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ETF Securities - Ausblick 2017 Auswirkungen eines „harten Brexit“

Nachrichtenquelle: ETF Securities
11.01.2017, 11:51  |  861   |   |   

Wofür steht die EU?

Jedes Mitgliedsland der Europäischen Union hält sich an vier fundamentale Prinzipien:

·         Freier Warenverkehr;

·         Dienstleistungsfreiheit;

·         Freier Kapital- und Zahlungsverkehr; und

·         Personenfreizügigkeit.

Die Verhandlungen zum Ausstieg Großbritanniens aus der EU sind mit erheblicher Unsicherheit verbunden. Eins scheint jedoch sicher zu sein: Der Zugang zum Binnenmarkt wird nicht kostenlos gewährt.

Ein „harter Brexit“ würde vermutlich zu einer Handelsbeziehung zwischen Großbritannien und der EU über die Welthandelsorganisation (World Trade Organisation, WTO) führen. Der Handel zwischen Großbritannien unterläge dann Zöllen und anderen Barrieren, die EU-Haushaltszahlungen würden eingestellt und die Einwanderung eingedämmt.


Zollunion vs. freier Handel ...

Eine Zollunion ermöglicht Ländern wie der Türkei, Andorra und San Marino, am freien Warenverkehr mit EU-Mitgliedsstaaten teilzunehmen. Allerdings können diese Länder keine freien Handelsabkommen mit anderen Nicht-EU-Ländern schließen und sind an die EU-Handelsvereinbarungen mit dem Rest der Welt gebunden. Ein reines Freihandelsabkommen wäre schwieriger zu bewerkstelligen und würde mühsame Verhandlungen nach sich ziehen (das Abkommen mit Kanada war erst nach sieben Jahren ausgehandelt). Eine solche Vereinbarung würde (im Gegensatz zu einer Zollunion) aber für Dienstleistungen gelten, und Großbritannien könnte uneingeschränkt Vereinbarungen mit Drittparteien abschließen.

... und EFTA und EWR

Dagegen ermöglicht das Abkommen zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) drei der vier Mitgliedsstaaten der Europäischen Freihandelsassoziation (European Free Trade Association, EFTA), nämlich Norwegen, Island und Liechtenstein, den Zugang zum EU-Binnenmarkt. Diese Länder müssen aber den vier „Grundfreiheiten“ der EU (mit bestimmten Ausnahmen, z.B. Landwirtschaft und Fischereipolitik) zustimmen und finanzielle Beiträge zum EU-Haushalt leisten. Alle EFTA-Mitglieder (einschließlich der Schweiz) haben die Möglichkeit, Handelsabkommen mit anderen Ländern außerhalb der EU zu schließen. Die Schweiz ist allerdings kein Teil des EWR, verfügt aber über eine Reihe bilateraler Abkommen mit der EU, welche den Handel und die Personenfreizügigkeit sowie den freien Kapital- und Zahlungsverkehr regeln. Dennoch tragen alle EFTA-Mitglieder zum EU-Haushalt bei.

Ein „harter Brexit“ zählt nicht zu unserem Hauptszenario. Wir rechnen eher mit einem „Mittelweg“ ähnlich dem EFTA-/EWR-Modell. Die Festlegung einer endgültigen Struktur wird jedoch jahrelange Verhandlungen erfordern. Dabei stellt sich die Frage, ob Großbritannien nach dem Verlassen der EU Teil des EWR bleiben wird.

Die Entscheidung des High Court hat die Pläne der Regierung, Artikel 50 bis März 2017 auszulösen, fürs Erste zunichte gemacht. Ein Einspruch beim Supreme

Court dürfte hinausgezögert werden, sodass sich der Zeitplan der Regierung höchstens als „Best-Case“-Szenario erweist.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Die Personenfreizügigkeit und die Beiträge zum EU-Haushalt waren für die britischen Wähler zentrale Aspekte bei der Entscheidung, die EU zu verlassen. Eine Folge könnten jedoch niedrigere Löhne sein, da die Zahl der Arbeitskräfte bei einem „harten Brexit“ abnimmt. Lohnveränderungen sind stark mit Veränderungen an der Zahl der in Großbritannien tätigen, nicht-britischen Arbeitnehmer korreliert.

