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21.09.2008 19:18
Kommentar der Financial Times Deutschland zur Finanzkrise - vorab 22.9.2008

DJ Kommentar der Financial Times Deutschland zur Finanzkrise - vorab 22.9.2008


Nur einer hat noch Kredit
Es ist ein unklarer, fragwürdiger, sehr teurer und womöglich nicht einmal
rettender Weg, den die amerikanische Regierung jetzt einschlägt, um einen
drohenden Totalkollaps des Finanzsystems abzuwenden. Aber es ist der einzige
Weg, der ihr zuletzt überhaupt noch offen stand.
Der am Wochenende vorgestellte Plan des US-Finanzministers für die
Stabilisierung der Wall Street ist in seinem Finanzumfang historisch
beispiellos. Er sieht Vollmachten für die Exekutive vor, die Züge eines
Ermächtigungsgesetzes tragen. Doch angesichts der blanken Panik, die Ende
vergangener Woche die Finanzmärkte erfasste, war ein solches Signal zwingend
notwendig.
Finanzminister Henry Paulson hat den Märkten nun eine öEUR systemische Lösung'
der Krise versprochen: einen Staatsfonds der US-Instituten für mindestens
700 Mrd. $ notleidende Wertpapiere abkaufen soll, dazu eine
staatsfinanzierte Absicherung für die akut gefährdeten Geldmarktfonds sowie
ein Verbot von Leerverkäufen an den Aktienbörsen, dem inzwischen auch andere
Länder einschließlich Deutschland gefolgt sind.
Mit diesem öEUR systemischen' Ansatz wird zunächst einmal anerkannt, dass alle
bisherigen Versuche gescheitert sind, die Krise von Einzelfall zu Einzelfall
zu lösen. So plausibel es auch war, auf der einen Seite die Größten der
Großen wie den Versicherer AIG zum Schutze der Gesamtwirtschaft zu retten,
und auf der anderen Seite Pleiten bis in die Dimensionen einer
Investmentbank wie Lehman Brothers zuzulassen - Ende vergangener Woche wurde
klar, dass es für diesen Weg keine Zeit und keine Nerven mehr gab. Die
Abwärtsspirale fing an, sich dramatisch zu verselbständigen.
Ein Finanzsystem, in dem jeder mit dem stündlichen Zusammenbruch wichtiger
Geschäftspartner kalkuliert, bricht selbst zusammen. Selbst
milliardenschwere Liquiditätsspritzen, die die Notenbanken von Tag zu Tag
anbieten, bleiben dann wirkungslos. Jeglicher Kreditfluss versiegt, Banken
und Industrieunternehmen, die sich nicht mehr refinanzieren können, geraten
an den Abgrund. Leerverkäufer, die auf Pleiten spekulieren, heizen die Panik
noch an.
Dieser Teufelskreis, der auch rasch auf die Realwirtschaft übergreifen kann,
musste unbedingt gestoppt werden. Paulsons Rettungsplan war die
psychologische Beruhigungspille, die das erst einmal bewerkstelligt hat. Der
einzige Akteur, der bislang noch uneingeschränkten Kredit genießt, wird auf
dem Markt aktiv: Der amerikanische Staat.
Was er genau vorhat, ist allerdings noch gar nicht klar. Und die Art seines
Handelns spricht allen Prinzipien von Marktwirtschaft, Transparenz,
politischer und rechtlicher Kontrolle Hohn. Paulson hat einen Gesetzentwurf
vorgelegt, der ihm praktisch über Nacht die freihändige Verfügung über mehr
als ein halbes Prozent des Bruttoinlandsprodukt zugesteht. Jeglicher
Rechtsweg ist ausgeschlossen. Ob der Kongress das so abnicken wird, ist
fraglich.
Inhaltlich ist der Plan an der entscheidenden Stelle unbestimmt. Die
Regierung kündigt an, den angeschlagenen Finanzinstitutionen
hypothekenbasierte Papiere öEUR zu Marktpreisen' abzukaufen. Hält sie sich an
diese Aussage, dann wird die ganze Aktion letztlich wenig bringen. Denn
öEUR zu Marktpreisen' finden die üblen Papiere auch schon heute Käufer.
Merrill Lynch etwa trennte sich im Überlebenskampf von einem ganzen Paket -
erhielt dafür jedoch nur gut 20 Prozent des Nominalwerts und musste den Rest
abschreiben.
Natürlich droht in einer Panik die Gefahr, dass die Marktpreise durch immer
neue Notverkäufe unter den tatsächlichen Wert gedrückt werden. Der
staatliche Käufer kann hier stabilisieren.
Wirkliche Entlastung bringt der staatliche Fonds dem Finanzsektor aber nur,
wenn er mehr ist, als der größte Geierfonds aller Zeiten, wenn er also
deutlich mehr zahlt als die privaten Schnäppchenjäger, die ohnehin schon
lauern. Nur so werden Abschreibungen verhindert, nur so kann das ausgezehrte
Kapital vieler Banken gestärkt werden.
Paulson soll hinter verschlossener Tür bereits erklärt haben, dass öEUR zu
Marktpreisen' in Wahrheit öEUR über Marktpreis' heißen werde. Das heißt aber
auch, dass die Aktion zum fiskalischen Verlustgeschäft werden muss, bei dem
die Bürger für eine Rekapitalisierung des Finanzsektors aufkommen, die
inzwischen kein privater Investor und auch kein Staatsfonds mehr leisten
will.
Ob eine solche Aktion am Ende politisch, psychologisch und ökonomisch
aufgeht, ist längst nicht sicher. Das Endspiel dieser Krise hat erst
begonnen.

 
aus der Diskussion: Lehman Brothers Chapter 11 -> Auswirkung(en) auf deren Zertifikate
Autor (Datum des Eintrages): A5_2011  (21.09.08 19:29:34)
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