DAX+1,32 % EUR/USD-0,08 % Gold-0,26 % Öl (Brent)+1,84 %

Wie viel Angst müssen Anleger vor dem GAU an den Zinsmärkten haben?

Gastautor: Robert Halver
22.11.2016, 16:00  |  1497   |   |   
An niedrige Zinsen haben wir uns gewöhnt wie an Tagesschau, den sonntäglichen Tatort oder Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Sicherlich, damit wurde unsere deutsche vor allem auf Zinsvermögen basierende Altersversorge von den Notenbanken sturmreif geschossen. Doch unsere (Finanz-)Welt hätte weder die Immobilien- noch diverse Euro-Krisen ohne die barmherzige Geldpolitik überlebt.


Auch Deutschland hätte nicht die offenen Rechnungen der Schwestern und Brüder der Eurozone bezahlen können, ohne seinen eigenen Staatshaushalt zu ruinieren oder Steuern und Sozialabgaben kräftig zu erhöhen. Und die aktuell wie eine Monstranz zur Schau getragene schwarze Null hätte es nie gegeben.   

Es gab einmal eine Zeit, da spürten Länder, die der Schuldenmanie verfielen und sich weigerten, wirtschaftliche Reformhausaufgaben zur Sicherstellung ihrer Schuldentragfähigkeit durchzuführen, die harte Knute der Finanzmärkte. So wie leistungsunwillige Schüler die Versetzung verfehlten oder mindestens in die Ecke mussten, wurden Staatspapiere mit Renditerisikoaufschlägen und Verkaufsproblemen bestraft. Die zunehmende Überschuldung der meisten Euro-Staaten spricht aus Bonitätssicht also klar gegen niedrige Zinsen. Dennoch sorgen heutzutage planwirtschaftliche Anleihekäufe der EZB für niedrige Schuldzinsen und entsorgen gleichzeitig das Absatzproblem von staatlichen Schuldtiteln. Marktwirtschaft kann man suchen, am Rentenmarkt wird man sie nicht mehr finden.

Die Angst vor der Zinswende


Die weltweite Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privaten beträgt annähernd 250 Bill. US-Dollar. Nur durch den momentanen Zeitgeist eines weitgehenden Kapitalismus ohne Zins sind dieser Schuldenbestand und die zukünftig weiter steigende Neuverschuldung zu tragen. Doch genau damit hat die internationale Bruderschaft des freizügigen Geldes die am meisten überbewertete Anlageklasse aller Zeiten geschaffen: Das Zinsvermögen.

Kein Anleger will investiert sein, wenn diese unter enormem Überdruck stehende Anlageblase durch eine massive Zinswende platzt.

Wie könnte es dazu kommen? Das Szenario einer durch die Trumponomics kaltgestarteten US-Konjunktur könnte für auch weltweiten Inflationsdruck sorgen. Hinzu kommen steigende Rohstoffpreise wegen Förderkürzungen durch das Ölkartell Opec. Aber auch die zukünftige US-Außenpolitik könnte den Ölpreis steigen lassen. Sollte Trump den Atom-Deal mit dem Iran aufkündigen, wäre auch die Rückkehr des Iran an den Rohölmarkt beendet. Insofern müssten die Saudis ihre hohen Förderquoten im Preiskampf mit dem Erzfeind Iran zur Verteidigung von Marktanteilen nicht mehr aufrechterhalten.

Gemäß geldpolitischem Lehrbuch würde schnell der „Casus Belli“, der Kriegsfall ausgerufen, demzufolge Leitzinserhöhungen und Zurückführungen von Anleiheaufkäufen zum Zwecke der Inflationsvorbeugung durchzuführen sind.

Grundsätzlich scheint der Rentenmarkt bereits erste Signale einer Renditewende bei US-Staatspapieren einzupreisen. Und da der US-Anleihemarkt für die globalen Rentenmärkte eine unbestrittene Leitfunktion hat, sind auch leichte Renditesteigerungen in Deutschland zu beobachten.



Überhaupt, eine seit 1981, also mittlerweile seit 35 Jahren andauernde Anleihehausse schreit doch förmlich nach Trendumkehr, oder?

Ginge der Umkehrschub bei Renditen weiter, wären vor allem große Kapitalsammelstellen und Vermögensverwalter gezwungen, ihre gewaltigen Anleihebestände vorbeugend zu verkaufen. Sie sind ohnehin starkem Konkurrenzdruck ausgesetzt. Sie wollen nicht warten, bis aus Buchgewinnen Buchverluste werden. Und je mehr Good Bye zu Anleihen sagen, umso mehr steigen die Renditen. Die Baisse nährt die Baisse.

Zinserholungen sind nicht zuletzt auch Gift für die größte konkurrierende Anlageklasse „Aktien“. Der deutsche Leitindex DAX befindet sich auf dem aktuell relativ hohen Kursniveau vor allem wegen der seit 2008 verstärkt sinkenden Renditen der größten Alternativanlage „Zinsvermögen“. Früher, als es für deutsche Staatspapiere vier bis fünf Prozent Rendite gab, hatte der DAX keine Chance, nachhaltig über 8.000 Punkte zu steigen. Sollte es zu einer klaren Renditeumkehr nach oben kommen, hätte der Aktienmarkt auch heute schlechte Karten.


Ist ein Anleihe-Crash möglich?

