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Schlaglicht: Der tödliche Alltag in der chilenischen Dikatur Pinochets - 500 Beiträge pro Seite



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Dieser Artikel zeigt beeindruckend, wie sich Diktaturen beider Bewältigung des täglichen Mordens und terrorisierens Organisieren..... schrecklich beklemmend...




Die Beifahrer der Diktatur
aus Buenos Aires und La Plata GABY WEBER

Der Esszimmertisch wird zum Zeugenstand. Um ihn herum haben sechs Gerichtsdiener Platz genommen, Staatsanwalt Felix Crous und die Richter Jorge Ballesteros und Leopoldo Schiffrin. Man sieht es dem Hausherrn an, er will kein Zeuge sein. Monatelang hat David Filc versucht, sich um die Vernehmung zu drücken. Nein, meint er, der heutige Besuch sei ihm nicht angekündigt worden. Er wolle sich später schriftlich äußern. Unruhig rutscht er im Trainingsanzug auf seinem Sessel herum. Langsam dämmert es ihm, dass er angesichts dieses Aufgebots um eine Aussage nicht herumkommen wird.

Seit einem Jahr stand sein Name auf der Zeugenliste des Juicio por la Verdad in La Plata. Das Wahrheitstribunal wurde vor drei Jahren ins Leben gerufen. Wegen der immer noch gültigen Amnestiegesetze kann es niemanden verurteilen oder bestrafen, es soll aber das Schicksal der während der Militärdiktatur Verschwundenen aufklären. Während der Gewaltherrschaft zwischen 1976 und 1983 ließen die Generäle 30.000 Regimegegner ermorden. Die meisten Leichen tauchten nie auf.

Verstrickt in die Morde waren auch die Konzerne, die damals ihre Fabriken von unbequemen Betriebsräten säuberten. Bei Mercedes Benz Argentina, heute DaimlerChrysler Argentina, "verschwanden" mindestens 14 Betriebsräte. Die Staatsanwaltschaft Nürnberg ermittelt unter dem Aktenzeichen 407 Js 41063/98 gegen die argentinische Tochter des Weltunternehmens wegen Beihilfe zum Mord. Konkrete Stellungnahmen zu den Vorwürfen haben Mutterkonzern und auch DaimlerChrysler Argentina nicht veröffentlicht.

Bei Mercedes Benz Argentina war David Filc, der demnächst 80 wird, bis 1982 Einkaufschef. Er hatte dem Wahrheitstribunal ein Attest geschickt. Herzkrank. Verhandlungs- und transportunfähig. Der Amtsarzt hatte es bestätigt. Doch Richter Schiffrin wollte sich nicht mit einer schriftlichen Erklärung zufrieden geben, und so hat das Tribunal eben Filc in seinem Haus in Buenos Aires aufgesucht, das gleich gegenüber dem Botanischen Garten liegt. Schiffrin hatte bereits den Gewerkschaftschef José Rodríguez (siehe Kasten) und die damaligen Manager von Mercedes vorgeladen.

Zum Beispiel Produktionschef Juan Tasselkraut. Auch gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft Nürnberg seit drei Jahren wegen Beihilfe zum Mord. Vor dem Tribunal im Landgericht von La Plata bestritt der 61-Jährige, Adressen von Betriebsaktivisten an Militärs weitergegeben zu haben, erwähnte aber, dass wegen der Betriebsräte damals die Produktivität auf 40 Prozent gefallen sei. Nach ihrer Ermordung habe wieder mit ausgelasteten Kapazitäten produziert werden können. Warum? "Wunder gibt es nicht, Euer Ehren", sagte Tasselkraut.

Justiziar Pablo Cueva. Der 74-Jährige hatte im Auftrag der Firma eine Liste mit Namen und Privatadressen der - später ermordeten - Betriebsräte an die Politische Polizei übergeben: "Ja, das ist meine Unterschrift", erklärte er. Ob das Unternehmen die Polizeireviere der Umgebung - berüchtigte Folterzentren - mit Spenden bedacht habe? Ja, dafür habe man jährlich zwei Millionen Dollar aufwenden können. So habe etwa die Firma, erinnerte sich Cueva lachend, der Armeekaserne Campo de Mayo medizinische Geräte zur Behandlung von Frühgeburten gespendet. Der Armeekaserne? Ruhe im Gerichtssaal. Jawoll, der Kaserne. Nicht dem Militärhospital, wo die Ehefrauen der Offiziere ihre Kinder zur Welt bringen? Nein. Der Kaserne. Dort waren während der Diktatur Schwangere gefangen, die Niederkunft wurde künstlich eingeleitet. Danach wurden sie gefoltert und ermordet, die Babys Militärs übergeben. Die von Mercedes gespendeten Geräte könnten dabei hilfreich gewesen sein.

Zwangsweise vorgeführt wurde Ruben Lavallen, Folterer und wegen Raubs eines Kindes von ermordeten Regimegegnern rechtskräftig verurteilt (siehe taz vom 10. 4. 2001). 1978 wurde er Werkschutzchef von Mercedes. "Ein lukrativer Job", erinnerte sich der 66-Jährige. Von Folter will er als Kommissariatsleiter nichts erfahren haben, in Sachen Kindesraub verweigerte er die Aussage. Gegen ihn haben jetzt Staatsanwalt und Nebenkläger Haftbefehl beantragt.


Die Vernehmung im Hause von David Filc. Schließlich redet er doch. "Ich war der Jude im Vorstand", erzählt er den Richtern, "DER Jude, bei DER Firma." Staatsanwalt Crous nickt. Hatte nicht der Deutsche Adolf Eichmann, bis 1945 verwaltungstechnisch für die "Endlösung" zuständig, bis zu seiner Entführung durch den Mossad im Mai 1960 bei Mercedes Benz Argentina gearbeitet? Filc bejaht. Seine eigene Familie, die in Warschau verblieben war, ermordeten die Nazis. Filc war zwei Monate vor Eichmanns Entführung in die Firma eingetreten. "Damals hatten bei Mercedes Benz noch zahlreiche SS-Leute das Sagen", berichtet er.

Die Entführung Eichmanns war in der Firma "ein Tabu". Ein Tabu war auch das Verschwinden der Betriebsräte in den Jahren 1976/77. Der Autorin dieses Artikels gegenüber hatte Filc gesagt, dass seine Firma die Gunst der Stunde - der Militärdiktatur genutzt und diese Leute als "Subversive" beschuldigt habe. Damals ein sicheres Todesurteil. Die näheren Umstände der Entführungen will Filc nicht gekannt haben, sein Arbeitsplatz war nicht die Fabrik draußen in González Catán, sondern die Zentrale Buenos Aires. Ob das "Verschwinden" des Betriebsrats nicht aufgefallen sei?, fragen ihn die Richter des Wahrheitstribunals. Doch, seinen Kollegen natürlich, diese Leute seien ja physisch verschwunden. Warum die Firma zehn Jahre lang den Witwen die Löhne weitergezahlt habe? Dafür sei nicht er, sondern der Personalchef zuständig gewesen. Und der ist tot.

Filc hatte ab Mai 1977 innerhalb des Direktoriums den Verkauf geleitet, sein größter Abnehmer von Lastwagen, Unimogs und Kriegsgerät aller Art war die Armee. Zu seinen Geschäftspartnern pflegte er auch sozialen Kontakt. Der Innenminister der Diktatur, Albano Hargindeguy, lud ihn zur Hochzeit seines Sohnes ein. Der besonders sadistische Oberbefehlshaber des 1. Heerescorps, Carlos Guillermo Suarez Mason, beschrieb ihm beim Mittagessen die Arbeit der ihm unterstehenden Folter- und Mordkommandos.

Der tägliche Kontakt zur Armee lief über den Vermittler Rodolfo Schneider. Dieser habe dafür viel Geld kassiert. Aber Schneider, inzwischen verstorben, habe auch hohe Ausgaben gehabt; er bezahlte die Schmiergelder an die Militärs und an den Gewerkschaftschef, José Rodríguez. "Wir wussten alle, womit Rodríguez seine Villa in Punta del Este bezahlt hat", spricht Filc den Richtern ins Mikrofon.

1982 schied Filc aus der Firma aus, seine Frau hatte ihn gedrängt. Er hatte einen Herzinfarkt erlitten und hielt auch den Widerspruch nicht mehr aus. Während er mit uniformierten Mördern beim cafecito übers Geschäft plauderte, wurden Verwandte seiner Frau als Guerilleros verfolgt; viele flüchteten ins Ausland. Ein Freund wollte zurückkehren, wurde jedoch an der paraguayischen Grenze verhaftet und schluckte eine Zyankalikapsel.

Im Laufe der Vernehmung taut Filc auf. Es scheint ihm gut zu tun, sich alles von der Seele zu reden. Impunidad, Straffreiheit, ist für ihn mehr als eine Parole. Er weiß, wie viele Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg unbehelligt am Rio de la Plata ihr Unwesen trieben. Er war Schatzmeister der Jüdischen Gemeinde, und die Attentäter auf das Gemeindehaus, bei dem 86 Menschen ums Leben kamen, sind bis heute nicht verurteilt. Die Mörder der Mercedes-Betriebsräte verstecken sich hinter Amnestiegesetzen.

Auf der Anrichte im Esszimmer steht ein gerahmtes Foto, sein Sohn Dani. Er ist 1984 nach Tel Aviv gezogen und leitet dort die Organisation "Ärzte für Menschenrechte". Als Arzt eines Reserveregiments hat er öffentlich dazu aufgerufen, keinen Dienst in den von Israel besetzten Gebieten zu leisten. Das kann mit Gefängnis bestraft werden. Filc senior ist stolz auf Dani. Lächelnd unterschreibt er das Protokoll, der Gerichtsdiener steckt die Kassette in den Briefumschlag und versiegelt ihn.

taz Nr. 6813 vom 30.7.2002, Seite 5, 226 Zeilen (TAZ-Bericht), GABY WEBER

taz muss sein
gute beziehungen zu den folterern
Der vergessliche Gewerkschaftsboss


Seit den 70er-Jahren leitet José Rodríguez die argentinische Automobilarbeitergewerkschaft Smata. Er hatte die linken Betriebsräte von Mercedes aus der Gewerkschaft ausgeschlossen, weil sie "von der Subversion adoptiert" waren, wie er am 4. November 1975 dem Justizministerium mitteilte. Ihre Namen gaben Smata-Funktionäre an die Werksleitung weiter, und diese gab sie an die Politische Polizei.

26 Jahre später, am 16. August 2001, musste Rodríguez vor dem "Wahrheitstribunal" aussagen. Der 67-Jährige erschien mit vier Leibwächtern. "Bei meinen Kindern und Enkelkindern schwöre ich, dass ich mit der Ermordung der Betriebsräte nichts zu tun habe", sagte Rodríguez. Nicht einmal an Verschwundene wollte er sich erinnern. Gewiss, Kollegen seien damals verhaftet worden. Dass sie gefoltert und ermordet wurden, will er erst nach der Diktatur erfahren haben. Ob er sich für die in seinen Augen "verhafteten" Mercedes-Kollegen eingesetzt habe? "Nein." Warum er dies unterlassen habe, konnte er nicht erklären. Die Überlebenden, die "Gruppe ehemaliger Mercedes-Arbeiter" kommentierten: "Jedes Mal, wenn ein Kollege verschwand, sprachen wir bei den Militärbehörden vor. War Rodríguez der Einzige, der von den Morden nichts wusste?"

Rodríguez ist auch Vizepräsident des Internationalen Metallgewerkschaftsbundes (IMB), der weltweit 23 Millionen Metallarbeiter vertritt. Im vergangenen November wurde Rodríguez in diesem Amt bestätigt. IMB-Präsident ist der Deutsche Klaus Zwickel. Vor der Wahl von Rodríguez lehnte Zwickels Büro das Angebot ab, ihm das Protokoll der Aussage vor dem Tribunal vom 16. August zuzusenden. Jetzt hat der österreichische Metallverband beim IMB in Genf eine Untersuchung beantragt. In Wien verfolgt man aufmerksam neue Vorwürfe, wonach Rodríguez an den Waffengeschäften mit der argentinischen Armee finanziell beteiligt war. GW

taz Nr. 6813 vom 30.7.2002, Seite 5, 34 TAZ-Bericht GW

taz muss sein
DT, da biste ja wieder! :)

Aber gleich mit so ´nem schweren Thema :confused:

g4
die kontinuität in der politik der eliten ist schon beeindruckend. auf der katholisch gesponserten rattenlinie (wer den film von max orphüls "hotel terminus" sich mal irgendwo ansehen kann, nichts wie rein. mehr aufklärung zu dem thema gibts nirgends) mit hilfe von ustascha-heiligenscheinen im vatikan findet die führerelite den weg nach lateinamerika und dort arbeit und brot in den folterdiktaturen von gnaden des cia. die wirtschaftliche elite läßt sich nicht lang bitten, greift ihre alten traditionen wieder auf und kooperiert. wie daimler schon damals in stuttgart als musterbetrieb des ns-regimes willig gefolgschaft leistete. das barackenlager für die russischen untermenschen hinter dem alten schützenhaus ist allerdings nicht mehr zu besichtigen.

waren wir nicht schon immer globalisiert? gleichviel ob bolivien oder chile oder argentinien ;)
Rat Line

Als "Rat Line", zu deutsch "Rattenlinie", bezeichneten die amerikanischen Alliierten den Fluchtweg vieler führender Nationalsozialisten und SS-Leute, der sie meist über Südtirol nach Rom und von dort aus vor allem in südamerikanische, aber auch arabische Staaten führte. Der Fluchtweg war schon früh vom amerikanischen Geheimdienst CIC (Army Counter-Intelligence Corps) entdeckt worden. Später nutzte der CIC die Fluchtroute für eigene Zwecke. Eine der zentralen Figuren ist der Rektor des Priesterkollegs "Collegio Teutonico", Alois Hudal. 1933 war Hudal von Staatssekretär Eugenio Kardinal Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., zum Bischof geweiht worden. Hudal besorgte den flüchtigen Nazis eine "Ausweiskarte" ("Carta di riconoscimento" ), die das "Österreichische Bureau", ein Pseudo-Konsulat, ausstellt. Zusätzlich wird eine quasi päpstliche Passhilfe installiert: päpstliche Hilfsstellen bezeugen die Identität und besorgen die Visa, das italienische Rote Kreuz beschafft die Pässe.


Eichmann 1950 auf der Überfahrt nach Argentinien

Die Nutznießer dieser Seilschaften sind z.B. der Architekt der Judenvernichtung, Adolf Eichmann (Tarnname "Ricardo Klement" ), SS-Standartenführer Walter Rauff, der die Gaswagen bauen ließ, der Auschwitz-Arzt Josef Mengele, Franz Stangl, Kommandant der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka sowie sein Vertreter Gustav Wagner. SS-Obersturmführer Friedrich Warzok, Leiter des Konzentrationslagers Lemberg-Janowka, flüchtete von Rom aus nach Kairo, ebenso Dr. Gerhard Bohne, Organisator der Nazi-Euthanasie. Hans-Ulrich Rudel, der höchstdekorierte Wehrmachtssoldat und Stuka-Flieger, schildert in seinem Buch "Viele Wege führen nach Rom", wie er 1948 mit seinem Gruppenkommandanten Herbert Bauer, seinem Bordschützen Ernst Niermann, dem Technischen Offizier Katschner und dem "Geschwaderkameraden" Zeltmann über die Alpen flüchtet und via Südtirol in Rom ankommt. Klaus Barbie, der SS-Hauptsturmführer aus Lyon, konnte mit Hilfe der "Rattenlinie" 1951 nach Bolivien fliehen. Ein anderer prominenter Nazi-Täter kann über die "Rattenlinie" nach Argentinien entkommen, nachdem er 1946 plötzlich spurlos aus dem Internierungslager in Rimini verschwunden war: SS-Offizier Erich Priebke, der 1994 schließlich durch ein US-amerikanisches Fernsehteam im südargentinischen Bariloche aufgespürt und an Italien ausgeliefert wird.

Neben der "Crème" des nationalsozialistischen Vernichtungsapparats erhielten auch viele kroatische Kollaborateure Unterstützung für die illegale Auswanderung auf der "Rattenlinie" des Bischof Hudal (z.B. der Kommandant des Konzentrationslagers Jasenovic, Dinko Sakic), Soldaten der Wlassow-Armee und Mitglieder und Hilfswillige östlicher SS-Divisionen, darunter sehr viele Ukrainer, um die sich Pius XII persönlich bemüht. Auch der fanatische Mussolini-Anhänger und Nazi-Kollaborateur Lucio Gelli findet seinen Weg auf der "Rattenlinie" nach Argentinien, wo er dem Diktator Juan Peron als Wirtschaftsberater dient, später nach Italien zurückkehrt und die Untergrundorganisation Propaganda Due (P2) aufbaut. Rudel wurde in Argentinien Militärberater. Peron empfing die europäischen Faschisten mit offenen Armen. Wie eine argentinische Historikerkommission 1998 feststellte, kamen 143 namhafte Nazis über die "Rattenlinie" nach Argentinien.
ein exemplarischer lebenslauf

Klaus Barbie
SS-Führer
1913
25. Oktober: Klaus Barbie wird in Bad Godesberg als unehelicher Sohn des Lehrers Nikolaus Barbie und der Lehrerin Anna Hees geboren.
1914
Januar: Hochzeit der Eltern.
1933
Tod des Vaters und des Bruders. Nach Barbies eigenen Aussagen stirbt der Vater an den Spätfolgen einer Verletzung, die er während des Ersten Weltkriegs an der Westfront im Kampf gegen die Franzosen erlitten hat. Diese familiäre Tragödie stürzt Barbie in Verzweiflung.
1933-1935
Mitglied der Hitlerjugend (HJ).
1934
Nach mehreren Anläufen macht Barbie in Trier das Abitur, ist jedoch zunächst arbeitslos. Er entscheidet sich, einen halbjährigen freiwilligen Arbeitsdienst in einem Arbeitslager der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) in Schleswig-Holstein abzuleisten. In dem Lager wird Barbie zu einem fanatischen Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie.
1935
]b]Begegnung mit Heinrich Himmler.
26. September: Barbie tritt in die Schutzstaffel (SS) ein und wird kurz darauf Mitarbeiter des Sicherheitsdiensts (SD) in Berlin, in dessen Auftrag er in der Stadt Juden und Homosexuelle verfolgt.[/b]
1936
Tätigkeit im SS-Oberabschnitt West, danach im Abschnitt Dortmund.
1937
1. Mai: Er tritt der NSDAP bei.
1940
20. April: Am 51. Geburtstag von Adolf Hitler wird Barbie zum SS-Untersturmführer ernannt.
25. April: Er heiratet Regine Willis.
29. Mai: Nach der Besetzung der Niederlande während der deutschen Westoffensive im Zweiten Weltkrieg wird Barbie dem SD in Amsterdam zugewiesen.
November: Er wird zum SS-Obersturmführer befördert.
1941/42
Tätigkeit bei der Sicherheitspolizei (Sipo) in Amsterdam, wo Barbie mit äußerster Brutalität gegen jüdische Bürger und "Feinde des Reiches" vorgeht.
1942
Mai: Barbie wird nach Gex in den besetzten Teil Frankreichs versetzt.
1942
November: Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die von der Vichy-Regierung verwaltete unbesetzte Südzone übernimmt er als Chef der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Lyon die Leitung der IV. Sektion der Sipo und des SD.
1942-1944
In dieser Funktion ist er für die Folterung und Ermordung von Mitgliedern der Résistance - unter ihnen Jean Moulin (1899-1943) - sowie für die Deportation von Juden verantwortlich. Seine Tätigkeit bringt Barbie den Beinamen "Der Schlächter von Lyon" ein.
1944
August: Rechtzeitig zum Zeitpunkt der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten verläßt Barbie Lyon und kehrt nach Deutschland zurück, wo er erneut beim SD-Abschnitt Dortmund eingesetzt wird.
9. November: Am sechsten Jahrestag der "Reichskristallnacht" wird er zum SS-Hauptsturmführer befördert.
ab 1945
Mai: Nach der deutschen Kapitulation wird der untergetauchte Barbie von französischen Behörden gesucht.
1947
16. Mai: Er wird in Abwesenheit von einem Gericht in Lyon zum Tode verurteilt.
1947-1951
Barbie ist als Agent für den amerikanischen Geheimdienst Counter Intelligence Corps (CIC) in Deutschland tätig.
1951
Mit Hilfe des CIC emigriert er nach Bolivien und läßt sich in der Haupstadt La Paz nieder.


