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Fortschritt oder die gewünschte Zukunft ? - 500 Beiträge pro Seite



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Fortschritt ?

Es ist sechs Uhr morgens und der Wecker klingelt fürchterlich.
Ich rappele mich aus dem Bett hoch und bemerke meine schlechte Laune.
In solchen Momenten bin ich sprechfaul, also bekommt der Wecker, besser der Modemableger, mit der Faust eins auf die Taste.
Endlich hält er die Klappe.
Nach der Toilette kommt die obligatorische Dusche. Ich lege meine Hand rechts von der Dusche auf die besonders gekennzeichnete Platte.
Der Computer registriert meine Fingerabdrücke und stellt die Temparatur auf meine Bedürfnisse ein. 39 Grad.
Meiner Frau ist das zu heiß. Sie hat sich 35 Grad eingestellt.
Die weibliche, angenehme Stimme des Computers sagt: „Puls 65 - Normal. Blutdruck 130 zu 85 - Normal."
Das Danke spare ich mir heute morgen. Der Computer würde es eh nicht verstehen. Ein Programm zur Erkennung oder Messung der individuellen Stimmungslage der Hausbewohner hat man bis heute nicht kreieren können.
Zu viele Variablen müßten durch den Rechner ausgewertet werden.
Versuche hat es gegeben, aber die Trefferquote war miserabel.

Nach fünf Minuten (Wasser ist teuer!) kommt für eine halbe Minute eiskaltes Wasser, dann für eine halbe Minute heißes und dann nochmals kalt.
Nach der Dusche ist Rasur ist angesagt.
Ich merke, daß mein Gehirn langsam anfängt zu arbeiten.
Ich sage: „Computer: Anweisung: Nachrichten - Aktien - Finanzen"
Er antwortet: „ Guten morgen, Ronny. Der Dow Jones schloß gestern abend mit 28.478,14. Das sind ein Plus von 217,99 Zählern oder 0,771%".
„Computer", unterbreche ich seine Redefluß, „Anweisung: Indizes gerundet, ohne Kommastellen".
„Verstanden, Ronny", antwortet dieser.
Manchmal kann man es auch übertreiben, denke ich bei mir und rasiere mich weiter.
Während ich weitermache, muß ich an die Anfänge dieses Computersystems denken.
AOL und YAHOO waren die ersten auf dem Markt. CISCO und IBM zogen aber schnell nach. Alle haben versucht ihren „Standard" durchzusetzen, was aber keinem gelang. Das ging drei Jahre so, bis man sich zusammensetzte und eine gemeinsame Struktur erstellte.
Die ersten, die sich so ein Haussystem angeschafft hatten, brauchten anschließend ein teures Update. Dumm gelaufen.
Der Gipfel aber war, das trotz Einigung der Streit weiterging.
Eigentlich war das Kinderkram. Es ging schlichtweg nur um die Prozedure, nach welcher Anweisung der Computer reagieren sollte.
Die Einen favorisierten das Wort „Order". Andere „Compu". Wieder andere waren für"Net" bzw. I-Net" usw.
Das einzige gemeinsame war die englische Sprache.
Das blöde ist nur, das einige Wörter in den verschiedenen Sprachen vom Klang her andere Bedeutungen haben.
Man stelle sich vor, in einer netten Freudesrunde Samstags abend im Gespräch.
In irgend einem Satz kommen die Wörter „Kommst du" vor. Klingt dem Compu sehr ähnlich. Spätesten nach dem sechsten Bier.
Oder man sagt: „Oh, das ist aber nett.". Dem englischen Netz sehr ähnlich, nicht wahr ?
Und stelle man sich die Bayern vor, wenn die sagen wollen: „Ich nicht".
Klingt bestimmt wie I-Net.
Irgendwann sah man ein, daß dies Kinderkram ist und einigte sich darauf, dem Kunden größere Freiheiten einzuräumen.
Jetzt kann jeder frei wählen. Allerdings müssen es immer zwei Wörter sein.
Hilfreich war eine Liste mit Vorschlägen, die die Firmen beilegen.
„Nokia. Plus 2,25", sagt mein Computer gerade.
Meine Gedanken gehen zu den Aktienkursen.
30 Werte habe ich auf meiner Watchlist. Zu jeder Tageszeit kann ich mir die Kurse sagen lassen. Alles voreingestellt. Der Rechner klinkt sich ins I-Net und fragt die entsprechenden Seiten ab. Kaufen und verkaufen geht genauso einfach.
Für die Finanz-News ruft der Rechner die Internationalen Neuigkeiten von YAHOO ab und für Deutschland habe ich Ariva und Wallstreet-Online eingestellt.
Da Yahoo in Englisch ist (Die Deutsche Homepage ist seltsamerweise nicht so aktuell ?) habe ich den Translator dazwischengeschaltet, so daß ich meine Nachrichten trotzdem auf deutsch bekomme.
Klingt ab und zu zwar immer noch komisch, aber immer verständlich.
Ist schon eine tolle Sache. Ich war sowieso immer zu faul fürs Vokabeln lernen.
„Der Finanzminister Zeitinger stellte gestern abend bei der Berliner Runde Steuererleichterungen fürs nächstes Jahr in Aussicht ..."
Das ist immer dasselbe. Seit ich mich für Politik interessiere, stellen die Jungs etwas in Aussicht.
Klar. Nächstes Jahr sind Wahlen.
Schaue ich aber mehrere Jahre zurück, muß ich immer festellen, das wir mehr Steuern bezahlen, als je zuvor. Da brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn immer mehr Anleger ihre Konten bei ausländischen DirectBrokern haben.
Ich grinse vor mich hin.
Autsch, jetzt habe ich mich geschnitten.
Ich sollte doch irgendwann auf den elektrischen Rasierer umsteigen, denke ich zum hundersten Male und zum hundersten Male werde ich mich nicht dazu durchringen können. Das ist meine Art, die Vergangenheit zu wahren.

