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Mit Dank an bluemoons:

Dummheit als Konzept?
Auf was beruht die amerikanische Vormachtstellung?



Wolfowitz und das Öl
Wolfowitz, in vielen Medien als der "denkende Kopf" hinter der amerikanischen Außenpolitik dargestellt, hat es offen zugegeben: beim Irakkrieg ging es in erster Linie um das Öl. Ein Schock angeblich, doch warum? Schon seit Monaten scheint doch ohnehin jeder genau das zu glauben, nun hatte es einer der "Denker" der US-Außenpolitik ausgesprochen.

Eine Menge Leute jubilierten: "Da haben wir den Beweis!" Was sie übersahen: man mag von Wolfowitz denken, was man will, aber er ist nicht dumm und würde sich nicht einfach "verplappern". Es ist anzunehmen, dass er diese Aussage ganz bewusst gemacht hat, um sie gezielt auf der Welt zu verbreiten. Doch warum?

Bush, der Trottel
George W. Bush Jr. eilt der Ruf voraus, nicht der Allerhellste zu sein. Er plappert gerne dummes, unzusammenhängendes Zeug und verbreitet einen kaum zu ertragenden Pathos, den manche mit Patriotismus verwechseln. Vielleicht ist er dumm, vielleicht auch nicht, das sei dahingestellt, aber bei so vielen Strategen (auch "Medienstrategen" um ihn herum, sollte man da nicht annehmen, dass die ihn irgendwann einmal dazu bringen in den Medien besser dazustehen? Dass sie zumindest den Schein erzeugen könnten, dass er vielleicht doch nicht so dumm ist? Auf der einen Seite gibt es nicht wenige Menschen, die überzeugt sind, dass die US-Regierung mit den Anschlägen vom 11. September etwas zu tun haben, auf der anderen Seite verwundert es dieselben Leute nicht, dass dieselbe Regierung dann nicht fähig ist, einen Präsidenten so in den Medien zu präsentieren, dass nicht die halbe Welt glaubt, er sei ein Trottel?

Und was ist mit Wolfowitz? Viele verabscheuen ihn, aber mangelnde Intelligenz wird ihm gewöhnlich nicht vorgeworfen. Wieso also lässt er sich zu einer so scheinbar dummen Aussage verleiten, wie der Krieg im Irak sei wegen des Öls geführt worden und alle anderen Gründe wären nur Heucheleien gewesen?

John F. Kennedy, Chruschtschow und die Kuba-Krise
Als John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow sich erstmals persönlich trafen, glaubte Chruschtschow einen jungen Naivling vor sich zu haben, den er an der Nase herumführen könnte, wie es ihm gefiel. Dieser Eindruck Chruschtschows führte letztendlich zur Kubakrise, eben weil Chruschtschow glaubte, JFK würde dem politischen Druck nicht standhalten und klein beigeben.

Tat er aber nicht. Heute gilt John F. Kennedy als einer der besten US-Präsidenten aller Zeiten und die friedliche Beendigung der Kubakrise wird ihm hoch angerechnet, während Chruschtschow als derjenige angesehen wird, der beinahe für den 3. Weltkrieg verantwortlich gewesen wäre. Dabei waren es die USA, die zuerst Aggressionen gegenüber Kuba zeigten, als sie im April 1961 versuchten Fidel Castro mit Gewalt zu stürzen, Kennedy hatte den Befehl dazu gegeben. Die Mission scheiterte und Castro musste sich bedroht fühlen, was dann dazu führte, dass er die Sowjets um Hilfe bat.

Wie immer man es sieht, die Kubakrise war am Ende ein Triumph für die USA. Die Sowjets wussten, dass sie einen Atomkrieg nicht führen konnten, weil die USA militärisch nicht schwächer war. Chruschtschow (immerhin derjenige der die "Entstalinisierung" einleitete) wollte niemals einen Atomkrieg, aber weil ihm JFK so naiv, ja vielleicht sogar so dumm erschien, glaubte Chruschtschow ihn mit solchen Mitteln unter Druck setzen zu können. Als sich JFK dann als doch nicht so naiv erwies, musste sich Chruschtschow gesenkten Hauptes aus Kuba zurückziehen. Eine fatale Niederlage für die Sowjetunion, und das nur weil Chruschtschow Kennedy für naiv und eventuell dumm hielt.