1952
Bei der "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg laufen Ermittlungen gegen Barbie an.
28. November: In Lyon wird ihm wegen Greueltaten gegen die Zivilbevölkerung und den französischen Widerstand in der Juraregion erneut der Prozeß gemacht. Barbie wird zum Tode verurteilt.
1954
25. November: Ein dritter Prozeß, vor dem Militärgericht in Lyon, in dem Barbie für ein Massaker in St. Genis-Laval sowie für zahlreiche Erschießungen im Gefängnis Montluc in Lyon angeklagt wird, endet ebenfalls mit dem Todesurteil für den Angeklagten.
1957
7. Oktober: Unter dem Pseudonym Klaus Altmann nimmt Barbie die bolivianische Staatsbürgerschaft an.


ab 1964
Er ist als Berater der bolivianischen Militärregierung tätig.

1972
Januar: Die Beauftragte der "Internationalen Liga gegen Antisemitismus und Rassismus", Beate Klarsfeld (geb. 1939), spürt Barbie während ihrer Ermittlungen gegen NS-Verbrecher in La Paz auf.
ab 1972
Die deutsche Justiz und die französische Regierung fordern wiederholt Barbies Auslieferung. Frankreichs Staatspräsident Georges Pompidou (1911-1974) verlangt offiziell seine Auslieferung, wofür der oberste bolivianische Gerichtshof 5.000 Dollar verlangt, was von Pompidou jedoch abgelehnt wird.
1974
Barbie erklärt in einem Interview in La Paz, er sei stolz auf seine Tätigkeit während des Krieges, die dazu beigetragen habe, daß Frankreich heute keine sozialistische Republik sei.
1980
Barbie hilft General Luis García Meza (geb. 1933) bei seinem Staatsstreich in Bolivien.

1983
Januar: Nach der Einsetzung der demokratisch gewählten Regierung unter Hernán Siles Zuazo (1914-1996) in Bolivien wird Barbie festgenommen und nach Frankreich ausgewiesen.
1987
11. Mai - 4. Juli: Nach einem Auftritt zu Prozeßbeginn lehnt Barbie im folgenden seine Teilnahme für einen Großteil des Gerichtsverfahrens in Lyon ab. Wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit in 177 Fällen verurteilt ihn das Gericht zur Höchststrafe von lebenslanger Haft. Insgesamt legt man ihm die Deportation von mindestens 843 Menschen - Juden und französischen Widerstandskämpfern - aus Lyon und der Umgebung der Stadt zur Last.
1991
25. September: Klaus Barbie stirbt während der Haft in Lyon an Krebs.

(mkg)
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Franz-Josef Strauß (CSU) das Pinochet-Regime politisch unterstützt hat (als Lemming der USA). :mad: Was hat Strauß BK Helmut Schmidt angegiftet, weil die damalige von Schmidt geführte BuReg dieses menschenverabscheunde Regime kritisiert hat.

Aber genauso gut kann ich mich erinnern, wie Norbert Blüm das Pinochet-Regime, sogar vor Ort, kritisiert hat.
Meinen Respekt hat er dafür bis heute. :)

Das nur als kurzen Beitrag über drei dt. Politiker.

Gruß
dickdiver

P.S.: DT und antigone. Meinen Respekt. Sehr gute und lesenswerte Artikel.
Erich Priebke
Jahrgang 1914

Der ehemalige SS-Hauptsturmführer entzieht sich mit Hilfe der Nazi-Fluchtorganisation, die ihre Schützlinge über die "Rattenlinie" schleust, der alliierten Strafverfolgung. Zuvor konnte er aus einem Kriegsgefangenenlager bei Rimini fliehen. An der Organisation seiner Flucht war auch der Mitarbeiter der von Wilhelm Canaris geleiteten deutschen Abwehr, Reinhard Kopps, beteiligt, der nach 1945 im Büro von Bischof Hudal in Rom Beschäftigung fand. In Argentinien legte dieser sich später den "Künstlernamen" Juan Maler zu.

Am 24. März 1944 war Erich Priebke, engster Mitarbeiter des Gestapochefs Herbert Kappler in Rom, an der Erschießung von 335 Zivilisten in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom beteiligt. Als Racheakt wegen eines Partisanenangriffs, bei dem 32 Soldaten getötet wurden, werden auf Befehl Kapplers willkürlich Menschen in dem jüdischen Getto, teilweise auch in Krankenhäusern verhaftet und in den Steinbrüchen exekutiert.

1994 wird er in dem vornehmen argentinischen Kurort Bariloche aufgespürt und am 10. Mai verhaftet. Am 21. November 1994 wird er an Italien ausgeliefert. Sein langjähriger Anwalt in Argentinien ist Pedro Bianchi, der nicht nur viele deutsche Immigranten mit NS-Vergangenheit juristisch vertritt, wie etwa Wilfred von Oven, sondern auch argentinische Faschisten und Schergen der Militärjunta. Von bundesdeutscher Seite steht ihm der Szeneanwalt Günther Herzogenrath-Amelung, Regensburg, juristisch zur Seite. Reinhard Kopps, alias Juan Maler, der ebenfalls in Bariloche sein Domizil gefunden hatte, flüchtete nach der Verhaftung von Priebke nach Chile.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit findet am 3. April 1996 eine erste Anhörung vor einem Militärgericht in Rom statt, im darauffolgenden Monat wird der Prozess gegen ihn wegen des Massakers von 1944 eröffnet. In dem Verfahren bennennt Priebke den ehemaligen SS-Offizier Karl Hass, wohnhaft in Rom und Tatbeteiligter, als Zeugen. Dieser flüchtet in die Schweiz, kehrt dann aber freiwillig mit Polizeibegleitung zurück nach Italien. Italienische Belastungszeugen und der Nebenkläger Ricardo Mancini erhalten Drohbriefe und Drohanrufe. Am 1. August 1996 erklärt das Gericht die Tat für verjährt, Priebke kehrt nach Argentinien zurück.

Bereits zuvor hatte das Bundesjustizministerium einen Auslieferungsantrag an die Bundesrepublik ausgestellt, der im Falle eines Freispruchs von Priebke in Italien wirksam werden würde. Wegen vorliegender Indizien für die Vorbereitung seiner Flucht aus Argentinien wird Priebke unter Hausarrest gestellt. Das argentinische Bundesgericht beschließt im November dann jedoch seine Auslieferung an Italien, wo ihn ein Berufungsverfahren vor einem Militärtribunal sowie weitere Verfahren wegen der Erschießung von Gestapo-Gefangenen erwartet.

In dem Revisionsverfahren gegen Priebke, das im April 1997 beginnt, wird gleichzeitig gegen Karl Hass verhandelt. Im Oktober 1997 wird durch das Urteil aus dem Jahre 1996 wegen Befangenheit des Richters aufgehoben. In einem Interview mit der Tageszeitung Il Messagero vom Mai 1997 sagt Priebke, die Erschießung von 335 Geiseln im Zweiten Weltkrieg sei für ihn "eine Kleinigkeit" gewesen, vor Gericht jedoch macht er "Befehlsnotstand" geltend. Erich Priebke wird zu 15 Jahren Haft verurteilt, Hass zu zehn Jahren und acht Monaten, wobei jeweils zehn Jahre angerechnet wurden. Aus gesundheitlichen Gründen verbüßt Priebke die Strafe in Hausarrest. Seit der Verurteilung wird er von der braunen Knasthilfe HNG betreut.

Der umstrittene Berliner Historiker Ernst Nolte kritisiert die Entscheidung des römischen Gerichts gegenüber der Tageszeitung La Republicca. Nolte: "Daß im Klima jener Tage fünf Geiseln zuviel erschossen wurden als befohlen, stellt meiner Ansicht nach kein Kriegsverbrechen dar." Nolte plädiert ausserdem dafür, dass Kriegsverbrecher in hohem Alter gar nicht mehr angeklagt werden sollten.

Wie im April 2001 durch dpa-Meldung bekannt wird, prozessiert Priebke gegen zwei italienische Journalisten, die ihn in einem Artikel in La Stampa einen "Henker" genannt hatten. Priebke fühle sich dadurch verunglimpft und fordert Schadensersatz in Höhe von umgerechnet einer Million Mark. Priebke erklärte: "Henker?" Ich habe nur meine Pflicht getan." La Stampa lehnte bei dem ersten Gerichtstermin einen Vergleich ab, weshalb für den 24. Mai 2001 ein Prozesstermin anberaumt wurde. Priebkes Prozessierfreudigkeit richtet sich nun auch gegen den 82-jährigen Filmproduzenten Artur Brauner, der selbst Überlebender des Holocaust ist. In einem Interview hatte Brauner ihn als "Massenmörder" bezeichnet. Priebkes Anwalt hat Klage auf Unterlassung vor dem Landgericht München-Fürth eingereicht. Begründung: Die Erschießung sei ein militärischer Akt gewesen. Schon im Jahr zuvor wollte Priebke vergeblich einen italienischen Journalisten auf Schadensersatz in Höhe von mehreren hunderttausend Mark wegen Verunglimpfung verklagen. In dem aktuellen Verfahren wird er von dem Hersbrucker Rechtsanwalt Richard Pemsel vertreten, der selbst mehrfach als Autor in rechtsextremen Publikationsorganen hervorgetreten ist.

Mit der Entscheidung vom 31. Mai 2001 wies das Landgericht Nürnberg-Fürth die Klage Priebkes zurück. Priebke darf auch weiterhin als «Kriegsverbrecher» mit «Zigtausenden auf dem Gewissen» bezeichnet werden. Brauner habe damit nicht die Grenze einer zulässigen Meinungsäußerung überschritten. Die Richter verwiesen darauf, dass Priebke 1998 in Italien als «Kriegsverbrecher» zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Schon zuvor war Priebke mit der Verleumdungsklage in Italien gescheitert. Anwalt Pemsel hat allerdings angekündigt, sein Mandant wolle wegen der Nürnberger Entscheidung in Revision gehen.


Quellen:
Berichterstattung in der taz 1996-1998; Priebke prozessiert gegen italienische Journalisten, dpa, 3.4.01; Unfassbar: Alt-Nazi verklagt Artur Brauner, Berliner Kurier, 4.5.01; Priebke verklagt Journalist, taz/dpa 10.3.00; Ex-SS-Mann Priebke darf weiter Kriegsverbrecher genannt werden. dpa 31.4.01.
Wilfried von Oven (geb. 1912 in La Paz, Bolivien)

Wilfred von Oven war Mitglied der berüchtigten "Legion Condor" im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Faschisten (vgl. H-Ref: Guernica). Später war er im Reichspropagandaministerium beschäftigt, wo er zum Goebbels-Adjutanten aufsteigt. "Teilnehmer beim Feldzug in Polen, im Westen und auf dem Balkan in vorderster Front" (Eigenaussage von Oven).

Von Oven verließ im April 1945 das Reichsführerhauptquartier und lebte fünf Jahre unter falschem Namen in Kiel. Unter seinem richtigen Namen lebte er bereits ab 1949 in Argentinien. Mehr als 40.000 deutsche Nazis, darunter viele Kriegsverbrecher, wurden von Diktator Juan Peron mit offenen Armen empfangen. Nach dem Erlass des "Ersten Straffreiheitsgesetzes" ging er 1950 mit seinem Tagebuch Mit Goebbels bis zum Ende an die Öffentlichkeit. Er wurde "entnazifiziert" und Mitarbeiter der Spiegel-Redaktion in Hannover, Mitarbeiter auch bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.). Ende 1951 ging er zurück nach Argentinien und arbeitete in Buenos Aires für den "Spiegel" als Auslandskorrespondent. Bereits nach kurzer Zeit übernahm Oven jedoch den Posten des Chefredakteurs der argentinischen Nazi-Zeitung "Freie Presse". Dort wurde er in die sog. "Eichmann-Runde" von Hans-Ulrich Rudel aufgenommen, der Perons Militärberater wurde. Wilfred von Oven schrieb auch für andere deutschsprachige Publikationen und gründet die Zeitschrift "La Plata Ruf", worin er holocaustleugnende Artikel veröffentlichte. 1962 gründete er den Dürer-Verlag in Buenos Aires. Ein weiterer Verlag zur Verbreitung des Schrifttums der "alten Kameraden" ist "Prometheus", ebenfalls mit Sitz in Buenos Aires.

Der heute 88-jährige Wilfred von Oven lebt in einem Bungalow in der Vorstadtsiedlung Bella Vista unweit von Buenos Aires. Seit 1983 ist er offiziell Rentner. Er besitzt nach wie vor die deutsche Staatsbürgerschaft. Sein Vertreter in rechtlichen Angelegenheiten ist Pedro Bianchi, der viele argentinische Faschisten und Schergen der Militärjunta vertritt. Darunter ist auch der gefürchtete Emilio Massera. Zu Bianchis Klientel gehören aber auch deutsche Immigranten mit nationalsozialistischer Vergangenheit, wie etwa der frühere SS-Mann Erich Priebke. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters im April 1998 bestritt von Oven die Zugehörigkeit zu der Nazi-Geheimorganisation "Odessa", bzw. deren Vorläuferorganisation "Die Spinne", die er anderen Informationen zufolge gemeinsam mit dem SS-Mann Erich Kernmayer ins Leben gerufen haben soll. Seinen Anwalt Pedro Bianchi beschenkte von Oven mit einem martialisch wirkenden Schwert, das neben einem eingravierten Hakenkreuz auch eine persönliche Widmung von Heinrich Himmler, dem Architekten der "Endlösung", trägt.

Von Oven ist Mitglied der Gesellschaft für freie Publizistik (GfP), Autor in Nation und Europa, Deutsche National-Zeitung, Chefredakteur der im Tübinger Grabert-Verlag erscheinenden Zeitschrift Deutschland in Geschichte und Gegenwart und schrieb das Vorwort zu Ingrid Weckerts Buch "Feuerzeichen". Er ist ferner Unterzeichner des Aufrufs des 1972 gegründeten "Freiheitlichen Rats", der die Generalamnestie für alle vor 1945 begangenen Straftaten fordert. Am 10. Mai 1994 tritt er als Referent beim Leserkreis Junge Freiheit auf. Sein Thema: "Die Psychologie der Massen". 1997 wird von Oven mit der Ulrich-von-Hutten-Medaille der Gesellschaft für freie Publizistik (GfP) ausgezeichnet, die er persönlich entgegennimmt. Daneben ist er aber auch in Belgien politisch aktiv, wo er sich bei der rechtsextremen Gruppierung AGIR in Liège engagiert. Politisches Ziel von AGIR ist die "Befreiung Walloniens" und eine strikte Ablehnung des multikulturellen Gedankens in Europa. Idee ist die "Festung Europa". (Europa)

Veröffentlichungen:
Mit Goebbels bis zum Ende, Grabert-Verlag (1974).

Quellen:
Mecklenburg; Opitz; Wagner; MC; Uki Goni: La estancia de Göring, La Nacion, Buenos Aires, 27.4.1997; Stephen Brown: Goebbels aide recalls "magic" eyes of Hitler, Reuters, 8.4.1998.
Hans-Ulrich Rudel(1916-1982)

Rudel war der höchstdekorierte Wehrmachtssoldat und Stuka-Flieger, er hatte den militärischen Rang eines Oberst. Nach einer Ausbildung zum technichen Offizier auf Sturzbombern und Aufklärern wurde er 1939 zum Leutnant ernannt und zunächst bei den Fernaufklärern eingesetzt sowie im Polenfeldzug. 1940 Oberleutnant, Teilnahme am Balkanfeldzug in Griechenland. Im Krieg gegen die Sowjetunion versenkte er viele Kriegsschiffe, weshalb er mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet wurde. Anfang Februar 1943 fliegt er seinen 1000. Feindflug. Beförderung zum Hauptmann. Im März 1944 geriet Rudel in sowjetische Kriegsgefangenschaft, konnte verwundet fliehen und zu Fuß zu den deutschen Linien zurückkehren. Rudel wird mit weiteren hohen militärischen Orden ausgezeichnet, Beförderung zum Oberst durch Hitler. Im Mai 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung 1946 betrieb er ein Fuhrunternehmen in Coeswig/Wesfalen. 1948 ging er über Österreich, Italien, Spanien und Portugal nach Argentinien, wo ihn der Diktator Peron zu seinem Luftwaffen-Berater machte. Gleichzeitig war Rudel Leiter einer für die argentinische Luftwaffe arbeitenden deutschen Flugzeugkonstrukteur-Fachleutegruppe der Firmen Focke-Wulff, Messerschmidt, Dornier und Daimler-Benz und soll damals zugleich auch argentinischer Mercedes-Benz-Vertreter gewesen sein.

Mit solcherart finanziellem Rahmen ausgestattet, war Rudel recht bald wieder politisch aktiv. Als Auffangstelle ehemaliger Nationalsozialisten in Argentinien sowie für ganz Südamerika dient das von ihm ins Leben gerufene Kameradenwerk, die "Eichmann-Runde". Nach dem Sturz Perons 1955 wich Rudel zum paraguayanischen Diktator Alfredo Stroessner aus. Seine Aktivitäten erstrecken sich rasch wieder auf deutsches Territorium. Seit 1950 tauchte er wiederholt und zum Teil illegal auf den Veranstaltungen diverser neonationalsozialistischer Organisationen auf. Aus seiner nach wie vor nationalsozialistischen Gesinnung machte er nie ein Hehl und war bis zu seinem Tod in verschiedenen rechtsextremen Organisationen tätig. Bereits 1951 übernimmt er die Schirmherrschaft über das rechtsradikale "Freikorps Deutschland". Wie andere NS-Prominente, unterstützte Rudel nach dem Verbot der Sozialistischen Reichspartei (SRP) die "Deutschen Reichspartei" (DRP) und trat 1953 in Hamburg als deren Spitzenkandidat im Bundestagswahlkampf an. Viele ehemalige Funktionäre der SRP fanden sich in der DRP zusammen. 1954 war er für das Deutsche Kulturwerk Europäischen Geistes (DKEG) als Vortragsreisender unterwegs. 1960 ermittelte der Generalbundesanwalt gegen Rudel wegen Geheimbündelei (!!!).

Seine Veröffentlichungen finden sich bei Schütz und dem Fleissner-Verlag. Der "Bund Heimattreuer Jugend" (BHJ) macht ihn zu seinem Ehrenmitglied. In den 70er Jahren erschien er bei Veranstaltungen der rechtsextremen "Deutschen Volksunion" (DVU) des Münchner Verlegers Gerhard Frey. Die DVU entwickelt sich fortan zu Rudels Schwerpunkt seiner politischen Aktivitäten. Im Oktober 1976 ist der Alt-Nazi Hans-Ulrich Rudel bei einem Traditionstreffen in einer Bundeswehrkaserne zugegen. Die beiden Luftwaffen-Generäle Walter Krupinski und Karl-Heinz Franke werden im November wegen Billigung und Verteidigung der Anwesenheit Rudels entlassen. Der Vorfall hatte nach lang anhaltenden Diskussionen in der Öffentlichkeit über das Demokratieverständnis in der Bundeswehr auch den Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers Leber zur Folge. Anläßlich Rudels Beerdigung kam es erneut zu einem Bundeswehr-Skandal, da zwei Phantom-Düsenjäger in niedriger Höhe den Ort der Beerdigung überflogen. Einige der Trauergäste salutierten am Grabe mit Hitlergruß, darunter der österreichische Neonazi Norbert Burger.

