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Rezension Nageln Sie mal einen Pudding an die Wand!

Gastautor: Claudius Schmidt
05.02.2017, 00:00  |  1072   |   |   

Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann: Das erste Leben der Angela M. Mit 17 Abbildungen. Piper Verlag München 2013, 336 Seiten, € 19,99. - Eine Rezension. Wenn ein Zeitgeschichtler und ein Journalist gemeinsam ein Buch schreiben, kommt im Idealfall etwas Brillantes dabei heraus: Der Historiker sorgt für die präzise Recherche der Fakten und ihre richtige Einordnung in den historischen Kontext, der Journalist garantiert die Lesbarkeit, die Spannung und atmosphärische Verdichtung. Reuth und Lachmann haben sich bei ihrer Arbeit nicht durch Interview-Absagen, verschwundene Dokumente und verriegelte Türen abschrecken lassen, sondern das Gespräch mit Zeitzeugen gesucht, Wirkungsorte Angela Merkels aufgesucht, die in verschiedenen Archiven verstreuten Puzzleteile wirksam zusammengefügt und das Bild eines sehr biegsamen, ambivalenten Menschen gezeichnet: Intelligent, fleißig, wendig und taktisch versiert - zugleich aber von wenig Substanz und Geradlingkeit. Es ist das Bild einer systemkonformen FDJ-Funktionärin, „die unter dem Eindruck von Glasnost und Perestroika für einen demokratischen Sozialismus in einer eigenständigen DDR eintrat“ (Klappentext).

Angesichts der jüngsten Wendungen hat das Buch vier Jahre nach seinem Erscheinen noch an Aktualität gewonnen. Das auf einem Tiefpunkt angelangte Verhältnis Deutschlands zu seinen EU-Partnern und seine gleichzeitige Anbiederung beim Autokraten Erdogan, die Rekordwerte beim Waffenexport und die Nonchalance gegenüber dem tödlichen Einsatz von Drohnen und den Abhörpraktiken der USA lassen an Merkels Wertesystem zweifeln. Deshalb fragen sich die Wähler hierzulande noch kritischer als 2009 und 2013: Was ist echt, was ist verbindlich an dieser Frau? Die in dieser Teilbiografie herausgearbeiteten Charakterzüge der Protagonistin liefern geeignete Erklärungsmuster für ihre Windungen und Winkelzüge.

Sozialistische Gesellschaftsordnung und Theologie in symbiotischer Beziehung

Zur Zeit der Wende in der DDR war Angela Merkel 35 Jahre alt. Das ist ein Alter, in dem der Charakter eines erwachsenen Menschen fertig ausgeprägt ist, selbst einer eher Spätentwicklerin wie Angela Merkel, von der ein Mitschüler sagte: „Angela gehörte schon damals zur CDU. Zum Club der Ungeküssten,“ (S. 90). Angela Dorothea Kasner zeigte von Kindheit an eine große Anhänglichkeit und Verehrung für ihren Vater, den „roten Kasner“, der im uckermärkischen Templin Leiter einer kirchlichen Fortbildungsstätte geworden war. Es ihrem Vater recht zu machen, der die sozialistische Gesellschaftsordnung in einer symbiotischen Beziehung zur Theologie sah, quasi als zwei Säulen desselben Systems, bot Angela Kasner beste Gewähr dafür, nicht mit dem System in Konflikt zu geraten. Für sie stellte es keinen Gegensatz dar, einerseits konfirmiert, andererseits als besonders tüchtige FDJ-Aktivistin ausgezeichnet zu werden.

Doch schon an diesem Punkt wird deutlich, wie schwer der Protestantin Merkel ein Bekenntnis fällt. Nach dem Beruf ihres Vaters gefragt, sagte sie lieber, er sei „Fahrer“ (S. 118) – Pfarrer stehen schließlich im Verdacht der Systemferne. Auch später fällt es ihr schwer, zu ihrer Vergangenheit zu stehen und Tatsachen nicht zu beschönigen: Der Bemerkung, sie komme aus einem kirchlichen Elternhaus, in dem Sozialismus gleichwohl kein Schimpfwort gewesen sei, habe sie widersprochen: „Wie kommen sie denn darauf? Mein Vater kam in den Sechziger Jahren zu der Erkenntnis, dass die Teilung Deutschlands für eine bestimmte Zeit als Realität hinzunehmen sei...“ (S. 44). War Horst Kasner etwa jemand, der zehn Jahre nach dem Wechsel seiner Staatsangehörigkeit von der BRD zur DDR plötzlich die Wiedervereinigung am Horizont auftauchen sah? Das ist kaum anzunehmen. Denn Kasner war ein Mann, der sich seine Meriten für den SED-Staat erwarb, der an der Ordnung einer DDR-eigenen Kirchenorganisation, dem BEK („Bund evangelischer Kirchen“) und der „Kirche im Sozialismus“ mitwirkte. Und als sei derlei Persilweiß nicht weiß genug, versteigt sich Merkel zu der Behauptung, ausgerechnet in ihrem Elternhaus sei die Fernsehsendung ZDF-Magazin des rechtskonservativen Holocaust-Überlebenden Gerhard Löwenthal geschaut worden: „Hinsichtlich der DDR gab es dort jedenfalls die pointierte Aussprache meiner Empfindungen“ (S. 55).

