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Arbeitsrecht Offline: Französische Angestellte haben ab sofort das "Recht auf Unerreichbarkeit"

04.01.2017, 14:34  |  2592   |   |   

Seit Anfang des Jahres gilt in Frankreich das festgeschriebene Recht, nach Feierabend keine Mails oder Anrufe mehr beantworten zu müssen. Vor allem psychischen Erkrankungen, wie Burnout oder Depressionen soll damit vorgebeugt werden.

Es ist das weltweit erste Gesetz seiner Art. Basierend auf einer Entscheidung des Obersten Revisionsgerichts darf in Frankreich keiner mehr gekündigt oder anderweitig benachteiligt werden, nur weil er außerhalb seiner Arbeitszeit nicht erreichbar war.

Eine Maßnahme, die sowohl den Arbeitgebern als auch Arbeitnehmern zugute kommen soll. Denn wie zahlreiche Studien belegen, wirkt sich die ständige Erreichbarkeit eines Mitarbeiters früher oder später zwangsläufig auf dessen Gesundheit aus. In den meisten Fällen sind längerfristige, psychische Erkrankungen wie Burnout oder Depressionen die Folge.

An der elektronischen Hundeleine

"Beschäftigte verlassen ihr Büro physisch, aber sie verlassen nicht ihre Arbeit. Sie bleiben mit ihr wie durch eine Art elektronische Leine verbunden - wie ein Hund. Die Texte, die Nachrichten, die E-Mails - sie bestimmen das Leben des Einzelnen bis zu dem Punkt, an dem er oder sie schließlich zusammenbricht", sagte der Parti-Socialiste-Abgeordnete Benoit Hamon gegenüber dem Fernsehsender "BBC".

Selbst, wenn es noch nicht so weit ist, hält das stundenlange Mailchecken trotzdem von der eigentlichen Arbeit ab. „Französische Angestellte verbringen im Schnitt 30 Prozent ihrer Arbeitszeit damit, ihre Mails zu kontrollieren“, sagte Rechtsanwalt Patrick Thiébart von der Kanzlei Jeantet der "Welt". Das wirke sich auf ihre Produktivität und Kreativität aus, ganz zu schweigen von der Konzentration, die unter ständig eingehenden Nachrichten auf dem Smartphone leidet.

Individuelle Umsetzung

Dass Arbeitnehmer durch die Mehrarbeit nach Dienstschluss oder sogar im Urlaub eine Auszahlung ihrer Überstunden verlangen, soll mit dem neuen Gesetz nun ebenfalls nicht mehr möglich sein. Stattdessen sollen sich die Sozialpartner in Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten darüber einigen, inwiefern sie das Gesetz umsetzen und das Problem nach der ständigen Erreichbarkeit angehen wollen. 

So manch ein Unternehmen hatte dafür schon vor Inkrafttreten des Gesetzes eine Lösung gefunden. Beim Versicherer Axa legt zum Beispiel eine Betriebsvereinbarung fest, dass E-Mails, die am Abend oder am Wochenende eingegangen sind, keine schnelle Antwort mehr erfordern. Der Reifenhersteller Michelin erfasst dagegen mittels eines EDV-Systems, wie lange seine Angestellten außerhalb ihrer Dienstzeit mit dem Server verbunden sind. Wurde länger gearbeitet, als im Vorfeld abgesprochen, findet ein klärendes Gespräch mit dem Vorgesetzten statt. 

Ein Konzern, welcher in Sachen bewusstes Zeitmanagement besonders radikal vorgeht, ist übrigens der deutsche Autobauer Volkswagen. Schon seit über fünf Jahren wird bei 3500 höheren Mitarbeitern die Verbindung zum Mailserver nach Feierabend einfach direkt gesperrt. Kritiker fürchten jedoch, dass sich die Betroffenen dann kurz vor Dienstschluss noch mehr unter Druck gesetzt fühlen, alles wichtige rauszuschicken, bevor das System abgeschaltet wird. 

 

Wertpapier: AXA porteur, Cie Generale des Etablissements Michelin, Volkswagen, Volkswagen Vz

Themen: Frankreich


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