SAP oder Wolters Kluwer – wer hat die besseren
Zukunftschancen?
Stand: 27. Juli 2026
Wolters Kluwer ist in den vergangenen Monaten deutlich stärker
gefallen als SAP. Auf den ersten Blick könnte man daraus
schließen, dass der Markt Wolters Kluwer als das schwächere
Unternehmen betrachtet.
Ganz so einfach ist es nicht.
Mein Ergebnis lautet:
SAP hat wahrscheinlich die besseren langfristigen Wachstums- und
KI-Chancen. Wolters Kluwer besitzt das gleichmäßigere laufende
Geschäft und aus heutiger Bewertung das größere
Erholungspotenzial.
Dabei muss man zwischen drei Fragen unterscheiden:
- Welches Unternehmen wächst schneller?
- Welches Geschäftsmodell ist stabiler?
- Welche Aktie bietet vom heutigen Niveau
die größere Chance?
SAP wächst deutlich schneller
SAP hat sich in den vergangenen Jahren vom klassischen
Lizenzanbieter zu einem Cloudunternehmen entwickelt. Diese
Transformation funktioniert inzwischen operativ überzeugend.
Im zweiten Quartal 2026 stiegen bei konstanten Wechselkursen:
- der Cloudumsatz um 24 Prozent,
- der Cloud-ERP-Umsatz um 27 Prozent,
- der aktuelle Cloud-Auftragsbestand um 26
Prozent,
- der Gesamtumsatz um 11 Prozent.
Der aktuelle Cloud-Auftragsbestand erreichte 22,9 Milliarden
Euro. Dadurch besitzt SAP eine relativ hohe Sichtbarkeit für die
kommenden Quartale.
SAP erklärte außerdem, Kunden nutzten die Plattform zunehmend, um
KI-Anwendungen auf ihren geschäftskritischen Prozessen und Daten
aufzubauen. Bereits im ersten Quartal 2026 wuchs der Cloudumsatz
bei konstanten Wechselkursen um 27 Prozent.
Die Entwicklung bei SAP lautet deshalb:
höheres Wachstum, zunehmende Cloudumsätze, steigende Margen und
eine wachsende Bedeutung von KI innerhalb der bestehenden
Plattform.
Wolters Kluwer wächst langsamer, aber sehr gleichmäßig
Wolters Kluwer ist kein Hochwachstumsunternehmen. Das Geschäft
entwickelt sich dafür bislang ausgesprochen stabil.
Im Gesamtjahr 2025 meldete Wolters Kluwer:
- 6 Prozent organisches Umsatzwachstum,
- 7 Prozent Wachstum der wiederkehrenden
Erlöse,
- 15 Prozent Wachstum der Cloudsoftware,
- 9 Prozent Wachstum des bereinigten
operativen Gewinns bei konstanten Währungen,
- eine operative Marge von 27,5 Prozent.
83 Prozent der Erlöse waren wiederkehrend.
Im ersten Quartal 2026 setzte sich die Entwicklung fort:
- organischer Umsatz plus 5 Prozent,
- wiederkehrende Erlöse plus 7 Prozent,
- Anteil wiederkehrender Erlöse 85 Prozent,
- bereinigter operativer Gewinn plus 11
Prozent,
- bereinigter freier Cashflow plus 15
Prozent.
Operativ ist bislang also kein Einbruch erkennbar.
Warum Wolters Kluwer trotzdem stärker gefallen ist
Der wichtigste Unterschied liegt in der Art, wie KI die
Geschäftsmodelle angreifen könnte.
SAP kontrolliert die zentralen Unternehmensprozesse
SAP-Systeme steuern unter anderem:
- Finanzbuchhaltung,
- Warenwirtschaft,
- Produktion,
- Lieferketten,
- Personal,
- Beschaffung,
- regulatorische Abläufe.
Ein Unternehmen kann sein SAP-System nicht einfach durch ChatGPT,
Claude oder einen selbst entwickelten KI-Agenten ersetzen.
Eine Ablösung würde Datenmigration, neue Schnittstellen,
Mitarbeiterschulung, Prozessumstellungen und erhebliche operative
Risiken verursachen.
KI benötigt zudem häufig genau die strukturierten und
kontrollierten Daten, die in SAP-Systemen liegen.
Für SAP ist KI deshalb derzeit eher:
eine zusätzliche Funktion innerhalb einer ohnehin schwer
ersetzbaren Plattform.
Wolters Kluwer wird direkter angegriffen
Wolters Kluwer verkauft unter anderem:
- juristische und steuerliche Recherche,
- medizinische Entscheidungsunterstützung,
- regulatorische Informationen,
- Dokumentenanalyse,
- Zusammenfassungen,
- Compliance- und Workflowsoftware.
