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Meine Frauen und meine Aktien - 500 Beiträge pro Seite



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Wenn Du dreißig wirst, zieht plötzlich dein ganzes Leben vor deinem inneren Auge an Dir vorbei.

Zuerst sah ich wieder meine erste Liebe vor mir. Als wir uns damals begegneten bin ich knapp sechs Jahre alt gewesen.

Ich wohnte in einer Kleinstadt. Unser Haus lag dort, wo es am schönsten war. Wir waren der letzte Vorposten der Stadt an der Grenze zur Bauernschaft. Hinter dem Haus, direkt an unserem Garten, lag ein großes Feld.

Meine Eltern warnten mich vor dem Feld. Es gab dort viele Mäuse und Ratten. Darum gab es dort auch jagende Katzen. Manche dieser Katzen waren riesengroß und total verwildert. Sie hatten seit Generationen nur noch Sichtkontakt zu Menschen gehabt. Manchmal schlugen sie auch Fasanen. Man konnte sich ihnen nur nähern, wenn sie gerade schwere Beute wegschleppten. Damit riskierte man aber, daß einem ein Finger abgebissen wurde. Ein erwachsener Mann aus unserer Gegend hatte auf diese Weise eine Fingerkuppe verloren.

Eines Tages war ich allein hinter dem Haus und drosch meinen Fußball in einer dem Squash ähnlichen Manier immer wieder gegen die Wand. Da raschelte es hinter mir im Feld. Ich kriegte einen Schrecken, denn dem Geräusch nach mußte das eine unglaublich große Katze sein, die einem womöglich nicht „nur“ seinen Finger, sondern eine ganze Hand abbeißen konnte.

Ich drehte mich um und sah ein fremdes Mädchen. Sie zuckte gerade in dem Augenblick zusammen, als ich sie gerade eben wahrnahm, und mir kam es dadurch vor, als hätte sie sich soeben materialisiert, wie ich es von „Raumschiff Enterprise“ kannte. Wir starrten uns eine Weile an. Dann sagte sie was. Ihr Gerede hörte sich an, als würde jemand sanft eine ruhige Melodie summen.

Sie kam aus der Nachbarschaft und wohnte ein paar Häuser weiter in derselben Straße. Ihr Garten grenzte ebenfalls an das Feld. Sie hatte eine Freundin besuchen wollen und sich dabei im hohen Mais verlaufen. In solche Mädchen habe ich mich später immer wieder verliebt: hübsch, sanft, eloquent und ohne Orientierungssinn...

Sie verlief sich dann noch häufiger zu mir. Sie war wie eine Katze- sie kam und ging wie sie wollte. Man konnte sie nicht lenken, aber man mußte sie mögen. Melanie machte andauernd komische Sachen. Sie senkte zum Beispiel den Kopf und starrte mich ernst an, ehe sie den Kopf ganz langsam hob und dabei auch ihre Mundwinkel genauso langsam nach oben wandern ließ, bis sie mich wieder voll ansah und offen anlächelte. Oder sie wandte sich um 180 Grad von mir ab, weigerte sich, mich anzusehen, und warf dann plötzlich den Kopf herum, wobei sie ihre langen schwarzen Haare aus dem Gesicht schüttelte und dabei gleichzeitig die Augen weit aufzuriß. Manchmal wandte sie sich auch um 90 Grad von mir ab, senkte den Kopf, so daß ihre langen glatten Haare nach vorn fielen und ihr Gesicht komplett vor mir versteckten, und redete kein Wort mehr, bis ich sie packte und schüttelte ... und dann lachte sie über meine besorgte Miene... Ich fand das alles rätselhaft.

Leider besuchte sie eine andere Schule, die mir meiner Konfession wegen versperrt war. Ein paar Wochen nach unserer ersten Begegnung zog sie fort, ohne sich zu verabschieden. Erst als sie siebzehn und ich sechzehn war, sah ich sie wieder. Bei ihrem Anblick vergaß ich alle Mädchen, mit denen ich mich in der Zwischenzeit beschäftigt hatte.

Wie es zu diesem Wiedersehen kam, ist mir allerdings peinlich. Ich hätte mich wahrscheinlich garnicht getraut, mich so ranzuschmeißen, wenn ich nicht einfach so dämlich gewesen wäre. Das war so ziemlich das Dümmste, was ich mir jemals leistete. Noch dümmer wäre es, das auch noch zu erzählen.

Ich bin doch nicht blöd.


(Fortsetzung folgt)
@ greatmr


Danke. Das war das i-Tüpfelchen, das noch fehlte.

Weißt Du zufällig, was aus Jeffrey Archer geworden ist? Der war doch einst sehr erfolgreich als Spekulant, verlor dann alles wieder und wurde aus Verlegenheit Schriftsteller. Das klappte besser... Aber in den letzten Jahren habe ich von ihm nichts mehr gehört...
Ob er die Erträge aus seinen Büchern dazu verwendet hat, wieder zu spekulieren?

