DAX+0,86 % EUR/USD-0,03 % Gold0,00 % Öl (Brent)0,00 %

Die Leiden eines Kochs - 500 Beiträge pro Seite



Beitrag schreiben

Begriffe und/oder Benutzer

 

Da mein Thread "Meine Frauen und meine Aktien" so viele Leser und Kommentatoren gefunden hat und immer noch gelesen wird, folge ich hiermit der Aufforderung, neue Geschichten zu liefern.

Teil eins: In Teufels Küche

1.

Das Vorstellungsgespräch fand im Schankraum statt. Die Wirtin saß mit dem Rücken zur Theke und zur Küche. Hinter der Theke stand ein traditionell gekleideter Kellner und polierte Gläser. Seine Chefin war sehr dick und sehr blond. Noch dicker und blonder als die stets auffällig geschminkte Freundin meines Vater, die seine Stammkneipe führte. Außerdem war diese Wirtin etwa zehn Jahre älter. Ich schätzte sie somit auf ungefähr fünfzig Jahre. Sie machte ein sehr ernstes Gesicht und starrte mich an, als wollte sie mich hypnotisieren. Ich wartete darauf, dass sie wieder etwas sagte. Als sie statt dessen weiter schwieg, sah ich mich aus den Augenwinkeln um. Überall an den Wänden waren Regale mit zahllosen ausgestopften Tieren. Die toten Kreaturen hatten alle den gleichen Blick, der mir irgendwie bekannt vorkam. Die Frau sagte immer noch nichts. Auch ihr Blick kam mir jetzt irgendwie bekannt vor. Vielleicht wurde ich hier allmählich verrückt. Ich wollte lieber weg. Als ich an ihr vorbei guckte, sah ich, wie eine Person aus der Küche kam. Zuerst bemerkte ich nur, dass die Schwingtür sich bewegte, aber dann erkannte ich eine große und schlanke Frau, die noch ein paar Schritte machte und dann hinter die Theke stehen blieb. Sie flüsterte dem Kellner etwas zu. Er nickte leicht und polierte schweigend weiter Biergläser. Die dunkelblonde junge Frau sah mich an. Sie wirkte ganz locker und trotzdem aufmerksam. Ich erwiderte ihren Blick und war sofort verliebt. Als ich den Anflug eines leisen Lächelns in ihrem hübschen Gesicht zu erkennen glaubte, beschloß ich zu bleiben. Egal, um wen oder was es sich bei diesem fantastischen Geschöpf handelte, ich durfte es oder sie nicht im Stich lassen.
Mein Leben hatte einen Sinn.
Ich lächelte unwillkürlich.
Die potentielle Chefin vor mir atmete geräuschvoll aus. Ihr Gesicht wurde von einer schwachen Maske von Milde verfremdet.
„Also gut“, hub sie an, „du darfst hier am Sonntag anfangen!“
Ich konnte nicht sagen, was mich mehr entsetzte. War es die Enttäuschung, dass ich diese hübsche Elfe frühestens übermorgen kennen lernen würde? Oder war es die drohende Vorstellung, meinem bedrohlich stierenden Gegenüber schon in absehbarer Zeit ausgeliefert zu sein? Leider traf beides zu. Es zerriß mich innerlich. Ich wusste nicht, wen oder was ich angucken sollte. Aber ich wusste, dass es weitergehen musste. Darum sah ich die Frau hinter der Theke an. Das befähigte mich, eine Entscheidung zu treffen und dafür sogar ein Wort zu finden, dessen Silben ich dann alle beide verständlich genug heraus würgte.
„Super.“
„Kauf dir bis dahin die richtige Berufskleidung. Messer brauchst du noch nicht zu kaufen, die haben wir hier.“
Sie stand auf und verdeckte den Anblick der anderen Frau.
„Ja“, sagte ich eilig.
„Gut, dann kannst du dir jetzt die Küche zeigen lassen. Bis Sonntag. Sei pünktlich!“
Dann ging sie fort. Sie sagte etwas zu dem Kellner und verschwand dann komplett aus meinem Blickfeld. Der Kellner kam zu mir, gab mir die Hand und führte mich zum Eingang der Küche. Ich guckte die ganze Zeit auf die Frau, die immer noch hinter der Theke stand und meinen Blick weiterhin so unglaublich attraktiv erwiderte.
„Wer ist das?“, fragte ich.
Ich musste leise sprechen. Damit er merkte, dass er trotzdem hören und antworten musste, mischte ich einen leicht drohenden Unterton bei.
„Vergiß es.“
Ich blieb stehen.
„Wir müssen in die Küche.“
„Wer?“, knurrte ich.
„Erstens die Tochter von der Chefin und zweitens zu jung.“
„Wie jung?“
„Knapp sechzehn.“
Ich setzte mich wieder in Bewegung und verschwand so rasch wie möglich in der Küche, damit das Kind nicht sah, wie ich die Kontrolle über mein Gesicht verlor. Tatsächlich überholte ich den Kellner. Als ich in der Schwingtür war, hörte ich ihn wieder etwas sagen.
„Sie hat aber eine ältere Schwester.“

Fortsetzung folgt
2.

Der Kellner hieß Ozzy und war ebenfalls Lehrling. Er hatte es nicht schwer, mir die Küche zu zeigen. Alle wichtigen Räume befanden sich im selben Stockwerk und waren ohne Umwege zu erreichen. Ich wusste schon, dass das keine Selbstverständlichkeit war. In manchen Lokalen musste man als Koch erst an den Gästen vorbei bis an das andere Ende des Gebäudes laufen und dann in den Keller gehen, um zum Kühl- oder Gefrierhaus zu kommen.
„Was hast du eigentlich vorher gemacht?“, fragte Ozzy.
„Ich war bei der Bundeswehr.“
„Was?“
„Fernmelder.“
„Nein, das meine ich nicht.“
„Sondern?
„Du warst bei der Bundeswehr?“
„Ich war bei der Bundeswehr“, sagte ich erneut.
„Warum?“
„Wehrpflicht.“
„Und warum hast du zuerst die Bundeswehr gemacht, statt zuerst eine Lehre zu machen?“
„Weil es hieß, dass der Wehrdienst von 15 auf 18 Monate verlängert werden sollte. Ich wollte vorher damit fertig werden und es möglichst früh hinter mich bringen.“
Vor allem hatte mein Vater mir gesagt, dass viele Frauen bei Männern auf Uniformen standen.
„Und jetzt willst du hier anfangen?“
Ich verstand die Frage nicht.
„Ist das eine Fangfrage?“
Sie hatten einen Gasherd und gußeiserne Pfannen, wie sich das gehörte. Elektroherde und beschichtete Pfannen überließ ich gern meiner Mutter.
Er dachte sichtlich nach und stellte eine neue Frage.
„Was war das gerade mit der Tochter vom Chef?“
„Nichts.“
Die Kneipe brauchte eine bessere Beleuchtung und vielleicht brauchte ich auch obendrein eine Brille. Jedenfalls würde die Kleine volljährig sein, ehe meine Lehre hier zu Ende war...
„Ich dachte, du hättest dich für sie interessiert.“
„Nein“, sagte ich, „die Töchter meiner Chefs sind für mich immer tabu.“
„Vernünftige Einstellung.“
„Und was war das mit ihrer ältern Schwester?“
„Die lebt im Ausland und kommt nur selten zu Besuch.“
„Schade“, sagte ich,
„Nein“, sagte er.
„War nur eine Vermutung.“
„Aber die Nichte vom Chef ist genau richtig.“
„Was ist in deinen Augen genau richtig?“, fragte ich.
„Groß, grazil, scharf, toller Hintern, lange Haare...“
Er machte begleitend dazu eine Reihe völlig abstruser Bewegungen, die eine große Erregung ausdrückten.
Ich beobachte ihn schweigend, falls Erste Hilfe nötig werden sollte.
„Die kommt auch öfter.“
Ich dachte kurz nach.
„Ich jetzt auch“, sagte ich.

Fortsetzung folgt
3.

Als ich am Sonntag zur verabredeten Zeit am Vordereingang der Gaststätte klingelte, öffnete mir ein schlaksiger Brillenträger in karierter Hose und T-Shirt. Er kaute an einer dicken Stulle, nickte mir mit vollem Mund zu, drehte sich um und ging voran. Ich trat ein und schloss die Tür hinter mir. Er wurde langsamer und sah sich nach mir um. Ich folgte ihm. Wir marschierten am Kamin und an der Theke vorbei.
In der Küche abgekommen, war er mit der Stulle fertig und zog sich eine weiße Jacke über.
„Moin“, sagte ich.
„Du bist der Neue“, sagte er.
„Das bin ich.“
„Moin.“
„Ich heiße Robert.“
„Hallo Robert.“
Er wischte sich die Hände an seiner Jacke ab und gab mir die Hand.
„Ich heiße Ulf. Ich bin auch Lehrling.“
„Ich hielt dich schon für den Küchenchef.“
„Bin ich auch. Die Chefin arbeitet nur mit, wenn wir eine Gesellschaft haben oder Sonntag ist... oder beides...“
„Aha.“
„Im Sommer mache ich meine Prüfung und dann bin ich weg.“
„Also noch sechs Monate.“
„Ich zähle schon die Tage.“
„Wie viele Lehrlinge sind denn hier?“
„Zwei Tablettträger und ich. Und du, wenn du durchhälst. Dein Vorgänger ist nach sechs Monaten abgehauen. Darum stellt die Chefin auch ausgerechnet im Dezember einen Neuen ein.“
„Und die Chefin ist Köchin?“
Er lachte.
„Nein.“
„Aber der Chef ist Koch?“
Er lachte noch lauter.
„Nein.“
„Und wer bildet dann aus?“
„Die Chefin.“
„Muss ich das verstehen?“
„Nein. Ich habe gehört, du warst schon bei der Bundeswehr? Was hast du denn sonst noch gemacht?“
„Ich war an der Höheren Handelsschule...“
„Meine Schwester war auch auf der Handelsschule.“
„Ich war auf der Höheren Handelschule.“
„Was ist der Unterschied?“
„Mehr Mathe und weniger Tippen. Trotzdem fand ich, dass Büros nichts für mich sind. Ich habe mit meinem Vater Durchforstungen und Kaminholzhandel gemacht und ab und zu in einem Dorfrestaurant gejobbt.“
Er nickte.
„Ich habe gehört, du bist auch in Ute verknallt?“
„Was?
„Das braucht dir nicht peinlich sein. Da mussten wir alle mal durch.“
„Wer ist Ute?“
„Die Kleine vom Chef. In die war ich auch einmal verliebt.“
Die Vergangenheitsform war eine Lüge. Ich ahnte es, als ich hörte, in welchem Ton er es sagte und es erschlug mich förmlich, als ich ihm dabei ins Gesicht blickte. Ich beschloß, zu einem völlig anderen Thema zu wechseln.
„Der Chef soll auch eine hübsche Nichte haben“, sagte ich.
Er winkte ab.
„Die kannst du heute abend kennenlernen. Nebenan. Abends nach Feierabend gehen wir immer in die Disco. Wenn wir den Trampelpfad durch den kleinen Wald nehmen, sind wir immer schon nach 5 Minuten dort.“
„Und was macht ihr da so? Trinken?“
„Fleischbeschau.“

Fortsetzung folgt
4.

Ulf wollte mir gerade erklären, was diese Discothek zu einem Paradies machte, als man die Haustür hörte. Noch jemand kam ins Lokal. Man hörte die Absätze von Lackschuhen und ein aufgeregt fröhliches Pfeifen.
„Besuch?“, fragte ich.
„Nein, der Feind“, sagte Ulf.
„Gesundheitsamt?“
„Nein, schlimmer. Der kommt immer wieder, so wie Herpes. Und er hat immer etwas zu beanstanden, auch ohne Grund.“
„Wie meinen?“
„Ein Kellner!“
Ich hatte bis dahin überhaupt nicht gewusst, dass Köche natürliche Feinde hatten. In unserem Dorfrestaurant war der Koch auch der Inhaber und der unbestrittene Boss. Chefkellnerin war seine Frau, die ihm nach der Arbeit half und das als ihr Hobby ansah. Alle anderen Leute dort waren nur Aushilfskräfte.
„Ozzy?“, fragte ich.
„Der schläft noch. Wenn du gleich direkt über dir Black Sabbath hörst, dann ist das seine Anlage, die er so programmiert hat und dann kommt er bald.“
„Er lässt sich von Black Sabbath wecken?“, fragte ich ungläubig.
„Ja, früher ist er davon direkt wach geworden. Da hat er noch nicht so viel getrunken und gekifft. Jetzt wird er davon nur noch indirekt wach, denn spätestens wenn PARANOID zehn Minuten durch das Haus dröhnt, rennt der Chef zu Ozzy und schmeisst ihn aus dem Bett. Wenn ich von Schmeißen rede, kannst du das wörtlich nehmen.“
„Vielleicht hat er diesmal die Nacht durchgemacht?“
„Nein, der ist noch im Bett. Ich war selber dabei, als wir ihn nach Hause getragen und ins Bett geschmissen haben. Es hat nicht auf Anhieb geklappt, weil wir selber nicht mehr ganz nüchtern waren, aber irgendwann landete er dort, wo er sollte und schließlich blieb er dort auch freiwillig liegen.“
Das erinnerte mich an unsere Kameradschaft bei der Truppe.
Währenddessen hörten wir Geklapper an der Theke.
„Das ist der andere Kellnerlehrling“, sagte Ulf. „Blücher!“
„Blücher? Wie der berühmte General?“
„Jau.“
„Warum nennt ihr ihn so?“
„Das ist sein Name.“
Ulf verzog sich in die hinterste Ecke der Küche.
Schließlich ging die Tür auf. Eine Parfümwolke kam herein. Beim zweiten Hinsehen erkannte ich mittendrin einen sehr zackigen kleinen Kellner mit ungefähr einem Pfund Pomade im Haar. Sein Grinsen war breiter, als er hoch war.
„Einen schönen guten Morgen, Mädels!“, rief er.
Ich zog eine Augenbraue hoch.
„Ulf, du Küchenschabe!“, krähte Blücher. „Wasch dich!“
„Wenn du mich nicht immer um das Trinkgeld betrügen würdest, könnte ich mir ein Stück Seife kaufen!“
Blüchers Gesicht nahm einen gemeinen Ausdruck an.
„Trinkgeld?“, rief er. „Wir kriegen nie Trinkgeld! Weil ihr zu langsam seid und alles anbrennen lasst!“
„Ta geule! Fous le camp, râleur!“, rief Ulf zurück.
„Ach, tu doch nicht so, als wenn du Fremdsprachen kannst! Wenn du zur Schule gegangen wärst, wärst du doch keine Küchenschabe geworden!“
„Mets les voiles, poufiasse! Et la ferme, emmerdeur!“
Ich ging ein paar Meter zur Seite, damit ich nicht in der Schusslinie stand, falls sie sich gleich mit Gegenständen bewerfen würden. Blücher schielte auf mein Kreuz und guckte noch böser.
„Jetzt hast du also auch noch einen Leibwächter!“
„Dégage, imbécile! Tu m’énerves! Fous le camp!“
„Ach, du verstehst doch selbst, nicht, was du redest! Das ist doch unverständlich! Daran sieht man, dass du bekloppt bist! Genau wie dein Alter! Das ist nämlich erblich! Das weiß man!“
Ulf wurde blass und ging auf Blücher zu. Der machte sich sprungbereit, guckte nervös in Richtung Ausgang und schrie mit einer nun deutlich höheren Stimme: „Komm doch! Wirst schon sehen!“
In diesem Moment zuckten wir alle zusammen, weil es plötzlich von oben laut klopfte. Das waren die Bässe von Ozzys Anlage. Ich erkannte PARANOID von „Black Sabbath“.
Ulf und Blücher guckten auf ihre Armbanduhren.
„Etwas spät“, sagte Blücher sachlich.
„C’est vrai“, sagte Ulf.
„Dann wird der Chef sich das nicht so lange wie sonst anhören“, sagte Blücher.
Wieder hörte man Getöse.
„Da isser“, sagte Blücher.
Die Schritte des Chefs erinnerten mich an ein Geräusch, dass ich aus meiner Kindheit kannte. Wenn ich früher im Fernsehen gesehen hatte, wie Johnny Weißmüller als Tarzan seinen Freund Tantor zu Hilfe rief, hatte es anschließend genauso geklungen.
„Bumm“, sagten Ulf und Blücher wie im Chor. Man hörte es kaum, weil das „Bumm“ von oben lauter war.
„Der Adler ist gelandet“, sagte Blücher.

Fortsetzung folgt
Anmerkung:

Ursprünglich enthielt diese Geschichte viele Details über das Kochen in Restaurants und endete mit dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung.
Inzwischen habe ich die fachlichen Einzelheiten gestrichen ud konzentriere mich auf die menschlichen Aspekte. Außerdem geht die Geschichte jetzt viel weiter. Der Protagonist arbeitet nach seiner Abschlussprüfung in einer Handvoll Restaurants, nimmt dann einen Job in einer Fleischfabrik an, machte am Abendgymnasium sein Abitur nach, beginnt nebenbei zu studieren, zockt an der Börse, kommt mit dem Rotlicht-Melieu in Berührung, hat einen Unfall, muss umschulen, wird Industriekaufmann und arbeitet schließlich in einem Call-Center...
Ich hoffe, da ist für jeden Leser an irgendeiner Stelle etwas Interessantes dabei...
;)
5.

Ulf drehte Blücher den Rücken zu und sah mich an.
„Wir machen jetzt die üblichen Vorbereitungen für das Mittagsgeschäft. Du kannst zum Beispiel schon frische Petersilie hacken und Tomaten schneiden. Was wir für so für die Garnituren brauchen. Das nennt man Mis-à-place!“
„Mist am Platz habt ihr“, krähte Blücher. „Das ist aber auch alles!“
Ulf bereitete das Bain-Marie vor, ohne auf diesen Spott von Blücher zu reagieren. Damals war mir der Grund schleierhaft. Erst einige Wochen später kam ich zu der Gewissheit, dass Blücher diesen Scherz einfach jeden Tag brachte.
Jetzt kam die Chefin in die Küche. Blücher grüßte respektvoll. Die Chefin schenkte ihm ein Nicken. Als sie weiter ungebremst auf ihn zukam, machte er sich noch kleiner, als er ohnehin schon war. Sie sie rempelte ihn trotzdem an, obwohl zur anderen Seite noch ein Meter freier Platz war. Damit kam er noch gut davon, denn oft marschierte sie in ihren großen roten Pumps ein und hielt dabei das Gleichgewicht mit seitlich ausgestreckten Armen. Wenn man dann nicht das Weite suchte, konnte sich aber einen unbeabsichtigten Schwinger einfangen.
„Ozzy ist noch nicht da!“, rief Blücher.
„Ich weiß!“, schrie die Chefin. „Der kann was erleben!“
Sie ging zur Schneidemaschine. Sie begann Brot zu schneiden.
„Ich meinte ja nur, dass ich ihn noch nicht gesehen habe“, sagte Blücher mit offensichtlich wachsender Begeisterung.
„Dieser Mistkerl!“, schrie sie noch lauter. „Das gucke ich mir nicht mehr lange an!“, fügte sie mit wiederum erhöhter Lautstärke hinzu.
Sie öffnete ein kleines Türchen zum Kühlhaus. Von da aus hatte man Zugriff auf mehrere Regale mit Aufschnitt.
Blücher hielt sich hinter ihrem Rücken den Mund zu und tanzte vor Begeisterung..
„Sie haben aber auch wirklich die Geduld eines Engels!“, sagte Blücher.
„Aber nicht mehr lange! Das schwöre ich dir nackt in die Hand!“
Mit dem Spruch „Das schwöre ich dir nackt in die Hand“ war es bei der Chefin wie mit „Mist am Platz“ bei Blücher. Das sagten sie so oft und gern, dass man es von ihnen fast täglich zu hören bekam.
„Wenn der so weitermacht, passiert noch ein Unglück!“, schimpfte sie
Blücher guckte zu uns herüber, fuhr sich mit dem Finger an der Kehle entlang und klopfte sich vor Begeisterung auf die Schultern. Als die Chefin das hörte, drehte sie sich um.
Blücher wurde sofort wieder ernst, zeigte zum Ausgang und sagte: „Ich decke die Tische ein, auch die von Ozzy!“
Die Chefin sah ihm fragend hinterher und wandte sich dann Ulf zu.
„Du sollst doch morgens die Butter rausstellen, damit ich sie schmieren kann! Lernst du das noch, Dummkopf?“
Beim Militär hatte ich es vergleichsweise netter gefunden. Weibliche Führung hatte ich mir anders vorgestellt.
„Tire-toi, cocotte“, sagte Ulf stoisch.
„Und wenn du dich in fünf Sprachen entschuldigst, ist das auch egal!“, schrie die Chefin.
Ich sah Ulf an. Er hatte nur noch ein halbes Jahr. Ich würde aber noch drei Jahre hier sein. Unmöglich. Ich griff nach meiner Schürze, um sie abzulegen und wieder nach Hause zu fahren.
„Du Penner!“, schrie die Chefin.
Ich legte die Schürze ab. Im gleichen Augenblick kam ein Mädchen herein.
„Mutter?“
Ulf wurde knallrot. Ich sah es aus den Augenwinkeln.
„Woher wusstest du, dass ich hier bin?“, fragte die Chefin.
„Ich habe dich gehört“, sagte das Mädchen. „Wie immer.“
Die Chefin ging hinaus. Das Mädchen lächelte uns an, ehe sie uns den Rücken zukehrte und ihrer Mutter folgte.
„Huh...“, sagte ich.
„Huh...“, sagte Ulf.
Ich legte meine Schürze wieder um.
Ich hörte einen fetten Seufzer.
Das musste wohl Ulf gewesen sein.
Oder ich selbst.
Wer wusste das schon.
In so einer Situation.

Fortsetzung folgt
6.

Es war kurz vor zwölf.
Ich stand am Salatposten. Vor mir befanden sich über ein Dutzend Pötte mit unterschiedlichen Salaten und Salatsaucen. Der Kraut- und der Karottensalat waren von mir neu aufgefüllt worden. Dafür wurde das Gemüse geschnitten, indem man es in eine große Maschine gab, die man mit unterschiedlichen Klingen ausrüsten konnte. Ulf hatte mir gezeigt, wie man das Gerät zusammenbaute, umrüstete und anschließend reinigte.
Ich wartete darauf, dass etwas passierte. Mein Platz war am weitesten vom Kücheneingang entfernt, aber selbst ich konnte nicht überhören, dass sich das Lokal füllte. Immer mehr Leute kamen durch die Tür und unterhielten sich drinnen.
Ulf beobachtete schweigend den Kücheneingang. Er stand an dem verchromten Schrank, auf den wir gleich die Teller mit den bestellten Gerichten stellen würden, wenn wir endlich wussten, was die Leute wollten. Er hatte mir in den letzten fünf Minuten ungefähr zehnmal erklärt, dass das der „Pass“ war und dass ich auf keinen Fall in die Nähe des „Bon-Bretts“ kommen dürfte. Dieses Brett war mit zahlreichen Nägeln bestückt, auf das die Kellner die Zettel mit den Bestellungen zu spießen hatten.
Endlich ging die Tür auf. Ozzy kam herein. Er sah verpennt aus und bewegte sich sehr langsam. In seinen Händen hielt er das Tablett, das die Chefin vorhin hinaus getragen hatte, um im Lokal zu frühstücken. Es enthielt nur noch schmutziges Geschirr.
„Guten Morgen!“, sagte Ulf laut.
Ozzy erschrak und ließ fast das Tablett fallen. Dann blinzelte er.
„Schon wach?“, fragte Ulf.
„In der Ruhe liegt die Kraft“, antwortete Ozzy.
„Was ist da draußen los?“, erkundigte sich Ulf.
„Die Chefin nimmt selber Bestellungen an.“
„Was?“, fragte Ulf ungläubig.
Ozzy stellte das Tablett ab.
„Blücher versucht ihr wieder zu erklären, wie man das eintippt und so.“
„Kein Wunder, dass das so lange dauert“, sagte Ulf. „Kommt Pierre heute nicht?“
„Nein, der besucht seine Kinder.“
„Alle drei?“, fragte Ulf.
Ich wunderte mich über die Frage, weil ich nicht wusste, dass jedes von Pierres Kindern eine andere Mutter hatte.
„Ulf?“, fragte Ozzy, während er sich gerade an einer Schublade zu schaffen machte.
„Ich ahne es schon!“, rief Ulf, den Blick starr auf die seltsamerweise ständig wackelnden Schwingtüren gerichtet.
„Was denn?“, fragte Ozzy.
„Gleich kommt wieder alles auf einmal!“
„Ulf?“, fragte Ozzy.
„Ja?“
„Guckmal.“
Ozzy hielt in seiner Hand eine große Schere.
„Was denn?“
„Guckmal!“
Ulf guckte.
Ich auch.
Ozzy hielt ihm die Schere hin.
„Weißt du, was das ist?“
„Eine Schere?“, fragte Ulf.
„Falsch“, sagte Ozzy. „Das ist jetzt gleich dein Hintern. Guck mal genau hin.“
Er machte die Schere weit auf.

Fortsetzung folgt
7.

Ozzy legte die Schere wieder weg, lachte wie ein Weihnachtsmann und zog grinsend von dannen.
Ich verließ meinen Platz am Herd versuchte einen Blick nach draußen zu erhaschen, als Ozzy die Schwingtür aufstieß. Die Chefin stand mit Blücher zusammen an der Kasse. Sie sah mich durch die offene Tür und kniff die Augen zusammen. Ich ging zurück an meinen Platz.
Irgendwie hatte ich mir meinen ersten Tag anders vorgestellt.
Dann kamen die Chefin und Blücher und Ozzy im Gänsemarsch herein.
„Warum ist noch nichts fertig?“, schrie die Chefin.
Ich fragte mich, was wir denn schon fertig haben sollten.
Als wenn sie Gedanken lesen konnte, beantwortete sie meine Frage und schwenkte dabei die soben ausgedruckten Bestellungen.
„Zwei Schnitzel, ein Rinderfilet und ein Rumpsteak!“, brüllte sie. „Wo sind die!“
Ulf rannte ins Kühlhaus und kam mit Rinderfilet und Rumpsteak zurück, noch ehe die Chefin die Zettelchen auf das Bon-Brett gespießt hatte. Dann holte er noch einige andere Sachen herbei, die für die Beilagen gebraucht wurden, während die Chefin sich ihre Schürze umband.
„Ohne mich würde hier gar nichts laufen!“, schrie sie.
Blücher und Ozzy spießten ebenfalls ihre Bestellungen auf das Brett. Blücher begeisterte sich offen am imposanten Auftreten der Chefin, während Ozzy nur breit grinste und anscheinend in sich hineinlachte.
So ging es zwei Stunden lang weiter. Die Chefin schrie fast pausenlos. Wenn sie einmal nachließ, meckerte einer der Kellner, dass die Beilagen zu langsam kämen und die Teller nicht sauber wären.
Ulf rannte durch die Gegend, dass ich schon vom Zugucken Seitenstiche bekam, während die Chefin fast die ganze Zeit auf demselben Punkt stand. Entweder schnitt und würzte sie das Fleisch, das Ulf ihr vor die Hände legte, oder sie drehte sich um und legte das Fleisch zum Braten auf eine große Platte.
Zu meinen Aufgaben gehörte es, an der Friteuse Sättigungsbeilagen wie Pommes Frites und Kroketten fertig zu machen. Wenn Ulf dann den Teller mit dem Hauptgericht rausstellte, musste ich die Schälchen mit den Beilagen dazu stellen. Die Beilagen kamen grundsätzlich nicht mit auf den Teller, weil die Chefin das für schlechten Stil hielt. Ich hatte auf einem Regal mehrere Stapel metallener Schälchen, die hier „Légume“ hießen. Ulf hatte mir das nicht erklärt. Darum wurde ich auch schon nach zehn Minuten angeschnauzt.
„Légume!“, kreischte sie.
„Légume? Quelle légume?“
„Keine Kelle! Ein Légume!“
Sie zeigte mit ihrem langen Messer abwechseln auf mich und auf einen Punkt hinter mir. Ich verstand, dass sie diese Pötte meinte. Die gab es in drei verschiedenen Größen. Ich hielt fragend eines der kleinen und eines der ganz großen Teile hoch.
„Ein großes! Ein großes!“, rief sie, zeigte aber mit dem Messer auf das kleine Teil.“
„Quoi? Wat?“
„Bist du blöd? Ein großes, ein großes!“
Sie zeigte weiter auf das kleine Teil.
Dann kam Ulf angerannt und schubste mich zur Seite. Der tickte auch nicht richtig!
„Jetzt mal im Ernst...“, sagte ich.
Ulf hielt mir zwei kleine „Légumes“ vor die Nase. Sie hatten beide den gleichen Durchmesser, aber sie waren unterschiedlich tief. Der Spüler hatte zwei verschiedenen Sorten ineinander gestapelt.
„Ach so“, sagte ich.
Ulf legte fünf Kroketten in ein ganz kleines und flaches Légume und stellte es auf den Pass. In diesem Moment wollte ich raus aus dieser Küche. Es musste noch etwas anderes geben. Das hier konnte es nicht sein.
„Also, dass mit dir muss ich mir noch einmal überlegen!“, schrie sie. „Das muss ich mir wirklich überlegen!“
Ich nickte und machte weiter. Warum sollte ich daran denken, zu kündigen, wenn sie mich sowieso jeden Moment rauswerfen würde?
Irgendwann waren auch die letzten Gäste gesättigt und verschwunden. Die Kellner rannten nicht mehr und die Chefin gab Ulf Anweisungen, woraus er das Essen für das Personal machen sollte. Zu diesem Zeitpunkt kam ihre jüngere Tochter herein. Ulf sah die Chefin nicht mehr an und hörte ihr nicht mehr zu. Erst als sie ihn anschrie, sah er ihr wieder ins Gesicht und nickte.
„Du lebst gefährlich“, fauchte sie, als sie die Küche verließ.
Ihre Tochter scheuchte sie dabei vor sich her.
Ozzy sah den beiden nach, kam dann an den Herd und guckte Ulf beim Kochen über die Schulter.
„Das soll ich essen?“, fragte Ozzy. „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich es vorhin nicht zurückgebracht.“
„Das ist nicht witzig“, sagte Ulf.
Ich stand auf der anderen Seite vom Herd und guckte beide an.
„He, Veteranen!“, sagte ich. „Warum muss es ausgerechnet an meinem ersten Tag so verrückt zugehen?“
„Verrückt? Haben ich etwas verpasst?“, fragte Ozzy.
„Heute hatten wir doch einen ausgesprochen ruhigen Tag“, sagte Ulf ohne Ironie.
„Ihr wollt mich veräppeln!“, rief ich.
„Mais pas du tout!“, sagte Ulf.
Während mir selbst auf Deutsch die Worte fehlten, kam der Chef herein. Das war der gemütliche Dicke, der schon während des Mittagsgeschäftes immer wieder hereingekommen war, um die Chefin zu bitten, leiser zu schreien, weil sich die Gäste so oft darüber erschraken. Sie hatte ihn jedesmal beschimpft und ihm sogar gedroht, mit Tellern zu werfen.
Wir sahen ihm nach, wie er zum Fenster ging und es öffnete.
„Heute ist schon wieder kein schöner Tag“, sagte er niedergeschlagen. „Das ist schlimm, ganz schlimm.“
„Warum?“, fragte Ozzy.
Der Chef atmete hörbar ein.
„Sie sagt immer, eines schönen Tages wird sie mich verlassen.“

Fortsetzung folgt
8.

Als ich mit Blücher, Ozzy und Ulf im kleinen Saal zu Mittag aß, stellte ich fest, dass sie sich auch vertragen konnten. Wenn keine Gäste da waren, keine erwartet wurden und die Chefin sich in den Privatgemächern erholte, waren sie plötzlich alle wie Brüder. Am meisten Spaß machte es ihnen dann, gemeinsam über die Chefin oder die Stammgäste zu lästern, wobei von diesen Personen aber nur die Chefin ein Dauerthema war. Den Kellnern fiel es leichter, Witze über sie zu machen, da sie mehr mit ihrem Mann als mit ihr selbst zu tun hatten und vor allem von Pierre lernten. Ulf hingegen musste jeden Tag mit ihr arbeiten und alles von ihr lernen. Anders als Pierre hatte die Chefin selber keinen Abschluss über das, was sie den Lehrlingen beibringen sollte. Sie besass ihren Ausbilderschein ausschließlich wegen der Tatsache, dass sie so lange Inhaberin dieses Lokals war. Die Prüfung war ihr erlassen worden. Darum fürchtete sich Ulf davor, dass er für seine Abschlussprüfung unzureichend vorbereitet war, obwohl er ständig Kochbücher wälzte. Darum fühlten sich die Kellner hier auch den Köchen überlegen.
Nach dem Essen stellte sich Blücher wieder hinter die Theke. Das Restaurant blieb nachmittags geöffnet und Gäste konnten zumindest Getränke und Kuchen bekommen.
Ozzy und Ulf hatten wie ich drei Stunden frei.
„Ulf, was machst du gleich?“, fragte Ozzy.
„Ich hole meinen Nachtschlaf nach“, sagte Ulf. „Wie immer.“
„Gehen wir heute abend nach Feierabend wieder nebenan einen saufen?“
„Natürlich. Warum fragst du? Bist du pleite? Soll ich dir was pumpen?“
„Ich bin nicht pleite, nur etwas knapp.“
„Wir können doch hier vorsaufen, ehe wir rübergehen. Ist billiger.“
„Das mache ich doch sowieso immer“, sagte Ozzy. „Bist du müde oder was!“
„Ja, ich raffe nichts mehr“, sagte Ulf. „Ich gehe in mein Zimmer. Falls Gäste kommen, während ich Pause habe, weißt du nicht, wo ich bin.“
„D‘accord“, sagte Ozzy.
Ulf verschwand aus der Küche und Ozzy baute sich vor mir auf.
„Ich wollte es vor Ulf nicht sagen, aber da ist ein weibliches Wesen, das gerne mit dir spazieren gehen möchte.“
„Wo ist sie denn?“, fragte ich.
„Sie wartet draußen auf dich. Bist du bereit für ein... Blind Date?“
Ich dachte daran, dass er, Ulf und Blücher von einer scharf aussehenden Nichte des Chefs gesprochen hatten.
„Komm, ein paar Informationen kannst du mir schon geben. Wiegt sie so viel wie die Chefin?“
Ozzy winkte ab.
„Die wiegt nur einen Bruchteil! Sie läuft gern, darum ist das so. Sie hat dunkles Haar, viel Temperament und ist wirklich animalisch.“
„Animalisch?“, fragte ich ungläubig.
„Du hast ja keine Ahnung. Sie mag es schmutzig. Am liebsten ist sie vor dir auf allen Vieren.“
Ich nickte. Das kannte ich. Damit wurde ich fertig. Ich zog mich um und ging mit Ozzy zum Hintereingang.
„Ich würde ja selber mit ihr gehen“, sagte Ozzy, „aber ich kenne sie schon zu lange.“
Wir gingen raus.
"Wenn die so ist, wie du sagst, wird die auf mich fliegen!", tönte ich selbstsicher.
Ozzy blieb plötzlich am Zwinger stehen und öffnete ihn.
Ein großes, massiges, schwarzes Tier schoß heraus und sprang mich an. Das Viech warf mich um, stellte sich über mich, trampelte mit seinen riesigen Hinterpfoten auf meinen Weichteilen herum und leckte mir mit seiner rauen Zunge sabbernd quer über das Gesicht.
Ozzy applaudierte.
„Du hast nicht zu viel versprochen!"

