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Kurssturz bei EM-TV stellt Analystentipps in Frage

Ihre Einschätzung wird oft wie der Spruch eines Orakels behandelt, ihre schriftlichen Bewertungen wie die in Stein gemeißelten Gebote der Weisen. Viele Anleger beobachten mit Argusaugen, ob Aktienanalysten ein börsennotiertes Wertpapier auf `Kauf` oder auf `Verkauf` setzen.

Ändern die mächtigen Experten in den gläsernen Türmen der Investmentbanken ihre Kurseinschätzung, so können sie damit bisweilen eine Aktie auf Talfahrt schicken oder in ungeahnte Höhen - je nachdem.

Ob Anleger allerdings gut damit beraten sind, ihre Millionen nach den Daumen-Rauf-Daumen-Runter-Bewegungen der hoch bezahlten Analysten zu investieren, ist mehr als fraglich. Noch selten wurde das Problem der Aktienanalyse so augenscheinlich deutlich wie beim Kurseinbruch von EM-TV. Nachdem das Medienunternehmen am vergangenen Montag bekannt geben musste, dass es bei den Umsätzen für das erste Halbjahr einen mindestens zweistelligen Millionenbetrag zu viel verbucht hatte, brach der Kurs des einstigen Darlings vom Neuen Markt um bis zu 30 Prozent ein.


Kaum wurde das Desaster bekannt, trat die Riege der Aktienanalysten geschlossen auf, um sachlich nüchtern und (scheinbar) fachkundig den Hintergrund für diese Schlamperei zu erklären. Man habe sich ja schon immer über die Verbuchungsmethoden des Medienwertes gewundert, hieß es da. Ihre Argumente: EM-TV - das binnen kurzer Zeit unter anderem die Muppets kaufte und sich an der Formel-1 beteiligte - habe offenbar so ungestüm eingekauft, dass es nicht mehr möglich war, sich auch noch um eine ordentliche Konzern-Buchhaltung zu kümmern.




Lukrative Kapitalmaßnahmen


Warum, so kann man sich da nur fragen, hatten dann aber so gut wie alle Analysten bislang beständig Kaufempfehlungen für EM-TV abgegeben? Sieht man von Ausnahmen ab, so ließen sie sich alle vom großspurigen Gerede des EM-TV-Bosses Thomas Haffa einlullen. Gewiss, man habe sich über die Buchhaltung gewundert und auch nachgefragt. Doch Haffa habe versichert, es sei alles in Ordnung. Man habe auch beim Kauf der Formel-1 gedacht, dass dort noch einige kartellrechtliche Fragen mit der EU auf EM-TV warten würden. Doch Haffa habe ihnen versichert, da gäbe es keine Probleme.


Gewundert? Gedacht? Ist es nicht die Aufgabe von Analysten, diesen Fragen akribisch nachzugehen? Ist es nicht ihre Verantwortung gegenüber den vertrauensvollen Anlegern, nicht auf Unternehmens-PR hineinzufallen? Natürlich. Doch die Gründe, warum bei EM-TV niemand zur Vorsicht mahnte, liegen auf der Hand. Denn dieselben Analysten, die die EM-TV-Aktie beurteilten, dieselben Banken, die Berichte erstellten, waren ständig darauf aus, lukrative Kapitalmaßnahmen für das imposant wachsende Unternehmen durchzuführen. Börsengang, Kapitalerhöhung, die Abwicklung der unzähligen Käufe von EM-TV - das brachte Geld. Es brachte anscheinend auch den Verlust der Unabhängigkeit. Wer den impulsiven EM-TV-Chef Thomas Haffa kennt, weiß, dass er es nie besonders lustig fand, wenn Investmentbanker einen allzu kritischen Blick auf sein Unternehmen warfen - und ließ das die Banker auch deutlich wissen.


Gleichzeitig war Haffa besonders geschickt darin, eine Fülle an Banken in seine Kapitalgeschäfte zu involvieren: Merrill Lynch, Credit Suisse, WestLB, Deutsche Bank. Sie alle verdienten fleißig an der Expansion von EM-TV. Mit dieser Taktik schaffte es Haffa, dass es bald so gut wie keinen wirklich unabhängigen Aktienanalysten für EM-TV gab. Und damit ist auch verständlich, warum die so wertvollen Aktienanalysen schnell zur Makulatur wurden. Zum Leidwesen der Anleger, die den Orakelsprüchen der Analysten vertraut haben.


© 2000 Financial Times Deutschland


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