Gerhard Frey vermarktet über seinen FZ-Verlag Rudel mit diversen Devotionalien und Gedenkmünzen. Frey gründete auch den "Ehrenbund Rudel".


MC

Quellen:
Opitz S.407, 415; Assheuer/Sarkowicz S.15, 35, 104; Benz S.275, 291; Hundseder; bnr 15/96; Weiß: Biogr.Lexikon.
Alte und neue Nazis in Chile
Chile galt wegen seiner bedeutenden deutschstämmigen Bevölkerung als natürlicher Verbündeter des Nationalsozialismus und hatte während der Zeit Hitlers und Mussolinis eine eigenständige faschistische Bewegung. Deshalb flohen nach 1945 Nationalsozialisten in dieses Land. Der bekannteste ist Walter Rauff, der Erfinder der Gaswagen, in denen Juden ermordet wurden. Nach dem zweiten Weltkrieg und nach dem Militärputsch 1973 haben sich um die "Nazis in Chile" Mythen gebildet. Die Bedeutung des Nationalsozialismus in Chile wurde häufig überschätzt. Wir möchten hier drei Bücher erwähnen, die sich mit dem Thema befassen.

Jürgen Müller liefert mit Nationalsozialismus in Lateinamerika : die Auslandsorganisation der NSDAP in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko : 1931-1945 eine umfassende Studie zur "AO" (Auslandsorganisation der NSDAP, nicht zu verwechseln mit der NSDAP/OA, die heute in den USA besteht). Argentinien wird in diesem Buch am ausführlichsten behandelt, da dort die größte lateinamerikanische Landesgruppe der AO bestand. Müller widerlegt mit vielen Fakten die Überschätzung der AO durch die Alliierten als "fünfte Kolonne" (d.h. als feindliche Kolonne im eigenen Land). Die AO hat sich in internen Querelen und in Kämpfen mit den parallelen Machtstrukturen des NS-Staates (Auswärtiges Amt u.a.) zerrieben und keine ins Gewicht fallende politische Wirkung erzielt..

Die NSDAP verstand sich als Organisation aller Deutschen in der Welt. Deshalb hat sie den einzelnen Gauen einen überregionalen Gau, eben die AO, angegliedert, der für "Volksdeutsche" (Menschen deutscher Abstammung) und "Reichsdeutschen" (deutsche Staatsbürger im Ausland) zuständig war. Auch im Ausland wollte die NSDAP alle Vereine mit der Partei "gleichschalten" und übte Druck auf deutsche Kultur- und Sportvereine aus. Die deutschen evangelischen Gemeinden in Lateinamerika bekannten sich in ihrer Mehrheit zum Nationalsozialismus. Die Katholiken waren zurückhaltender. Insgesamt kam der Nationalsozialismus bei den in Lateinamerika lebenden Deutschen gut an. Dennoch hatte die AO Mühe, dieses Potential zu organisieren. In ganz Lateinamerika hatte die AO weniger als 6.000 Mitglieder, von denen viele nicht aktiv waren. In Chile waren es weniger als 1.000.

Die jeweiligen Staaten betrachteten das Wirken der AO als Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten. Mit der Vorstellung einer alldeutschen "Volksgemeinschaft", für die die AO zuständig sei, gaben sie sich nicht zufrieden. Nachbeginn des zweiten Weltkrieges waren die einzelnen Landesgruppen auch in neutralen Ländern von der Parteizentrale in Berlin abgeschnitten und fristeten ein Schattendasein.

Simone Schwarz vergleicht in Chile im Schatten faschistischer Bewegungen die eigenständige chilenische faschistische Bewegung MNS mit der AO und mit der 1970 gegründeten Bewegung "Patria y Liberdad" (Vaterland und Freiheit). Das Buch zeigt, wie bürokratisch die AO handelte und wie dynamisch der MNS war. Patria y Libertad war eine rechte Terrororganisation, die zum Militärputsch 1973 beitrug.

Über die heutigen Nazis in Chile schreiben Friedrich Paul Heller und Anton Maegerle in Die Sprache des Hasses. Das Buch enthält ein Kapitel zu dem chilenischen Esoteriker und Hitleranhänger Miguel Serrano und zu der deutschen Siedlung Colonia Dignidad (verg. F.P. Heller: Colonia Dignidad: von der Psychosekte zum Folterlager. Schmetterlingverlag: Stuttgart 1993). Heller und Maegerle berichten ausführlich vom "Ersten ideologischen internationalen Treffen zu Nationalität und Sozialismus" in Chile im Jahre 2000. Dieses Treffen fand vom 17. bis 21. April, also zum ersten Geburtstag Hitlers im neuen Jahrtausend, statt, obwohl die Presse berichtete, die Polizei habe es verhindert. Das Treffen war ein Höhepunkt innerhalb eines umfassenderen Organisationsansatzes und einer auf Jahre angelegten Zeitplanung. "Die Organisationsweise deutet auf eine Strategie der Gewinnung kultureller Hegemonie in relevanten gesellschaftlichen Bereichen hin. Offenbar hat das Konzept der Metapolitik Modell gestanden. Die Aktivisten setzen auf Langzeitstrategie. Für sie ist der Kongress eine Institution mit zahlreichen Verzweigungen und ein Treffen wie das im April 2000 ein Kristallisationspunkt ihrer Daueraktivitäten. Die Organisation besteht aus Zellen und offenen Gruppen, die Sympathisanten auffangen sollen. Je höher die Hierarchieebene, desto ausgeprägter die Esoterik", schreiben die Autoren. "Ideologisch huldigen die Kongressleute einem positiv gewendeten Rassismus, wie ihn die europäische Neue Rechte vorformuliert hat: Die Verschiedenheit der Rassen wird... anerkannt, aber Rassenmischung wird abgelehnt."

Jürgen Müller: Nationalsozialismus in Lateinamerika : die Auslandsorganisation der NSDAP in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko : 1931-1945. Stuttgart 1997, 564 S.

Simone Schwarz vergleicht in Chile im Schatten faschistischer Bewegungen. VAS-Verlag Frankfurt am Main 1997, 131 S.

Friedrich Paul Heller ; Anton Maegerle: Die Sprache des Hasses : Rechtsextremismus und völkische Esoterik.... Schmetterlingsverlag : Stuttgart 2001, 211

Das umfassenste Buch zum Thema gibt es leider nur auf Spanisch: Víctor Farías: Los Nazis en Chile. Seix Barral : Barcelona 2000
Ich erlaube mir, mich dem aufrichtigen Respekt für antigone & D.T. von Posting #7 für Ihre Berichte hier anzuschließen .

Habe leider keine Quellenangabe, und nur nebenbei:

Mir wurde erzählt, daß DaimlerBenz (inzw. ja mir Chrysler) in Deutschland die einzige Firma sei, die Tretminen herstellt.
wer sich mit rauffs ns-tätigkeit befassen will:
http://www2.ca.nizkor.org/ftp.cgi/people/r/rauff.walter/Walt…

Die Geschäfte von Dietrich Schwend und Klaus Barbie
In alliierter Haft schreibt ein deutscher Kriminalkommisar für den US-Geheimdienst CIC einen Bericht über einen in Meran lebenden deutschen Steuerflüchtling, der mit der Drohung ins KZ zu kommen, um Besitztümer gebracht werden sollte. Der Kommissar wird dadurch auf eine "Gruppe Wendig" aufmerksam.

Der "SS-Schatz"
Diese Gruppe arbeitet "im unmittelbaren Reichsauftrag" [...] "auf dem gesamten, von der deutschen Wehrmacht beherrschten europäischen Raum". Sie "tätigte [...] Rieseneinkäufe auf allen europäischen Plätzen." Trotz dauernder Devisenvergehen darf die Kripo nichts tun, da "die Gruppe Wendig im unmittelbaren Auftrag des Reichsführers-SS Himmler" handele und in ihrem Tun auch völlig freie Hand habe. Ihre Mitglieder traten "bald als biedere Kaufleute, dann wieder als Angehörige der Sicherheitspolizei, als Agenten der Gestapo, als Organe des SD oder als Angehörige einer Dienststelle der Waffen-SS" auf. Die Verkäufer von Schmuck, Villen usw wurden mit falschen Pfundnoten bezahlt. Eines der Verstecke war das Schloss eines Grafen, "offenbar ein Tunichtgut, der seinen Eltern sehr viel Sorgen machte". Ein Zimmer des Schlosses hatte eine hölzerne Scheindecke, in dem Wertgegenstände versteckt wurden. Damals ging das Gerücht, die Leute der Gruppe Wendig seien bemüht gewesen, "sich eine Brücke für spätere Zeiten zu schaffen".

Die "Gruppe Wendig" ist eine Gruppe um Friedrich Schwend alias Fritz Wendig. 1906 geboren, trat er 1932 der NSDAP bei, zahlte aber schon nach einigen Monaten seine Parteibeiträge nicht mehr.

Schwend geht nach Italien, wird dort als Spion für die Alliierten von den Deutschen verhaftet und vor die Wahl gestellt erschossen zu werden oder für das Reich zu arbeiten. Er arbeitet für das Reich. Als SS-Mann organisiert er die "Operation Bernhard", die darin besteht, britische und US-amerikanische Geldnoten zu fälschen, um damit die Wirtschaft dieser Länder zu untergraben und - was wohl der wirkliche Grund war - den zur Flucht bereiten Offizieren der SS eine Nachkriegsexistenz zu ermöglichen. Die Gruppe Wendig nutzt beim Ankauf von Sachwerten (ein Rembrandtgemälde, "ein Picasso und andere französische Maler in Hamburg gekauft" mit Falschgeld die Verfolgungssituation jüdischer Geschäftsleute aus. Über diese Operation, so schreibt Schwend später, waren "nur Kaltenbrunner und ich" informiert. Schwend reist 1941 in die USA, reist nach Ägypten, in die UDSSR und zahlreiche von den deutschen besetzte Länder. "Als Länderbeauftragter der dt. Kriegsführung [...] bekam [Schwend, Einfügung] vertrauliche Personalakten von den meisten Personen, die im dt. Einflussgebiet lebten", - Unterlagen, von denen er später in Lima prozessualen Gebrauch gegen Geschäftsleute machte, von denen etwas zu holen war. Gegen Kriegsende bringt die Gruppe Wertgegenstände in Sicherheit, meist in die Schweiz. Bei einer solche Fahrt ermordet Schwend einen Agenten. Für diesen Mord, den er bestreitet, wird er in Italien zum Tode verurteilt und ist deshalb jahrzehntelang auf der Flucht vor Interpol.

Schwend wird im Mai 1945 in Österreich verhaftet und einige US-Offiziere fahren mit ihm die Verstecke der Wertgegenstände ab, um sie zu konfiszieren. In Kriegsgefangenschaft sei er "von einem jüdischen Offizier ausgeraubt worden", schreibt Schwend später. Schwend wird freigelassen und - wie er behauptet - vom CIC als Agent "für Arbeits- und Interessenfeld jenseits des eisernen Vorhangs" angeworben. Er wandert - wiederum nach seiner eigenen Version - "Mit Billigung von SCI (gemeint ist wohl CIC) unter einem Decknamen nach Südamerika" aus. Schwend war ein ordentlicher Mann. Er hat nichts weggeworfen. Eine der Mappen in seinem Archiv enthält seine Pässe und die seiner Frau. Schwends lassen sich von der "Yugoslav Welfare Society" bescheinigen, dass sie Jugoslawen, genauer Kroaten, sind und dass er Wenceslav Turi und sie Hedda Moretti heißen. Die Akte enthält einen Ausweis des US-Military Government: "Hedda Schwend ist beim Flüchtlings-Kontrollausschuß der Militärregierung als Investigator beschäftigt, berechtigt, alle Flüchtlingslager und -quatiere zu betreten, Alle Deutschen Dienststellen werden angewiesen, ihr jede Hilfe zukommen zu lassen.". Schwends sind mal evangelisch, mal katholisch und bei der Einreise nach Venezuela Ende 1946 geben sie ihre Rasse als "ariana" (arisch) an. Schwend schreibt später, dass ihr Schiff vor dem Panamakanal eine Stunde warten musste wegen der zwei Jugoslawen an Bord. Schließlich lassen sich Schwends in Lima nieder.

Nun gilt es, die nicht konfiszierten Vermögen "zu realisieren". Sie sind im Privatbesitz, und jeder Deckname, jede Hypothek durch eine Scheingesellschaft (sie werden namentlich genannt), jeder Wechsel werden zum Problem, das mit Bestechung und Prozessen umgangen werden muss. Die "Realisierung" der Immobilien gelingt weitgehend, aber die Provisionen sind hoch. Bei den Schmuckstücken und Gemälden liegen sie bei 50%, wobei das Schmuggelgut - darunter der Picasso, den Prinz Hans von Lichtenstein traditionen gibt`s ;)über die Grenze bringt - weit unter seinem Wert verkauft wird. Um eine Tonne Vidiastahl, ein kriegswichtiges Krupperzeugnis, das die Schwend-Gruppe der Rüstungsindustrie entzog, das aber nach 1945 weniger wert war, gibt es jahrelangen Rechtsstreit, der schließlich kaum etwas einbringt.

Schwend reist 1946 als Turi noch einmal nach Europa. In Spanien, wo noch vor 1945 eine Bankengründung versucht worden war, versucht er mit anderen - offenbar ist Otto Skorzeny beteiligt - Brillanten zu verkaufen. Georg Spitz, ein Bankier, den Schwend während des Nationalsozialismus "als Juden" verteidigt zu haben vorgibt und der jedenfalls mit zu der Gruppe gehörte, soll nach Paris, um irgendetwas "auszulösen." Gegen Spitz, der sich nach dem Krieg in München als Bankier und Mitbesitzer einer Spielbank niederließ, führt Schwend später einen erbitterten Prozess. Ein "Brief Manuel an mich vom 5.5.47" kalkuliert unverklausuliert alle Möglichkeiten der Erpressung und Gegenerpressung durch (Falls er "davon überzeugt ist, daß Turi und Schwend ein und dieselbe Person sind ... wird er diese Kenntnis zu Chantajezwecke (Erpressungszwecken) benutzen" .

Soweit die Räuberpistole. Sie zeigt ein Milieu, das sich während des Nationalsozialismus und später unter den geflohenen Nazis in Lateinamerika als weit mehr erweist als eine Räuberpistole. Zum Dunstkreis Schwends in Meran gehörte auch Walter Rauff, der ihm Geld für Hotelspesen und Pässe für flüchtende Nazis abnötigte. In die fast ausgelassen-intrigante, gelegentlich zotige Korrespondenz Schwends ragt wortkarg und düster die Figur des Foltereres Klaus Barbie, Schwends wichtigter Geschäftspartner in Lateinamerika. Das Schwend-Archiv wirft ein bezeichnendes Licht auf die Ökonomie der Nazi-Organisationen nach 1945 und erlauben teilweise deren Rekonstruktion (Die Summen werden penibel angegeben). Offenbar ist die Rede von einem Großteil des von der Mythenbildung in unangemessener Romantisierung "SS-Schatz" genannten Kapitals, das die SS zu Flucht und Weiterleben nach dem zu erwartenden Sieg der Alliierten abgezweigt hat. Die Operation Bernhard deckt - das Zahngold aus den KZs einmal ausgenommen - wohl das meiste dieser Zukunftsvorsorge ab. Die gefälschten Banknoten wurden in einem See versenkt. Was blieb waren die Werte, die die Schwend-Gruppe rechtzeitig für dieses Geld erworben hatte. Was sie davon "für die gemeinsame Sache [...] ins Ausland transferieren konnte, war weit weniger als in der Rede vom "Schatz" unterstellt.

ODESSA
Das Prunkstück des Schwend-Archivs ist der Bericht über ein Treffen der ODESSA (Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen) Anfang der sechziger Jahre in Spanien. Das Stichwort "ODESSA" taucht an verschiedenen Stellen des Archivs auf. Falls das Treffen wirklich stattgefunden hat, lassen der Bericht und sein dokumentarisches Umfeld wesentliche Rückschlüsse auf ODESSA zu.

ODESSA ist von Journalisten wie Frederik Forsyth ("Die Akte Odessa" ) zu einem Mythos stilisiert worden. ODESSA war keine hermatisch abgeschlossene Organisation, eine in den Untergrund gegangene Organisation Werwolf. "ODESSA" war in den Kriegsgefangenenlagern der Westalliierten eine Parole, um von den polnischen Wachmannschaften einen Nachschlag beim Essen zu erhalten. Außerhalb der Lager bekam man auf "ODESSA" Zugang zu falschen Papieren. Einige Unterlagen des CIC zu ODESSA wurden nach Verhaftungen auf dem Schwarzmarkt erstellt.

Falls der Bericht über das Treffen in Spanien echt ist, hat ODESSA auf die Entführung Eichmanns mit einem weltweiten Treffen von um die 100 Teilnehmern reagiert, bei dem dem Staat Israel der Krieg erklärt und den "israelischen Terrorkommandos" die doppelte Blutrache geschworen wurde. Dutzende von Schwends Dokumenten, die offenkundig aus Geheimdienstkreisen stammen, belegen den Kampf der in Lateinamerika lebenden Nazis gegen israelische Agenten und Kommandos, die Beobachtung verdächtiger Reisender und - kaum von dieser politisch-militärischen Zielrichtung zu trennen - einen langanhaltenden erpresserischen Kleinkrieg gegen jüdische Geschäftsleute. Einige verschlüsselte Dokumente deuten auf unerkannte geflohene Nazis und deren Kontaktleute hin.

Das Schwend-Archiv trägt bei zu einer Antwort auf die Frage, wie Repressionswissen weitergegeben wird. Schwend arbeitete für den peruanischen Geheimdienst und Barbie für den bolivianischen. Rauff war zur Pinochetzeit ein enger Vertrauter des Chefs des chilenischen Geheimdienstes DINA, Manuel Contreras.

Vor allem aber sind hier die "Verlobten des Todes" zu nennen, ein Söldnertrupp europäischer Neofaschisten, der unter Anleitungen Barbies der Militärdiktatur Garcia Mezas in Bolivien an die Macht verhalf und deren Dreckarbeit erledigte.

Das Archiv enthält einige Dokumente mit Rezepten zur Aufstandsbekämpfung. Schwend dient einem Vetter des bolivianischen Diktators Hilfe für die Einführung eines militärischen Arbeitsdienstes an, .... In einem Memorandum "Gegen die Ausbreitung des kom. Einflusses..." wird die Bekämpfung des Kommunismus mittels einer autoritären Regierung vorgeschlagen. Flankierende Maßnahmen - man verzeihe mir die Anpassung an den Stil der Texte - sind Exportförderung, Hebung des Lebensstandards, Reform, Förderung des Kleinbesitzes, "Schaffung eines staatlichen Arbeitsdienstes unter Führung des Heeres", Geheimdienst ("Der erste und letzte Weltkrieg haben bewiesen, daß ein guter Nachrichtendienst Schlachtentscheident (!) sein kann und viel Blut und Material ersparen kann" ), Infiltration in revolutionäre Gruppen, provozierte Aufstände, die dann um so wirkungsvoller niedergeschlagen werden. Der schlitzohrige Vorschlag, "nach dem System des (nunmehr promovierten) Dr. Wendig [...] zu arbeiten" ist Grund genug, die Ernsthaftigkeit solche Vorschläge zu überprüfen. Wir erinnern uns, dass Wendig Schwend selbst ist. Der Folgesatz allerdings rückt das ganze in einen ernsthaften Zusammenhang: "In Italien, Holland, Belgien, Dänemark zog er (Wendig) mit seinen Leuten Erhebungen gegen die Deutschen auf. Waren die Lager gefüllt, wurden sie zug um zug von deutschen Truppen entleert"


Dergleichen Dokumente der Politikberatung enthält das Archiv etwa ein Dutzend. Hie und da werden wahrscheinlich um die Waffengeschäfte zu fördern Kriegsszenarien beschworen, und immer wieder scheint der Rassismus als Konsens der geflohenen Nazis mit den einheimischen Eliten hervor:

"Aus C. hört man von russischer Linie, daß bereits schon vor dem Ableben des Che, der seine Aktion in Bo.(livien) gegen den Willen der Ru.(ssen) unternommen hatte, der ru.(ssische) Gedanke und Arbeit gute Früchte trägt. Das Fracaso (Scheitern)des Che nicht Mangels Beweis dafür an, daß der ru.((ssische)) Gedanke der einzige Weg zu einem Exito (?, dt: Erfolg) ist.