Fortsetzung folgt
Anmerkung:


In Kapitel 5 haut sich der Kellner natürlich vor Begeisterung auf die SCHENKEL und nicht auf die Schultern... :rolleyes:

Mir fehlt ein Lektor... :cry:

Hoffentlich besteht meine Leserschaft nicht nur aus den Anwälten meiner früheren Arbeitgeber, die nach Ähnlichkeiten mit ihren Klienten suchen und nur darauf warten, mich darauf zu verklagen zu können.
:cool:

Dieser Smilie sieht komischerweise genau wie "Ozzy" aus: :cool:

Bin ich eigentlich Ozzy oder Robert oder Blücher?? Es ist schon so unglaublich lange her, dass ich das Ganze schrieb...
:rolleyes:
9.

Ozzy hielt mir die Leine hin.
„Da du schon gerade so schön mit ihr zusammen bist, kannst du ihr auch schon die Leine anlegen!“, rief er.
Ich hielt mir die Hand vor das Gesicht und drückte mit dem Unterarm gegen Meggies kurzen, dicken Hals, um ihre Zunge aus meinem Gesicht zu kriegen. Mit der anderen Hand fischte ich in ihrem dicken, dichten, verfilzten Fell nach dem Halsband. Sobald ich ein Zipfelchen von einem Halsband erwischte, machte ich die Leine daran fest, wobei ich zulassen musste, dass sie mich noch einmal heftig mit ihrer Zunge attackierte. Dann kämpfte ich mich auf die Beine. Ich war kaum ganz oben, als sie mich wieder ansprang. Diesmal überraschte es mich nicht. Ich stand wie ein Fels.
„Du darfst dich nicht immer anspringen lassen“, sagte der Chef, der irgendwie dazu gekommen war, während ich am Boden gewesen war.
„Alles klar“, sagte ich.
Meggie zog in Richtung Ausgang und ich gab ihr Recht. Wir verließen diese Besserwisser. Ich folgte ihr um das Haus herum in Richtung Straße.
Als ich über die Schulter schaute, standen Ozzy und der Chef zusammen und lachten.
Auf dem Parkplatz blieb Meggie stehen. Sie sah mich an. Ich ging mit ihr in einen nahe gelegenen kleinen Wald, wo wir einen kleinen See umrundeten. Schließlich lief Meggie auf ein hübsches, schwarzhaariges Mädchen zu und blieb bei ihr stehen. Die Fremde schien Meggie zu kennen, denn sie tätschelte ihren Kopf. Sie lachte mich an. Ehe ich mich vorstellen konnte, passierte die Katastrophe. Meggie entdeckte einen anderen Hund. Sie riss sich einfach los. Die Leine in meiner Hand erschlaffte. Meggie rannte davon.
„Bist du doof“, sagte das hübsche Mädchen.
„Das darf doch nicht wahr sein“, sagte ich stöhnend.
Sie nahm die Leine und zeigte mir das Halsband.
„Das ist nur ein Flohband!“
„Was?“
Ich hatte nie einen Hund besessen. Der Begriff „Flohband“ war mir völlig neu.
„Blöd.“ Sie kicherte. „Echt blöd!“
„Ich würde mich gern weiter mit dir unterhalten“, sagte ich, „aber ich habe einen Hund zu fangen!“
„Fass“, sagte sie und kicherte sich fast zu Tode.
Mich überkam das dringende Bedürfnis, sie zu packen und übers Knie zu legen, aber mir wurde bewusst, dass das nicht leicht werden würde, da sie ziemlich groß war. Das ließ mich zögern. Während ich immer noch gegen meinen Ärger ankämpfte, hörte ich einen anderen Hundebesitzer schreien, dessen frei laufender Jagdhund mit Meggie durchging. Er warf sein Fahrrad hin und stürmte den beiden hinterher.
Die Fremde beobachtete meine Mimik und sagte: „Du bist der Neue!“
„Und du bist die Nichte von meinem Chef“, sagte ich.
Sie lachte nur.
Ich ließ sie stehen und holte mir Meggie zurück.
Sie rief mir etwas hinterher.
„Bis heute abend!“

Fortsetzung folgt
10.

Irgendwann wurden Meggie und der andere Hund müde. Sie blieb in einem Graben stehen, um zu saufen. Ich knotete ihr die Leine um den Hals, während sie mich offensichtlich ignorierte. Ich stand bis zu den Knien im Wasser, sie sogar fast bis zum Bauch.
Das hübsche Mädchen war fort.
Der Besitzer des Jagdhundes wischte sich den Schweiß von der Stirn und ging mit seinem Tier in die andere Richtung. Ich marschierte mit Meggie zurück zum Restaurant. Es bedurfte eines gewissen Kraftaufwandes, sie an einer so kurzen Leine zu halten. Schließlich kamen wir vor ihrem Zwinger an. Sie blieb mitten im Eingang stehen. Ich nahm ihr die Leine ab. Sie versuchte mir durch das Gesicht zu lecken, machte sonst aber keine Bewegung. Ich sagte alle möglichen Kommandos auf, musste sie aber schließlich anschieben, um sie wieder in den Zwinger zu kriegen. Auf halbem Weg wurde es mir zu dumm und ich legte ihr erneut die Leine um. Sie leckte mir durchs Gesicht und setzte sich. Anscheinend wollte sie sich lieber den Kopf abreißen lassen, als freiwillig zurück in das stinkige Gehege zu gehen. Ich ging um sie herum, hob ihr Hinterteil hoch und schob sie schließlich auch noch den letzten Meter weit. Dann nahm ich ihr die Leine ab, schloss den Zwinger und ging ins Restaurant. Der Hintereingang war verschlossen und auf mein Klopfen kam keinerlei Reaktion. Also benutzte ich den Vordereingang.
Das Lokal war fast leer.
An der Theke saß Ulf und ließ sich von Blücher bedienen. Das war seine bevorzugte Freizeitbeschäftigung.
„Musst du nicht schon wieder arbeiten?“, fragte Blücher.
„Wie kommst du denn darauf?“, fragte Ulf.
„Weil du schon umgezogen bist“, antwortete Blücher.
„Das hat nichts zu sagen.“
„Die Chefin will aber nicht, dass die Köche hier an der Theke sitzen und trinken, wenn die Gäste kommen.“
„Siehst du Gäste kommen?“
„Jetzt kommt jemand!“
Ulf zuckte zusammen und war sofort auf den Beinen. Als er mich erkannte, entspannte er sich wieder und hob grüßend das frisch gezapfte Pils.
„Der Chef hat schon nach dir gefragt“, sagte Blücher.
„Du sollst Meggie ein neues Flohband kaufen!“, fügte Ulf hinzu.
„Toller Stunt“, sagte Blücher nonchalant. „Großer Erfolg beim Publikum.“
„Das Publikum hat sich nämlich hier gemeldet“, sagte Ulf grinsend.
Ich musste den Kopf schütteln.
„Wofür bin ich eigentlich in die Großstadt gekommen?“, fragte ich. „Hier ist es wie auf dem Dorf!“
„Erstens ist das hier keine Großstadt, sondern höchstens eine Provinzmetropole...“, sagte Blücher.
„... und zweitens“, unterbrach ihn Ulf, „kennt auf dem Kiez auch jeder jeden und weiß alles.“
„So ein Stadtviertel ist nämlich auch ein System für sich, genau wie euer Dorf“, sagte Blücher.
„Ihr nervt“, schimpfte ich. „das ist ja noch schlimmer als Catchen mit dem Hund!“
„Ein echter Kämpfer“, sagte Blücher süffisant. „Bei welcher Waffengattung warst du als Soldat?“
„Truppenfernmelder“, sagte ich.
„Das sind doch Warmduscher“, sagte er.
„Duscht du kalt oder was?“, fragte ich.
„Sitzpinkler sind das“, sagte Blücher. „Frauenversteher!“
„Ruhe“, mahnte ich. „Du posaunst hier in aller Öffentlichkeit militärische Geheimnisse aus!“
„Die einzigen echten Kämpfer findet man bei den Jägern!“, rief Blücher.
Ich lachte.
Blücher lief blau an. Ulf leerte sein Glas in einem Zug und stand dann auf und packte mich an der Jacke.
„Wir müssen jetzt in die Küche“, sagte Ulf.
In Blüchers Gesicht schwollen die Venen an.
Ulf zog mich in die Küche. Auf der anderen Seite der Schwingtür zeigte er mir einen Vogel.
„Du fängst aber früh an“, sagte er.
„Wieso, ich habe doch gar nichts gesagt.“
„Du bist noch in der Probezeit. Nach der Probezeit fragt die Chefin die anderen Lehrlinge, ob sie mit dir weiter arbeiten wollen. Blücher wird auch gefragt.“
„Ich habe doch nur gelacht, weil er so von den der Jägertruppe geschwärmt hat!“
„Und sein Vater ist Feldwebel bei den Jägern.“
Ich fasste mich an den Kopf. Erst der Lapsus mit dem Hund und jetzt das.
„Und die Frau, die mich verpetzt hat, ist die Nichte vom Chef? Die heute abend nebenan in der Disco ist?“
„Genau“, sagte Ulf. „Immerhin, bei der hast du noch Chancen. Die findet dich gut.“
„Ich hoffe nur, sie mag mich wegen meiner Intelligenz und nicht nur wegen meines Körpers“, sagte ich und spreizte die Ellenbogen ab.
„Ganz im Gegenteil“, sagte Ulf. „Sie mag dich als Komiker.“
„Du bist ja nur neidisch“, sagte ich.
„Du kannst sie heute abend selber fragen“, entgegnete er.
„Wie heißt die eigentlich?“
„Jane.“
„Jane?“
„Genau“, sagte Ulf. „Am besten versuchst du gleich, dir das bis heute abend zu merken.“
Ich ging zu meinen Klamotten und sagte leise zu mir selbst. „Ich Robert, du Jane! Ich Robert, du Jane!“
Das klang gut.
Ich war bereit.


Fortsetzung folgt
11.


Das Abendgeschäft verlief sehr ruhig.
„Der Sonntagabend ist immer ziemlich tot“, sagte Ulf, als er sich auf den Herd stellte. „Darum machen wir jetzt die Abzugshaube sauber.“
Er nahm Teile heraus und reichte sie mir nach unten.
„Machst du das jeden Sonntagabend?“, fragte ich.
„Nein. An den letzten Sonntagen war ich abends immer allein und jetzt wird es auch wirklich wieder Zeit.“
Als ich alle Platten aufgestapelt hatte, fing Ulf da oben mit dem Reinigen an.
Ozzy kam herein und brachte Bestellungen.
„Ulf will wieder hoch hinaus“, sagte Ozzy.
„Très drôle“, sagte Ulf.
„Früher hat er immer beklagt, dass er nicht Automechaniker werden konnte, weil er keine entsprechende Lehrstelle bekam. Jetzt tut er so, als hätte er nie etwas anderes als ein Drei-Sterne-Koch werden wollte und redet nur noch davon, dass er nach seiner Abschlussprüfung in den Elsaß oder die französische Schweiz will.“
„C’est ne sont pas tes oignons, garçon.“
„Komm da endlich runter“, mahnte Ozzy. „Ich habe zwei Gäste, die speisen wollen. Und das ist mein Bier.“
„Was sind das denn für Gäste?“
„Vegetarier.“
„Dafür komme ich nicht runter“, sagte Ulf.
„Die wollen zwei große Salatteller.“
„Das kann der Neue machen“, erklärte Ulf.
„Wie sollen die denn aussehen?“, fragte ich.
„Das kann dir Ozzy zeigen“, antwortete Ulf.
Ozzy ging sofort zu einem der Schränke und holte einen tiefen, in Fächer unterteilten Glasteller hervor. Dann ging er damit zum Salatposten und füllte ihn.
„Guck einfach zu“, sagte Ozzy. „Lass dich von Ulf nicht verrückt machen. Er ist ein Depp.“
„Er ist gut in Fremdsprachen.“
„Er hatte eine französische Freundin. Seitdem kennt er alle möglichen französischen Schimpfworte. Die muss wirklich sehr gut mit ihm zufrieden gewesen sein, dass er das alles zu hören bekommen hat.“
„Va-t’en, arnaque!“, rief Ulf.
Er drohte mit einem fettigen Schwamm zu werfen. Das erinnerte mich daran, wie die Chefin zu Mittag gedroht hatte, mit einem Teller zu werfen.
„Der weise Mann bleibt gegenüber Kritik wie der Fels in der Brandung“, sagte Ozzy beim Rausgehen.
„Natürlich finde ich einen Job im Elsass oder in der Schweiz“, sagte Ulf. „Da kriegt jeder eine Chance. Da werden auch immer wieder Plätze frei, weil viele sich da nicht halten können.“
„Dafür gibt es bestimmt gute Gründe.“
„Ja. Erstens wird da auf Französisch annonciert und ohne Französisch weißt du da gar nicht, was du machen sollst. Wenn du das dort erst lernen musst, ist es schon zu spät. Zweitens ist das Arbeiten da auch so ziemlich hart. Viele Stunden, viel Stress, viel Geschrei.“
„Mehr Geschrei als hier?“
„Viel mehr. Und viel mehr Arbeit.“
Er sagte das ganz lässig.
„Du meinst, du hälst das aus?“
„Klar. Da lernt man doch auch was. Umso mehr du da arbeitest, desto mehr kannst du anschließend auch.“
„Aha.“
„Was mich hier am meisten nervt, ist, dass ich schon seit zwei Jahren ständig das Gleiche mache. Ab und zu versucht die Chefin mir etwas Neues zu zeigen, aber das hat sie sich dann auch immer erst kurz vorher in einer Zeitschrift angelesen und lesen kann ich selber.“
Erneut kam Ozzy rein.
„Zwei Schnitzel, Maître!“
Ulf kletterte vom Herd und wusch sich die Hände, während ich das Fleisch aus dem Kühlhaus holte.
Ozzy verließ die Küche und stattdessen kam die Chefin rein. Diesmal war sie fein angezogen und geschminkt.
Ulf säbelte zwei Schnitzel ab.
„Bist du verrückt?“, rief sie.
Auch aus fünf Metern Entfernung sah sie, dass die Schnitzel zu dick waren. Sie schnappte sich das Fleisch und legte es auf eine Waage.
Ulf wurde knallrot.
Die Chefin schnitt von jedem Stück ungefähr ein Viertel ab. Anschließend hatten beide auf Anhieb das richtige Gewicht.
„Wenn ich nicht aufgepasst hätte, hätten wir heute wieder nichts verdient“, sagte sie.
Dann ging sie wieder raus. Kurz danach kam Ozzy rein.
„Ich habe gehört, du hast wieder viel zu große Schnitzel abgeschnitten und die Chefin hat es korrigiert“, sagte er.
„Warum ist die überhaupt reingekommen?“ fragte Ulf. „Immer dieses Misstrauen.“
„Ich hatte ihr das gesagt“, gab Ozzy zu. „Ich habe schon zweimal schmutzige Ärmel gehabt, weil deine Schnitzel über den Teller hinausragten.“
„Spinner!“, rief Ulf.
Später sah ich Ulf manchmal dabei, wie er nach dem Braten selbst noch ein Stück von seinen Schnitzeln abschnitt, um sie an die eigentlich ausreichend großen Teller anzupassen.
Nachdem Ozzy die beiden fertigen Schnitzel weggebracht hatte, begann Ulf die Schränke von den Wänden zu rücken. Dann holte er irgendwo ein verstecktes Kochbuch hervor und begann zu blättern.
„Warum hast du die Schränke verrückt?“, fragte ich.
„Weil wir hinter den Schränken saubermachen.“
„Und wann fangen wir damit an?“, fragte ich.
„Wenn die Chefin wieder reinkommt.“
„Wenn die Chefin wieder reinkommt?“, fragte ich belustigt.
„Offiziell natürlich mindestens eine halbe Stunde vorher.“
„Was ist das für ein Schmöker?“
„Das ist kein Schmöker, sondern ein Kochbuch vom besten Koch überhaupt! Den habe ich sogar selbst schon kennen gelernt! Ich war mit meiner Freundin bei ihm essen und sie hat dann den Kellner in Französisch gefragt, ob wir ihm einmal in der Küche beim Kochen zusehen dürften. Wir durften tatsächlich. Ich habe ihm dann erzählt, dass ich nach meiner Lehre gern für ihn arbeiten möchte und wieso ich sein Lokal so viel besser als dieses finde. Außerdem habe ich ihn um ein Autogramm gebeten. Er bat sich Bedenkzeit aus, aber schon vierzehn Tage später kam das Buch signiert hier an.“
„Kann ich die Widmung sehen?“
„Klar!“
„Mein lieber Freund!“, stand da direkt unter dem Bild des Meisterkochs, „Ohne Fleiß geht es nicht!“
Da waren noch ein oder zwei andere Sätze zu lesen, aber Ulf schlug die Seite zu, ehe ich alles entziffert hatte.
„Ohne Fleiß geht es nicht“, wiederholte ich nachdenklich.
„Das kann man natürlich so oder so deuten“, sagte Ulf. „Auf jeden Fall haben der Chef und die Chefin ein wirklich komisches Gesicht gemacht, als sie sahen, von wem ich hier Post bekam.“
„Aha. Übrigens, jetzt haben wir die Schränke von den Wänden gerückt, aber die Abzugshaube immer noch nicht wieder zusammen gebaut.“
„Das kannst du schon allein“, sagte er.
Nur noch knapp sechs Monate, dann war ich selbst auf dem Fleischposten und hatte hier keinen anderen Lehrling mehr über mir. Eine unglaubliche Blitzkarriere für einen Kochlehrling. Ich fand, dafür konnte ich so lange die Klappe halten.
Während ich schon an die Zeit nach Ulf dachte, kam der Chef herein.
„Will einer von euch heute abend noch in die Disco gehen?“
„Ich sowieso und er wahrscheinlich auch“, antwortete Ulf.
Das Buch versteckt er hinter seinem Rücken.
„Der Chef hat angerufen, dass ihm die Kohlensäure ausgeht. Ihr könnt ihm eine von unseren Flaschen bringen.“
„Okay“, sagte Ulf.
„Seht zu, dass ihr pünktlich Feierabend macht“, sagte der Chef.
Er ging weder raus.
Ulf legte das Buch weg und beeilte sich, die Schränke zurück an die Wände zu schieben. Seltsam, dass er das nicht von mir machen ließ. Für einen Oberlehrling fehlte es ihm an Führungsqualitäten. Ich konnte das besser. Hoffentlich waren die sechs Monate rasch vorbei, damit sich das beweisen ließ.


Fortsetzung folgt
12.

Als Ulf die Schränke zurechtgerückt und ich die Abzugshaube zusammengebaut hatte, kam Ozzy reingerannt.
„Wollt ihr schon Feierabend machen?“, fragte er nervös.
„Guck mal auf die Uhr!“, rief Ulf.
„Die Chefin verkauft gerade noch drei Essen!“, rief Ozzy.
„Wir haben Feierabend. Das hast du doch doch gerade selbst gesagt.“
„Habe ich das?“, fragte Ozzy.
„Ja, denk mal darüber nach, während ich dusche und in die Disco gehe.“
Ich hörte nur zu. Hier konnte ich wieder etwas lernen.
„Aber...“, begann Ozzy.
„Die Leute müssen doch wissen, dass die Küche geschlossen ist“, sagte Ulf.
„Woher sollen sie das wissen?“, fragte Ozzy.
„Das muss draußen am Eingang in dem Glaskasten mit der Speisekarte zu sehen sein.“
„Da steht aber nichts und du weißt auch den Grund.“
„Egal, ich habe vorhin durch die Tür geguckt und da habe ich nur Stammgäste gesehen. Die kennen die Zeiten!“, rief Ulf ärgerlich.
„Darum hat die Chefin auch gesagt, dass sie sich jetzt noch selbst in die Küche stellt und kocht“, erklärte Ozzy.
„Dann ist doch alles in Ordnung. Sie kocht selbst!“
„Bist du ein Pflegefall oder nur besoffen?“, fragte Ozzy. „Du glaubst, sie kocht wirklich selbst? Sie ist die Chefin!“
„Aber wir haben einen Spezial-Auftrag vom Chef.“
„Und?“, fragte Ozzy verwirrt.
„Der Chef will, dass wir in die Disco gehen!“
„Der Chef will, dass ihr kocht.“
„Nein, der Chef will...“
„Und wer soll das sein?“, fragte Ozzy.
„Der Chef?“
„Das war die Frage“, sagte Ozzy.
„Der Mann von der Chefin!“
„Schon falsch.“ Ozzy lachte. „Der Mann von der Chefin ist der Mann von der Chefin, sonst nichts. Und Chef ist die Chefin selber!“
In diesem Augenblick brach die Chefin durch die Schwingtür.
„Die Leute haben Durst!“, rief sie.
Ozzy rannte nach draußen.
Sie kam drohend auf Ulf zu. Als man bereits die ersten Anzeichen von kaltem Schweiß auf seiner Stirn sah, sprach sie endlich die erlösenden Worte: „Ein Rinderfilet, ein Rumpsteak und einmal Geschnetzeltes!“
Ulf atmete auf und eilte ins Kühlhaus.
Die Chefin stellte sich an die Eistruhe und schaufelte Eis in eine gläserne Schüssel, die ich bis dahin nur mit Bowle in Verbindung gebracht hatte. Während ich die Beilagen machte und Ulf das Fleisch briet, leerte sie schweigend den Pott und beobachtete das garende Fleisch mit zornigem Blick.
Schließlich stellte Ulf die Teller mit dem Fleisch auf den Pass und ich garnierte sie mit unserer letzten Petersilie.
Die Chefin griff sich, immer noch schweigend, die Klingel und rief damit Ozzy herbei. Dann nahm sie zwei Teller. Ozzy hielt ihr die Tür auf. Die Gäste bejubelten die Rückkehr der Chefin und bedankten sich mit lautstarker Begeisterung dafür, dass sie selbst noch nach ihrem Feierabend für ihre Lieblingsgäste gekocht hatte.
Ozzy nahm den übrigen Teller und die Schälchen mit den Beilagen und lief ihr nach. Die Leute jubelten immer noch über ihr Privileg, von der Chefin höchstpersönlich bekocht worden zu sein.
Ulf knurrte irgendetwas, schnappte sich den Küchenwein und spuckte ihn wieder aus, weil die Chefin Salz hinein gestreut hatte.
„Was hast du gesagt?“, fragte ich.
„There is no Business like Showbusiness!“

Fortsetzung folgt
13.

Kurz nach Feierabend ging ich nach vorn in den Schankraum. Hinter der Theke stand der Kohlensäure-Zylinder, den Ulf und ich nach nebenan bringen sollten. Aber Ulf war noch nicht da. Ozzy konnte nicht weg, weil er noch arbeitete. Der Chef und die Chefin saßen bei einer Familie am Tisch und Ozzy brachte ihnen gelegentlich Getränke.
„Willst du auch ein Bier?“, fragte Ozzy.
„Auf lau?“
„Auf ex, aber nicht auf lau“, sagte Ozzy.
„Dann nicht.“
„Es gibt nur zwei Arten von Köchen. Säufer und Schwule. Zu welcher Art gehörst du?“
„Zu gar keiner. Ich bin erst noch Lehrling. Ich habe noch drei Jahre Zeit, solche Entscheidungen zu treffen.“
„Falls du nicht schon in der Probezeit rausfliegst“, sagte Ozzy.
„Warum sollte ich in der Probezeit rausfliegen?“
„Wie wäre es, wenn wir es einfach abwarten, Blödmann?“
„Wie wäre es, wenn ich dir einen Nasenstüber gebe?“
„Dann würdest du tatsächlich rausfliegen“; sagte Ozzy. „Und zwar sofort.“
Ein humpelnder Mann kam herein, ging an dem Tisch mit der Chefin und dem Chef vorbei, grüßte flüchtig und trank an der Theke hastig ein Bier, ehe er sich ebenso hastig wieder verabschiedete. Er gab einem anderen Mann, der sich viel eleganter bewegte, die Klinke in die Hand. Der Mann mit den elastischen Hüften grüßte den Chef ebenfalls im Vorbeigehen, trank sein Bier nicht ganz so hastig und gab Ozzy zwinkernd Trinkgeld, ehe er wieder ging. Nachdem er das Lokal verlassen hatte, guckte ein dritter Mann in das Lokal, sah den Chef mit seiner Frau zusammen am Tisch sitzen und drehte sich im Eingang wieder um.
„Was sind denn das für Gestalten“, fragte ich.
„Das sind die Kumpels vom Chef“, erklärte Ozzy. „Einer ist Junggeselle, weil er nie eine Frau abgekriegt hat, ein anderer kriegt jede Frau, mag aber lieber Jungs, noch ein anderer ist schon zweimal geschieden und verbittert und...“
„Und warum hauen die alle wieder ab?“, unterbrach ich ihn.
„Wenn der Chef hier allein an der Theke steht, dann kommt immer mindestens einer von denen rein und säuft mit dem Chef bis in den frühen Morgen. Dann bedauern die sich gegenseitig, jeder hat es auf seine Weise am besten und gleichzeitig am schlimmsten und darauf trinken sie einen nach dem anderen. Manchmal steht der Chef hier mit einem einzigen dieser Spezies bis zum Morgengrauen und ich oder Blücher können für die zwei Kerle hier stehen und zapfen und uns alles anhören.“
„Das ist ja schlimm.“
„Das ist noch nicht das Schlimmste“, sagte Ozzy. „Am schlimmsten ist es, wenn sich dann auch noch Ulf dazu setzt und sich beim Chef beliebt machen will, indem er über die Chefin lästert und von Dajana schwärmt...“
„Wo ist Ulf überhaupt?“, fragte ich.
„Der ist oben und föhnt seine Socken.“
„Was?“
„Ulf geht nur in Marken-Kleidung aus“, sagte Ozzy. „Das ist ihm wichtig. Da macht er auch bei den Socken keine Ausnahme. Leider waren seine beiden Paar Marken-Socken aber schon alle miefig und darum musste er sie noch eben mit der Hand waschen und föhnt sie jetzt trocken.“
„Du willst mich veräppeln“, sagte ich. „Ihr Kellner seid doch alle leicht verrückt.“
„Ihr Köche aber auch.“
Endlich kam Ulf aus dem oberen Stockwerk herunter.
„Ozzy, zapf mir ein Pils!“, sagte er zur Begrüßung.
„Nein, ich habe Feierabend“, sagte Ozzy. „Da ist nur noch ein Tisch und mit denen habe ich schon abgerechnet. Guckmal, die stehen gerade auf und gehen.“
„Aber gleich kommt bestimmt noch mindestens ein alter Kumpel vom Chef und...“
„Nein, die sind alle schon wieder abgezischt“, sagte Ozzy. „Dank der Chefin habe ich heute pünktlich Feierabend!“
„V...e Weiberwirtschaft“, knurrte Ulf.
„Ich dachte, du willst auch nach nebenan“, sagte ich.
„Aber doch nicht nüchtern.“
„Und was ist mit...“
„Justine“, unterbrach er mich. „Die ist noch nicht einmal blond. Was soll das?“
„Du bist doch besoffen“, schimpfte ich.
Er hob den Zeigefinger.
„Es gibt nur zwei Arten von Köchen, nämlich...“
Endlich kamen der Chef und die Chefin zur Theke und beendeten alle Diskussionen. Ulf packte endlich die Metallflasche an und gemeinsam trugen wir sie hinaus und über den Trampelpfad durch die Bäume zur Disco. Ozzy lief neben uns her.
„Hoffentlich ist da endlich mal wieder eine Engländerin“, sagte er.
„Ich stehe mehr auf Französinnen“, sagte Ulf.
„Nein, Engländerinnen sind die besten“, sagte Ozzy.
„Vielleicht redet ihr nicht von den gleichen Engländerinnen“, sagte ich. „Die sind alle total unterschiedlich.“
„Die, die ich meine“, begann Ozzy, „reden alle perfekt Deutsch und haben alle den selben Vornamen.“
„Und wenn sie dir ihren Namen nicht sagen wollen?“, fragte ich.
„Die Engländerinnen, die ich meine, haben ihren Vornamen immer auf ihrem T-Shirt stehen!“, sagte Ozzy.
„Und was steht da?“, fragte ich.
„I am Horny.“
Ulf lachte und fiel fast auf die Nase. Irgendwie fehlte ihm der Respekt vor den Gefühlen anderer.
Wie gingen an der langen Schlange und am Türsteher vorbei in die Disco. Ozzy fragte an der Kasse, wohin er uns mit der Kohlensäure schicken sollte. Ulf war nicht in der Lage, sich mit so profanen Dingen zu belasten, weil er gerade mit als solchem erkennbarem Röntgenblick guckte, welche Frauen BHs trugen und welche Körbchengröße sie in diesem Fall gebraucht hätten.
Ozzy erfuhr, dass die Metallflasche zu einer bestimmten Bar sollte und ging voraus. Natürlich lief er direkt über die Tanzfläche, mitten durch das tanzende Publikum hindurch. Es war Sonntag und Oldie-Night. Der Discjockey spielte einen alten Hit in französischer Sprache.
Plötzlich schwenkte Ulf nach rechts und ging auf zwei Mädchen zu, die den gerade abgespielten Oldie mitsangen:
"Voulez-vous couchez avec moi? Ce soir?“
Ulf fühlte sich prompt angesprochen. Die Frage klang bei diesen beiden Mädels zwar nicht wirklich französisch, aber bei großzügiger Auslegung war das noch im Geltungsbereich.
„Nous aimerions coucher avec vous!“, rief Ulf. „Je couche avec vous tous le deux!“
Die beiden schauten auf die Metallflasche und stoben dann kreischend in unterschiedliche Richtungen davon.
Endlich kamen wir an der Theke an und luden ab.
Ich hatte schon eine ganz steife Schulter.
Dann sah ich Justine.
„Da ist sie“, sagte Ozzy.
„Ich habe sie schon entdeckt“, sagte ich.
„Und wie?“, fragte Ozzy. „Du weißt doch gar nicht, wie sie aussieht.“
„Nur flüchtig, aber meine Kompassnadel zeigt in ihre Richtung.“
„Okay“, sagte Ozzy, „dann gehst du vor. Du gehst auf keinen Fall hinter mir. Alles klar?“
„Iss was?“, sagte Ulf zu Ozzy.
„Nee, ich habe schon gegessen“, sagte Ozzy.
Justine winkte.

Fortsetzung folgt
14.

