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brokerdeal.de Abschaffung der Nachschusspflicht - fairer Deal für Trader?

22.02.2017, 14:00  |  805   |   |   

Auf den ersten Blick klingt es nach einer sehr guten Nachricht für CFD und Forex Trader – die Nachschusspflicht soll abgeschafft werden. Wird sie doch als eine der größten Risiken und Nachteile des CFD Handels angesehen. Es lohnt sich jedoch, einen kritischen Blick auf mögliche Konsequenzen und Effekte zu werfen, die nicht sofort offensichtlich werden.

Erst Anfang Februar haben wir im Artikel "Verbot der Nachschusspflicht: der Drops ist noch nicht gelutscht!" beschrieben, dass der Plan der BaFin, CFDs mit Nachschusspflicht zu verbieten, noch nicht durch ist.

Selten wird berücksichtigt, dass die Nachschusspflicht des Kunden in direktem Zusammenhang mit dem finanziellen Risiko steht, das der Broker trägt. Es ist der Broker, der in der Verantwortung steht, wenn der Kunde seiner Nachschusspflicht nicht nachkommt. Jahrelange Erfahrung zeigt, dass die Nachschuss-Situation zum einen eher Seltenheitswert hat, und dass zum anderen die Kunden einer Forderung zum Nachschuss in der Regel nachgekommen sind. Trotzdem sollte das jeweilige Risikomodell des Brokers genau unter die Lupe genommen werden, bzw. sollten dazu einige kritische Fragen erlaubt sein.

Wie unterscheiden sich die üblichen Risikomodelle verschiedener Broker?

Hier gibt es zwei grundlegende Unterschiede, die kurz umrissen werden.

a) Zum einen hält der Broker das Risiko des Kunden in den eigenen Büchern. Das heißt, er nimmt die Gegenposition zum Kunden ein, was ihn hinsichtlich Erfolg und Misserfolg des Kunden in einen potentiellen Interessenkonflikt bringt. Auf der anderen Seite ist immer Liquidität vorhanden, da in diesem Fall der Market Maker für die Kursstellung sorgt.

b) Zum anderen vermittelt der Broker lediglich die Order und nimmt bezogen auf die Kundenposition kein eigenes Risiko auf sich. Hierfür schlägt er entweder beim Spread auf oder erhebt eine Kommission. Er bleibt damit vollständig neutral zur Kundenposition.

Was unterscheidet beide Modelle bezogen auf die Nachschusspflicht?

Nehmen wir das populäre Beispiel des EUR/CHF. Die Annahme ist, ein Kunde eröffnet mit einem Kontostand von 5.000 € eine Position von 100.000. Je nach Ausführungskurs zieht die Abwertung verschiedene Szenarien zwischen -15 % und -25 % nach sich. Wir schätzen konservativ und gehen der Einfachheit halber von -15 %, also einem Verlust von rund 15.000 € aus. Der Kunde sieht sich also mit einer Nachschusspflicht von 10.000 € konfrontiert.

Wie sehen in diesem Szenario die Risiken sowie der Profit/Loss des Brokers aus?

Broker mit Modell a) haben aufgrund der Gegenposition nun 15.000 € verdient. Ein Erlös, der letztlich in Zusammenhang mit dem Verlust des Kunden steht.

Broker mit Modell b) erreichen einen Erlös von rund 15 € über Spread oder Kommissionen. Ein Gewinn, der ausschließlich aus der Einnahme der Nebenkosten besteht.

Es liegt auf der Hand, dass sich Broker mit Modell a) in einer komfortablen Situation befinden, um den negativen Betrag auszugleichen. Schließlich bleibt nach Ausgleich der Nachschusspflicht von 10.000 € noch immer ein Gewinn von 5.000 €.

Broker der Kategorie b) landen hingegen bei einem Minus von 4.985 €. Überspitzt formuliert, riskiert dieser Broker 4.985 €, um unterm Strich 15 € zu verdienen. Hand aufs Herz: Welcher Trader würde einen solchen Trade eingehen?

Wie kann ein Broker sich gegen Nachschusspflicht schützen?

Wie Broker der Kategorie a) damit umgehen, wurde oben erläutert.

Es wird offensichtlich, dass sich Broker der Kategorie b), deren Risikomodell Neutralität und Fairness gegenüber dem Kunden garantiert, sich bei Abschaffung der Nachschusspflicht für die Kunden anderweitig gegen ein außergewöhnliches Ereignis versichern müssen.

Es ist unstrittig, dass Versicherungen Geld kosten. Die entscheidende Frage ist, wie viel Geld wird eine solche Versicherung die Broker kosten und wie viel davon muss und wird an den Trader weitergegeben. Eine gute Indikation hierfür sind die Kosten für garantierte Stopps bzw. die Risikoprämien bei Optionen. Bemerkenswert ist hier, dass vor besonderen Ereignissen, wie z.B. der letzten US Präsidenten Wahl, viele Broker eben keine garantierten Stopps erlaubten. Wieder konservativ gerechnet kommt man hierbei auf einen Wert von 2-20 Pips. Setzt man dies ins Verhältnis zu einem „normalen“ EUR/CHF Spread von 2-3 Pips, kommen wir auf eine Steigerung der Kosten für ALLE Trader von 60-1.000 %. Bei einer so massiven Kostensteigerung stellt sich natürlich die Frage des Mehrwerts für den Trader.

Welche Trader sind überhaupt von einer Nachschusspflicht betroffen?