An Hand der nun in Pe.(ru) und Bo.(livien) gemachten Erfahrungen glaubt man zu erkennen, daß es insbesondere mit dem Indio Menschenmaterial sehr (?) schwer ist, eine Änderung der Umstände wie von Ru. gewünscht zu erlangen. Daher wird seit Jahresfrist, jetzt angeblich mit großem Erfolg, der neue Weg ausgeführt.

1. Unterstützung von Chi.(le) und Aufmunterung zu einem Angriff
2. Unterstützung von Arg.(entinien) und Chi. gegen Bol. in gleicher Form wie oben erwähnt.
3. Unterstützung von Bras.(ilien) zu einem Angriff auf Pe (ru).

der Plan ist so gedacht, daß Chi. - Brasil - und Equador zur gleichen Zeit einmarschieren. Bra. soll bis zu den Anden besetzen, Chi. den Süden, Equador Teil des Nordens.

Die in Gang befindlichen Vorbereitungen zeigen in keiner Form ein rotes Gesicht, dies wird erst hervortreten, wenn der Plan gelungen ist und Pe. so geschwächt, wie sich dies die Roten wünschen.

Man ist der Überzeugung, dass die gewöhnlichen Soldaten von Pe. nicht ernstlich kämpfen werden, sondern die Off(iziere) allein lassen, welche so oder so liquitiert (!) werden sollen. Durch diesen Schachzug wäre der Weg zu einer roten Festung in S.(Süd) Amerika auf Festland frei.

Interessant ist, daß diese Zeichnung eines solchen Wunsches
H I E R bei den führenden Roten schon längst bekannt ist und unterstützt wird.
Habkow
24.7.68"
Der Unterzeichnende Habkow ist wohl Schwend selbst.

Ein Dokument "Referencia: Guerra de Guerrillas en el Peru" (dt.: Betrefft: Guerillakrieg in Peru, 19/79) empfielt statt massiven militärischen Vorgehens geheimdienstliche Arbeit. Die Schwäche der Guerilla de la Puentes (1965) seien die internen Spannungen, die Ambitionen der "Nummer 1" und der Wunsch, in die Presse zu kommen. Man könne, statt die Polizei in Selbstmordkommandos zu stürzen, den "Verrat" eines Mitglieds der Guerilla "provozieren". Das Dokument spricht von 1.500 Maschinenpistolen und einigen Sprengkörpern, die mit einem russischen Schiff kamen und nachts auf hoher See umgeladen wurden, um wohl an die Guerilla geliefert zu werden. In einer anderen Akte ist in einer Notiz von 1965 von 1.500 Schreibmaschinen und einigen Ostereiern mit "sehr nahrhaftem Inhalt" die Rede, die mit einem Kosakenschiff kamen, nachts auf hoher See umgeladen wurden und wohl den Rüstungsgeschäften Schwends und Barbies dienten.

Barbie hat es nicht bei schriftlichen Vorlagen belassen. Nach dem Putsch der Kokaindiktatur in Bolivien 1971 organisierte er das Militär um. Es sollte nun nicht mehr die Grenzen bewachen, sondern in den Städten kämpfen, Panzer sollten durch leichte Waffen ersetzt werden. Barbie organisierte das Gefängnissystem zu einem System von Lagern für politische Gefangene um, an Stelle der Prügel trat die systematische Folter. Barbie reiste im Land umher und überwachte die Veränderungen der Repression. Barbie leitete, wie erwähnt, die "Verlobten des Todes", ein Söldnerhaufen meist europäischer Neonazis, die folternd, mordend und bombend durch Bolivien zogen .....

Weltbild und Sprache der Nazis
Weltbild und Sprache des Archivs und seiner Akteure geben Aufschlüsse über das Milieu, in dem diese repressive Politikberatung gedieh.

"Den `humanen Krieg` wird es genausowenig geben wie das warme Eis", heißt es im Zusammenhang der Nürnberger Prozesse. In einem Memorandum "zu ABC Kampfstoffen" heißt es: "Die Vorräte der USA und Russen reichen heute aus, um die Welt von ihrem Menschenbestand zu befreien". Die Kriegssprache setzt sich in der Wirtschaftskorrespondenz fort. Einmal ist vom "starken Mann der Bank", ein anderes Mal von starken Mann Boliviens die Rede. Ein Mineralienschmuggel wird mit "Durchführbarkeit der Operation" benannt. Dutzendweise ist von "den Roten" die Rede, dann einmal von "SD-Bonzen". Die Idiosynkrasie der Nazis in Lateinamerika zeigt sich in Aussagen wie der, daß in Venezuela jemand "von Partisanen" (gemeint sind Guerrilleros) erschossen wurde. In Sätzen wie "Ich hatte ein Donnerwetter von Kaltenbrunner vorliegen" mischen sich die Sprache der Aktion mit der der Bürokratie. In der Waffenschieberkorrespondenz heißt es: "Außerdem wollen wir ja ein Geschäft machen und uns nicht als Wohlfahrtsinstitut betätigen". Dann: "Rudel beispielsweise arbeitet in Sondereinsätzen für Krupp, Mannesmann, Siemens usw".

Die Geschäfte
Die Geschäftskorrespondenz zeigt, dass die Nazis kaum je ein Geschäft ohne Betrug abwickelten. In Lateinamerika angekommen, schlug sich Barbie, der weniger Wohlhabende der beiden, als Besitzer eines kleinen Sägewerkes durch. Schwend wurde technischer Leiter bei Cadillac in Lima. Schwend betrieb eine Hühnerfarm. Er handelte mit Minen, Algen, Quarz (das aus Brasilien kam und das er über Peru in die Schweiz verschob). Barbie und Schwend schmuggelten Gold und Devisen. Sie erpressten Geschäftsleute - am liebsten jüdische - mit ihrem Interpol- und Geheimdienstwissen über deren ausländische Bankkonten und grauen Geschäftspraktiken. Barbie verkaufte einem politischen Gesinnungsfreund einen bolivianischen Konsultitel, damit dieser sich als Diplomat absetzen konnte, kassierte Tausende von Dollar, und Schwend schrieb dann, dieser Mann, der zu den "Realisierern" der Wendig-Sachwerte gehörte und dutzendemale in den Briefen vorkommt, sei ihm völlig unbekannt, ein Hochstapler und Betrüger, dessen Konsultitel das Gastland nicht anerkennen möge und er verklagt ihn noch unter Hinweis auf seine falschen bolivianischen Papiere.

Barbie vertrat die pharmazeutische Firma Böhringer, Mannheim. Schwend: "in diesem Sommer macht die Tochter meines Geschäftsfreundes Klaus Altmann ( = Klaus Barbie) eine Reise nach Europa, rund, auf Wunsch des Vaters, sich drüben nach einem Mann umzusehen. Frl Ute Altmann hat so 25 Jahre, 6 Jahre Universitätsstudium in Chile, spricht perfekt und schreibt engl. span. deutsch. Der Vater ist starker Geschäftspartner von Böhringer, hat in einem Jahr mehr wie eine mio. US Dollar Chinarinde nach Deutschland für Böhringer exportiert. Darüberhinaus die (schwer lesbar) und eine Schwefelsäurefabrik für Bolivien abgeschlossen, ersteres Projekt ca 13 mio US.

Wenn Sie für Bolivien irgend ein Projekt haben, können Sie Altmann unter Bezugnahme auf mich schreiben, der Mann ist OK. Übrigens geht Böhringer nun [...] fest nach Bolivien"

Barbie kommt mit einer Handelsflotte ins Geschäft. Das Binnenland Bolivien erläßt ein Gesetz, nach dem die bolivianische Flotte einen bestimmten Anteil des Seefrachtaufkommens zu transportieren habe. Schwend ist Strohmann, so wörtlich. Zur Finanzierung tritt Barbie mit dem Binnenland Schweiz in Verbindung. Schwend: " Betr.: Transmaritima. Ende der Woche hatte ich für zwei Tage Herrn Klaus Altmann [...] hier zu Besuch. Altmann erzählte mir, daß der Schweizerische Botschafter ihn zu einer Unterredung gebeten hatte... Herr Altmann hat oben (d.h. in Bolivien) zu der Regierung die allerbesten Verbindungen und wird von den Militärs als bewährter Berater sehr geschätzt. Mit Altmann bin ich sehr viele Jahre befreundet, er ist, was eine Auskunft über ihn beweisen wird, sehr seriös und verläßlich. [...] Referenzen: Böhringer Mannheim". Kurz darauf: "Wie ich aus La Paz höre, hat sich mein Freund Altmann kürzlich mit Ihnen in Verbindung gesetzt". Nunmehr geht es darum, die Enteignung einer Ölfirma zu unterlaufen. "Natürlich darf man dann sowas nicht an die Glocke hängen. Bei geschickter Führung sehe ich viele Kombinationsmöglichkeiten in dieser Sache". Und weiter: " ...so stehe ich Ihnen und Herrn Altmann aus La Paz gerne zur Verfügung, dabei versichere ich sie strengster Diskretion, denn wie sie richtig schreiben, kann man solche Geschäfte nicht an die Glocke hängen". Wie all dies genau zusammenhängt ist unklar. Schneider-Merck sagt, er hat die Transmaritima-Akten noch in Lima. Nach Linklater (Magnus Linklater et al: Klaus Barbie : The Fourth Reich and the Neo-fascist Connection, Coronet Books : Hodder and Stoughton 1984) lieferte Transmaritima Waffen an Nazis in Chile, nach Schneider-Merck trieb Transmaritima Handel mit Israel. Auf jeden Fall handelte die Firma, die einfach peruanische Schiffe umflaggte, mit Waffen.

Schon bald nach dem Krieg haten die Leute der "Operation Bernhard" mit dem Waffenhandel begonnen. Jemand will "Fledermäuse" für Libyen. Barbie und Schwend rüsten El Salvador auf, offenbar kurz vor Ausbruch des "Fußballkrieges". Eine Akte dokumentiert lückenlos ein geplantes Waffengeschäft zwischen der BRD und Peru. Schwend hat Regierungswissen ausspioniert und unterbietet jetzt den Preis des Bundesverteidigungsministeriums in Bonn für Transall-Flugzeuge. Sein Geschäftspartner in der BRD ist Gerhard Mertins, ein notorischer Waffenhändler und -schmuggler, nach 1945 in Bremen Förderer der Sozialistischen Reichspartei (später als Nachfolgeorganisation der NSDAP verboten) und Gründer des "Freundeskreises Colonia Dignidad". Mertins selbst hat gute Beziehungen zum Verteidigungsministerium und wittert Schwends Spiel. Währenddessen läßt Schwend Beziehungen spielen, offenbar zur deutschen Botschaft, denn er schreibt einem Geschäftspartner, den er Mertins gegenüber als unabhängige Instanz und Krupp-Vertreter darstellt: "Das Verhalten des Militärattaché wird nach seinem Einlangen hier, Folgen zeigen" Zum deutschen Botschafter schreiben Linklater el al: (nach Schwends Verhaftung in Lima) "the German Ambassador turned up, but I (der Richter Santos) had a copy of the Brown Book of Nazis, and I found his name in it. I asked him if he was making his represantation in his capacity as ambassador or as a former Nazi", woraufhin der Botschafter abzog.; S. 326). Über Mertins schreibt Schwend, er habe Briefe der peruanischen Regierung nach einem Tag in Photokopie in der Hand. Schließlich schickt Schwend eine Bekannte nach Bonn, damit sie ein Verwandschaftsverhältnis ausnutze und für ihn im Bonner Ministerium spioniere. Schwend: "In der genannten Sache (Waffengeschäft Transall) habe ich nunmehr über lange Finger und solche Augen den Brief vom 25. Juni 68 vom Verteidigungsmi [...] und unterzeichnet mit GRUBER hier". Der Frau ist es nicht geheuer: "Was mich sehr um Sie (Schwend) bekümmert ist Ihre Aktion, die Sie seit 2 Jahren ergriffen haben. In Hamburg, in München u. Auch in Innsbruck hat man Männer dieser Geschäftsspartner erschossen. Irgendwelche Leute, die wohl wußten, dass sie an die Araber lieferten."

Friedrich Paul Heller
http://www.idgr.de/texte-2/ns-taeter/schwind-barbie.html
ein einblick in die szene momentan im zdf:

Der Verräter
Der Film

Jörg Fischer ist ausgestiegen aus dem braunen Sumpf und stellt sich den alten Kameraden in den Weg. "Kopf ab, Kopf ab", schreit daher die Menge in einem Bürgerhaus von Schwerin.

Geballte Fäuste recken sich in die Luft. Die entblößten Oberarme geben eintätowierte Hakenkreuze und SS-Runen frei. Eine Hundertschaft Polizei hat alle Hände voll zu tun, um Jörg Fischer unbeschadet aus dem Saal zu geleiten. Ihm gilt der abgrundtiefe Hass. Jahrelang war er einer der ihren, hat für die NPD und DVU im Funktionärsbereich gearbeitet. Er war Zeitungsredakteur und Ideologe der Neonazis. Er kennt die Verknüpfungen zwischen Altnazis, Wölfen im Schafspelz und Skinheads.


Kampf gegen Neonazis
Jörg Fischer, 33 Jahre, zog einen Schlussstrich. Nicht nur, weil er erschreckt mit ansehen musste, wie seine Hetzpropaganda zu brennenden Flüchtlingsheimen und Verfolgung Andersdenkender führte. Ein zweiter Grund war seine Homosexualität, die er bei den Rechtsradikalen verstecken musste.
Öffentlicher Protest wird von ihm mit organisiert.
Er ist Intimkenner der Naziszene, weiß, wie Under-Cover-Agenten angeworben werden, weiß, was sie mit dem Geld gemacht haben, kennt die Brutalität der Szene und die Drogen, mit denen sich die brutalen Schläger aufpeitschen. Jörg hatte sich jahrelang im privaten Bereich versteckt, verarbeitete seine Vergangenheit in dem Buch "Ganz rechts" und wagte sich erst vor wenigen Monaten an die Öffentlichkeit. Sein Lebensweg hat jetzt eine Wende erfahren, die schärfer kaum ausfallen kann. Er versucht mit Informationsveranstaltungen und öffentlichen Auftritten gegen die Neonazis zu argumentieren, auch wenn er stets Gefahr läuft, von ihnen körperlich attackiert zu werden. Die Bedrohung geht bis zu Steckbriefen im Internet, wo er als "Judas" und "Verräter" beschimpft wird. Wo er hinkommt, gibt es nicht selten Bomben- und Morddrohungen. Jörg Fischer will offensichtlich etwas wieder gutmachen.


Suche nach dem Vater
Er kümmert sich um andere Ausstiegswillige und um KZ-Überlebende. Er arbeitet mit im Berliner Verein "EXIT", der höchst erfolgreich die gleichen Ziele verfolgt. Sein Mut zur Konfrontation führte ihn sogar in die Höhle des Löwen. Er wagt sich in die Skin-Treffs der NPD-Hochburgen und kommt nur wegen unserer laufenden Fernsehkamera oder gar unter Polizeischutz wieder heil heraus. Jörg Fischer sucht aber nicht nur auf der politischen Ebene seine neue Identität. Auch ganz privat und persönlich will er nun wissen, wie er in diesen rechtsradikalen Strudel hineingeriet. Die Spurensuche führt ihn vom Nürnberger Sozialamt, wo er von einem Sachbearbeiter als Minderjähriger für die NPD geworben wurde, zu seinem Vater, der die Familie vor 28 Jahren verlassen hat.

Auf der Suche nach ihm entdeckt er das verletzte Kind, das er einmal war. Jörg Fischer verkörpert auf tragische Weise den vaterlosen Jugendlichen, dem das Völkische die Familie ersetzte und ein "Führer" den Vater. Bewegend ist seine Suche nach dem verlorenen Vater, in der sich Hass und Sehnsucht mischen. Erst spät hat er erfahren, dass seine Mutter jüdischer Abstammung ist und sein Großvater als einer der ersten Juden im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde. Seine Mutter hatte Angst, ihm das zu sagen, solange er bei den Neonazis war. "Das war ein Schock für mich", sagt er heute.




Die Diskussion um 23.15 Uhr
In der anschließenden Diskussion 37 Grad plus - "Der verlorene Sohn" hat Moderator Michael Steinbrecher zwei Gäste eingeladen: Den Marburger Erziehungswissenschaftler Prof. Benno Hafeneger und Matthias Adrian, der selbst Aussteiger ist und heute bei EXIT anderen hilft, den Weg aus der rechtsradikalen Szene zu finden.

Es geht um die Frage, was junge Leute so fasziniert an der neonazistischen Szene, wie sie hineinkommen, und welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit eine Umkehr möglich ist. Und auch darum, was die Gesellschaft tun kann zur Prävention. Der Forscher und der Praktiker sind sich in dieser Frage sehr einig: Es ist besser, wenn Menschen erst gar nicht einsteigen. Für den Ausstieg jedoch ist Hilfe dringend notwendig.
Literatur-Auszug

Hintergrund-Text zum Film "Ratlines", ARTE 1996

Nazis, CIA und der Vatikan:

Das Fundament einer neuen Weltordnung

Am 10. August 1944 trafen sich im Straßburger Hotel ªMaison Rouge´ klammheimlich führende Vertreter des Dritten Reiches, Vertreter der deutschen Industrie, des Geheimdienstes SD und des Rüstungsministeriums, um endgültig Pläne in die Tat umzusetzen, die vermutlich ebenfalls seit 1943 existierten. Während Goebbels noch immer Endsiegparolen ausgab und Hitler nach wie vor und erst recht an das tausendjährige Reich, an ein auf seine Weise entrümpeltes und vereintes Europa glaubte, wurde in der Maison Rouge ein weitsichtiger Entschluß gefaßt, nämlich ein Gutteil des Reichskapitals in neutralen Ländern zu verstecken, weniger wohl zur Beseitigung des Geldüberhanges nach der Niederlage, sondern ªdamit nach der Niederlage wieder ein starkes deutsches Reich entstehen´ könne, wie es im sogenannten Straßburger Protokoll heißt. Ein halbes Jahr vor Kriegsende, damals also noch unter der Kontrolle von Nazi-Größen, wurde dann tatsächlich bereits damit begonnen, enorme Summen ausser Landes zu schleusen. Die Schätzungen (etwa der russischen Prawda) gingen bis zu fünf Milliarden Dollar allein in Schweizer Banken eingelagerten deutschen Volks- und Reichsvermögens,1007 sieht man von den Kriegsgewinnen diverser Banken ab, die über die Bank von Hermann Abs (späterer hausbankier von konrad adenauer nach Argentinien transferiert und später von Tarnorganisationen wie der World Commerce Corporation sozusagen unter dem Schutz eines euro-amerikanischen Geheimdienst-Konsortiums in irgendeiner Weise reinvestiert worden waren.