Justine saß mit Blücher und einem rothaarigen Fremden an einem Tisch.
„Blücher“, sagte Ulf.
„Merde“, sagte Ozzy.
„Wie redest du denn!“, schimpfte Ulf.
„Wieso? Das hört man von dir doch andauernd.“
„Ist ja eklig.“
„Wieso ist bei dir nicht eklig, aber bei mir?“, fragte Ozzy.
„Weil ich das ö am Ende nicht ausspreche.“
„Meine Französisch-Lehrerin kam aus Südfrankreich. Da sprechen die die Worte komplett aus und verschlucken nicht die Endungen.“
„Die Franzosen können machen, was sie wollen, aber wenn ein Deutscher das so auspricht...“
„Merdöh“, sagte Ozzy gedehnt.
„... klingt das schwul!“, knurrte Ulf.
„Du kannst mir mal...“, begann Ozzy ärgerlich.
„Ach, das klingt wohl nicht nur aus Versehen so...“
Ich drehte mich um und trennte die beiden. Dann setzte ich mich zu Justine und ihren Begleitern.
Ozzy und Ulf setzten sich dazu, wobei sie sich permanent anschubsten und anknurrten.
„Du hast schon frei?“, sagte Blücher mit drohendem Unterton zu Ozzy. „Sind heute keine Freunde vom Chef gekommen?“
„Doch, aber der Chef hatte keine Zeit und da sind sie alle wieder abgehauen“, sagte Ozzy.
„Du hättest dich bestimmt wieder dazu gesetzt, oder?“, sagte Blücher zu Ulf.
Ulf gab keine Antwort, sondern blickte in eine andere Richtung. Noch ehe Blücher seinen Satz beendet hatte, war Ulf aufgesprungen und lief mit großen Schritten auf eine allein an der Theke stehende Blondine mit schwerer Oberweite zu. An unserem Tisch brach das große Schweigen aus. Wir sahen zu, wie Ulf die Frau ansprach. Sie trug offensichtlich keinen BH, denn man konnte ihre Brustwarzen erkennen. Ich war mir zuerst nicht ganz sicher, ob ich das auf diese Entfernung wirklich zweifelsfrei erkennen konnte, aber dann bekam ich ein steifes Bein oder so und dann wusste ich es. Mutter Natur log nie. Aus irgendeinem unerfindlichen Grunde sah die Fremde mich böse an und drehte mir den Rücken zu. Man erkannte, dass sie ein Hohlkreuz hatte.
„So hat jede von uns ihre Last zu tragen“, sagte Justine.
„Ihr seid echt peinlich“, schimpfte Blücher. „Gleich kommt der Discjockey mit einem Messer und hackt euch die Stielaugen ab.“
„Warum ist hier überhaupt an einem Sonntagabend so viel los?“, fragte ich.
„Weil Friseusen montags ihren freien Tag haben“, sagte Ozzy.
„Darum sind die Frauen heute abend auch fast alle blond“, sagte Blücher.
„Immer diese Vorurteile“, schimpfte Justine. „Nicht jede Frau hier ist Friseuse und blond.“
„Was bist du denn von Beruf?“, fragte ich.
„Friseuse“, sagte sie.
„Aber offensichtlich nicht blond und vor allem nicht gefärbt“, sagte Blücher.
„Doch, ich bin blond“, widersprach Justine
„Aber du bist doch...“ Blücher schluckte. „... offensichtlich...“
„Gefärbt“, sagte sie.
„Also, ich sehe nur schwarze Haare“, sagte Blücher.
„Das ist auch alles, was du jemals zu sehen kriegen wirst“, sagte Justine.
„Darauf schmeiße ich eine Runde“, sagte Ozzy und winkte nach einer Kellnerin.
Ich guckte mich um und sah Ulf seinen Arm um die Blondine legen.
Ozzy hingegen kriegte mit seiner Armbewegung nicht, was er wollte. Die Kellnerinnen ignorierten ihn. Aber ein sehr schlanker blonder Junge kam zu ihm und sprach ihn an.
„Hi. Du brauchst ein Taxi?“
„Was?“, fragte Ozzy.
„Ob wegen einem Taxi winkst, mein Freund...“, sagte der Blonde.
„Nöö, ich... öh...“
Ozzy blickte sich hilfesuchend um.
Justine betrachtete ihn fasziniert. Die anderen am Tisch guckten alle weg. Ich sah, dass Ulf mit der blonden Frau wegging und von einem ungefähr doppelt so breiten Kerl aufgehalten wurde.
„Ich, öh...“ Ozzy räusperte sich. „Ich habe schon einen Freund. den da!“
Er zeigte auf Blücher.
„Der ist aber nicht hübsch“, sagte der Blonde.
„Wem sagst du das?“, fragte Ozzy. „Häßlich wie die Nacht, aber treu. Und ich deshalb auch. Klar, oder?“
"Blöder Bauer!", sagte der Blonde und zog ab.
Ich fragte mich einen Moment, warum es für ungefähr alle Frauen als selbstverständliche Tatsache galt, dass alle Schwulen klüger als alle Machos waren, da sie ebenfalls immer wieder dem Drang nachgaben, sich im Bestreben nach Selbstverwirklichung wie eine Karikatur ihrer selbst aufzuführen und dabei die gehässigsten Parodien ihrer erklärten Feinde zu unterbieten.
Dann guckte ich wieder nach der üppigen Blondine, aber sie war fort und Ulf anscheinend auch. Ich konnte die beiden nicht mehr sehen. Auch der Kerl mit dem Oberkörper vom Ausmaß eines Klavierkastens war nicht mehr zu sehen und den konnte man eigentlich gar nicht übersehen. Ich achtete erst wieder auf Blücher und Ozzy, als sie versuchten, sich über mich hinweg zu boxen.
„Ich bin nicht schwul!“, wetterte Blücher. „Und ich bin erst recht nicht häßlich!“
„Und treu bist du bestimmt auch nicht!“, schimpfte Ozzy zurück.
Justine verdrehte die Augen.
„Ruhe!“, rief ich. „Schluss mit lustig! Für alle beide!“
„Du hast es gerade nötig“, sagte Justine. „Du veräppelst doch selbst alle Leute, du Blender!“
„Wer sagt das?“, fragte ich.
„Meine Tante. Sie sagt, du kannst überhaupt kein Französisch und tust trotzdem immer so, als wenn du verstehst, was Ulf sagt, wenn er Französisch redet!“
„Aber ich verstehe, was er auf Französisch redet“, sagte ich. „Sie kann mich doch testen!“
„Nein, kann sie nicht, denn sie selbst spricht überhaupt kein Französisch“, sagte Justine. „Und sie meint, dass du das ausnutzt, um ihr etwas vorzumachen. Wenn du echt Französisch könntest, müsstest du ihr aber nichts vormachen.“
„Ich mache ihr doch nichts vor“, beharrte ich. „Wenn sie Französisch könnte, wüsste sie es.“
„Aber sie kann es nicht und noch weniger kann sie glauben, dass du mehr als sie kannst. Das ist unmöglich. Jedenfalls bist du ein Lügner, weil du ein Hochstapler bist. Sie kann es nicht und du auch nicht. Fertig.“
„So schätzt deine Tante Menschen ein und beurteilt ihre Fähigkeiten?“, fragte ich. „Sie unterstellt den Leuten einfach, dass sie lügen, verleumdet sie und macht ihnen dadurch ihre berufliche Laufbahn kaputt?“
„Du glaubst nicht, dass sie so ist?“, fragte Justine.
„Nein“, knurrte ich. „So sind nur Personaldisponenten von Zeitarbeitsfirmen.“
„Willst du wissen, was ich denke?“, fragte Justine.
Ozzy, Blücher und der Rothaarige beobachteten uns schweigend. Ulf war inzwischen auch wieder da. Er wischte sich mit seinem Taschentuch Blut von der Lippe und versuchte die Knöchel seiner rechten Hand zu verbergen.
„Je crois que tu es un menteur, fiston!“, sagte sie.
„Moi, je crois que je doit donner une fessée à toi, gamine“, sagte ich.
Sie zuckte zusammen, kauerte sich in die äußerste Ecke und setzte sich auf ihre Hände. Sie benahm sich beinahe so, als hätte sie gerade eben schon den Allerwertesten versohlt bekommen.
„Ich muss ins Bett“, sagte Justine in quengeligem Ton. „Wer bringt mich nach Hause?“
Sie sah zuerst alle anderen an.
Dann ruhte ihr Blick auf mir.
„Also, wer bringt mich nach Hause?“
Antwort auf Beitrag Nr.: 21.264.565 von Wolfsbane am 20.04.06 23:35:24Anmerkung:

Falls jemand hier bei mir irrtümlich nach Kochrezepten oder Ratschlägen sucht, empfehle ich eine andere Seite:

http://www.chefkoch.de/

:look:
15.

Diese Entwicklung überraschte mich. Das passierte mir mit Frauen immer wieder. Sie überraschten mich. Oft taten sie erst, als wäre ich eine persönliche Bedrohung oder eine Lachnummer oder sogar, was bei Frauen anscheinend einen Sinn ergab, beides. Wenn ich sie schließlich abgeschrieben hatte oder zu hassen begann oder schon an meinem Verstand zweifelte, kippten sie auf einmal um und warfen sich mir an den Hals. Mein größtes Problem damit war, dass ich mich dann manchmal erst fragte, ob sie mich jetzt irgendwie obendrein veräppeln wollten und ob ich so eine Gans überhaupt noch wollte. Genauer gesagt war das Problem, dass die Frauen mir diese Gedanken oft ansahen oder sich einfach über mein damit verbundenes Zögern ärgerten und die unerwartete Chance sich damit auch schon wieder verflüchtigte.
Justine war sehr attraktiv. Sie war selbstbewusst, meistens gut gelaunt, scheute keine Konfrontationen, bewegte sich leichtfüßig und anmutig und trug ihre Haare lang und glatt. Sie gefiel mir. Konnte das Zufall oder Täuschung sein? Nein. Auf das Urteil anderer Männer konnte man sich keineswegs verlassen, denn manche populären weiblichen Sexsymbole waren einfach nur total künstlich und ätzend. Aber es gab noch einen anderen Maßstab, der für mich immer funktionierte. Ich brauchte nur kurz nachdenken, was meine Mutter von ihr halten würde. Sie war tatsächlich all das, worüber meine Mutter seit jeher lästerte und darum genau mein Typ. Meine Mutter fand nur solche Frauen von Rechts wegen weiblich, die permanent ängstlich waren, zu Depressionen neigten, kränkelten und schwächelten und bei jeder Gelegenheit sofort nachgaben und dann grundsätzlich schmollten oder ausdauernd klagten,. Wenn eine Frau gesund, belastbar oder sogar sportlich war und noch dazu ihre Haare „einfach platt am Kopp, total ungepflegt“ trug, ordnete meine Mutter sie als vermännlicht und unattraktiv ein. Eine umfassende Ablehnung ihrerseits war das einzige zuverlässige Gütesiegel und niemals falsch.
Plötzlich klingelte es in meinem Hinterkopf Alarm. Es gab noch einen Gesichtspunkt. Sie gehörte zur Familie vom Chef und ihre Leute konnten mir das Leben richtig zur Hölle machen. Wenn ich meinen Instinkten folgte und Justine ein wenig zähmte, was ihr vielleicht noch mehr als mir gefallen würde, erweckte das womöglich bei übergeordneten Instanzen den Eindruck, ich würde meine Kompetenzen überschreiten. Es war wohl sicherer, noch zu warten, ehe ich das Richtige tat. Schon in einem halben Jahr war ich der Küchenchef und dann würde ich den Laden schmeißen und ihre Tante würde sich zurückziehen und entspannen können. Dann würde ich unentbehrlich sein und dann, erst dann konnte ich ohne Risiko meine wahren Gefühle zeigen.
„Ich bringe dich nach Hause!“, riefen Blücher, Ozzy und Ulf.
Sogar Ulf hatte inzwischen gerafft, dass Justine eine tolle Frau war, wenn auch aus seiner Sicht nicht blond genug und objektiv vielleicht etwas zu anstrengend.
„Und du?“, fragte sie.
„Klar“, sagte ich.
Sie reagierte mit einem beleidigten Blick. Vielleicht hätte ich etwas euphorischer sein sollen. Andererseits durfte ich ihr nicht allzu maßlos schmeicheln, weil das meine Dominanz gefährdet hätte.
„Losen wir es aus“, schlug Blücher vor.
Justine schien diese Möglichkeit aufregend zu finden. Das ging natürlich überhaupt nicht. Die Vorstellung, dass Blücher die Situation managte, war lächerlich und inakzeptabel. Am besten schlug ich das Gegenteil von dem vor, was er wollte. Entweder setzte ich mich durch und hatte zumindest für den Augenblick gewonnen, oder ich verlor zunächst, konnte ihm aber später die Schuld für alles geben, was womöglich schiefgehen würde, weil man nicht auf mich gehört hatte.
„Warum lassen wir sie nicht selbst entscheiden?“, platzte es schließlich aus mir heraus.
Ich war von meinem Sieg überzeugt. Obendrein befand ich mich jetzt gegenüber Dritten auf der sicheren Seite, denn ich zeigte mich als moderner Mann, der das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung kannte und bei Möglichkeit auch respektierte.
„Gut, dann soll er mich nach Hause bringen“, sagte Justine.
Sie zeigte auf den rothaarigen Burschen in der Ecke, den ich jetzt zum ersten Mal reden hörte.
„Nein, ich will noch hier bleiben und Bier trinken“, sagte er.
Mein Schock verflog. Jetzt war alles wieder gut.
„Dann springe ich eben für ihn ein“, sagte ich.
Diesmal war ich Erster.
Ich guckte mich drohend um.
Keiner der Rivalen sagte etwas.
Ich sah Justine an, aber sie guckte dem rothaarigen Fremden in die Augen und sagte etwas Unverzeihliches.
„Bitte!“

Fortsetzung folgt
Antwort auf Beitrag Nr.: 21.264.565 von Wolfsbane am 20.04.06 23:35:2417.

Manchmal verfolgen einen die Dummheiten, die man als Kind begeht, ein Leben lang. Ich zum Beispiel hatte als frühreifer Bengel die Dummheit begangen, anzunehmen, dass es für mich als werdenden Mann von Vorteil sein könnte, die Artikel von Emanzen zu lesen. Ich hatte geglaubt, wenn ich „der neue Mann“ würde, wäre ich unschlagbar, sogar unangreifbar. Stattdessen war es jedesmal ein Flop, wenn ich mich so benahm, wie es angeblich das einzig Richtige für einen moralisch vollwertigen Mann war, der Frauen respektierte.
Jetzt auch wieder.
Versuchte ich Frauen zu unterdücken, reagierten sie oft mit Kompromissbereitschaft, aber wenn ich ihnen die freie Wahl ließ, reagierten sie immer mit Trotz und entschieden sich gegen mich. Ich fand das paradox. Vielleicht lag es daran, dass sie es als Desinteresse oder Arroganz oder Abfuhr deuteten, wenn ich mich wie „der neue Mann“ benahm.
„Sag das noch einmal“, forderte der Rothaarige.
Ich würde ihn beschreiben, wenn ich noch wüßte, wie er ausgesehen hatte. Aber wenn ich mich zu erinnern versuche, sehe ich anstelle eines Gesichtes nur in rotes Tuch vor mir.
„Bitte!“, sagte sie lauter.
„Okay“, sagte er. „Aber dann jetzt sofort. Dann kann ich mir gleich noch den Spätfilm ansehen.“
„Wer ist das?“, fragte ich Ozzy.
„Keine Ahnung“, antwortete er.
Er gab die Frage an Blücher weiter.
„Keine Ahnung“, hörte ich Blücher sagen.
„Wer ist das“, fragte ich Ulf.
„Keine Ahnung“, sagte er.
Ich langte über den Tisch und hielt Justine fest.
„Wer ist das?“, fragte ich sie.
„Keine Ahnung“, antwortete sie.
Ich fragte ihn selbst.
„Wer bist du?“,
„Keine Ahnung, was dich das angeht“, sagte er.
Justine!“, rief ich.
Sie warf den Kopf herum, dass ihre Haare flogen und sah mich mit weit aufgerissenen Augen an.
„Ja?“, sagte sie.
„Du hast doch so gelacht, als mir der Hund abgehauen ist. Hast du eine Idee, wer das richtige Hundehalsband hat?“
„Ich habe es genommen“, sagte sie.
„Was tust du denn mit einem Hundehalsband?“, fragte ich.
„Jetzt werde nicht unverschämt“, sagte der Rothaarige.
„Was?“, fragte ich .
Justine brachte ein anderes Thema auf. Sie sah Ozzy an.
„Warum hast du vorhin eigentlich nicht gesagt, ich wäre deine Freundin?“, fragte sie.
„Wahrscheinlich hättest du es sofort abgestritten“, antwortete Ozzy. „Frauen sind da empfindlich.“
„Nein, ich hätte es verstanden“, sagte sie. „Ich hätte nichts gesagt.“
„Das hätte wahrscheinlich trotzdem nichts geholfen“, sagte Ozzy. „Viele Schwule meinen, dass alle Männer schwul sind und wenn einer das nicht glauben will, sehen sie das nur als Verklemmtheit und wollen einem auf ihre Weise... äh... helfen.“
„Du bist einfach nur peinlich!“, rief Blücher. „Und außerdem darf man nicht über Minderheiten lästern.“
Was jetzt hinter kam, bewies, dass er wirklich der Sohn eines Feldwebels war.
„Der Schutz der Minderheiten gehört zu den Eckpfeilern der Demokratie“, fügte er zornig hinzu.
Bei der Bundeswehr wurde man zum perfekten Demokraten erzogen. Zweifelsohne hatte Papa das 1:1 an den Sohn weiter gegeben.
„Lass uns jetzt gehen“, sagte der Rothaarige und schubste Justine vorwärts.
Ulf sah ihnen hinterher, als er sich setzte.
„Kannst du mir das erklären?“, fragte ich.
Er kannte sie länger als ich und außerdem war er der Oberlehrling und musste mir sowieso alles erklären können.
„Ich kenne mich nur mit Blondinen aus“, sagte Ulf.
„Und was war mit der vorhin?“, fragte Blücher. „Es sieht nicht aus, als wenn du da etwas erreichen konntest.“
„Das hing mit ihrem Beruf zusammen“, sagte Ulf. „Das war nämlich keine Friseuse.“
Ich verstand diese Geschichte erst später. Wenn hier am sehr späten Abend auffällig attraktive Frauen aufkreuzten, waren darunter oft auch solche, die hier gerade Feierabend von einem Gewerbe machten, das in sogenannten „Model-Apartments“ ausgeübt und hier am Ort mit einer bestimmten Straße in Verbindung gebracht wurde.
„Aber Justine ist eine Blondine“, sagte ich. „Sie hat sich die Haare schwarz gefärbt!“
„Damit hast du dir deine Frage selbst beantwortet“. sagte Ulf. „Sie ist eine Blondine, aber mit einer schweren Persönlichkeitsstörung. Es gibt keinen Zweifel, was für eine Störung das ist, denn wenn eine Blondine sich schwarz färbt und sich somit selbst herabsetzt, findet sie offensichtlich Gefallen an Erniedrigung.“
Endlich kam eine Bedienung mit einem Tablett. Sie gab jedem von uns ein Pils.
„Für die Nachbarschaftshilfe“, sagte sie. „Vom Chef. Zum Wohle.“
Dann drehte sie sich auf ihren hochhackigen Stiefeln um und ging zurück zur Theke ging.
„Boah. Was für ein geiler A...“
Nanu, hatte ich das etwa ausgesprochen.
Ich hielt mir den Mund zu und sah mich um.
Blücher und Ulf hielten sich ebenfalls den Mund zu.
Ozzy guckte uns an, machte ein dummes Gesicht und fragte: „Habe ich das etwa gesagt?“
„Ja“, sagte Ulf. „Du Depp.“
„Chauvinist“, sagte Blücher.
„Und das hat sie gehört“, fügte ich hinzu.
Das war gelogen, aber es sah so lustig aus, wie Ozzy danach versuchte, sich unter dem Tisch zu verstecken.
„Als Koch hat man es schon wegen der Arbeitszeiten immer wieder Probleme mit Frauen“, sagte Ulf. „Da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder, man säuft oder man wird schwul.“
„Das ist bei Kellnern genauso“, sagte Blücher.
„Oder man gehört zu den ganz Guten, wie der Chef, und gründet mit seiner Herzdame sein eigenes Restaurant“, sagte Blücher.
„Der säuft aber auch“, sagte Ozzy.
„Darauf trinken wir einen“, sagte Ulf
„Prost“, sagte ich.
„Prost“, sagten auch alle anderen.

Fortsetzung folgt
18.

Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem Brummschädel.
Es war noch früh genug, um pünktlich bei der Arbeit zu sein und ich würde meine neuen Pflichten bewältigen können.
Trotzdem.
Etwas machte mir Angst.
Wurde ich wie mein Vater? Setzten sich die Gene durch? Hatte er mir etwas von dem vererbt, was ihn von seinen Geschwistern unterschied?
Zum Glück ließ sich das leicht feststellen. Ich musste nur in mein Portemonnaie sehen. Wenn ich nicht mein ganzes Geld versoffen hatte, war noch Hoffnung. Ich guckte nach und fand sogar noch einen Schein. Das bewies mir, dass ich zum Glück selbst besoffen immer noch mehr Charakter als er im Normalzustand hatte. Zumindest konnte ich so lange davon ausgehen, bis möglicherweise ein Hinweis auftauchte, dass ich betrunken für irgendeine Spaßmaschine unmöglich zu bezahlende Wechsel unterschrieben und die Maschine gleich anschließend zu Schrott gefahren hatte. In dem diesem Fall hätte ich auch nach einem naiven Mauerblümchen aus wohlhabender Familie Ausschau halten müssen, um sie zu schwängern und als Gegenleistung für die Heirat meine Schulden bezahlt zu bekommen und nicht in den Knast zu müssen.
War ich doch wie mein Vater?
Nein. Schon die Tatsache, dass ich meine Situation analysierte und bei dem Gedanken an seine Art von Lebensstil Skrupel verspürte, rehabilitierte mich. Also stand ich auf und ging ins Bad und sprang nicht aus dem Fenster.
Der Radiowecker lief noch. In den Nachrichten kam eine Meldung von einem LKW-Unfall auf der Autobahn und wieder bekam ich Angst. Hoffentlich war das nicht er, oder was objektiv viel schlimmer gewesen wäre, ein von ihm in einer Raststätte zum Saufen verführter anderer Trucker. Wenn Vater am Wochenende in seiner Stammkneipe in unserem Dorf weitersoff, brüstete er sich manchmal damit, dass er unterwegs Saufgelage veranstaltete. Das war kein Geheimnis. Unterwegs verprasste er den größten des schwarz oder als Spesen ausgezahlten Teil seines Lohnes und praktisch die Rente meiner Mutter. Sich die Anerkennung anderer Männer zu erkaufen, war ihm so viel Geld wert, dass er zu bestimmten Zeiten nicht einmal mehr Geld übrig hatte, um sein aktuelles Motorrad vollzutanken. Dann musste meine Mutter ihm den Sprit von ihrem Haushaltsgeld bezahlen, damit er sich nicht weigerte, zur Arbeit zu gehen.
Zum Glück sagte der Nachrichtensprecher, dass der Unfall in einem Teil von Deutschland stattgefunden hatte, der weit genug von der Route von Vaters aktueller Sauftournee entfernt war.
Ich ging zur Arbeit, klopfte vergeblich an die Hintertür und betrat das Restaurant von vorn.
Ozzy stand mit dem Rücken zum Eingang hinter der Theke und trank etwas aus einer Kaffeetasse. Als er mich hörte, stellte er die Tasse schnell weg und drehte sich um.
„Du bist das nur!“, rief er und griff sofort wieder nach der Kaffeetasse.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Nachdurst“, antwortete er.
„Ich dachte, du trinkst keinen Kaffee!“
„Natürlich nicht“, sagte er. „Kaffee ist ungesund, außer man verkauft ihn nur und lebt davon. Das ist okay.“
„Also trinkst du da Tee?“
„Ein guter Kellner hat immer eine Kaffeetasse oberhalb Augenhöhe deponiert. Und zwar mit ohne Tee!“
„Willst du damit sagen, du trinkst am frühen Morgen...“
„Schrei mich nicht an!“, rief er.
„Ich schreie doch gar nicht...“
„Du sollst mich nicht anschreien!“
Ich zuckte mit den Schultern und streckte demonstrativ eine Hand nach seiner Tasse aus.
„Ich verbitte mir jegliche Verdächtigungen!“
„Ich verdächtige niemand, ich will es nur wissen!“
„Jede Frage enthält auch schon ihre Antwort, sagt Buddha.“
„Das war keine Frage.“
„Du sollst mich nicht anschreien!“
Ich rieb mir die Augen. Was ging hier ab? Solche Gespräche kannte ich nur von Ex-Freundinnen.
„Ich würde an deiner Stelle in die Küche gehen“, sagte Ozzy. „Ulf ist heute in der Berufsschule und dafür kommt gleich die Chefin runter. Dann solltest du das Mis-à-Place fertig haben.“
„Okay.“
„Dann kann ich auch endlich weiter arbeiten“, sagte er.
„Also, ehrlich, weißt du...“
„Du sollst mich nicht anschreien!“
Fast hätte ich ihn am Kragen gepackt und geschüttelt.
„Hat die Chefin eigentlich auch schon rumgeschrien, bevor du hier angefangen hast?“, fragte ich. „Oder kam das erst in den letzten 18 Monaten?“
„Woher soll ich wissen, was hier war, ehe ich hierhin kam“, sagte Ozzy.
„Weißt du denn noch, was gestern war?“, fragte ich.
„Du nervst“, sagte er.
Ozzy stellte die Tasse weg und ging zur Toilette.
Ich sah ihm nach und griff dann nach seiner Tasse.
Der Inhalt überraschte mich.
Kakao!


Fortsetzung folgt
Da hier sonst niemand außer Dir schreibt und ich die Stiory gut finde;

Weiter so! Bin sehr gespnnt auf die Fortsetzung!

Gruß, Mucker
@ Mucker

Danke für deine positive Beurteilung. :look:

Aus den Mails, die ich diesbezüglich erhalte:

"...einfach genial !!!

"Danke für die ulkige Geschichte."

"Die Geschichte ist in der Tat ganz amüsant, auch die Dialoge. (Der
französische Text ist wohl auch richtig geschrieben, (ich habs aber relativ
schnell überflogen, weil ich am Laufrand gesehen hatte, dass der Text doch
eine gewisse Länge hat.))"

"Deine Story lese ich weiterhin fleißig ..."

Anders als in "Meine Frauen und meine Aktien" heißt es bei dieser Geschichte allerdings: "Gegessen wird, was auf den Tisch kommt."
:cool:
Auch wenn eine Episode, ein Thema oder eine Figur besonders gut ankommen, werde ich mich nicht selbst wiederholen oder gar wieder verzetteln. Es ist nämlich wirklich wahr: "(Zu) Viele Köche verderben den Brei."
:laugh:
19.

Schließlich kam die Chefin. Sie trug einen Kittel und schlurfte entspannt in die Küche. Der übliche strenge Blick fehlte und ich fragte mich, ob der nicht zum größten Teil lediglich Makeup war. Früher hatte ich immer wieder in Artikeln von Emanzen gelesen, Frauen wurden sich nur schminken, weil wir Männer sie dazu zwingen würden, sich auf diese Weise schnuckelig zu machen. Stattdessen war wieder das genaue Gegenteil wahr. Gerade Karrierefrauen und Dominas und andere Raubkatzen betonten heutzutage ihren Machtanspruch durch geeignete Kriegsbemalung, mit der sie dann oft wilder als alle Tiere aussahen, an denen die Schminke zuvor getestet wurde.
Nachdem sie an der Theke gefrühstückt und die leeren Teller auf die Spüle gestellt hatte, fragte sie mich, ob der Hund schon etwas bekommen hätte. Auf der Spüle stand nämlich ein Plastiktopf, in dem die Essenreste gesammelt wurde, die die Gäste auf ihren Tellern ließen.
„Hol sie einmal rein“, sagte die Chefin.
Ich zögerte. Das Tier hatte mich schon einmal zu Boden geworfen und ich wollte keine Pfotenabdrücke auf meiner frischen weißen Kochjacke.
„In die Küche?“
„Bist du schwer von Begriff?“, fragte sie.
Plötzlich ging die Tür auf und Dajana kam herein.
„Hallo Muckel“, sagte die Chefin.
Ich ging ins Kühlhaus und lachte mich schlapp, während Dajana sich beschwerte, dass sie vor Publikum so genannt wurde. Als ich wieder ein ernstes Gesicht machen und raus kommen konnte, wurde sie aber schon wieder in die Defensive gedrängt. Niemand legte sich mit ihrer Mama an und ging als Sieger.
„Nein, ehrlich, wir hatten Unterrichtsausfall“, beteuerte Dajana.
„Darum sollst du trotzdem den Vordereingang nehmen, wenn du von der Schule zurück kommst!“
„Aber ich wollte den Hund rauslassen!“
„Und vor allem sollst du den Hund nicht rauslassen!“
„Aber dann kann er sich austoben und ein paar Löcher buddeln und durch den Garten rennen!“, sagte Dajana.
„Hoffentlich rennt er schnell genug, wenn Papa die Löcher entdeckt und ihn wieder mit der Schüppe jagt!“
„Hoffentlich kriegt er dabei keinen Herzinfarkt.“
„Hoffentlich kriegt er nicht die Schüppe ab.“
„Ich meinte nicht den Hund.“
Frauengespräche waren für mich immer sehr verwirrend.
Als ich überlegte, ob ich mich wieder im Kühlhaus verstecken sollte, kam Ozzy in die Küche und lief mit einem Sack voll Müll zum Hinterausgang.
„Vorsicht, der Hund ist draußen!“, rief die Chefin.
„Vorsicht, Ozzy kommt!“, rief Dajana.
Wenig später hörte man draußen ein Fluchen und ein Knurren. Beides klang fast gleich, aber was sich deutlich gefährlicher anhörte, erinnerte an die Stimme von Ozzy. Anschließend hörte man ein kurzes Jaulen, das nicht von Ozzy war und dann die Tür.
Ozzy lief mit unbewegtem Gesicht an mir vorbei.
„Der Hund buddelt wieder Löcher“, sagte er.
„Er hat draußen Futter vergraben“, sagte Dajana.
„Hat er schon einmal etwas wiedergefunden?“, fragte Ozzy.
„Nein“, sagten die dicke Tanja, also die Chefin, und Dajana fast gleichzeitig.
„Wahrscheinlich hat er darum gejault“, mutmaßte die Chefin. „Weil er Hunger hat.“
„Wahrscheinlich“, sagte Dajana mit unüberhörbarem Sarkasmus.
„Ein Hund hat immer Hunger!“, sagte die Chefin.
„Ich muss Hausaufgaben machen“, sagte Dajana.
Sie verließ die Küche in Richtung Privaträume. Die Chefin ging zum Hintereingang und öffnete ihn. Der Hund schoß herein und schlidderte auf den Fliesen am Gefrierhaus vorbei. Ich brüllte „Sitz“ und stellte mich sicherheitshalber seitlich zu ihm, um eine kleinere Zielfläche zu bieten, falls er mich trotzdem wieder anspringen würde. Er ignorierte mich, drehte sich und spurtete schwanzwedelnd auf die Chefin zu. Sie stoppte ihn, indem sie ein Stück Fleisch in die Luft warf. Er sprang hoch und fing es in der Luft. Es erinnerte mich vage an einen mißlungenen Salto rückwärts. So ähnlich verlief auch die restliche Fütterung. Wenn die Brocken im Topf klebten und die Chefin nicht schnell genug etwas Neues werfen konnte, hielt sie ihm einen Fuß vor die Nase oder stieß ihn mit der Hand fort, damit er nicht an ihr hochsprang. Am Ende zeigte sie ihm den leeren Topf und ließ ihn, also Meggie, daran schnüffeln. Meggie leckte ihr die Hand ab.
„Pfui“, sagte die Chefin.
Aber sie lachte.
Das musste man ihr lassen.
Sei freute ich über jeden jeden, den sie satt und zufrieden machen konnte.


Fortsetzung folgt
20.

Die Chefin ging mit ihrer Tochter fort. Ich war allein in der Küche, bis Ozzy wieder herein kam.
„Gleich kommen Bestellungen“, sagte er.
„Verkaufe ihnen Salate. Das kann ich schon allein.“
„Die Leute haben sich eben erst hingesetzt und nach den Speisekarten gefragt. Ich habe es der Chefin schon gemeldet. Sie kommt gleich zurück.“
„Alles klar.“
„Mit dem Chef habe ich heue morgen auch schon gesprochen.“
„Aha.“
„Du sollst nach draußen kommen. Er will dir etwas zeigen.“
„Wann?“, fragte ich.
„Jetzt sofort. Das passt noch. Draußen im Hof.“
Das klang fast so, als wollte er mich zum Duell fordern. Hatte man ihm jetzt auch erzählt, ich wäre in seine Tochter verliebt? Oder hatte ich gerade im Kühlhaus zu laut über ihr Gespräch mit ihrer Mama gelacht?
„Im Ernst? Jetzt noch? Wenn gleich Bestellungen kommen?“
„Ja. Beeil dich.“
„Worum geht es denn?“
Vielleicht wollte er auch mit mir unter vier Augen darüber reden, dass ich früher so oft die Schulen gewechselt hatte und als Wehrpflichtiger bei einer Ausbildungseinheit in Morthaim gewesen war, was ich möglichst verschwieg, weil es immer wieder hieß, es handle sich dabei um "Strafkompanie" für schwere Jungs. Vielleicht ging es darum, dass die Aushilfe in unserem Dorfrestaurant vor zwei Wochen mit mir allein in der Küche gewesen war und dann plötzlich so laut geschrieen hatte, dass man es bis auf die Straße hören konnte und der Chef mit noch offener Hose von seiner Frau gekommen war und mich seitdem der versuchten Vergewaltigung verdächtigte.
"Du sollst dich beeilen. Kannst du kein Deutsch mehr? Dépêche-toi!“
Ich ging zum Hinterausgang.

Fortsetzung folgt
21.

