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brokerdeal.de Hat FXCM eine Zukunft?

15.02.2017, 15:12  |  455   |   |   

Zwei Jahre zum Vergessen für FXCM ist wohl noch moderat ausgedrückt. Denn dass durch die US-Turbulenzen auch den anderen Niederlassungen Gefahr drohen könnte, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber gewichtige Argumente sprechen auch für den Überlebenskünstler FXCM. Versuch einer Bestandsaufnahme.

Für die wenigen Trader und Leser, die von den jüngsten Geschehnissen noch nichts mitbekommen haben sollten: der amerikanischen Niederlassung von FXCM wurde nach einer Strafe auch die Lizenz entzogen, samt Bann für die beiden Geschäftsführer. Der Vorwurf: zugkräftige Werbung indem man sich als "No Dealing Desk"-Broker bezeichnete, dabei aber indirekt an einem der angeschlossenen Liquiditätsprovider beteiligt war. Der bevorzugt Orders erhalten haben soll, und im Gegenzug Provisionen an FXCM zahlte. Einen kurzen Überblick dazu finden Sie in diesem letzten Artikel.

Um den Überblick nicht zu verlieren, kann man sich etwa an dieser chronologischen Zeitlinie orientieren:

fxcm-timeline

Folgende Aufstellung hat natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Quellen sind sich nicht immer einig, und von offizieller Seite hält man sich zurück mit Detaileinblicken. Aber nicht wenige Mitglieder haben ein oder mehrere Konten bei FXCM und viele drängende Fragen. Daher dieser Versuch eines Blicks in die Kristallkugel. Die Frage, ob FXCM eine glänzende Zukunft hat, oder doch das Damoklesschwert fallen wird, versuchen wir für uns anhand einer klassichen Pro- und Contra-Analyse zu klären.

Das wird schon wieder

  • Wo ist der Schaden für die Kunden? Ist der tatsächlich erwiesen? Man darf nicht aus dem Auge verlieren, von wem die Strafe und der Bann ausgesprochen wurden. Von der CFTC. Der US Commodity Futures Trading Commission. Dass denen die FX-Broker ein Dorn im Auge sind, ist ein alter Hut.

    Wenn die Kunden nun tatsächlich einen Schaden erlitten haben, warum dann die relative niedrige Strafzahlung von 7 Millionen USD, und keine Rückerstattung an die Kunden, wie davor auch schon mal praktiziert wurde? In diesem interessanten Artikel legt ein ehemaliger leitender Angestellter von FXCM dar, warum seiner Meinung nach der Bann von FXCM in den USA eine ganz schiefe Optik hat.

    Kurz zusammengefasst: der Liquiditätsprovider Effex Capital soll sich bei seiner Preisstellung nicht am Interbankenmarkt oder Reuterskursen orientiert haben, sondern an den FXCM-Kursen. So konnte regelmäßig gegenüber den anderen angeschlossenen LP´s ein besserer bid/ask gestellt werden, und wurde in logischer Folge ein großes Ordervolumen angesaugt.

    WENN diese an Effex Capital gerouteten Orders also zum besten verfügbaren Kurs ausgeführt werden konnten, dann entstand den Kunden auch kein Schaden. Dass von LP´s Rebates gezahlt werden, ist auch kein Sonderfall. Der Artikel mag nicht ganz objektiv sein, aber war es die CFTC?

  • Durch den Verkauf der US-Klienten an GAIN Capital werden ca. 52 Millionen USD an Kaution frei. Diese werden wohl zum Großteil dem Kreditgeber Leucadia zugute kommen. Dazu kommt der variable Zahlungsfluss von bis zu 500 USD pro übernommenem Kunden. Detail am Rande: 2013 scheiterte GAIN noch mit dem Versuch, die US-Kunden von FXCM zu übernehmen.

  • Ein Restrukturierungsplan sieht die Kündigung von ca. 150 Angestellten vor. Das wären 18 % des globalen Personals von FXCM. Durch die Auflösung der US-Niederlassung ist der Bedarf nach Personal natürlich entsprechend gesunken. Das wird die Kosten noch einmal senken. Und

  • war FXCM LLC, die US-Niederlassung von FXCM, nicht mehr profitabel zuletzt. Zumindest wenn man von offiziellen Angaben ausgeht. Auf Raffinessen der Buchhaltung und Bilanzierung global tätiger Unternehmen möchte ich hier heute nicht näher eingehen. Der Broker betont auch erneut wie solide die Zahlen insgesamt auch bzw. vor allem ohne den US-Markt aussehen, und dass man weltweit immer noch zu den größten Anbietern zähle. Zu diesem Zweck wurde nachfolgende Tabelle veröffentlicht.fxcm_revenues
    Das letzte Geschäftsjahr, welches mit September 2016 endete, brachte also einen schönen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 20 Millionen USD. Ohne den Verlust der US-Niederlassung wären es fast 50 % mehr gewesen.

Schlussgong ist eingeläutet
 

  • Sehen doch doch gut aus die Zahlen, gesund. Sollte man meinen. Allerdings fangen erstens die jüngsten Probleme erst 2017 an. Von einer Ertragsdelle darf man wohl ausgehen.

    Und zweitens muss man von dem schönen EBITDA-Überschuss noch Abschreibungen, Steuern und Zinsen abziehen. Die beiden erstgenannten Posten wollen wir erstmal links liegen lassen, hier fehlt uns der konkrete Einblick. Was allerdings die Zinszahlungen an Leucadia angeht, diese dürften es in sich haben.

