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Militärdiktatur USA - eine Utopie?
"Gefährlich ist`s, den Leu zu wecken", mahnte schon Friedrich Schiller, der ewig Zweite im bundesdeutschen Bildungskanon in seiner `Glocke`, und in der Tat geht den US-Amerikanern, zumindest den systemisch verblendeten und ihren Vorturnern gehörig gegen den Strich, was sich der Rest der Welt an Unterstellungen, Kritik, unbotmäßigen Fragen und Vorwürfen seit geraumer Zeit erlaubt. Man empört sich in der (überwiegend) regierungsnahen US-Medienwelt und zeiht insbesondere die Franzosen ("We saved their ass three times during the last century", O-Ton Cheney) verräterischen Undanks.

Zwar verläßt sich – Stichwort: Wahlkampf – die Bush-Camarilla auf ihren starken Rückhalt im Spendenkarussell der von Bush`s Politik profitierenden Konzerne und Finanzfamilien, setzt auf die lähmende Uneinigkeit im Lager der Demokraten, und auch die Israelis spielen beim Friedenspoker im Nahen Osten scheinbar mit – ein innen- wie außenpolitisch gut verwendbarer Prestigegewinn für die Bush`sche Falkengarde –, aber schon ziehen neue, unangenehm dunkle Wolken am (engen) Horizont der US-amerikanischen Traumwelt auf:

Nordkorea wird immer frecher;


auf die Briten ist auch immer weniger Verlaß; auch dort stellen zunehmend mehr Menschen peinliche Fragen, und Blairs Stern steht unter Wackelkontakt;


selbst in `God`s own country` formieren sich systemaverse Kräfte; dies umsomehr, je mehr tägliche Berichte über Anschläge und lokale Scharmützel sowohl in Afghanistan als auch im Irak sogar in den US-Medien Eingang finden; die Traumen amerikanischer Niederlagen und schmählicher Rückzüge (Korea, Vietnam, Somalia, etc,) sind noch recht lebendig. Bush & Co wissen das nur zu genau;


so leicht wie im Falle des Irak werden es die US-Amerikaner im Iran und Jemen, in Syrien und Somalia, im GSU- wie USA-feindlichen Kaukasus, Korea und weiteren Gliedern der `Achse des Bösen` nicht erwarten dürfen, die `Terrorwelt` nach ihrem Belieben umzugestalten und zu amerikanisieren. Auch die US-Bevölkerung ist nicht unbegrenzt opferbereit; Irak und Afghanistan haben bereits bedenklich viele amerikanische Leben gekostet.
Andererseits hat sich Bush mit seinem Team und seiner selten zuvor derart martialisch gepflegten Dialektik schon viel zu weit aus dem Fenster gelehnt, als daß er, ohne irreparablen Schaden zu nehmen, zurückrudern könnte; er dürfte zur größten Lachnummer der jüngeren US-Geschichte werden.

Nun lassen Sie uns `mal – ohne Gewähr und völlig spekulativ – die Frage stellen, was Bush an Handlungsalternativen offenstünde, wenn sich die derzeitige Stimmung zunehmend gegen die US-amerikanische Sicht- und Handlungsweise kehren sollte.

Die US-Medienlandschaft ist nicht noch enger korsettierbar als schon geschehen, ohne erhebliche Proteste im Land zu gewärtigen, und mit noch forcierteren Abhöraktionen, willkürlichen Verhaftungen und Militärtribunalen kann allenfalls reagiert werden. Absehbar ist aber – innen-politisch wie von außerhalb – mit erheblicher Gegenwehr zu rechnen, was dem Sendungsbewußtsein der US-Amerikaner einerseits, ihrem Harmoniebedürfnis andererseits aber erheblich im Wege stünde. Was bliebe Bush in einem sich derart zuspitzenden politischen Klima dann noch übrig?

So absurd es Ihnen, werte(r) Leser(in) aufs erste auch erscheinen mag, letztes Mittel zum Zweck wäre tatsächlich die Ausrufung einer Militärdiktatur (natürlich nie als solche bezeichnet), und so völlig abwegig ist dieser Gedanke nicht.

