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Marktkommentar Prof. Martin Webersinke (Wallrich Wolff AM): Neun (streitbare) Zukunftsaussagen

Nachrichtenquelle: Asset Standard
06.02.2017, 00:00  |  280   |   |   

Auf dem FONDS professionell KONGRESS in Mannheim hat Prof. Hartwig Webersinke verschiedene Thesen zu künftigen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen formuliert.

Auf dem FONDS professionell KONGRESS in Mannheim hat Prof. Hartwig Webersinke, Dekan an der Hochschule Aschaffenburg sowie Aufsichtsratsvorsitzender der Wallrich Wolf Asset Management AG, verschiedene Thesen zu künftigen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen formuliert. Einige Aussagen sind leicht nachvollziehbar, andere werden Sie überraschen und zu Diskussionen anregen.


Konjunkturzyklen sind abgeschafft: 
Konjunkturverläufe, bei denen sich Phasen des weltwirtschaftlichen Auf- und Abschwungs signifikant unterscheiden, gibt es in der alten Welt (USA, Europa, Japan) nicht mehr. Um in eine Boomphase einzutreten, bedarf es nennenswerter Investitionen, die aber nicht mehr getätigt werden. Auf der anderen Seite ergreifen die bedeutenden Notenbanken bei ersten Anzeichen einer wirtschaftlichen Verschlechterung alle zur Verfügung stehenden geldpolitischen Mittel, um ein Abgleiten in die Rezession zu verhindern. Die Industrieländer werden damit mehr oder weniger dauerhaft bei einem Wachstum von 1-2% bleiben, mit größeren Impulsen durch die Emerging Markets ist über Jahre hinweg nicht zu rechnen

Wer Arbeitsteilung zurückdreht, wird Wohlstand verlieren:
Großen Teilen der westlichen Bevölkerung ist der Zusammenhang zwischen Arbeitsteilung und Wohlstand nicht bekannt. Abkommen wie NAFTA (North American Free Trade Agreement) oder CETA, das Wirtschafts- und Handelsabkommen zwischen Kanada und der EU, aber auch Zusammenschlüsse wie die Europäische Union werden deshalb als Bedrohung angesehen. Die Globalisierung könnte so zu einem Auslaufmodell mit entsprechenden Folgen für die Weltwirtschaft werden. Dies werden die Briten im Rahmen des zu erwartenden harten Brexits sehr viel schneller erfahren als die Bürger anderer europäischer Länder.

Aufbruchsstimmung in Amerika: 
Große Teile der US-Bevölkerung verbinden den Politikwechsel mit den Erwartung, dass sich ihre wirtschaftliche Situation verbessern wird. Es herrscht eine Art Aufbruchsstimmung. Das Verbrauchervertrauen ist zuletzt auf ein 15-Jahres-Hoch angestiegen und die Indikationen für den Immobilienmarkt (Hausverkäufe, Neubaubeginne, …) sind ebenfalls positiv. Zusammen mit möglichen Steuersenkungen wird dies (zunächst) für eine deutliche Steigerung des Wirtschaftswachstums in den USA sorgen, von dem auch die restliche Welt profitieren sollte. Am Ende könnte es sogar zu einer Reduzierung der Schuldenquote kommen. Die deutsche Berichterstattung über Trump spiegelt das wahre Bild (bisher) nicht wider.

Infrastrukturprogramm Fehlanzeige: 
Auch wenn inzwischen eine Liste mit 50 möglichen Projekten im Gesamtvolumen von 137,5 Mrd. US-Dollar aufgetaucht ist, wird es kein breit angelegtes Infrastrukturprogramm geben. So ergibt es überhaupt keinen Sinn, bei faktischer Vollbeschäftigung und boomender Wirtschaft derartige Maßnahmen in die Wege zu leiten. Das werden Trumps Berater ihm hoffentlich vermitteln. Davon abgesehen können sich die USA dies mit einer Staatsverschuldung von 107% des Bruttoinlandsprodukts auch gar nicht leisten.