Kein Anleger muss sich vor einer amerikanischen Zinspolitik mit Schaum vor dem Mund wie zwischen 2004 und 2006 fürchten. Mit einem Anstieg von einem auf 5,25 Prozent hatte man damals nicht nur die ungeliebte Immobilienblase wie eine Schmeißfliege auf der Vase zerschlagen, sondern die Vase gleich mit: Mit einem Schlag hat auch die Weltkonjunktur den Löffel abgegeben. Eine Wiederholung wäre mit „dämlich“ noch nett umschrieben.

Trumps staatliche Konjunkturoffensive ist ohne stramme weitere Neuverschuldung nicht möglich. Laut Daten vom IWF wird die US-Staatsverschuldung bis zur nächsten Präsidentenwahl 2021 um etwa fünf Billionen US-Dollar steigen. Das ist noch einmal ein Viertel mehr als Barack Obama hinterlässt. Wer sonst außer der Fed kann eine renditegünstige Finanzierung garantieren, die den Staatshaushalt nicht ruiniert. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass Frau Yellen eher als Konjunkturunterstützerin, weniger als Inflationsbekämpferin gilt.

Und in der Eurozone hat die EZB ohnehin noch keinen konjunkturellen Durchbruch erreicht. Für geldpolitischen Umkehrschub gibt es also keine Berechtigung. Im Übrigen würden übermäßige Renditeerhöhungen die Bedienung der aus dem Ruder gelaufenen Staatsverschuldung unmöglich machen. Alternativ müssten Schulen oder Krankenhäuser geschlossen und Sozial- und Rentenleistungen gekürzt werden. Dann allerdings würden die Straßen nicht mehr den Flaniergästen und Kaufhausbummlern gehören, sondern enttäuschten Wutbürgern mit jeder Menge sozialem Sprengstoff.

Vor diesem Hintergrund ist der EZB auch eine konsequente Inflationsbekämpfung der Marke Deutsche Bundesbank nicht mehr möglich. Stabilitätspolitik schadet heutzutage der Illusion „stabiler“ Finanzmärkte.  

Insgesamt werden die Anleiherenditen zwar keine neuen Tiefstände mehr erreichen. Doch müssten unsere geldpolitischen Rettungsengel mit der Muffe gepufft sein, wenn sie eine teuflische Renditewende zuließen. Damit zerstörten sie ihr eigenes Rettungswerk. Sie wissen genau, dass man gezähmte Kreditmärkte nicht einfach wieder in die freie Wildbahn entlassen kann. Spekulanten würden sie auffressen wie Füchse arglose Käfighühner, denen man plötzlich Freigang erlaubt hat. Im Extremfall drohte Weltkonjunktur und Weltfinanzsystem aufgrund der globalen Überschuldung der Systemkollaps. Ohnmächtig sind die Notenbanken gezwungen, das Zinsänderungsrisiko überschaubar zu halten.  

Der große anlagetechnische Strukturbruch bleibt aus. Die Konkurrenz von Anleihen im Vergleich zu Aktien und nicht zuletzt ihren Dividendenrenditen hält sich in Grenzen. Und ein bisschen Rotation von Renten in Aktien kann da nicht schaden. 

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG:
http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128



Verpassen Sie keine Nachrichten von Robert Halver

Robert Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernsehsendern und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie Fachpublikationen und als Kolumnist einem breiten Anlegerpublikum bekannt. Seine Markenzeichen, die unterhaltsame, bildhafte Sprache, kommen bei keinem seiner Auftritte zu kurz.

Abonnieren Sie jetzt Ihren Lieblingsautor
Ich habe die Allgemeinen Nutzungsbedingungen und die Datenschutzerklärung gelesen und stimmt diesen zu.
Autor abonnieren
Wir respektieren Ihre Privatsphäre, es werden keine Daten an Dritte weitergegeben!
Verpassen Sie nichts mehr aus der wallstreet:online Redaktion!
Newsletter kostenlos abonnieren

Schreibe Deinen Kommentar

 

Kommentare

Früher, als es für deutsche Staatspapiere vier bis fünf Prozent Rendite gab, hatte der DAX keine Chance, nachhaltig über 8.000 Punkte zu steigen. Sollte es zu einer klaren Renditeumkehr nach oben kommen, hätte der Aktienmarkt auch heute schlechte Karten."

Lieber Herr Halver,

warum setzen Sie den DAX-Performance Index in die Graphik?
Sie wissen doch, der Dax Perfomance Index ist zum Steigen verdammt, weil
die Dividenden eingerechnet werden. Jedes Jahr muss der Dax deshalb um rund
3 % steigen. Tut er dies nicht, fallen die Einzelkurse tendenzielll.

Hätten Sie den Dax Kursindex in die Graphik gesetzt, würde die Schere zwischen den Umlaufrenditen deutscher Staatsanleihen und den Börsenkursen nicht so dramatisch groß ausfallen.
Der DAX Kursindex lag um das Jahr 2000 in der Spitze mit rd 6200 Punkten deutlich höher als heute, im Jahre 2007 genau so hoch wie heute mit 5100 Punkten, in 2015 mit rd 6200 mal höher als heute.
Dazischen tiefe Kurseinbrüche wie 2003 bis auf 1800, anfang 2009 auf rd 2400, und im jahre 2011 auf 2900 Punkte.

Wenn man die Umlaufrendite deutscher Staatsanleihen mit den echten Börsenkursen, dem DAX Kursindex, vergleicht, ergibt sich eher kein stringent umgekehrt propotionaler Zusammenhang. Die Börsenkurse werden eher von anderen Faktoren bestimmt als von der Umlaufrendite deutscher Staatsanleihen.

Disclaimer