Draußen wartete der Chef vor dem Zwinger auf mich. Der Hund legte seine Pfoten auf die Zwingertür und steckte den Kopf für einen Moment zwischen Tür und Dach hindurch. Dann hörte man ihn an der Tür scharren.
„Du darfst dich nicht von allem umschmeißen lassen“, sagte der Chef.
Er trug eine Baseballkappe.
„Ich lasse mich nicht von allem umschmeißen.“
„Aber von dem Hund.“
„Er ist stark.“
„Das darf aber nicht passieren. Du darfst dich von nichts umwerfen lassen. Erst recht nicht von einem blöden Hund. Du musst immer die Kontrolle behalten“, sagte er.
„Es ist nur einmal passiert.“
„Einmal ist schon einmal zuviel.“
„Passiert ist passiert.“
„Willst du, dass er dich noch einmal zu Boden bringt und ableckt und vollsabbert?“
„Auf keinen Fall.“
„Und ich will nicht, dass er das mit anderen macht, weil du ihm beibringst, dass er damit durchkommt.“
„Ich bringe ihm überhaupt nichts bei.“
„Doch, das tust du. Jedesmal, wenn du ihn heraus lässt, lernt er etwas. Die Frage ist, ob er etwas Gutes oder etwas Schlechtes lernt."
Ich schwieg.
„Du warst Soldat?“
„Ja.“
Das fragte er mich in den folgenden Jahren immer wieder. Damals dachte ich, er sei vergesslich oder würde mir nicht glauben. Erst später verstand ich, was er damit sagen wollte.
„Ich habe gehört, du warst in Morthaim. Bist du vorbestraft?“
„Nein“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Warum warst du dann dort?“
„Ich musste beim Idiotentest beim Kreiswehrersatz einen Aufsatz darüber schreiben, wie ich mir meine Zukunft vorstelle. Ich schrieb, dass ich Koch werden will, weil Köche in Kanada gesucht werden und weil ich unbedingt auswandern will. Und dann begründete ich das, indem ich ungefähr drei Seiten lang über unsere Politiker herzog.“
„Was hast du dir davon versprochen?“, fragte er.
Gute Frage. Warum war ich selber nie auf diese Frage gekommen?
„Auf jeden Fall war ich danach unter lauter Schriftstellern“, sagte ich ausweichend.
„Schriftsteller. Spinner. Dampfplauderer. Deppen.“
Er nickte.
„Was war mit dem Restaurant, in dem du vorher gewesen bist? Ich habe gehört, du hattest Probleme mit einer Hauswirtschafterin und der Chef musste von seinem Schäferstündchen wegrennen, weil sie um Hilfe geschrien hat.“
„Sie hat sich in den Finger geschnitten und beim Anblick von ihrem Blut einen hysterischen Anfall bekommen. Da hat sie eben geschrien. Sie hat so geschrien, dass ich selber Angst kriegte.“
Ich hatte schon gedacht, die Rote Armee würde einmarschieren.
„War das wirklich so?“
„Aber sicher. Vor allem, als der Küchenchef die Treppe herunter stürmte und mich anguckte, als würde er mich im nächsten Moment durch den Fleischwolf drehen.“
„Und weiter?“
„Und zu Chili con carne verarbeiten.“
Er zog die Kappe so weit nach unten, dass ich sein Gesicht nicht mehr sehen konnte.
Dann guckte er den Hund an und gab das Kommando „Sitz.“
Anschließend öffnete er den Zwinger.
Der Hund kam heraus und wollte ihn anspringen.
„Sitz!“, brüllte der Chef gedehnt und mit zunehmender Lautstärke.
Der Hund hielt mitten im Sprung inne und kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und legte sich auf den Bauch.
„Sitz!“, rief der Chef. „Du sollst sitzen!“
Der Hund machte die Augen vorsichtig wieder auf und erhob sich so weit, dass er auf seinem Hintern saß. Nach und nach begann er heftiger mit dem Schwanz zu wedeln und so hinter sich den Boden zu fegen.
Der Chef griff in seine Tasche und gab Meggie ein Stück Fleisch.
„So geht das“, sagte der Chef. „Ein Hund muss wissen, wer der Boss ist. Der Rudelführer. Das Alpha-Tier. Die Nummer eins. Ein Hund ist ein Hund. Können wir uns darauf verständigen?“
„Ja.“
„Okay. Dann lasse dich jetzt nie wieder von dieser Hündin, äh, vergewaltigen...!“
Bei dem Wort musste ich lachen.
„Das ist ein Weibchen“, sagte ich.
Er schloss den Hund wieder ein.
„Ein Weibchen kann unsereinen nicht vergewaltigen.“
Seufzend ging er durch den Hintereingang zurück ins Haus.
„Du bist ja so naiv, du hast keine Ahnung“, sagte er, ohne mich weiter anzusehen.
Darüber dachte ich noch oft nach.

Fortsetzung folgt
Antwort auf Beitrag Nr.: 21.515.382 von Mucker am 11.05.06 01:57:2922.

Das Mittagsgeschäft lief undramatisch. Ich machte das Gleiche wie am Tag zuvor. Allerdings wurde ich nicht angeschrien und Ulf konnte mich nicht umrennen, weil er nicht da war. Außerdem war es schon mein zweiter Tag und ich wusste, was von mir erwartet wurde.
Die Chefin erwähnte beiläufig, dass Ulf sie nicht mochte und mich wie alle anderen Lehrlinge zuvor gegen sie aufhetzen würde, um sich auf diese Weise zu rächen. Sie fügte mit besonderem Ernst hinzu, dass der Dad von Ulf tatsächlich offiziell verrückt war und in einer Art Erziehungsanstalt für Erwachsene verwahrt wurde und die Anfälligkeit für physische Erkrankungen entsprechenden Statistiken zufolge möglicherweise erblich sein könnte. Es klang, als würde sie sich mit diesen Statistiken erklären, dass Ulf sie nicht wirklich lieb hatte und diese Einstellung mit Dritten kommunizierte. Ich selbst glaubte auch, dass es immer die Gefahr gab, dass man sich wie der eigene Vater entwickelte. Ich glaubte das so fest, dass ich meine Existenzberechtigung darin sah, jede Minute mit vollem Einsatz gegen diese Gefahr anzukämpfen.
Als die Chefin mich nach Einzelheiten meiner Zeit als Soldat fragte, fiel mir sofort ein, dass auch mein Vater bei der Bundeswehr gewesen war. Er hatte zwar gedacht, durch die Heirat mit meiner Mutter zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und sich gleichermaßen seiner Schulden, als auch der Wehrpflicht zu entledigen, aber mein Großvater wusste, dass Männer wie dieser Schwiegersohn nur durch militärische Methoden zu ordentlichen Menschen wurden und hatte darauf bestanden, dass mein Vater sich einziehen ließ. Natürlich war das Militär für meinen Vater viel zu hart gewesen und er hatte sich nach wenigen Wochen ausmustern lassen. Wenn er aber davon erzählte, musste man annehmen, er sei jahrelang dort gewesen und hätte den Vietnam-Krieg ganz alleine für die Amis gewinnen können.
Ich war anders.
Ich war ein Tief- statt Hochstapler.
„Was war eigentlich dein Rang zu Ende der Wehrplicht?“, fragte sie.
„Stubenältester“, antwortete ich.
„Und was war der höchste Rang, den du in deiner Zeit hättest erreichen können?“
„Stubenältester.“
„Und wenn du länger dort geblieben wärst, welchen Rang hättest du dann bekommen?“
„Deserteur.“
„Was war das Schwierigste, was du in deiner Grundausbildung gelernt hast?“
„Zuzuhören, wenn unser Hauptfeldwebel wieder über seine geschiedene Ehe referierte.“
Seiner Meinung nach wollten alle Frauen heiraten und so einen „Versicherungsschein“ erwerben, um den Gatten dann mit dem erstbesten Vorwand los zu werden, zum Zahler zu degradieren und sich einen „Bumskumpel“ zu suchen, der ihnen die Zeit vertrieb, während sie vom Geld des Ex-Mannes wie im Schlaraffenland lebten.
„Hat er euch allen davon erzählt?“, fragte sie ungläubig.
„Ja. Manchmal erzählte er es auch nur einem von uns, aber dann tat es so, dass es alle anderen mithören mussten.“
„Willst du einmal heiraten?“, fragte sie.
„Einmal sollte reichen“, antwortete ich.
„Du kannst es natürlich auch wie Pierre machen“, sagte sie.
„Genau“, sagte Pierre, der an diesem Tag arbeitete und ständig in die Küche und wieder hinaus lief.
„Immer nur lieben und nie heiraten“, sagte sie.
„So ist es“, sagte Pierre.
„Du kannst jetzt aufräumen“, sagte die Chefin und ging fort.
„Wer bist du eigentlich?“, fragte Pierre.
„Der Neue.“
„Alles klar.“
„Und du bist Pierre.“
„Genau.“
Er ging wieder raus. Es gab keinen unauffälligeren oder unaufdringlicheren Kerl als ihn. Man bemerkte ihn nur daran, dass die Arbeit gemacht wurde.
Die anderen Lehrlinge bewunderten ihn.
Ich räumte auf, zog mich um und ging nach draußen zu meinem Fahrrad. Ich machte einen großen Bogen um den Zwinger, denn ich wollte mir nicht wieder die Schuld für Meggies Wildheit geben lassen.
Dann fuhr ich in die City.
Zu meiner Überraschung traf ich dort Justine.

Fortsetzung folgt
23.

Als ich mit dem Rad spazieren fuhr, sah ich plötzlich jemanden winken. Ich fand nie heraus, wer es genau war, aber als ich anhielt, erkannte ich Dajana und Justine in einem Imbiss sitzen. Ich stieg vom Rad, schloss es ab und ging hinein.
„Hallo“, sagte ich.
„Du erzählst doch keinem davon, dass wir hierhin gehen, um zu essen?“, fragte Dajana.
„Hallo“, sagte Justine.
„Hallo“, sagte ich und setzte mich.
„Du erzählst doch keinem...“, begann Dajana.
„Ich habe das schon ein paar Leuten erzählt“, sagte Justine.
„Dass wir hier essen?“, fragte Dajana.
„Dass das hier eine tolle Döner-Bude ist“, antwortete Justine.
„Und dass wir hier tatsächlich essen?“
„Woher sollten wir das sonst wissen?“
„Ist das Tsatsiki?“, fragte ich?
„Ich liebe Tsatsiki“, sagte Dajana. „Ich bestelle oft einfach Brot mit Tsatsiki.“
„Ist Tsatsiki nicht griechisch?“, fragte ich.
„Und?“, fragte Dajana.
„Und Döner ist türkisch“, sagte ich.
„Das ist hier eine internationale Döner-Bude“, sagte Dajana.
„Internationale Küche“, sagte Justine. „Multi-Kulti.“
„Ich hatte gehört, die Griechen und die Türken...“
„Ihr verkauft doch auch Wiener Schnitzel“, sagte Justine. „Obwohl wir Deutsche und keine Österreicher sind.“
„Warum willst du eigentlich nach Kanada?“, fragte Dajana.
„Nach Kanada kann nicht jeder einwandern. Die nehmen nicht jeden und schützen auch keine Verbrecher. Da darf man nur rein, wenn man etwas kann.“, sagte ich. „Zum Beispiel haben sie nicht genug Köche und darum dürfen Köche einwandern.“
„Ich habe nicht gefragt, warum du Koch werden willst, sondern warum du nach Kanada willst“, sagte Dajana.
„Aber das habe ich beantwortet“, sagte ich.
„Okay“, sagte Dajana. „Also frage ich anders. Warum willst du Deutschland verlassen?“
„Ich kann es mir denken“, sagte Justine. „Wir haben genug Köche. Wir brauchen Leute, die Döner machen können.“
„Was ist so Besonderes an Döner?“, fragte ich.
„Hast du schon Döner gegessen?“, fragte Justine.
„Nein.“
Dajana deutete zur Theke. Hinter der Theke standen drei Männer, die arbeiteten und gute Laune hatten.
„Essen von glücklichen Köchen“, sagte Dajana.
„Was?“, fragte ich.
„Meine Mutter isst nur Eier von glücklichen Hühnern“, sagte Justine.
Ich schaute auf meine Armbanduhr.
„Ich muss wieder zur Arbeit.“
„Nein“, sagte Dajana. „Das weiß ich genau. Aber ich muss jetzt nach Hause. Deinetwegen.“
„Was?“, fragte ich.
„Es ist schwierig, mit dir ein interessantes Gespräch zu führen“, sagte Justine.
„Was?“, fragte ich.
„Du bist so einsilbig“, sagte Dajana.
„Wir stellst du dir eigentlich deine Zukunft vor?“, fragte Justine.
„In Kanada“, fügte Dajana hinzu.
„Natürlich“, sagte Justine.
„Mal gucken“, sagte ich. „Vielleicht kann ich mich zum Küchenchef eines guten Hotels hocharbeiten. Manche Hotelketten haben sogar Küchen-Direktoren, die ihre diversen Hotels besuchen und die Arbeit der Küchenchefs inspizieren. Oder ich nehme einen Job in einer Kantine an und arbeite am Wochenende für meinen eigenen Party-Service.“
„Bis du dein eigenes kleines Hotel hast?“, fragte Dajana.
„Wie Blücher?“, fragte Justine.
„Was?“, fragte ich.
Mit Frauen Konversation zu machen, war so anstrengend.
„Schon wieder“, sagte Dajana.
„Ja“, sagte Justine.
„Wenn ich genug Geld verdient habe, will ich an der Börse spekulieren“, sagte ich.
„Börse? Wenn du an der Börse spekulieren willst, warum bist du dann nicht Bankkaufmann geworden?“, fragte Justine.
„Wenn ich an der Börse spekuliere, dann zu meinem eigenen Nutzen und nach meinen eigenen Ideen. Ich will nicht bloß Anweisungen befolgen oder Trends hinterher laufen. Ich will selber reich werden. Und ich glaube an antizyklisches Handeln.“
„Antizyklisch?“, fragte Justine. „Kannst du das erklären?“
„Antizyklisch heißt, dass man nicht der Menge folgt und nicht das kauft, was die Mehrheit gerade für richtig hält. Die Mehrheit hat nämlich meistens Unrecht. Das ist eine alte Börsenregel.“
„Hat das noch irgendetwas mit dem Beruf eines Kochs zu tun?“, fügte Dajana hinzu.
„Das hat alles damit zu tun“, sagte ich. „Als Koch zu arbeiten, ist ein gutes Beispiel für antizyklisches Handeln. Man arbeitetet, wenn die anderen Freizeit haben und hat Freizeit, wenn die anderen arbeiten. Man steht auf dem Weg zur Arbeit nicht im Stau und beim Einkaufen im Supermarkt nicht in der Schlange.“
„Du denkst seltsam“, sagte Dajana.
„Blücher hat immer davon geträumt, Chef eines kleinen Hotels zu sein“, sagte Justine.
„Süß, oder?“, sagte Dajana
„Und...“, begann Justine.
„... er ist mit Abstand unser bester Lehrling“, sagte Dajana.
„Auszubildender“, verbesserte Justine.
„Ich muss jetzt weg“, sagte Dajana.
Sie stand auf und ging fort.
Ich sah ihr nach.
„Sie hat schon bezahlt“, sagte Justine.
„Wieso redet ihr über Blücher?“, fragte ich.
„Ich treffe mich heute abend mit ihm“, sagte Justine.

Fortsetzung folgt
Antwort auf Beitrag Nr.: 21.627.987 von Wolfsbane am 17.05.06 20:05:3323.

Als ich mit dem Rad spazieren fuhr, sah ich plötzlich jemanden winken. Ich fand nie heraus, wer es genau war, aber als ich anhielt, erkannte ich Dajana und Justine in einem Imbiss sitzen. Ich stieg vom Rad, schloss es ab und ging hinein.
„Hallo“, sagte ich.
„Du erzählst doch keinem davon, dass wir hierhin gehen, um zu essen?“, fragte Dajana.
„Hallo“, sagte Justine.
„Hallo“, sagte ich und setzte mich.
„Du erzählst doch keinem...“, begann Dajana.
„Ich habe das schon ein paar Leuten erzählt“, sagte Justine.
„Dass wir hier essen?“, fragte Dajana.
„Dass das hier eine tolle Döner-Bude ist“, antwortete Justine.
„Und dass wir hier tatsächlich essen?“
„Woher sollten wir das sonst wissen?“
„Ist das Tsatsiki?“, fragte ich?
„Ich liebe Tsatsiki“, sagte Dajana. „Ich bestelle oft einfach Brot mit Tsatsiki.“
„Ist Tsatsiki nicht griechisch?“, fragte ich.
„Und?“, fragte Dajana.
„Und Döner ist türkisch“, sagte ich.
„Ihr verkauft doch auch Wiener Schnitzel“, sagte Justine. „Obwohl wir Deutsche und keine Österreicher sind.“
Dajana deutete zur Theke. Hinter der Theke standen drei Männer, die arbeiteten und gute Laune hatten.
„Essen von glücklichen Köchen“, sagte Dajana.
„Was?“, fragte ich.
„Meine Mutter isst nur Eier von glücklichen Hühnern“, sagte Justine.
Ich schaute auf meine Armbanduhr.
„Ich muss wieder zur Arbeit.“
„Nein“, sagte Dajana. „Das weiß ich genau. Aber ich muss jetzt nach Hause. Deinetwegen.“
„Was?“, fragte ich.
„Es ist schwierig, mit dir ein interessantes Gespräch zu führen“, sagte Justine.
„Was?“, fragte ich.
„Du bist so einsilbig“, sagte Dajana.
„Wir stellst du dir eigentlich deine Zukunft vor?“, fragte Justine.
„In Kanada“, fügte Dajana hinzu.
„Natürlich“, sagte Justine.
„Mal gucken“, sagte ich. „Vielleicht kann ich mich zum Küchenchef eines guten Hotels hocharbeiten. Manche Hotelketten haben sogar Küchen-Direktoren, die ihre diversen Hotels besuchen und die Arbeit der Küchenchefs inspizieren. Oder ich nehme einen Job in einer Kantine an und arbeite am Wochenende für meinen eigenen Party-Service.“
„Bis du dein eigenes kleines Hotel hast?“, fragte Dajana.
„Wie Blücher?“, fragte Justine.
„Was?“, fragte ich.
Mit Frauen Konversation zu machen, war so anstrengend.
„Schon wieder“, sagte Dajana.
„Ja“, sagte Justine.
„Wenn ich genug Geld verdient habe, will ich an der Börse spekulieren“, sagte ich.
„Börse? Wenn du an der Börse spekulieren willst, warum bist du dann nicht Bankkaufmann geworden?“, fragte Justine.
„Wenn ich an der Börse spekuliere, dann zu meinem eigenen Nutzen und nach meinen eigenen Ideen. Ich will nicht bloß Anweisungen befolgen oder Trends hinterher laufen. Ich will selber reich werden. Und ich glaube an antizyklisches Handeln.“
„Antizyklisch?“, fragte Justine. „Kannst du das erklären?“
„Antizyklisch heißt, dass man nicht der Menge folgt und nicht das kauft, was die Mehrheit gerade für richtig hält. Die Mehrheit hat nämlich meistens Unrecht. Das ist eine alte Börsenregel.“
„Hat das noch irgendetwas mit dem Beruf eines Kochs zu tun?“, fügte Dajana hinzu.
„Das hat alles damit zu tun“, sagte ich. „Als Koch zu arbeiten, ist ein gutes Beispiel für antizyklisches Handeln. Man arbeitetet, wenn die anderen Freizeit haben und hat Freizeit, wenn die anderen arbeiten. Man steht auf dem Weg zur Arbeit nicht im Stau und beim Einkaufen im Supermarkt nicht in der Schlange.“
„Du denkst seltsam“, sagte Dajana.
„Blücher hat immer davon geträumt, Chef eines kleinen Hotels zu sein“, sagte Justine.
„Süß, oder?“, sagte Dajana
„Und...“, begann Justine.
„... er ist mit Abstand unser bester Lehrling“, sagte Dajana.
„Auszubildender“, verbesserte Justine.
„Ich muss jetzt weg“, sagte Dajana.
Sie stand auf und ging fort.
Ich sah ihr nach.
„Sie hat schon bezahlt“, sagte Justine.
„Wieso redet ihr über Blücher?“, fragte ich.
„Ich treffe mich heute abend mit ihm“, sagte Justine.

Fortsetzung folgt
24.

Justine war nicht die Frau meines Lebens und in manchen Momenten fand ich sie nervtötend, aber die Vorstellung, dass Blücher sie kriegen würde, missfiel mir. Das war fast unerträglich. Ich weiß, dass macht den Eindruck, als sei ich eifersüchtig gewesen. Aber eigentlich war ich eher neidisch oder einfach mißgünstig. So war ich eben. Ich versuchte mich zu bessern.
Außerdem hatte ich es geschafft, mich für den nächsten Nachmittag mit Justine zu verabreden. Ehe Blücher zu seiner zweiten Chance kam.
Kaum war ich wieder umgezogen am Arbeitsplatz, kam Dajana durch die Küche ins Haus.
"Du sollst doch nicht den Hintereingang benutzen", sagte ich. "Du hast doch gehört, was deine Mutter gesagt hat."
Ich weiß nicht, warum ich das sagte, doch es machte Spaß.
"Ich komme vom Zwinger", sagte sie. "Darum!"
"Du warst mit dem Hund unterwegs?", fragte ich.
Das erschien mir irgendwie unwahrscheinlich, denn sie war hier die jüngste und schwächste Person.
"Sonst tut es doch keiner!"
Sie hielt ihre rechte Hand.
"Ich wollte ja...", begann ich.
"... aber du tust es auch nicht!", beendete sie. "Das habe ich schon gehört. Ich bin sehr enttäuscht."
"Was ist mit deiner Hand?", fragte ich.
"Der Hund hat einen anderen Hund gesehen und ist vor Neugier ausgeflippt. Meggie ist wild herumgesprungen, wollte sich im Überschwand der Gefühle losreißen und hat mir bei dem ganzen Tanz die Leine um die Finger gewickelt."
"Was ist mit deiner Hand?", fragte ich.
"Kaputt. Sie hat mir einen Finger gebrochen."
Ihr Blick sagte alles. Das war meine Schuld.
"Das tut mir leid."
"Okay. Ich gehe jetzt und hole mir ein Pflaster."
"Damit musst du zu einem Arzt", sagte ich.
"Das mache ich schon", sagte sie. "Darum brauchts du dich nicht zu kümmern."
Sie ging.
Ich sah ihr nach.
Es gibt etwas, wofür Frauen nie zu jung sind.
Sie können einem immer Sorgen bereiten.
Danach ging ich jeden Nachmittag mit dem Hund raus. So war das eben. Man sah ein weibliches Wesen, guckte ihr zu tief in die Augen, lernte sie kennen und dann...
...endete man mit einem Hund.
Darum fing diese Geschichte erst mit Dajana an. Weil mein vorheriges Leben nicht anders gewesen war.
Ich wollte mich nicht wiederholen.

Fortsetzung folgt
25.

Am nächsten Morgen stand ich sehr früh auf und ging noch vor der Arbeit mit dem Hund raus. Am Nachmittag hatte ich schließlich schon eine andere Begegnung auf dem Programm. Als ich zurückkehrte und Meggie zum Zwinger brachte, standen Ulf und Blücher im Hinterausgang und grinsten. Ehe sie mich ins Haus ließen, blockierten sie den Eingang und stellten mir die unvermeidliche Frage:
„Auf den Hund gekommen?“
Es war Ulf, der es zuerst sagte. Damit hatte ich gerechnet. Er war immer etwas schneller als Blücher.
„Auf den Hund gekommen?“, fragte schließlich auch Blücher.
Bei ihm klang die Frage nur anders, weil er eine andere Stimme hatte. Er lachte so sehr, dass er kaum noch gerade stehen konnte. Dann wiederholte er sich selbst, wobei er möglicherweise versuchte, die Betonung zu variieren. Für mich klang es eigentlich jedesmal gleich, aber er fand es jedesmal erneut total witzig und sein Lachen klang wirklich jedesmal etwas anders.
Das war übrigens typisch für ihn.
Wenn er etwas gefunden hatte, womit er einen nerven konnte, ritt er immer und immer wieder darauf herum. Man konnte das dann nur beenden, indem man ihm drohte. Wenn man zu wenig drohte, lachte er nur noch mehr, aber wenn man es schaffte, dass er es nicht mehr witzig fand, rannte er sofort zur Chefin und jammerte, sie würde ihn dazu zwingen, mit unberechenbaren Psychopathen aus den Slums des Neandertal zu arbeiten.
Zum Glück war Ulf dabei.
„Lass ihn jetzt rein“, sagte Ulf und schubste Blücher weg. „Wir haben Arbeit und ich will nicht alles alleine machen müssen!“
„Du schlägst mich?“, schrie Blücher. „Ich hole gleich meine Brüder! Oder ich sage es meinem Vater und er marschiert hier ein!“
„Der hat Brüder?“, fragte ich.
„Ja, aber die sind alle okay“, sagte Ulf. „Er ist der einzige Spinner.“
„Und meine große Schwester hole ich auch!“, rief Blücher. „Die verklagt euch!“
„Tut die nicht“, sagte Ulf. „Du bist der einzige Spinner bei euch.“
„Blöde Köche!“, rief Blücher und verschwand aus meinem Blickfeld.
Die Vorstellung, dass er, Blücher, bei Justine landen könnte und demnächst ihr Freund wäre, wurde für mich immer unerträglicher. Jemand wie er hatte keine solche Frau verdient, auch wenn er selbst sich zweifellos hier für den Chef und das Alpha-Tier und den großen Überflieger und für alles mögliche andere hielt.
„Was ist?“, fragte Ulf.
„Was soll sein?“
„Du machst ein komisches Gesicht. Vielleicht ist es doch besser, dich heute nicht in die Küche zu lassen.“
„Wie war es gestern in der Schule?“, fragte ich.
„Warum grinst du so pervers?“, fragte er.
„Ich habe heute nachmittag eine Verabredung mit Justine“, antwortete ich.
„Alles klar“, sagte er und machte Platz. „Dann solltest du jetzt wirklich sofort mit der Arbeit anfangen, denn sonst schaffst du das nicht.“
Er ging zum Herd. Ich schloß die Tür hinter mir und folgte ihm.
„Was?“, fragte ich.
„Der Chef hat kurzfristig noch eine Feier für heute abend angenommen und wir müssen heute nachmittag noch eben ein kaltes Büffett fertig machen...“
„Nein!“, rief ich.
„Doch“, sagte er. „Blücher hat sich damit erneut bei der Chefin beliebt gemacht, denn das sind Bekannte von ihm, denen er diese Kneipe empfohlen hat.“
„Das ist eine absolute Katastrophe“, sagte ich. „Wie soll ich mich dann mit Justine treffen?“
„Es könnte schlimmer sein“, sagte Ulf mit einem leichten Grinsen.
„Noch schlimmer?“, fragte ich. „Wie könnte es noch schlimmer sein, dass ich ausgerechnet heute keine Pause habe?“
„Wenigstens warst du schon mit Meggie weg“, sagte er.
Dann lief er ins Kühlhaus und schloß die Tür hinter sich.
Ich hörte ihn trotzdem lachen.
Ich öffnete im Vorbeigehen die kleine Tür in Augenhöhe, wo sich die Regale mit dem Aufschnitt befanden, rief „Depp!“ herein und ging mich dann umziehen.
Wenn wir uns beeilten, konnte ich es vielleicht doch noch schaffen!

Fortsetzung folgt
26.

Zuerst sah es so aus, als könnten Ulf und ich es schaffen, am Nachmittag nicht arbeiten zu müssen, aber der Chefin fielen immer wieder neue Aufgaben und Schikanen ein, um das Ende der Arbeit stets aufs Neue in die Ferne rücken zu lassen. Immerhin trug die Chefin die ganze Zeit ein breites Grinsen und ihre Stimme klang dementsprechend. Als ich zu Ulf sagte, dass wir uns jetzt noch mehr anstrengen müssten, um ihr zu zeigen, dass wir auch fleißig waren, wenn sie nicht schrie und schimpfte, meinte er nur trocken: „Träum weiter!“
Schließlich wurde klar, dass meine Verabredung nicht einzuhalten war. Ich verließ die Küche durch den hinteren Ausgang und lief um das Restaurant herum zur Telefonzelle auf dem Parkplatz. Handys waren in den 80-er Jahren schließlich noch kein Thema. Fluchend stellte ich fest, dass der Münzfernsprecher nicht funktionierte, weil ein Geldstück darin feststeckte und sich nicht entfernen ließ. Vor lauter Ärger lief ich durch den Vordereingang zurück ins Restaurant und wollte mit dem Telefon hinter der Theke telefonieren. Theoretisch bestand die Gefahr, dass die Chefin oder Justines Onkel in das Gespräch reinhörten, aber das war mir in diesem Augenblick egal.
„Das Telefon ist kaputt!“, rief Blücher mir entgegen.
„Woher weißt du, dass ich telefonieren will?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Okay, ich will telefonieren. Lass mich.“
„Das Telefon ist kaputt!“, wiederholte er mit anhaltendem Grinsen.
„Lass mich mal probieren!“
Er versperrte mir den Weg.
Ich kam nicht hinter die Theke.
Ich knurrte.
„Das Telefon ist kaputt!“
„Ich habe es nicht kaputt gemacht“, sagte ich. „Also brauchst du mir das Telefonieren nicht zu verbieten!“
„Ich verbiete dir nicht das Telefonieren, aber das Telefon ist kaputt!“
„Das will ich selber sehen!“
„Aber ich sage es dir doch!“
„Lass mich sehen!“
„Das Telefon ist kaputt!“
„Noch ist meine Abneigung gegen dich rein platonisch!“, knurrte ich.
Er zuckte mit den Schultern.
„Das Telefon ist kaputt!“
„Du redest immer dasselbe!“, rief ich. „Bist du blöd?“
„Dir muss man alles zehnmal sagen! Du bist hier blöd!“
Ich ging einen Schritt zurück. Instinktiv wollte ich Anlauf nehmen und ihn über den Haufen rennen. Das wäre die natürlichste Lösung gewesen. Eine Fortsetzung des Dialogs mit anderen Mitteln.
„Was hälst du davon, wenn du heute abend nicht arbeiten musst?“, fragte ich.
„Das muss ich nicht!“
„Ach, du hast den Arbeitsunfall schon fest eingeplant, auf den du gerade zusteuerst?“
„Nö, ich habe gleich sowieso frei!“
„Und kannst du nicht jetzt schon verduften? Wo auch immer du hin willst?“
„Aber ich will nicht weg“, sagte Blücher. „Ich bleibe hier. Ich arbeite nur nicht. Ich feiere.“
„Robert!“, rief Ulf aus der Küche.
Ich lief in die Küche und sah die Chefin Eis essen. Sie grinste nur und schaufelte das leckere Zeug in sich hinein. Ulf zeigte mir, was ich machen sollte. Die Chefin guckte nur schweigend zu. Ich arbeitete, bis sie wieder weg war. Dann suchte ich einen Schraubenzieher und lief erneut zur Telefonzelle.

Fortsetzung folgt


@ unlocker

Fan von Blücher?!? ;)
Antwort auf Beitrag Nr.: 21.880.927 von Wolfsbane am 30.05.06 23:42:26Nee, eher Fan von den Mädels :)
:yawn:

Das war wieder ein sehr ausgefüllter Tag. Ein Kollege hat Urlaub und das macht sich bemerkbar. Über Pfingsten schreibe ich "Teil Eins: In Teufels Küche" zu Ende. Dann wird es sehr viel zu lesen geben und danach werfe ich das alte Manuskript gleichen Namens weg.
:cool:
Anschließend erzähle ich dann, wie es einem "Preußen" in Bayern ergehen kann...
:laugh:
Antwort auf Beitrag Nr.: 21.914.559 von Wolfsbane am 01.06.06 23:02:22Überlebensauer wahrscheinlich < 1 Monat, so wie sich das anhört :D
Aber hoffentlich doch länger, will nochmehr hören ;)
27.

Ich brauchte buchstäblich mehrere Anläufe, um das Geldstück aus dem Münzapparat heraus zu operieren. Zunächst gelangen mir überhaupt keine sichtbaren Fortschritte und ich lief immer wieder in die Küche zurück, um weiter kalte Platten und Salate vorzubereiten und Ulf zu assistieren. Schließlich dauerte es immer länger, bis ich mich aus der Küche abseilen konnte und schließlich war die Zeit, zu der sich Justine mit mir verabredet hatte, längst verstrichen. Dann endlich gelang es mir, wieder zu telefonieren. Justine meldete sich nicht, aber schließlich nahm ihr Vater ab und erklärte mir in ruppigem Ton, dass seine Tochter nicht zu Hause und überhaupt schon den ganzen Tag außerhalb unterwegs sei und ihm auch nichts von für sie eingehenden Anrufen erzählt hätte. Diesmal nahm ich den vorderen Eingang. Blücher stand hinter der Theke und reagierte erst auf mich, als ich ihm eine zerkratzte niederländische Münze ins Gesicht hielt.
„Was sagst du dazu?“, fragte ich.
„Uitstekend“, antwortete er.
„Das Wort verstehe ich sogar“, knurrte ich.
„Leider kann ich nicht immer alles auf Holländisch sagen“, sagte er süffisant. „Also ist das auch keine Lösung.“
„Sehr witzig.“
„Du wirst in der Küche gesucht.“
„Da hast du dein Geld zurück“, sagte ich und legte die Münze auf die Bar, ehe ich in die Küche ging.
Schon beim Öffnen der Tür sah ich Justine.


Fortsetzung folgt
Anmerkung:


@ll

Leider hat es doch nur wieder für so ein kleines Häppchen gereicht. Ich bin schwer damit beschäftigt, dass ich mein Französisch aufpoliere. Wenn ich bei der Arbeit Stress habe und am Telefon akustisch nur ungefähr die Hälfte überkommt und der Anrufer seine Fragen etwas komisch formuliert und man mir zudem Fragen zu Entscheidungen stellt, die noch nicht getroffen bzw. mir noch nicht mitgeteilt wurden, komme ich wirklich ins Stottern. Damit mein Hörenverstehen besser wird und ich mich nicht zukünftig wieder als unfähig titulieren lassen muss, sehe ich mir momentan die komplette erste Staffel von "OC California" in der französisch synchronisierten Fassung an...
:eek:

@ unlocker

Tatsächlich ist der Held drei Monate in München, aber das sind eigentlich knapp zwei Jahre, denn für einen "Preussen" (und dabei ist der Held überhaupt keiner, denn hierzulande hat man damals die (evangelischen) Preussen genauso gehasst und die nachfolgenden (ebenfalls katholischen) Franzosen als Befreier gefeiert...) zählen in Bayern verbrachte Monate wie Lebensjahre eines Hundes, nämlich siebenfach.
:rolleyes:
28.

