Bis zur Hauptversammlung dürften noch einige spannende Wochen bevorstehen. Trotz des bisherigen Kursanstiegs von rund 35 % halte ich es durchaus für möglich, dass noch weiteres Aufwärtspotenzial vorhanden ist.
Aus der Bilanzveröffentlichung erwarte ich zumindest keine negativen Überraschungen, insbesondere keinen erneuten Verlust wie in den beiden Vorjahren. Im Kern geht es bei Rocket Internet ja vor allem um die Entwicklung der notierten und der nicht notierten Vermögenswerte, ansonsten besteht ja kein operatives Geschäft mehr, der Personal Staff ist weitestgehend auf circa 10 Leute runtergefahren.
Bei den notierten Beteiligungen besteht aus meiner Sicht weiterhin eindeutig Wertaufholungspotenzial. Bereits im Jahr 2025 wurden die chinesischen Beteiligungen (Alibaba und Tencent) mit Gewinn veräußert. Gleichzeitig haben sich die verbleibenden börsennotierten Beteiligungen zuletzt sehr positiv entwickelt.
Ein Beispiel ist Westwing, an dem Rocket rund 30 % hält. Die Aktie hat im Jahr 2025 bereits über 30 % zugelegt und ist seit Jahresanfang 2026 nochmals um rund 40 % gestiegen. Auch Bike24 hat sich 2025 sehr stark entwickelt und sich etwa verdreifacht. Diese Entwicklungen sollten sich zumindest teilweise im Buchwert widerspiegeln, der für 2024 bei 22,92 EUR je Aktie lag. Auch die weiteren ehemals großen und nunmehr kleinen Beteiligungen wie die Global Fashion Group haben sich grandios entwickelt, sowohl in 2025 als auch 2026.
Bei den nicht notierten Beteiligungen (die im Buchwert 2024 etwa das Dreifache der notierten Beteiligungen ausmachen) wurde – wie hier im Forum vielfach diskutiert – bereits im Jahr 2024 sehr konservativ bewertet und teilweise trotz entsprechender Finanzierungsrunden massiv abgeschrieben.
Daher sehe ich aktuell nur noch begrenztes weiteres Abschreibungspotenzial. Gleichzeitig erwarte ich allerdings auch keine kurzfristige Wertaufholung.
Der Grund liegt darin, dass nach IFRS 13 viele dieser Beteiligungen als sogenannte Level-2- oder Level-3-Bewertungen geführt werden. Hier besteht ein erheblicher Bewertungsspielraum für das Unternehmen, sodass Wertaufholungen nicht zwingend vorgenommen werden müssen, solange keine klaren externen Transaktionen oder belastbaren Marktpreise vorliegen. Hier hat der Wirtschaftsprüfer, der hier EY ist, m.E. wenig Einschätzungsprärogative.
Auch möglichen Klagen wegen angeblich zu niedriger Bewertungen messe ich persönlich keine große Erfolgsaussicht bei, wenn sie denn überhaupt kommen sollten. Zum einen müsste ein konkreter Schaden nachgewiesen werden, zum anderen besteht ein erheblicher Bewertungsspielraum. Deswegen glaube ich auch, dass die Scherzer AG sich des offenen Briefes bedient hat und keine Klage initiiert hat - in der Vergangenheit hat sich Scherzer schließlich nicht als klagescheu erwiesen. In der forensischen Praxis haben allerdings eher gegenteilige Fälle – also offensichtliche “Luft”bewertungen (z. B. bei Wirecard, EY hat hier Erfahrungen) – realistische Erfolgsaussichten.
Meines Erachtens wird sich der Investment-Case in den kommenden Monaten vor allem auf drei Themen konzentrieren.
1. Ein mögliches Szenario wäre ein Rückkaufangebot zu einem höheren Kurs. Das Management dürfte aus meiner Sicht dieses Thema im Hinblick auf die anhaltenden Abwertungsdiskussionen allerdings eher zurückhaltend behandeln.
Gleiches gilt auch für die Gewährung von Kapitalmaßnahmen unter Ausschluss der restlichen Aktionäre zu Vorzugskonditionen. Eine solche Maßnahme dürfte in diesem Umfeld in der Tat rechtlich heikel sein. Der derzeitige Aufsichtsrat dürfte sich aus Eigeninteresse einer solchen Maßnahme verschließen.
Sehr wahrscheinlich erscheint mir daher die Ankündigung einer erheblichen Ausschüttung.
