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Draghi und die Börsenpropheten



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Es ist wieder soweit. Sie kommen nun endlich wieder aus ihren Löchern gekrochen, und das in Scharen. Die Rede ist von den Börsenpropheten, den Börsengurus, den Meistern im Lesen von Glaskugeln, den visionären Zahlenakrobaten. Sie alle wittern Morgenluft. Die Zeit war schon lange nicht mehr so günstig, sich einen Namen unter den Börsenjüngern zu machen. Gestern, nach gefühlten 20 Jahren, endlich wieder ein Telebörsen-Spezial zum Thema DAX-Hausse, endlich wieder eine große Dax-Tafel im Hintergrund eines Jan Hofer, der um 20 Uhr zur Hauptsendezeit mit ernster Miene einen neuen Rekordstand des deutschen Aktienindex verkündete, um nun ganz Deutschland mitzuteilen, wo zur Zeit am meisten Geld zu verdienen ist, und das auch noch, ohne zu arbeiten.

Erinnerungen an vergangene Zeiten kommen hoch, an die späten 90er Jahre, als sich die Jahrhunderthausse ihrem Höhepunkt näherte. Als ein Hans-Dieter Schulz noch mit Filzstift und Lineal versuchte, den zukünftigen Daxverlauf in seine gewünschte Richtung hinzubiegen, als ein Florian Fischer-Fabian sich von der Euphorie am Börsenparkett anstecken ließ und seiner charmanten Kollegin Carola Ferstl unaufhörlich Komplimente und versteckte, aber offensichtlich leider vergebliche Liebesbekundungen aus dem Frankfurter Börsensaal zu ihr ins Studio flötete. Und als man Mr. Buschtrommel persönlich, die Rede ist von Dr. Friedhelm Busch, an seinem Gesicht während jeder Börsenschalte ablesen konnte, wann er mitten im Steigflug des DAX wieder mal auf der Shortseite positioniert war.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Heute sind es vornehmlich taffe Börsenladys wie beispielsweise Katja Dofel oder Corinna Wohlfeil, die emotionslos das Börsengeschehen kommentieren, oder auch männliche graue Eminenzen wie Frank Meyer oder Friedhelm Tilgen, die teils mit Humor, teils mit kühler Sachlichkeit versuchen, Neutralität zu bewahren und sich nicht die Finger zu verbrennen.

Nicht jedoch so die Börsenpropheten und selbsternannten Börsenexperten, die immer wieder auch vor der Kamera die Chance bekommen, einem Millionenpublikum ihre prognostischen, um nicht zu sagen hellseherischen Fähigkeiten, zu beweisen. War es nicht amüsant zu sehen, wie gestern in der Telebörse ein ausgewiesener Chartspezialist und Meister der Rhetorik wie Rüdiger Born fast hyperventilierte und kaum mehr Worte fand, als man ihn nach den Kurszielen des DAX fragte. »Das kann alles noch sehr, sehr weit gehen, der Weg nach oben ist offen.« The sky is the limit, so das allgemeine Credo. Oder einen Tag zuvor ein Jens Ehrhardt, der im Studio mit einem selbstgefälligen Dauergrinsen dem Millionenpublikum verklickerte, dass der Börsenzug nur noch einen Weg kenne, und zwar den nach oben. Aber schlau genug, um noch den Hinweis zu geben, dass der liquide, noch nicht investierte Kleinanleger einen deutlicheren Rückschlag abwarten solle. Wohl wissend, dass die geneigten Milchmädchenanleger vermutlich auf diesen Rücksetzer vergeblich warten werden und nun erst bei einem DAX-Stand zwischen 11000 und 12000 in den Markt gelockt werden. Schließlich müssen die Herren Börsenbriefschreiber dafür sorgen, gute Ausstiegskurse zu bekommen. Ach ja, und da gibt es ja auch noch einen gewissen Raimund Brichta, der dem Ganzen die Krone aufsetzt und einen DAX-Stand in den nächsten 10-15 Jahren von 50000 Punkten prognostiziert. Und das, wo der langfristige 80J-Zyklus ein Ende der seit über 100 Jahren andauernden Hausse am Aktienmarkt signalisiert.