    Ausgehend von dieser Pressemitteilung von FXCM wurde ursprünglich ein Zinssatz zwischen 10 und 17 % vereinbart. Wie Recherchen zeigen, bewegt man sich mittlerweile an der Obergrenze dieser Spanne. 17 % sind heftig, die endgültige Belastung hängt jetzt natürlich noch von der ausstehenden Tilgungssumme ab. Anfang 2016 waren noch ca. 190 Millionen USD ausstehend. Jüngere Zahlen sind nicht zu bekommen gewesen. Wenn ich wohlwollend einfach von einer Schätzung von 100 Millionen ausstehender Tilgungssumme ausgehe, dann sprechen wir von 17 Millionen jährlicher Zinsbelastung.

    Von einem Überschuss ist also nicht auszugehen.

  • Wie wird der Kreditgeber Leucadia reagieren? Versuchen im Rest der Welt mit voller Fahrt weiterzudampfen, oder bekommt man Angst um das Investment und verscherbelt das Tafelsilber? FXCM-Kunden sind, muss man so sagen, einiges gewöhnt. Die lassen sich nicht so leicht erschüttern, wie wir im nächsten Punkt sehen werden.

    Alles wird wohl davon abhängen, wie die wertvollsten Klienten auf die Entwicklungen reagieren, ob diese sich einen anderen Anbieter suchen oder loyal bleiben. Der Aktienkurs wird jedenfalls keinen Investor ruhig schlafen lassen:

    fxcm (3)

    Chart by guidants.com

  • Die aktuelle Strafe ist ja nicht die erste ihrer Art. Für das größte Aufsehen hat sicherlich der Vorfall in 2011 gesorgt, als FXCM für asymmetrische Slippage gestraft wurde. In diesem Fall wurde von der NFA eine Strafe von 2 Mio USD verhängt, und Kunden mussten entschädigt werden. Die FCA in Großbritannieren hat in Folge ebenfalls eigene Untersuchungen angestellt. Und verhängte drei Jahre (!) später eine Strafzahlung von 4 Mio Pfund. Auf diverse "kleinere" Strafen wollen wir an dieser Stelle gar nicht ausführlich eingehen, nur kurz auf die jüngste Strafe verlinken über 650.000 USD, erneut von der CFTC verhängt.

    Fool me once, shame on you. Fool me twice, shame on me.

    Hat es bei FXCM also System, sich nie ganz an die Bestimmungen der Regulierungsbehörden und an den Erlaubnisumfang der Lizenzen zu halten? Oder ist die Compliance schlicht überfordert in diesem riesigen weltweiten Unternehmen?
    Oder ist man imstande die Ethik hoher Standards doch wieder für sich zu entdecken, wozu es wohl einer neuen Führungsmannschaft bedarf? Fragen über Fragen...

  • Was sich nie sofort in Zahlen gießen lässt, ist der enorme Reputationsschaden. Nach dem vorhin erwähnten Vorfall hielten die meisten Kunden FXCM die Stange, doch diesmal ist der Aufruhr deutlich lärmintensiver. FXCM kann sich noch so anstrengen in Europa und Asien mit noch so tollen Produkten: sollte der Ruf endgültig ruiniert sein, wird man sich nicht halten können. Hier erlauben wir uns kein Urteil, das muss die Zukunft erst zeigen.

  • Folgt etwa die FCA (UK) wieder mit eigenen Strafen, eigenen Untersuchungen? Laut einer bestens informierten Quelle landeten auch Orders der europäischen FXCM Ltd. (UK)-Kunden in diesem Liquiditätspool, wo zumindest zwischen 2009 und 2014 auch Effex Capital ausgeführt hat. Wenn dem tatsächlich so ist, wird die FCA um eine Reaktion nicht herumkommen. Das letzte Mal hat es allerdings satte drei Jahre gedauert, bis man mit den eigenen Untersuchungen durch war. Das wäre eine sehr lange Phase der Ungewissheit.

    Laut FXCM hat man die FCA diesmal frühzeitiger unterrichtet von den Untersuchungen gegen das Unternehmen in den USA. Aber war das rechtzeitig genug, wozu man verpflichtet ist? Und werden die Regulierungsbehörden außerhalb der USA den Fall genauso sehen wie die CFTC, oder gemäß dem ersten Pro-Argument besonnener vorgehen?

Fazit

Hat FXCM eine Zukunft? Um darauf eine eindeutige Antwort geben zu können, bräuchten wir eine Kristallkugel. Auch Kunden und Entscheidungsträger bei FXCM hätten diese wohl gerne. Der Wechselwille war in der Vergangenheit schwach ausgeprägt, waren die Plattform und das Angebot von FXCM doch starke Argumente für aktive Trader. Wir bei BrokerDeal können nur raten, und das machen wir nicht gerne. Daher soll sich jeder selbst ein Urteil bilden, hoffentlich konnten wir mit dieser Bestandsaufnahme dazu beitragen.

Viel Erfolg beim Trading
Michael Hinterleitner



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Bereits mit 16 der Faszination Börse erlegen, wurde Trading neben dem Studium der Wirtschaftswissenschaften zu seiner Hauptbeschäftigung, seit 2006 ist er auch als Redakteur und Trader bei GodmodeTrader.de tätig. Sein Fokus: Swing- und News-Trading mit Aktien. Neben der täglichen spannenden Jagd an den Börsen kam 2011 die Idee zu einem neuen Brokervergleich, der nicht nur einen detaillierten Blick hinter die Kulissen erlaubt, sondern auch handfeste Vorteile für Mitglieder bringt.
Als Mitbegründer der Vergleichsplattform www.brokerdeal.de hat sich Michael Hinterleitner zum Ziel gesetzt, Licht in den Brokerdschungel zu bringen. Er erklärt, worauf es bei der Brokerwahl ankommt, welcher Anbieter für welche Bedürfnisse Sinn macht, und auf welche Unterschiede man bei den Produkten und der Ausführungsqualität achten sollte.

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