Einige Vorarbeiten für die später mehr oder weniger gerüchteweise unter dem Namen ªODESSA´ bekannt gewordenen Operationen hatte sicherlich auch der im Zusammenhang mit den Aktivitäten Allen W. Dulles schon erwähnte Schweizer Francois Genoud im Verein mit einer unter Einfluß Martin Bormanns eingerichteten und bis Ende der vierziger Jahre existierenden Firma Gebr. Diethelm geleistet. Genoud verfügte bereits 1943 über die für eine derartige Operation notwendigen Verbindungen zur Bankenwelt, aber auch ins aufnahmebereite Ausland. So hatte Genoud schon 1936 die Basis für seine vielfältigen Beziehungen zum Nahen Osten und zur Arabischen Welt gelegt, als er im Zuge einer ausgiebigen Nahostreise die Bekanntschaft des Großmuftis von Jerusalem und Hitler-Verehrers Al-Husseini gemacht hatte. Unmittelbar nach Kriegsende war Genoud wesentlich daran beteiligt, die Operation des nach wie vor bestehenden Nazi-Netzwerkes nach Lateinamerika, insbesondere nach Argentinien auszudehnen, wobei auch Hans-Ulrich Rudel eine Rolle spielte und die Operationsbasis für Klaus Barbie ebenso geschaffen wurde wie für den späteren Großmeister der Propaganda due, Licio Gelli. siehe hierzu auch meinen thread zu genua

Ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle spielte dabei auch der verhinderte Gralssucher und Mussolini-Befreier Otto Skorzeny, der aller Wahrscheinlichkeit nach schon während des Krieges als Einflußagent vor allem der britischen Dienste tätig war, und dem nach dem Krieg die Aufgabe zugewiesen wurde, die Übergabe diverser SS- und Abwehrnetzwerke in die Hände der angloamerikanischen Dienste OSS bzw. CIA und SIS zu organisieren. Wie Genoud hatte auch Skorzeny, der mit einer Nichte von Hjalmar Schacht verheiratet war, die in den siebziger und achtziger Jahren zusammen mit Genoud in verschiedene Finanzschiebereien verwickelt war, zahlreiche Verbindungen in den Nahen Osten. Seine Nachkriegsoperationen erstreckten sich beispielsweise auf König Faruks Ägypten, König Senussis Libyen und durch Kontakte mit der Familie Khalil auf Kuwait. Dank dieser Verbindungen, vor allem zur Familie Khalil, war Skorzeny in der Lage, eine Reihe von Projekten im Nahen Osten zu finanzieren. So etwa wirkten ein Sohn der Familie Khalil und Skorzeny nach dem Krieg gemeinsam an dem ägyptischen Raketenbauprogramm mit. Der 1975 verstorbene ehemalige Generalmajor der Waffen-SS, der nach dem Krieg von Spanien aus operierte, war unter anderem der Begründer der Organisation ªCedade´ (Circulo Espanol de Amigos de Europa = Kreis der Freunde Europas), die eine wesentliche Rolle im Netzwerk einer der wichtigsten Nazi-Nachkriegs-organisationen spielte, der ªNeuen Europäischen Ordnung´, die nach wie vor eine wichtige Kontaktstelle innerhalb der Schwarzen Internationalen ist.1008 Zusammen mit einem Mitarbeiter namens Wermuth baute Skorzeny ein internationales Netz logistischer und finanzieller Beziehungen aus, das vielfach mit Genouds Aktivitäten zusammenfiel. Mit seiner Madrider Firma ADSAP war Skorzeny zum Beispiel in zahlreiche Waffen- und Drogenschmuggel-Operationen nach Wien und Paris beteiligt, über die in den sechziger Jahren die Finanzierung sowohl der französischen OAS als auch der algerischen FLN abgewickelt wurde. Genouds wie Skorzenys Operationen überlappten sich teilweise mit den Aktivitäten der Nazi-Terror-lnternationale mit den Schlüsselpersonen Stefano della Chiaie, Klaus Barbie, Joachim Fiebelkorn und den türkischen ªGrauen Wölfen´, ebenso wie mit den Aktivitäten der Moslembrüder und palästinensischen Organisationen. Doch das gehört schon fast zur Gegenwart. Zunächst galt es, nicht nur jene gewaltigen Summen in Sicherheit zu bringen, sondern auch Tausende von SS- und NS-Führern ins sichere Ausland zu evakuieren, vorzugsweise nach Marokko, Spanien und Lateinamerika, und den Nazi-Apparat international zu regruppieren.

Ob auch von diesem Geld tatsächlich etwas in das Wirtschaftswunderland Deutschland zurückgeflossen ist, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Sicher indessen ist, daß im Laufe von eineinhalb Jahren mit einem Teil des ins Ausland transferierten Kapitals mindestens 750 getarnte Firmen in der Schweiz, in Portugal, Spanien, Argentinien und in der Türkei erworben wurden. Ein Teil des Nazi-Geldes wurde für Tausende NS-Exilanten zum Grundstock ihrer zweiten Existenz, ein Gutteil davon floß in die Kassen des Vatikans, in die Taschen lateinamerikanischer Diktatoren, allen voran der Argentinier Peron, und vor allem auch in die Taschen eines Mannes namens Licio Gelli, den man bald darauf ªIl Burratinaio´ nennen sollte, den ªMann, der die Puppen tanzen läßt´, dem Juan Peron nach seiner Rückkehr an die Macht im Beisein von Italiens Ministerpräsident Andreotti auf den Knien dankte, der Mann, der Zugang zu allem und jedem im Vatikan haben wird, der Mann, der für die CIA arbeitete, der beim Antrittsball Reagans als Ehrengast glänzte: Licio Gelli, Malteserritter, Papstmacher, Großmeister der Freimaurerloge Propaganda due. zur propaganda due siehe ebenfalls den genua-thread

Abgesehen von den von Genoud und anderen Organisationen wie möglicherweise ªODESSA´ getroffenen organisatorischen Vorbereitungen, waren es vor allem der Vatikan und einzelne Fraktionen der angloamerikanischen Geheimdienste, die es Tausenden Nazis ermöglichten, sich über die von den angloamerikanischen Geheimdienstlern ªRatlines´ genannte ªKlosterroute´ zwischen Österreich, Italien, Lateinamerika, Kanada, Australien und den USA in Sicherheit zu bringen, während die Behörden von Westdeutschland, Italien, Österreich, Frankreich, der USA und der Sowjetunion zumindest offiziell damit beschäftigt waren, nach Nazi-Verbrechern zu fahnden.1009

Die alte Mär, wonach es die geheimnisvollen SS-Organisationen ODESSA und DIE SPINNE gewesen seien, die die Massenflucht der Volksgenossen organisiert hätten, entspringt indessen eher den romantisierenden Vorstellungen von Romanautoren oder diente gezielter Desinformation.1010 Auch die vielfach vertretene Meinung, die aus den Tagen der mißglückten Friedensinitiativen herrührenden engen Kontakte zwischen SS und dem Vatikan seien der Grund gewesen, ist nur die halbe Wahrheit.

Ein Teil der Wahrheit aber ist es sicher, daß der Vatikan entweder von sich aus im Kalten Krieg mitmischen wollte oder, was auf jeden Fall später der Fall war, von den Briten und den Amerikanern benutzt wurde. Und Tatsache ist auch, daß der spätere Papst, der vatikanische Unter-Staatssekretär Montini, bereits während des Krieges von Papst Pius XII. damit beauftragt worden war, einen spezifischen vatikanischen Nachrichtendienst aufzubauen, vorgeblich, um sich um Vermißte, Flüchtlinge, und Kriegsgefangene zu kümmern, in Wirklichkeit aber, um sich für die aktive Teilnahme am unvermeidlichen Endkampf gegen den Bolschewismus vorzubereiten und eine katholische Armee für den bevorstehenden Endkonflikt zu rekrutieren.1011

Tatsache ist auch, daß sich bei Kriegsende zuallererst und in erster Linie der Vatikan um ehemalige Nazis sorgte. Und daß die Nazis nur aus humanitären und seelsorgerischen Gründen vatikanischer Hilfe und vatikanischer Reisedokumente teilhaftig geworden wären, ist bestenfalls eine Sonntagspredigt mit Märcheneinlage. ªDie Beweise bestätigen, daß eine kleine Clique von Vatikan-Angehörigen die Massenevakuierung faschistischer Flüchtlinge [...] organisierte. Unter der Leitung von Papst Pius Xll. überwachten vatikanische Würdenträger wie Monsignore Montini [...] eine der größten Justizbehinderungen in der modernen Geschichte.´1012 Bei der kleinen Clique handelt es sich zunächst um den aus Osterreich stammenden Bischof Alois Hudal, dem Rektor des Pontificio Santa Maria dell Anima, eines der drei Priesterseminare in Rom. Er war den Nazis kein Unbekannter. Er hatte öffentlich Hitler unterstützt und sich sogar in einem Buch mit den Vorzügen des Nationalsozialismus befaßt. Er organisierte die ersten Ratlines, die Nazi-Verbrecher über Österreich nach Genua und von dort in die Freiheit lateinamerikanischer oder arabischer Länder führten, versehen mit italienischen Identitätsausweisen, gefälschten Geburtsurkunden und Visa sowie Internationalen Rot-Kreuz-Pässen: beispielsweise Franz Stangl den Kommandanten von Treblinka, Gustav Wagner, Kommandant von Sobibor, Alois Brunner, Adolf Eichmann, Richard Klement, um nur einige zu nennen.1013 Auch Walter Rauff, der unmittelbar nach Kriegsende von der britisch-amerikanischen Special Counter Intelligence Einheit (SCI-Z) rekrutierte SS-Kontakt zu Dulles, war unter Hudals Klienten, der es ihm insofern dankte, daß er sich selbst an der Organisation der Rattenpfade beteiligte und einen Teil der dafür notwendigen Finanzen beisteuerte. ªAbgesehen von Rauffs Kontakten zu den Amerikanem und dem Vatikan auf hoher Ebene, dürfte sein Hauptanteil an Hudals Schmuggelsystem finanzieller Natur gewesen sein. Der Mann, der einst das Programm mit den mobilen Gaskammer-Lastwagen überwachte, wurde nun zum Geldwäscher, gemeinsam mit seinem früheren SS-Kollegen Frederico Schwendt. Schwendt gilt als einer der größten Geldfälscher der Geschichte: Während des Krieges hatte er Millionen von falschen Banknoten im Rahmen einer SS-Operation mit dem Codenamen >Wendig< produziert.´1014 Die ursprüngliche Absicht dieser Operation war vielleicht tatsächlich die Unterminierung und wenn möglich die Zerstörung der ökonomischen Strukturen der alliierten Staaten gewesen, doch schon als sich der Ausgang des Krieges abzeichnete, wusch Schwendt das Falschgeld über verschiedene Banken in saubere westliche Banknoten: Das war das Grundkapital für dieses erste, noch relativ unprofessionelle Fluchthilfe-Netzwerk. Über den Einsatz dieses Vermögens gibt es verschiedene Versionen. Nazi-Jäger Wiesenthal meint, daß Schwendt die Gewinne direkt an Rauff weitergegeben habe,1015 während sich der einstige NS-Jugendführer Alfred Jarschel daran erinnert, der zunächst in Mailand untergetauchte Rauff sei von Bischof Hudal im Juli 1945 gebeten worden, sich mit dem neuernannten Bischof Siri in Genua in Verbindung zu setzen. Von dessen Privatsekretär habe Rauff eine beträchtliche Summe sowie einen mit einem syrischen Visum versehenen Rot-Kreuz-Paß bekommen. Worauf Rauff nach Mailand zurückgekehrt sei, um das Fluchthilfe-Netzwerk aufzubauen.1016 Auch hier dürfte die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen: ªAller Wahrscheinlichkeit nach verwendete Rauff Siris Geld, um die Gewinne aus den Geldwäsche-Operationen Schwendts zu erhöhen.´1017 Sicher jedenfalls scheint zu sein, daß in den nächsten Jahren zahlreiche der am meisten gesuchten Kriegsverbrecher über Rauffs Basis in Mailand zu Hudals Pontificio Santa Maria dell Anima und von dort zu Erzbischof Siri nach Genua gelangten. Dort wurden sie dann nach Lateinamerika verschifft.

Als 1947 Hudals Aktivitäten ruchbar wurden und zu einem Presseskandal auszuarten drohten, wurde er still und unauffällig aus dem Verkehr gezogen. Er war auch schon längst überflüssig geworden. Denn da war die Szene für eine weitaus professionellere und weitaus geheimere Operation aufbereitet, um Kriegsverbrecher und Quislingen aus sämtlichen europäuschen Ländern nicht bloß zu helfen, sondern um sie für einen neuen Krieg zu rekrutieren. ªOb nun Hudal eigenmächtig gearbeitet hatte oder nicht, seine Nachfolger waren eindeutig von höheren vatikanischen Stellen autorisiert´1018 Wie Hudal selbst, konnten sich auch seine Nachfolger dank vatikanischer Intervention alliierte Ausweise für ihre Klienten bedienen, sofern es ihnen nicht gelang, eine päpstliche Unterschrift unter einen vatikanischen Reisepaß zu bekomrnen, wie dies bei Martin Bormann der Fall war.

Hier zeigte sich, daß der Vatikan vor allem auch dann sehr aktiv wird, wenn Geld ins Spiel der christlichen Nächstenliebe kommt. Im Fall des wohl berühmtesten Flüchtlings unter dem Schutz und Schirm des Vatikans und des damaligen Papstes, nämlich Bormanns, wurde eine erkleckliche Summe an einen Franziskanermönch deutscher Herkunft bezahlt, der an der Organisation der Klosterroute wesentlich beteiligt war. Inwieweit bei Bormann der Umstand eine Rolle spielte, daß er sich mit dem späteren Papst Pius XII. während dessen Tätigkeit als Nuntius in Deutschland recht gut angefreundet hatte, mag dahingestellt bleiben.1019 Jedenfalls präsentierte im Mai 1948, als schon längst Briten und Amerikaner die vatikanischen Ratlines übernommen hatten und in Flüchtlings- und Kriegsgefangenenlagern ehemalige Nazis für ihre Zwecke rekrutierten, der als Jesuitenpater verkleidete Bormann vatikanische Papiere, die ihn als staatenlose Person auswiesen. Sie hatten die Nummer 073.909 und trugen die Unterschrift des Papstes persönlich. Eine beinahe makabre Kuriosität am Rande: Jesuitenpater Bormann hieß nunmehr ªEliezer Goldstein´ und stammte aus Polen ... die jüdischen vermächtnisse lassen grüßen

Damit gelangte Bormann heil nach Brasilien, und später konnten auch fünf seiner Kinder mit vatikanischer Hilfe Europa verlassen, nachdem sie einige Zeit im Kloster der Palottiner in Rom untergebracht waren.

Ein weiterer Fall vatikanischer Nächstenliebe besonderer Art ist der des stellvertretenden Kommandanten der pronazistischen Miliz von Lyon, Paul Touvier. Nach dem Krieg wurde zweimal gegen ihn verhandelt, und zweimal wurde er zum Tode verurteilt, allerdings in Abwesenheit, denn Touvier war zunächst einmal für fünfundzwanzig Jahre aufgrund eines besonderen Geschäftes mit dem Vatikan entkommen: Nachdem er sich nach Kriegsende bereit erklärt hatte, die gesamten noch verbliebenen, aus der Plünderung jüdischen Eigentums während der Besatzungszeit stammenden Geldmittel der Miliz dem Vatikan zu übergeben, wurde ihm dessen Schutz zugesagt. Und manchmal hält der Vatikan auch, was er verspricht:

Touvier besaß Identitätsausweise auf den Namen Paul Perthet, die darin angegebene Adresse war die des Erzbischofs von Lyon. Häufig trug Touvier/Perthet selbst eine Priestersoutane, und es gab mindestens ein Dutzend Geistliche, die sich um das Wohl des Nazis kümmerten, während die Resistance vergeblich nach ihm fahndete. 1962 tauchte er dann mit einem Gnadengesuch an den französischen Präsidenten Pompidou aus dem Untergrund des erzbischöflichen Palais wieder auf, unterstützt vom zuständigen französischen Kardinal, der sich überdies auch eifrig um für Touviers Rehabilitierung nützliche Information bemühte. Kaum wurde dieser Kardinal auf einen wichtigen Posten im Vatikan befördert, wurde Touvier auch tatsächlich begnadigt. Allerdings konnte Touvier seine Begnadigung nicht recht genießen, da Mitglieder der Resistance nach wie vor danach trachteten, die einst verfügten Todesurteile in die Tat umzusetzen. 1972 tauchte Touvier zunächst wieder unter. Dies waren nur zwei Einzelfälle, sieht man von Bormanns Verbindungen zu den finanziellen Transaktionen des Wirtschaftswunder-Bankiers Hermann Josef Abs während des Krieges ab.

Anders verhält es sich bei dem ªPoglavnik´ (ªFührer´) der faschistischen kroatischen Ustascha und des Nazi-Marionetten-Regimes, Dr. Ante Pavelic, der vor dem Krieg für den britischen Geheimdienst gearbeitet hatte 1020 und nun von dem bereits weitgespannten britisch-amerikanischen Intermarium-Netz aufgefangen wurde. Seine Flucht wurde von Pater Krunoslav Draganovic organisiert, einem prominenten Mitglied von Intermarium 1021 zweifellos einer der Schlüsselfiguren in diesem dunklen Kapitel der Nachkriegszeit. ªDraganovic Ratlines waren eine ausgeklügelte und professionelle Operation. Sie war außergewöhnlich gut organisiert und konnte Hunderte Flüchtlinge gleichzeitig betreuen. Einer von Draganovic wichtigsten Mitarbeitern schätzt, daß mehr als 30.000 Personen von Österreich über Rom und von dort über Genua in ihre neue Heimat in Südamerika und Australien geschleust wurden. Die meisten dieser Personen hatten eine überaus dunkle Vergangenheit. Sie waren kein Teil irgendeiner
exotischen SS-Bruderschaft: Tatsächlich waren fast alle an der Organisation dieser Ratlines Beteiligten katholische kroatische Priester.´1022 Während die Mehrheit der Intermarium-Führer führende Ex-Faschisten waren, die für den britischen oder französischen Geheimdienst und teilweise für Turkul oder direkt für die Sowjets gearbeitet hatten.1023

Der rumänische Nazi-Außenminister Gregorij Gafencu, der polnische Botschafter beim Vatikan, Casimir Papee, Monsignor Bucko, der spirituelle Führer der ukrainischen Widerstandsbewegung, oder der frühere slowakische Außen- und Innenminister und gesuchte Kriegsverbrecher Ferdinand Durcansky waren seit Vorkriegszeiten britische Intermarium-Agenten, wieder Führer der ukrainischen Nationalisten, Stephan Bandera oder der Führer der Galizischen SS, General Shandruck, auch. 1024 Und die meisten, die über die Ratlines in Sicherheit gebracht wurden, waren auch keine Deutschen. ªDie meisten Nazi-Massenmörder waren nicht unbedingt Deutsche. Am Ende des Zweiten Weltkrieges gab es Zehntausende aus Zentral- und Osteuropa, die genauso schuldig waren wie ihre deutschen Schutzherren. Sie waren die Führer von Nazi-Marionetten-Regimes Verwaltungsbeamte, Polizeichefs und Mitglieder lokaler Polizeieinheiten, die desgleichen am Holocaust beteiligt waren. Viele von ihnen waren auf der Schwarzen Liste der Alliierten, entweder weil sie persönlich an Kriegsverbrechen beteiligt waren, oder weil sie Mitglieder von Einheiten waren, die das blutige Werk der Nazis vollbrachten.´1025 Einer von diesen war zweifellos Pavelic. Seine Ustascha stand bekanntlich im Bezug auf die von ihnen an Serben, Muselmanen und Zigeuner verübten Greueltaten den Deutschen wahrhaftig in nichts nach, ja sie trieben es vielfach in einem geradezu psychopathischen Sadismus so weit, daß es selbst manchem deutschen Besatzer zuviel wurde. ªBei diesen Greueltaten war freilich auch ein Teil des katholischen Klerus Kroatiens zur Stelle -galt es doch, die Unterwanderung durch gottlose Bolschewiken abzukehren und die heidnischen Serben dem rechten Glauben zuzuführen: So wurden allein in der Kirche von Galina 1200 Serben ermordet, die man dorthin gebracht hatte, um sie zum Katholizismus zu bekehren.´1026 Mehrere Bischöfe saßen in der Tat im Ustascha-Parlament, Kleriker fungierten als Polizeichefs und als Offiziere in Pavelic` Leibwache, wie beispielsweise der Jesuit Dragutin Kamber, der in dem Netzwerk der Nazi-Rettung neben Pater Dominik Mandic und einem Priester namens Petranovic dann eine der Hauptrollen spielte Er war Polizeichef von Doboj (Bosnien) und höchstpersönlich für den Mord an Hunderten orthodoxer Serben verantwortlich.1027 Draganovic selbst war zwar kein Massenmörder, immerhin aber auch ein gesuchter Kriegsverbrecher und einer der Hauptverantwortlichen für die Zwangsbekehrung der Serben. Darüber hinaus war er während des Krieges als Ustascha-Repräsentant nach Rom entsandt, wo er Zeit hatte, die Flucht seines Meisters Pavelic und seiner Landsleute vor jenen Leuten vorzubereiten, die nach dem Krieg nicht verstehen sollten, was Gottes eigentlicher Wille war.