Und wem haben wir das alles zu verdanken? Na klar, dem Weltmeister im Drucken von wertlosem Falschgeld, Mario Draghi. Dem Aushängeschild der weltweiten Geldmafia persönlich. Er hat es mit seinem One-Billion-Euro-Programm geschafft, dass die schon mit den Hufen scharrenden Börsenbullen nun endlich alle sich in den Weg stellenden Hindernisse aus dem Weg räumen können. Und Börsenbullen haben manchmal trotz ihres etwas schwerfälligen Äußeren oft eine bemerkenswerte, nicht zu unterschätzende Kondition.

Leider profitiert die Masse der Otto-Normal-Deutschen Steuerzahler nicht von diesen paradiesischen Zuständen an der Börse. Denn wenn man durch die Schuldenpolitik von Staat und Notenbank seit Jahren nur noch das Geld aus der Tasche gezogen bekommt, die Reallöhne seit 20 Jahren im Sinkflug begriffen sind, die Massenkaufkraft immer mehr schrumpft, woher soll der kleine Mann auf der Strasse auch das nötige Kleingeld aufbringen, um an der Börse nun richtig durchzustarten? Zudem wurden einem mit Konstrukten wie der Riester-Rente schon die sauer verdienten Spargroschen abgeknöpft, und wer eine Telekomaktie vor vielen Jahren einmal für weit über 60 Euro sich ins Depot gelegt hat, wird vermutlich das Wort Aktie nicht mehr hören können. Wo doch vielen Normalverbrauchern in den letzten Jahren auch noch der Floh ins Ohr gesetzt wurde, Schulden machen war noch nie so günstig wie jetzt. Wo jedes zweite Auto auf Pump gekauft wird. Wo die Angst vor Strafzinsen und Geldentwertung grassiert. Und doch werden die Geldhaie es schaffen, zu weit überhöhten Preisen ihre Papiere an die dummen Kleinaktionäre zu verhökern. Bevor dieser Prozess nicht abgeschlossen ist, wird die Börse vermutlich weiter steigen.

Und so wird die Umverteilung von unten nach oben wohl noch eine Weile weitergehen. Den Börsenpropheten wird nicht langweilig, die dummen Steuerbürger werden einen langsamen, steinigen, verlustreichen Prozess durchlaufen, und die Konten des Geldadels werden sich weiter füllen. Soziale Unruhen werden sich zudem in Grenzen halten und so diesen Prozess nicht nennenswert gefährden. Denn Draghi ist nicht dumm. Mit seiner Politik der kleinen Nadelstiche sorgt er dafür, dass unsere Enteignung schleichend, fast unmerklich verläuft. Denn er weiß natürlich, dass sein gedrucktes Falschgeld in die Finanzmärkte fließt und nicht in die Realmärkte. Steigende Aktien verbreiten eine positive Stimmung und verschleiern den Blick auf das drohende Unheil. Würde das viele Geld in die Gütermärkte wandern, käme es wie in den beiden Weltkriegen, innerhalb kurzer Zeit zu einer Hyperinflation, da dem massenhaften Geld keine entsprechenden Realgüter gegenüberstehen, die man käuflich erwerben kann.

Warten wir also ab, bis der große Knall kommt, bis das Kartenhaus zusammenfällt. Bis dahin viel Spaß beim Geldverlieren.
Schicker Text, selbst geschrieben? Das Thema ist breit gefächert und wird hier fast überall zumindest am Rande mit diskutiert. Hast Du eine konkrete Idee wie sich das ohne Krieg zu lösen ist?

Gruß Bernecker1977
*notiert*

Das ist also nun der 75254. vorhergesagte Untergang des Weltfinanzsystems. Und das sind nur die Vorhersagen seit Ramses. Wir werden das im Hinterkopf behalten und weiter investieren. Mindestens bis zur Vorhersage 75255.
Antwort auf Beitrag Nr.: 49.115.183 von Bernecker1977 am 19.02.15 11:50:57Ja, der Text stammt aus meiner Feder. Brichta wollte ihn auf seiner Seite, wo das Thema auch diskutiert wird, nicht veröffentlichen. Also habe ich mir gedacht, mache ich es eben in Eigenregie in der Hoffnung, dass Wallstreet Online etwas kulanter ist.

