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Sollte man gerade jetzt Aktien kaufen?

01.02.2017, 15:44  |  958   |   |   

Seit jeher treibt Anleger die Frage um, ob gerade jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, Aktien zu kaufen. Und diese Frage stellt sich fast täglich neu, nie scheint wirklich klar zu sein, ob es endlich soweit ist.

Blicken wir auf den Jahresstart an den Börsen zurück, dann erlebten wir einen überraschend guten Aktienmarkt. Überraschend deshalb, weil durch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und seine Hauruck-Politik große Unsicherheit an die Märkte schwappt.

Und wenn man an das letzte Jahr zurückdenkt, da waren die ersten beiden Monate geradezu panische Ausverkaufszeiten. Immer weniger Analysten hatten in dieser Marktphase dazu geraten, in Aktien zu investieren, Weltuntergangspropheten hatten Hochkonjunktur. Nur wenige Anleger haben hier beherzt zugegriffen, denn es schien nicht die richtige Zeit, um in Aktien zu investieren. Mitte Februar drehten die Kurse urplötzlich und starteten eine Erholungsrallye. Von einer „Bärenmarktrallye“ war die Rede, einer Falle für diejenigen, die an eine nachhaltige Kurserholung glaubten. Die meisten Marktexperten waren sich sicher, dass der kurzen Erholung ein noch größerer Kursrutsch nach unten folgen würde, eine Kurslawine, die nur noch einmal Anlauf nimmt, um dann alles in die Tiefe zu reißen. Es schien nicht die richtige Zeit, um in Aktien zu investieren.

Und heute? Werden die Kurse steigen oder werden sie fallen, wohin tendieren die Börsen in den nächsten Wochen? Nun, ich kann dazu wenig sagen, denn ich weiß es nicht. Und ich kenne auch niemanden, der es sicher weiß. Ansonsten wäre er der gefragteste Interviewpartner der Welt und noch reicher als Bill Gates und Warren Buffett zusammen. Allerdings sind die Weltuntergangs- und Börsencrash-Propheten noch immer lautstark unterwegs und irgendwann werden sie auch mal wieder Recht bekommen. Ihr „Ich hab’s euch ja gesagt“ wird dann auf jeder Titelseite prangen und in jeder Wirtschafts-TV-Show verbreitet werden. Der lange Zeitraum, wo die Crash-Propheten falsch lagen – und Anleger mit ihren Prognosen viel Geld verloren oder nicht verdienten – die sind dann einfach vergessen. Doch die Aktienkurse erholen sich meist schon längst wieder, wenn die Pessimisten noch Hochkonjunktur haben in der öffentlichen Wahrnehmung. Im Nachhinein kann jeder Börsenkommentator sagen, weshalb die Entwicklung genau so eingetreten ist, wie sie eintrat. Im Vorhinein gelingt das kaum jemandem. Jedenfalls nicht mit einer Regelmäßigkeit, die einen Propheten-Status rechtfertigen würde.

Ignoriere die Kursbewegungen!
Da wir also wissen, was wir nicht wissen, sind wir schon mal einen Schritt weiter. Das Auf und ab der Kurse zu ignorieren, ist ein gut gemeinter Rat. Und ein guter, geradezu genial, aber leider kaum umsetzbar. Jedenfalls von Otto Normalanleger.

Es liegt in unserer Natur, die Börsenkurse anzustarren, sie zum Gradmesser unseres Börsenerfolgs zu machen. Wir betrachten eine Aktie immer anhand unseres Einstiegskurses und schätzen sie weniger aufgrund ihrer fundamentalen Entwicklung ein. Die Kurse scheinen immer recht zu haben und wenn sie fallen, wissen die anderen mehr als wir und wir fühlen uns als die Dummen, weil wir noch diese Aktien haben, deren Kurs fällt. Und auch wenn wir noch so oft gesagt bekommen, dass die anderen auch nicht mehr wissen, sondern aus tausend unterschiedlichen Gründen gerade jetzt diese Aktie verkaufen, so verdrängen wir dieses Wissen wieder und denken, alle anderen wären schlauer als wir.

Doch wer erfolgreich sein will mit seinen Investments an der Börse, der muss sich frei machen von den Kursschwankungen. Er muss sich auf die Unternehmen konzentrieren, auf ihre Geschäftsentwicklung. Und er muss die Börsenkurse nicht als Gradmesser für die Richtigkeit seiner Investments verkennen, sondern als das Instrument, das ihm große Chancen bietet. Nämlich immer dann, wenn die emotionale Börsenmeinung den Kurs aberwitzig von seinem eigentlichen Wert entfernt. Wer diese Chancen ergreift, hat den größten Erfolg, denn die großen Chancen bieten sich nicht dem, der genauso handelt wie alle anderen, sondern sie finden sich dort, wo alle anderen schon längst nicht mehr hinsehen.