Angesichts der Unsicherheit über das endgültige Abkommen mit der EU verschieben die Unternehmen allenfalls wichtige Investitionsentscheidungen, was wiederum zum dauerhaften Rückgang des Wirtschaftswachstums beiträgt. Daher ist es nicht überraschend, dass mit einem Einbruch der Wirtschaftsaktivität auch ein Rückgang der Nachfrage nach Arbeitskräften einhergeht.

 

Ein „harter Brexit“ wäre der britischen Wirtschaft abträglich, die in hohem Maße auf Finanzdienstleistungen angewiesen ist. Laut einer Schätzung des britischen Finanzministeriums dürfte die britische Wirtschaft über einen 15-Jahres-Zeitraum innerhalb der EU um 3,4-4,3% des BIP besser dastehen. Eine Änderung der Vorschriften im Hinblick auf die Vereinbarungen für den Zugang zum Finanzsektor („Passporting“) würde einen Rückgang der operativen Tätigkeit vieler Unternehmen in Großbritannien nach sich ziehen.

Darüber hinaus dürfte auch die Unsicherheit in Bezug auf die politische Landschaft der EU abschreckend bei Unternehmensinvestitionen wirken, da populistische Parteien in Europa zunehmend Zuspruch erfahren. Eine fragmentiertere Politik in Europa könnte sich negativ auf den Finanzdienstleistungssektor auswirken.

Auswirkungen auf den Haushalt

Der britische Finanzminister hatte für den Fall eines Austritts Großbritanniens aus der EU einen Ausgleich wegfallender EU-Zahlungen an Landwirte, Wissenschaftler und Universitäten garantiert. Schätzungen des Finanzministeriums zufolge beliefen sich diese Kosten 2014-15 auf rund 6 Mrd. GBP.

Zwar entwickeln sich die Prognosen zum öffentlichen Finanzierungssaldo (Public Sector Net Borrowing, PSNB) generell in die richtige Richtung. Allerdings wurde der Betrag, den die Regierung aufzunehmen hätte, deutlich unterschätzt. Im März 2016 prognostizierte das OBR (Office for Budget Responsibility) eine Schuldentilgung der Regierung bis 2019-20 – ein Jahr später als in den Haushaltsprognosen von März 2015 angegeben. Das PSNB-Niveau konnte bis September um 2,3 Mrd. GBP gesenkt werden. Dies ist aber deutlich weniger als die zur Erreichung der Haushaltsprognosen erforderlichen 20,5 Mrd. GBP.

Auswirkungen auf den Markt

Am Anleihemarkt rechnen wir mit einer leichten Versteilung der Gilt-Kurve, da das kurze Ende nach wie vor an die offiziellen Leitzinsen gekoppelt ist. Am langen Ende könnte es hingegen zu einer moderaten Neubewertung kommen, wenn erneut Sorgen über eine mögliche Aufblähung des britischen Haushalts aufkommen. Eine Weitung des Gilt-Bund-Spreads dürfte auf lange Sicht dennoch günstig auf den GBP wirken, wenn die wirtschaftlichen Auswirkungen immer deutlicher werden. Darüber hinaus scheinen die Negativmeldungen zu einem „harten Brexit“ unseres Erachtens bereits eingepreist zu sein.

 

Bei Aktien kam es zu deutlichen Unterschieden bei der Performance des FTSE100 und des FTSE 250. Ersterer hat seit dem EU-Referendum um über 13% zugelegt, während es bei Letzterem im selben Zeitraum nur beinahe 6% waren. Die Unternehmen des FTSE100 erwirtschaften rund 75% ihrer Umsätze im Ausland, sodass die Abwertung des GBP diese Umsätze beflügelt hat. Trotz der Unterschiede könnte sich die Lücke unseres Erachtens 2017 aus zwei Gründen schließen. Erstens wurde der FTSE250, wie das Pfund, überproportional stark von den Negativmeldungen zu einem „harten Brexit“ getroffen. Zweitens dürften sich die Umsatzvorteile im Ausland umkehren, wenn das Pfund Sterling wieder aufwertet, vor allem gegenüber dem Euro. Dies würde die Lücke zwischen den beiden Aktienbenchmarks verringern.



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