Was diese EU-Katastrophe betrifft, sehe ich keine Lösung in Sicht, zumal die verantwortlichen Hauptstrippenzieher daran überhaupt nicht interessiert sind, zum Wohl der europäischen Bevölkerung zu handeln. Die Hauptintension der EU-Verantwortlichen ist eine reine Umverteilung von unten nach oben. Deutschland ist zu mächtig geworden und muss nun Schritt für Schritt entmachtet werden, was zum Teil auch schon gelungen ist. Das Skandalöse daran: Deutschlands Spitzenpolitiker wie Kohl, Schröder und Merkel haben diesen Prozess entscheidend mit eingeleitet und sind ihrem eigenen Volk in den Rücken gefallen. Ich habe aber den Eindruck, dass ein Großteil der Bevölkerung die wahren Beweggründe der Politiker und Notenbanker immer noch nicht begriffen hat.

Eine mögliche Lösung wäre, wie Willhelm Nölling es vorgeschlagen hat, die Aufteilung Europas in einen Hartwährungsblock und ein Wechselkurssystem II für die Weichwährungsländer. Aber dies würde ja den wahren Absichten der Politiker zuwider laufen. Also wird alles so weitergehen wie bisher. Draghis Billion wird nicht die einzige bleiben. Es werden weitere folgen, um sich Zeit zu kaufen und den Umverteilungsprozess hinauszuziehen. Es wird die Zeit kommen, wo die finanziellen Einschnitte bei der Bevölkerung zu groß werden. Ein Bankenrun, wie er ansatzweise in Griechenland schon zu beobachten ist, sowie eine wirtschaftliche Depression werden die Folge sein und das ganze EU-System zusammenbrechen lassen. Aber bis dahin werden vermutlich noch einige Jahre ins Land ziehen. Zudem wird Altersstruktur der Bevölkerung immer mehr zu einem Damoklesschwert für die Konjunktur. Sinkende Reallöhne und Renten und steigender Anteil der älteren Bevölkerung, der versorgt werden will.
Antwort auf Beitrag Nr.: 49.116.905 von sdaktien am 19.02.15 13:46:42Woher habt ihr nur das viele Geld, um weiter investieren zu können? Bestimmt von Draghi.
Das Geld stammt noch von Herrn Trichet. Steht zumindest auf dem Schein. Kann man unter dem Holstentor nur so schlecht lesen.

Der Euro in sich ist nicht gefährdet, denn ausser Griechenland sind sich alle einig. Einen Ausstieg Griechenalnds kann man verkraften, sollte er denn kommen. Die Schwächung des Euros hilft unserer Wirtschaft, denn diese kann mehr exportieren. Uns im Hartwährungsblock geht es dadurch besser. Die verbesserte wirtschaftliche Lage hier hat wiederum Auswirkungen auch auf die Weichwährungsländer, denn diese sind nun in der Lage mehr bei uns abzusetzen.
Wir kommen weltwirtschaftlich jetzt in eine Lage, wo die Hausse von einer Zinsgetriebenen in eine gewinngetriebene übergeht. Eine solche Hausse ist das Stabilste, was es am Finanzmarkt überhaupt gibt, denn sie fusst auf Fundamentaldaten.
Dass (zu) viel Geld im Kreislauf ist und dass dies zu Problemen führen kann will ich nicht in Abrede stellen. Dies wird aber erst zu Tage treten, wenn diese Hausse endet.
Bis dahin besteht aber die Möglicheit dieses Fremdkapital (das vor allem in Anleihen und dergeleichen liegt) in Eigenkapital (angelegt in Aktien oder anderes Produktivvermögen) umzuwandeln.