Organisatorisches Zentrum der vatikanischen Ratlines in Rom war das Institut der Bruderschaft von San Girolamo in Rom, deren Sekretär Draganovic war.1028 Dort und in Castell Gandolfo, wo sich auch der Sommersitz des Papstes befindet, hatte sich bald die gesamte Ustascha-Führung praktisch vor den Nasen der offiziellen Behörden und der Alliierten auf extraterritorialem Vatikan-Gebiet zusammengefunden.

Geschützt und gedeckt von den Briten und mit Hilfe von Draganovic gelang es Pavelic schließlich, von Österreich nach Rom und von dort nach Argentinien zu entkommen, wo er sich eines freundlichen Empfangs durch den Gelli-Freund Peron sicher sein konnte. Vor Argentinien aus versuchte Pavelic mit Unterstützung des britischen Geheimdienstes, des Vatikans und nicht zuletzt der damaligen österreichischen Regierung, die Ustascha zu reorganisieren und eine Untergrundarmee aufzubauen, die als neue Kreuzzügler ªKrizari´ den Kampf gegen das Tito-Regime führen sollte. ªBereits 1944 hatte Pavelic begonnen, mit Hilfe katholischer Priester Gold und Devisen in die Schweiz zu transferieren. Ein Teil des von der Ustascha zusammengeplünderten Schatzes wurde von dem britischen Leutnant Colonel Johnson zur Finanzierung der Krizari nach Italien gebracht. Ein anderer Teil ging über Dragonovic nach Rom und wurde ebenfalls zur Finanzierung des Terroristen-Netzwerkes verwendet.´1029

Dies war allerdings nur ein Teil des finanziellen Netzes, mit dem die mit Hilfe des britischen SIS reorganisierte Ustascha operierte. Über hohe kirchliche Würdenträger erhielt das Krizari-Kommando direkt vatikanisches Kapital. Etliches davon wurde dazu verwendet, um die italienische Regierung unter Alcide de Gasperi dazu zu ªbewegen´, die für den Anti-Tito-Kreuzzug notwendigen Waffen zur Verfügung zu stellen. Neben Triest war vor allem Österreich der Ausgangspunkt der meisten Aktionen. Die Hauptbasis in Österreich war Troifach, von wo aus unter der direkten Leitung von Ante Pavelic und Pater Draganovic die Terror- und Spionageoperationen gegen Jugoslawien organisiert wurden.

Es ging dabei nicht um den Kampf gegen das Tito-Regime sondern nach wie vor um den Kampf gegen die serbische Orthodoxie. Da erhielt die Welt schon wieder eine Probe für den nächsten Akt des Welttheaters. Unmittelbar nach Kriegsende hatten Ustascha-Emissäre die päpstliche Mission in Salzburg in der amerikanischen Besatzungszone kontaktiert und angefragt, ob der Papst bereit sei, entweder die Schaffung eines unabhängigen kroatischen Staates zu unterstützen, oder eine Donau-Adria-Union, innerhalb derer sich Kroatien eine Entwicklungsmöglichkeit böte.1030 Wie die italienische Regierung unter de Gasperi, die nicht nur ihren Sicherheits- und Geheimdienstapparat für die Ratlines zur Verfügung stellte (der in diese Operationen sowieso von allem Anfang an eingebunden war), sondern zwecks Verwirklichung der Intermarium-Pläne im Verein mit Vatikan, Großbritannien und USA auch ausländische Regierungen zu unterwandern versuchte, 1031 unterstützte, wie erwähnt, auch die österreichische Nachkriegsregierung voll diese Pläne und natürlich auch die Aktionen der Krizari. Die österreichische Intermarium-Verbindung war mit großer Sicherheit der spätere UN-Generalsekretär und österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim.1032 Wobei es schon fast nicht mehr verwundert, daß es Allen Dulles` Schwiegersohn, der damals für den amerikanischen OSS tätige spätere Verleger Fritz Molden war, der der österreichischen Regierung einen vor allem hinsichtlich seiner Kriegsvergangenheit getürkten Lebenslauf Waldheims untergejubelt hatte.1033 Eine andere Intermarium-Anlaufstelle während der Ustascha-Kreuzzüge gegen Tito war der Salzburger Erzbischof Rohracher.1034 Vor allem war er es schließlich, der sich bei den alliierten Autoritäten in Österreich für die Ustascha einsetzte und diese für das Angebot der Ustascha-Führung zu erwärmen suchte, sich in ihrem antikommunistischen Kreuzzug voll der anglo-amerikanischen Führung zu unterstellen. Da brauchten sie nicht lange zu warten. Allen voran die Briten nahmen diese Offerte augenblicklich ohne zu zögem und dankend an. Denn sie hatten schließlich die besten Erfahrungen in derlei Kooperationen mit vom Vatikan abgesegneten Operationen, vor allem mit Intermarium: Diese Organisation war ªvoll mit Priestern, Mönchen, Brüdern und Schwestern einer ganzen Reihe von Orden, einschließlich Jesuiten, Benediktiner, Franziskaner. Sie betätigten die Druckerpresse für die falschen Identitätsaüsweise, koordinierten das Netzwerk von Klöstern, die als sogenannte >sichere Häuser< dienten, sie wuschen Geld und, vielleicht das wichtigste, sie organisierten eine überaus effiziente Propaganda-Karnpagne, die Hand in Hand mit den britischen Interessen ging. Von den Krizari bis zur OUN [Anm: Organisation Ukrainischer Nationalisten], von der Baltischen See bis zum Schwarzen Meer, organisierten katholische Geistliche ein für den britischen Nachrichtendienst lebenswichtiges Spionage-Netzwerk.´1035 Darüber hinaus waren sie dank ihrer Intermarium-Agenten wie Draganovic ohnedies schon längst im Zentrum des Zyklons.

Denn Pavelics Krizari waren tatsächlich nur ein Teil viel weiter gesteckter Umtriebe, die der Vatikan gemeinsam mit den westlichen Nachrichtendiensten in der Nachkriegszeit in Szene setzte und die, kombiniert mit den Aktivitäten etwa Allen Dulles` wohl einige Rückschlüsse zulassen. ªWährend Angleton und Dulles über den Vatikan Millionen Dollars nach Italien schleusten, um einen Sieg der Kommunisten bei den Wahlen zu vereiteln, verhalf der Vatikan Zehntausenden von Nazis zur Flucht in den Westen, wo sie als >Freedomfighters< ausgebildet werden sollten.´1036 Eine Hand wäscht eben die andere, sieht man einmal davon ab, daß die Absichten der treibenden Kräfte im Vatikan und diejenigen Dulles` ja sowieso nahezu deckungsgleich waren, vielleicht sogar dank des ClA-Mannes in Rom und unbedingten Dulles-Anhängers, James Jesus Angleton und dessen enger Beziehungen zu Monsignore Montini. Dieses ganze Geschehen war jedenfalls das Ergebnis eines bemerkenswerten Deals zwischen Allen Dulles und dem Vatikan, der durch Angleton zustande gekommen war; oder vielmehr auch dank der Informationen über die päpstlichen Absichten und politischen Vorstellungen, die dessen Unterstaatssekretär Montini brühwarm an die Amerikaner weiterzuleiten pflegte, wie vor noch nicht allzulanger Zeit deklassifizierte ClC-Dokumente beweisen.1037

Der Handel war für alle Seiten zufriedenstellend: Über die von Dulles und seine Freunde kontrollierte Special Projects Division des State Departments begannen die ersten von vielen Millionen Dollar an die italienischen Christdemokraten wie überhaupt nach Italien zu fließen, vordergründig, um die Möglichkeit eines kommunistischen Erfolges bei den Wahlen im Jahr 1948 im Keim zu ersticken, die den Vatikan naturgemäß um Privilegien und politischen Einfluß neben allen möglichen anderen Folgen für das Seelenheil der Italiener fürchten ließ.

Dafür bekamen nun Angleton und Dulles die vatikanischen Ratlines für ihre eigenen Zwecke. Denn Dulles brauchte unbedingt dieses Evakuierungsnetzwerk, um die von der DDU in Bayern versteckten Kriegsverbrecher und vor allem die wachsende Anzahl von Turkuls Nazi-Agenten in den österreichischen Flüchtlingslagern in Sicherheit bringen zu können, ohne beim CIC in Frankfurt oder bei den ªLiberalen´ im OSS bzw. nach 1947 bei den ªLiberals´ der CIA anzuecken. Der Handel galt, auch Pater Draganovic war einverstanden, wenn auch nicht selbstlos: Wenn er half, die Nazis der Amerikaner in Sicherheit zu bringen, dann müßten auch die Amerikaner ihm behilflich sein, seine Nazis in sichere und freundliche Gefilde zu bringen. Indirekt dank des Schlächters von Lyon, K]aus Barbie, konnte sich Dulles die für Massen-Evakuierungs-Operationen dieser Art ungemein wichtige Quelle sichern, nämlich die vatikanische Haupt-Quelle fur die Rot-Kreuz-Pässe, die den damit ausgestatteten ªFreedomfighters´ endlich die notwendige Bewegungsfreiheit verschafften: Dulles` alter und dankbarer Freund Poncet, wie bereits früher erwähnt, de Gaulles Intermarium-Verbindung zum Vatikan, Hochkommissar in Deutschland, französischer Repräsentant beim IRK und später dessen Präsident und vor allem: Barbies und der Gestapo heimlicher Informant zur rechtzeitigen Säuberung der Resistance von für die künftige Friedensordnung schädlichen Kommunisten. 1949 wurde der erste Nazi-Freedomfighter von dem OPC-Mann Carmel Offie in den USA empfangen. Sein Job war es, für diesen und weitere ªantikommunistische Emigranten´ unter anderem Jobs bei Radio Liberty und The Voice of America zu beschaffen.1038

Zirka 10.000 solcher Freiheitskämpfer aus dem Dritten Reich sollten ihm bald nachfolgen.

In der Tat: Andere ªKatholische Armeen´ standen nun bereit um gegen die kommunistischen Regierungen in Zentral-und Osteuropa zu kämpfen. ªIn der Tschechoslowakei, Polen, in den Baltischen Staaten und in der Ukraine operierten geheime Nazi-Gruppen in enger Verbindung mit den Krizari.´1039 Eines dieser Netzwerke war der Antikommunistische Block der Nationen, den der britische Doppelagent Kim Philby bereits 1946 reorganisiert hatte und in dem nun alle vereint waren: Intermarium, das britische Prometheus-Netz mit den ukrainischen Nationalisten Stepan Banderas einschließlich der Belorussischen SS-Division Belarus und der Galizischen SS unter General Pavel Shandruck, die durch die persönliche lntervention des Papstes für den neuen Kreuzzug gerettet worden war.1040 Als ªFreiheitskämpfer´ bereit stand nun auch Prinz Turkuls von Allen Dulles` über das American Committee for the Liberation of the Peoples of Russia (Radio Liberty) mit Millionen von Dollar finanzierte Netz von Agenten,1041 die wie Philbys Leute allen Herren dienten.

Dahinter steckte System. Während CIC und Teile der CIA Philbys ABN-Nazis ganz im Sinne des Kalten-Kriegs-Schemas als potentielle Sowjetspione auszuschalten versuchten, brachte sie Dulles über die DDU und die Organisation Gehlen wieder in die amerikanischen Dienste zurück. Mehr noch: Daß Philbys Leute verdächtig waren, ermöglichte Dulles, sich ungehindert des Turkul-Netzes zu bedienen. Wie die durch das Windsor-Geheimnis geschützte Cambridge-Connection im britischen Geheimdienst, sorgten Angleton & Co dafür, daß jeder Hinweis auf eine mögliche Infiltrierung von Turkuls Organisation aus den CIA-Akten verschwand. Informationen, die vom üblichen Standpunkt wichtig im lnteresse der so häufig zitierten Sicherheitsinteressen der USA waren, erreichten wohl ªhöherer Endzwecke´ wegen niemals die Schreibtische der verantwortlichen CIA-Analytiker, deren Job es war, in der Sowjetunion das zu sehen, was jeder sehen sollte: eine angeblich tödliche Bedrohung. Philby akzeptierte der ªhöheren Interessen´ wegen sein ªAgentenopfer´, ebenso wie vor ihm KLATT verstanden hatte, daß er von Turkul denunziert werden mußte. Andere, wie Stepan Bandera beispielsweise, wurden im Dienste an der Sache auch physisch liquidiert.

Nun, die ªBefreiungsaktionen´ sowohl der Krizari wie jene von Allen W. Dulles` ªFreedomfighters´ endeten dank Anatol Turkuls Umsicht stets in einem kalkulierten Desaster, derweil die ultrageheime Organisation GLADIO mit Leuten wie dem späteren P2-Chef Licio Gelli im Westen dafür sorgte, daß die Dinge ªrechtens´ liefen.1042 Die kommunistischen Regierungen waren stets vorbereitet. Und die solcherart provozierten Aktionen gaben Stalin und Genossen vor allem die Möglichkeit, mit echten Oppositionellen aufzuräumen und tatsächlichen Widerstand im Keim zu ersticken.

Der Vatikan ist in dieser Angelegenheit durchaus nicht unschuldig und auch nicht aus naivem Glauben hineingeschlittert. Montini und auch Pius XII. waren viel zu erfahrene Diplomaten, um sich der Konsequenzen ihrer Handlungen nicht bewußt zu sein. Der Vatikan wird sich von der künftigen Geschichtsschreibung zumindest den Vorwurf nicht ersparen können, als Erfüllungsgehilfe der Weltordnungsbande seine religiöse Autorität mißbraucht zu haben. Aber vielleicht ist gerade das die Rolle, die der Vatikan seit Jahrhunderten zu spielen hat. In diesem Fall hat er sie gut gespielt: ªAbgesehen von einigen Erfolgen in der italienischen Politik, spielte die vatikanische Diplomatie eine signifikante Rolle bei der Diskreditierung der legitimen antikommunistischen Bewegungen in Zentral- und Osteuropa. Intermarium war ein Akt des Krieges, und die menschlichen Verluste, die durch den Vatikan während des Kalten Krieges verursacht wurden, waren weit größer als die der Canaris-Gruppen im Zweiten Weltkrieg. Durch die Wiederholung des Irrtums mit dem Schwarzen Orchester halfen sie ungewollt den Kommunisten, die Kontrolle zu behalten.´1043

ªAls die faschistischen Rekruten hinter den Eisernen Vorhang zurückgeschickt wurden, lief alles schief. Die Waffen, die über den Vatikan in den Osten geschleust wurden, wurden prompt entdeckt und beschlagnahmt. Das NaziProjekt endete mit dem Verrat von Tausenden von unschuldigen Antikommunisten.´1044

Der Vatikan und Dulles` Friedenskämpfer hatten ganze Arbeit geleistet. 1959 waren auch die gutgläubigen Reste des amerikanischen Geheimdienstes und der anderen westlichen Dienste hinter dem Eisernen Vorhang eliminiert. Der Ostblock und der Westblock waren fest etabliert und mehr oder weniger unter Kontrolle. (Und was in diesem Kontrollsystem gegenseitiger Bedrohung für Westeuropa der sowjetische Hammer, das war für Moskau u.a. die Viererbande im fernen Peking; dies nur nebenbei, denn das gehörte zu einer ªWeltgeschichte´ des 20. Jahrhunderts.)

Das alles ist indessen keineswegs Vergangenheit, es spielt in vielfacher Hinsicht in die Gegenwart herein und wird es wohl auch künftig tun. Die damals entwickelten Strukturen existieren noch heute, die Ratlines, Networks und Geldwäscher-Kanäle von damals sind nach wie vor aktiv und werden - den neuen Verhältnissen angepaßt- auch genutzt.

Wie noch zu sehen sein wird, und wie auch Penny Lemoux in ihrem Buch In Banks we Trust feststellt, waren dieselben Leute, die etwa an Angletons und Dulles` Geldwäsche-System beteiligt waren, auch in die Ereignisse im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch diverser Vatikan-Banken involviert.1045 Das war freilich auch keine isolierte Affäre.

Die Ereignisse von damals ziehen noch viel weitere Kreise auf verschiedenen Ebenen des aktuellen Zeitgeschehens. Einige Beispiele mögen dies im Einzelfall verdeutlichen, und vor allem einen Eindruck davon geben, wie die Dinge zusarnmenhängen:

Der Kreuzzug der Krizari von damals beispielsweise fand zweifellos bis in die Jugoslawienkrise der postkommunistischen Ära hinein seine Fortsetzung, wo sich die kroatischen Ustascha-Einheiten mit neonazistischen Söldnern aus ganz Europa ungeniert zu ihrer faschistischen Vergangenheit bekennen konnten, während sie ihr Unwesen trieben. Es herrscht deswegen weder in den Medien noch sonstwo besondere Aufregung - man hielt das bestenfalls für exotisch. Es hat auch niemals sonderlich Aufregung verursacht, als der für hunderttausende Morde im kroatischen Vernichtungslager Lasanovic verantwortliche ehemalige Chef des 3. Polizeidezemates des Ustascha-Regimes in Kroatien, Vjekoslaw Luburic, unter dem Codenamen Max sein Unwesen in Europa trieb. Von Spanien aus, wo er es dank Heirat zum Chef des spanischen Verlagshauses Drina gebracht hatte, organisierte er im Zuge diverser Führungskämpfe zahlreiche Bombenanschläge und Attentate auch gegen ehemalige Ustascha-Kumpane in Westdeutschland, die dann von deutschen Politikern dem titoistischen Sicherheitsdienst zugeschrieben wurden.

Ein anderes Beispiel mag veranschaulichen, wie sehr die Vergangenheit auch ihre Schatten auf das zerfallene Jugoslawien geworfen hat, und es zeigt deutlich auf, wie die Kräfte aus dem ªReich´ ihren Einfluß auch ªdanach´ auf höherer diplomatischer Ebene zu nutzen imstande gewesen sind. Nicht alle Leute aus der Pavelic-Ära mußten sich mit dem Gewehr in der Hand an dem britisch-vatikanischen Kreuzzug gegen den übrigens ab 1944 sowohl vom britischen Special Operations Service (SOE) als auch von Churchill selbst gegen General Mihailovic unterstützten Tito beteiligen.1046 Viele von ihnen brachten es mit geringfügigen Kurskorrekturen zu angesehenen und gar einflußreichen Positionen in Westeuropa, was angesichts der bereits erläuterten Zusammenhänge nicht verwunderlich ist. Auf eine derartige Metamorphose stieß Bernt Engelmann bei Recherchen über den deutschen Multimillionär Georg von Walburg zu Zeil und Trauchenburg und dessen Anhang, worauf Engelmann (und zwar ohne deshalb ein gerichtliches Verfahren an den Hals zu bekommen) niederschrieb, was man sich vorher nur hinter vorgehaltener Hand erzählt hatte:1047 ªAlfons Dalma zum Beispiel, heute Chefredakteur des österreichischen Rundfunks [Anm. d. Verf.:der langjährige politische >Chefkommentator der Nation< verlor diesen Job 1974 im Zuge einer ORF-Reform], zuvor politischer Berater des Franz Josef Strauß und Mitherausgeber des Bayernkurier, noch früher (unter seinem richtigen Namen Stefan Tomicic) Ideologe der militanten antisemitischen und klerikal-faschistischen Ustascha-Bewegung Kroatiens, bezog jahrelang monatlich 2000 DM Salär aus fürstlichen Kassen, abgerechnet über die Tageszeitung Der Allgäuer.´1048 Daß Tomicic/Dalma, unter seinem ªPoglavnik´ Pavelic einst auch Presseattache an der Ustascha-Botschaft in Hitlers Reich, im Zuge der Jugoslawienkrise im Sommer 1991 offizieller Reise-Begleiter des österreichischen Außenministers Alois Mock bei dessen diplomatischen Sondierungen war, zeigt, daß die Gegenwart in der Tat nicht von der Vergangenheit zu trennen ist.