Falls er wieder alles verzockt hat, ist er wohl doch kein Vorbild für mich...
:rolleyes:
wolf
der punkt war ein kleines lesezeichen für mich, um die fortsetzung nicht zu verpassen.
nein, weiss ich leider nicht.
Sehr interessante Story, wolfsbane. Habe ganz Ähnliches erlebt(Feld, Mädchen, Augenaufschlag und Orientierungslosigkeit, ich war zu dieser Zeit allerdings schon 14;) Ich bin sehr gespannt, wie es bei Dir weitergeht. Meine weiteren Stichworte: Vornamenwende, Ohrfeige und China? Gruß Stephen
@ greatmr

Lesezeichen?
;)

Wahrscheinlich geht es schon heute weiter. Ich muß lediglich bereits vorhandenes Material ein bischen zusammenstreichen. Als nächstes erzähle ich, wie ich trotz meiner Herkunft aus der Arbeiterschicht durch das Fach "Wirtschafts- und Sozialkunde" zum Kapitalisten wurde und mit einer Unternehmer-Tochter anbändelte... Danach kommen ich dann zu ein paar wirklich seltsamen Erfahrungen mit Frauen und zu meinen ersten Spekulationen an der Börse...

Übrigens, man hat noch knapp einen Monat Zeit, einen Fantasy-Roman für den "Wolfgang Hohlbein-Preis" einzureichen. Falls ich mich hier eine Weile nicht mehr melde, beschäftige ich mich stattdessen gerade damit... Das ist für mich selbst interessanter, denn was ich hier poste, habe ich meinen richtigen Bekannten teilweise schon etwa tausendmal erzählt und meistens haben sie sich nur kaputtgelacht...
;)
ja, lesezeichen.

das straßensofa ist so schnell - da verpasst man leider oft die besseren threads ;)
@ Stephen

Mich überrascht immer wieder, wieviele Jungs Ähnliches erlebt haben. In Hollywood-Filmen scheinen solche Stories gerade groß in Mode zu sein. Ich denke da z.B. an "Forrest Gump" und "Große Erwartungen" (einen der weniger bekannten Filme mit Gwyneth Paltrow).

Mit 14 hatte ich ein ganz anderes Erlebnis mit einer 18-jährigen. Aber solche Erlebnisse überspringe ich diesmal, denn sonst könnte es woeder heißen, ich wolle ein "Jugendbuch" schreiben...
:rolleyes:

Zu "Ohrpfeige" und "China" fallen mir auch Frauengeschichten ein, aber diese Frauen will ich auf keinen Fall literarisch verewigen.

Was meinst Du mit "Vornamenwende"?
Aus Ulrike war Alexandra U. geworden, nachdem ich sie wiedergetroffen hatte, bzw. Sie mich;) Gruß Stephen
Jetzt geht die Geschichte endlich weiter:



Nein, ich habe mich geirrt. Ich war doch schon 18 Jahre alt, als ich Melanie wiedersah. Ich war inzwischen dreimal so alt wie bei unserer letzten vorherigen Begegnung...

Warum sollte ich es eigentlich nicht erzählen. Vielleicht liest es sowieso niemand.

Das Wiedersehen mit ihr kam auf die gleiche Weise wie alle meine späteren Börsenerfolge zustande, nämlich durch eine ganze Reihe von blöden Wunschvorstellungen und Fehlentscheidungen, die schließlich zusammen eine glückliche Kombination bildeten.

Es war an einem Donnerstagabend im Frühling oder Herbst. Ich wartete in der Nähe des Bahnhofs vor dem Spiellokal unseres Schachklubs. An jenem Abend blieb das Spiellokal geschlossen, denn die Kneipe machte Urlaub. Außer mir hatte noch ein anderes Vereinsmitglied vergessen oder überhört, daß an jenem Tag kein Vereinsabend stattfinden würde. Es handelte sich dabei um einen freundlichen, etwa 35 Jahre alten Herrnnamens Sigi, der kurz vor dem Abschluß seines Mathematik-Studiums stand, und zwar schon seit mehr als zwölf Jahren.

Als wir gerade erörterten, ob die Kneipe vielleicht garnicht mehr öffnen würde, kam ein hübsches Mädchen vorbei. Sie grüßte mich und ich guckte blöd. Dann verzog sie das Gesicht und ging schnell wieder weiter. Es war Melanie. Sie sah jetzt genauso aus, wie ich es mir vorgestellt hatte- abgesehen von den unsäglichen Hippie-Klamotten... Ich dachte, sie hätte das Gesicht verzogen, weil ich nicht sofort zurückgegrüßt, sondern nur gestarrt hatte.

Tatsächlich hatte sie ihren Mathe-Nachhilfe-Lehrer Sigi gegrüßt und war wegen mir wieder geflohen. Es war genau das Gegenteil von dem, was ich annahm. Es war eine dieser albernen Verwechslungen, die man aus billigen Film-Komödien kennt...

Ich machte einen kleinen Spurt und war an ihrer Seite.

