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Das wahre politische Kapitalmarktrisiko ist nicht Trump, sondern Europa!

Gastautor: Robert Halver
15.11.2016, 15:00  |  1621   |   |   
Es gibt keine politische Schulpflicht, um US-Präsident zu werden. So musste auch Donald Trump keine höhere Bildung vorweisen, die ihn als Polit-Profi ausweist. Eigentlich hat er in dieser Disziplin noch nicht einmal Pudding-Abitur. Ist aufgrund seines unvoreingenommenen Halbwissens also ein pragmatischer Regierungsstil der Marke „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern im Wahlkampf“ zu erwarten?

Flexibilität und Überraschungsmomente werden wohl nicht zu kurz kommen. Und dennoch werden Donald und seine coole republikanische Gang ihre Duftmarken wie Rüden an den großen (geo-)politischen Bäumen hinterlassen.

Europas Versicherungsprämie für den amerikanischen Vollkaskoschutz wird deutlich teurer


Amerika wird sich unter Trump nicht ins geostrategische Mäuseloch zurückziehen. Das werden die republikanischen hard liner, die ohnehin den weltpolitischen Machtzuwachs Chinas kritisch sehen, zu verhindern wissen. Amerika bleibt schon aus egoistischen Motiven die Weltmacht Nr. 1. Denn seit dem Ende des II. Weltkriegs folgte auf den militärischen Siegeszug auch der geostrategische, kulturelle und wirtschaftliche Erfolg der Marke „Made in USA“. Kann man sich weltweit ein Leben ohne US-Militär, ohne amerikanische Filme, Serien, Musik, ohne Coca-Cola, McDonald’s, Nike, Pampers oder Mars-Riegel überhaupt noch vorstellen? Und auf diesen Einfluss soll die neue US-Regierung verzichten? Eher wird ein Mexikaner neuer Stabschef von Trump!  Eher fahren Merkel und Trump gemeinsam in Urlaub!

Allerdings wird man die Rest-Welt für diesen american way of life deutlich mehr bezahlen lassen. Die US-Funktion als Freund und Beschützer der freien Welt unter dem Mantel der Nato wird Trump weniger emotional, dafür mehr rational, geschäftsmäßig - wie ein Baulöwe nun einmal ist - betrachten. Die Versicherungsprämien für den Trump-Schutz werden ab 2017 mindestens so massiv ansteigen wie die Prämien für privat Krankenversicherte. Deutschland wird deutlich mehr Geld für Verteidigung ausgeben müssen. Auch deswegen wird 2017 die deutsche schwarze Null zu Grabe getragen.

Ohnehin hat die Atlantik-Region für die USA viel geringere geostrategische Bedeutung als der pazifische Raum. Aber bereits unter Obama hat sich die einst heiße „Liebe“ zu Europa abgekühlt wie bei manchem alten Ehepaar. Das US-Geld für Europa sitzt längst nicht mehr so locker wie früher zu Zeiten des Kalten Kriegs, als Deutschland noch Frontstaat war. Insgesamt wird sich Amerika weniger politisch korrekt, dafür mehr politisch direkt zeigen.

Geopolitisch zeigt sich mit Trump immerhin ein Hoffnungsschimmer


In puncto Beziehung zu Russland ist Trump ideologiebefreit. Die harte Haltung unter Obama wird aufweichen. Ich persönlich kann keinen Nachteil darin entdecken, wenn die USA mit Väterchen Frost wieder ins Gespräch kommen. Wenn man geostrategische Konflikte - gerade im Nahen Osten und speziell Syrien - eingrenzen will, kommt man an Gesprächen mit dem nicht lupenreinen Demokraten Putin nicht vorbei. Sollten die zwei Alpha-Tiere erfolgreich an der Beziehungskrise ihrer beiden Länder arbeiten, hat nicht zuletzt auch Europa und Deutschland etwas davon. Die Flüchtlingskrise verlöre schon an Brisanz, weil man zu ihrer Lösung nicht mehr unterwürfig auf EU-fremde Länder angewiesen ist, die zur Verfolgung ihrer rechtsunstaatlichen Ziele auch vor Erpressungen nicht zurückschrecken. Und sollten schließlich auch Sanktionen gegen Russland und dann auch Gegensanktionen zurückgeführt werden, wird sich keine Industrie mehr darüber freuen als die deutsche.  