„Hast du wenigstens gute Salate gemacht?“, fragte Justine, als ich hereinkam.
„Wieso wenigstens?“, fragte ich zurück.
„Oder kannst du das auch nicht!“, rief sie.
„Häh?“
Eloquenz ist schön, aber man muss sie auch dosieren können.
„Weil, telefonieren kannst du jedenfalls nicht!“
„Was?“
Siehe oben.
„Wolltest du mich nicht besuchen?“, fragte sie.
„Ja, aber der Wille war billig und bloß das Fleisch war, äh...“
„Noch nicht durch?“, fragte Ulf, der irgendwo in der Rufweite arbeitete.
„... hatte keine Pause!“, beendete ich den Satz.
„Und dann hast du nicht den Anstand, wenigstens anzurufen?“
„Ich wusste nicht, dass ich Anstand brauche, aber vor allem hatte ich kein Telefon!“
„Wie, kein Telefon!“
„Die Telefone hier waren plötzlich alle kaputt.“
„Das ist lächerlich“, sagte sie.
„Meinst du, ich renne mit einem eigenen Telefon in der Tasche rum oder was!“
Rückblickend ist klar, dass ich ein Opfer des technischen Rückstands meiner Zeit war. Keine Handys und nicht einmal Telefonzellen, die mit niederländischem Geld funktionierten, von europäischer Einheitswährung ganz zu schweigen.
„Aber...“, begann ich.
„Du redest, als wenn wir schon verheiratet sind!“
Ich musste einräumen, dass bereits eine meiner Ex-Freundinnen mich stets in dieser Form darauf hingewiesen hatte, dass Männer das Recht zum Gebrauch des Wortes „aber“ erst mit der Heirat erwarben.
„Öh...“
Manchmal muss man als Deutscher die engen Grenzen des vom Duden abgesegneten Wortschatzes verlassen, um seine Gefühle adäquat und prägnant auf den Punkt zu bringen.
„Wo ein Wille ist...“, begann sie.
In dem Augenblick stürmte Blücher durch die Tür, umfasste ihre Taille und beendete ihren Satz.
„...da ist auch ein Weg!“
Jetzt kam auch noch die Chefin rein.
„Blücher, deine Leute sind da“, meldete sie. „Du kannst jetzt Feierabend machen und dich dazu setzen.“
„Dann kann ich ihnen ja auch gleich Justine vorstellen“, sagte Blücher und guckte mich an.
„Das weiß ich nicht, ob du das kannst“, sagte die Chefin. „Aber in deiner Freizeit darfst du versuchen, was du willst.“
„Gehen wir“, sagte Justine und rauschte ab.
Blücher zog sie an der Hand hinterher.
„Jetzt aber den Finger aus dem Hintern nehmen und arbeiten“, sagte die Chefin in den Raum und ging ebenfalls.
„Ich gehe eine rauchen“, sagte Ulf.
Ich hörte seine Schritte.
Dann sah ich auf die Uhr.
Noch fünf Stunden bis Disco.

Fortsetzung folgt
29.

Blücher gab schon am selben Abend enorm damit an, wie er mich ausgebootet und durch brilliante Strategie über die schiere Muskelkraft des größeren Nebenbuhlers triumphiert hatte. Er gehörte zu den Leuten, die sich über nichts freuen können, wenn sie nicht jemand anderem abgejagt haben und sich dafür feiern lassen können.
Ozzy kam ständig mit einem Grinsen in die Küche und machte dann aber sofort wieder ein bemüht ernstes Gesicht, wenn er mich arbeiten sah. Kam ich gerade aus dem Kühlhaus, sah ich ihn jedesmal, wie er gerade bei Ulf stand, ihm irgendetwas zuflüsterte und dann bei meinem Auftauchen ohne ein weiteres Wort sofort wieder rauslief.
Kurz vor Küchenschluß kam er schließlich mit feierlicher Miene herein und sprach mich an.
„He!“, sagte er.
„Wer?“
„Du.“
„Ich bin nicht da.“
„Ich sehe dich doch“, protestierte er.
„Aber ich bin schon so gut wie weg.“
„Was?“
„Guck mal auf die Uhr.“
„Und?“
„Und wie spät ist es?“
„Kurz vorm K... Lass schon mal die Hose sacken!“
„Okay“, sagte ich, „jetzt bist du deinen Spruch los geworden und jetzt kannst du wieder nach vorn gehen und Gläser polieren.“
„Der redet schon, als wenn er der Chef ist“, sagte Ulf.
„Wirst du nach der Lehre übernommen?“, fragte ich.
„Blödsinn!“, schimpfte Ulf. „Warum sollte ich das mit mir machen lassen?“
„Na also“, sagte ich. „Darum übe ich schon für die nächste Ära.“
„Kommen wir wieder zum Thema!“, mahnte Ozzy.
„Ich wusste nicht, dass wir ein Thema haben“, sagte ich.
„Wir haben immer ein Thema“, sagte Ulf.
„Immer das gleiche Thema!“, rief Ozzy.
„Die Chefin?“, fragte ich.
„Nein, Frauen“, antwortete Ulf.
„Ach ja“, sagte Ozzy. „Kleine psychologische Frage: Woran erkennt ein richtiger Mann, ob eine Frau einen Orgasmus hat?“
„Das ist bei jeder Frau unterschiedlich“, sagte ich.
„Falsche Antwort. Ulf, woran erkennt ein richtiger Mann, ob eine Frau einen Orgasmus hat?“
„Ich verstehe die Frage nicht“, sagte Ulf..
„Die Antwort ist richtig“, sagte Ozzy.
„Häh?“, sagte ich.
„Einem richtigen Mann ist das nämlich egal!“, rief Ozzy.
„Darum sind auch so viele richtige Männer geschieden und verbittert“, sagte ich.
„Schicksal“, sagte Ulf.
„Wie viele Frauen kennst du eigentlich?“, fragte Ozzy.
„Keine Ahnung“, antwortete ich.
„Das musst du doch wissen!“, rief Ozzy.
„Sehe ich wie einer aus, der Tagebuch schreibt oder was!“, rief ich.
„Wieso Tagebuch“, sagte Ozzy. „Ich dachte da mehr an ein Adressenbuch.“
„Oder eine Strichliste“, fügte Ulf hinzu.
Ich wollte hier weg.
„Ich gehe mal pinkeln“, sagte ich.
„Jetzt muss der sich schon einen wedeln“, sagte Ulf.
„War das schon so aufregend?“, fragte Ozzy.
„Ozzy, was willst du!“, knurrte ich.
„Ich wollte nur mal wissen, worüber du mit Frauen so redest“, sagte er.
„Wenn du mal eine siehst“, sagte Ulf.
„Komische Frage“, stellte ich fest. „Hat Justine sich beklagt? Oder...“
„Wie verbringst du eigentlich deine Freizeit hauptsächlich?“, unterbrach Ulf.
Bei schönem Wetter fuhr ich in die Großstadt, guckte Frauen beim Shoppen zu und lud diejenigen, die dabei sehr gelangweilt aussahen, ins Kino ein.
„Schach spielen“, sagte ich.
„Schach spielen!“, rief Ulf und bog sich vor Lachen.
„Und lernst du beim Schachspielen auch Frauen kennen?“, fragte Ozzy.
Lisa. Sie war hübscher als jede Schauspielerin gewesen. Ihretwegen hatte ich den Schachklub wechseln wollen und war jeden Sonntagmorgen mit dem Rad in den feindlichen Stadtteil gefahren. Nur um sie zu sehen. Sie hatte immer schon dort gesessen, wenn ich eingetroffen war, egal wie früh ich erschien. Und irgendwann war mir aufgefallen, dass sie dort immer mit dem gleichen Kerl saß, der schätzungsweise schon volljährig war. Sie selbst war ungefähr 16 Jahre alt gewesen und hatte mir somit zu der Einsicht verholfen, dass ich auf ältere Frauen stand. Leider hatte man meinen Antrag auf Mitgliedschaft abgelehnt. Am selben Tag war sie zum ersten Mal in meiner Gegenwart aufgestanden und ich hatte festgestellt, dass sie sehr lange Beine besaß und mich damit überragte.
Die Erinnerung verschlug mir die Worte.
„Hübsche Frauen?“, fragte Ulf.
Lisa als hübsch zu bezeichnen, wäre eine beleidigende Untertreibung gewesen. So, als würde man eine Orchidee als appetitliches Gemüse titulieren.
„Nein“, sagte ich.
„Also macht er es umgekehrt“, sagte Ulf. „Er sucht hübsche Frauen...“
„... und fragt sie dann, ob sie Schach spielen!“, rief Ozzy.
Sie lachten sich beide schlapp.
„Darauf brauche ich erst einmal eine Zigarette!“, rief Ulf, als er wieder zu Atem kam.
„Ich auch!“, rief Ozzy.
„Du rauchst doch gar nicht!“, rief Ulf.
„In manchen Situationen muss ein Mann eben tun, was ein Mann eben tun muss!“, rief Ozzy.
„Spielst du Schach?“, fragte Ulf.
Wieder bogen sie sich beide vor Lachen.
Kopfschüttelnd sah ich ihnen nach, wie sie zum Hinterausgang gingen.
„Da vorne sind Leute am Verdursten!“, rief ich Ozzy nach.
„Können wir auch nicht ändern“, sagte Ulf.
„Ich bin im Moment nicht arbeitsfähig!“, rief Ozzy.
Eine Stunde später ging ich mit den beiden in die Disco. Nachdem sie mir dazu verholfen hatten, ebenfalls ohne Eintritt hinein zu kommen, hatte ich keine Verwendung mehr für sie und suchte mir ein Plätzchen am Rande der Tanzfläche, so weit von ihnen entfernt wir möglich.
Plötzlich fiel mir eine große und schlanke Frau einem kniefreien schwarzen Kleid auf. Sie starrte mich an.
„Kennen wir uns?“, fragte sie.
„So geht das nicht“, protestierte ich. „Das ist meine Frage. Und wenn hier jemand angestarrt gehört, dann bist du das. Du kannst hier nicht einfach vom Himmel fallen und mir meinen Text stehlen und...“
„Ob wir uns kennen“, wiederholte sie mit einem leichten Ärger in der Stimme, der mich an das Schnurren einer Katze erinnerte.
Jetzt dachte sie wirklich angestrengt nach. So guckten Engel auf Bildern nie. Sie hatte Recht- ich kannte sie nicht nur aus Wunschträumen.
„Woher wir uns kennen?“, fragte ich, um Zeit zu gewinnen.
Und dann passierte es.
Sie sah mir zu tief in die Augen. Und ich war zum ersten Mal mit ihr auf gleicher Augenhöhe.
Mein Verstand setzte aus.
Ich merkte erst, was ich sagte, als ich Ulf und Ozzy, die mir anscheinend gefolgt waren, hinter mir lachen hörte.
„Spielst du Schach?“

Fortsetzung folgt
Antwort auf Beitrag Nr.: 22.106.052 von Wolfsbane am 14.06.06 11:37:3030.

Als ich gerade in eine andere Richtung gucken wollte, um mich nach einem Spaten umzusehen, mit dem ich mich eingraben konnte, bemerkte ich die Wirkung meiner Frage.
Es war unglaublich.
Niemand konnte größere Augen als Lisa haben.
Hatte ich gedacht.
Falsch.
Jemand konnte.
Sie selbst.
Nur sie selbst konnte sich diesbezüglich übertreffen und sie tat genau das.
„Daher kenne ich dich!“, rief sie.
Ich war ihr aufgefallen.
Unglaublich.
Das war mehr, als ich bei realistischer Betrachtung von meinem Leben erwartet hatte. Wenn mich jetzt ein Blitz traf und auslöschte, war es durchaus gerecht.
Aber was auch immer mich gerade traf, es löschte mich nicht aus, sondern fuhr nur durch mein Rückgrat und gab mir das Gefühl, dass meine Wirbel plötzlich allesamt ein grelles Licht beherbergten.
„Spielst du noch Schach?“, fragte sie.
„Ich bin gesperrt“, antwortete ich.
„Warum?“
„Ich war für eine Bezirksmeisterschaft angemeldet und dann ergab sich die Möglichkeit, eine Ausbildung in der Gastronomie zu machen. Da musste ich gleich zwei Wochenenden hintereinander arbeiten.“
Jetzt sah sie wieder ganz gefasst aus. Sie wirkte interessiert. Das haute mich fast um. Sie war bei vollem Verstand und trotzdem irgendwie interessiert an mir. Ich will damit nicht den Eindruck erwecken, dass ich unter übermäßiger Bescheidenheit litt, aber objektiv betrachtet war die Möglichkeit, dass sich das hier alles tatsächlich ereignete, etwa so wahrscheinlich, als wenn sich eine fliegende Taube in einen Backstein verwandelte. Oder vice versa.
„Hast du dich nicht abgemeldet?“, fragte sie.
„Ich habe es dem Vorsitzenden gesagt, der auch am Turnier teilnahm, aber er hat es wohl nicht weitergegeben.“
„Schade. Aber die Hauptsache ist natürlich, dass du einen Ausbildungsplatz hast“, sagte sie nachdenklich.
Ich verzichtete darauf, sie auf die Feinheit hinzuweisen, dass das eigentlich erst beim nächsten Anlauf geklappt hatte. Der Restaurantinhaber, der mich zwei Wochen lang zwei krank geschriebene Hauswirtschafterinnen hatte ersetzen lassen, war pünktlich zu deren Rückkehr zu der Meinung gelangt, dass ich doch nicht für den Beruf geeignet war und mit hundert Mark für ein „Praktikum“ zufrieden sein sollte. Aber jetzt wurde ich schließlich doch noch Koch und damit waren meine Wochenenden futsch.
„Ja“, sagte ich.
„Wolltest du nicht studieren?“, fragte sie.
Offensichtlich hatte sie noch nie von meinem Vater gehört.
„Ich wollte schon so vieles“, sagte ich. „Früher wollte ich auch Stadtmeister im Schach werden. Was ist mit dir? Spielst du noch?“
„Nein. Bei meiner letzten Turnierpartie habe ich noch richtig gekämpft, aber nach 35 Zügen musste ich aufgeben.“
„Kann passieren“, sagte ich.
„Ja, das war auch nicht der Punkt. Doch nach der Partie verriet mir mein Gegner, dass er bei keinem seiner Züge wirklich nachgedacht hatte.“
„Ein Naturtalent.“
„Nein, er kannte die Partie vorher schon!“
„Ein Hellseher?“
„Nein, es gab dazu eine Partie von zwei Großmeistern, die er auswendig gelernt hatte. Schon nach dem fünfzehnten Zug war ich verloren gewesen. Er konnte mir nicht erklären, warum dieser Zug falsch war, außer dass damit vor ein paar Jahren ein Großmeister verloren hatte.“
„Tja“, sagte ich, „die Theorie des Schachspiels entwickelt sich eben immer weiter und die Praxis bringt immer wieder neue Überraschungen. Um wirklich Erfolg zu haben, muss man jeden Tag ein paar Stunden die neuesten Entwicklungen studieren.“
„Und dazu hatte ich keine Zeit“, sagte sie. „Erst recht nicht als Studentin.“
Damit machte sie meinen Vater zum Lügner. So weit ich zurückdenken konnte, hatte mein Vater mir gepredigt, alle Studenten seien faul und würden sich nur vor der Arbeit drücken, um ihr ganzes Leben lang ihren Eltern zur Last zu fallen und unbekümmert ihren Hobbys nachzugehen. Darum hatte er mir auch schon an der Grundschule ständig damit gedroht, dass er mich sofort vom Gymnasium nehmen würde, wenn ich nur das geringste Zeichen von Faulheit erkennen lassen würde, wie zum Beispiel den Wunsch zu studieren. Darum hatte er mich auch nach zwei Jahren zur Hauptschule geschickt. Vielleicht war es auch kein Zufall, dass die Schlägertypen, die mir dort das Leben zur Hölle gemacht hatten, die jüngeren Brüder seiner Saufbrüder gewesen waren und mir wie er ständig vorgeworfen hatten, ich hielte mich für „was Besseres“ und sie müssten mich deshalb zur Räson bringen.
„Was studierst du?“, fragte ich.
Sie sah mich an. Sie hatte wirklich die Augen eines Engels, aber ansonsten eigentlich mehr das Gesicht einer Madonna. Ich meine, Engel sind doch meistens etwas pummelig und pausbäckig. Und Madonnen haben ihren Blick meistens gesenkt. Während ich versuchte, damit klarzukommen, schossen unzählige Gemälde italienischer Meister an meinem Inneren Auge vorbei.
„Kunstgeschichte?“, fragte ich weiter, ehe sie antworten konnte.
„Woher weißt du da?“
Sie staunte.
„Und warum guckst du so komisch? Ist dir schwindelig?“
„Nein“, log ich. „Ich bin nur geblendet.“
Sie sah sich um und blickte mir dann wieder in die Augen.
„Diese Strahler sind nicht ungefährlich. Du darfst nicht direkt hineinsehen. Augenärzte warnen davor.“
„Du bist so klug...“
... wie du schön bist.
„Du machst dich über mich lustig!“
Sie wurde rot.
Das war endgültig zuviel für mich.
Ich konnte nicht mehr denken.
Vielleicht konnte ich wenigstens noch so tun. Das war jedenfalls meine letzte, vage Hoffnung.
„Äh, spielst du immer noch die Züricher Variante des Capablanca-Systems in der Nimzo-Indischen Verteidigung?“, fragte ich.
Es gab Strip-Poker. Vielleicht ging das auch mit Schach.
Wo waren meine Hände? Vielleicht sollte ich sie jetzt sicherheitshalber in die Hosentaschen stecken, ehe ich mich ohne Sinn und Verstand an ihr vergriff.
Nein, nur nicht in die Hosentaschen.
Raus damit.
„Hallo!“, rief eine andere Frau.
Sie gab Lisa einen Drink.
Warum war ich darauf nicht gekommen?
„Lisa, wer ist das?“, fragte die andere Frau.
Wahrscheinlich gehörte zu dieser Stimme auch ein Körper.
„Ein alter Freund“, sagte sie.
Der Klang ihrer Stimme erinnerte mich daran, dass ich die Hände aus den Hosentaschen nehmen wollte. Aber das ging nur mit einer Hand. Die andere klemmte irgendwie.
„Ich bin... Koch“, sagte ich zu der Störerin.
„Lecker“, sagte sie.



Fortsetzung folgt
Antwort auf Beitrag Nr.: 22.174.620 von Wolfsbane am 19.06.06 19:04:2231.

Mit dem Erscheinen der Freundin war der Traum vorbei. Jetzt war es wieder die gewohnte, wirklich unzählige Male durchexerzierte Situation, dass ich mich mit einer wirklich attraktiven Frau unterhielt und die beste Freundin intervenierte und sich eben diese Situation komplett auflöste und nicht wiederkam. Das war der Grund, warum ich bei gewissen Begegnungen fast jedesmal ins Schwimmen kam. Ich fragte mich jedesmal, was ich sagen oder tun konnte, um das zu verhindern. Aber es gab keine Lösung. Eigentlich war es egal, was ich in einer solchen Situation sagte. Ob ich ganz normal redete, über gemeinsame Freunde oder gemeinsame Interessen sprach, Komplimente machte, nach zwei Minuten eine Heiratsantrag vorbrachte oder meine Hose aufmachte und meinen besten Freund auf den Tisch legte, egal. Letzteres war übrigens der Vorschlag, den mein Chef mir während meiner Ausbildungszeit immer wieder machte. Ich hoffe, es wirkt nicht respektlos, wenn ich zugebe, dass ich das nie ernsthaft in Betracht gezogen hatte, auch wenn dieser Mangel an Vertrauen in seine Ratschläge auf ihn möglicherweise beleidigend wirkte.
„Wo kochst du denn?“, fragte die Unbekannte.
„Nebenan“, sagte ich.
„Wie praktisch.“
„Ja.“
Ich nahm einen Schluck Bier.
„Wir kennen uns aus dem Schachverein“, sagte Lisa.
„Du siehst nicht wie ein Schachspieler aus“, sagte ihre Freundin.
„Danke“, sagte ich.
Sie sah mich prüfend an. Vielleicht war das doch kein Kompliment gewesen. Vielleicht meinte sie nur, dass man mir mein früheres, unfreiwilliges Doppelleben ansah. Wenn man zur Hauptschule gehen musste und aus irgendwelchen Gründen eine Art Geheimtipp für Doppel-Sitzenbleiber war, die einen wirklich körperlich unterlegenen und absolut chancenlosen Sparringspartner suchten, entdeckte man irgendwann ein gewisses Interesse für Muskeltraining. Darum ähnelte ich eher einem Football-Spieler als einem Denksportler, auch wenn ich die Schultern hängen ließ und meine Arme möglichst nah am Körper baumeln ließ.
„Das ist Robert und das ist Nadine“, sagte Lisa.
Sie war nicht nur die Frau mit dem von Natur aus bestmöglichen Aussehen, sondern auch mit der besten Erziehung.
Fast niemand wusste, dass ich sie kannte, da ich nie von ihr sprach. Alles was ich über sie sagen konnte, klang wie naive, weltfremde und vorpubertäre Schwärmerei. Wenn ich jemandem von ihr erzählte und auf Unglauben traf, wusste ich allerdings, dass ich sie genau richtig beschrieb.
„Ich war nie gut in Schach“, sagte Nadine. „Mein Vater hat es mir beigebracht, aber..“
„Frauen sind meistens keine guten Schachspieler“, unterbrach ich sie, ehe sie sich in Rage redete.
„Oh, ein Macho“, sagte Nadine.
„Schach ist nur ein Spiel“, erklärte ich.
„Aber ein sehr komplexes Spiel“, sagte Lisa.
„Genau“, sagte ich. „Und nur Männer können so in einem Spiel aufgehen, dass sie darüber alles andere vergessen. Das gibt einem die Fähigkeit, dafür einen Aufwand zu betreiben, der in keinem Verhältnis steht. Weil Männer im Gegensatz zu Frauen nie richtig erwachsen werden.“
„So habe ich das noch nie gesehen“, sagte Nadine.
Sie wirkte überrascht.
„Interessante Theorie“, sagte Lisa.
„Das muss ich meinem Vater erzählen“, sagte Nadine lächelnd.
„Okay, darauf gebe ich einen aus“, sagte ich.
„Danke, aber wir haben morgen früh Vorlesungen“, wehrte Lisa ab. „Und du?“
„Ich nicht“, antwortete ich.
„Bist du jetzt öfter hier?“, fragte Lisa.
Sie konnte es nicht lassen.
Mein Text.
„Diese Frage hast du gerade selber beantwortet“, sagte ich.
Ich redete schon wie Ozzy. Er war übler als ich dachte. Er färbte ab.
„Hoppla“, sagte Nadine.
Lisa sah mich an, ohne etwas zu sagen.
Hoppla, dachte ich.


Fortsetzung folgt
32.

Nadine zeigte Lisa ihre Armbanduhr.
„Ich weiß“, sagte Lisa.
Irgendwie schien sie mich für psychologisch interessant zu halten. Sie sah mich genauso an, wie sie früher auf das Schachbrett gesehen hatte. Jetzt erinnerte ich mich wieder, dass wir sogar einmal offiziell gegeneinander gespielt hatte, kurz nachdem ich alle Hoffnungen aufgegeben und frustriert in meinen alten Klub zurückgekehrt war.
Ich dachte, dass ich ohne die Anwesenheit von Nadine vielleicht eine Chance gehabt hätte, aber eine perfekte Frau wie Lisa hatte natürlich auch die für sie perfekten Frende, auf die sie sich in so einer Grenzsituation perfekt verlassen konnte.
„Ich bin jeden Abend hier“, sagte ich.
Ein Versprechen, das ich anschließend fast drei Monate lang hielt.
„Wenn du sowieso jeden Abend hier bist, kann man dich ja leicht finden“, sagte Nadine.
Ich nahm einen Schluck Bier.
„Bis demnächst“, sagte Lisa und gab mir die Hand.
„Mach’s gut“, sagte ich. „Es war schön, dich wiederzusehen. Eine unglaubliche Überraschung.“
„Überraschungen gibt es immer wieder“, sagte Nadine.
Ich verabschiedete mich auch von Nadine.
„Hast du eigentlich eine Telefonnummer, Lisa?“, fragte ich.
„Hat sie“, sagte Nadine und zog sie am Arm. „Die gibt sie dir nächstesmal.“
Ich sah den beiden nach.
Als ich wieder nach vor sah, stand plötzlich ein großer bärtiger Mann vor mir, der anscheinend gerade die Tanzfläche überquert hatte. Er besaß einen Blick, vor dem ich zurückging. Das war mir schon lange nicht mehr passiert. Sehr lange. Genau seit den Tagen, als ich Lisa zum ersten Mal gesehen hatte. Er war der Mann, mit dem sie immer zusammen gesessen hatte und mit dem sie immer fortgegangen war. Es schmerzte mich, dass es jemand war, der mir so überhaupt nicht ähnelte.
„Wir sind nur gute Freunde“, sagte ich.
„Wir sind Freunde?“, fragte er.
„Wir nicht“, stellte ich klar. „Ich rede von Lisa.“
Plötzlich wirkte er etwas verwirrt.
„Wer... Lisa ist hier?“
„Nicht mehr“, sagte ich. „Ich habe sie gerade gehen lassen. Sie hat morgen eine Vorlesung. Wie schon gesagt...“
Jetzt guckte er mich wieder so an, wie ich es kannte.
So, dass man annehmen konnte, er hätte mich mit ihr reden sehen und würde sich gerade für mich eine angemessene Todesart überlegen.
Dann zwängte er sich ohne weitere Worte durch die Leute neben mir und ging zum Ausgang.
Ich begegnete ihm nie wieder.
Lisa auch nicht.
Ich ging drei Monate lang jeden Abend um diese Zeit in diese Disco, wenn ich pünktlich genug Feierabend oder einen freien Tag hatte, aber ich sah sie nie wieder.
Jedenfalls nicht in der Realität.
Umso häufiger ich darüber nachdachte, desto mehr schmerzte es mich. Ich versuchte mein altbewährtes Heilmittel gegen Herzschmerz und ging wieder in den Puff, was ich sowieso immer tat, wenn ich keine Freundin hatte, aber das machte es diesmal nur schlimmer. Noch eine überraschende Wendung.
Nach drei oder vier Monaten entdeckte ich dann eines Nachmittags, dass Perfektion ganz unterschiedlich aussehen konnte.
Ich fuhr mit dem Rad durch die Stadt und als ich anhalten musste, weil ich nicht mehr geradeaus oder auch nur ungefähr in Fahrtrichtung gucken konnte, stellte ich fest, dass es auch an mir etwas gab, was perfekt war.
Nämlich meine Reflexe.
In ungefähr zehn Metern Entfernung ging eine Frau in ein Büro. Sie war unauffällig gekleidet ließ in keiner Weise erkennen, ob sie sich der Menschen um sie herum bewusst war. Vielleicht wäre sie mir nicht aufgefallen, wenn es nicht so windig gewesen wäre und ihre langen blonden Haare im Wind geflattert hätten.
Das hatte mich unwiderstehlich auf sie aufmerksam gemacht.
Ich liebte dieses Wetter. Auch wegen der heute anscheinend wieder durchlässigen Wolken.
Ich sah ihr hinterher.
Ich guckte, wie sie reinging und die Tür hinter sich schloß und dan guckte ich noch eine ganze Weile, ob sie wieder herauskam.
Und als ich mir sicher war, dass sie in nächster Zeit nicht wieder heraus kommen würde, guckte ich trotzdem noch weiter auf die Tür.
Mein Kopf war total leer.
Schließlich fuhr ich zurück zur Arbeit, assistierte Ulf beim Abendgeschäft, war extrem vorsichtig mit dem Salz, hielt nach Feierabend zum letzten Mal nach Lisa Ausschau, verbrachte eine schlaflose Nacht und war am folgenden Tag zur gleichen Zeit an der gleichen Stelle.
Diesmal brauchte es keinen Wind oder Wink von höherer Stelle, damit ich sie sah. Ihre Bewegungen enthielten irgendeinen versteckten Zauber.
Ich ließ mein Rad stehen und ging ihr nach.
Sie saß hinter einem Schreibtisch und sah mich mit großen Augen aufmerksam an. Ich fühlte mich, als sei ich ein Rockstar auf einer Bühne vor einem Publikum von hunderttausend Leuten, mitten in einem Solo, beleuchtet von einem riesigen Lichtkegel.
Ein Erlebnis, das alle anderen Erstbegegnungen verblassen ließ.
Hatte ich die Tür hinter mir geschlossen?
Ja.
„Was kann ich für dich tun?“, fragte sie schließlich.
„Ich will mitmachen“, sagte ich.
„Hast du dich vorher informiert?“
„Ich habe beim Reinkommen Plakate und Fotos gesehen“, sagte ich.
Ich konnte nicht einmal sagen, wie groß die Plakate gewesen waren.
Oder die Fotos.
Fotos?
„Ja, und jetzt?“, fragte sie.
„Ich will mitmachen“, sagte ich tapfer.
Nur nichts Falsches sagen.
Sie nickte.
„Ich will dabei sein“, sagte ich, nur um etwas Neues zu sagen.
„Hast du vielleicht noch Fragen?“, erkundigte sie sich mit einem halb belustigten, halb besorgten Lächeln.
„Oh ja.“
„Du hast also eine Frage.“
„Du hast ja keine Ahnung!“
„Dann frag doch ruhig.“
„Diese Frage bedeutet sehr viel für mich. Darum bin ich... am Zögern“
„Okay.“
„Also wirklich, ich weiß nicht, ob du das verstehst, warum das...öh...“
„Dann frage doch einfach...“
Sie lächelte wieder. Diesmal lächelte sie wie später die beste Chefin von allen.
„Gut“, stieß ich hervor.
Sie nickte.
Ich atmete tief ein und versuchte mich ganz auf diesen einen Moment zu konzentrieren.
Sie sah mich gespannt an.
„Darf ich näher kommen?“, fragte ich schließlich.
„Bevor du mir diese bange Frage stellen kannst, willst du erst näher kommen?“
„Das war schon die Frage.“

Fortsetzung folgt
Anmerkung:

Ich versuche jetzt wieder kontinuierlich jeden Tag etwas zu posten!
:cool:
33.

Als ich mich am frühen Abend wieder in der Küche einfand, sah ich Ulf in einem riesigen Topf rühren.
„Bonsoir“, sagte er.
„Salut“, antwortete ich.
„Was machst du da?“, fragte ich.
„Quoi?“
„Qu’est-ce tu fait là?“
„Ach, du kannst doch gar kein Französisch!“, rief Ulf.
Ich versuchte über den Rand zu gucken.
Es roch nach Kalbsnierenbraten.
Er schubste mich fort.
„Ich koche.“
„Und was?“, fragte ich.
„Persönliches Geheimnis.“
„Wieso?“
„Prüfungsvorbereitung.“
Wieder schubste er mich weg und hielt mich mit dem Kochlöffel auf Distanz.
„Schlag mich nicht, ich kann Kung Fu“, warnte ich.
Er lachte.
Darauf hatte ich spekuliert.
Ich nutzte diesen Augenblick seiner Schwäche und sprang an den Herd.
„Du... Topfgucker!“, schimpfte er.
„Das sind ja deine Unterplinten!“, rief ich.
„Die konnte ich meiner Mutter so nicht bringen!“
„Du ist ja...“
Ich suchte nach Worten.
„Kochwäsche!“, rief Ulf. „Das ist Kochwäsche! Noch nie von Kochwäsche gehört?“
„Klar kenne ich Kochwäsche. Das ist doch meine Berufskleidung.“
„Pas vraiment amusant. Trop ridicule“, sagte Ulf.
„Ich...“
„... passe jetzt auf, dass die Chefin nicht plötzlich reinkommt“, sagte Ulf.
„Ist recht. Mehr muss ich nicht sehen.“
„Hast du eigentlich beim Reinkommen auch schon so komisch gegrinst?“, fragte er.
„Wieso?“
„Antworte! Hattest du dieses Grinsen schon, bevor du in den Topf geguckt hast?“
„Ich glaube schon...“
„Ich muss das wissen! Oder bist du Fetischist?“
„Fetischist?“, fragte ich. „Wie kommst du jetzt darauf?“
„Bist du schwul?“
„Was?“
Er räusperte sich.
„Also, wenn du erst so grinst, seitdem du meine Unterwäsche gesehen hast...“, begann er.
„Nein, ich denke die ganze Zeit an eine Frau...“
„Du denkst an Frauen, wenn du meine...“
„Nein, ich habe gerade wieder eine Traumfrau kennengelernt.“
„Eine, die Schach spielt?“
„Danach habe ich noch nicht gefragt“, gestand ich.
„Du hast noch gar nicht mit ihr geredet?“, fragte Ulf.
In diesem Moment kam die Chefin reingestürmt. Sie barst förmlich vor Lachen.
Ulf guckte sie erschrocken an.
Ich guckte wahrscheinlich genauso blöd.
Sie versuchte zu reden, aber ihr gelangen nur ein paar unverständliche Gesten. Als Ulf versuchte, den großen Topf unauffällig vom Herd zu nehmen, verstanden wir schließlich „Reitlehrer“ und „extra nochmal gekommen“.
„Der Schwule?“, fragte Ulf.
Das Thema begann mich zu langweilen.
Die Chefin nickte.
Ulf sah mich an.
„Der Reitlehrer, der immer mittags zum Essen kommt, ist andersrum.“
„Woher weißt du das?“, fragte ich. „Vielleicht ist er nur intellektuell.“
„Das ist dasselbe“, sagte Ulf. „Außerdem hat er es mir selbst gesagt.“
„Vielleicht hast du ihn missverstanden“, sagte ich.
„Ich habe ihn missverstanden, so lange es ging“, erklärte Ulf, „aber als er mir die Sache am praktischen Beispiel erklären wollte...“
„Und heute mittag hat er mir erzählt, dass er sich für seinen nächsten Urlaub auf Ibiza eine Badehose mit Hosenträgern gekauft hat!“, rief die Chefin dazwischen.
„Was ist daran so witzig?“, fragte ich.
„Das musst du dir mal vorstellen!“, rief die Chefin.
Ich betrachtete ihren Lachkrampf mit zunehmender Sorge.
„Kannst du dir das nicht in Gedanken vorstellen?“, fragte sie stockend.
„Nein“, sagte ich.
„Das brauchst du auch nicht“, sagte eine warme Stimme aus dem Eingang.
Reflexartig guckte ich, woher diese Geräusche kamen und dann bereute ich es schon.
Ulf sah aus, als wäre soeben direkt vor seiner Nase ein Ufo gelandet.
„Ich lüge doch nicht“, sagte der sehr schlanke Mann, der mit nichts anderem als einer sehr knappen Plinte mit Krokodilmuster und Hosenträgern in der Schwingtür stand. Er drehte sich hin und her, damit man ihn von allen Seiten sehen konnte.
Die Chefin stützte sich auf einen Schrank und lachte Tränen. Ulf nutzte die Gelegenheit, den Topf in den Nebenraum zu bringen und abzugießen, bevor die Chefin wieder etwas anderes als den Reitlehrer sah, der sich offensichtlich von ihrer Begeisterung sehr geschmeichelt fühlte.
Dann wollte Ozzy reinkommen.
Der sehr modebewusste Gast stand ihm im Weg.
„Darf ich mal?“, fragte Ozzy.
„Aber alles“, lautete die Antwort.
„Hast du getrunken?“, fragte Ozzy streng.
„Kein Grund mich zu duzen“, sagte der Gast und ging in Richtung Toiletten.
Die Chefin ging ins Kühlhaus.
„Zwei Schnitzel“, sagte Ozzy.
„Mit den üblichen Beilagen?“, fragte ich.
„Nee, alles umbestellt. Steht auf dem Bon.“
„Also doch wie üblich“, sagte Ulf.
„Habe ich es heute eigentlich nur mit Bekloppten zu tun?“, fragte Ozzy gereizt.
Er sah Ulf an.
Mich aber auch.
Egal.
Niemand konnte mir diesen Tag mehr verderben.