Mittlerweile war ich ein bischen größer als sie. Ich konnte längere Schritte machen. Ich bewunderte ihren flotten Gang und ihre gute Kondition, ehe ich endlich wieder genug Puste hatte, um „Hallo“ zu sagen.

„Hallo“, sagte ich und zog zwecks besserer Verständlichkeit bei jeder Silbe einmal die Augenbrauen hoch.


Als nächstes erzähle ich dann, wie ich Soldat wurde und bei meinen Wochenendfahrten eine todsichere Methode entwickelte, in Zügen Mädchenbekanntschaften zu machen.
Danach kommen endlich die ernsteren Themen.
;)
#13 Warum hast du das nicht früher veröffentlicht, wo ich noch beim Bund war.
„Hallo“, sagte auch sie. Aber sie blickte mich nur kurz an, ohne stehenzubleiben. Sie behielt ihr Tempo bei. Nichts sah danach aus, als wolle sie noch etwas zu mir sagen. Ich war unter Zugzwang. Die Stadt war klein und Melanie war schnell. Wohin sie auch wollte, sie würde gleich dort sein. Ich mußte zumindest ihre Telefonnummer aus ihr rausquetschen, ehe sie in die Arme eines anderen Mannes oder hinter verschlossene Türen flüchtete und sich wieder zwölf Jahre vor mir verbarg.
„Wie lange haben wir eigentlich nicht mehr miteinander geredet?“, fragte ich in einem möglichst beruhigenden Tonfall.
Sie sah mich kurz an und schwieg.
Vielleicht war ich in der fatalen Situation, daß sie sich garnicht mehr an mich erinnerte. Aber sie mußte sich erinnern. Ich machte es wie ein freundlicher Lehrer- ich gab ihr einen Teil der Antwort vor:
„Das ist doch bestimmt schon zehn Jahre her...“
Sie warf den Kopf herum, ließ die langen schwarzen Haare fliegen und antwortete: „Damit habe ich kein Problem.“
Aktuell schien ich nicht ihr Typ zu sein, also mußte ich 1)auf die alte Freundschaft pochen und 2)eine Brücke zur Gegenwart schlagen.
„Ich war damals immer total fasziniert von dir“, sagte ich. „Das hat mich in Bezug auf Frauen richtig... geprägt.“
„Da waren wir doch noch ganz klein...“ wehrte sie ab.
„Eben“, sagte ich. „In diesem Alter ist der Geist noch offen. Da ist noch alles möglich. In diesem Alter werden die Weichen für das ganze spätere Leben gestellt.“
„Aber da waren wir doch noch ganz klein!“, sagte sie.
Ich war enttäuscht. Sie verstand mich nicht. Sie, die mir damals viele Dinge erklärt hatte, begriff etwas nicht, das für mich absolut einleuchtend und naheliegend war. Offensichtlich hatte sie ihren Bildungsvorsprung verloren. Dafür besaß sie nun andere Vorzüge. Sie Sie bewegte sich sehr anmutig und hatte eine gute Figur- schlank, aber nicht mager...
Sie bemerkte, daß ich sie taxierte.
„Ja“, sagte ich, „damals waren wir klein. Und als kleiner Junge habe ich deinetwegen angefangen, Mädchen zu mögen, die auf deine Weise hübsch sind, sehr weiblich wirken und gut rennen können.“
„Das ist doch schon so lange her“, sagte sie.
Ich guckte auf meine Armbanduhr. Ja, jetzt hatte ich genug Geduld gehabt und konnte sie nach ihrer Telefonnummer fragen.
„Können wir nicht später später noch einmal darüber diskutieren, wenn wir beide mehr Zeit haben, statt uns jetzt hier mitten auf der Straße unnötig rumzustreiten?“, fragte ich.
Nun sah sie mich länger an.
„Ich habe einen Freund“, sagte sie.
„Aha“, sagte ich.
Jetzt hatte ich die Gewißheit, daß sie mich doch verstand.
„Okay“, sagte ich nach dem ersten Schreck, „dann entschuldige ich mich jetzt dafür, daß ich mich so an dich ranschmissen habe und gebe dir als Wiedergutmachung ein Bier aus.“
„Das geht auch nicht“, sagte sie. Ihre Stimme bekam etwas Flehendes. Dieser Tonfall gefiel mir unglaublich gut, aber es mißfiel mir, was das in dieser Situation bedeutete.
„Normalerweise bin ich im Internat“, sagte sie. „Er bringt mich morgen zurück. Er hat ein Auto.“
Das mit dem Auto klang fast wie eine Frage.
Sie sah mich an. Ich überlegte noch, ob ich den Wagen meiner Eltern kriegen könnte. Ehe ich ihren Blick erwiderte, sah sie schon wieder fort.
Dann blieb sie ruckartig stehen und reichte mir die Hand.
„War nett, mal wieder mit dir zu quatschen. Aber hier müssen wir uns trennen. Sonst sieht mein Freund uns zusammen und dann kriege ich mächtig Ärger.“
Sie schüttelte mir die Hand, drehte sich um und ging auf eine Kneipe zu. Wenn ich ihr weiter nachlief, hatte ich wahrscheinlich nichts davon. Wenn ich ihrem Wunsch folgend zurückblieb, konnte ich mir in Ruhe ihren Hintern ansehen.
Ich blieb stehen.
Es war schade, daß sie ging, aber es war geil, wie sie das tat.

