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Dr. Daniel Stelter Was uns in 2017 überraschen wird – zehn Prognosen

Gastautor: Daniel Stelter
20.12.2016, 10:01  |  3200   |   |   

Niemand kann ernsthaft vorhersagen, wo der Dax, die Zinsen oder der Euro am Ende des nächsten Jahres stehen werden. Alle, die es dennoch versuchen, ersetzen den Zufall durch den Irrtum. Für den langfristigen Anlageerfolg zählen ohnehin nicht die einzelnen „Tipps“; weshalb sollte ein „Experte“ denn auch besser sein als – auf lange Sicht – der Markt? Nur den wenigsten gelingt es, den Markt mit aktivem Handeln dauerhaft zu schlagen. Wichtiger ist die große Linie: Eine strategische Assetallokation aus Aktien, Immobilien, Gold und Cash/Anleihen kann nachhaltige Überrenditen erzielen.

Meine zehn Gedanken über das „Big Picture“ in 2017 sind sicher nicht konsensfähig und vielleicht auch zu pointiert. Aber das Schöne an solchen – gerne auch von den Großen der Anlageszene veröffentlichten – Listen ist, dass sie nicht in sich logisch konsistent sein müssen. Ich hoffe sogar, dass nicht gleich alle Top 10 gleichzeitig eintreffen. Die Quote sollte allerdings schon bei über 50 Prozent liegen, befürchte ich. Hier also nun meine Top 10 für 2017:
 

1. Die Deflation kehrt zurück:

Zurzeit beginnt eine breite Diskussion zur Rückkehr der Inflation. Zum einen liegt das an der Hoffnung, die neue US-Regierung könnte mit ihren Maßnahmen die US-Wirtschaft beleben und die Inflationsrate nach oben treiben. Eine Idee, die hier schon vor der Wahl diskutiert wurde (Mit Trump kommt die Reflation LINK: http://www.wallstreet-online.de/nachricht/9065022-trump-geldpolitik-tr ...). Zum anderen entfällt die preissenkende Wirkung des tiefen Ölpreises. Da das Öl schon vor einem Jahr billig war, entfällt der sogenannte Basiseffekt. Deshalb ist es durchaus möglich, dass in den kommenden Monaten höhere Inflationsraten gemeldet werden. Dies dürfte aber nur ein vorübergehendes Phänomen sein. Dafür sprechen viele Gründe: der Anstieg der Zinsen führt zu einer Abschwächung der Wirtschaft, der starke US-Dollar erhöht den Druck auf die Emerging Markets, China muss die eigene Wirtschaft über Exporte stärken und die grundlegenden Probleme von schrumpfenden Erwerbsbevölkerungen und schwachem Produktivitätswachstum bleiben ungelöst. Im Herbst 2017 reden wir wieder von Deflation.

2. Die USA stürzen in die Rezession:

Der Aufschwung der US-Wirtschaft ist – obwohl im historischen Vergleich schwach – schon sehr alt. Alles hängt am US-Konsumenten, der trotz geringer Lohnsteigerungen immer noch auf Schulden setzt. Höhere Zinsen und kurzfristig höhere Inflation belasten die Kaufkraft der Konsumenten und die Bilanzen der deutlich höher verschuldeten Unternehmen, die um ihre Erträge trotz steigender Zinsen und starkem Dollars zu verteidigen, Kosten senken und Arbeits­plätze abbauen. Die ohnehin tiefen Investitionen gehen noch weiter zurück. Der Druck auf die neue US-Regierung, wie versprochen mit Protektionismus zu reagieren, wird zunehmen.

3. Der US-Dollar verliert:  Nach einem mehrjährigen Aufschwung des US-Dollar-Index sind alle Marktbeobachter der Meinung, dies müsse so weitergehen. Alleine dies spricht für eine Trendwende oder zumindest eine Pause in der Entwicklung des US-Dollars. Die Rezession in den USA und die damit verbundene Abkehr von Zinserhöhungen führen zu einer neuen Phase des Abwertungswettlaufs. Die USA wussten noch immer am besten, wie man das spielt. Der Euro wird daraufhin, allen Problemen der EU und der Eurozone zum Trotz, steigen und die Probleme in Europa verschärfen.

4. Gespaltenes Jahr für Anleihen: 2017 kann man mit Anleihen wieder gut Geld verdienen. Nachdem im ersten Halbjahr die Zinsen auf 10jährige US-Treasuries über drei Prozent gestiegen sind, kommt es in der zweiten Jahres­hälfte zu einer massiven Rallye. Ende 2017 liegt der Zins dann bei 1,5 Prozent. Dies widerspiegelt die wirtschaftliche Abkühlung, die gestiegene Deflationsgefahr und den Versuch der Notenbanken, noch aggressiver die Wirtschaft zu beleben. Doch nicht alle Anleihen profitieren. Anleihen von Schuldnern schlechter Bonität erleiden deutlichere Abschläge, der Risikozuschlag gegenüber sicheren Staats­anleihen nimmt wieder deutlich zu, ausgelöst durch die Rezession und zunehmende Zahlungsausfälle.

