Meyer Burger vor dem Ende
Der letzte Vorhang für die Solarhoffnung aus
Thun
Der Turnaround ist wohl gescheitert, und ein Käufer wurde nicht
gefunden: Der einstige Solarüberflieger Meyer Burger steht vor dem
Aus.
In Kürze:
- Der Solarhersteller Meyer Burger hat die Produktion in den USA
eingestellt.
- In Deutschland läuft die Produktion dank Insolvenzgeld
vorübergehend noch weiter.
- Der Handel mit der Aktie an der Schweizer Börse wurde am Montag
ausgesetzt.
- Die langjährige Geschichte des Konzerns steht damit wohl vor dem
Ende.
Im Winter 2023 hat eine Aktie von Meyer Burger über 180 Fr.
gekostet. Anfang Juni 2025 notierte sie noch bei 0.75 Fr. Dann
folgte der wohl letzte Schlag: Die Schweizer Börse SIX setzte den
Handel mit dem Papier aus. Das Unternehmen hatte es nicht einmal
mehr geschafft, die bereits verschobene Jahresrechnung zu
publizieren.
Der Niedergang der einst stolzen Gesellschaft zeichnete sich zwar
schon lange ab. Das Ende kam trotzdem überraschend schnell. Noch im
Sommer 2022 liess sich der deutsche Vizekanzler und
Wirtschaftsminister Robert Habeck durch eine 2021 eingeweihte
Fabrik von Meyer Burger in Ostdeutschland führen.
CEO Gunter Erfurt sprach mehrfach von einer «Energiewende Made in
Europe». Er wurde auf Branchenpodien als Verfechter einer neuen
Industriepolitik gefeiert. Und er sprach gar in der Polit-Talkshow
von Markus Lanz. Sein Konzern galt als europäische Antwort auf die
chinesische Übermacht in der Solarenergie.
2025 ist die Realität eine andere: Entlassungen in Deutschland und
den USA, Insolvenzanträge, der Rückzug auf ein kleines
Entwicklungszentrum in Thun. Das Unternehmen, gegründet 1953 in
Hünibach am Thunersee durch Hans Meyer und Willy Burger, ist
faktisch Geschichte.
Aufstieg zum Solarpionier
Doch von Anfang an: Was als kleine Maschinenbaugesellschaft im
Kanton Bern begann, entwickelte sich in den Nullerjahren zu einem
der vielversprechendsten Schweizer Industrieprojekte. Ursprünglich
spezialisierte sich das Unternehmen auf Maschinen zur Bearbeitung
von Uhrensteinen, später auf Drahtsägen für Siliziumwafer. Diese
Sägen wurden dann zur Schlüsseltechnologie der damals noch jungen
Solarindustrie.
Ab 1999 belieferte Meyer Burger die internationale
Photovoltaikbranche mit präzisen Hochleistungssägen. Seit 2002
leitete Peter Pauli die Geschicke des Unternehmens. Und führte es
2006 an die Börse. Das IPO markierte definitiv den Übergang vom
Familienunternehmen zum globalen Industrieplayer.
Die Gesellschaft wuchs schnell, auch durch Übernahmen: 2009
fusionierte sie mit 3S. 2011 folgte die Akquisition des deutschen
Maschinenbauers Roth & Rau. Die Zukäufe machten Meyer Burger
zum Komplettanbieter für Solartechnologie.
Maschinen für die gesamte Fertigungskette kamen nun aus einer Hand.
Der Konzern beschäftigte zu Spitzenzeiten 2500 Mitarbeiter in
Europa, Asien und Nordamerika. 2011 lag der Börsenwert bei rund 2,1
Mrd. Fr. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar: Zuletzt betrug er
noch 24 Mio.
Absturz ab 2012
Doch ab 2012 zog ein Sturm auf. Der
rasante Aufstieg der chinesischen Solarindustrie veränderte die
Marktmechanismen. Die Chinesen produzierten zu günstigeren Preisen.
Sie übernahmen ganze Wertschöpfungsketten, und das oft mit
staatlicher Unterstützung.
Die europäischen Konkurrenten hingegen gerieten ins Hintertreffen.
