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Angebliche UMTS-Alternative gibt Rätsel auf

Presseberichte, wonach der 18-jährige Hildesheimer Schüler Sascha Haenel mit einem von ihm entwickelten Verfahren über das heutige GSM-Mobilfunknetz Daten mit Geschwindigkeiten von 448 kBit/s übertragen kann, lassen sich bisher nicht bestätigen. Die Berichte beruhen auf nicht verifizierten Angaben.

Haenel hatte für seine Arbeit im Mai im Bundeswettbewerb Jugend forscht den mit 5000 Mark dotierten Technik-Preis erhalten. Parallel zur laufenden Versteigerung der deutschen UMTS-Lizenzen erschienen Berichte, in denen seine frisierten Handys als Alternative zum UMTS dargestellt werden. So wusste der Spiegel in dieser Woche zu berichten, mit der Software des Hildesheimer Abiturienten könnten "Datenpakete 500-mal schneller übertragen werden als bisher". Die angebliche Turboladung auf die 500-fache Geschwindigkeit hieße, die Datenrate von den derzeit im GSM-Netz möglichen 9,6 kBit/s auf beachtliche 4,8 MBit/s zu steigern, und das einzig durch Umprogrammieren der Handys, heißt es in dem Spiegel-Beitrag – "keine großen Investitionen, keine neue Technik".

Haenel hatte der sechsköpfigen Jury von Jugend forscht das System bei der Ausscheidung mit einer Übertragung zwischen Paderborn und seiner Heimatstadt Hildesheim demonstriert – "über ein ganz reales GSM-Netz", wie es heißt. "Wir haben uns seine gigantische Geschwindigkeit in Paderborn vorführen lassen", erklärte Juror Gregor Tyrchan von der Bergischen Universität Gesamthochschule Wuppertal; "er kam bei der Vorführung auf 550 kBit/s".

Eine Datei, deren Übertragung auf herkömmliche Weise zehn Sekunden dauerte, benötigte mit dem HBCDC-Verfahren des Preisträgers – die Abkürzung steht für High Bandwidth Cellular Data Channel – nur zwei Sekunden, berichtete auf Anfrage Jury-Mitglied Hartwig Mackeprang, Nachrichtentechniker, Professor an der Pädagogischen Hochschule Weingarten und selbst mehrfacher Jugend forscht-Preisträger in den siebziger Jahren. Diese Beschleunigung um den Faktor 5 ist allerdings weit entfernt von dem im Spiegel dieser Woche genannten Faktor 500 gegenüber dem heutigen GSM-Netz. Die vorgeführte Geschwindigkeitssteigerung auf das Fünffache lässt eher vermuten, dass die Übertragung lediglich über die im E-Plus-Netz eingesetzte HSCSD-Technik (High Speed Circuit Switched Data) stattfand. Unter optimalen Bedingungen erlaubt das vom ETSI standardisierte HSCSD Datenraten von 57,6 kBit/s, die in der Praxis bislang jedoch noch nicht erreicht werden.

Fakt ist, dass die Jugend forscht-Prüfer keine eigenen Messungen zum effektiven Datendurchsatz durchgeführt haben, sondern sich die Datenraten von dem Testprogramm Haenels anzeigen ließen. Dabei vertrauten sie darauf, wie einer der Juroren gegenüber c`t einräumte, "dass die vorgeführten Displays und Handys nicht intern gesteuert waren". Es gibt bislang keine aussagekräftigen Darstellungen, wie das Verfahren zu der wundersamen Datenraten-Vermehrung auf 448 kBit/s im herkömmlichen GSM-Netz kommen will. Der einzige, der den Sachverhalt aufklären könnte – Haenel selbst – ist in die Ferien gefahren, nachdem er Spiegel Online noch ein Interview gegeben hatte. Bislang hat er technische Hintergründe zu seinem Verfahren nicht veröffentlicht – nach seinen Aussagen aus Furcht, seine Erfindung könnte ihm geklaut werden. Nach verschiedenen Berichten nutzt die Technik Gesprächspausen anderer GSM-Teilnehmer in der gleichen Funkzelle aus, was allerdings nicht gerade dafür spräche, dass eine konstante Datenrate erzielbar wäre.

"Das ist entweder die größte Verlade, die je bei Jugend forscht gelaufen ist, oder es ist einfach genial", sagte Juror Mackeprang zu c`t. Bei Jugend forscht weist man allerdings darauf hin, dass der Sinn des Bundeswettbewerbs im Pädagogischen liege. Die Veranstaltung sei kein Wettbewerb zur Förderung von Erfindungen oder technischen Systemen, sondern diene der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Im Vordergrund stünden die Kreativität, das Denkvermögen und die Entwicklungsfähigkeit der jungen Forscher. So gesehen wäre Haenel selbst dann ein würdiger Preisträger, wenn sich sein Beitrag als Fake erweisen sollte: Wer sechs deutsche Professoren aufs Glatteis zu führen vermag, hat zweifellos etwas auf dem Kasten. (Richard Sietmann) (cp/c`t)



Gruß
HaG
 
aus der Diskussion: UMTS-Versteigerungsergebnis
Autor (Datum des Eintrages): HaG  (10.08.00 21:21:02)
Beitrag: 136 von 143 (ID:1547245)
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