(Fortsetzung folgt)
... viel besser als eine Seifenoper! Und wie hast du nun ihren Macker aus dem Weg geräumt? Achja, verstehe ... cooming soon.
Die Stadt war klein und Melanie war schnell. Wohin sie auch wollte, sie würde gleich dort sein. :laugh:

Zucker in den Tank und dann den Retter machen :)

so long Hugo
Weiter geht´s:


Ich war stinksauer. Erst hatte sie mir gewunken und dann hatte sie mich auflaufen lassen, oder? Ich fühlte mich veräppelt, zum Narren gemacht. Was bildete sie sich ein? Eigentlich verabscheute ich diese ganzen Spät-Hippies. Das waren fast alles Kiffer und Besserwisser.
Weibliche Hippies faselten fast andauernd von Emanzipation, wenn sie gerade keine Zigarette im Mund hatten. Da gab ich mich schon mal mit so einer ab, weil mein Blick von sentimentalen Erinnerungen verklärt war, und dann sowas!
Ich hatte keine Lust, ihr in die Kneipe zu folgen. Da trafen sich die ganzen Pseudo-Intellektuellen und tauschten immer wieder die gleichen blöden Sprüche aus, die geistreich wirken sollten, aber nichts als verkappte Parolen waren.
Durch das Fenster konnte ich sehen, wie sie nach dem Betreten der Kneipe in einem Nebel aus Tabaksqualm fast völlig verschwand.
Ich ging weiter. Nicht weit von hier gab es seit einigen Monaten ein Fitness-Studio. Die Geräte waren Stefan, dem Inhaber, größtenteils während der Öffnungszeiten selbst zusammengeschweißt worden. Viele Kerle dort waren wie der Inhaber ehemalige Kampfsportler. Es gab dort natürlich auch einen Sandsack. Ich hatte keine Trainingssachen mit, aber wenn man an den Sandsack wollte, verlangte Stefan nur, daß man grundsätzlich seine Schuhe auszog.
Als ich das Studio betrat, ging gerade eine Frau in die Sauna. Und wenig später mußte ich aufpassen, um nicht von Stefan umgerannt zu werden, der, nur mit einem Handtuch bekleidet, auf demselben Weg war.
Im Fitness-Studio war immer was los.
Ich marschierte zum Sandsack und tobte mich ein bischen aus. Als mir ein bischen die Puste ausging, sah ich, daß ein Karateka und seine Freundin mich beobachteten.
„Mach ihn kaputt!“, feuerte er mich grinsend an. Dann lachte er und seine Freundin kriegte einen Kicher-Anfall.
Ich konnte nur ahnen, was sie meinten. Als ich weitermachte, ließ ich die Kopfstöße, sowie die Knie- und Ellenbogentechniken weg.
Nach ungefähr zwanzig Minuten fühlte ich mich etwas befreit.
Beim Rausgehen sah ich Stefan an der Theke. Es mußte in der Sauna wirklich verdammt heiß gewesen sein, denn er wirkte ausgelaugt und erschöpft.
„Warte mal!“, rief er mir nach. „Hast du irgendein Problem?“
Ich zu ihm an die Theke.
„Merkt man das?“
Er nickte.
„Naja“, sagte ich.
„Hat dich irgendjemand blöd angelabert?“
„Nee“, sagte ich. „Das ist schon lange nicht mehr passiert.“
„Sondern?“
„Ach- Liebeskummer.“
„Kriegst du ihn nicht hoch?“, fragte er.
„Was?“
„Hast du Anabolika genommen?“
„Was? Natürlich kriege ich ihn hoch. Erzählt jemand was anderes?“
„Hast du doch gerade selber erzählt“, sagte er.
„Ich habe nur gesagt, daß ich Liebeskummer habe!“
Er zuckte mit den Schultern.
„Und was meinst du damit? Ich meine, wenn alles klappt? Kriegst du keine ab?“
„Ich kriege nicht die, die ich haben will.“
„Und warum muß es unbedingt diese eine sein? Meinst du, deiner paßt bei keiner anderen?“
„Quatsch. Die ist eben genau mein Geschmack.“
„Woher weißt du das? Hast du sie schon gel...“
„Ach was, ich meine, sie ist... mein Typ!“
Er kratzte sich am Hals.
„Geh doch in den Puff. Da haben sie meistens ganz unterschiedliche ... Therapeutinnen. Vielleicht ist davon auch eine ...dein Typ.“
„Das hilft?“
„Seit Generationen“, sagte er.
„Aber ich bin Schüler und habe nicht viel Geld.“
„Kriegst du nicht ab und zu mal was extra von Oma?“
Ich dachte nach und nickte dann.
„Neulich hat sie mir was gegeben. Aber bestimmt nicht dafür, daß ich in den Puff gehe.“
„Hat sie das gesagt?“, fragte er.
„Sie hat gesagt, ich soll mir dafür was Schönes kaufen!“
„Dann tu das doch auch“, sagte er.
Das leuchtete mir ein.