In Deutschland kürzte die Regierung ab 2012 die Förderbeiträge für
Solartechnologie massiv. Innerhalb weniger Jahre brach die
Beschäftigung in der Branche ein. Auch Meyer Burger spürte dies mit
voller Wucht.
Der Konzern reagierte mit Umstrukturierungen und dem Abbau von
Stellen. 2018 schloss er die Produktion in Thun im Berner Oberland.
Er verkaufte Beteiligungen und verlagerte das Geschäft ins
Ausland.
Immer wieder wurde die Strategie angepasst, allerdings ohne
nachhaltigen Erfolg. 2019 notierte die Aktie erstmals unter 1 Fr.
Trotzdem gab man bei Meyer Burger nicht auf. 2020 folgte ein neuer
Anlauf: mit einer neuen Ausrichtung, dem neuen CEO Gunter Erfurt
und neuen Fabriken.
Die letzte Wette
Meyer Burger wollte nun nicht länger Ausrüster sein, sondern selbst
zum Hersteller aufsteigen. Mit der Produktion eigener Solarzellen
und -module in Sachsen-Anhalt, Sachsen und später in Arizona sollte
sie endlich wieder auf Wachstumskurs gebracht werden.
Der Konzern übernahm Produktionsstandorte ehemaliger
Solarhersteller und investierte massiv, unter anderem mit Geld aus
mehreren Kapitalerhöhungen. 1 Mrd. Fr. an Investorengeldern floss
so in die Transformation des Unternehmens.
Doch der Plan basierte auf zwei Voraussetzungen: politischen
Schutzmassnahmen gegen Dumpingimporte und ausreichend Kapital, um
die Fertigung auf industriellem Niveau hochzufahren. Beides blieb
letztlich aus. In Deutschland liess sich der grüne
Wirtschaftsminister Robert Habeck zwar wie erwähnt gerne in den
Hallen von Meyer Burger fotografieren. Doch konkrete finanzielle
Unterstützung erhielt die kriselnde Solarindustrie nicht.
Und auch der letzte verzweifelte Versuch, die Verlagerung der
Produktion in die USA, zerschlug sich im November 2024. Da kündigte
der US-Grosskunde Desri den Liefervertrag kurzfristig. Ein herber
Rückschlag.
Und unter dem neuen US-Präsidenten Donald Trump hat die
Solarindustrie nun keine Priorität mehr. Im Frühling 2025 stoppten
die USA sämtliche Förderzusagen.
Die Mittel reichten nicht mehr aus, um das Werk in Goodyear
fertigzustellen. Am 29. Mai wurde die US-Produktion eingestellt,
die verbliebenen 282 Mitarbeiter werden entlassen.
Und kaum ist der Standort in den USA Geschichte, haben auch die
beiden deutschen Tochtergesellschaften Insolvenz angemeldet.
Betroffen sind über 600 Mitarbeiter in Hohenstein-Ernstthal und
Bitterfeld-Wolfen. Zwar betonen die vorläufigen Insolvenzverwalter,
dass die Produktion einstweilen weiterlaufen solle, finanziert über
das Insolvenzgeld. Auch die Suche nach Investoren sei noch nicht
beendet. Doch die Realität ist klar: Es geht wohl nur noch um
Resteverwertung.
In Thun verbleiben vorerst noch sechzig Angestellte. Forschung und
Entwicklung, der letzte Rest eines einst global tätigen
Industriekonzerns.
Aktie ohne Zukunft
Die Aktie von Meyer Burger ist seit Montag vom Handel
ausgeschlossen. Auch das ist ein Schlusspunkt. Sie war einst ein
Liebling von Privatanlegern, Symbol einer klimafreundlichen
Zukunftstechnologie. Nun ist sie fast wertlos geworden. Derweil
schätzt die Zürcher Kantonalbank die Nettoschulden auf mehr als 400
Mio. Fr. Der Analyst der Bank hat sein Research inzwischen
eingestellt.
Die Geschichte von Meyer Burger ist damit wohl zu Ende erzählt. Und
für viele Anleger dürfte primär nur etwas bleiben: ein
Totalschaden.
Quelle:
https://www.fuw.ch/meyer-burger-vor-dem-ende-der-letzte-vorh…