Deswegen ist mir nicht Bange, wenn ich auf die nächsten Jahre in Wirtschaft und Börse schaue.
Antwort auf Beitrag Nr.: 49.117.271 von Tim_Cosso am 19.02.15 14:12:25
Zitat von Tim_Cosso: Ja, der Text stammt aus meiner Feder. Brichta wollte ihn auf seiner Seite, wo das Thema auch diskutiert wird, nicht veröffentlichen. Also habe ich mir gedacht, mache ich es eben in Eigenregie in der Hoffnung, dass Wallstreet Online etwas kulanter ist.

Was diese EU-Katastrophe betrifft, sehe ich keine Lösung in Sicht, zumal die verantwortlichen Hauptstrippenzieher daran überhaupt nicht interessiert sind, zum Wohl der europäischen Bevölkerung zu handeln. Die Hauptintension der EU-Verantwortlichen ist eine reine Umverteilung von unten nach oben. Deutschland ist zu mächtig geworden und muss nun Schritt für Schritt entmachtet werden, was zum Teil auch schon gelungen ist. Das Skandalöse daran: Deutschlands Spitzenpolitiker wie Kohl, Schröder und Merkel haben diesen Prozess entscheidend mit eingeleitet und sind ihrem eigenen Volk in den Rücken gefallen. Ich habe aber den Eindruck, dass ein Großteil der Bevölkerung die wahren Beweggründe der Politiker und Notenbanker immer noch nicht begriffen hat.

Eine mögliche Lösung wäre, wie Willhelm Nölling es vorgeschlagen hat, die Aufteilung Europas in einen Hartwährungsblock und ein Wechselkurssystem II für die Weichwährungsländer. Aber dies würde ja den wahren Absichten der Politiker zuwider laufen. Also wird alles so weitergehen wie bisher. Draghis Billion wird nicht die einzige bleiben. Es werden weitere folgen, um sich Zeit zu kaufen und den Umverteilungsprozess hinauszuziehen. Es wird die Zeit kommen, wo die finanziellen Einschnitte bei der Bevölkerung zu groß werden. Ein Bankenrun, wie er ansatzweise in Griechenland schon zu beobachten ist, sowie eine wirtschaftliche Depression werden die Folge sein und das ganze EU-System zusammenbrechen lassen. Aber bis dahin werden vermutlich noch einige Jahre ins Land ziehen. Zudem wird Altersstruktur der Bevölkerung immer mehr zu einem Damoklesschwert für die Konjunktur. Sinkende Reallöhne und Renten und steigender Anteil der älteren Bevölkerung, der versorgt werden will.


Sehr gut! Kannst hier gerne auch mehr schreiben, wir diskutieren alle gerne ;)

Gruß Bernecker1977
Antwort auf Beitrag Nr.: 49.113.143 von Tim_Cosso am 19.02.15 09:23:14"Zudem wurden einem mit Konstrukten wie der Riester-Rente schon die sauer verdienten Spargroschen abgeknöpft"

Soll ja auch aktienfondbasierende Riesterprodukte geben welche kräftig mithaussieren.Und mit Zulagen und abgeltungssteuerfrei spekuliert es sich ohnehin entspannt.

Aber insgesamt ein sehr schöner Beitrag.
Ich habe alle Aktien verkauft und die ganze Kohle in Alkohol angelegt.
Da gibbet 40% und mehr.
Das nenn ich Rendite.
Griechenland ist es gelungen, weiter auf Kosten anderer zu leben. Gratulation. Die Börse und die Börsenpropheten jubeln, der deutsche Steuerzahler jammert und Varoufakis lacht uns aus. Wie war zu hören? Es wäre ein erster Schritt gewesen, um wieder Vertrauen aufzubauen. Vertrauen zwischen dem kleinen Plünderer Griechenland und dem großen Plünderer EU. Es klingt wie reiner Hohn. Glaubt wirklich jemand im Ernst, dass die Griechen willens und in der Lage sind, eine funktionierende Steuerbehörde aufzubauen, den Milliardären an den Geldbeutel zu gehen und die Geldflüsse der Schattenwirtschaft anzuzapfen? Ist wirklich jemand so naiv zu glauben, dass wir auch nur einen einzigen Cent zurückbekommen? Eine Schmierenkomödie ohnesgleichen, die sich zwischen Griechenland und der EU abspielt. Ein abgekartetes Spiel.
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