(Fortsetzung folgt)
@ prof 19

Danke. Das ist übrigens mein zweiter diesbezüglicher Anlauf . Beim ersten Anlauf war ich zu ausschweifend, darum habe ich den ersten Text gestrafft und einen neuen "Sräd" gestartet.
Auch diesmal habe ich auf die Kommentare reagiert.
Falls Du auch Vorschläge bzw. Wünsche hast...

Die wirklich interessanten Geschichten und weiblichen Figuren kommen erst, wenn das Thema "Jugendliebe" endlich durch ist... Dann schildere ich auch endlich, wie das Spekulieren an der Börse einen u.a. einsam machen kann. Es hat schließlich seinen Grund, daß ich die Erzählung bei "wallstreet:online" und nicht auf irgendeiner Literatur-Seite veröffentliche...

;)
@Wolfsbane

schreibe vor allem authentisch. Kurz braucht es nicht unbedingt zu sein.
Danke für den Zuspruch.


Bis jetzt habe ich übrigens nur Geschichten erzählt, die ich schon vor über zehn Jahren aufgeschrieben und damals bei ungefähr dreißig Verlagen eingereicht habe...

Ein Lektor antwortete, daß er sonst von jedem Manuskript ein oder zwei Seiten lesen würde, meines aber so dermaßen schlecht wäre, daß ihm schon beim Durchblättern übel geworden sei.


:rolleyes: :mad:
Weiter geht´s mit dem nächsten Kapitel:




Mein Fahrrad stand immer noch vor dem Lokal, von dem aus ich hinter Melanie hergelaufen war. Ich brauchte es am nächsten Morgen wieder, um damit zur Schule zu fahren. Also machte ich mich auf den Weg, es zu holen.

Unterwegs traf ich erneut auf Sigi. Er kam gerade aus einer Kneipe und eierte vor mir her. Ich hatte ihn noch nie zuvor betrunken gesehen.

„Alles klar?“, fragte ich.
„Klar wie Kloßbrühe“, sagte er laut.
Er hatte eine Fahne.
„Kennst du eigentlich Melanie?“, fragte ich.
„Würde sie mich sonst grüßen?“, fragte er zurück.
Er sah mich forschend an.
„Dich kennt sie auch und grüßt dich trotzdem nicht. Ätsch.“
Er grinste, wie nur Besoffene grinsen können.
„Das ist nicht lustig“, stellte ich fest. „Sie war meine erste Liebe. Sie war das erste Mädchen, das mir richtig gefallen hat. Alle Mädchen, die ich danach kamen, habe ich immer mit ihr verglichen. Ob sie mir gefielen, hing davon ab, wieviel Ähnlichkeit sie mit Melanie besaßen.“
„Du hast dich da in eine fixe Idee verrannt“, sagte er. „Du mußt das vergessen. Das bringt doch nichts. Außerdem- ihr wart damals doch noch ganz klein! Bei dir war doch garantiert noch die Fontanelle weich!“
Ich nickte.
„Und sie hat mir ihren Stempel aufgedrückt, hat mein Schönheitsideal und meine Erwartungen geprägt.“
„Hörmal!“, gröhlte er. „Red nicht so einen Quatsch! Ich bin doch besoffen und nicht du! Das ist alle längst verjährt!“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich kann das nicht verstehen. Sie müßte doch auch irgendwie auf mich geprägt sein.“
„Quatsch!“, gröhlte er. „Die hat sich so bei dir eingeprägt, weil sie dir gefallen hat! Darum wolltest du sie wiedersehen. Aber hast du ihr auch so gut gefallen? Hä? Überleg mal!“
„Was soll das heißen?“
„Ich sag nur ein Wort!“
„Und?“
„Nur ein Wort!“
„Sag es!“
„Nur ein Wort, sonst nix!“
„Dann sag es doch!“
„Und dann weißt du, was bei ihr davon geblieben ist, daß sie damals mit dir zu tun hatte.“
„Na?“
„Ein...“
„Ja?“
Ich packte ihn am Kragen und schüttelte ihn.
„... Trauma!“, gröhlte er.
Ich ließ ihn los.
„Patzer“, sagte ich. „Schwächling!“

Ich beeilte mich, zu meinem Fahrrad zu kommen. Dann radelte ich zum Bahnhof und sah mir die Tafel mit den Abfahrtszeiten an.

Zuhause zählte ich mein Geld.

Am Wochenende würde ich zum erstenmal in einen Puff gehen.

Zum Glück hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich da erleben würde...


