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Hans-Peter Raddatz:Der Tausendjährige Krieg - 500 Beiträge pro Seite



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Die unendliche Geschichte Islam und Europa
In dieser Zeit richtet sich unser pluralistischer Blick auf den Nahen Osten. Mit den Hizbollah-Raketen auf den Judenstaat sowie dem Einmarsch der Israelis im Libanon erfährt der Friedensprozeß erneut einen Rückschlag. Die meisten Beobachter beschränken sich dabei allerdings auf das aktuelle Geschehen. Die Medien zeigen das Leid der Bevölkerung, verlieren jedoch kein Wort über ihre Schutzfunktion für die Hizbollah, deren Guerilla die israelischen Bomben gezielt in Kauf nimmt.
Während im Westen der historische Bezug verdrängt wird, spielt er im Islam eine große Rolle, die auch den Konflikt bestimmt. Die fünf Kriege, die die Araber seit 1948 gegen Israel verloren haben, konnten ihren Angriffswillen nicht mildern. Seit dem Abkommen von 1993 haben sich ihre Waffenarsenale und jährlichen Attentate vervielfacht.
Im Zentrum der arabischen Propaganda steht der Endsieg des Islam über den Nichtislam, den man mit Israel, den USA und der westlichen Zivilisation identifiziert. In Koran und Tradition seines Verkünders sei grundgelegt, der ganzen Welt den Frieden des Islam zu bringen, dem der Krieg vorausgehen müsse. Wenn man sich des tausendjährigen Erbes der Muslime erinnere, könne man auch wieder an ihre glorreichen Erfolge anknüpfen. Das muslimische Spanien, Saladin als Vernichter der Kreuzzügler und der Triumphzug der Osmanen seien Meilensteine auf dem Weg des Islam zur Weltherrschaft, die korrupte Muslimherrscher jedoch ständig verspielt hätten.
Eklatant ist der Gegensatz zur westlichen Sicht, die das Wort „Islam“ mit Frieden übersetzt. Der Krieg im Kontext des historischen Islam beschränke sich auf lokale Mißbrauchshandlungen. Hinter dem Begriff des Djihad, des heiligen Kriegs des Islam, verberge sich vielmehr eine spirituelle Anstrengung um den wahren Glauben, die sich im Inneren des muslimischen Menschen abspiele.
Wer hat recht? Kennen die westlichen Interpreten den Islam besser als die Muslime selbst? Oder setzen sie einfach den Kolonialismus fort, indem sie die Geschichte neu schreiben und den Menschen diktieren, was sie zu glauben haben? Fördern UNO, USA und EU die palästinensischen Terroristen mit Milliarden von Dollars, obwohl oder weil sie die islamische Dominanz fordern?
Alles Fragen, die der Friedenspreisträger und Milliardär Arafat beantwortete. Er vertrat die Traditionsregel, „aus der Vergangenheit zu lernen“, vor allem das Kriegskonzept des Verkünders Muhammad, dem auch alle maßgeblichen Theologen folgen. Indem der Krieg schlicht als Basis muslimischer Existenz und damit als Dauerzustand zu verstehen sei, gebe es auch keinen Frieden, allenfalls den Waffenstillstand, den noch Muhammad selbst auf höchstens 10 Jahre begrenzt habe.
Wer Respekt vor dem Islam hat, sollte also auch diesen Kriegswillen achten, der sich seit Anbeginn religiös motiviert und historisch oft bestätigt hat. Bislang hat die westliche Interpretation in der Ausbreitung des Islam und seines Umgangs mit den überwundenen Kulturen vornehmlich Merkmale des Friedens und der Toleranz festgestellt. Dem widerspricht wiederum das islamische Selbstverständnis. Muhammad Tantawi, oberste Autorität des Gegenwartsislam, sieht die Eroberung Spaniens zwischen 711 und 715 als Verteidigungskrieg, weil allein die Existenz von Nichtmuslimen eine Provokation des Islam bedeute.
Grundlage für diese Sicht sind die theologischen Giganten der islamischen Geschichte, die in einerm Jahrtausend konkreter Wechselwirkung zwischen Religion und politischer Herrschaft den Ausgleich mit anderen Religionen beseitigten. Sie erhoben die Scharia, das Gesetz Allahs, zum alleinigen Staatskonzept und setzten es als Legitimation islamischer Macht durch, wann und wo immer die eigenen Kräfte dazu ausreichten. Ausgehend von Koran und Muhammad, verfestigten sie ihre Religion zu einem existentiellen Gegenentwurf. Sie definierten sich aus dem Gegensatz zum Nichtislam, dem Unglauben, der in Gestalt der Juden und Christen jahrhundertelangem Druck ausgesetzt war und heute noch ist.