Fortsetzung folgt
:rolleyes:

Diese Geschichte ist natürlich frei erfunden und spielt auch in einem anderen Land und einer anderen Welt (genauer gesagt: einem Prallel-Universum) und selbst dort sind alle diese Charaktere Einzelschicksale und, wie schon gesagt, frei erfunden.
:cool:
34.

Der nächste Tag begann eigentlich ganz normal, außer dass ich die ganze Zeit über meine Begegnung mit Anna nachdachte. Die Karate-Schule musste sehr gut laufen, wenn der Inhaber sich eine eigene Sekretärin leisten konnte. Aber vielleicht machte sie das auch ehrenamtlich, weil sie sowieso immer dort war, um einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester abzuholen. Vielleicht war sie auch dort gelandet, weil sie früher mit einem Trainer befreundet gewesen war.
Meine Fantasie überschlug sich, wenn ich an sie dachte.
Also die ganze Zeit.
Zum Glück war an diesem Mittag nicht viel los. Die Chefin ließ sich nicht blicken. Ulf nutzte das, um sich in Szene zu setzen und vor meinen Augen ein Soufflé zuzubereiten.
„Jetzt siehst du einmal ein richtiges Dessert.“
„Ich habe schon eher Dessert gesehen“, sagte ich.
„Blödsinn, du kennst die Eistruhe und das war es.“
„Meinetwegen.“
Wenn er so drauf war, konnte ihn nichts aufhalten. Worte schon gar nicht.
Ich guckte mir das Ganze an.
Anna aß bestimmt nie Dessert. So schlank wie sie war.
Das Soufflé ging gut auf. Es kam richtig hoch. Ulf wurde irgendwie auch immer größer, während er mich immer wieder darauf hinwies, wie gut das Soufflé aufging.
Zwischendurch brachte er ein paar leere Töpfe zur Spüle.
Als er hinter der Trennwand verschwand, kam die Juniorchefin durch den Hintereingang in die Küche geschlichen.
„Miami Vice!“, rief sie.
Das war ihre Lieblingsserie. Vielleicht trug das dazu bei, dass Ulf sich immer wie der Held dieser TV-Show kleidete und alles andere verachtete.
Ich guckte sie an.
Sie tat so, als hielt sie eine Handfeuerwaffe in der Hand und posierte tatsächlich wie Don Johnson vor ungefähr jeder zweiten Werbepause.
Wie kindlich. Mir war es im Nachhinein peinlich, dass ich ihr Alter so völlig falsch eingeschätzt hatte, als wir uns zum ersten Mal gesehen hatten.
„Schon schulfrei? Was soll das überhaupt darstellen?“, fragte ich genervt. „Charlies Engel?“
Meine Frage wurde von einem atemberaubenden Geschepper übertönt. Ulf hatte vor Schreck seine Töpfe fallen lassen und war gestolpert. Oder umgekehrt. Wie auch immer, das Ergebnis war ein bestialischer Lärm, in den sich Unmutsäußerungen mischten, die sich selbst bei wohlwollendster Rezeption lediglich als vage menschenähnlich einordnen ließen.
„Mama?“, fragte sie.
„Das ist bloß Ulf, der sich heute etwas verausgabt hat“, sagte ich.
„Du bist witzig“, sagte sie.
„Ich kann mich nicht erinnern, dass ich einen Witz gemacht hätte.“
„Ich habe nicht gesagt, dass du etwas dafür kannst.“
„Hörmal, ich will dich nicht anmachen“, stellte ich klar. „Dafür bist du noch zu jung.“
„Du und mich anmachen? Ich bin zwar jung, aber nicht blöd.“
„Was?“
„Oder blind.“
„Wie bitte?“
„Rasier dich mal“, sagte sie.
„Also...“
Ulf kam wieder hinter der Trennwand hervor. Er grinste wieder. Dafür hatte er also so lange gebraucht
„Soll ich dir mal was zeigen?“, fragte er sie.
„Bist du betrunken?“, fragte sie.
„Warum?“
„Weil es noch nicht dunkel oder Abend ist.“
„Darum darf ich dir doch trotzdem mal was Schönes zeigen?“
„Warum sollte ich es sehen wollen?“, fragte sie.
„Um mal zu gucken, wie groß so ein Teil werden kann? Bei jemandem wie mir?“
Sie drohte ihm mit dem Zeigefinger.
„Ich habe dich gewarnt. Diesmal sage ich es meiner Mutter!“
„Ich rede doch nur vom Soufflé.“
„Soufflé?“
Ich schaute auf die Uhr, beschloß die beiden sich selbst zu überlassen und ging in die Mittagspause. Nachdem ich mich umgezogen hatte und mit Meggie eine kleine Runde gelaufen war, setzte ich mich auf mein Rad und fuhr zum nächsten Geldautomaten. Dort hob ich ab, was ich brachte, um die Aufnahmegebühr, den ersten Monatsbeitrag und einen neuen Karate-Anzug zu kaufen. Anschließend radelte ich zur Karate-Schule und wartete am Eingang auf Anna. Ihr Haar flatterte wieder im Wind, als sie auf mich zukam.
Es gab Dinge zwischen Himmel und Erde, da halfen kein Karate und kein Kung Fu und auch keine Abseitsfalle.
Da war man ohne Abwehr ausgeliefert.


Fortsetzung folgt
35.

Als ich im Vertrag der Schule eine Klausel fand, wonach man im Falle unanständigen Verhaltens vom Besuch der Schule ausgeschlossen werden konnte, zögerte ich mit dem Unterschreiben.
„Kriegt jeder diesen Vertrag?“, fragte ich.
„Das ist immer derselbe Vertrag“, versicherte sie mir.
Ich sah ihr in die Augen.
„Aber die Gedanken sind frei, oder?“
„Wie bitte?“, fragte sie.
„Das war nur ein Scherz.“
„Vielleicht solltest du dir das noch einmal in Ruhe zu Hause durchlesen, ehe du unterschreibst“, sagte sie.
„Das war nur ein Scherz“, wiederholte ich.
„Steh auf.“
Ich hatte es vergeigt. Es wurde ihr zu dumm. Sie warf mich raus. Kein Zweifel.
Ich erhob mich seufzend.
„Jetzt gucke ich mal, wie groß der Anzug für dich sein muss.“
Was?
„Muss ich den auch anprobieren?“
„Nein, die Anzüge sind alle weit geschnitten. Aber die Länge der Hosen sollte schon ungefähr stimmen.“
„Okay.“
„Und einen Gürtel brauchst du auch.“
Sie holte aus einer Schublade einen weißen Gürtel.
„Sind keine grünen Gürtel da?“, fragte ich.
„Dafür musst du erst die Prüfungen bestehen.“
„Habe ich doch.“
„Ich dachte, du bist Karate-Anfänger?“
„Ich habe vorher schon Kung Fu gemacht. Shaolin-Kempo. Wird das nicht anerkannt?“
Sie räusperte sich.
„Dann wird dir das Lernen leichter fallen und du wirst bestimmt schnell Fortschritte machen. Aber zuerst musst du mit den Anfängern trainieren.“
„Und du? Trainierst du auch?“, fragte ich.
„Ja.“
„Bei den Anfängern oder schon mit den Fortgeschrittenen?“
„Anfänger.“
„Dann werden wir uns da wohl treffen!“, rief ich begeistert.
Und wenn ich erst meinen grünen Gürtel tragen durfte, war ich wahrscheinlich ihr Held.
„Möglich.“
Mir fiel wieder auf, dass sie auf meine Ausbrüche von Begeisterung jedesmal mit leichtem Befremden reagierte. Ihre Reaktionen waren immer erkennbar, aber dezent. Umso begeisterter ich war, desto mehr dieser feinen Reaktionen zeigte sie und desto schneller vervielfachte sich meine Begeisterung, bis ich irgendwann total euphorisch war und in ihrem Blick eine gewisse Sorge auftauchte, die möglicherweise auf Zweifel an meiner geistigen Gesundheit schließen ließ.
„Kann ich schon morgen zum Training kommen?“
„Sicher.“
„Bist du dann auch da?“
„Wahrscheinlich. Und sonst ist jemand anderes da.“
„Wer weiß, vielleicht kannst du mir ein paar neue Tricks beibringen!“
„Das kann man probieren.“
Ich sah auf meine Armbanduhr. Ich musste wieder zur Arbeit. Das rettete mich davor, sie noch ewig zu belagern und vor Begeisterung zu platzen.
Zunächst kehrte ich ins Restaurant zurück, wo meine Chefin aus irgendeinem Grund in einem Kleid herum spazierte. Sie trug die dicksten Schulterpolster, die ich jemals bei irgendwem gesehen hatte.
Als Ozzy mich starren sah, erklärte er: „Breitere Schultern lassen angeblich die Taille schlanker wirken.“
„Welche Taille?“, fragte ich.
„Das ist nur eine Theorie und in der Theorie könnte jeder sowas einmal gehabt haben.“
Ich fand, dass die Chefin mit diesen extrem breiten Schultern nur noch bulliger aussah. Von hinten betrachtet hatte sie jetzt ein Kreuz wie ein Catcher. Eigentlich passte das zu der Art, wie sie sich durchsetzte und über ihre Stimme Authorität vermittelte. Sicherlich gab es in diesem Zusammenhang auch einen Sinn, dass sie von anderen rabiaten Weibern und von tuntigen Männern vergöttert wurde.
Am nächsten Tag hatte ich frei. Ruhetag. Keine Schule. Ich schlief aus, versuchte durch stundenlanges Einweichen in der Badewanne vollends den Geruch von altem Fett loszuwerden, der mir manchmal vorauseilte, seit ich fast jeden Tag an einer Friteuse arbeiten musste und radelte dann zum Training.
Mein erstes Training.
Ich kam pünktlich in der Schule an.
Sie saß hinter dem Schreibtisch.
Ich zog mich um, ging zu ihr und zeigte auf die Uhr.
„Das Training fängt gleich an“, sagte ich.
„Du kannst schon reingehen und dich aufwärmen“, sagte sie.
„Willst du dich nicht umziehen?“, fragte ich.
Jetzt, da wir uns schon besser kannten, konnte ich eigentlich schon etwas forscher werden, oder?
„Das tue ich gleich.“
„Ich dachte nur, es wäre doch schade, wenn das Training ohne dich anfängt.“
Die fortgeschrittenen Schüler sahen mich auf eine rätselhafte Weise an.
„Das glaube ich nicht“, sagte sie.
Jetzt guckte sie genauso seltsam.
„Aber es ist schon drei Minuten über die Zeit.“
„Das macht nichts“, sagte sie.
„Also, ich gehe jetzt rein“, erklärte ich.
„Nur zu“, sagte sie.
Ich betrat die Trainingshalle und stellte mich zu den anderen fünf Weißgurten.
„Die Blonde kommt gleich auch“, sagte ich. „Übrigens, ich glaube, dass sie sehr beeindruckt davon ist, dass ich in Shaolin-Kempo schon bis zum grünen Gürtel gekommen bin.“
Niemand antwortete.
Es ist schön, wenn die Leute Respekt vor dir haben, aber es kann auch ganz schön einsam machen.
Endlich kam sie im Trainingsanzug durch die Tür.
Meine Mitschüler stellten sich in einer Reihe auf und nahmen Haltung an.
Sie zupfte ihren schwarzen Gürtel zurecht.

Fortsetzung folgt
36.

Bei Bettina lernte ich schnell. Wenn sie uns neue Bewegungen vorführte, sah ich konzentrierter als bei jedem anderen Sensei zu. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht mehr gut sein, seit ich wusste, dass sie meine Trainerin war. Ganz im Gegenteil, ich wollte gern der schlechteste ihrer Schüler sein, um so maximale Aufmerksamkeit zu erhalten und möglichst lange in ihrer Gruppe bleiben zu können, aber genau wie viele Jahre später die beste Chefin von allen war sie eine so gute Lehrerin, dass ich mich überhaupt nicht dagegen wehren konnte, zum Musterschüler zu mutieren.
Bettina war sehr nett. Man merkte auch gleich, dass das ihre wirkliche Natur war. Zum Karate war sie gekommen, weil ihre Freunde damit angefangen und sie einfach mitgenommen hatten. Dann war sie dabei geblieben, weil sie dort neue Freunde gefunden und sich außerdem als Bewegungstalent entpuppt hatte.
Ursprünglich war ich zur Karate-Schule gekommen, weil ich Bettina nachgelaufen war, aber schließlich blieb ich nicht nur ihretwegen dort. Es klingt vielleicht paradox, aber die Kampfsport-Schule war für mich eine Oase des Friedens. Es gab keine Aggressionen außerhalb des Trainings und das Training diente nur dazu, sie zu kanalisieren und zu beherrschen und die Furcht vor Aggressionen anderer abzubauen. Man lernte, dass es nur einen Feind gab, nämlich den inneren Schweinehund. Und den bekämpfte man, indem man lernte, seinen Körper und damit sich selbst zu kontrollieren. Diejenigen, die im Freikampf am gefährlichsten aussahen, waren in Wirklichkeit die harmlosesten Zeitgenossen, weil ihre Fähigkeiten darauf beruhten, dass sie ihre Aggressionen normalerweise gegen sich selbst richteten, indem sie sich zu hartem und konzentriertem Training zwangen. Bisweilen kamen auch Leute zur Schule, die nur lernen wollten, wie sie anderen möglichst effektiv wehtun konnten, aber meistens meldeten sich solche Leute nie an. Sie sahen uns nur durch die Glasscheibe beim Training zu und fanden, dass sich selbst zu quälen ein Schritt in die falsche Richtung war. Eine Ausnahme bildeten die wenigen Leute, die wie Blücher waren und ihre geringe Größe ausgleichen wollten, indem sie sich auf jede denkbare Art zusätzlichen Respekt verschafften. Manche von ihnen waren wirklich sehr ehrgeizig und im Extremfall hatten sie einen Charakter, den man bei Hunden als „Angstbeißer“ bezeichnet. Solche Typen waren manchmal beeindruckend kampf- und sprungstark, aber meistens nach ein paar Wochen oder spätestens wenigen Monaten so ausgebrannt, dass sie das Training wieder einstellten.
Nach etwa drei Monaten ging Bettina ins Ausland. Ich gab dem allgemeinen Druck nach und absolvierte eine Prüfung, die den Abschied von der Anfängergruppe bedeutete. Inzwischen war ich in der Lage, mich ohne Anlauf bei einem Sprung in der Luft um 360 Grad zu drehen und dabei ein Ziel oberhalb meines Kopfes zu treffen. Das war eigentlich ganz leicht. An einem Sonntagmittag fünf Minuten mit der Chefin zu arbeiten, war viel schwerer und tausendmal anstrengender.
Ungefähr zur gleichen Zeit gingen Blücher und Ulf fort. Beide vermisste ich im Gegensatz zu Bettina nur indirekt. Blüchers Freundin hing nun wieder regelmäßig bei uns ab und weckte damit schmerzhafte Erinnerungen. Ulf vererbte mir bei der Chefin und dem Chef seinen Status als Feind Nummer Eins und als Gegenstand ihrer Paranoia bezüglich ihrer kleinen Tochter. Dazu kam, dass Blücher seine Prüfung mit der Note eins machte, während Ulf trotz seines Soufflés nur darum nicht durchfiel, weil er auf Mitleid machte. Er ließ sich bei der Prüfung mit Glutamat erwischen und rettete sich, indem er die Chefin beschuldigte, ebenfalls stets mit Glutamat zu kochen und ihm nichts anderes beigebracht zu haben, was umso schwerer wog, als es völlig stimmte, wenngleich sie das Zeug „Maria hilf“ nannte. Nun waren in unserem Restaurant endgültig die Kellner die Klugen und Guten und die Köche, also ich, die Doofen und Unfähigen und die Nestbeschmutzer, denen man überhaupt nicht früh genug allen Wind aus den Segeln und überdies jede Glaubwürdigkeit nehmen konnte.
Als die neuen Lehrlinge kamen, wurde ihnen das sofort vom Start weg vermittelt und schließlich konnte ich mich nur noch durchsetzen, wenn ich den Burschen Gewalt androhte oder ihnen einen körperlichen Verweis erteilte, etwa in Form einer Beule oder einer schmerzhaften Rückenlandung auf dem Küchenboden.
Meine Chefin verkaufte das natürlich allen Leuten als angeblichen Beweis dafür, dass ich nur Sport trieb und ausgerechnet Karate trainierte, weil ich von Anfang an die Absicht gehabt hatte, von den anderen Lehrlingen ausgelacht zu werden und sie dann zu verprügeln. Tatsächlich war mir das äußerst peinlich und ich hörte endgültig damit auf, abends nach nebenan in die Disco zu gehen. Mittlerweile fürchtete ich mich davor, Lisa zu begegnen. In Anbetracht dessen, was für ein Neandertaler aus mir geworden war, hätte ich mich geschämt, ihr unter die Augen zu treten.
Zum Glück gab es noch andere Frauen, die solche Typen wie mich mochten und bei denen es mir egal war, dass sie sich aus lauter falschen und eigentlich sogar peinlichen Gründen mit mir einließen.
Was andere den "Heilige und Huren"-Komplex nannten, war für mich kein Komplex, sondern lediglich Anpassung.
Anders ging es nicht.
Wenn ich endlich hier fort war und mich als richtiger Küchenchef in einem guten Restaurant etablierte, würde sich alles ändern. Dann lernte ich garantiert früher oder später eine tolle Kellnerin kennen, mit der ich einen eigenen Laden eröffnen könnte.
Dann würde doch noch alles gut werden.


Fortsetzung folgt
Antwort auf Beitrag Nr.: 22.174.620 von Wolfsbane am 19.06.06 19:04:2237.

Am Abend vor seiner Abschlußprüfung hatte Ulf geprahlt: „Irgendwann komme ich hier mit einem Lamborghini vorbei!“
„Aber dann halte bitte nicht an“, hatte Pierre geantwortet.
Nach der Prüfung ließ er sich nicht mehr blicken. Eines Tages kam aber Ozzy mittags in die Küche und sagte der Chefin, Ulf sei am Telefon. Sie ließ ihm bestellen, dass sie jetzt nicht telefonieren könnte. Das stimmte auch, denn sie arbeitete gerade an einer Suppe und sie hatte beide Hände voller Glutamat. Zehn Minuten später rief er noch einmal an. Sie war immer noch dabei, die Suppe abzuschmecken, weil sie trotz Geschmacksverstärker immer noch etwas lasch schmeckte. Womöglich war das Huhn für fünfzig Liter Suppe zu klein gewesen.
„Tu da noch Salz dran“, sagte sie, „ich muss eben diesen Penner zur Schnecke machen.“
Ich probierte die Suppe, die bereits versalzen war und machte dann gar nichts, sondern wartete.
Wenige Minuten stürmte die Chefin zurück in die Küche und nahm einen Löffel Suppe.
„Versalzen!“, sagte sie.
Ich schwieg.
„Hast du da noch mehr Salz dran getan?“
„Nein.“
„Die ist aber versalzen.“
„Ich habe da nichts mehr reingetan.“
„Und warum ist die dann versalzen?“
„Weil zuviel Salz drin ist.“
„Jetzt werde mal nicht frech!“, schimpfte sie. „Sonst geht es dir wie Ulf. Der braucht sich auch nirgendwo mehr zu bewerben.“
„Warum, hat er schon einen Job?“
„Du warst allein mit der Suppe und jetzt ist sie versalzen! Klare Beweislage.“
Allmählich wurde ich entgegen aller Vernunft ärgerlich.
„Vielleicht waren sie die letzte Person, die Salz reingetan hat?“
„Blödsinn. Da ist zuviel Salz dran, also kann ich das nicht getan haben.“
„Sie meinen, sie haben das nicht getan, weil...“
„Das kann ich nicht getan haben!“, schrie sie. „Das war nämlich falsch! Also kann ich das nicht getan haben!“
Komisch, erst jetzt kapierte ich, dass sie für sich Unfehlbarkeit in Anspruch nahm, auch wenn sie nicht der Papst war. Sie hatte wohl Recht mit ihrer öffentlich bekannten Ansicht, dass ich dumm war. Bei manchen Frauen brauchte ich wirklich sehr lange, bis ich sie verstand!

Fortsetzung folgt
Antwort auf Beitrag Nr.: 22.174.620 von Wolfsbane am 19.06.06 19:04:2238.

„Du kannst deine Arbeitsjacke gleich wieder ausziehen“, sagte die Chefin.
Neben ihr stand Heinz, der neue Lehrling, von dem sie seit seinem Vorstellungsgespräch regelrecht schwärmte. Er hatte nach der Hauptschule eine Hauswirtschaftsschule besucht. Heinz war jünger als ich, einschlägig vorgebildet und besaß eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem sehr populären Tennisspieler, dem damaligen Nationalhelden Nummer eins.
Außer ihm gab es noch einen neuen Azubi namens Ludger, der jetzt Restaurantfachmann werden wollte und mir bei jeder Gelegenheit erneut genüßlich erzählte, dass er mir vor einem halben Jahr die Lehrstelle als Koch in einem kleinen Hotel weggeschnappt hatte. Die Tatsache, dass er sich dort bereits nach drei Wochen krankgemeldet und nach fünf Monaten, gerade wieder arbeitsfähig geworden, sofort gekündigt hatte, tat seinem Selbstbewusstsein mir gegenüber keinen Abbruch. An diesem Morgen hatte ich ihn noch nicht gesehen. Vielleicht stand er wieder in einer Ecke mit Ozzy oder Ute alias Dajana oder Justine oder sonstwem und brüstete sich mit seinem Sieg über mich.
„Fahr nach Hause“, sagte sie.
„Wie bitte?“, fragte ich.
Es war ein Sonntagmorgen.
Ich war pünktlich.
„Heute ist nicht viel zu tun“, sagte sie. „Das schaffe ich auch allein. Außerdem hilft mir schon Heinz!“
„Ich verstehe nicht.“
„Du hast Urlaub!“, sagte sie mit breitem Grinsen.
Anscheinend mochte sie solche Überraschungen. Sie hatte mir auch exakt am letzten Tag meiner dreimonatigen Probezeit plötzlich einen Urlaub verpasst, so dass viele Leute gedacht hatten, meine Lehre sei vorzeitig beendet.
„Wie lange?“, fragte ich.
„Eine Woche. Oder zwei. Das weiß ich natürlich noch nicht.“
„Aha.“
Wenn ich nicht wusste, was ich zu ihr sagen sollte, tat ich einfach so, als wenn ich alles ganz normal fand.
„Ich rufe dich an, wenn ich dich zurückkommen kannst.“
Heinz stand schweigend dabei und beobachtete mich mit fragendem Blick
„Alles klar. Frohes Schaffen“, sagte ich.
Wenige Minuten später war ich umgezogen und auf dem Heimweg.
Es wurde ein interessanter Urlaub.
Ich sah Melanie wieder.
Und Heike.
Melanie war meine erste Liebe gewesen.
Heike auch.

Fortsetzung folgt
39.

In den ersten Urlaubstagen las ich noch einmal „Es muss nicht immer Kaviar sein“ von Johannes Mario Simmel. Ich versuchte mich zu erinnern, wie dieser großartige Roman über einen begnadeten Hobby-Koch mich auf die Idee gebracht hatte, ausgerechnet das Gegenteil davon, nämlich professioneller Koch, zu werden. Mittlerweile gefiel mir das Buch sogar noch viel besser als früher, aber ich fragte mich, wo ich da gelesen haben konnte, das jemand wie ich sein Glück in der Küche eines Restaurants suchen sollte. Ich hatte doch auch Dutzende oder sogar Hunderte von Wildwest-Streifen gesehen, ohne jemals ein Pferd zu erklimmen.
Manchmal radelte ich in den Park oder in die nahe gelegene Heide und benutzte die alten „Trimm Dich“-Pfade. Das machte ich aber immer erst nachmittags, wenn ich davon ausging, dass die Chefin an diesem Tag nicht mehr anrufen würde.
Am liebsten wäre ich natürlich in Urlaub gefahren und hätte ein paar Tage irgendwo im Ausland verbracht, aber dafür hatte ich sowieso kein Geld. Von meinen Eltern bekam ich nichts mehr. Meine Mutter hatte gerade genug, um die Miete zu bezahlen und die anderen laufenden Kosten zu begleichen und mein Vater sparte alles, was er nicht in der Kneipe vertrinken konnte, für ein neues Motorrad. Wenn es einen charakterfesten Menschen gab, dann meinen Vater. Schon als ich noch zum Kindergarten gegangen war, hatte er beharrlich jede Diskussion abgelehnt, wenn es um die Tatsache ging, dass neue Reifen für sein Motorrad wichtiger als Schuhe für mich waren. Er liebte mich eben auf seine Weise. Er hatte einfach nur seine Prioritäten. Der Beweis, dass er mich mehr als seine Motorräder liebte, war offensichtlich. Seine Motorräder fuhr oder bastelte er meistens kaputt. Für mich gab er zwar weniger Geld aus, aber dafür tat er mir auch keine solchen Dinge an.
Am Donnerstag ging ich aus reiner Langeweile zum Schachklub. Die Psychoanalytiker unter meinen Lesern werden jetzt sofort „Aha!“ rufen und das als Eingeständnis und Beweis dafür sehen, dass angeblich alle Schachspieler von einem „Ödipus-Komplex“ angetrieben werden und mit der Schachspielerei ihrem Papa Böses wollen. Ich habe das nie verstanden, da Freud nie etwas Derartiges ausgesagt und selbst Schach gespielt hat, aber abgesehen davon ging ich einfach dorthin, weil es billig war. Als Schachspieler konnte man sich stundenlang in einer Kneipe aufhalten, ohne mehr als maximal ein Getränk zu sich nehmen zu müssen. Um zu trainieren, brauchte man nur ein Schachbrett und vielleicht noch ein oder mehrere Bücher zu Hause zu haben. Schachsets bekam man auf jedem Flohmarkt für ein paar Mark praktisch nachgeworfen und Bücher konnte man sich ganz umsonst in der Stadtbücherei ausleihen. Das war unvergleichlich billiger als ein Rennrad oder eine Ausrüstung für Fechten oder Eishockey und auch für alles andere, womit ich als Kind meinen Vater beim Basteln an seinen Motorrädern gestört hatte.
An diesem Donnerstag war der Gang zum Schachklub besonders billig, denn die Kneipe hatte Betriebsferien. Außer mir stand noch ein Student vor der Tür und ärgerte sich über das Schild. Ich kannte ihn schon lange. Inzwischen war er ungefähr Mitte dreißig und schob den Abschluss seines Mathematik-Studiums schon seit vielen, vielen Jahren vor sich her. Er war witzig, wenngleich man seine Witze nicht immer verstand, da er sie meistens sich selbst erzählte und ihm das auch zunehmend zur Hauptsache wurde. Man kann ihn am einfachsten beschreiben, indem man sagt, dass er so war, wie laut meinem Vater einfach alle Studenten waren.
Während ich mich mit dem Studenten und er sich überwiegend mit sich selbst unterhielt, kam ein hübsches Mädchen vorbei.
Melanie.
Ich hatte sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen.
Jetzt bedauerte ich das nachträglich.
Sie winkte.
Ich verschenkte keine Zeit mit Zurückwinken oder so.
Ein Sprung und ich war an ihrer Seite. Das, die Augenbrauen hochzuziehen und „Hi!“ zu schreien, war eine einzige Geste.
„Bonsoir“, sagte im Weitergehen.
Na also, sie liebte mich noch immer.
Jetzt muss ich erst einmal überlegen, ob ich im nächsten Kapitel zum ersten Mal die Wahrheit über diese Begegnung erzählen soll.

Fortsetzung folgt
Anmerkung für diejenigen, die einfach (wie in "Meine Frauen und meine Aktien") Geschichten über Mädchen bzw. Frauen lesen wollen das ganze "ödipale" Geschwätz nicht mögen:
Lest einfach über die langweiligen Stellen weg!;)
:look:
Wahrscheinlich mache ich irgendwann daraus zwei Manuskripte. Eines mit Mädchen- und eines mit Vatergeschichten...
:cool:
40.

In den vergangenen Jahren hatte ich sie nur noch sehr selten und dann auch nur völlig unerwartet und lediglich im Vorübergehen gesehen. Jedesmal war sie in Begleitung eines anderen Exemplars des immer gleichen Typs gewesen. Langhaarige , schlaksige, arrogante, affektierte Späthippies, die gern in bunten Hosen und Strickjacken unterwegs waren. Die Sorte Männer, die permanent von ihren eigenen Gefühlen redeten und ihre exhibitionistische Lust an öffentlichem Selbstmitleid für ein Geschenk an die Menschheit hielten. Männer, die jeder Konfrontation auswichen und andere Männer ausbooteten, indem sie hinter derem Rücken verleumderischen Tratsch auffuhren. Männer, die Frauen nicht versuchten, Frauen zu beeindrucken, weil es ohnehin einfacher war, ihnen Drogen zu geben und das als geistige Überlegenheit darzustellen.
Mit solchen Typen konnte und durfte man sich nicht anlegen. Das war wie mit bloßen Fäusten gegen Senfgas zu kämpfen. Man konnte nur darauf warten, dass die jeweilige Frau irgendwann zur Vernunft kam. Früher oder später entpuppten sich diese Typen selbst für die naivsten, emanziologisch vernageltesten Frauen als Belastung und dann konnte man zumindest mit ihnen reden.
Ich hoffte, dass es bei Melanie inzwischen so weit war. Das musste sich aber erst noch herausstellen. Noch sah es schlecht aus, wenn man einmal davon absah, dass sie allein unterwegs war und mich gegrüßt hatte.
„Wie geht es dir?“, fragte ich.
Sie schwieg und beschleunigte ihren Schritt.
Vielleicht erschreckte sie sich über meine Stimme. Wenn mir eine Frau sehr gut gefiel oder wenn ich sehr entspannt war, rutschte meine Stimme manchmal in den Keller. Ich räusperte mich und versuchte es noch einmal in ihrer bevorzugten Sprache. Vielleicht schmeichelte es ihr auch, wenn ich ihr bewusst machte, dass sie dauerhaft zu meiner Bildung beigetragen hatte.
„Comment ça va?“
„Très bien.“
„Das sieht man.“
„Jetzt auf Deutsch?“
„Notgedrungen. Ich brauche eine Auffrischung. Jemand muss wieder mit mir üben. Was sagst du?“
Sie sah mich prüfend an, ehe sie antwortete.
„Ich sage, das neue Programmheft der Volkshochschule ist schon draußen.“
„Danke für den Tipp.“
„De rien.“
Ich musste ehrlich zu mir selbst sein. Der bisherige Verlauf ließ sich allenfalls als „semi-gut“ einstufen.
Außerdem arbeitete die Zeit gegen mich.
Die Stadt war klein und Melanie war schnell.
Wohin sie auch wollte, würde gleich dort sein.

Fortsetzung folgt
Antwort auf Beitrag Nr.: 22.353.250 von Wolfsbane am 30.06.06 00:23:0342.
„Weißt du eigentlich, dass ich dich nie vergessen habe?“, fragte ich.
„Wie bitte?“
„Ich kann mich noch an alles erinnern, was dich betrifft“, sagte ich.
„Und was soll da gewesen sein?“
„Du warst meine erste Liebe.“
„Du hast mich heimlich beobachtet?“
Das war ein Tiefschlag.
„Und wie alt waren wir da?“, fragte sie, während mir die Luft wegblieb.
„Jung, sehr jung.“
„Kinderkram. Vergiss es.“
„Ja, aber weil wir so jung waren, hat mich das auch so geprägt.“
Sie räusperte sich.
„War deine erste Liebe nicht eine Blondine?“, fragte sie.
„Wieso das denn!“, rief ich empört aus. Ich log doch nicht.
„So eine Hübsche namens Heike, hinter der alle Jungs her waren?“
„Ach, die!“, sagte ich. „das war nur der Wettkampfgedanke, weil die anderen die ja auch alle haben wollten.“
„Und in Wirklichkeit war ich deine erste Liebe und nicht diese Heike?“
„Sicher doch. Keine Frage. Ich schreibe sogar gerade an einem autobiographischen Roman, so ganz im Stile von Werther damals über den jungen Goethe und das handelt nur davon, wie ich in dich verliebt war und alles nur für dich getan habe und in jeder anderen Frau immer nur dich gesehen oder vergeblich nach dir gesucht habe...“
„Das wird bestimmt sehr literarisch“, sagte sie.
„Was?“
„Immerhin kannst du sehr lange Sätze machen. Sehr literarisch. Dann ist wenigstens die Form besser als der Inhalt.“
Genau wie bei ihr. Jedenfalls wenn sowas aus ihr rauskam.
Ich schrieb übrigens tatsächlich gerade an einem Roman, in dem Heike überhaupt nicht vorkam und der von nichts anderem handelte, als davon, dass sie für mein Leben überhaupt keine Rolle gespielt hatte. Die Story begann damit, wie ich als kleiner Junge Melanie begegnete und wenig später gab es gleich einen Zeitsprung und ich begegnete ihr erneut, ungefähr wie jetzt, nur besser, also mit einem besseren Dialog, genauer gesagt mit mehr Feingefühl von ihr, Melanie. Der Arbeitstitel dieses Opus‘ laute „Meine Frauen und meine Briefmarken.“ Schon im Titel kam Heike nicht vor, konsequenterweise. Sie war mir so egal, dass ich sie nicht einmal mehr hasste, sondern einfach vergessen hatte, weil sie so dermaßen unwichtig war, was ich sogar auf schätzungsweise ungefähr 200 Seiten beweisen würde. Ich hoffte, es würde erscheinen und sie würde es lesen und darin nach sich suchen. Vergeblich natürlich, denn das war schließlich der Sinn der Sache.
„Und ich habe dich geprägt, obwohl wir da noch so klein waren?“, fragte sie.
„Und ob. Gerade, weil wir so klein waren. In dem Alter...“
„Und wie habe ich dich geprägt?“
„Zum Beispiel indem ich auch anfing, Französisch oder zumindest mit französischem Akzent zu sprechen.“
„Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals mit dir Französisch gesprochen hätte.“
„Nein, aber du hast mir Comics geliehen und Lucky Luke hieß bei dir immer Lücky Lüück!“
Plötzlich blieb hielt sie an und schloß ein Fahrrad auf.
„Und jetzt liebst du Frankreich?“, fragte sie.
„Mais oui!“
„Warst du schon einmal da?“
„Non.“
„Dann weißt du ja schon, dass sich nicht jede Liebe erfüllt.“
Sie stieg auf ihr Rad und fuhr davon.