Auf der letzten Hauptversammlung wurden dafür bereits die Voraussetzungen geschaffen, indem gebundene Rücklagen in zwei Schritten in freie Rücklagen umgewandelt wurden. Damit wäre grundsätzlich eine Ausschüttung aus diesen Rücklagen möglich, diese Situation ist seit Ende Februar 2026 rechtlich so. Gleichzeitig wurden im vergangenen Jahr mehrere Beteiligungen veräußert, sowohl börsennotierte als auch nicht börsennotierte, beispielsweise Zepto. In der Hauptversammlung werden wir sehen, wie hoch tatsächlich die freien Mittel sind, ich rechne- wie in der Vergangenheit schon einmal geschehen - mit einer kurzfristigen Ankündigung.
Zudem dürfte Oliver Samwer hier vermutlich auch steuerliche Aspekte berücksichtigen. Ein Großteil der Anteile wird über Körperschaften und Stiftungen gehalten. Hier dürfte eine Ausschüttung aus freien Rücklagen steuerlich teilweise günstiger sein als andere Formen der Kapitalrückführung.
2. Ein weiterer möglicher Kurstreiber ist die Entwicklung rund um SpaceX.
Nach aktuellen Medienberichten bereitet SpaceX derzeit “sehr” konkret einen Börsengang im Jahr 2026 vor, möglicherweise bereits im Juni. Wegen der schlechten Performance von Tesla steht Elon Musk hier stark unter Zugzwang. Diskutiert werden Bewertungen zwischen 1,5 Billionen und bis zu 1,75 Billionen US-Dollar, was den größten Börsengang der Geschichte darstellen könnte.
Sollte sich eine solche Bewertung realisieren, hätte dies auch erhebliche Auswirkungen auf die Bewertung der indirekten Beteiligungen von Rocket Internet.
Rein rechnerisch würde beispielsweise eine Beteiligung im Wert von 1,5 Mrd. USD etwa 10,7 EUR pro Rocket-Internet-Aktie entsprechen. Diese Größenordnung zeigt, dass allein diese Beteiligung einen erheblichen Anteil am inneren Wert darstellen kann.
Sollte sich der Börsengang tatsächlich realisieren, halte ich einen weiteren Kursanstieg für wahrscheinlich.
3. Entwicklung von Kalshi
Ein weiterer spannender Wert ist – wie hier zuletzt häufig diskutiert – Kalshi, ein schnell wachsender Anbieter sogenannter Prediction Markets.
Das Unternehmen und die Branche erleben derzeit ein sehr starkes Wachstum, insbesondere im Zusammenhang mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz. Neben Polymarket gehört Kalshi aktuell zu den klaren Marktführern und dürfte derzeit sogar im Moment die Nase vorn haben.
Wie auch hier im Forum diskutiert wurde, werden aktuell neue Finanzierungsrunden vorbereitet, die Bewertungen von bis zu 20 Mrd. USD implizieren könnten. Noch Ende 2025 lag die Bewertung bei rund 11 Mrd. USD, ein Ende des weiteren tulpenartigen Anstiegs ist derzeit nicht absehbar.
Auch operativ wächst Kalshi stark: Das Handelsvolumen auf der Plattform ist deutlich gestiegen, und die annualisierte Umsatzrate soll bereits über 1 Mrd. USD liegen.
Gleichzeitig gibt es allerdings auch regulatorische Risiken. In mehreren US-Bundesstaaten laufen derzeit Verfahren zur Frage, ob bestimmte Prediction Markets eher als Finanzprodukte oder als Glücksspiel zu regulieren sind. Außerdem haben zwei demokratische Senatoren bereits ein konkretes Gesetz zur Regulierung des “prediction markets” eingebracht. Die Meldung ist vom letzten Mittwoch.
Rocket Internet hält hier rund 5,1 %. Bei einer Bewertung von 20 Mrd. USD würde man ebenfalls in eine Größenordnung von über 10 EUR je Rocket-Internet-Aktie kommen. Wenn ich mir das richtig notiert habe, ist Kalshi (gem. Informationen von Scherzer) derzeit, nach massiver Abwertung im Vorjahr, in der Bilanz lediglich mit lächerlichen 0,4 Mio. EUR bewertet….
Letztlich sind abschließend die hier diskutierten Gerüchte von Sum UP hinsichtlich eines Börsengangs von 15 Mrd $ zu berücksichtigen. Insofern eine solche Bewertung zutrifft, ergäbe dies auch einen Wert von über 7 EUR pro Anteil.
Bis zum Juni dürfte es daher sehr spannend bleiben. Vor diesem Hintergrund halte ich es durchaus für möglich, dass trotz des bisherigen Kursanstiegs noch weiteres erhebliches Potenzial vorhanden ist.