Dies zeigt sich auch auf einem anderen Schauplatz: Eine bedeutsame Rolle bei der Fluchthilfe für die Nazis teils in Zusammenarbeit mit vatikanischen Agenten, teils im Dienste des OSS bzw. der CIA spielte niemand geringerer als Licio Gelli, der Mann, der wenig später zwischen Lateinamerika und Europa wahrhaftig die Puppen tanzen lassen sollte. Gelli selbst ist ein Paradebeispiel dafür, daß in der Zwielichtzone der höheren und allerhöchsten Politik eben nicht nur Gut und Böse an sich zwei sehr relative Begriffe sind, sondern auch Freunde und Feinde sich nicht nur begrifflich sondern auch praktisch überlappen.

Seine Karriere startete der 1919 in der mittelitalienischen Stadt Pistoia geborene Gelli als siebzehnjähriger fanatischer Antikommunist. Gemeinsam mit seinem Bruder kämpfte er in den Reihen der italienischen Schwarzhemd-Divisionen in Spanien Seite an Seite mit General Francos Truppen gegen die Kommunisten. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges kämpfte er in Albanien, trat später in die Waffen-SS ein und brachte es dabei bis zum Obersturmbannführer. Als ªVerbindungsoffizier´ der Nazis gehörte es zu seinen Aufgaben, italienische Partisanen aufzuspüren und an seine deutschen Befehlshaber zu verraten. Schon da zeigte sich, daß Gelli bei allem antikommunistischen Fanatismus einen kühlen Kopf mit Sinn auch für das Materielle hatte: So stahl er ganz nebenbei einen beträchtlichen Teil des in der italienischen Stadt Cattaro versteckten jugoslawischen Staatsschatzes und schaffte ihn fort. Sein Antikommunismus indessen verringerte sich stückchenweise mit dem für die Achsenmächte negativen Fortgang der Ereignisse: Gelli begann vorsorglich mit den größtenteils kommunistischen Partisanen zusammenzuarbeiten, indem er sie vor den Deutschen warnte, ehe er sie an diese verriet.

Als der Krieg zu Ende war, rettete sich Gelli mit dem Versprechen, auch weiterhin für die Kommunisten zu spionieren, das Leben. Eine antifaschistische Spruchkammer in Florenz erklärte auf eine diskrete Intervention der Kommunisten hin diverse Zeugenaussagen, Gelli habe während des Krieges italienische Patrioten gefoltert oder gar ermordet, für nicht ausreichend glaubwürdig. Solcherart entlastet, machte er sich sofort daran, die Flucht untergetauchter Nazis gegen 40 Prozent von deren Barschaft zu organisieren, gemeinsam übrigens mit Pater Draganovic.1049

Gelli war es, der mit Draganovic im Auftrag von Allen Dulles DDU und der CIC 1951 Barbies Ausschleusung organisierte, wobei zur Ehrenrettung des Counter Intelligence Corps der US Army gesagt werden muß, daß die allgemein verbreitete Ansicht, Barbie hätte dem CIC bis 1951 als Informant gedient, nur teilweise stimmt. Das CIC war von Dulles und den DDU-Leuten hereingelegt worden.1050 Danach jedenfalls machte der ehemalige Gestapo-Chef in Lateinamerika, vor allem in Bolivien Karriere, wo er als Sicherheitsberater einem Oberst Gomez seine Erfahrungen zur Verfügung stellte und eine private Kampftruppe mit dem vielsagenden Namen ªBräute des Todes´ auf die Beine stellte, die auf Bestellung mit dem Segen der bolivianischen Regierung politische Morde ausführte. Es ist anzunehmen, daß dabei Barbies Beziehungen zu den Verteidigern der Freiheit und der Demokratie und Kämpfern gegen den Kommunismus in Lateinamerika, den ªRambos´ von der CIA, auch nicht abgebrochen sind.1051

Zwischendurch machte sich Barbies Truppe um die ªRationalisierung´ der bolivianischen Kokainindustrie verdient, vor allem durch die Ausschaltung der Kleinhändler, so daß die großen Haie des Geschäftes, die sich der Protektion der Junta erfreuten, ungestört abkassieren konnten. 1965 stieg Barbie dann auch in das internationale Waffengeschäft ein, nicht nur für Bolivien, auch für andere südamerikanische Regierungen und für- Israel.1052

In dieser Eigenschaft wurde er zum Geschäftspartner jenes Mannes, der ihm nach dem Krieg im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes zur Flucht verholfen hane: Licio Gelli, dessen Netze inzwischen schon die gesamte Machtstruktur des ªExerzierfelds der braunen Internationale´,1053 nämlich Italiens umschlangen und der in seiner Eigenschaft als offizieller Wirtschaftsberater der argentinischen Regierung ebenfalls mit Waffengeschäften großen Stils beschäftigt war, wenn er nicht zwischendurch für den italienischen, amerikanischen oder sowjetischen Geheimdienst spionierte oder mit Erzbischöfen und Kardinälen speiste und über vatikanische Geschäfte sprach.

Mit Gelli schließt sich ein Kreis, der wiederum nahtlos in einen größeren übergeht. Daß Gelli beste Beziehungen zum Weißen Haus hatte, kommt auch nicht von ungefähr:

ªAls Dulles nach dem Weltkrieg sein Netzwerk aus faschistischen >Freedomfighters< etablierte, war er auch besonders damit beschäftigt, aufstrebenden jungen Amerikanern unter die Arme zu greifen und in seinem Sinne zu fördern. Eine seiner ersten Entdeckungen war ein Mann namens Ronald Reagan. Während der fünfziger Jahre war Reagan folgerichtig der öffentliche Sprecher der Dullesschen Tarnorganisation Crusade for Freedom.´1054

Als Gouverneur von Kalifornien wußte Reagan wohl zu wenig über die massenmörderische Vergangenheit der kroatischen Ustascha-Bewegung, so daß er ausgerechnet den 10. April zum Feiertag für die kroatische Volksgruppe erklärte, jenen Tag, an dem Hitler sein Marionettenregime unter Pavelic eingesetzt hatte. Präsident Bush, der eigentlich über die Ustascha hätte Bescheid wissen müssen, da kroatische Terroristen während seiner Zeit als CIA-Chef ein amerikanisches Flugzeug entführt hatten, hatte desgleichen keine Bedenken, als sein Wahlkampfstab während der Wahlkampagne von 1988 einen Kalender produzierte, in dem ebenfalls der 10. April als Kroatischer Unabhängigkeitstag angeführt war. Nicht nur das:

Bekannte kroatische Faschisten arbeiteten an seinem ªEthnic-Outrich-Program´ mit. Diesbezügliche Hemmungen hatte auch sein Vorgänger Reagan nicht gehabt, der sich ungeniert ehemalige Faschisten ins Weiße Haus einlud, von denen das State Department zugeben mußte, daß es sich um notorische Kriegsverbrecher aus den Networks des britischen Doppelspions Philby handelte.

Ein weiterer früherer Schützling von Dulles war, wie Aarons und Loftus berichteten, William Casey, der sich nach dem Krieg als Geheimdienstler in London betätigte, zu jener Zeit also, als die vatikanisch-britisch-amerikanische Connection ihre Aktivitäten aufnahm. Dulles rekrutierte Casey, um das International Rescue Committee zu überwachen, das die illegale Einwanderung der von den Briten geretteten Nazis nach Amerika während der fünfziger Jahre organisierte. Casey war das amerikanische Ende des vatikanischen Rattenpfades, und dort lernte er auch, wie das Spiel gespielt werden muß. 1980, unter Reagans Präsidentschaft, wurde er folgerichtig Chef der CIA und spielte später bei der Irangate-Affäre konsequenterweise eine Hauptrolle. Ohne Zweifel die wichtigste Anwerbung Dulles` war ein junger Navy-Offizier namens Richard Nixon, der aus dem Nachkriegsdunkel gefischt wurde, um sich mit Unterstützung rechtsgerichteter Kreise um einen Sitz im Kongreß zu bemühen. ªUm zu verstehen, welche rechten Kräfte das waren, sollte festgehalten werden, daß nach seiner Wahl seine frühere kalifornische Anwaltsfirma einen prominenten faschistischen Finanzier namens Malaxa in dessen Bemühungen vertrat, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Gegen Malaxa wurde später wegen diverser Kriegsverbrechen ermittelt [...] Nixons antikommunistische Bekenntnisse waren 1951 so fest etabliert, daß er den Auftrag bekam, Senator Joe McCarthy zu steuern - ihn nämlich daran zu hindern, kommunistische Agenten innerhalb von Dulles` Geheimdienstladen zu vermuten.´1055

Als dann Nixon im Jahr 1953 Eisenhowers Vize wurde, waren die Freunde alle beisammen: Allen Dulles wurde bekanntlich CIA-Chef, John Foster Dulles wurde Außenminister. Nimmt es da noch wunder, daß Nixon wärmstens das ªFreedomfighter´- Konzept seines Förderers unterstützte und vor allem auch dank der durch McCarthys Hetze hervorgerufenen allgemeinen antikommunistischen Stimmung nun auch keine Hemmungen zu haben brauchte, prominente faschistische Flüchtlinge als potentielle Befreier der hinter dem Eisernen Vorhang gefangenen Nationen im Weißen Haus zu empfangen? Denn wer gegen die Kommunisten war, der mußte einfach ein guter Mensch sein, auch wenn er als Nazi einmal Leute umgebracht hatte, die vermutlich sowieso irgendeine Art von Kommunisten waren. Diese psychopathische Hexenjagd war, selbst wenn sie nur zufällig zur rechten Zeit veranstaltet worden wäre, das ideale Klima, um Türkuls janusgesichtige Nazi-Doppelagenten in den Dienst der ªfreien Welt´ zu stellen.

ªUm 1959 war es den Nachrichtenchefs der NATO auf peinliche Weise klar geworden, daß sämtliche der faschistischen Emigrantengruppen einschließlich Turkuls NTS hoffnungslos von Kommunisten unterwandert waren. Dulles war bestürzt, aber Nixon war verzweifelt.´1056

Das ist auf jeden Fall vorstellbar. Nixon war gerade dabei, seine eigene Präsidentschaftskampagne für 1960 zu starten. Da fehlte es gerade noch, zugeben zu müssen, daß die Regierung über den Nazi-Transfer von den Sowjets zum Narren gemacht worden war. (Darüber, eventuell zugeben zu müssen, man hätte über die Doppelfunktion dieser Netzwerke Bescheid gewußt, brauchte man sich wohl keine Gedanken zu machen, denn das hätte ohnedies niemand so bald für möglich gehalten.) Doch man hatte ja Freunde. Innerhalb der CIA und des Pentagon kam es plötzlich und zufällig und auch nicht zum erstenmal zu einer ªgeradezu orgienhaften Vernichtung geheimer Akten. Nur das State Department wußte was los war und transferierte seine Akten an andere Dienststellen´.1057

Daß Nixon voll über die Nazi-Bewegung Bescheid wußte, fanden Aarons und Loftus in offiziellen parlamentarischen Dokumenten in Australien bestätigt: Während der Nixon-Regierung bat die australische Regierung das State Department um Rat, wie das Problem der in Australien wohnenden Ustascha-Faschisten zu handhaben sei. In einem ausführlichen Gespräch teilte ein Sprecher seinem australischen Partner mit, daß die Nixon-Regierung insgeheim über diese kroatischen Extremisten Bescheid wisse, aber nichts gegen sie unternehmen wolle: Sie seien wichtig, um die Stimmen dieser ethnischen Gruppe in fünf Schlüsselstaaten zu bekommen.´1058

Als 1970 der Kongreß Anklagen der jüdischen Gemeinde zu überprüfen begann, daß in den USA gesuchte Kriegsverbrecher lebten, wurde das State Department immerhin nervös. Die heikelsten Kriegsverbrecher wurden nun vom State Department zum Pentagon transferiert, für das sie nunmehr als Berater für ªspecial operations´ tätig wurden. Derlei Aktionen gab es auch später immer wieder. Nixons Erbe: der permanente Zwang, das Dulles-Geheimnis zu vertuschen. Als Reagan Präsident wurde, fand man für die noch aktiven, in amerikanischen Diensten stehenden Ex-Nazis neue Aufgaben: Diesmal nicht als antikommunistische Experten, sondern als ªAnti-Terror-Berater´ für die Special Operations Division, einer verdeckten Operationseinheit, die sozusagen Feuer mit Feuer vergelten sollte.

Es hat sich seit Dulles` Zeiten nichts geändert. Die SOD-Leute führten einen unerklärten Krieg, einen Krieg ohne Grenzen, finanziert und ausgefochten ohne Wissen des Kongresses. Und wiederum wußte man selbst innerhalb der CIA nicht, daß ihr eigener Chef, William Casey dahintersteckte: Er selbst hat etliche Nazis angeheuert, die nun für die SOD und fürdie private World Anticommunist League des General Singlaub arbeiteten. Vorzugsweise in Lateinamerika, wo die berüchtigten Todesschwadronen ªvon asiatischen und europäischen Faschisten trainiert wurden´.1059

Der inzwischen verstorbene Casey hatte die Ratlines und Dulles System des Kalten Krieges bis ins Detail wiederbelebt: ªEr, der Superstratege, der Bush und Reagan 1980 an die Macht brachte, durfte später mit der Rückendeckung seiner Gefolgsleute in der Administration ein weltweites Netzwerk aufbauen, um den sowjetischen Einfluß zu bekämpfen, wo immer er entdeckt wurde.´ 1060 Und dies unabhängig davon, ob es sich nun um wirklichen sowjetischen Einfluß oder um einen bloßen Vorwand handelte. Jürgen Roth zitiert die in New York ansässige Wochenschrift The Nation, die das 1987 von Reagan zur politischen Konzeption erhobene System der verdeckten, sozusagen privatisierten Kriegsführung als ªein permanent sich neubildendes Netz von ausländischen Regierungen, politischen Parteien und privaten Institutionen, deren Zweck es ist, eine weltweite Konterrevolution zu unterstützen, ohne dabei den Launen lokaler Wahlen oder öffentlicher Kritik der öffentlichen Meinung in irgendeinem Land ausgesetzt zu sein´.1061 Wie das System funktionierte, zeigte sich deutlich, als 1982 die Waffenpipeline aus der Bundesrepublik in den Iran installiert wurde, mit der die Reagan-Bush-Administration einen Teil ihrer Schulden bei den Ayatollahs abzahlte, die daraus erwachsen waren, daß diese 1979 so lange mit der Freilassung der amerikanischen Geiseln gewartet hatten, bis sichergestellt war, daß Reagan und der Ex-CIA-Chef Bush ins Weiße Haus kamen und Carter auf seine Erdnußfarm zurück mußte. Damals wurden die NATO-Bestände in bundesrepublikanischen und südbelgischen Lagern geplündert. HAWK-Ersatzteile, die beispielsweise 20.000 Dollar kosteten, wurden an die Iraner um 200.000 Dollar verkauft. Jürgen Roth zitiert einen daran beteiligten amerikanischen Geheimdienstler, der sich die Quittungen über die damaligen Finanztransaktionen als Lebensversicherung besorgt hatte: ªBundesdeutsche Politiker sind nicht nur über diese Geschäfte eingeweiht gewesen. Sie haben über eine Tarnfirma in Zürich erheblich mitverdient. Profite daraus sind schwarz in bestimmte Parteikassen geflossen.´1062

Die Todesschwadronen der World Anticommunist League des Generals Singlaub waren eben nur ein Teil und ein neuer Anfang eines alten Spiels.1984 wurde die National Security Decision Directive NSDD 138 offiziell installiert. Bushs nationaler Sicherheitsberater, Donald Gregg, baute das Team auf, das gemeinsam mit dem britischen Geheimdienst wie zu alten Nachkriegszeiten aktiv werden sollte. Durch Caseys Einwirken wurde für diese Gruppe seitens des Nationalen Sicherheitsrates ein Mann abgestellt, der im Laufe der Ereignisse für die Öffentlichkeit die Hauptrolle im Irangate-Skandal übernehmen sollte - Oliver North.

Später zeigte sich, ªdaß General Singlaub ein enormes Netzwerk intergouvernmentaler Geldgeber aufgebaut hatte, um die geheimen Operationen ohne Wissen des Kongresses zu finanzieren´.1063 Und dies nicht nur in Nicaragua, sondem auch im Nahen Osten und in Afrika.

Über Irangate selbst muß hier im Detail nichts gesagt werden. Was uns vor allem interessiert, sind die unmittelbaren Zusammenhänge zwischen den Nazi- Netzwerken von einst und den von Casey, North und ihren Auftraggebem im Weißen Haus diesen nachgebildeten Strukturen: Derjenige, der im Zuge des ersten großen Waffendeals zwischen Iran und Israel 1981 mit dem iranischen Unterhändler, Khomeinis Schwiegersohn Sadegh Tabatabai für Israel beziehungsweise für die USA verhandelte, war niemand anderer als Stefano della Chiae, Rechtsextremist, Waffenhändler, Terrorist und einer der Vollstrecker der italienischen Freimaurerloge Propaganda due.1064 Daß sich andererseits Oliver North für seine Ratlines und vor allem für sein Waffenschiebungs- und Geldwäschesystem eines palästinensischen Terroristen, nämlich des vom spanischen Marbella aus operierenden, mit dem syrischen Geheimdienst-Chef verschwägerten Chef-Geldwäschers und Chef-Geldbeschaffers der PLO, Monzar Al-Kassar, bediente, war wohl nur eine Frage des Gleichgewichts und ist ein weiterer Hinweis darauf, daß vorgebliche Feinde durchaus auch heimliche Freunde sein können. Auch hier eine bemerkenswene Parallele zu den Zeiten, da Dulles, Angleton, Wiesner und Casey agierten: ªEs ist bestätigt, daß Monzar Waffen aus kommunistischen Ländenn an die Contras lieferte und es besteht der Verdacht, daß er andererseits wieder die Kommunisten mit Informationen über die Contras versah.´1065

Viele Dinge ändern sich, viele Dinge bleiben gleich. Und es ist kaum übertrieben, wenn Aarons und Loftus in ihrer Untersuchung über die Ratlines schließen: ªDer Weg gescheiterter Operationen und geheimer Destruktion führt unerbittlich zurück nach Rom.´1066 Das gilt nicht nur für die Beihilfe zur Rettung und Rekonstruktion der Nazi-Netzwerke. In der Tat: CIA, Nazis, Vatikan, lateinamerikanische Diktaturen, Todesschwadrone, Terrorismus, Rauschgift- und Waffenhandel, Börsenspekulationen, Eurodollars, Ostkredite und Mafia, Subversion und verdeckte Aktionen - das sind sozusagen die Markierungspunkte genau jenes Betätigungsfeldes von Gelli und seinen Logenbrüdern innerhalb und außerhalb Italiens, in dessen Rahmen sich später auch die ªvatikanisch inspirierte Wirtschaftskriminalität´1067 über die ganze Welt ausbreiten sollte, die wiederum auch nur Teil eines größeren Systems ist.



Anmerkungen:

1007 Vgl. Bremer, Georg, ªSeid umschlungen Millionen - Wie Fluchtgeld in saubere Schweizer Fränkli verwandelt wird´, in: Die Zeit, Nr. 18, Dossier v.27. April 1984.