Fortsetzung folgt
43.

Es hatte ihr die Wahrheit gesagt. Melanie war meine erste Liebe gewesen. Und sie hatte mich geprägt. Durch sie war mir zum ersten Mal klar geworden, was mir an Mädchen und Frauen gefiel. Mehr noch, in dem Alter war es für mich schon eine bedeutsame und eigentlich beunruhigende Erkenntnis gewesen, festzustellen, dass ich Mädchen mochte. Die anderen Jungs hatten mich dafür der Anomalität verdächtigt.
Es gab aber noch etwas. Wenn ein schönes Mädchen mir auf den ersten Blick perfekt erschien, rechnete ich gleich mit dem Schlimmsten. Ich ging davon aus, dass es dann anschließend nur noch abwärts gehen konnte.
Die einzige Ausnahme war Lisa.
Ich beschloss, nun auch Melanie aus meinen Erinnerungen zu streichen. Wenn ich jemals meine Memoiren schrieb, würden sie damit beginnen, wie ich ein schönes Mädchen Schach spielen sah und das in mir den Wunsch weckte, ein besserer Mensch und nicht nur ein besserer Schachspieler zu werden.
In der Nacht nach der Begegnung mit Melanie träumte ich, dass mich lauter schöne Frauen untereinander herum schubsten. Da wusste ich, es war wieder so weit. Ich musste Dampf ablassen, oder ich würde den Verstand verlieren. Am nächsten Morgen ging ich zur Bank.
Vor mir baute sich eine energisch dreinblickende blonde Frau auf, die mich irgendwie an meine Chefin erinnerte, was mich schon vorwarnte.
„Guten Morgen“, sagte sie.
„Moin“, entgegnete ich.
„Wie darf ich Ihnen helfen?“
„Mit Geld.“
„Sie wollen etwas abheben?“
„Ich will nicht, aber ich muss.“
Sie zückte ein Formular. Den Kugelschreiber hatte sie schon gleich mitgebracht.
„Sie haben hier ein Konto?“, fragte sie.
„Nicht hier, aber in ihrer anderen Filiale.“
Sie wandte sich vom Formular ab und sah mich strafend an.
„Wenn Sie hier kein Konto haben, wie können Sie dann hier Geld haben wollen?“
„Haben Sie keinen Computer?“, fragte ich.
„Doch.“ Nach einiger Überlegung fügte sie hinzu: „Natürlich.“
„Und Computer kann man doch miteinander vernetzen?“
„Wahrscheinlich schon. Na und?“
„Dann müssen Sie doch mit ihrem Computer auf die Daten in der anderen Filiale zugreifen können?“
Sie schnaubte.
„Theoretisch mag das alles möglich sein und in der Zukunft ist ohnehin viel möglich, aber das kann noch sehr lange dauern und im Moment sind das alles noch Hirngespinste.“
„Hirngespinste?“
„Sie haben also kein Konto hier bei uns in dieser nämliche Filiale, in der wir gerade dieses Gespräch führen?“
„Nein“, antwortete ich.
„Wollen Sie denn eines eröffnen, indem sie etwas einzahlen?“
„Ich will nicht einzahlen, sondern abheben“, erinnerte ich sie.
„Was sind Sie iegentlich von Beruf?“, fragte die Bankangestellte.
„Koch.“
„Und wo kochen Sie?“
„Bei meinem Arbeitgeber.“
„Gut. Arbeiten Sie noch anderswo?“
„Nein.“
Sie holte tief Luft, ehe sie fortsetzte.
„Und wenn Ihnen eines Morgens der Weg zur Arbeit zu lang ist, gehen Sie dann einfach in ein anderes Restaurant und kochen da?“
„Nein.“
„Und warum nicht?“
„Weil da nicht meine Arbeitsstelle ist.“
„Und hier ist nicht ihr Konto!“
„Aber mein Chef kennt die Inhaber der anderen Restaurants und ich wundere mich, dass Sie die anderen Filialen nicht kennen und nicht mit den reden können, sondern eine Insel sind.“
Jetzt guckte sie wirklich böse. Aber schließlich wurde sie milder. Ihr Mienenspiel ähnelte wirklich dem, was ich bei meiner Chefin seit dem Vorstellungsgespräch immer wieder gesehen hatte.
„Wir können natürlich ein Blitz-Giro machen, aber das kostet extra!“
„Blitz-Giro? Was soll das sein? Ich kann mir darunter nichts vorstellen. Blitz... Hat das was mit Elektrizität zu tun?“
„Nein, mit Telefon.“
Die damaligen Telefone funktionierten tatsächlich noch ohne Strom.
„Dann machen Sie das bitte.“
„Ich rufe dann bei der anderen Filiale an und frage nach und nenne ein Passwort und dann sagen die mir das und dann glaube ich denen natürlich und dann kriegen Sie ihr Geld.“
Ich nickte.
„Wieviel wollen Sie denn?“
Endlich.
Fünf oder zehn Minuten später hatte ich zwar weder Blitz noch Donner erlebt, aber mein Geld erhalten. Ich ging zum Bahnhof und kaufte mir eine Fahrkarte für die Großstadt.
Den Kerl hinter dem Schalter kannte ich.
„Was willst du denn da?“, fragte er.
Diese Frage hatte ich befürchtet.
„Schachturnier“, antwortete ich.
Er kaufte mir das sichtlich ab.
Als ich zum Bahnsteig ging, sah ich schon, zu welchem der beiden Gleise ich musste, denn der Zug traf bereits ein.
Im Abteil sah ich sie dann.
Heike.
Komisch, ich war immer noch in sie verliebt. Ich merkte das immer erst nach der betreffenden Frau. Wenn ich noch meinte, dass ich sie ganz normal anguckte, konnten sie sich plötzlich ein Lächeln nicht verkneifen.
Heike hatte dieses Lächeln.
Darum wusste ich, wie ich guckte.
Und was mit mir los war.
„Hallo“, sagte sie.
Ich lächelte zurück. Vielleicht hätte ich es bis zu einem gewissen Grad unterdrücken oder sie auf andere Weise entmutigen können, aber es war sowieso egal. Alles was ab jetzt geschah, war Schicksal.
„Hallo“, sagte ich.
„Du fährst Zug?“, fragte sie.
Ich nickte.
„Du auch?“, fragte ich dann.
„Ja.“
„Ich ebenfalls.“
„Das sehe ich.“
„Ja“, sagte ich.
„Lange nicht mehr gesehen!“
„Bis heute!“
„Das ist lange!“, rief sie.
„Ja, ist es.“
Sie schwieg.
Hatte ich etwas falsches gesagt.
„Äh, das war lange“, verbesserte ich mich.
Der Zug fuhr ruckartig an sie fiel mir fast in die Arme.

Fortsetzung folgt
Antwort auf Beitrag Nr.: 21.264.565 von Wolfsbane am 20.04.06 23:35:2444.
Sie nahm mir gegenüber Platz. Ich konnte mich nicht erinnern, sie jemals so gut gelaunt und entspannt gesehen zu haben.
Vielleicht hatte sie einen neuen Freund.
Sie sah mich an.
Offensichtlich erwartete sie, dass ich etwas sagte.
Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte. Ich wusste allerdings, dass sie schnell enttäuscht oder beleidigt war. Vor langer Zeit hatte ich mich von ihrem Temperament und ihrer unverfälschten Emotionalität unwiderstehlich angezogen gefühlt. Aber was aus der Ferne aufregend war, konnte aus unmittelbarer Nähe mehr als das, nämlich erschreckend werden.
Am besten sagte ich gar nichts.
Ich betrachtete sie nur. Sie war schlank wie immer und ihre Haare waren jetzt sehr kurz. Sie besaß nach wie vor dieses perfekte Gesicht.
Sie sah aus dem Fenster und lächelte.
Typisch weiblich.
Mir fiel noch etwas auf.
“Heute so patriotisch?”, fragte ich.
“Warum?”
Ich zeigte nacheinander auf ihre schwarze Hose, ihre rote Bluse und ihre blonden Haare.
“Schwarz, rot und Gold.”
Sie sah mich fragend an.
“Die deutschen Nationalfarben!”
Sie wurde knallrot.
Es erstaunte mich immer wieder, dass selbst die coolsten Blondinen so reagierten, wenn man das zu ihnen sagte.
Ich musste grinsen.
Jetzt fühlte ich mich wohler.
“Das war unbewusst”, sagte sie.
Jetzt verteidigte sie sich sogar schon.
“Okay.”
“Wohin bist du unterwegs?”
“Zu einem Schachturnier.”
“Das hätte ich mir denken können.”
“Ja.”
“Manche Dinge ändern sich nie”, sagte sie.
Ich dachte an Melanie und daran, dass ich jedesmal völlig unzurechnungsfähig wurde, wenn ich ihr in die Augen sah. Es war egal, wie oft ich mir einredete, dass ich sie hasste. Es war auch egal, dass ich manchmal dachte, dass es mir gelang, mich darüber selbst anzulügen.
“Ja”, sagte ich.
Jetzt sah ich aus dem Fenster.
Wir schwiegen.
“Und wohin bist du unterwegs?”, fragte ich dann.
“Babysitten.”
“Aha.”
Ich wollte, dass das Gespräch so oberflächlich blieb. So konnten wir uns nett unterhalten und würden uns nicht streiten. Sie würde keinen Anlass sehen, mich zu beschimpfen und ich würde nicht wieder darüber nachdenken, ob es einen Grund dafür geben konnte, eine erwachsene Frau...
“Hast du eine neue Freundin?”, fragte sie dann.
“Wer?”
“Du!”
“Nein, wer das sein soll!”
Ich überlegte, ob ich in letzter Zeit besoffen gewesen war und wieder irgendwas nicht mitbekommen hatte, was außer mir jeder wusste.
“Ich meine diese Schönheit mit den langen schwarzen Haaren, mit der du unterwegs warst.”
“Die habe ich nur zufällig wiedergesehen.”
Ich dachte an Lisa. Immer wenn jemand von Schönheit sprach, dachte ich zuerst an Lisa.
“Dafür habt ihr euch aber lange unterhalten.”
“Das ist doch schon wieder ein paar Monate her.”
“Quatsch, ich habe euch doch erst diese Woche gesehen.”
Ich machte ein dummes Gesicht.
Sie lachte.
Sie meinte Melanie.
Ich hatte das erst gar nicht kapiert, denn wenn ich an meine frühen Jahre dachte, dominierte immer entweder die Erinnerung an Melanie oder die an Heike. Die jeweils andere war immer weitestgehend ausgeblendet.
“Ach, das war nichts”, sagte ich.
“So sah das aber nicht aus!”
“Ich mochte sie mal, aber das ist so lange her, das ist schon nicht mehr wahr.”
“Das war nicht zufällig deine erste Liebe?”
“Nein.”
“Nein?”
“Das warst du. Weil du so natürlich, offen und spontan warst. Also genau das Gegenteil von ihr, denn sie war schon immer nur auf ihre Wirkung bedacht, berechnend, manipulativ und enttäuschend.”
“Es ist nicht nett, so zu reden.”
“Es ist nicht nett, so zu sein.”
Der Zug hielt.
Sie erhob sich, ging grußlos, blieb dan aber stehen, drehte sich um und sagte: “Ach ja, ich treffe hier übrigens auch meine beste Freundin!”
Dann verließ sie den Zug.
Ich sah ihr nach.
Sie und Melanie umarmten sich.
Ich fuhr weiter.
Ich hatte das sichere Gefühl, dass es das Beste und Sinnvollste war, mir die Futterluke zunähen zu lassen.
Und nie wieder zurück zu kommen.


Fortsetzung folgt
Antwort auf Beitrag Nr.: 22.353.250 von Wolfsbane am 30.06.06 00:23:0345.

Ich starrte aus dem Fenster und glaubte es immer noch nicht. Melanie und Heike waren Freundinnen. Das war doch eigentlich unmöglich. Das kam mir vor, als würde BMW mit Mercedes oder Bayern München mit Schalke 04 fusionieren oder als wenn Batman und Spiderman im selben Comic auftauchen würden. Da trafen zwei Welten aufeinander, da entstand eine neue Naturgewalt. Sowas war nicht nur unmöglich und unvorstellbar, sondern gehörte auch von Rechts wegen verboten. Das verstieß gegen das Kartellgesetz, gegen die Erhaltung der Artenvielfalt, gegen die Genfer Konvention und überhaupt.
Warum hatte ich überhaupt Urlaub?
Warum konnte ich nicht in der Küche bei der Arbeit sein?
Zum ersten Mal erschien mir mein Arbeitsplatz als schöner Ort und nicht nur als notwendige Zwischenstation. Da war alles so durchschaubar und eindeutig. Nicht wie in unserem Dorf, wo mit Melanie und Heike die beiden wohl komplexesten Persönlichkeiten des Universums ihre Kreise zogen, wo sich darum früher oder später jedes Wort als falsch und jeder Gedanke dumm entpuppte und irgendwie immer alles anders war, als ich dachte oder glaubte.
Eigentlich hatte meine Küchenchefin eine gewisse Qualität. Sie war gemein und hasste mich und ließ mir keine andere Wahl, als sie zurück zu hassen, aber da wusste ich wenigstens, woran ich war. Ich brauchte mich nie zu sorgen, Fehler zu machen. Sie verlangte Kadavergehorsam und machte mir das Leben zur Hölle wie sie nur eben konnte, egal was ich tat oder sagte. Sie war so gemein, dass ich mich ihr gegenüber nie schlecht zu fühlen brauchte, egal wie sehr ich sie gerade hasste. Da konnte ich eindeutig zwischen Gut und Böse unterscheiden. Das war es, was ich im Moment am meisten vermisste. Klare Fronten, klare Marschrouten, einfach nur Überleben müssen und die Tage zählen.
Melanie und Heike verschwanden aus meinem Blickfeld. Der Zug beschleunigte. Die Bäume am Rande der Strecke rauschten an mir vorbei. Ich starrte weiter nach draußen. So musste man sich in einer Zeitmaschine fühlen. Das war die einzige Lösung. Am besten reiste ich zurück in die Vergangenheit und löste das Problem, bevor es entstand. Das ging nicht, außer im Film oder im Traum. Würde es denn funktionieren, wenn es möglich wäre?
Plötzlich sah ich mich selbst auf einem Baum.
Wie damals, ungefähr im Jahr 1976.

46.

Wenn ich runterguckte, kriegte ich ein komisches Gefühl im Bauch. Aber das konnte auch daran liegen, dass ich erst dreizehn oder dass Heike da unten war.
“Bist du nicht schwindelfrei?”, fragte Kalle.
“Weiß nicht”, antwortete ich, während ich grübelte, ob man sich in solcher Höhe besser fühlen konnte.
“Mädchen sind nicht schwindelfrei.”
“Wirklich?”, fragte ich.
“Klar, ich habe zwei Schwestern und die sind beide noch nie hier oben gewesen.”
“Dieser Baum ist wirklich, wirklich hoch.”
“Bist du ein Mädchen?”, fragte Kalle gereizt.
“Nee.”
“Okay, dann Themawechsel.”
Kalle war ein halbes Jahr jünger als ich, aber wir waren zusammen eingeschult worden. Ich hatte ihn am ersten Schultag kennen gelernt. Dort hatte ich auch Heike zum ersten Mal gesehen. Der Heimweg war immer ein Wettrennen zwischen der damals besten Freundin von Heike auf der einen und Kalle auf der anderen Seite gewesen. Heike und ich waren einfach immer mitgelaufen. Jungs gegen Mädchen, wie das eben in dem Alter so ist. Nach zwei Jahren war ich auf eine andere Schule gewechselt und nach weiteren zwei Jahren war ich für zwei Jahre zum Gymnasium gewechselt. Jetzt waren wir in der derselben Klasse an der Hauptschule. Er war der Nachbar von Heike und ihn zu besuchen, war die einzige Möglichkeit, sie zu sehen, seit ich vom Gymnasium geflogen war.
“Das klappt nie mit dir und Heike”, sagte er.
“Ich weiß nicht, wovon du redest.”
“Die steht nicht auf dich.”
“Auf dich aber auch nicht”, sagte ich gereizt.
“Ich will die auch gar nicht”, entgegnete er.
“Warum nicht? Bist du schwul?”
“Ich schmeiße dich gleich runter!”
Entgegen allen Vorsätzen schaute ich nach unten. Obwohl ich von hier aus tatsächlich Heike im Garten sehen konnte, war der Ausblick keine reine Freude. Ich fragte mich, ob sie es sehen könnte, wenn ich gleich von hier oben runter göbeln würde.
“Es gibt jede Menge Mädchen und die anderen gefallen mir besser als sie”, knurrte er.
“Du brauchst eine neue Brille.”
“Und du beurteilst Mädchen zu sehr nach ihrem Aussehen.”
“Jetzt redest du wie meine Kusine. Die, die in Niedersachsen zurückgeblieben ist.”
“Ich bin kein Mädchen und auch nicht zurück geblieben, aber ich finde andere Mädchen einfach hübscher und außerdem ist Heike ganz anders als du meinst.”
Ich lachte. Ich musste aufpassen, dass ich nicht zu laut oder zu heftig lachte, sonst würde ein bischen Kotze mit hoch kommen, aber ich lachte.
“Und warum sind wir dann beide hier oben auf diesem riesigen Baum und beobachten sie?”
“Du beobachtest sie”, widersprach er. “Ich bin hier nur zum Schachspielen.”
Ich schüttelte den Kopf.
“Wir müssen doch nicht zwanzig Meter klettern, um Schach zu spielen.”
“Doch”, sagte er. “Dafür werde ich bezahlt. Meine Schwester hat wieder Besuch von ihrem Freund und da kann sie sich nur entspannen, wenn sie weiß, dass ich nicht im Zimmer nebenan bin und sie mich vom Fenster in ihrem Zimmer hier oben im Baumhaus sitzen sehen kann.”
Als er “Baumhaus” sagte, musste ich wieder lachen, denn in Wirklichkeit waren hier oben nur ein paar Bretter, auf denen man sitzen und ein Schachbrett platzieren konnte.
“Lach nicht, dafür kriege ich den neuen ASTERIX und das Weiße Album der Beatles.”
“Steht Heike immer noch auf die Bay City Rollers?”, fragte ich.
“Blödsinn”, sagte er, “das hat sie noch nie.”
“Immer wenn du meinst, dass ich über sie lästere, regst du dich auf. Obwohl...”
Er unterbrach mich.
“Ich stehe nicht auf sie und sie steht schon gar nicht auf dich!”
“Schon gut.”
“Und wenn sie dich mögen würde, würde sie es nicht zugeben.”
“Du schließt wohl von dich auf andere.”
“Frag sie doch selbst!”
“Von hier oben?”, fragte ich.
“Mach deinen Zug”, sagte er. “Oder hast du vergessen, warum ich dir Trainingsstunden gebe?”
Hatte ich nicht. Kalle verabredete sich immer mit dem Vater von Heike zum Schachspielen und wenn ich so gut wie er, Kalle, werden würde, dann würde er mich vielleicht einmal mitnehmen.
Ein paar Wochen später ging ich tatsächlich zu ihr. Aber ihr Vater war nicht da und ich spielte mit ihr.

Der Zug hielt an und damit verbundene heftige Ruck riß mich in die Gegenwart zurück. Kalle war kein wirklich guter Freund gewesen. Er hatte mich benutzt, um zu erfahren, wie sie sich dort benahm, wo er nie gewesen war, zum Beispiel am Gymnasium, und um der Vertraute von Heike zu werden, indem er sie mit Nachrichten über ihren abgedrehten Verehrer versorgte. Daraus war ein Eigentor geworden, aber dennoch hatte er weiter mit ihrer besten Freundin intrigiert und alles hintertrieben. Den Casanova, der jeden Monat eine andere Freundin besaß, hatte er nur gespielt, um sie zu beeindrucken und davon zu überzeugen, dass er durchaus reif und erfahren genug für sie war. Während ich meinen Wehrdienst abgeleistet hatte, war er dann endlich bei ihr gelandet, wenn auch nicht für lange, hatte aber weiter behauptet, das sei ganz plötzlich über ihn gekommen.
Ich war auch nicht ehrlicher als er. Ich hatte mit Schach weitergemacht, obwohl es mich meistens langweilte, nur um nicht zugeben zu müssen, dass ich mir nur wegen Heike eine völlig neue Eigenschaft zugelegt und mir das Gehirn zermartert hatte.


Fortsetzung folgt
Anmerkung:

Im Moment kriege ich es nicht hin, jeden Tag ein neues Kapitel zu posten.
Bei "Meine Frauen und meine Aktien" fiel mir das leichter, weil ich damals krank zu Hause war und nur zur Krankengymnastik gehen musste.
Inzwischen bin ich wieder gesund (wenn auch nicht mehr für "Knochenarbeit" geeignet), habe ich einen guten Job und nicht mehr so viel freie Zeit.

Für diejenigen unter den Lesern, die zu meinem Bekanntenkreis gehören, sei zudem noch einmal hinzugefügt, dass es sich hier wirklich um einen Roman handelt, der von gewissen Realitäten lediglich inspiriert und ansonsten fast völlig frei erfunden ist.

Wem mein Protagonist zu soft und grüblerisch ist, dem seien die Storys auf folgender Seite empfohlen:
www.krapowsky.de

Über Feedback in Form von Mails freue ich mich immer.

(Danke, Gesine! :kiss: )
Hab zwar noch keine 3 Sätze dieser Story gelesen

sag aber auch dass die Geschichte "schön" ist.

Ein Smiliebussi brauchst du mir aber jetzt nicht zu geben ;)
@ nogoareaner :look:

Ein Smiliebussi brauchst du mir aber jetzt nicht zu geben
:laugh:

Du bist doch auch nicht gesine! ;)
Dieses Kapitel widme ich aus doppeltem Grund allen alleinerziehenden Müttern.
:)


47.

Vielleicht war es das Beste, Melanie und Heike zu vergessen und stattdessen meine Kusine Anna als meine erste Liebe betrachten. Anna mochte mich schon lange nicht mehr, aber das war weder ihre noch meine Schuld. Das lag wieder an meinem Vater. Mein Vater hatte als Jugendlicher all sein Geld für Motorräder und Schlampen verpulvert und sich die ganze Zeit von seinen Verwandten, vor allem Annas Eltern, durchfüttern und auch finanziell immer wieder retten lassen. Seit die Verwandtschaft meiner Mutter ihn saniert hatte und meine Mutter von ihrem knappen Haushaltsgeld tapfer seine Restschulden zurückzahlte, war er wieder ordentlich angezogen, gut ernährt und liquide. Das war aber kein Grund für ihn, seine Schulden bei den Verwandten zurück zu zahlen oder meiner Mutter davon zu erzählen. Er gab weiter sein Geld für Motorräder und für Gesocks in Fernfahrer-Kneipen aus. Also erzählte er Annas Eltern immer wieder, es ging ihm schlechter als je zuvor, weil meine Mutter so verschwenderisch sei und nicht wirtschaften könne oder wolle und weil ich so verwöhnt wäre. Meiner Mutter erzählte er, Annas Eltern würden sie nicht verachten, weil sie sich so jung "unter einen Mann geschmissen" hätte, wobei er natürlich seine Lügen verschwieg und deren Wirkung übertrieb, so dass meine Mutter gegenüber Annas Eltern relativ gereizt auftrat, was mein Vater Annas Eltern als Beweis für ihre permanente Unzufriedenheit als Folge ihrer Unersättlichkeit in Bezug auf materielle Dinge andrehte. In dieser Phase behandelte mich Anna schon nicht mehr so nett, wie sie eigentlich war und ich erkannte sie nicht mehr wieder. Ehe alles aufflog, führte mein Vater den totalen Bruch zwischen beiden Familien herbei. So konnte meine Mutter nicht erfahren, dass die Rückenprobleme meines Vaters von seinen Unfällen bei illegalen Motorradrennen statt vom Arbeiten stammtem und Annas Mutter konnte nicht sehen, dass wir ein karges Leben führten. An diesem Punkt hatte ich Anna bereits abgeschrieben.
Nein, das funktionierte nicht.
Heike war zu stark in meinem Bewusstsein verankert. Immer wenn ich vor einer anscheinend unlösbaren Aufgabe stand, dachte ich an sie. Sie hatte mir gezeigt, dass man auch mit eigentlich untauglichen Mitteln Erfolg haben konnte, wenn man nur wirklich wollte. Sie stritt es immer ab, weil es ihr irgendwie peinlich war, aber kurz nach unserer Einschulung hatte sie ein Plastik-Bügeleisen besessen. Eines Tages hatte sie Kalles Schwestern besucht und ihnen gezeigt, dass sie damit tatsächlich bügeln konnte, sogar ohne Dampf oder Strom. Sie kriegte alles einfach durch Schnelligkeit und Ausdauer glatt. Unglaublich. Inzwischen konnte ich immer noch nicht bügeln, aber ich wandte die grundlegende Erkenntnis auf alles im Leben an. Eigentlich konnte ich das Leben nur dadurch ertragen, denn wenn meine Mitschüler irgendetwas von ihren Eltern geschenkt bekamen oder von ihrem Taschengeld kaufen konnten, stand immer fest, dass ich es höchstens in der allerbilligsten, unbrauchbarsten, oft peinlich unterlegenen Form geschenkt oder finanziert bekommen konnte. Trotzdem machte ich immer gute Miene zum bösen Spiel, weil ich bei Heike früh gesehen hatte, dass Wille und Fleiß unglaublich viel kompensieren konnten.
Eigentlich hatte sie gar nichts falsch gemacht. Ich war eine Zeitlang ein ziemlich Spinner gewesen, weil ich alles geglaubt hatte, was mein Vater mir über die Welt erzählt hatte. Nämlich, dass alle Leute Schweine und blöd und nur neidisch auf uns beide waren. Alles natürlich in Anbetracht der Tatsache, dass ich es nicht anders verdient hatte und ich ihm gegenüber auch nicht besser als der Rest der Welt war, während er mir doch alles gönnen würde, was er mir immer wieder dadurch zu beweisen trachtete, dass er mir mit großer Geste einzelne holländische Cent-Stücke schenkte, von denen ich selbst bis zu meiner Volljährigkeit nie genug zusammen hatte, um mir dafür in Holland etwas kaufen zu können.
Als ich nicht mehr ganz so seltsam gewesen war, weil mein Vater längere Touren fuhr und seltener nach Hause kam, hatten wir uns ganz gut verstanden. Aber es hatte mich immer gewurmt, dass sie zum Gymnasium ging und ich an die Hauptschule verbannt worden war. Wenn man einen handwerklichen Beruf erlernen wollte, war es okay, zur Hauptschule zu gehen, aber mein Vater hatte mir von klein auf an eingebläut, dass ich handwerklich ein absoluter Idiot und geistig und körperlich zu behindert war, um ihm auch nur zu assistieren. Wenn ich nur daran dachte, ganze Tage in einer Werkstatt so wie mit ihm zu verbringen, wurde ich von Depressionen und Angst überwältigt und wollte mich aufhängen, und das schon seit ich fünf oder sechs war. Darum kam Handwerk für mich auf keinen Fall in Frage. Schon wegen der Horror-Geschichten meines Vaters über seine eigene Lehre nicht. Ein Büro-Job kam auch nicht in Frage, denn wann immer mein Vater von einer Tour heimkam, schimpfte er mindestens die erste halbe Stunde nur über „Bürohengste“, die seiner Meinung nach alle dumm waren und den Sinn ihres Lebens nur darin sahen, ihn zu quälen und von ihrer Blödheit zu überzeugen. Eigentlich blieb nur Studieren. Das hieß, ich musste zurück zum Gymnasium. Nur dann hatte ich eine Zukunft. Dann würde ich auch wieder auf gleicher Augenhöhe mit Heike sein. Das wurde zu meiner fixen Idee. Und damit gab es etwas, was sie nicht tolerierte. Sie lehnte verbohrte Leute ab.
Fast wäre ich dann doch zum Gymnasium zurückgekehrt und hätte mit Heike wieder im selben Klassenraum gesessen. Das wünschte ich mir mehr als alles andere. Als das 10.Schuljahr Typ B begann, war ich bereit, ein Musterschüler zu werden und auch die langweiligsten Hausaufgaben zu machen, um die „Qualifikation“ zu kriegen und wieder zur Penne zu kommen. Nun, vielleicht musste es doch nicht unbedingt ein Studium sein, aber ich wollte zumindest das Abitur machen, um zu beweisen, dass ich es konnte und dass man mich zu Unrecht als zu dumm abgetan und seit meiner späten Ankunft an der Hauptschule als Hochstapler behandelt hatte. Ich musste diesen Schmerz loswerden. Ich wurde dann auch wirklich fleißig, zumal niemand mehr da war, der mich um zwei Köpfe überragte und mich in den Pausen verprügelte, wenn ich vom Lehrer gelobt wurde. Also strengte ich mich immer mehr an. Seltsam nur, dass meine Noten immer schlechter wurden. Und auch meinem Vater ging es immer schlechter. Genau zu Beginn des 10.Schuljahrs, das erklärtermaßen zu meinem Comeback führen sollte, wurden seine Rückenschmerzen plötzlich so schlimm, dass er nicht mehr arbeiten konnte und ein ganzes Jahr krankfeierte. Er verschanzte sich im Wohnzimmer, qualmte es pausenlos mit stinkigsten Zigaretten voll, las einen Western nach dem anderen und ließ sich gelegentlich zum Orthopäden fahren, um Fango-Packungen zu kriegen. Meine Mutter konnte seine Schulden nicht mehr zurückzahlen, ich musste mit sich auflösenden Trainingsschuhen zum Sportunterricht und obendrein erklärten mich meine Lehrer für verrückt, dass ich unter diesen Umständen nicht gefälligst gleich ein Ausbildung beginnen und Geld nach Hause tragen wollte. Letzteres war dann auch der Grund, warum ich die „Qualifikation“ nicht bekam. Und als klar war, dass ich nicht wieder zum Gymnasium gehen und nie studieren würde, ließ mein Vater endlich die angeratene Operation vornehmen und ging wieder arbeiten. Ich war total zerschmettert gewesen, zumal er er mir schließlich die Schuld für sein Rückenleiden gab. Von der Schwere seiner auf Selbstüberschätzung beruhenden Motorradunfälle erfuhr ich erst viel später. So lange er lebte, ließ er mich in dem Glauben, das wäre von all der Arbeit gekommen, die nur er nur meinetwegen geleistet hätte, natürlich unter Verzicht auf seine Karriere als Rennfahrer.
Wenn ich jetzt Heike begegnete, dann tat es mir weh, weil mir mein ganzes Leben verpfuscht vorkam und weil ich mich ihr gegenüber seit meiner misslungenen Rückkehr zur Penne noch mehr als Versager fühlte, als die Jahre zuvor.
Ich hasste es, wenn sie wie so viele andere ehemalige Mitschüler mit diesem „Du hättest es damals schaffen können“ anfing..
Das wusste ich selbst.
Deshalb hatte mein Vater schließlich so harte Maßnahmen vorgenommen.
Und jetzt war ich Koch.
Oder ich wollte es werden.

Fortsetzung folgt


Vorschau auf das nächste Kapitel:
Der Held ist so naiv, unvorbereitet der Empfehlung eines Kollegen zu folgen und besucht eine Madame, auf die er überhaupt nicht vorbereitet ist. Dabei eröffnet sich ihm die volle Bedeutung des Wortes "dominant". LOL
:laugh:
Antwort auf Beitrag Nr.: 22.630.326 von Wolfsbane am 17.07.06 00:08:5748.