"Was ist sozialistische Lebensweise?"

Was sie für die DDR empfand, wäre sicherlich (wenn auch unter Berücksichtigung der zeitbedingten Tendenz) den schriftlichen Unterlagen ihrer Promotion zu entnehmen gewesen. Da auch die naturwissenschaftlichen Fächer unter der Aufsicht und Einflussnahme des Systems standen, war am Ende eines dreijährigen ML-Seminars von Merkel eine persönliche Arbeit einzureichen. „Was ist sozialistische Lebensweise?“ hieß das offenbar zur Zufriedenheit des betreuenden ML-Professors behandelte Thema. Die Arbeit, zwar nicht Teil der Dissertation, aber doch zum schriftlichen Teil des Promotionsverfahrens gehörig, sei bis heute verschollen, vermerken Reuth und Lachmann süffisant (S. 140), und zitieren genüßlich die spätere Erklärung der Kanzlerin: Sie habe kein Exemplar mehr, weil sie die Arbeit ohne Durchschlag „auf einer alten Adler-Maschine“ getippt habe (S. 141). So gelingt es den Autoren immer wieder, Ereignisse aus dem Leben Merkels neben späteren Kommentierungen in diffusem Licht oder scharfem Kontrast aufleuchten zu lassen.

Merkel: Die nach Orientierung suchende Wissenschaftlerin?

Besonders eingehend wird Merkels Verhalten zur Zeit der Wende 1989 in der DDR untersucht. Als am 9. November die Mauer „fällt“, ist sie gerade fünf Tage zuvor von einer Reise in das „nichtsozialistische Ausland“ heimgekehrt. In ihrem Interview-Buch „Mein Weg“ wird dieser Aufenthalt verschwiegen, erst später erinnert sie sich auf Nachfrage Ihres Biografen Gerd Langguth an die Reise nach Karlsruhe und Konstanz. Unvermeidlich, bei der Darstellung des Merkelschen Wegs vom Zentralinstitut für Physikalische Chemie über den Demokratischen Aufbruch bis ins Bundesfamilienministerium nicht auch ihr Verhältnis zu den Mitgliedern der Familie de Maizere, zu Wolfgang Schnur (Synodale und Rechtsanwalt) und Günther Krause, dem späteren Bundesverkehrsminister, zu beleuchten. Am 7. Dezember 1989 wandte sich Merkel zusammen mit Erika Hoentsch in einem offenen Brief an Christa Wolf, der sie vorwarfen, „die Möglichkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung auf zwei sich angeblich ausschließende Wege“ reduziert zu haben (S. 202). Zu Recht merken die Autoren an, dass ihre Äußerungen „erneut gar nicht zu dem von Angela Merkel im Nachhinein gezeichneten Bild von der Orientierung suchenden Wissenschaftlerin“ passten.

Fazit: Brillantes und brisantes Werk

Wenngleich keineswegs alle Fragen zu Merkels Werden und Denken in dem Buch von Reuth und Lachmann beantwortet werden, wird doch offenbar, dass die Protagonistin (anders, als es von einer Naturwissenschaftlerin erwartet werden darf) die Dinge nicht vom möglichen Ende analysiert, sondern sich in der Anpassung an gesellschaftliche Mehrheiten als äußerst elastisch erweist. Das Ergebnis einer solchen Haltung ist eine Politik, der es an Stringenz, Fundament, Verbindlichkeit und Reife mangelt. Konrad Adenauer reagierte auf die Aufforderung, einen politischen Gegner doch einmal auf seine Aussagen hin festzunageln, mit dem ironischen Ratschlag: “Nageln Sie mal einen Pudding an die Wand!“ Ganz ähnlich muss die heutige Kanzlerin wohl gesehen werden. Ein Charakter wie Peer Gynt: Viele Eigenschaften, viele Oberflächen. Mit fortschreitender Lektüre fragt sich der Leser: Wo ist der Kern? Am Ende ergeht es den Autoren wie Peers Freundin Solveig, die zu gern um diesen Kern wissen möchte, aber das Gleiche erlebt wie beim Schälen einer Zwiebel: Das tränenreiche Unterfangen endet aufschlussreich, aber ergebnislos.

Das ist aber nicht den Autoren anzulasten. Sie haben sich mutig der Schwierigkeit gestellt, über eine lebende zeitgeschichtliche Figur, zudem die mächtigste Frau im Staat, ungeschönte Fakten ans Licht zu bringen. Das ist ihnen geglückt. Herausgekommen ist ein ebenso brillantes wie brisantes Werk, das jedem Wähler noch vor der Bundestagswahl Erkenntnisgewinn verspricht.



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