Spätestens dann wird sich so mancher Politiker in Europa schnell einer geläuterten Rhetorik über Trump befleißigen. Titulierungen wie Schreihals, Horrorclown oder Hassprediger werden nicht mehr vorkommen. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ sprach der Wendehals.

Freihandel kein Freifahrtschein mehr für Deutschland


Mittlerweile ist auch Amerika froh über seine Exporte. Doch sind die USA dank einer großen, konsumfreudigen Bevölkerung und verschuldungstrunkenen Finanzpolitik darauf nicht annähernd so angewiesen wie z.B. Deutschland. Unsere volkswirtschaftliche Nahrungskette hat oft genug mit Außenhandel ihren Anfang genommen und beim Konsum aufgehört. Wenn die USA wollten, könnten sie uns mit Handelsprotektionismus so richtig wehtun. Donald Trump wird sich hier zwar nicht als Sadist aufführen, aber wiederum als knallharter Geschäftsmann: Keine Leistung ohne Gegenleistung.

Ab Amtseinführung am 20. Januar 2017 wird ein kälterer handelspolitischer Wind wehen. Europa und speziell Deutschland werden mehr für die Weltkonjunktur tun müssen. Das, was uns der IWF seit Jahren durch die Blume sagt, wird uns die neue US-Administration weniger charmant nahe bringen: Investiert mehr, lasst deutlich mehr Schulden und weniger germanische Stabilität zu. Und für Griechenland wird man etwas fordern, was bislang für Frau Merkel und Herr Schäuble Teufelszeug war: Einen großzügigen Schuldenschnitt. Für Trump muss alles aus dem Weg geräumt werden, was dem Wachstum schadet, auch Schulden. Nicht anders hat er es in seinem Immobilienimperium gemacht. Seine Politik bekommt einen unverkennbar wirtschaftlichen Anstrich. Die Botschaft ist: Von Trump lernen, heißt siegen lernen.

Im Übrigen weiß auch die neue Trump-Administration um die strategische Bedeutung Griechenlands. Washington will keine Destabilisierung an der Südostflanke der Nato. Zusammengefasst heißt das: Je mehr wir uns fügen, desto mehr hält Donald die Tür des Freihandels offen.

Auch Nebenkriegsschauplätze sollten als amerikanische Drohkulisse nicht ignoriert werden. Deutsche Banken und Autokonzerne haben das schon zu spüren bekommen. Dass hierbei mit zweierlei Maß gemessen wird, ist unverkennbar, stört aber in Amerika nicht weiter. Denn wer als Auto-Manager in den USA ohne Abgas-Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Hält der europäische Hühnerstall dem Fuchs Trump stand?


Die Hoffnung Europas, dass mit Mutti Hillary die geostrategische Happy Hour anhält, ist dahin. Auf die Herausforderungen des Trumpismus muss Europa starke gemeinschaftliche Antworten finden. Einfacher gesagt als getan!

Denn ab 2017 muss die EU zunehmend ohne die Großen Briten auskommen. Trump hat immer große Sympathien für die „Befreiung“ Großbritanniens aus dem EU-Gefängnis gezeigt. Damit wird sich die Regierung unter Theresa May bestärkt fühlen, eine knallharte Scheidung von der EU anzustreben.  