5. Verluste an den Börsen: Nach einem guten Jahresauftakt realisieren die Aktienmärkte rasch, dass sich eine wirtschaftliche Abkühlung andeutet. Die Märkte drehen, angeführt von den USA, nach unten. Die zyklischen Werte werden gemieden, die Qualitätsaktien und Dividendenpapiere können sich relativ besser entwickeln. Dennoch stehen die Börsen Ende 2017 unter den Höchstständen vom Jahresbeginn.

6. Einstiegschance bei Gold: Zunächst bekommen die Skeptiker recht. In einem Umfeld steigender Zinsen und eines festen Dollars wird Gold nicht gesucht, die Preise bleiben trotz zwischenzeitlicher Erholung unter Druck. Erst mit dem erneuten Öffnen der monetären Schleusen zur Bekämpfung der sich immer offener zeigenden Rezession und den wieder zunehmen­den Sorgen um das Weltfinanzsystem zieht Gold wieder deutlich an und ist am Ende einer der Gewinner des Jahres.

7. Der Verfall der Eurozone geht weiter: Während zunächst alle Aufmerk­samkeit der italienischen Bankenkrise und den sich abzeichnenden Neu­wahlen gilt, kommt es in Holland zum Wahlsieg der Partei für die Freiheit, angeführt von Geert Wilders. Diese bildet mit der bisherigen Regierungs­partei VVD eine Koalitionsregierung und betreibt den Ausstieg aus EU und Euro. Grundlage bildet dafür ein bereits im Jahr 2014 vom britischen Forschungsinstitut Capital Economics erstelltes Gutachten, welches eine bessere Entwicklung Hollands außerhalb des Euro prognostiziert. (LINK: http://think-beyondtheobvious.com/studie-holland-geht-es-besser-ohne-e ... ) Für Anfang 2018 ist eine Volksabstimmung geplant, in der über einen Austritt abgestimmt wird. Ungefähr zeitgleich mit einer ähnlichen Abstimmung in Italien. Einziger Trost aus Sicht der Pro-Europäer ist der Wahlsieg des konservativen Reformers François Fillon. Er konnte  sich in der Stichwahl knapp gegen Marine Le Pen durchsetzen, weil selbst die linken Wähler angesichts dieser Alternative den Konservativen unterstützten. Ob dieser wie versprochen Reformen durchsetzen kann, bleibt angesichts der Generalstreiks, die das Land seither erlebt, jedoch zweifelhaft.

8. Die EZB lässt letzte Hemmungen fallen: Angesichts der zunehmenden politischen Spannungen in EU und Euroraum, der Abschwächung der Welt­wirtschaft und des erstarkenden Euro geht die EZB aufs Ganze. Statt wie noch im Frühjahr erwartet zum Jahresende aus dem Programm aus­zu­steigen, folgt die EZB dem Beispiel Japans und beginnt, neben Anleihen auch Aktien direkt aufzukaufen. Diese Käufe unterminieren das Vertrauen der Kapitalmärkte zusätzlich. Deshalb erklärt sich die EZB bereit, direkt Anleihen der EU zur Finanzierung von Infrastrukturmaßnahmen und weiteren Zukunftsprojekten zu kaufen. Das Helikopter-Geld wird Wirk­lich­keit. Mit diesem Billionen-Programm hofft man, die Stagnation zu überwinden. Zugleich wächst der Unmut in den Gläubigerländern weiter stark an.

9. Der Deal mit der Türkei platzt: Im Laufe des Jahres verschlechtert sich das Verhältnis der EU zur Türkei zusehends. Immer offensichtlicher wird die türkische Strategie im Nahen Osten und ihre Bereitschaft, die Inter­essen notfalls auch militärisch durchzusetzen. In der Folge kommt es zu einer Aufkündigung der Zusammenarbeit mit Blick auf eine Begrenzung der Migrationsströme. Die Balkan-Route wird wieder zum bevorzugten Weg für die Migranten aus Afrika und dem Nahen Osten.

10. In Deutschland regiert Schwarz-Rot-Grün: Nach einem der inten­sivsten Wahlkämpfe der bundesdeutschen Geschichte erzielen weder die große Koalition, noch Schwarz-Grün oder Rot-Rot-Grün eine Mehrheit. Die deutlich erstarkte AfD, eine stabile Linke und eine in den Bundestag zurückgekehrte FDP erschweren die Regierungsbildung. So findet sich eine große Koalition der Verlierer, nachdem die SPD sich geweigert hat, eine Koalition mit der FDP einzugehen.



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