(Fortsetzung folgt. Aber Leute, die Schwierigkeiten damit haben, die Stories von :eek: Charles Bukowski zu verkraften, sollten hier aufhören zu lesen oder die nächste Fortsetzung überspringen.)
Nach etwa zwei Stunden Zugfahrt verließ ich den Bahnhof durch den Hinterausgang und suchte nach einer Sichtschutzmauer.
Immer wieder liefen komische Männer an mir vorbei, die unsicher wirkten und sich bemüht unauffällig benahmen, wobei sie jeden Blickkontakt vermieden. Irgendwo mußte ein Nest sein. Als ich genau darauf achtete, stellte ich fest, daß die tatsächlich alle aus derselben Richtung kamen. Spaßeshalber versuchte ich schließlich ein paarmal, diese Heinis anzurempeln, aber sie gingen mir schon von weitem aus dem Weg und hielten stets mindestens zwei Meter Abstand, oder sie wechselten mit starr auf den Boden gehefteten Blick die Straßenseite.
Anscheinend wurde man schwach und feige, wenn man regelmäßig in den Puff ging. Aber darum machte ich mir in meinem Fall keine Sorgen, denn ich wollte kein regelmäßiger Kunde dieser Branche werden. Ich wollte nur mal ein bischen Großstadt erleben und meinen Horizont etwas erweitern. Ich war in einem Kleinkaff großgeworden und hatte bisher einfach zuwenig von der Welt gesehen, und wahrscheinlich dachte ich darum, unsere Dorfschönheit wäre das das einzige wirklich interessante Mädchen auf der ganzen Welt...
Vielleicht brauchte ich auch einfach mal ein bischen Ablenkung, um wieder auf andere Gedanken zu kommen.

Hinter der Sichtschutzmauer lag eine Gasse, deren Straßenseiten absolut gegensätzlich waren. Auf einer Straßenseite war nur die völlig fensterlose Rückseite eines vielstöckigen Appartmenthauses, aber auf der anderen gab es eine Häuserzeile mit Schaufenstern, in denen Frauen aller Rassen ihre Dienste anboten.

Ich schloß auf den ersten Blick, dieser Job Frauen rasch alt machte, denn es gab nur zwei Altersklassen. Entweder sahen die Frauen sehr jung oder sehr alt aus, aber dazwischen war nichts.
Einige der jungen Frauen sahen zunächst unheimlich hübsch aus. Im Vorbeigehen stellte ich aber bei manchen „Schönheiten“ fest, daß sie doch bei weitem älter und weniger hübsch waren, als es zunächst schien, denn sie hatten sich praktisch komplett neue Gesichter gemalt und wirkten aus der Nähe betrachtet fast wie Geishas.
Diejenigen, die blond gefärbte Phönfrisuren trugen, waren auch nicht mein Fall. Seit ich als kleiner Junge mal in einer Zeitschrift Fotos von Perücken tragenden Transen gesehen hatte, verursachte alles, was mich auch nur entfernt daran erinnerte, bei mir Schweißausbrüche statt Erektionen. Mir gefielen nur Frauen, deren Haar lang und glatt war. Ob sie ihr Haar offen oder als Pferdeschwanz trugen, war mir egal. Wenn sie sich Zöpfe machten oder das Stirnhaar hinter dem Kopf zusammenbanden, fand ich das auch ganz hübsch. Ponies fand ich total schrecklich, obwohl vielleicht eine von hunderttausend Frauen damit sehr gut aussah. Es machte mich tierisch an, wenn Frauen sich das Haar aus dem Gesicht strichen, oder wenn es im Wind flatterte. Bei Frauen mit Pferdeschwänzen machte es mich ganz wuschig, wenn sie sich schnell bewegten und der Pferdeschwanz hin- und herflog, oder wenn ich natürliche Strähnchen und einen schönen Haaransatz sah.

An jenem Abend gab es nur zwei Frauen, die mir gefielen. Beide waren etwas kleiner als ich. Das war von den Proportionen her die ideale Größe. Größere Frauen wirkten noch mit Körbchengrößen „platt“, die eine geringfügig kleinere Frau vollbusig erscheinen ließ.
Frauen, die wie Laufsteg-Models aussahen, mochte ich nicht. Meistens hatten sie keine Taille, aber Storchbeine und riesige Füße. Ich sah mich als Cowboy-Typ und Cowboys haben mit Giraffen nicht viel am Hut.


