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Georg Simmel im 21. Jahrhundert
Textinterpretationen aus heutiger Perspektive


Das Geld: Wirkungen auf das individuelle und kollektive Handeln


Monica Thoma
Gertrudstrasse 58
8003 Zürich

Zürich, im Oktober 2000





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Die Kulturkritische Sicht Simmels kann besonders deutlich an der modernen Gentechnik verdeutlicht werden. Es schien bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms vor allem um eine Frage des Profits zu handeln. Um Investitionen in diesem Feld anzuregen, wurde vorallem die Nützlichkeit solcher Forschungserkenntnisse für die Behandlung von bisher unheilbaren Krankheiten hervorgehoben. Hat man aber die Bedeutung des Wetttkampfs mit der Zeit für die in diesem Feld tätigen Unternehmen beachtet, bleibt ein übler Nachgeschmack. Das Ziel dieser Firmen schien eher die Erzielung möglichst hoher Börsengewinne zu sein, als die tatsächliche Nutzung dieser Technologien zur Verbesserung menschlichen Lebens. Wenn man die heutige Situation unter die Lupe nimmt, zeigt sich, dass viele Krankheiten mittels Gentechnik zwar vor Ausbruch der Symptome diagnostiziert werden können, eine Mögliche erfolgreiche Therapie der Krankheit mittels Gentechnik oder anderen Mitteln aber immer noch aussteht. Natürlich kann damit argumentiert werden, dass die nutzenbringenden Erkenntnisse erst aufgrund hoher Investitionen in Gentechnik-unternehmen zustande kommen. Das mag auch stimmen. Der springende Punkt ist hier aber, dass mit diesem Beispiel verdeutlicht wird, dass das Geld in den Köpfen der Menschen zum Mittelpunkt und zur hauptsächlichen Antriebskraft ihres Handelns geworden ist. Die Seele des Menschen spielt eine immer geringere Rolle. Die Wissenschaft und die darin enthaltene Möglichkeit des immer berechenbareren Umgangs mit unserer Wirklichkeit wird zum Glaubensbekenntnis des modernen Menschen. Das Bewusstsein darüber aber, das der Mensch von einer nicht selbst geschaffenen natürlichen Umwelt abhängig ist, scheint ihm manchmal abhanden gekommen zu sein.

Das Zeitbewusstsein spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Bei einem solch stark ausgeprägten Konkurrenzkampf der Unternehmungen der heutigen Weltwirtschaft, hat der Mensch immer weniger Zeit sich an Änderungen seiner Umwelt anzupassen. Eine Lösung dieses Problems kann natürlich nicht pauschal gegeben werden. Ein aus Simmels Analyse gewonnener Ansatz könnte aber darin bestehen, sich wieder stärker den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen bewusst zu werden, sowie dem Fortschritt dementsprechende Grenzen einzuräumen.
 
aus der Diskussion: Sittin Bulls elitärer Diskussionsthread für Biospohisten
Autor (Datum des Eintrages): sittin bull inv  (24.03.03 20:16:38)
Beitrag: 86 von 103 (ID:8974312)
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