Auch ich habe ein ausländisches Konto. Da bekommt das Finanzamt keine Nase dran und schuld daran ist INTERSHOP und HEYDE.
Die haben eine Verschlüsselungstechnik entwickelt, die wirklich nicht mehr zu knacken ist. Die technischen Details sind mir entfallen.
Was mich aber besonders gefreut hat, war zum ersten Mal die Möglichkeit im Netz zu surfen, ohne von den Amis überwacht werden zu können.
Wie hieß dieser 40.000 Mann starker Geheimdienst, der sich hauptsächlich auf Wirtschaftsspionage spezialisiert hat, und bei dem die Amis erst ihren Quellcode offen legen mußten, bevor auch nur eine Software ins Ausland verkauft werden durfte?
Die komischerweise eine Außenstelle in Pullach haben. Neben einer großen Poststation (nicht Postamt-Fernmelde). Direkt neben dem deutschen Nachrichtendienst. Seltsam. Nicht wahr ?
Ist aber wahr.
Die deutsche Bank benutzte viele Jahre Lotus Notes. Die Amis konnten jede Mail lesen. Auch die besonders Verschlüsselten. Und die blöden Deutschen haben sich das alles gefallen lassen, obwohl informierte Regierungskreise sehr wohl wußten, was da abging. Zum Nachteil der deutschen Wirtschaft.
(Anm. des Verfassers: Ist wirklich so wie beschrieben)
Also wie hieß dieser Geheimdienst ?
Verdammt, habe ich vergessen. Egal. Könnte ja jetzt den Rechner fragen.
Der würde in meiner privaten Datenbank nachsehen.
Darin habe ich alle für mich wichtige Artikel bzw. Nachrichten gespeichert.
Fein geordnet in 24 Kategorien. Würde sonst den Überblick verlieren.
Ein riesiges Ding. Mein Gott, jetzt Rede ich bei einer Datenbank schon von Ding. Geht eben ins Fleisch und Blut über.
Eine 24 Bücher umfassendes Lexikon würde dort rund 1 Milliarde mal rein passen. Na ja, die Datenbank muß schließlich auch Bilder archivieren. Da kann es schon mal eng werden. Außerdem gibt es noch Millionen Datenbanken im I-Net. Fast kostenfrei.
Aber nachfragen muß jetzt nicht sein.
Jedenfalls, bekommt kein Geheimdienst oder Staat der Welt, die Nase an des Bürgers Finanzgebahren. War mir ein innerlicher Parteitag.