Fracking stabilisiert Ölpreise: 
Erst wenige Tage im Amt, hat Donald Trump per Dekret angeordnet, zwei umstrittenen Pipeline-Projekte, die von seinem Vorgänger gestoppt worden waren, wieder aufzunehmen. Das Fracking dürfte unter dem neuen Präsidenten mit seinen engen Verflechtungen zur Ölindustrie weiter ausgedehnt werden. Dies wird einen möglichen Ölpreisanstieg zukünftig stark begrenzen. Da das Fracking im Allgemeinen höhere Produktionskosten als die klassische Förderung über Bohrlöcher verursacht, scheiden diese Anbieter bei fallenden Preisen relativ schnell wieder aus dem Markt aus. Die Volatilität der Ölpreise wird damit zurückgehen, der „Risikofaktor Öl“ für die Weltwirtschaft an Bedeutung verlieren.

Deutschland: Gegenwart hui, Erwartungen pfui: 
Der jüngste ifo Geschäftsklimaindex glänzte gerade erst wieder mit langjährigen Rekordwerten bei der Beurteilung der aktuellen Geschäftslage. Gleichzeitig sind die Erwartungen aber deutlich nach unten gegangen. Diese Diskrepanz zwischen dem Gegenwartsempfinden und den Zukunftserwartungen, die nicht nur in den Chefetagen, sondern auch bei breiten Bevölkerungsschichten zu erkennen ist, hat es früher nicht gegeben, und sie ist für den Aufwind populistischer Parteien und Politiker mitverantwortlich. Begründet könnte der Zukunftspessimismus auch darin sein, dass es für Menschen ohne Wohneigentum und Wertpapierbesitz seit vielen Jahren keine Vermögenszuwächse gegeben hat. Nur 44% der Bundesbürger wohnen in den eigenen vier Wänden (niedrigste Quote in Europa), lediglich 9 Mio. Deutsche besitzen Aktien oder Aktienfonds. Die Ungleichheit der Vermögen nimmt deshalb rapide zu.

Italien und Frankreich als größte Gefahren: 
Über Griechenland und Portugal lohnt es sich hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr zu sprechen. Nennenswerte Reformfortschritte sind weder erkennbar, noch zu erwarten. Die eigentlichen Gefahren für die Eurozone gehen von Italien und Frankreich aus. Italiens Bankensystem ist insolvent, die 2014 von der EU für solche Fälle vereinbarten Bail-in-Bestimmungen (Beteiligung der Gläubiger) lassen sich aber nicht durchsetzen, da hiervon zu viele Sparer betroffen wären. Der Sündenfall ist damit bereits beim ersten Test eingetreten. Zudem fehlen nach dem Referendum jegliche Reform- und Wachstumsperspektiven. Frankreich ist dagegen reformunwillig. Prognosen für die Ende April bzw. Anfang Mai stattfindenden Präsidentschaftswahlen sind unmöglich geworden, ein Sieg Marine Le Pens kann – anders als noch vor einigen Monaten – nicht mehr ausgeschlossen werden.

Die Inflation ist tot und wird es bleiben: 
Seit einigen Wochen ist in der Presse gehäuft vom Wiedererstarken der Inflation zu lesen. Begründet wird dies mit dem Anstieg der Verbraucherpreise von zuletzt 0,5% auf 1,5% im laufenden Jahr (Schätzung des ifo Instituts). Bei der Kerninflation (Inflation ohne Lebensmittel und den Energiesektor) werden sich aber keine nennenswerten Veränderungen ergeben. Die deflationären Kräfte wie Demografie und Digitalisierung sind derzeit viel stärker als die inflationären Tendenzen. Draghi wird dieses Jahr deshalb stillhalten, auch weil Italien sonst „absaufen“ würde. „Es gibt keine Tabus!“

Die mittelfristigen Aussichten für den DAX sind gut: 
Am deutschen Aktienmarkt ist keine Blase zu erkennen. Der heimische Blue Chip-Index notiert zwar nur noch knapp unter seinem Allzeithoch vom April 2015 (12.374 Punkte), das aktuelle Niveau ist durch die mitziehenden Firmengewinne fundamental aber gut abgesichert. Hinzu kommen die soliden Rahmenbedingungen, wie die extrem tiefen Zinsen, die niedrigen Rohstoffpreise und eine wieder etwas stärker wachsende Weltwirtschaft. Gleichwohl wird das „Superwahljahr 2017“ viel Unsicherheit und Volatilität in die europäischen Märkte bringen. 

Themen: Öl, Euro, Italien


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