Das Finanzgenie John Templeton
Ich möchte dieses erfolgreiche antizyklische Agieren an einem Beispiel verdeutlichen, an einem der größten Investoren, den die Welt je gesehen hat: Sir John Templeton. Er gründete 1954 den Templeton Growth Fonds, der mit seinen spektakulären Gewinnen 50 Jahre lang das Maß der Dinge an der Wall Street war. Dabei beherzigte er stets die Prinzipien des Value Investings und blieb seinem Credo treu, günstig zu kaufen und teuer zu verkaufen.

Templetons Aufstieg zum „wohl größten globalen Stock-Picker des Jahrhunderts“, wie ihn das US-Anlegermagazin Money 1999 titulierte, begann in der Baisse des Jahres 1939 auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Damals, als alle Anleger ihre Aktien zu jedem Preis auf den Markt warfen, lieh er sich 10.000 Dollar und kaufte querbeet Unternehmen, deren Aktienkurse unter 1 Dollar gesunken waren. Als er nach einigen Jahren diese Aktien verkaufte, war er ein reicher Mann, da beinahe alle diese Aktien erheblich im Kurs gestiegen waren. Er lebte also seine Maxime vor, in Zeiten des größten Pessimismus einzusteigen, diese unterbewerteten Aktien über einen längeren Zeitraum zu halten und dann teuer wieder zu verkaufen. Er war überzeugt, dass man andere Aktien als alle anderen kaufen müsse, weil man ansonsten eben auch keine andere, bessere, Rendite aufweisen könne.

Und der Erfolg seines Templeton Growth Fund bestätigte dies, denn zwischen dem Zeitpunkt der Auflage 1954 und dem Verkauf der Investmentgesellschaft an die Franklin Investment-Gruppe im Jahr 1992 für 440 Mio. Dollar erzielte der Fonds eine durchschnittliche jährliche Rendite von 14,5 Prozent.

Seine Anlagephilosophie bewährte sich auch kurz nach der Jahrtausendwende, als die Internetblase platzte und die Börsenkurse weltweit abstürzten. Getreu seinem Motto des antizyklischen Investierens hatte er da bereits den größten Teil seiner Technologie-Aktien verkauft und sein Fonds verlor zwischen 2000 und 2003 nur 2 Prozent, während der MSCI-World-Index um fast 40 Prozent in die Tiefe stürzte.

Nun könnte man sagen, dass Templeton einfach Glück hatte, zum Tiefpunkt einzusteigen und so ein Vermögen zu machen. Und natürlich spielte Glück auch eine Rolle. Allerdings blieb es ja nicht bei diesem einen Erfolg, Templeton reihte 50 Jahre lang einen Erfolg an den nächsten. Wie Warren Buffet, der auf dem Hochpunkt der Finanzkrise zweistellige Milliardenbeträge in die strauchelnden Banken investierte, in Wells Fargo, Bank of America und Goldman Sachs. Er kaufte, was keiner haben und als jeder es loswerden wollte. Und er verdiente Milliarden damit.

»Die beste Zeit für die Geldanlage ist dann, wenn man Geld hat. Die Geschichte deutet nämlich darauf hin, dass nicht der Zeitpunkt zählt, sondern die Zeit.«
(Sir John Templeton)

Gegen den Strom schwimmen ist nicht so einfach
Es ist schwierig, gerade dann Aktien zu kaufen, wenn alle anderen auf den Verkaufsknopf drücken. Die Nachrichtenlage ist dann nämlich so, dass man selbst auch eher Angst vor dem Untergang der Welt hat und vor diesem Szenario schreckt man zurück und versucht sein Geld lieber in Sicherheit zu bringen, als es genau dann zu investieren. Schaut man jedoch in die Geschichte zurück, dann erkennt man wiederkehrende Muster. Alle paar Jahre gibt es solche Schreckensszenarien und große Ausverkäufe und immer wieder erholen sich die Kurse von diesen Einbrüchen. Und dieses Muster führt zu der Erkenntnis, dass es vor allem die Spekulanten trifft, die auf kurzfristige Kursgewinne setzen, während die langfristig orientierten Anleger diese Kurseinbrüche gelassen hinnehmen können und am besten in diesen Phasen noch weitere Aktien zukaufen…

Auf www.intelligent-investieren.net geht es weiter.

Kissig Ein Beitrag von Michael C. Kissig

Er studierte nach Abschluss seiner Bankausbildung Volks- und Rechtswissenschaften und ist heute als Unternehmensberater und Investor tätig. Neben seinem Value-Investing-Blog „iNTELLiGENT iNVESTiEREN“ verfasst Michael C. Kissig regelmäßig eine Kolumne für das „Aktien Magazin“.

Bildquellen: Michael C. Kissig / dieboersenblogger.de

Wertpapier: DAX


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Christoph Scherbaum M.A. und Diplom-Betriebswirt Marc Schmidt sind die Gründer von dieboersenblogger.de. Der Social-Börsenblog wurde Ende 2008 im Zeichen der Finanzkrise von den zwei Finanzjournalisten gegründet und hat sich seither fest in der Börsenmedienlandschaft etabliert. Heute schreibt ein gutes Dutzend Autoren neben Christoph Scherbaum und Marc Schmidt über Aktien, Geldanlage und Finanzen. Weitere Informationen: www.dieboersenblogger.de.

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