So ist es kein Zufall, daß das Christentum schon in früher Zeit vor der islamischen Expansion ins nordwestliche Europa auswich. Die dortigen Bekehrungen in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts verdanken sich wesentlich diesem Vorgang. Die Islamisierung des Mittelmeerraums, vor allem Nordafrikas, Siziliens und Süditaliens, hatte auch weitere Folgen. Es waren nicht nur theologische Differenzen, sondern auch die Kollaboration mit den Muslimen, die zur Entfremdung zwischen Rom und Ostrom (Byzanz) und dem Schisma von 1054 beitrugen.
Im modernen Bemühen des Westens um eine positive Sicht des Islam spielt das Toleranzmodell von Cordoba im Spanien des 10. Jahrhunderts eine große Rolle. Indem dessen kurze Blüte mit der Dynastie der Umayyaden endete, wurde ein Schisma der islamischen Art offenbar. Der islamischen Orthodoxie galten sie als satanische Kalifen, unter anderem weil sie den Juden und Christen Rechte einräumten, die über die eng gezogenen Grenzen der Scharia hinausgingen. Entsprechend hart fiel die Reaktion aus, als man im Massaker von 1066 die jüdische Gemeinde von Granada auslöschte, eine Maßnahme, die heute den westlichen Mythos von der jüdisch-islamischen Symbiose stört.
Den drastischen Schilderungen muslimischer Quellen zufolge wateten die Muslime im Blut ihrer Feinde. Im Westen kommt niemand auf die Idee, dieses Bild zu übernehmen, während man es in bezug auf die christlichen Kreuzfahrer gern verwendet. Sie sollen nicht nur die Aggression des Christentums, sondern auch den Beginn des westlichen Imperialismus verkörpern. Natürlich kann niemand, ob euro- oder islamozentrisch gesehen, im Blut waten, weil solches die nötige Opferzahl unrealistisch übersteigt.
Richtig ist dagegen, daß die lateinischen Christen ihren Kreuzzug im eigenen Lande mit Massakern an den Juden einleiteten. Im Heiligen Land selbst brachten sie nicht nur Muslime, sondern auch ihre orthodoxen Glaubensbrüder um, was das klerikale Aggressionspotential offenbarte. Um die Gläubigen jedoch zu solchen Taten aufzustacheln, mußten sie den christlichen Gedanken des Machtverzichts vom Aspekt der Versöhnung so weit befreien, daß eine islamähnliche Dominanzhaltung entstehen konnte. Das ändert nichts an der primären Motivation der Kreuzzüge, die durch die permanente Unsicherheit in der islamischen Region ausgelöst wurden. Marodierende Banden überfielen hier nicht nur die christlichen Pilger, sondern unterbrachen auch Handelswege in den Orient und schädigten damit konkrete Wirtschaftsinteressen.
Saladin, Friedensideal des Westens und Kriegsikone des Islam, setzte dem Kreuzzugsspuk ein Ende. Er war Spezialist für die Umsetzung des Djihad nach den Regeln der Scharia. Der Chronik zufolge lag ihm das Kriegshandwerk näher als Fasten und Wallfahrt, so daß er plante, die Franken bis in ihre fernen Länder zu verfolgen, um keinen auf der Oberfläche der Erde leben zu lassen, der nicht an Allah glaubt. Er konnte sich nicht nur auf Muhammad, sondern auch auf den bis heute hochgeehrten Theologen Al-Ghazali berufen: Allah vollbringt mit Schwert und Speer, was er nicht mit Beweisen erreicht.
Der Frühaufklärer Lessing hatte sich hier eine zwar islamisch, nicht jedoch historisch korrekte Leitfigur ausgesucht. Saladin räumte jeden Zweifel an der Ernsthaftigkeit seines Vorhabens aus. Mit Tötungsaktionen in mehreren Kreuzfahrerstädten sowie der blutigen Rückeroberung von Jerusalem wurde das Jahr 1187 zum Symbol der Vernichtung des Unglaubens - wie es hieß, um dem Islam Leben zu geben. Diese Einsicht erwies sich als seherisch, denn das folgende Jahrhundert bestätigte den Niedergang der fremden Präsenz.