Natürlich haben die Amis geschlafen. Die haben immer die großen der Branche ausspioniert, aber INTERSHOP und HEYDE hat diese Software entwickelt bevor sie Weltmarktführer wurden. Natürlich haben die alles möglische versucht, die Einführung zu verhindern. Bis zum drohenden Wirtschaftsembargo. Allerdings vergaßen sie die inzwischen gewonnende Marktmacht der EG. Mußten sehr schnell klein beigeben.
Vielleicht hätten die Amis etwas erreicht, als alle Welt noch von Bill Gates abhängig war. Aber die Anti-Trust Behörde hatte Microsoft im Jahre 2002 in fünf sogenannte Baby-Softs zerschlagen. Wie damals bei AT&T.
Und genau wie die Ableger von AT&T sind die Baby-Softs auch heute wieder gut im Geschäft. Richtige Konzerne, aber ohne jemals wieder ihre alte Vormachtstellung zurückzugewinnen.
Der reichste Mann der Welt ist Bill Gates auch heute noch, aber nicht mehr der mächtigste. Man hatte ihm die Krallen gestutzt. Einfluß hat er aber immer noch. Schließlich ist er direkt oder indirekt an über 400 Firmen beteiligt (so genau weis er das selber nicht), aber keiner der Firmen ist eine Nummer Eins.
Inzwischen war ich mit dem Badezimmer fertig. Als ich meine Küche betrete, läuft der erste Kaffee in die bereitgestellte Tasse.
„Was wünschst du dir heute zu Mittag, Ronny", fragt mich der Computer.
„Mache mir ein paar Vorschläge", entgegne ich.
Das mache ich fast immer, weil ich zu faul bin, darüber nachzudenken, aber ich konnte mir vorstellen, wie der Rechner jetzt seine Datenbanken durchging und abwägte, jawohl abwägte, welches Menue ich heute favorisieren würde, von denen, die ich schon längere Zeit nicht mehr hatte.
Notfalls würde der Rechner sich die neuesten Rezepte irgendwo aus dem Netz besorgen.
Anschließend kommt die Überprüfung des Bestandes im Kühlschrank und Vorratsraumes und der automatische Einkauf der fehlende Artikel.
Selber holen brauche ich nichts mehr. Ich könnte mich in diesen Vorgang sogar reinmischen. Dafür brauche ich nichts weiter zu tun, als mir die Waren auf dem Bildschirm zu holen. Dreidimensional. Ohne diese lästige 3-D Brille. Selbst das Flair vergangener Tage könnte ich mir dazu schalten und hätte das Gefühl, tatsächlich in einem Supermarkt zu sein.
Aber wer braucht sowas noch ?
Jetzt aber Schluß mit dem Kram und ich konzentriere mich auf meine bevorstehende Arbeit.
„Computer: Anweisung: Bildverbindung mit Finn Preston".
„Verstanden, Ronny. Translator wird zwischengeschaltet".
Ich wußte natürlich, daß es jetzt bei Finn Preston kurz nach Mitternacht war, und das er unter Umständen schon im Bett lag und schlief.
Aber wer für mich arbeitete, mußte allseits bereit sein.
Das war inzwischen allgemein üblich und ich bildete keine Ausnahme.

Die ehemals mächtigen Gewerkschaften hatten am Anfang noch aufgemuckt.
Aber deren Macht sind wir umgangen, indem wir eine neue Art von Arbeitsplätzen und Arbeitsverträgen kreierten. Die Bildschirmarbeit von zu Hause aus. Das besondere aber war, das die meisten Mitarbeiter für mehrere Firmen arbeiteten. Gewerkschaft ade. Zumindesten meistens. Rund 95% der Arbeit wurde zu Hause erledigt.
Nur bei ganz schwierigen Verhandlungen und natürlich bei Vertragsabschlüssen traf man sich noch persönlich. Dank elektronischen Unterschriften mit Rechtsbestand vor Gericht, war das zwar nicht mehr nötig, aber so ein Handschlag von Mann zu Mann mit anschließendem Barbesuch auf Firmenkosten hatte etwas für sich.
Die wenigsten Manager wollten da auf ihre letzten erhabenen Privilegien verzichten. Es sei denn, man stand einer Frau gegenüber und das passiert heutzutage immer öfter.
Das waren noch Zeiten in den Achtzigern und Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts, als die Frauen als Bosse noch selten waren. Besser, so gut wie nie.
Na ja, irgendwann ändern sich die Dinge immer. So auch diese, dachte ich wehmütig. (Anm. des Verfassers: Ich glaube gerade ist mir der Macho durchgegangen. Ich tue auch 5 Mark in die Machokasse - Ehrlich!)