Durch diesen Hard Brexit scheidet Großbritannien - Atommacht, geostrategisch kampferprobt als ehemalige Kolonialmacht und als ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat - als Kämpfer für gemeinsame europäische Ideale und vor allem als Gegengewicht zu Amerikas Machtdominanz aus. May und Trump könnten ein ebenso harmonisches Polit-Duo werden wie früher Thatcher und Reagan. Auch ein weitgehendes Handelsabkommen unter diesen Freunden ist möglich. Grundsätzlich werden zukünftig die Ähnlichkeiten beider Länder - die bereits auf Fotos zwischen Donald Trump und dem britischen Außenminister Boris Johnson unverkennbar sind - deutlich herausgestellt.

Dagegen taugen Merkel und Trump kaum als gelungene Besetzung für eine Liebesschnulze von Rosamunde Pilcher. Die Mutter Europas wird es schwerer haben, sich transatlantisches Gehör zu verschaffen.  

Großbritannien könnte sogar zum amerikanischen Dorn im Fleisch der EU werden. Stärker wird Rest-Europa in seiner (wirtschafts-)politischen Verteidigung gegen Trump und eine neue strategische Achse Washington und London sicherlich nicht.

Überhaupt, selbst mit den Briten ist Europa den Beweis für europäischen Zusammenhalt oft genug schuldig geblieben. Oder will man bei der gemeinsamen Stabilitäts- und Flüchtlingspolitik oder bei der Sicherung der Außengrenze von Erfolgen sprechen?

Wird die europäische Idee im Wahljahr 2017 überhaupt eine Chance haben?


Eine positive Wende zum Besseren ist kaum in Sicht. Auch 2017 wird Europa geschwächt sein wie Seemann Popeye ohne Spinat. Nach dem unerwarteten Wahlsieg Trumps gilt auch für die anstehenden Wahlen in Europa „Nichts ist unmöglich“, eben auch nicht die Abrechnung mit dem politischen Establishment. Auf scheinbar beruhigende demoskopische Umfragen kann man nicht mehr unbeirrt vertrauen. Fatalerweise gibt es nächstes Jahr gleich drei Nationalwahlen in der Eurozone: Deutschland, Niederlande, Frankreich. Vor allem in den zwei letztgenannten Ländern geben viele Wähler Europa die Schuld an nationalen Fehlentwicklungen.

Und es könnte noch dicker kommen: Die Abstimmung über eine neue italienische Verfassung am 4. Dezember könnte für Ministerpräsident Renzi zum Spießrutenlauf werden. Spätestens seit Trumps Wahlsieg haben Italiens Populisten das Referendum als Denkzettelwahl gegen die Europa-freundliche Polit-Elite in Italien auserkoren. Verliert Renzi die Abstimmung - die Gegner der Verfassungsänderung liegen stabil in Führung - wird es 2017 Neuwahlen auch in Italien geben.

Mit Rücksicht auf viele Euro-skeptische Wähler ist damit im nächsten Jahr von Europa nichts für Europa zu erwarten. Da nutzen auch die vielen Stuhlkreise in Brüssel mit hartnäckigem, wenn nicht sogar arrogantem Überlegenheitsgefühl wenig. Parolen wie „Europa muss Supermacht sein, weil man zukünftig auf Amerika weniger zählen kann“ hört man zurzeit oft. Doch wo ist der Nährwert, wenn sich dahinter nur politisch heiße Luft verbirgt, wenn politische und wirtschaftliche Reformen ausbleiben?

Ein sich wie ein Grippevirus verbreitender Euro-skeptischer Populismus ist damit nicht zu bekämpfen.
„Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ schrieb einst der große französische Schriftsteller Victor Hugo. Dieses von ihm durchaus positiv gemeinte Zitat bereitet mir mittlerweile Sorgen.

2017 wird das politischste Kapitalmarktjahr aller Zeiten werden. Und die größten Börsenrisiken gehen dabei nicht von Trump oder Brexit aus, sondern von Europa. Ob Europa endlich verstanden hat?

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG:
http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128
 



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Robert Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernsehsendern und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie Fachpublikationen und als Kolumnist einem breiten Anlegerpublikum bekannt. Seine Markenzeichen, die unterhaltsame, bildhafte Sprache, kommen bei keinem seiner Auftritte zu kurz.

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