Viele dieser sichtbaren Funktionen kann eine allgemeine KI
zumindest oberflächlich nachbilden.
Ein Kunde kann sich deshalb fragen:
Warum soll ich weiterhin hohe Abonnementpreise bezahlen, wenn
eine allgemeine KI ebenfalls Dokumente durchsuchen,
zusammenfassen und Fragen beantworten kann?
Diese Frage ist bei SAP weniger naheliegend.
Genau deshalb wurden Wolters Kluwer, RELX und Thomson Reuters im
Februar 2026 besonders stark verkauft. Nach der Einführung neuer
Anthropic-Werkzeuge zur Automatisierung juristischer,
finanzieller und analytischer Aufgaben verlor Wolters Kluwer an
einem Tag etwa 13 Prozent. RELX fiel rund 14 Prozent und Thomson
Reuters fast 18 Prozent.
Die Sorge war, dass KI-Agenten künftig Aufgaben übernehmen
könnten, für die bisher spezialisierte Datenbanken und
Softwareprodukte benötigt werden.
Der Kurssturz könnte trotzdem übertrieben sein
Wolters Kluwer verkauft nicht nur Texte oder eine Suchmaske.
Das Unternehmen liefert:
- geprüfte und laufend aktualisierte
Fachinformationen,
- nachvollziehbare Quellen,
- regulatorische Sicherheit,
- Einbindung in professionelle
Arbeitsabläufe,
- Datenschutz und Zugriffskontrolle,
- teilweise haftungsrelevante Ergebnisse.
In Medizin, Steuerrecht oder Compliance ist eine schnelle, aber
falsche Antwort möglicherweise wertlos oder sogar gefährlich.
Hinzu kommt: Wolters Kluwer integriert KI bereits selbst in seine
Produkte.
Im ersten Quartal 2026 hatten sich mehr als die Hälfte der
US-Unternehmenskunden von UpToDate – rund 2.000 Krankenhäuser –
für die neue Expert-AI-Version angemeldet. Mehr als 150 größere
Wirtschaftsprüfungsgesellschaften nutzten bereits die neuen
KI-Module von CCH Axcess. Der Libra AI Assistant wurde mit
proprietären juristischen Inhalten in neun europäischen Ländern
verbunden.
Das spricht gegen die Vorstellung, Wolters Kluwer werde von KI
vollständig überrollt.
Reuters Breakingviews kritisierte den Ausverkauf ebenfalls als
teilweise überzogen. Der Markt habe bei einigen
Informationsanbietern Kursverluste erzeugt, die beinahe
unterstellten, ganze Geschäftsbereiche würden wertlos. Dabei
blieben proprietäre Daten, Kundenbindung und eigene KI-Produkte
teilweise unberücksichtigt.
Wer hat den stärkeren Burggraben?
SAP
SAP besitzt den stärkeren technischen und operativen Burggraben.
Die Systeme sind tief in den Unternehmen integriert. Die
Wechselkosten sind extrem hoch. Fehler bei einer Umstellung
können Produktion, Buchhaltung oder Lieferketten gefährden.
KI dürfte SAP deshalb eher ergänzen als vollständig ersetzen.
Wolters Kluwer
Wolters Kluwer besitzt ebenfalls einen echten Burggraben, aber
dieser ist weniger unangreifbar.
Geschützt sind vor allem:
- proprietäre Fachinhalte,
- geprüfte Daten,
- etablierte Marken,
- regulatorisches Vertrauen,
- Integration in professionelle Prozesse.
Angreifbarer sind dagegen:
- Rechercheoberflächen,
- einfache Analysen,
- Zusammenfassungen,
- bestimmte Dokumenten- und
Assistenzfunktionen.
Vorteil beim langfristigen KI-Schutz: SAP.
Welches Geschäft ist stabiler?
Hier liegt Wolters Kluwer leicht vorn.
Der Anteil wiederkehrender Erlöse liegt inzwischen bei etwa 85
Prozent. Die Kunden arbeiten überwiegend in Bereichen wie
Medizin, Steuern, Recht und Compliance. Diese Tätigkeiten müssen
auch in wirtschaftlich schwachen Phasen durchgeführt werden.
SAP besitzt ebenfalls hohe wiederkehrende Erlöse. Das Unternehmen
ist aber stärker von großen Cloudmigrationen,
Investitionsentscheidungen und umfangreichen
Transformationsprojekten abhängig.
Meine Einordnung:
- operative Berechenbarkeit Wolters Kluwer:
sehr hoch,
- operative Berechenbarkeit SAP: ebenfalls
hoch, aber etwas projektabhängiger.
Vorteil bei der Gleichmäßigkeit des laufenden Geschäfts: Wolters
Kluwer.