Beide waren schlank und hatten auch keine zu breiten Schultern. Die ältere wirkte etwas streng, aber vielleicht kam mir das nur so vor, weil sie ihr Haar straff zurückgebunden hatte, und dann wirkt das Gesicht eben etwas strenger. Ich hatte mir mal selbst die Haare lang wachsen lassen wollen, nur um dann einen Pferdeschwanz zu tragen und dann diesen Effekt zu erzielen.
Vielleicht war sie auch sauer, weil ich sie fast übersehen hatte... Warum setzte sie sich auch mit ihren schwarzen Lederklamotten in so eine dunkle Ecke. Die anderen Frauen saßen in hell erleuchteten Räumen auf Barhockern direkt vor den Fenstern, oder lehnten sich heraus, während sie sich mit einem dicken Kissen unter den Ellenbogen auf das Fensterbrett stützten.
„Komm her!“, fauchte sie. „Ja, du!“
Ich drehte mich um.
Seltsam, der Raum hinter diesem Fenster war klein, dunkel tapeziert und schwach erleuchtet. An den Wänden hingen irgendwelche abstrakten Zeichnungen, dich ich garnicht richtig sehen konnte.
„Komm her, du!“, knurrte sie erneut.
Ich blieb stehen.
„Komm du doch“, sagte ich.
Die schien wirklich mächtig sauer darüber zu sein, daß ich sie fast übersehen hatte. Als sie von ihrem Hocker aufstand und zum Fenster kam, sah ich, daß ihr ebenso knapper wie enger Lederdreß zwischen den Beinen mächtig kneifen mußte. Vielleicht kamen ihre unglaublich gereizte Stimmung und das tierische Gefauche auch daher.
Ich sah mir das mal näher an.
„Wenn du eine Nummer haben willst, mußt du woanders hingehen, daß ist dir doch klar, oder?“, erkundigte sie sich.
Ich nickte.
„Wenn ich eine Nummer ziehen will, gehe ich zum Arbeitsamt. Aber hier will ich sofort drankommen und nicht erst andere vorlassen.“
„Du bist ein kleiner Komiker, wie?“
„Alle Komiker haben mal klein angefangen“, sagte ich.
Der Boden ihres Zimmers war mindestens dreißig Zentimeter höher als die Straße. Falls ich da reinging und wir plötzlich auf gleicher Ebene waren, würde sie nicht mehr auf mich herabblicken können. Aber wenn sie mich überreden wollte, mußte sie schon ein bischen netter werden.
„Gefalle ich dir?“, fragte sie.

Als sie ich in Position stellte, ließen die enorm hohen Absätze und der enge Lederfummel sie attraktiv erscheinen. Aber ich war nicht blöd.
„Ob ich dir gefalle!“, schnauzte sie.
„Weiß ich noch nicht“, sagte ich. „So siehst du ja ganz ordentlich aus, aber du bist auch ganz enorm eingeschnürt. Wer weiß, ob du mir noch gefällst, wenn der Reißverschluß aufgeht...“
„Darüber mach dir mal keine Sorgen!“, schimpfte sie. „Denn du wirst mich sowieso nie ganz nackt sehen!“
Ich hörte ein komisches Klopfen. Anscheinend hatte sie ein Pferd, denn das, womit sie an ihrem Oberschenkel die ulkigen Geräusche verursachte, war eindeutig eine Reitpeitsche.
„Ist ja schön und gut, daß du dich so aufgezäumt hast“, sagte ich, „aber wenn wir bumsen sollen, mußt du den Krempel doch wohl ablegen, oder?“
Sie stemmte die Hände in die Hüften.
„Sagmal, bist du vom Dorf oder tust du nur so blöd?“, fragte sie.
„Ich bin wirklich vom Dorf“, sagte ich.
„Ich lasse mich nicht bumsen“, sagte sie. „Ich mache Erziehung!“
Die Frau hatte wirklich ein Rad ab.
„Siehst du nicht das Schild da?“
Sie wies auf eine Tafel rechts unten. Dort stand in großen Lettern: STUDIO.

Ich zuckte mit den Schultern.
„Das habe ich garnicht gesehen“, sagte ich, und starrte wieder auf ihr Dekollte, „weil ich nur auf deine T... geguckt habe!“
Einen Moment lang verlor ihr Gesicht verlor die Strenge. Sie guckte reichlich verdattert. Dann hörte sie ein Fenster weiter ein lautes Lachen. Wir guckten rüber. Die Frau nebenan, die aus dem Fenster gelehnt die Straße beobachtete, hatte anscheinend gelauscht und schüttelte sich vor Lachen.
Die Domina gewann ihre Fassung zurück.
„Klappe!“, rief sie rüber.

„Ach, tu doch nicht immer so, als wenn du was besseres bist!“, rief ihre Nachbarin zurück. Sie lächelte. Ich sah ihr ins Gesicht und fällte meine Entscheidung. Als sich unsere Blicke trafen,fragte sie sofort: „Willst du mal reinkommen?“
„Ja“, sagte ich.
„Okay“, sagte sie. „Gleich neben dir ist der Eingang.“
Ich ging einen Schritt zur Seite. Sofort hörte ich ein lautes Summen und die elektrisch gesicherte Tür ließ sich öffnen.
Dann kam sie mir entgegen. Ich sah jetzt, daß sie auch hohe Stiefel trug, aber ihre waren aus weißem Leder.
„Wir müssen die Treppe hoch“, sagte sie.
Ich ließ die Tür ins Schloß fallen.
Sie drehte sich um.
Außer hübschen Wangen hatte sie auch hübsche Bäckchen. Als sie die Treppe hochstöckelte, dachte ich keinen Moment daran, abtrünnig zu werden.