1008 Vgl. Gutierrez, Ignacio, ªArriba und Heil Hitler´, in: Die Zeit, Dossier v. 31.10.1980; vgl. auch Purtscheller, Wolfgang, Aufbruch der Völkischen - Das braune Netzwerk, Wien 1992, S. 30ff. insbes. S. 33f.: Zu Skorzenys erfolgreichen Unternehmungen trug wesentlich auch der Umstand bei, daß seiner spanischen Firma ungeachtet seiner Kriegsverbrechen und ungeachtet des Umstandes, daß zumindest damals in Österreich ein Haftbefehl gegen ihn vorlag, die Generalrepräsentanz der verstaatlichten österreichischen VoEST (vormals Hermann-Göring-Werke) für die iberische Halbinsel und Lateinamerika übertragen worden war. Skorzeny war übrigens eine der treibenden Kräfte hinter der ªOrganisation ehemaliger SS-Angehöriger´, allgemein als ODESSA bekannt. Heute dient Skorzenys spanische CEDADE auch als Regenerationsort für wegen Wiederbetätigung verurteilte Neonazis wie etwa die Österreicher Walter Ochsenberger und Gerd Honsik.

1009 Lo Bello, Nino, Vatikan im Zwielicht - Die unheiligen Geschäfte des Kirchenstaates, München 1983, S. 67.

1010 Die Schlepperorganisation DIE SPINNE wurde sozusagen im österreichischen Internierungslager Glasenbach erfunden. Einer der Gründer dieser Fluchthilfestruktur war nicht von ungefähr der Schriftsteller Erich Kernmayer, der In seinen Büchern, die er mit dem Pseudonym Erich Knud Kern signierte, das NS-Regime und die SS geradezu als eine Art europäische Verteidigungsallianz gegen den gleichmacherischen Bolschewismus verklärte. Kernmayer-Titel, deren Auflagen in die Hunderttausende gingen, und sozusagen zur Basisliteratur der neofaschistischen Szene wurden: Insel der Tapferkeit, Das Buch der Tapferkeit, Buch der Tapferkeit: Soldatenschicksale unseres Jahrhunderts, Adolf Hitler und das Deutsche Reich: Der Staatsmann, Adolf Hitler und das Deutsche Reich: Der Feldherr usw.



1011 Aarons/Loftus, a.a.O., S. 18.

1012 Ebd., S. XII.

1013 Ebd., S. 28ff.

1014 Ebd., S. 39f., u.a. Zit.: Departrnent of State,

Report from Vinvent La Vsta to Herbert J. Cummings, 15. May 1947, USNA (US National Archive), RG 59, FW 800.0128/5 - 1547.

1015 Ebd., Zit.: Interview with Simon Wiesenthal, Vienna 21. February 1985. Vgl. Brockdorf, Werner (Alfred Jarschel), Flucht vor Nürnberg, a.a.O., S. 55ff. S. 81.

1016 Ebd., vgl. Brockdorff, a.a.O., S. 79. 1017 Ebd.

1018 Ebd., S. 47ff.

1019 Lo Bello, a.a.O., S. 70.

1020 Aarons/Loftus, a.a.O., S. 71, 72. Der britische Geheimdienst hatte engste Beziehungen zu Pavelic1 Terroristennetz unterhalten, vor allem nach der Ermordung des jugoslawischen Königs Alexander in Marseille im Jahr 1934.

1021 Ebd., S.56ff. u.a. Zit.: Gowen CIC report of 23 June 1947, Vajta file, obtained under the US FOIA, pp. 49-51; and CIC memos of 21. August, 4. and 5. October, and In December 1946, Intermarium file, obtained under US FOIA, pp. 1-6.

1022 Ebd., S. 87. 1023 Ebd., S. 59. 1024 Ebd., S. 58f., 180, 200. 1025 Ebd., S. 88.

1026 Ebd., S. 72; zu Ante Pavelic vgl. Lrnberger, Harald, Die Terror-Multis, Wien, München 1976, S. 128ff.

1027 Deschner, Karlheinz, Kirche und Faschismus, Rastatt 1993, S. 110. Deschner gibt in seinem Buch in der Tat erschöpfend Auskunft über die grauenhaften Umtriebe der Ustascha im Verein mit dem katholischen Klerus, insbes. auf S. 101ff. sowie 106ff. Im Mai 1941 reiste Pavelic mitsamt seinen Ministern und etlichen Geistlichen, darunter der Generalvikar des Erzbischofs Stepinac, Bischof Salis-Sewis nach Rom, wo er auch in ªbesonders feierlicher Privataudienz von Pius XlI. empfangen und gesegnetª wurde. ªDer Papst entließ ihn und seine Suite mit den besten Wünschen für >weitere Arbeit<. Darauf wurden im >Unabhängigen Kroatien< 299 serbisch-orthodoxe Kirchen ausgeraubt und vernichtet, weitere Kirchen in katholische umgewandelt, in Schlachthäuser, Warenhäuser, öffentliche Toiletten und Ställe. In Gegenden, wo die Serbisch-Orthodoxen die Bevölkerungsmehrheit bildeten, hat man ihre Kirchen meist total zerstört, wo die Orthodoxen in der Minderheit waren, wurden ihre Kirchen für katholische Zwecke umgewandelt. Alles zeigt, daß eine wohlgeplante Politik befolgt worden ist. Der ganze Besitz der serbisch-orthodoxen Kirche ging in den Besitz der katholischen über. [...] In Zagreb, wo der Primas der kroatischen Katholiken, Erzbischof Stepinac, und der apostolische Nuntius Marcone residierten, schlug und quälte man den orthodoxen Metropoliten Dositej derart, daß er wahnsinnig wurde. Andere orthodoxe Patriarchen und Bischöfe schleppte man nach Dachau oder in italienische Konzentrationslager, wo sie bis zum Ende des Krieges blieben. [...] Bischof Platon und seinem Begleiter, dem Priester Dusan Subotic, stach man, während auf ihrer Brust ein Feuer brannte, die Augen aus, schnitt ihnen die Ohren ab und gab ihnen endlich den Todesstoß. Überall forderte der katholische Klerus die Orthodoxen zur Konversion auf. >Wenn ihr zur katholischen Kirche übergetreten seid<, versprach der Bischof Aksamovic von Djakovo, >werdet ihr in euren Häusern in Ruhe gelassen werden.< Viele wurden so katholisch, noch mehr aber wurden massakriert: erschossen, erstochen, zerstückelt, lebendig begraben oder gekreuzigt. Als Pavelic am 26. Juni 1941 den katholischen Episkopat in Audienz empfing und Erzbischof Stepinac sagte: >Wir bezeugen von ganzem Herzen Ehrerbietung und versprechen ergebene und treue Mitarbeit für die strahlendste Zukunft unseres Vaterlandes<, hatte man innerhalb von sechs Wochen bereits drei orthodoxe Bischöfe, mehr als hundert orthodoxe Priester und Ordensleute sowie 180.000 Serben und Juden ermordet.´

1028 Aarons/Loftus, a.a.O., S. 79.

1029 Ebd., S. 132; vgl. auch S. 128ff. und 132 über die Rolle des Nazi-Quislings und spirituellen Führers der slowenischen Ustascha-Einheiten, Bischof Gregory Rozman bei der Geldwäsche von Ustascha-Vermögen in Bem. Über Vermittlung des amerikanischen Kardinals Spellman und Erzbischof Rohracher in Salzburg durfte er 1948 ungehindert in die USA einreisen und sich in Cleveland, Ohio, niederlassen. U.a. Zit.: Harrington CIC memo of 9. March 1948, ªActivity of Bishops Rozman and Saric´, released under US FOIA; Airgram from Berne to State Department, USNA, Myron Taylor Papers, Box 21.

1030 Ebd., S. 51, 125.

1031 Ebd., S. 267f.

1032 Ebd., S. 266. Damit wird im Zusammenhang mit der Waldheim-Affäre einiges klar. Waldheim behauptete stets, daß er nicht in die blutigen Kozara-Massaker von 1942 verwickelt war, da er zu dieser Zeit im Stab des deutschen Quartiermeisters in Westjugoslawien Dienst getan habe. Immerhin aber könnte er durchaus Gelegenheit gehabt haben, Pater Draganovic kennenzulernen, der zur Zeit der Kozara-Offensive in West-Bosnien auf Requisitionstour war. Auf welche Weise Waldheim Ante Pavelic dermaßen beeindruckt haben konnte, daß dieser ihm die silberne Medaille mit Eichenlaub für seine Dienste in dieser Gegend verlieh, bleibt wohl ein Rätsel, bis entsprechende Dokumente freigegeben werden. Für welche Verdienste Waldheim nun genau im Juli 1994 eine der höchsten päpstlichen Auszeichnungen, nämlich den Pius-Orden verliehen bekam, bleibe dahingestellt.

Möglicherweise war es eine späte Belohnung für die Tätigkeit im Rahmen der Intermarium-Operationen des Vatikans.

1033 Ebd. Wie Waldheims früherer Vorgesetzter im österreichischen Außenministerium, Karl Gruber zugegeben hat, hätten die alliierten Nachrichtendienste Waldheim vermutlich von jeder Betätigung im österreichischen Außenministerium zunächst disqualifiziert. Doch dank eines von Molden der Regierung zugespielten gewaschenen Lebenslaufes war Waldheim schließlich sauber genug, um in das diplomatische Corps einzutreten: zu jener Zeit also, da die österreichische Regierung die Umtriebe des Terroristen-Netzes der Krizari auf ihrem Territorium forderte. Draganovic wurde bemerkenswerterweise österreichischer Staatsbürger, ehe er hinter den Eisernen Vorhang in Titos Reich zurückkehrte, den Titoismus über den grünen Klee lobte und wegen seiner Ustascha- und Krizari-Vergangenheit völlig ungeschoren blieb. Im Zusamrnenhang mit Waldheim, Gruber und Molden u.a. Zit.: London Observer Service, Interview with Karl Graber, reported in QuincyPatriotLedger, 29. April 1986. Der Verleger Fritz Molden produzierte sich übrigens Ende der fünfziger Jahre ebenso wie der damalige Express-Chefredakteur und spätere ORF-Generalintendant Gerd Bacher als finanzieller und medialer Förderer jener rechtsextremen Südtiroler, die als sogenannte ªBumser´ in die Zeitgeschichte eingegangen sind. (Vgl. Purtscheller, Aufbruch der Völkischen, a.a.O., S. 46f.)

1034 Aarons/Loftus, a.a.O., S. 126, 132 1035 Ebd., a.aO., S. 203f.

1036 Ebd., S. XIIff.

1037 Ebd., S.236, Zit.: INSCOM-DOSSIER, Subject: ªGiovanni Montini´, Memo of July 1946 Unattributed, US Army Investigate Records Repository, Ft. George V. Meade, Md., declassified under US FOIA.

1038 Ebd., S. 269.

1039 Ebd.,S.138;vgl.auchS.173ff.189ff.207ff. 1040 Ebd., S. 203, Zit.: Simpson, Christopher, Blowback, New York, 1988, 180f. Im Laufe der Nachkriegszeit entstand dank entsprechender Propaganda und Verschleierungstaktik der Beteiligten die Ansicht, die Mitglieder der Galizischen SS seien so etwas wie Opfer der nazistischen Unterdrückung gewesen. Tatsache indessen ist, daß gerade zahlreiche Mitglieder dieser SS-Einheit für ihre Brutalität während der grausamen Exekutions-Aktionen in der Ukraine bekannt waren. Viele von ihnen waren als Mitglieder der mobilen SS-Mordeinheiten an Massakern wie jenem von Babi Yar beteiligt(vgl.S.180,189,192). 1041 Ebd., S. 259, 260f.

1042 Vgl. O`Shaughnessy, Hugh, ªEurope1s best kept secret´, in: The Observer v. 7. Juni 1992, S. 53, wo P2-Logenchef Gelli als Schlüsselfigur auch dieser NATO-Geheimorganisation identifiziert wird. Außerdem wird James Jesus Angleton als die treibende Kraft beim rechtsradikalen und terroristischen Niedergang dieser aus ursprünglich ganz und gar edlen und unschuldigen Gründen zur Verteidigung des Westens vor den Russen installierte Untergrund-Organisation genannt.

1043 Aarons/Loftus, a.a.O., S.285.

1044 Ebd., S. XIII.

1045 Ebd.; vgl. Lernoux, Penny, In banks we trust, New York 1984, insbes. S. 181ff.; über Zusammenhänge zwischen den finanziellen Transaktionen der Loge P2 und dem amerikanischen Wahlbetrug von 1980 bzw. personelle Verbindungen zwischen Licio Gelli und George Bush vgl. Roth, Mitternachtsregierung, a.a.
leider fehlen im vorausgegangenen posting der link und ein teil der literaturangaben am schluss. das hole ich hiermit nach:

1045 Ebd.; vgl. Lernoux, Penny, In banks we trust, New York 1984, insbes. S. 181ff.; über Zusammenhänge zwischen den finanziellen Transaktionen der Loge P2 und dem amerikanischen Wahlbetrug von 1980 bzw. personelle Verbindungen zwischen Licio Gelli und George Bush vgl. Roth, Mitternachtsregierung, a.a.O., S.132ff.

Siehe zum Thema Vatikan-Banken auch die Zusamrnenfassung bei Malachi, Martin, Das letzte Konklave, Wien, Hamburg 1978, S. 40 bis 48.

1046 Görlitz, Geldgeber, a.a.O., S. 213f., insbes. S. 220f.

1047 Ebd., S. 129.

1048 Ebd.; vgl. Engelmann, Bernt/Walraff, Günter,lhr da oben-wir da unten,Köln 1973,S.114. 1049 Yallop, David A., Im Namen Gottes? Der mysteriöse Tod des 33-Tage-Papstes Johannes Paul 1. -Tatsachen und Hintergründe, München 1984, S. 159f.

1050 Ebd., S. 160. Vgl. bezüglich der Täuschungsmanöver, mit denen das Counter Intelligence Corps ausgetrickst wurde, Aarons/Loftus, Unholy Trinity, a.a.O., S. 250ff.

1051 Vgl. Yallop, a.a.O., S. 160. Auf Barbies Konto geht u.a. die Ermordung des bolivianischen Sozialistenführers Marecelo Quiroga Cruz. 1980 halfen die ªBräute des Todes´ dabei, General Garzia Meza an die Macht zu bringen.

1052 Ebd., S. 165.

1053 Ebd. Vgl. Irnberger, a.a.O., S.l99ff.

1054 Aarons/Loftus, Unholy Trinity, a.a.O., S. XIV. In den fünfziger Jahren hat übrigens Ronald Reagan Geld für eine jener Frontorganisationen gesammelt, die das gewaschene Geld dann an die faschistischen ªFreedomfighters´ Dulles` transferierten.

1055 Ebd., S. XV. 1056 Ebd. 1057 Ebd. 1058 Ebd., S. XVI. 1059 Ebd., S. XVII; vgl. auch Roth, Mitternachtsregierung, a.a.O., S. 89: Während der Reagan-Casey-Ära wurde die WACL des Generals Singlaub mit der ªWestem Goals Fundation´ zusammengeschlossen: einer der für die Realisierung der ªLaw-Intensity-Conflicts´-Strategie und der verdeckten Einmischung mittels ªprivater Intervention´ in die Angelegenheiten fremder Länder

(ªohne der Kritik der öffentlichen Meinung dieser Länder ausgesetzt zu sein´) geschaffenen Stiftungen. Weitere solcher über Geheimdienstkanäle finanzierten Institutionen sind die ªInternational Freedom Foundation´, die ªInternational Society of Human Rights´ und die ªHeritage Foundation´, die vor allem auch gern von strammen bundesdeutschen Politikern besucht wird.

1060 Vgl. Roth, Mitternachtsregierung, a.a.O., S. 95.

1061 Ebd., S. 88.

1062 Ebd., S. 293. Daß übrigens Reagan und Bush über die Iran-Lieferungen nicht nur voll informiert waren, sondern daß Reagan persönlicher Initiator des illegalen Waffendeals gewesen war, bestätigte im Januar 1994 der mit der Untersuchung des Iran- Contra-Skandals beauftragte amerikanische Sonderstaatsanwalt Lawrence Walsh. Reagan habe den Verkauf von Waffen an den Iran - gegen ein bestehendes Embargo - ausdrücklich autorisiert. Dabei, so Walsh, habe Reagan allerdings gegen keine Gesetze verstossen ... (News 319)

1063 Vgl. Aarons Loftus, a.a.O., S. XVI1. 1064 Vgl. Roth, a.a.O., S. 138.

1065 Aarons/Loftus, a.a.O., S. XIX. Vom Lockerbie-Anschlag bis zur Iran-Contra-Affäre gibt es kaum eine größere Aktion aus dem Bereich Waffen, Drogen und Terror und auch Geheimdiplomatie, mit der der Syrer Al-Kassar nicht in Verbindung zu bringen wäre. Im Januar 1994 machte er wieder Schlagzeilen, weil er in Spanien für einige Tage aus der Untersuchungshaft beurlaubt wurde, um angeblich seinen kranken Bruder in Syrien zu besuchen. Allerdings sind durchaus nicht unbegründete Spekulationen laut geworden, der PLO-Geldwäscher, Waffenschieber, und CIA-Vermittler sei freigelassen worden, um einen Vermittlungsauftrag im Zusammenhang mit den palästinensisch-israelischen Verhandlungen zu übernehmen, die dann wenig später tatsächlich zu einem Abkommen über die Autonomie der Westbank und des Ghazastreifens führten (TVE v.20. l .1994). Al-Kassar saß wegen der Beteiligung an einem Mordversuch an dem libanesischen Agenten Elias Awad im Jahr 1994 in spanischer Untersuchungshaft. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, die Entführer des Kreuzfahrtsschiffes ªAchille Lauro´ 1985 mit Waffen versorgt, wenn nicht die Entführung überhaupt organisiert zu haben. Es war jedoch anzunehmen, daß Al-Kassar mehr oder weniger ungeschoren davonkommen würde, da der spanische Geheimdienst CESID zweifellos seine schützende Hand über den Syrer hält, der doch Staat und Geheimdienst schon etliche Dienste erwiesen hat: etwa durch die Lieferung von mit Peilsendern ausgestatteten Waffen an die spanische Terrororganisation ETA, wodurch es möglich wurde, ein umfangreiches Waffenlager auszuheben. Auch die Franzosen sind ihm zu Dank verpflichtet. Umfangreichere Aktivitäten entfaltete er auch in Österreich, wo er nicht nur das Wiener Flugunternehmen ªJet-Air´ finanzierte, sondern sich durch die Beschaffung von Endverbraucher-Zertifikaten für die Iran-Waffenexporte der staatlichen Firma Noricum einen Namen und saftige Provisionen machte. Er soll der Auftraggeber jenes Mannes gewesen sein, den der VOEST-Generaldirektor Apfalter kurz vor seinem mysteriösen und nach wie vor ungeklärten Tod getroffen hatte ...

1066 Ebd., S. 264.

1067 Yallop, a.a.O., S. 196f.

Quelle:

E.R. Carmin, Das Schwarze Reich, Okkultismus und Politik im 20. Jahrhundert, Bad Münstereifel 1994, S.273-285 ff.

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FOLTER IN CHILE
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Mehr als zehn Jahre nach der Pinochet-Diktatur nimmt Folter in Chile noch kein Ende. Besonders Jugendliche würden häufig mit Stromstößen gequält, mit Plastiktüten erstickt oder unter Wasser gedrückt, zitiert Que Pasa aus dem Bericht einer britischen Untersuchung. (afp)

taz Nr. 6819 vom 6.8.2002, Seite 9, 12 Zeilen (Agentur)

taz muss sein
MORD AN GENERAL
Pinochets Auslieferung
Ein Berufungsgericht in Santiago verhandelt erneut über eine Auslieferung des chilenischen Exdiktators Augusto Pinochet an Argentinien. Ermittler in Chile und Argentinien werfen dem 86-Jährigen die Ermordung des früheren chilenischen Generals Carlos Prats in Argentinien vor. (ap)

taz Nr. 6827 vom 15.8.2002, Seite 9, 12 Zeilen (Agentur)


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