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Schmidt, Kowalski, Akgöz - Zuwanderung und Heimat



Mit Einsetzen der Industrialisierung zieht die Montanindustrie wie ein Magnet immer mehr Arbeiter an: Zahllose Menschen kommen in die Region, um in den Zechen und Hütten ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese "Neuen" sind bald zahlreicher als die Einheimischen. Sie sprechen die verschiedensten Sprachen, haben fremde Namen und Gewohnheiten ... und vermischen sich doch in dem "Schmelztiegel", der lange keinen Namen hat, bevor er "Ruhrgebiet" genannt wird.

Von "Null" auf "Hundert" - Bevölkerungsentwicklung im Ruhrgebiet

Heute leben im Ruhrgebiet ca. 5,5 Millionen Einwohner - mehr als in Berlin, der größten Stadt Deutschlands, oder fast so viele wie in London. Noch um 1840 hingegen war der damals ländliche Raum erst von 250 000 Menschen bewohnt - eine wahre Bevölkerungsexplosion: Die Zahl der Einwohner steigt in nur 150 Jahren auf das 20fache. Die "Neuen" ziehen in mehreren Phasen und aus verschiedenen Regionen ins Revier: abhängig von dem Angebot an Arbeitsplätzen an Ruhr und Emscher, und beeinflusst auch von den Lebensumständen in ihren Herkunftsgebieten. Vereinfacht lassen sich vier Wellen der Einwanderung feststellen.



Zu Beginn der Industrialisierung, also in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, besetzen zumeist Einheimische die neuen Arbeitsstellen in den noch kleinen Zechen und Eisenhütten. Erste Zuzügler stammen aus nahegelegenen Gebieten: aus den Agrarbezirken Westfalen und Lippe und aus dem Bergischen, dem Märkischen oder dem Siegerland. Letztere sind sämtlich Räume mit alten Traditionen im Abbau von Erzen. Diese neu Hinzugezogenen pflegen ähnliche Gewohnheiten wie die Einheimischen und sie sprechen keine wirklich andere Sprache. Und bis um 1850 bleibt die Zuzugsquote recht niedrig. Diese erste, kleine Welle ist lediglich auf die Ruhrzone gerichtet, da nur hier in frühindustrieller Zeit Betriebe errichtet werden. Die Erschließung der Hellwegzone ab etwa 1850 zieht dann weitere Arbeitskräfte an. Die Bevölkerungszahl schnellt bis 1870 auf etwa 700.000 in die Höhe. Die weitaus meisten Zuwanderer kommen nun aus Westfalen und dem Rheinland, sind quasi aus der Gegend. Von weiter her kommen vor allem Hessen und Holländer.

Ab 1880 erschließen insbesondere Großbetriebe die Emscherzone und wecken einen scheinbar unstillbaren Bedarf an Arbeitskräften. Die Unternehmer schicken Werber aus, die in den vier preußischen Ostprovinzen (Ostpreußen, Westpreußen, Posen und Schlesien) und in Polen die dortigen Bauern und Handwerker verpflichten. Der besseren Verdienstmöglichkeiten wegen setzt eine enorme Wanderungsbewegung ein, die bis etwa 1930 anhält. Auch aus Österreich-Ungarn, Russland und anderen Ländern folgen Arbeiter dem Ruf der Industrie. Die gigantische Zuwanderung lässt die Bevölkerungszahl auf über 4 Millionen Menschen schnellen. Einige Gruben beschäftigen fast nur noch polnische Arbeiter, so dass sie der Volksmund "Polenzechen" nennt. Oft konzentrieren sich die Einwanderer aus bestimmten Gebieten zunächst auf wenige Siedlungen. Die Masuren zum Beispiel lassen sich lange mehrheitlich in Gelsenkirchen nieder, wo sie nachbarschaftliche Nähe zu Landsleuten suchen.



Im Ruhrgebiet schlägt nicht nur das wirtschaftliche Herz im Deutschland der Gründer- und später der Zwischenkriegszeit, sondern hier liegen auch dessen Waffenschmieden. Unzählige Luftangriffe treffen daher im Zweiten Weltkrieg zunächst einmal solche Anlagen, zusätzlich aber auch weite andere Gebiete des Reviers sehr hart. Nach Kriegsende finden die Frontrückkehrer oft nur noch Ruinen. Mit vielen neuen Arbeitskräften setzt der Wiederaufbau der weitgehend zerstörten Bausubstanz jedoch schnell ein: die Vertriebenenwanderung und die Fluchtbewegung aus der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR wachsen zu einer neuen Wanderungswelle. Die Flüchtlingsströme werden zudem zeitweise von staatlicher Seite ins Ruhrgebiet gelenkt, da erst die Zechen, dann auch wieder die Hütten Arbeitskräfte suchen - Motoren des vielgepriesenen Wirtschaftswunders. So bietet das Revier schon 1961 vielen Menschen eine neue Heimat und erreicht mit fast 5,7 Millionen Einwohnern den bisherigen Bevölkerungshöchststand.



1961 bricht aufgrund des Mauerbaus der Flüchtlingsstrom ab. Die Industrie sucht aber nach wie vor zusätzliche Arbeiter, vor allem für einfachere Tätigkeiten. So setzt die bisher letzte Einwanderungswelle ins Ruhrgebiet ein: 1955 schließt der Bund den ersten Anwerbungsvertrag mit Italien, wenige Jahre später mit Spanien, Griechenland, Portugal und der Türkei. Unter Tage sind bald in vielen Zechen die Arbeiter aus mediterranen Ländern, die sogenannten "Fremd-" und später "Gastarbeiter" in der Überzahl. Vor allem die Arbeiter aus der Türkei prägen nicht nur viele Produktionsstätten, sondern mit ihren Familien zusammen auch ganze Viertel und Straßenzüge im Revier.
Nach der Energiekrise von 1973 stellt die Bundesregierung die Anwerbung ein. Dies stoppt jedoch nicht die Einwanderung, denn viele Gastarbeiter holen nun ihre Familien nach. Der Ausländerteil steigt ab 1970 auch durch eine überdurchschnittlich hohe Geburtenrate der Einwandererfamilien. Der Anteil der Ausländer ist zwar in einigen Vierteln der Revierstädte groß, dennoch bleibt die höchste Rate des Reviers immer noch unter der anderer deutscher Großstädte.
Trotz Einwanderung und teilweise hoher Geburtenraten schrumpft die Gesamtzahl der Einwohner zwischen 1961 und 1985 jedoch beträchtlich. Dies liegt zunächst an der Krise der "alten" Industrien, also vor allem des Montankerns und der von ihm abhängigen Betriebe. Viele Arbeiter ziehen wegen des geringeren Arbeitsplatzrisikos in andere Gegenden Deutschlands, etwa nach Baden-Württemberg. Ein Teil der Abwanderung erklärt sich jedoch auch durch die immer weitere Verbreitung der privaten PKWs, die vielen das Wohnen im grüneren Umland des Reviers ermöglicht. Seit 1985 zeigt die Bevölkerungskurve jedoch wieder nach oben.
 
aus der Diskussion: Familienministerin Renate Schmidt sind Deutsche ziemlich wurscht!!!
Autor (Datum des Eintrages): aekschonaer  (17.10.02 20:43:23)
Beitrag: 15 von 23 (ID:7619585)
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