Wer hat die besseren Wachstumsaussichten?
Hier ist SAP klar stärker.
SAP wächst im Cloudgeschäft derzeit mit mehr als 20 Prozent und
kann gleichzeitig die Profitabilität erhöhen. Wolters Kluwer
dürfte dagegen langfristig eher mit ungefähr 5 bis 7 Prozent
organisch wachsen und den Gewinn etwas stärker als den Umsatz
steigern.
SAP besitzt damit die bessere Kombination aus:
- höherem Wachstum,
- größerer Skalierung,
- höheren Wechselkosten,
- direkter Monetarisierung der KI innerhalb
des bestehenden Systems.
Vorteil beim Unternehmenswachstum: SAP.
Welche Aktie hat vom heutigen Niveau die größere Chance?
Hier liegt Wolters Kluwer vorn.
SAP wird vom Markt inzwischen wieder stärker als Wachstums- und
KI-Plattform betrachtet. Wolters Kluwer wird dagegen teilweise so
bewertet, als würde das Wachstum dauerhaft einbrechen.
Für eine kräftige Erholung muss Wolters Kluwer nicht beweisen,
dass es besser als SAP ist.
Es würde bereits genügen, wenn das Unternehmen zeigt:
- organisches Wachstum bleibt bei ungefähr 5
bis 7 Prozent,
- die wiederkehrenden Erlöse bleiben stabil,
- das Cloudwachstum bleibt zweistellig,
- Kunden wechseln nicht zu allgemeinen
KI-Anbietern,
- eigene KI-Produkte schaffen zusätzliche
Erlöse,
- die Margen bleiben weitgehend stabil.
Dann könnte sich der derzeit sehr hohe KI-Risikoabschlag
teilweise normalisieren.
Direkter Vergleich
|
Kriterium
|
SAP
|
Wolters Kluwer
|
|
Umsatzwachstum
|
deutlich höher
|
langsamer, aber stabil
|
|
Gewinnwachstum
|
voraussichtlich höher
|
hoher einstelliger Bereich
|
|
Wiederkehrende Erlöse
|
sehr hoch
|
etwa 85 Prozent
|
|
Wechselkosten
|
extrem hoch
|
hoch
|
|
Direkte KI-Angreifbarkeit
|
eher gering bis mittel
|
mittel
|
|
Proprietäre Fachdaten
|
wichtig
|
zentraler Burggraben
|
|
Operative Berechenbarkeit
|
hoch
|
sehr hoch
|
|
Langfristige Wachstumsperspektive
|
besser
|
solide
|
|
Aktuelle Bewertungsasymmetrie
|
attraktiv
|
deutlich größer
|
|
Erholungspotenzial
|
gut
|
sehr hoch, falls KI-Angst übertrieben
|
Fazit
Mein Gesamturteil lautet:
SAP ist wahrscheinlich das stärkere Zukunftsunternehmen. Wolters
Kluwer ist derzeit wahrscheinlich die stärker unterbewertete
Aktie.
SAP bietet:
- höheres Wachstum,
- einen stärkeren technologischen
Burggraben,
- extrem hohe Wechselkosten,
- eine wahrscheinlich bessere Positionierung
gegen eine vollständige KI-Disruption.
Wolters Kluwer bietet:
- ein besonders berechenbares Geschäft,
- sehr hohe wiederkehrende Erlöse,
- defensive und regulatorisch notwendige
Produkte,
- eine deutlich niedrigere
Erwartungshaltung,
- damit die größere Erholungschance.
Wer maximale strukturelle Sicherheit gegen KI sucht, dürfte mit
SAP besser liegen.
Wer darauf setzt, dass der Markt die Gefahren für professionelle
Informationsanbieter übertrieben hat, findet bei Wolters Kluwer
die größere asymmetrische Chance.
Für Wolters Kluwer werden deshalb die Halbjahreszahlen am 5.
August 2026 besonders wichtig. Der Markt wird nicht nur auf
Umsatz und Gewinn achten, sondern vor allem darauf, ob
Kundenbindung, Preissetzung, Cloudwachstum und die Nutzung der
eigenen KI-Produkte stabil bleiben.
Quellen
- SAP, Ergebnisse zweites Quartal und erstes
Halbjahr 2026.
- SAP Investor Relations, Cloud- und
Business-AI-Entwicklung 2026.
- Wolters Kluwer, Gesamtjahresergebnisse
2025.
- Wolters Kluwer, Trading Update zum ersten
Quartal 2026.
- Reuters, KI-Ausverkauf bei Wolters Kluwer,
RELX und Thomson Reuters vom Februar 2026.
- Reuters Breakingviews, Einordnung der
möglichen Überreaktion des Marktes.