Hier zeigt die Erfahrung, dass dies fast ausschließlich sehr risikobereite Trader sind, die mit enormen Positionen auf äußerst volatile Marktbewegungen spekulieren. Geht die Spekulation auf, winkt ein großer Gewinn. Geht sie nicht auf, droht aktuell die Nachschusspflicht. Dies klingt nach einem fairen Deal für diese Trader.

Nicht fair ist allerdings, dass durch die Abschaffung der Nachschusspflicht und die damit erhöhten Kosten alle Trader mehr zahlen müssen, um die Kamikaze-Trader zu subventionieren.

Ist das Tradingkapital durch die Abschaffung der Nachschusspflicht besser geschützt?

Im Zuge des Schweizer Franken Debakels ging bekanntlich der UK Broker Alpari insolvent. Nur eine sehr kleine Minderheit der Kunden dieses Brokers hatte tatsächlich in den Schweizer Franken investiert. Trotzdem mussten alle Kunden unter dieser Pleite leiden. Auch wenn die Einlagensicherung letztlich griff, entstand ein hoher administrativer Aufwand für die Kunden und die Gelder waren wochen- und monatelang eingefroren. Auch hier haben Kunden, die risikobewusst gehandelt haben, unter dem verantwortungslosen Verhalten anderer gelitten.

Wir spielen dieses Szenario unter Berücksichtigung einer gesetzlich verbotenen Nachschusspflicht in Deutschland durch. Die Annahme ist, dass durch ein ähnliches Ereignis wie den CHF (oder Brexit oder eine US Wahl oder ähnliches), mehrere Kunden in (hohe) Nachschusspflichtforderungen kommen würden. Der Broker könnte diese nicht ausgleichen und müsste Insolvenz anmelden. Durch den Verlust dieser Positionen sind dann nicht mehr alle Gelder vorhanden (wie auch bei Alpari). Was passiert nun? Die Einlagensicherung müsste greifen und würde nun die negativen Kontostände der Kamikaze-Trader ausgleichen. Damit zahlen nicht nur die CFD Trader, sondern alle Konsumenten, die Bankkonten haben, für das risikoreiche Verhalten einiger weniger. Auch das ist alles andere als fair.

Wie sehen Alternativen zur Abschaffung der Nachschusspflicht aus?

Zusätzlich hätten Broker weitere Möglichkeiten, sich gegen diese Zahlungen zu schützen. Ein früheres Close Out Level, eine Erhöhung der Marge, eine Einschränkung des Produktangebots sollen hier nur ergänzend genannt werden.

Wie zuverlässig ist das Versprechen „Keine Nachschusspflicht“?

Ein häufig vorgebrachtes Argument ist, dass die Szenarien wie oben beschrieben übertrieben sind. Es würde auch jetzt schon Broker ohne Nachschusspflicht geben und diese wären schließlich auch mit konkurrenzfähigen Konditionen am Markt.

Dies ist richtig, man sollte dabei aber nicht vergessen einen Blick auf die AGBs zu werfen. Dort wird der Verzicht oft wieder aufgeweicht. Die Nachschusspflicht besteht rechtlich und es ist dann alleinige Entscheidung des Brokers, diese durchzusetzen oder nicht.

Wie verhältnismäßig sind die Abschaffung der Nachschusspflicht und ihre Konsequenzen?

Abschließend sei gesagt, dass das aktuelle Angebot am deutschen CFD Markt von den Kunden ausgesprochen gut angenommen wird. Die Kundenzahlen wachsen, die Zufriedenheitswerte der Umfragen sind sehr hoch und von einer signifikanten Zahl offizieller Beschwerden ist nichts zu hören.

Man muss sich nur vor Augen führen, dass ein unzufriedener Trader innerhalb weniger Sekunden seine Position nahezu ohne Kosten schließen und einen neuen Anbieter wählen kann. Das ist ein wesentlicher Unterschied beispielsweise zu einer Versicherung, einem Bausparvertrag oder ähnlichem. Es ist überhaupt kein Problem, dass unzufriedene Kunden den Dienstleister wechseln. Allein hierdurch sind diese gezwungen, ein faires und konkurrenzfähiges Produkt bereitzustellen.

Es scheint geradezu absurd, ein am Markt sehr gut angenommenes Produkt wegen einigen wenigen Hassadeuren zu modifizieren. Zumal damit die Konditionen für alle risikobewussten und vernünftig agierenden Trader eingeschränkt und verteuert werden. Die Masse der Trader soll scheinbar für die Eskapaden einzelner Akteure zahlen. Das klingt nicht sonderlich fair.

Broker ohne Nachschusspflicht

Viel Erfolg beim Trading
Michael Hinterleitner



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Bereits mit 16 der Faszination Börse erlegen, wurde Trading neben dem Studium der Wirtschaftswissenschaften zu seiner Hauptbeschäftigung, seit 2006 ist er auch als Redakteur und Trader bei GodmodeTrader.de tätig. Sein Fokus: Swing- und News-Trading mit Aktien. Neben der täglichen spannenden Jagd an den Börsen kam 2011 die Idee zu einem neuen Brokervergleich, der nicht nur einen detaillierten Blick hinter die Kulissen erlaubt, sondern auch handfeste Vorteile für Mitglieder bringt.
Als Mitbegründer der Vergleichsplattform www.brokerdeal.de hat sich Michael Hinterleitner zum Ziel gesetzt, Licht in den Brokerdschungel zu bringen. Er erklärt, worauf es bei der Brokerwahl ankommt, welcher Anbieter für welche Bedürfnisse Sinn macht, und auf welche Unterschiede man bei den Produkten und der Ausführungsqualität achten sollte.

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