Wer nämlich – historisch wie aktuell – den besonderen Stellenwert des Militärstandes in den Vereinigten Staaten von Amerika kennt, weiß, daß den männlichen US-Bürger nichts Verheerenderes treffen kann, als ein `dishonorable discharge` (`unehrenhafte Entlassung`). Die militärische Beurteilung bestimmt über Karrierechancen weit direkter und nachhaltiger als die Qualität der Highschool, des Colleges oder der besuchten Universität (hier zählt allenfalls der Name).

In keiner Armee der Welt wird ein derartig verklärter und martialischer Nimbus um den Militärstand geflochten wie in den USA – allenfalls mit dem Preußen Friedrich Wilhelms des II vergleichbar. Keine Armee unterhält so viele `special forces` – das gilt für alle vier Waffengattungen – und Geheimdienste. Nirgendwo ist der Stolz auf die Zugehörigkeit zu ganz bestimmten Teilen des Militärs, dessen Geschichte auch im Vollrausch herunterzuspulen regelrecht Ehrensache ist, als in den USA. Menschenrechtsverletzungen, erniedrigendste Behandlung, unterwürfigste Verrichtungen, regelrechter Kadavergehorsam – darüber ließe sich ein echter `tough guy` niemals aus; er müßte mit tiefster Verachtung seiner Kameraden und der Ausgrenzung als Vaterlandsverräter rechnen. Die Aussicht auf ein hohes Maß an gesellschaftlicher Anerkennung und mutmaßlich eines guten Jobs – dies gilt umso mehr für Abkömmlinge der Unterschicht und der Slums – und lebenslang stolz getragene Orden und Ehrenabzeichen (incl. der Zugehörigkeit zu einem der unzähligen Veteranenverbänden) bestimmen den gesellschaftlichen Wert des Militärs. Dafür werden sogar eine vergleichsweise geringe Entlohnung und erstaunlich niedrige Pensionen für Langdienende in Kauf genommen. Lange Zeit bot sich Verbrechern und unvermutet Vätern gewordenen jungen Männern der `Dienst fürs Vaterland` als Alternative zu Gefängnisstrafen (sogar der Hinrichtung) oder drohenden Alimentenklagen ("If your girlfriend gets a baby, join the Army or the Navy"). Selbst vor Gericht kommt undiskutiert besser weg, wer eine entsprechend beeindruckende Militärkarriere vorweisen kann, und das Pentagon schirmt weltweit seine Krieger ab, auch wenn sich diese übelster Verbrechen schuldig machen. Sie werden in die USA verbracht und dort `intern` und zumeist nur zu symbolischen Strafen verurteilt. Davon können Staaten aller Kontinente ein Lied singen, wo sich US-Soldaten in Friedens- und Kriegszeiten aller denkbarer Verbrechen schuldig mach(t)en, und genau deshalb unterwerfen sich die USA auch nicht dem von ihnen selbst initiierten Internationalen Gerichtshof. Geradezu viehischer Untertanengeist, und wahlweise lächerlich oder unmenschlich anmutende Beschimpfungen sollen den US-Amerikanern ein Gefühl der Stärke, Leidensfähigkeit und Auserwähltheit suggerieren, die viele dann nahtlos ins nachmilitärische Alltagsleben übernehmen. "You gotta be a man" wird zum "pädagogischen" Stilmittel wahren Männlichkeitswahns verklärt.

Gerade schockte ein Film der ARD mit authentischen Belegen die Öffentlichkeit, denenzufolge die Airforce (die sich per se als `die Elite` versteht) ihre Piloten – nicht nur in Kampfeinsätzen, sondern auch im normalen Ausbildungsbetrieb – mit Drogen wach, aktiv und aggressiv hält. Hierbei spielt vor allem `Dexedrine` (ein hochwirksames Aufputschmittel) eine entscheidende Rolle. Es werden aber auch ganze `Cocktails` – wahlweise und ohne Begrenzung als `uppers` oder `downers` gereicht. Die Angst der gegen den `Ehrenkodex` des Schweigens und Vertuschens verstoßenden Geständigen – immerhin wurde in derartigen Rauschzuständen sogar getötet (auch Unschuldige, Zivilisten, Frauen und sogar Kinder) – war immens. Verfolgt werden in den USA derartige Berichte generell nicht – es geht ja um den unberührbaren Sozioaspekt des Militärischen, in dem nichts Unehrenhaftes denkbar ist.