Die schwindende Macht der USA
Der Historiker Emmanuel Todd, der bereits in den 1970ern den Zusammenbruch der Sowjetunion voraussah, sieht den Irakkrieg als eine Art Verzweiflungsakt seitens der USA. Während sich die ökonomischen Verhältnisse nach Ende des Kalten Krieges deutlich zugunsten von Europa verschoben haben, verliert die USA an Bedeutung und wollte durch den Irakkrieg aller Welt "beweisen", dass es ohne sie nicht geht. Das Problem ist, dass es aber ohne sie geht.

Wenn die USA aber die Welt zu der Überzeugung verleiten könnte, dass sie (die USA) bereit ist, für ihre Vormachtstellung alles zu tun, jedes Land anzugreifen, im Zweifelsfall auch ohne irgendeinen handfesten Grund, so könnte dies die amerikanische Vormachtstellung erhalten, ohne dass es irgendwelche tatsächlichen Voraussetzungen dafür gebe.

Dummheit als Konzept?
So könnte es also durchaus sein, dass die Dummheit Bushs ein politisches Konzept ist. Bush und seine Berater wissen, was er vorallem in Europa für einen Ruf hat. Die EU aber ist - politisch gesehen - die Staatengemeinschaft, die man mit dem Irakkrieg beeindrucken wollte, in Wild-West-Manier klarstellen, wer das Sagen hat in der Welt.

Die Aussage Wolfowitz, es wäre im Irak tatsächlich in erster Linie ums Öl gegangen, unterstützt das Bild, das die Europäer von der US-Regierung haben: eine skrupellose Vereinigung, die von der Ölindustrie abhängig ist und um diese zufriedenzustellen, alles tun wird, auch ein Land ohne einen Grund mit Krieg überziehen.

Wenn man zum einen die Welt davon überzeugen kann, dass man militärisch jedem Land bei weitem überlegen ist, und zum anderen die Welt ebenso davon überzeugen kann, dass man auch bereit ist, diesen Vorteil skrupellos zu nutzen (man denke nur an die Aussagen der USA zum Internationalen Gerichtshof), wird das ökonomisch stärkere Europa vielleicht klein beigeben, nur aus der Angst heraus, irgendwann auch auf der Abschussliste der USA zu stehen, so wie heute Irak, Iran und Nordkorea.

Das Ziel ist Angst
So könnte es tatsächlich sein, dass die US-Regierung momentan versucht, das Klischee, das vor allem in Deutschland über sie besteht, so gut es geht zu bestätigen. Denn Deutschland ist wichtig für die USA. Mangelnde Loyalität seitens der Deutschen könnte der ohnehin kränkelnden US-Wirtschaft den Todesstoß verpassen, denn Deutschland gehört zu den wichtigsten Handelspartnern der USA; mit Frankreich verhält es sich ähnlich und allen US-Bemühungen zum Trotz, Polen kann diese Rolle in naher Zukunft nicht übernehmen, nicht zuletzt auch deshalb weil Polen in Zukunft durch den EU-Beitritt von Deutschland und Frankreich noch mehr abhängig sein wird, als sie es jetzt schon sind.

Die USA hat also das Problem, dass sie bald schon niemand mehr gebrauchen könnte. Da sie aber immer noch die größte Militärmacht auf diesem Planeten sind, versuchen sie die Welt mit dem Mittel hörig zu machen, das jedes herrschende System nutzte, kurz bevor es zusammenbrach: Angst.

28. Juni 2003, Jörg Heléne

Lesen Sie dazu auch den Artikel: Von Heucheleien, Spiegelpropaganda und Selbstgefälligkeiten (vom 24. Juni 2003)
http://www.renegadenation.de/essays/dumm.html
 
aus der Diskussion: US-Wahl: Die Dumpfbacken haben gewonnen
Autor (Datum des Eintrages): Stormwatch  (01.07.03 20:26:28)
Beitrag: 129 von 176 (ID:9949631)
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