Am Anfang haben mir die Gewerkschaften noch etwas leid getan. Die hatten den Zug der Zeit verpaßt und hingen noch an Werten aus dem 18. Jahrhundert. Sozusagen, sich selbst überlebende Dinosaurier.
Das Mitleid hat aber nicht lange angehalten. Irgendwann begannen sie sich umzustellen. Sie haben ihre Lektionen dann schnell und vor allem gründlich gelernt.
Heute sind sie die schlimmsten Arbeitgeber wie zur Zeiten der Neuen Heimat und COOP. (Anmerk. COOP bezahlte ihre Angestellte als Gewerkschaftsbetrieb unter eigenem Tarif. Ehrenwort. Ist die Wahrheit).
Da gebe ich als „Freier" meinen Leuten mehr Freiheit.
„Verbindung konnte nicht hergestellt werden", meldete sich der Computer.
Verdammt, dachte ich, der wird doch nicht wagen, sich mir zu verweigern ?
Wahrscheinlich liegt der wieder auf seiner 15-zehnten Freundin von diesem Jahr, dieser Frauenheld. Dabei weis er ganz genau, wie dringend ich seine Ausarbeitung für die nächste Verhandlung brauche.

Ich glaube, daß war nun sein letzter Auftrag.

Da ich Anstand besitze, werde ich ihm den doppelten Lohn bezahlen, damit er wenigstens die nächsten sechs Wochen über die Runden kommt.
Ansonsten kann er mich Mal. Es gibt auch zuverlässigere Mitarbeiter.
Einen Moment verspüre ich Mitleid, schließlich arbeitete Finn schon über acht Jahre für mich. Aber egal, schließlich merkte ich, wie ich schon in der Vergangenheitsform an ihn dachte.

ronny-d

PS: Diese nur zum Teil fiktive Geschichte ließe sich bestimmt fortführen, sollte aber nur als Anregung verstanden werden, über unsere und der unserer Kinder so ungewissen Zukunft nachzudenken.
Beispielsweise dieses alles verheißende I-Net oder die bedenklich stimmenden Kontrollmöglichkeiten durch Firmen oder Staaten, die zum Teil aber nicht erst in der Zukunft realisiert werden, sondern schon heute aktuell sind.

PPS: Ähnlichkeiten mit bestehenden Personen und Firmen, auch ehemaliger, sind gewollt.
Sehr schade.

Ist das Thema fürs Sofa zu ernst und wollt euch hier nur erholen ?

ronny
Hallo Ronny-D
ich wage mal die Prognose, das wird noch was.
zu ernst, nein, schau mal die Threads "Michelle" "Jugendstrafvollzug" "Kosovo" "Gewalt" und viele andere. Nein das nicht.
Aber schau mal auf die meisten Postings, reingeschaut, quer gelesen, Kurzantwort, das geht fast immer; aber hier muß man in Ruhe lesen, "verdauen", und qualifiziert anworten zu einem Thema, das einem bis vor 2 Minuten noch fremd war. ich tippe mal, es setzt sich noch und reift ;)
Und 30 mal gelesen ist auch schon was.

aufmunternde Grüße
laotzu
Mit dem qualifizierten Antworten ist das auf dem Sofa so ne Sache.....außer Asienfreund beherrscht diese Gabe wohl keiner hier. :):):):)
man denke nur an die frauenfreundliche Analysen....;)

Asienfreund
Hallo ihr zwei (tatsächlich Asiaten ?!),

danke für eure aufmunternden Worte.
Werde mich in Geduld fassen.
Habt ja recht.

ronny


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