Diese Verklärung des Militärs und seine innere Strukturiertheit, der hier herrschende `unbedingte Gehorsamsgeist` und der ihm eigene Ehrenkodex machen alles Militärische zum `Staat im Staate` – letztendlich nur dem Präsidenten als Oberbefehlshaber unterstellt.

Hinzu kommt das verbriefte Recht des Präsidenten, nach eigener Lageeinschätzung im Falle einer externen oder internen Bedrohung – quasi im Sinne einer `Ausnahmesituation – und ohne Einspruchsmöglichkeit der beiden Kammern (Senat und Kongreß) für 30 Tage den `Notstand` auszurufen und damit uneingeschränkt, nur auf dem Einvernehmen mit dem `US-Security Council` basierend, alleine zu entscheiden, was immer er für richtig und notwendig erachtet.

Über die in dieser gesetzlich zugelassenen Möglichkeit lauernden Gefahr – insbesondere Menschen wie Bush und seinem `Stab` – wissen auch die US-BürgerInnen, noch viel mehr der Rest der Welt, kaum Bescheid.

Doch genau hier liegt die (gar nicht nur) theoretische Möglichkeit des schier Undenkbaren, und erkläre kein Leser vorschnell, dies sei schlicht nicht vorstellbar.

Ältere Zeitgenossen erinnern sehr wohl noch die Militärdiktaturen in Griechenland und der Türkei, Indonesiens und in Malaysia, die (quasi-)Diktaturen in Dutzenden von Lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern. Auch Spanien, Italien und letztlich auch unsere eigene Vergangenheit kennen Zeiten absoluten Herrschens – nur auf das Militär oder äquivalente Strukturen gestützt. Auch in der Antike – z.B. Griechenland, Persien und Rom – übernahmen Kriegsherren, die das Militär hinter sich wußten, per Staatsstreich die Macht, wobei ihnen jede Ausrede recht war; mal beriefen sie sich auf irgendeinen Gott (oder dessen irdisches Bodenpersonal), mal gaben sie vor, das Volk von der Tyrannis zu befreien oder vor drohendem Unheil zu retten. Das gemeine Volk wurde regelmäßig überrascht und hätte ohnehin keine Chance gehabt, sich zu wehren. Wichtig mußte den Bushs der Vergangenheit nur sein, die potentiellen Gegenspieler zu kennen und vorab auszuschalten.

Nun verfügt kein anderer `Landesfürst` über auch nur annähernd so viele Geheimdienste (neuerdings sind es 30!) und Informationsbeschaffungsmöglichkeiten wie der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Entschlossenheit (aus unterschiedlichen Motiven) unterstellt, könnte der engste Stab um Bush eine derartige Machtübernahme bewerkstelligen, ohne daß davon das Gros der Bevölkerung auch nur das Mindeste wahrnimmt. Weder telefonisch, noch über die Medien müßte der Rest der Welt vorab davon Wind bekommen. Man sähe sich völlig unerwartet mit einem `fait accompli` konfrontiert, dem auch niemand zu widersprechen wagen dürfte; wer möchte der derzeitig einzig verbliebenen Supermacht hierbei in den Arm fallen?!

Wer all dies für irre(al), verschwörerisch oder allenfalls für eine interessante Gedankenübung hält, behalte hoffentlich recht, doch wie sagt Schiller im gleichen Gedicht, nur zwei Zeilen später: "Jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Bush* in seinem Wahn".

H.-W. Graf

* auf heutige Verhältnisse umgedeutete, nur leicht verfremdete Fassung (‚Mensch’ statt ‚Bush’)
 
aus der Diskussion: US-Wahl: Die Dumpfbacken haben gewonnen
Autor (Datum des Eintrages): Stormwatch  (01.07.03 20:01:44)
Beitrag: 124 von 176 (ID:9949400)
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