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Der Unternehmer

Auf der gemeinsamen Pressekonferenz von Gerhard Schröder und Silvio Berlusconi vor einigen Tagen im Kanzleramt kam es zu einer eigentümlichen Szene: Während die Dolmetscherin von einem leicht im Abseits stehenden Pult aus den vorbereiteten Pressetext des italienischen Premierministers verlas, flüsterte dieser dem Bundeskanzler breit grinsend etwas ins Ohr. Schröder schaute zunächst erstaunt und lächelte dann verlegen. Was Berlusconi vertraulich mitteilte, wissen wir nicht. Wir wissen aber, was er zu einem späteren Zeitpunkt ungeflüstert mitzuteilen hatte; nämlich daß die westliche Zivilisation der islamischen Kultur überlegen sei; daß der Westen auch weiterhin Völker erobern werde, so wie es ihm gelungen sei, die kommunistische Welt und einen Teil der islamischen Welt zu erobern; daß der andere Teil dieser islamischen Welt eben um 1400 Jahre zurückgeblieben sei. Diese Aussage rief die Empörung einfach aller hervor: der islamischen Welt, Europas, Amerikas und sogar Jörg Haiders. Berlusconi hat sich in der Tat, da gibt es keinen Zweifel, ziemlich danebenbenommen. Dennoch hat er bloß das gesagt, was in der Luft lag. Die Rede George W. Bushs vom "Angriff gegen unseren way of life" bedeutet nichts anderes als die Ausrufung dieses Kulturkampfes. Und wie hätte die praktisch unmittelbar nach dem Anschlag erfolgte Benennung Usama Bin Ladins als Hauptschuldigem (ohne öffentlich gemachte Beweise) so allgemein und unverzüglich akzeptiert werden können, wenn nicht die Angst vor dem bärtigen, tuchverhüllten, unkultiviert wirkenden Fremden diesen Verdacht genährt hätte? Berlusconi hat nun der vox populi auf eine Weise Gehör verschafft, die, wäre er der Präsident der USA, weltpolitisch verheerende Folgen hätte haben können. Sicher hat er nicht damit gerechnet, denn sein Populismus ist auf bestürzende Weise naiv: er glaubt wohl selbst, daß er einfach das ausspricht, was alle denken. Die Reaktion Jörg Haiders auf seine Äußerung hätte Berlusconi belehren können, daß er das Wesen des politischen Populismus gar nicht begriffen hat: nämlich auf sorgfältig ausgewählten Nebenschauplätzen gezielt Stürme im Wasserglas zu provozieren und sich zugleich in den wichtigen Fragen als Weltstaatsmann zu positionieren. Warum Berlusconi immer mal wieder auf solch prekäre Weise danebenhaut, darüber gibt die kleine Szene im Kanzleramt Aufschluß: Inmitten größter Öffentlichkeit scheut sich Berlusconi vor allerprivatesten Mitteilungen nicht. Die Art seines Grinsens könnte den Verdacht nahelegen, daß er, als er Schröder ins Ohr flüsterte, entweder eine Zote oder einen fremdenfeindlichen Witz zum besten gab. Das ist das Benehmen eines Mannes, der im geschäftlichen Bereich die Erfahrung gemacht hat, daß man, wenn man Geld und Macht besitzt, sich alles erlauben kann. Angetreten ist er mit dem Anspruch, den italienischen Staat so effizient wie seine Unternehmen zu führen. Seine Person beweist es ihm: Alles ist möglich, wenn man es wirklich will. Es ist das simple Weltbild des self-made man, das Berlusconi in die Politik mitgebracht hat: Hier die Tüchtigen, dort die Faulen, hier diejenigen, die für einen sind, dort die, die es zu erledigen gilt. Mit seiner Privatmasche hat er erst die italienische Wirtschaft und dann den italienischen Staat erobert. Nun heißt es weltweit: "das absolut Gute gegen das absolut Böse", und Berlusconi weiß, was man von seinen Gegnern zu halten hat und wie man mit ihnen fertig wird. Gut, daß er der Ministerpräsident Italiens ist: Eine volle Legislaturperiode wird er im Herzland abendländischer Kultur aller Voraussicht nach nicht überstehen.

miga

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2001, Nr. 227 / Seite 41
 
aus der Diskussion: berlusconi sagt ,was viele im stillen denken
Autor (Datum des Eintrages): schnucke  (29.09.01 12:51:01)
Beitrag: 18 von 21 (ID:4529252)
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