Seitdem die Chefin Heinz hatte, wollte sie mich auf bewährte Art loswerden. Natürlich machte es ihr auch sowieso Spaß, Leute zu schikanieren, weshalb ich mittlerweile mein Weltbild geändert hatte und mich mit der Möglichkeit abfand, dass manche Menschen wohl von Natur aus fies waren und Sadismus genau wie Homosexualität keine therapierbare Abweichung, sondern einfach eine eigenständige Lebensform war. Die Art, wie sie neuerdings aufdrehte, ließ aber keinen Zweifel daran, dass ich spätestens mittelfristig entweder freiwillig hinschmeißen oder reif für die Zwangsjacke sein sollte. Genau wie meine beiden direkten Vorgänger. Ich versuchte das zu ignorieren, doch die Kellner verhinderten das, indem sie mich bei jeder Gelegenheit darauf hinwiesen, dass ich keine Chance hätte. Der einzige, der Hoffnung für mich sah, war der Neue. Genau der, der sonst am meisten über mich lästerte und nicht müde wurde, immer und immer wieder zu erzählen, dass er mir dadurch eine Lehrstelle weggeschnappt hatte. Martin. Mister Lässig. Er gab mir schließlich den Tipp, zu einer Frau zu gehen, die ihm auch dazu verholfen hätte, in jeder Situation cool zu bleiben und selbst bei so aggressiven Weibern wie der Chefin die Nerven zu behalten. Er schrieb mir die Adresse auf, die ich auf den ersten Blick einem Rotlichtbezirk zuordnen konnte und gab mir den Tipp, die „Madame“ zu siezen. „Madame“ hörte sich für mich nach Puffmutter an und ich zuckte mit den Schultern.
Jetzt saß ich im Zug, war gerade umgestiegen und musste erneut meine Fahrkarte vorzeigen. Dabei fiel der Zettel von Martin aus meinem Portemonnaie. Vielleicht war das Schicksal. Ich beschloss seinem Rat zu folgen und nach dieser Madame zu fragen.
Vom Bahnhof zu der verbotenen Straße war es nicht weit.
Es war noch früh und nach einem enttäuschenden ersten Vorbeigehen lief ich zunächst in die City. Ich bummelte durch die Buchhandlungen und guckte nach Schildern wie „Modernes Antiquariat“. Außerdem sah ich nach Büchern über Schach, denn wenn ich mich nach Feierabend aus Teufels Küche kam, gab es nichts Besseres, um alles zu vergessen, als mir Schachpartien anzusehen. Das war die perfekte Fluchtwelt und Beschäftigungstherapie. Das ganze Gehirn war beschäftigt und jede einzelne Zelle wurde davon abgehalten, Mordpläne oder Depressionen oder so auszubrüten.
Schließlich wurde es dunkel. Ich ging in eine Kneipe, trank ein Bier und ging dann erneut in die verbotene Straße. Mittlerweile war es da etwas belebter. Das Geschäft lief für die Damen noch nicht wirklich gut, da die meisten Männer gekommen waren, um zu Gucken oder um sie bekehren oder um sich eine Nummer für lau zu erschleichen- oder auch alles zusammen, dann übrigens auch in exakt dieser Reihenfolge.
Ich ging an den Fenstern vorbei und vermied Blickkontakt. Wenn ich das nicht tat, öffnete sich sofort das jeweilige Fenster und die betreffende Frau machte eine Einladung, die man nicht ausschlagen durfte, ohne es sich mit ihr ganz nachhaltig zu verderben. Ich wollte erst alles sehen, ehe ich mich endgültig entschied. Wenn ich Abfuhren verteilte, gab es keinen Weg zurück.
Während ich langsam vorwärts kam und dabei um wie versteinert dastehende Voyeure herum laufen musste, hörte ich auf einmal eine rabiate Frauenstimme.
„Komm her!“
Das klang fast wie die Küchenchefin.
Ich wandte mich der Frau zu.
Sie war ziemlich moppelig und hatte sich so fest in ein schwarzes Korsett geschnürt, dass es mir größte Achtung abverlangte, dass sie überhaupt noch atmen und sogar sprechen konnte.
„Moin“, sagte ich nachdenklich.
Auch für die in jeder Hinsicht hohen Stiefel gab es eine harmlose Erklärung. Sie war recht klein und litt unter Zellulitis. Die hochhackigen Musketiersstiefel konnten beides einigermaßen kaschieren.
„Wer bist du!“, fauchte sie.
„Niemand“, antwortete ich ausweichend.
„Einsicht ist der beste Weg zu Besserung“, sagte sie streng. „Da ist die Tür!“
„Ich bin doch schon draußen.“
So weit ich wusste, hatten die meisten Frauen hier einen Zuhälter. Diese hier musste anscheinend ohne Schutz eines Mannes auskommen. Oder warum gab sie sich sonst nach außen hin so ruppig?
„Und jetzt kommst du rein und entschuldigst dich!“, kommandierte sie in dem so vertraut klingenden Ton.
„Was?“
„Rein mit dir!“
Jetzt sah ich das Schild. Das war die Madame, die Martin mir empfohlen hatte. Sein weiblicher Coach. Vielleicht hatte er mich angekündigt.
„Wer, ich?“
„Du bist wohl ein ganz Schlauer!“
Jetzt klang sie wirklich fast hundertprozentig wie meine Chefin, nur ohne diesen Schuss Hysterie.
„Studio“ stand auch noch auf dem Schild. Ach so, sie war Künstlerin.
Das erklärte sowieso alles.
Probieren ging über Studieren.
Ich trat ein.

Fortsetzung folgt
Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.
Die gute zuerst, schön dass Du wieder schreibst!:)
Sie schlechte.. schade dass ich keine Zeit zum Lesen habe.:(
Mach dir nichts draus, es gibt noch viele andere die deinen Schreibstil lieben und in die Geschichten eintauchen!
@ Mr Ripley

Moin!:)

Zum Glück ist W.O. ein stabiles Unternehmen und darum wird dieser Thread noch sehr lange zugänglich sein.

Da ich im Moment nicht viel Zeit zum Schreiben habe und nur noch relativ selten poste, besteht auch keine Gefahr, dass du wirklich ins Hintertreffen gerätst.
;)

Danke für das Echo! :look:

Wolf
49.

Während ich ihr durch den Flur folgte, fragte ich mich natürlich, um was für eine Art von Künstlerin es sich bei der Madame handelte. Schließlich betraten wir ihr Studio und zuerst erkannte ich überhaupt nichts. Dann wurde mir klar, dass es einen zwingenden Grund für diese schummrige Beleuchtung gab, denn offensichtlich war sie Designerin von Möbeln, deren scheuerliches Aussehen nicht für Tageslicht geeignet war. Es sah aus, als hätte sie ein Fitness-Studio ausgeplündert, die Kraftmaschinen in Einzelteile zerlegt und im Drogenrausch neu zusammengenagelt. An den Wänden hingen genug Peitschen, um ein ganzes Regiment von „Indiana Jones“-Darstellern zu bewaffnen. Ich kannte es von anderen Huren, dass sie mit Peitschen als ihre Arbeitszimmer dekorierten und das machte mir nichts, aber eine solche Sammlung fand ich ziemlich abstoßend, da die Peitsche in meinen Augen immer die Inkarnation von Feigheit gewesen war. Peitschenschwinger rangierten bei mir auf dem gleichen Level wie Heckenschützen und Bombenleger, wenn nicht noch darunter.
„Geld“, sagte sie dann.
„Ich habe noch nichts gesehen“, sagte ich.
Wenn ich „Madame“ hörte, dachte ich an die guten alten Western, in denen der Held ein Etablissement betrat und von der Madame in einen Raum geführt wurde, wo ein Dutzend schüchterner Mädchen seine Wahl erwarteten. Ich hatte erwartet, hier ein paar besondere Mädchen zu sehen zu kriegen, die zu gut waren, um in den Schaufenstern für neugierige männliche Spaziergänger ausgestellt zu werden. In diesem Bunker fühlte ich mich unwohl.
„Erst Geld.“
Diese Kombination aus aggressiver Geldgier, feister Frechheit und Arroganz war doch eigentlich das Privileg von Versicherungsvertretern.
„Was kriege ich denn dafür?“
„Du kannst von mir alles kriegen, was du willst. Sogar Sekt und Kaviar.“
„Ich bin Abstinenzler und Kaviar schmeckt für mich wie salzige Brombeermarmelade.“
Sie sah mich ungläubig an.
„Im Ernst“, fügte ich hinzu.
„Du willst hier doch lebend wieder raus, oder?“
„Ich bin nur hier, weil Martin dich empfohlen hat. Er meinte, du kannst mir beibringen, mit meiner Chefin klar zu kommen.“
„Ach der. Du kennst ihn?“
„Ich bin sein Kollege.“
„Gut“, sagte sie und setzte einen Blick auf, den ich von meiner Chefin kannte. „Dann weiß ich, was du brauchst.“
Ich verstand immer noch nicht, warum manche Männer solche Frauen mochten. Noch weniger verstand ich, warum schwule Männer solche Frauen bewunderten oder sogar mochten. Diese Männer mussten doch mit Frauen sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben, denn sonst wären sie nicht auf das Schwulsein ausgewichen und solche Frauen waren entweder genauso schlimm oder noch schlimmer als die Frauen, die sie aus der Bahn geworfen hatten und eigentlich hätten sie diese Frauen dafür hassen müssen, aber das Gegenteil war der Fall. Okay, Schwule waren anders, aber darum waren sie doch trotzdem Männer und es musste, anders als bei Frauen, möglich sein, sie zu verstehen.
„Wieviel Geld willst du?“, fragte ich.
„Wieviel hast du denn?“
„Wenn du so fragst- nimmst du auch Briefmarken?“
„Nein, aber du kannst mir deine EC-Karte und deine Nummer geben und hier auf mich warten.“
„Sehr witzig. Neulich war erst in der Zeitung zu lesen, dass ein Unternehmer einer Puffmutter seine Karte gegeben hat und sein Konto anschließend völlig leergeräumt wiederfand.“
„Dummheit muss eben bestraft werden!“, sagte sie.
„Und der Richter sate dann, er hätte wissen müssen, dass in diesem Gewerbe andere Gesetze gelten.“
„Genau. Geld her!“
Ich gab ihr was.
„Das ist nicht viel. Zieh dich aus.“
„Nur, wenn du das dann nicht wieder sagst.“
„Was?“
„Dass das nicht viel ist. Das wäre nämlich gelogen.“
„Das bestimme ich!“
Sie nahm eine Peitsche und knallte damit.
Für wen hielt die sich?
Für den Eisernen Gustav?
„Auf den Boden!“, sagte sie.
„Ich kann stehen. Wo sind die Weiber?“
„Guck mir in die Augen!“
„Ist gut.“
„Guck mir tief in die Augen!“
„Bei dieser Sch... Beleuchtung erkenne ich sowieso nichts!“
„Dann guck genauer hin!“
„Gemacht.“
„Verstehst du jetzt, warum du jetzt auf den Boden gehst und nach unten guckst?“
Es klang nicht wie eine Frage.
„Ich ahne es.“
„Runter und nach unten gucken!“, schrie sie.
Offensichtlich war sie in Panik. Jetzt erkannte ich, dass ihr Blick sich noch verschlimmert hatte. Sie wirkte noch kurzsichtiger. So, wie sie mich anstarrte, musste ich annehmen, dass sie mich nur noch schemenhaft erkannte.
„Mach erst einmal vernünftiges Licht an!“, sagte ich.
„Auf den Boden! Sofort! Und nach unten gucken!“
„Immer mit der Ruhe“ sagte ich.
„Na also!“
„Autsch“, sagte ich.
„Was ist los!“
„Ich habe mich da unten gestoßen.“
„Hast du dir eine Hand umgeknickt?“
„Nein.“
„Hast du dir die Knie gestoßen?“
„Nein!“
„Was kannst du dir denn sonst auf dem Boden angestoßen haben?“
Was für eine Blöde.
„Das zeige ich dir gleich, sobald ich hier unten deine Kontaktlinsen wiedergefunden habe“, knurrte ich.
„Jetzt zeige ich dir mal was!“
„Autsch.“
„Du Jammerlappen!“
„Du hast mich geschlagen! Das darf ja wohl nicht wahr sein!“
„Du lernst es wohl nie!“
Die redete wirklich wie meine Chefin.
„Küss mir die Füße!“, schrie sie.
„Ich küsse keine Nutten.“
„Und hör auf, mich zu duzen! Das ist beleidigend!“
„Nu?“
„Küss mir die Füße!“
„Nein. Du hast selber Schuld, wenn dir die Füße wehtun. Ich meine, bei diesen Absätzen und das bei deinem Übergewicht und bei dem Druck, dem die Fußballen da ausgesetzt sind...“
„Was redest du da!“
„Da hilft kein Pusten und kein Streicheln, da helfen nur andere Schuhe. Versuche lieber Einlagen...“
Sie schnaubte.
„Dann gehen wir jetzt eben sofort zum nächsten Level über“, sagte sie und ging in eine dunkle Ecke.
Ich schielte zu dem Stuhl, auf dem meine Klamotten hingen und überlegte, wie schnell ich mich anziehen und abhauen konnte.
„Du hast es so gewollt“, knurrte sie theatralisch. „Jetzt kriegst du das, was bei solchen wie dir immer am besten hilft.“
Ich sah auf ihre rechte Hand und erstarrte vor Schreck.


Fortsetzung folgt
Antwort auf Beitrag Nr.: 22.630.326 von Wolfsbane am 17.07.06 00:08:5750.

„Warst du früher bei der Stasi?“, fragte ich.
„Was soll die blöde Frage?“
Ich sprang auf und ging langsam rückwarts zu dem Stuhl mit meinen Klamotten.
„Es heißt, da hat man früher die Leute mit Gummischläuchen geschlagen, um keine Spuren zu hinterlassen.“
„Erstens waren es Telefonbücher und zweitens ist das kein Schlauch!“
„Aber Gummi!“
„Plaste“, sagte sie.
Ich stieß gegen den Stuhl.
Sie sah auf ihre Armbanduhr.
„Deine Zeit ist um!“
Ich bemerkte ein oder zwei kleine Schweißtröpfchen auf meiner Stirn.
„Meine Zeit ist um?“
„Weißt du, was du jetzt kriegst?“
„Nö?“
„Meiner ist größer als deiner“, sagte sie mit diesem fiesen Grinsen, dass ich aus der Küche kannte. Sie hielt das Teil aus Kunsstoff in die Höhe und ich sah auch bei dieser sparsamen Beleuchtung, dass es tatsächlich die Nachbildung eines männlichen Geschlechtsteils war.
„Schön, schön“, sagte ich.
Wieder schoss mir die Frage in den Kopf, warum es Leute gab, die solche Frauen mochten und warum ausgerechnet Homosexuelle zu den Bewunderern gehörten.
„Ja, das gefällt dir!“
„Wie? Äh, ich finde es schon, dass du dich beschäftigen kannst, wenn du Feierabend hast!“
„Der ist nicht für mich, sondern für dich!“, schimpfte sie.
„Ich will jetzt nicht mehr. Und wenn ich will, nehme ich den, der mir angewachsen ist!“
Sie streichelte die Plastiknachbildung.
„Willst du den nicht einmal spüren?“, fragte sie.
„Pfui Teufel, ich fass doch kein Gummi an“, sagte ich. „Eine Freundin von mir wollte mich mal anmachen, indem sie eine Latexhose anzog und damit fühlten sich ihre Beine wie abgefahrene Reifen an...“
„Du musst ihn nicht anfassen, sondern dich nur bücken...“
„Was?“, fragte ich ungläubig.
„Hast du nicht gesagt, du bist ein Kollege von Martin?“
„Ja und?“
„Ja, und was?“
„Ich arbeite in demselben Laden, aber das ist auch alles!“
„Das reicht doch. Da müsst ihr doch alle so sein!“
„Ich muss jetzt gehen!“, rief ich.
Nichts wie weg!
„Du hast doch noch Geld, warum bleibst du nicht? Aber du musst nachzahlen. Zeit ist Geld!“
„Mach Feierabend, ich habe genug.“
Ich zog mich an.
Was für ein Desaster. Anscheinend war ich wirklich rettungslos weltfremd, naiv und unreif, genau wie die Chefin immer behauptete.
Plötzlich wurde das Gesicht der Madame ganz sanft. Sie setzte sich entspannt in sowas wie einen Sessel, schlug die Beine übereinander, musterte mich mit unverhohlenem Interesse und sagte mit unüberhörbarer Enttäuschung: „War ich zu streng? War es zu dick aufgetragen? Habe ich zu fest zugeschlagen?“
„Nee, aber es tut mir leid, dass ich deine Kontaktlinsen nicht gefunden habe.“
„Was für Linsen? Wovon redest du? Egal, was war falsch?“
„Ich mag es nicht, einer sadistischen Frau ausgesetzt zu sein. Das habe ich jeden Tag. Meine Chefin brüllt ständig herum und brüstet sich damit, wievielen meiner Vorgänger sie schon mit Lügen das ganze Leben kaputt gemacht hat, nur weil sie ihr nicht gefielen oder wieder von ihr weg wollten.“
„Das würde ich nie tun“, sagte sie. „Für mich ist das nur ein Spiel. So, wie sich das bei SM gehört. Ich würde nie jemanden schlagen, der das nicht will und ich würde vor allem nie jemanden zu etwas zwingen, der materiell oder beruflich von mir abhängig ist. Das ist Real-Sadismus und dafür kommt man später in die Hölle oder wird als Wurm wiedergeboren.“
„Sadist ist Sadist“, sagte ich.
„Nein, ich erfülle nur die Fantasien meiner Kunden.“
„Das war bei mir nicht der Fall.“
Jetzt war ich wieder angezogen.
„Das war ein Missverständnis. Die meisten Männer wollen von mir alle dasselbe und du hast dich auch so ausgedrückt.“
„Nein.“
„Okay, trotzdem leiste ich hier nur einen gewissen Service, für den es eine große Nachfrage gibt. Der Markt bestimmt das Angebot. Ich mache nur meinen Job. Ich würde nicht für Geld mit jemand schlafen, aber das hier kann ich für mich noch so gerade eben verantworten.“
„Gut, aber ich will jetzt hier raus!“
„Meine Tochter hat ein Pferd. Dafür mache ich das. Welches Mädchen hat schon ein Pferd? Ist das nicht toll?“
„Super!“
„Warum hast du es so eilig, hier raus zu kommen? Mache ich dir Angst?“
Ich überlegte.
„Ja, unheimlich.“
Das erwies sich wirklich als die effektivste Antwort. Sie stand auf und führte mich nach draußen. In der Tür reichte sie mir die Hand. Ich war so sauer, dass sie versucht hatte, mich zu „erziehen“, dass ich den unwiderstehlichen Drang verspürte, die Wirkungslosigkeit ihrer Massnahmen zu beweisen und mich ungezogen zu benehmen. Ich lächelte sie brav an und fasste ihr in den Schritt.
„Raus“, sagte sie.
Ich musste jetzt sowieso gehen. Zurück in Freiheit, mit dem sicheren Asphalt unter meinen Sohlen, begann ich sofort fieberhaft darüber nachzudenken, wann ich Martin am frühesten eine reinhauen konnte.



Fortsetzung folgt
war schon lange nicht bei w:o hab durch zufall die geschichte entdeckt, sehr gut geschrieben, ich freu mich auf die fortsetzung
@ Tueser: Danke für den Ansporn! :look:


51.

Ein paar Monate später begann sich Justine für mich zu interessieren. Martin war bereits wieder weg, weil außer seiner Spielsucht auch sein Alkoholismus immer schlimmer und offensichtlicher wurde. Als er nur noch besoffen und schließlich überhaupt nicht mehr zur Berufsschule ging, konnten ihn auch seine guten Beziehungen nicht mehr retten. Wenig später brach Heinz seine Lehre ab und setzte sie in einem anderen Restaurant fort, weil er fürchtete, dass die Chefin ihn irgendwann wie mich behandeln würde und er überall sonst mehr lernen konnte. Nun endlich bemerkte mich Justine. Offiziell war sie noch fest mit Blücher liiert und tatsächlich wusste sie immer etwas Neues über ihn zu berichten, aber irgendwie schien das Telefonieren ihr als Beziehung doch nicht ganz zu reichen. Da ich wusste, dass ich für Justine selbst als Lückenbüßer oder Pausenclown nur ungefähr vierte Wahl war, gab ich nicht mehr viel darauf, dass sie mir bis zum Erscheinen irgendeines anderen neuen geschniegelten Kellnerlehrlings oder Küchen-Günstlings der Chefin ihre flüchtige Aufmerksamkeit zuteil werden ließ.
Schließlich stellte die Chefin einen richtigen Koch ein, aber als sie wenige Wochen später drei Gesellschaften mit insgesamt über 100 Leuten ins Haus bekam und alle „á la carte“ essen wollten, schickte sie ihn nach draußen, um für ein im Garten stattfindendes Schützenfest Bratwurst zu verkaufen und machte die hundert Essen mit mir allein fertig. Anschließend war sie sehr stolz auf sich, dass sie sich mit meiner Hilfe begnügt und somit praktisch alles ganz allein geschafft hatte. Und das, ohne sich in dieser Zeit über die zwei Quadratmeter hinweg zu bewegen, auf denen sie Fleisch schnitt und ihre Herdplatten nutzte. Aber eigentlich fand sie immer einen Grund, von sich selbst begeistert zu sein und auf den Rest der Welt herab zu sehen. Manchmal hatte ich den Verdacht, dass sie mich mochte, denn in ihrer Jugend hatten die Frauen noch ihre Taschentücher fallen lassen, um Männer anzulocken und die Chefin ließ nun andauernd scheppernd Kellen fallen und guckte böse, wenn ich die nicht für sie aufhob, aber ich ignorierte diese Anzeichen und zählte die Tage bis zur Prüfung.
Natürlich lernte ich weiterhin regelmäßig andere, sogar völlig andere, nämlich ehrliche und nette und kluge Frauen kennen. Leider hatten sie alle entweder ein Problem damit, dass ich in einem Restaurant und nicht in einer Bank oder Versicherung arbeitete oder sie entlockten mir den Namen der mich ausbildenden Schnitzelschmiede und gingen mir dann aus dem Weg. Irgendwann erwog ich ernsthaft, es wie Martin zu machen und über meinen Job einfach zu lügen. Auf jeden Fall hatte ich immer verloren, wenn ich sagte, wer mein Chef oder meine Chefin waren. Entweder erfuhren sie, dass der Laden nichts taugte und wollten nichts mehr mit mir zu tun haben oder sie ließen sich blenden und gaben darum etwas auf die Auskunft meiner Chefin, die die einzige Person auf der Welt war, die noch mehr Unsinn über mich verbreitete, als es mein Vater tat... und wollten darum nichts mehr mit mir zu tun haben. Die einzige Ausnahme war eine Buchhändlerin, bei der ich regelmäßig Romane bestellte und die mich dann enttäuschte, indem sie mir den Rat gab, mich selber als Schriftsteller zu versuchen. „Schriftsteller“ war bei meinen Kollegen ein ähnlich übles Schimpfwort wie „Fernsehkoch“. Ich war vor allem darum enttäuscht, weil ich noch nie von einem Schriftsteller gehört hatte, der zum Bücherschreiben gekommen war, ohne vorher in allen möglichen richtigen Berufen versagt zu haben von einem seiner Psychiater oder Suchtberater zum Schriftstellern animiert worden zu sein. Ich war überzeugt, nach meiner Ausbildung als Koch oder in irgendeinem anderen richtigen Beruf Erfolg zu haben. Schriftstellern kam für mich sowieso nicht in Frage, denn ich bekam schon jetzt kein Taschengeld mehr und würde nie im Erstberuf „Sohn“ sein können. Ich würde nie so viel Zeit und Geld haben, dass ich den ganzen Tag Geschichten schreiben und scheinheiligen Verlegern unterm Tisch Geld für die Druckkosten zuschieben konnte. Als ich Heike bei einer unserer nächsten Begegnungen davon erzählte, dass ich Schriftsteller werden sollte, zuckte sie nur mit den Schultern und sagte mit einer Unverblümtheit, die mir bei ihr noch nie zuvor untergekommen war: „Alle Schriftsteller sind Wichser.“ Wie auch immer, als Koch stand ich weit über jedem Schriftsteller, denn ich verstand mehr vom Kochen als ein Hausmann. Erst recht, wenn dieser Hausmann sich für etwas anderes hielt.
Nach der Prüfung würde mein Leben richtig anfangen. Durch die Welt reisen, in guten Küchen arbeiten, mich zum Küchenchef hocharbeiten, Kellnerinnen vernaschen...
Die erste Ahnung, dass es anders laufen könnte, bekam ich beim Eintreffen der Ergebnisse meiner theoretischen Prüfung. Eigentlich hatte ich genug Punkte für ein „befriedigend“ bekommen, aber irgendjemand hatte dieses ursprüngliche Ergebnis durchgestrichen und handschriftlich eine viel geringe Punktzahl angegeben, durch die ich nicht nur eine ganze Zensur nach unten rutschte, sondern obendrein auch noch bei der mündlichen Prüfung ums nackte Überleben kämpfen musste.
Entsprechend verunsichert sah ich der praktischen Prüfung entgegen, zumal ich außer dem Soufflé, dass mir mein Oberlehrling in dem halben Jahr unserer Zusammenarbeit gezeigt hatte, kein richtiges Dessert zuzubereiten gelernt hatte. Ansonsten konnte ich nur im Akkord Eis aus der Truhe schaufeln. Meine Chefin tat diese Tatsache einfach damit ab, dass man nichts gelernt haben müsste, wenn man nur genug Fantasie hätte und außerdem würde mir schließlich eine komplett ausgestattete Küche zur Verfügung stehen, um mich gefälligst autodidaktisch selber zum Experten zu machen. Der Lehrer, der uns in der Berufsschule praktisch unterrichtete, zeigte mir schließlich ein Dessert, bei dem man Gelatine verwandte. Leider erzählte ich meiner Chefin davon und sie überzeugte mich, dass es besser sei, ungefähr fünfmal so viel Gelatine zu verwenden. Bei der praktischen Prüfung erlitt dann einer der Küchenmeister wegen meines Desserts einen Wutausbruch. Derselbe Küchenmeister begegnete mir dann auch bei der mündlichen Prüfung und benutzte sie, um mich zu beschimpfen, was ich irgendwie gar nicht richtig mitbekam, weil wir bei dieser Prüfung zu dritt vor den Prüfern saßen und das Mädchen neben mir einen sehr kurzen Minirock trug. Die Prüfung war trotzdem ein Erfolg, denn sie brachte mich anschließend nach Hause.
So kam es, dass ich meinen Abschluss nur mit der denkbar schlechtesten Note schaffte.
Als ich meine ersten Bewerbungen zur Post brachte, traf ich in der Warteschlange vor dem Schalter eine von Kalles Ex-Freundinnen. Sie war nett und hübsch und machte mir auch immer wieder schöne Augen, aber natürlich kam sie für mich nicht in Frage, denn sie war wiederholt mit Kalle zusammen gewesen und Kalle und ich wollten uns nicht in die Quere kommen und hatten die Mädchen in unserer Heimatstadt darum strikt untereinander aufgeteilt. Nicole fand es sehr lustig, dass ich nun Koch war und stellte mir die Frage, ob ich auch „Nudeln“ mit zwei „d“ schrieb. Dann erkundigte sie sich nach meiner Note und war darüber geschockt. Sofort kam die Frage hinterher, ob ich etwa einen Prüfer gehabt hätte, dessen Name sich auf „Schwein“ reimte und der dafür bekannt war, sadistischen Chefs ein Gefallen zu tun und deren Auszubildende in der Abschlussprüfung mit allen Mitteln auf eine Vier oder Fünf zu drücken. Als sie mein verwundertes Gesicht sah, verriet sie mir, dass sie den Mann kannte.
„Woher das denn?“, fragte ich.
„Das ist ein Möchtegern-Kalle.“
„Was?“
„Ein Möchtegern-Casanova.“
„Hast du dich etwa von dem alten Sack in einer Disco anbaggern lassen?“, fragte ich.
„Nein, das ist der beste Freund von meinem früheren Chef.“
„Was hast du denn für Jobs!“, rief ich.
Sie war zwar keine meiner, aber eine Ex-Freundin von Kalle und hätte einen gewissen Stolz haben müssen.
„Ich habe gekellnert. In der Dorfkneipe, wo du die Weihnachtsfeiern gemacht hast.“
„Wann warst du denn da?“, fragte ich.
„Einige Zeit nach dir“, antwortete sie. „Ich habe dich nicht gesehen. Ich habe nur gehört, dass Rexy über dich geschimpft hat und immer noch auf dich sauer war, weil er deinetwegen Ärger mit dem Arbeitsamt oder so bekommen hatte.“
„Unglaublich“, knurrte ich.
„Darüber schimpft der heute noch“, sagte sie.
„Unglaublich“, wiederholte ich konsterniert.
„Und dein Prüfer...“
„Ich will das gar nicht wissen!“, unterbrach ich sie.
Endlich stand ich vorm Schalter.
„Ich habe es mir anders überlegt“, sagte ich zu dem Postbeamten.
„Was ist denn jetzt los?“, fragte Nicole.
„Ich bewerbe mich lieber irgendwo anders“, antwortete ich. „Möglichst weit weg. Im hohen Norden.“
„Das ist nicht weit.“
„Oder im Ausland.“
„Das ist auch nicht unbedingt weit weg.“
„In Bayern!“
„Oh Gott“, stöhnte sie. „Bist du so verzweifelt? Willst du es nicht lieber erst einmal bei der Fremdenlegion versuchen?“
„Nein.“
Ich versuchte zu verbergen, dass ich selber erschrocken war, dass ich „Bayern“ gesagt hatte. Aber jetzt gab es keinen Weg zurück. Ein Mann, ein Wort.
Außerdem war Blücher auch in Bayern.
Justines erste Wahl.
Ich würde ihr zeigen, dass ich genauso gut wie er war. Ich würde später dort eintreffen und ihn innerhalb eines halben Jahres karrieremäßig überholen und uneinholbar abhängen.
Dann würde sie schon sehen, was für einen Fehler sie gemacht hatte.


Fortsetzung folgt
Antwort auf Beitrag Nr.: 23.417.005 von Tueser am 12.08.06 17:39:29Teil 2: Auf der Flucht

1.
Beim Gespräch mit Nicole war mir wieder eingefallen, dass mein erster Küchenchef und auch mein Prüfer beide dafür bekannt waren, sich auf lokaler Ebene in der „Assoziation Deutscher Essenzubereiter“ zu engagieren. Jetzt sah ich mich mit der Möglichkeit konfrontiert, dass ich zusätzlich zu meiner Ausbilderin zumindest in unserem Bundesland auch noch eine Gruppe zum Feind hatte, die nach ihrem Selbstverständnis und Machtanspruch irgendwo zwischen der IG Metall und dem KGB rangierte.
ADE.
Vielleicht hatte ich immer noch eine berufliche Zukunft, wenn ich nach Norddeutschland ging. Oder nach England oder Holland oder in die französische Schweiz. Dann brauchte ich wenigstens keine neue und völlig fremde Sprache zu lernen. Andernfalls musste ich mich auf die andere Seite der Welt flüchten. Österreich, Texas oder gar Bayern.
Zu meiner Erleichterung bekam ich gleich mit der ersten Bewerbung eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch in einer ehemaligen Hansestadt. Dort hatte eine große Hotelkette gerade einen Ratskeller übernommen und suchte neue Leute. Wohnungen waren wesentlich schwerer zu bekommen. Jeder, der ein Zimmer zu vermieten hatte, kassierte dafür schon von bis zu einem halben Dutzend Aus- oder Übersiedlern und teilweise bezahlten sogar die Sozialämter diese Wuchermieten. Auf diese Weise wurde das deutsche Sozialsystem von habgierigen Hausbesitzern schon damals irreparabel beschädigt.
Um eine Wohnung zu kriegen, musste man nicht nur eine Wuchermiete bezahlen, sondern fünf. Zwei als Kaution und drei als Provision. Manche Vermieter gaben Anzeigen auf, in denen sie Mieter suchten, nur um von möglichst vielen Menschen eine fünffache Fantasie-Miete zu kassieren und sich dann mit der kompletten Beute in die Südsee abzusetzen.
„Können Sie mir auch bei der Wohnungssuche helfen?“, fragte ich, ehe ich die Stelle annahm.
„Was für eine Wohnung suchen Sie denn?“, fragte mein Gesprächspartner zurück.
Er war Mitte dreißig und trug einen teueren Anzug mit dazu passendem Schlips. In der Art von Gastronomie, für die ich bisher gearbeitet hatte, tauchten solche Leute wie er allenfalls als Gäste auf, und das auch nur, falls sie von einer Reifenpanne am Vorbeifahren gehindert wurden.
„Ich suche eine kleine Wohnung in irgendeinem bescheidenen Haus.“
„Haben wir nicht“, sagte er und polierte mit dem Handrücken seine Rolex.
„Dann kann ich hier nicht anfangen.“
„Ich kann ihnen eine Villa geben“, sagte er.
„Wie bitte?“
„Wir haben dieses Lokal trotz allem und sogar mit der alten Belegschaft übernommen, weil die Stadtverwaltung uns ein Grundstück in sehr prominenter Lage versprochen hat. Dort wollen wir ein neues Luxus-Hotel errichten. Leider wurde das zu früh bekannt und die Stadt ließ sich dann von Bürger-Protesten einschüchtern, die sich gegen den Abriss der alten Villa richten, die dort immer noch steht und sich tatsächlich noch in sehr gutem Zustand befindet.“
„Wirklich?“, fragte ich.
Mehr fiel mir nicht ein. Außer, in letzter Sekunde noch bei der letzten Silbe eine Augenbraue hochzuziehen, um mir den Anschein der Tiefgründigkeit zu geben.
„Der Hausmeister bringt ihnen eine Matraze. Alles andere müssen sie sich selber beschaffen. Ich gebe ihnen an ihrem ersten Arbeitstag den Hausschlüssel.“
„Eine Villa für mich ganz allein?“
„Nicht für sie ganz allein, aber fast. Sie haben eine sehr große Auswahl an Zimmern und wenn sie abends nach der Arbeit noch Bewegung brauchen, können sie dort fast uneingeschränkt umherwandern und alles entdecken.“
„Fast uneingeschränkt?“, fragte ich.
„Da wohnen schon zwei junge, hübsche Frauen, die ebenfalls für uns arbeiten und dort zumindest gelegentlich übernachten. Kellnerinnen.“
„Ich verstehe“, log ich.
„Kommt der Job für sie in Frage?“
„Ja, wenn ich mich nicht irre.“
„Und sie nehmen auch die Villa?“


Fortsetzung folgt


Beitrag zu dieser Diskussion schreiben


Es handelt sich hier um eine ältere Diskussion, daher ist das Schreiben in dieser Diskussion nicht mehr möglich. Bitte eröffnen Sie hier eine neue Diskussion.