Mit der endgültigen Vertreibung der Kreuzfahrer 1291 sowie der Eroberung von Konstantinopel 1453 verbanden sich Massenfluchten von Griechen, die eine Renaissance der antiken Philosophie sowie den Transfer orientalischer Wissenschaft, vor allem der Optik und Kartographie, in Gang setzten. In der westlichen Sicht stellt sich dieser intellektuell begrenzte Vorgang als enorme Befruchtung dar, ohne die das Abendland kaum zustande gekommen wäre.
Der belgische Historiker Pirenne sieht die orientalische Verdrängung Europas aus dem östlichen Mittelmeer als einen Impuls, der es nötigte, eigene Kräfte zu entwickeln. Nach seinem britischen Kollegen Roberts war die islamische Zivilisation der Amboß, auf dem die christlichen Ideen und Einstellungen geschmiedet wurden. Demnach war kein Christentum ohne Formgebung durch den Islam denkbar. Also brauchte man vielleicht sogar die islamische Aggression, um überhaupt die Vorzüge des Abendlands aktivieren zu können.
Während sich in Spanien die Reconquista vollzog und die Entdeckung Amerikas die Neuzeit einleitete, öffnete sich die epochale Expansion der Osmanen nach Europa. Dieses Geschehen wurde in der Hauptsache vom Genozid an den Ungarn und den spektakulären Feldzügen von 1529 und 1683 gegen Österreich bestimmt. Aus viel diskutierten, letztlich unklaren Gründen zögerte man in der zweiten Belagerung, die sturmreife Stadt einzunehmen und ließ die historische Gunst der Stunde verstreichen. So konnte die westliche Gegenseite - zusammen mit Rußland - dem kranken Mann am Bosporus Kolonie für Kolonie abnehmen und 1924 schließlich auch das Kalifat beenden.
Den weiträumigen Begegnungen der beiden Kulturen in Spanien, Orient und Balkan scheinen Phasen der Stärke und Schwäche gemeinsam, in denen sie sich mit Wellen der Expansion und Reaktion abwechseln. Allerdings konnte trotz ihrer Ähnlichkeit die Motivation kaum unterschiedlicher sein. Von den frühislamischen Angriffsdekreten bis zu den Manifesten der heutigen Theologen und Terroristen zieht sich der Hinweis auf den Auftrag Allahs zur Beseitigung des Unglaubens, der ein göttliches Recht auf Gewalt verleiht .
Europa verfügt über eine solche Kontinuität nicht. Seinen Expansionen lag weniger das religiöse, sondern eher das kommerzielle Motiv zugrunde. Zwar kam es keineswegs ohne Gewalt aus, doch erscheint sie als Mittel zum Zweck, das im Bedarfsfall den Zugang zu Rohstoffen und Handelswegen brachial sicherte. Solcher Pragmatismus nutzte sogar auch innerislamische Gewalt kommerziell, indem z.B. Italiener und Russen den Sklaven- und Frauenhandel besetzten. Zu keiner Zeit schrieb man dabei den Muslimen diffamierende Kennzeichen oder Einschränkungen vor, wie sie der Islam - unter Berufung auf die Religion - seinen Minderheiten verordnet, wenn er stark genug ist.
Die Globalisierung könnte den Muslimen nun die Chance bieten, den Tausendjährigen Krieg fortzusetzen. Die Bedingungen sind entscheidend verbessert, weil das europäische Schulddenken dem islamischen Kriegswillen Vorschub leistet. Auch wenn ihr Öl zur Neige geht, werden die Muslime ihre laufende Moschee-Offensive mit dem Zuckerbrot des islamischen Friedens und der Peitsche des islamistischen Terrors verstärken. Denn zunehmend schiebt sich auch das Geld, das Öl der Banken, in den Vordergrund, das bereits jetzt die Gewichte im globalen Wirtschaftsprozess verändert.
So komplex die Dinge hier liegen, so einfach erscheint eine Prognose: Mit dem Schicksal Israels entscheidet sich das Schicksal Europas. Ändern politische Führung und ihr medialer Arm ihr derzeitiges Islambild nicht, wird es sich islamischen Vorstellungen annähern, ohne Frieden zu schaffen. Denn bei dem universalen Anspruch des Islam bedeutet dies langfristig, daß man sich gegen den Nichtislam, gegen die Menschen Europas, ihre Kultur, die Demokratie und – Israel wenden muß.

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