält man, wenn man das Tief vom Hoch abzieht. Man muss hier nicht super genau sein und man könnte auch annehmen, dass das Muster bei $19.20 oder $19.25 beginnt. Muster sind ungenau und sollten als Richtschnur verwendet werden, ein paar Cent mehr oder weniger machen bei der Analyse daher keinen Unterschied.

Um ein Kursziel nach Ausbruch der Kurse aus dem Muster zu finden, addieren wir die Höhe ($14.03) mit dem Hoch des Musters. Hätte es einen Ausbruch nach unten gegeben, hätten wir die Höhe vom Tief abgezogen. In diesem Fall mit einem Ausbruch nach oben erhalten wir ein Kursziel von $208.22, ein Niveau bei dem es keinen weiteren Kursanstieg, nachdem der SPY auf Widerstand gestoßen war, gab. Sie können sich bestimmt vorstellen, was für Vorteile man hat, wenn man weiß, wo sich der Widerstand wahrscheinlich bilden wird.

Und hier noch ein Bespiel:

Laut diesem Muster hätte die Barrick Gold (NYSE: ABX) Aktie um ca. 50% zugenommen, nachdem sich der Kurs nach dem Kurstief schon mehr als verdoppelt hatte. Viele Trader hätten den Kauf einer Aktie mit einer Verbesserung von 110% kritisch beäugt. Dieses Muster wäre in diesem Fall aber sehr nützlich gewesen, auch wenn wir seinen Namen nicht kennen. Trader sollten sich überhaupt keinen Kopf machen, wenn es um die Namen der Chartmuster geht. Sie sollten vielmehr nach Bereichen auf dem Chart Ausschau halten, bei denen sich Unterstützungen oder Widerstände zeigen. Mit dieser visuellen Analyse kann man wie in diesem Fall großartige Trades entdecken.

Wie ich eingangs schon erwähnte, können Muster aber auch objektiv ermittelt werden. Der MIT-Professor Andrew Lo beschrieb die Kopf- und Schulterformation als Kursbewegungen bei denen die Größenordnung und die Abbaumuster der ersten zwölf Autokorrelationen sowie die statistische Signifikanz der Box-Pierce Q-Statistik suggerieren, das es eine planbare Hochfrequenzkomponente bei der Aktienrendite gibt. Ich vertraue ihm da, dass es sich um eine korrekte Definition handelt, da das mehr mathematisches Wissen voraussetzt, als wir benötigen, um von Mustern zu profitieren. Wichtig ist bei dieser Definition nur, dass man das Muster so beschreiben kann, dass es programmierbar ist und man es testen kann.

Bei Foundations of Technical Analysis: Computational Algorithms, Statistical Inference, and Empirical Implementation hat Lo in Zusammenarbeit mit Harry Mamaysky und Jiang Wang herausgefunden, dass die Kopf- und Schulterformation, wenn man sie mit einigen weiteren Indikatoren kombiniert, inkrementelle Informationen bietet und eventuell von praktischem Wert ist. Damit werden Muster nicht über den Klee gelobt, aber es zeigt doch, dass man Muster nicht ignorieren sollte. Andere Forscher haben ähnliche Schlussfolgerungen beim Testen von unterschiedlichen Mustern gezogen. Im Allgemeinen denken sie, dass Muster manchmal funktionieren und als Teil der Trading-Strategie von Nutzen sein können.

Und damit komme ich auch zum Fazit: Wir sollten Charts als Input für unsere Analyse nutzen. Am besten sucht man sich Bereiche, bei denen die Unterstützung und der Widerstand klar sind. Wir können uns dann ein Kursziel setzen und traden, wenn der Kurs ausbricht. Wir sollten uns keine Gedanken darüber machen, wie das Muster heißt, da alle Kursziele mit der gleichen Technik ermittelt werden. Der Vorteil bei Charts liegt darin, dass es sich hier um einiges der wenigen Tools handelt, mit dem man schnell Kursziele entwickeln kann und mit mehr Zuversicht an die Geschäftsabwicklung herangeht.



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Nach der Gründung des „Austria Börsenbrief“ 1988, der innerhalb weniger Jahre zum führenden Börsenbrief Österreichs wurde, arbeitete er als Vermögensverwalter und Analyst im IPO-Bereich. Sein Fachgebiet ist die detaillierte Analyse von US Small Caps im Bereich Technologie und Wachstumsbranchen, sowie Options-Strategien. Sein Depot des Dynasty Wealth Investor erzielte in 2015 +51% Rendite und in den ersten zwei Monaten 2016 bereits +26%.

Er sucht ständig attraktivste Wachstumsbranchen und Special Situations, darunter: Das Internet of Things, spannende HithTech-Werte, aber auch alternative Energie-Investments. Seine Investment-Empfehlungen begleitet er mit professionellem Money Managemant, Hedging-Strategien als Absicherung in fallenden Märkten, sowie charttechnischem Trading. Seine Top Werte finden Sie in der kostenlosen Sonderanalyse "Internet Tsunami Aktien" - hier gratis.

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