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Finanzprofi Nick Giambruno: „Ohne Italien wird der Euro wahrscheinlich auseinanderbrechen"

12.12.2016, 16:00  |  1449   |   |   

Obwohl der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi das Verfassungsreferendum klar verloren hat, feiert die Börse. Der Finanzprofi Nick Giambruno warnt aber, dass das massive Folgen haben dürfte und zeigt auf, welche Steine als nächstes fallen dürften.

Absurde Börse: Obwohl das Verfassungsreferendum in Italien klar gescheitert ist, ist der FTSE Italia All-Share Banks, der die Entwicklung der Bankaktien abbildet, in der ersten Handelswoche nach dem Referendum um 13 Prozent nach oben geschossen. Dabei sind die politischen Risiken stark gestiegen und damit gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Krise im italienischen Bankensektor weiter verschärfen wird. Zwar sind die Zinsen für zehnjährige Anleihen mit 2,05 Prozent angesichts der gigantischen Staatsverschuldung auf einem extrem niedrigen Niveau.

Wenn die Zinsen aber weiter steigen sollten, könnten etliche Investoren nervös werden und sich der Zinsanstieg deutlich beschleunigen. Denn Investoren machen sich Sorgen, dass es im Frühjahr oder Sommer 2017 zu vorgezogenen Neuwahlen in Italien kommen könnte und dabei die oppositionelle Bewegung MoVimento 5 Stelle (5-Sterne-Bewegung), kurz M5S, des Kabarettisten Beppe Grillo siegen könnte. Sie strebt ein Referendum über den Ausstieg Italiens aus dem Euro an. Der Euro ist aber ohne Italien kaum denkbar, ist das Land doch die drittgrößte Volkswirtschaft der Union, hinter Deutschland und Frankreich.  

Italiens Bankensystem ist ein Kartenhaus

„Eine aufsteigende populistische Partei steht in den Startlöchern“, schrieb Nick Giambruno von der US-Investmentfirma Casey Research. Geleitet wird die Firma von Doug Casey, einem amerikanischen Bestsellerautor und hervorragenden Kenner des Goldmarktes. Wenn M5S nach einem möglichen Wahlsieg ein Referendum über den Euro durchführen sollte, dürften sich die Italiener für den Austritt aus dem Euro und die Rückkehr zur Lira entscheiden.

„Ohne Italien wird der Euro aber wahrscheinlich auseinanderbrechen… Ohne den Euro, würde sich wahrscheinlich die gesamte Europäische Union auflösen. Italiens Referendum ist wahrscheinlich nur der erste der vielen Dominosteine, die fallen werden“, schrieb der Finanzprofi. Kopfzerbrechen bereitet ihm der kritische Zustand vieler italienischer Banken. „Das italienische Bankensystem ist ein riesiges Kartenhaus. Es sieht von Tag zu Tag wackeliger aus.“

Zinsen für Italien sind absurd niedrig

Gefährlich sei zudem der gigantische Schuldenberg Italiens. Er klettert von Rekord zu Rekord und lag zuletzt bei 2,25 Billionen Euro. Das sind horrende 135,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Das Problem sei, dass die Wirtschaft viel zu stark abhängig vom Staat ist, liegt die Staatsquote doch bei mehr als 50 Prozent. Die Quote drückt den Anteil der Staatsausgaben im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung eines Landes aus.

Zum Vergleich: Die Staatsquote Deutschlands liegt bei 43,9 Prozent. „Ich sehe nicht, wie die italienische Regierung vom produktiven Teil des Staates (der Privatwirtschaft) genug Steuern eintreiben kann, um die Staatsschulden jemals zurückzuzahlen.

Dennoch liegen die Zinsen für italienische Anleihen in der Nähe der Rekordtiefs. Das ist eine bizarre und perverse Situation“, so Giambruno. Die Zinsen für zehnjährige italienische Anleihen liegen bei nur 2,05 Prozent und damit unter denen der USA von 2,51 Prozent. Dabei liegt die Verschuldungsquote der USA bei „nur“ 107 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. „Angesichts der enormen Risiken, die damit verbunden sind, Geld der italienischen Regierung zu leihen, die praktisch pleite ist, sollten die Zinsen in der Nähe des Rekordhochs notieren und nicht an den Rekordtiefs. Mit dem Scheitern des Referendums dürfte die Super-Blase bei italienischen Anleihen nun eine Nadel (zum Platzenlassen der Blase) gefunden haben“, so der Finanzprofi.

„Es gibt nun zwei Möglichkeiten. Die EZB wird ihre Geldpressen auf Hochtouren laufen lassen, um mit dem Geld italienische Anleihen zu kaufen. Das wird aber ebenfalls einen Anreiz für andere Länder schaffen, um unverantwortlich zu sein, in der Annahme, dass die EZB hinter ihnen steht. Das wird selbstverständlich den Euro belasten. Die andere Möglichkeit wäre, dass die italienische Regierung einräumt, dass sie pleite ist. Das würde die etablierten Parteien demütigen und den populistischen Parteien Zulauf verschaffen, die schon lange sagen, dass Italiens Schulden nicht nachhaltig sind. Welche Möglichkeit auch immer eintritt, das sind schlechte Nachrichten für die Eurokraten.“

Das Scheitern des Referendums in Italiens beschleunige den Aufstieg der populistischen Parteien in vielen anderen Ländern. „2017 wird ein entscheidendes Jahr“, so Giambruno. Am 15. März seien Wahlen in den Niederlanden und am 23. April Präsidentschaftswahlen in Frankreich. „Europa-kritische Populisten haben die Chance in jedem dieser Länder zu siegen. Selbst wenn sie nur in einem Land siegen, wird die Europäische Union wahrscheinlich ins Wanken geraten… Das Scheitern des Referendums in Italien markiert den Anfang vom Ende des Euro. Ich erwarte, dass der Euro schon bald einbrechen wird. Wenn der Euro unter das Tief vom März 2015 bei 1,046 Dollar je Euro fällt, würde der Weg zum Test der Euro-Dollar-Parität freigemacht werden.“ Euro-Dollar-Parität bedeutet, dass ein Euro nur noch einem Dollar entspräche.  



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