(Fortsetzung folgt! Und nächstesmal geht es dann wirklich zur Sache!)
Was jetzt kommt, ist angeblich unrealistisch. Zumindest finden das einige bürgerliche Frauen, weil sie Romane mit Titeln wie "Huren küssen besser" oder Kurzgeschichten von ehemaligen Huren gelesen haben.
Was ist Eure Meinung?

Hier die Fortsetzung:


Als sie die Treppe hochging, hielt sie sich am Geländer fest.
„Mein Zimmer ist in der 2.Etage“, sagte sie ein bischen atemlos.
Oben angekommen schlurfte sie über die zerkratzten Steinfliesen, daß ihre spitzen Metall-Absätze sich wie ein abgebrochenes Stück Kreide auf einer Schultafel anhörten. Ich bekam Zahnschmerzen.
„Du bist wohl mit diesen Dingern noch nicht oft gelaufen, was?“, fragte ich ärgerlich.
„Doch“, sagte sie. „Aber ich habe heute auch schon viel gearbeitet.“
„Ach, müde, was?“, fragte ich mit unvermindertem Ärger.
Sie blickte über die Schulter und sah mich an, als sei ich geistig zurückgeblieben. Ich mußte wegsehen, um mich nicht noch mehr zu ärgern. Dabei guckte ich in die Richtung, aus der ich seltsame Geräusche hörte. Im Nebengang hockte ein nackter Mann auf allen Vieren und eine in Schwarz gekleidete Frau haute ihm auf den Hintern. Ich glaubte nicht, was ich sah. Nun bekam er auch noch ein Zäpfchen.
„Was ist denn da los?“, fragte ich.
„Ach, guck einfach nicht hin“, sagte meine Führerin.
„Ist das hier ein Irrenhaus?“, fragte ich.
„Wir tun hier nur unseren Job“, sagte sie.
Als sie vor einer Tür stehenblieb, um sie aufzuschließen, packte ich ihr an die Kiste.
„Du hast kalte Hände“, sagte sie, und schlug meine Hand fort. „Die mußt du gleich erstmal unter warmes Wasser halten.“
Ich faßte nochmal hin.
„Ich spüre schon, wie sie wärmer werden“, sagte ich.
Erneut schlug sie meine Hand weg, und zwar diesmal mit noch mehr Entschiedenheit.
„Das kostet extra“, sagte sie.
„Ich bin noch Schüler“, protestierte ich.
„Hier gibt es nur Einheitspreise“, sagte sie, „und gleich gibt es einen Verweis!“

Sie mußte zu mir hochsehen, um mir in die Augen zu sehen. Von der Straße aus hatte sie größer gewirkt. Vielleicht erwähnte ich schon, daß man auf der Straße ungefähr 30 Zentimeter niedriger als die Frauen in den Schaufenstern stand. Ich hoffte, daß sie bloß ihre hochhackigen Stiefel anbehielt, denn ich wollte lieber garnicht wissen, wie klein sie erstmal ohne diese war.

Das Zimmer war klein. Es hatte einen Spülstein und ein verhängtes Fenster zur Straße hin. Außerdem enthielt es ein großes Bett, ein Nachtschränkchen, einen Kleiderschrank, einen kleinen Tisch und zwei Sessel.
Ich hielt Ausschau, ob in einer der Wände ein Guckloch war, wie es mir meine Kumpel von Amsterdam berichtet hatten. Stattdessen sah ich, daß an den Wänden Peitschen und Korsette hingen, und daß auf dem Nachtschränkchen allerlei teilweise exotische Spielzeuge und auf dem Tisch Hochglanz-Sex-Hefte lagen.
„Geld her“, sagte sie.
Ich sah sie an. Wegen ihres Tons guckte ich erstmal, ob sie eine Waffe trug.
„Kein Geld, keine Leistung“, sagte sie. Dann schloß sie hinter uns ab.
Ich bezahlte. Wenn meine Oma mich fragte, was ich mir von meinem Geburtstagsgeld gekauft hatte, würde ich sie anschwindeln müssen.
„Okay“, sagte sie. „Zieh dich aus.“
Sie öffnete den Schrank und packte das Geld in eine Kassette.
Ich zog mein Hemd aus.
„Nicht schlecht“, sagte sie. Dann streichelte sie meine Schultern und meine Brustmuskeln, als sei sie es, die für diese Begegnung bezahlt hätte.
„Danke“, sagte ich.
„Zieh die Hose aus und leg dich auf´s Bett“, sagte sie. „Ich muß erst noch ein Geschäft erledigen.“

„Du willst mich hier allein lassen?“, fragte ich zögernd.
„Ach was“, sagte sie. „Das erledige ich immer hier. Hab keine Lust, unnötig zu laufen.“
Ich ließ die Hose sacken und legte mich auf das Bett. Irgendwas unter den schätzungsweise zwanzig Lagen Handtüchern roch stark nach Fisch.
Sie schleuderte ihre Stiefel von sich. Erst sah ich die Cellulite an ihren Oberschenkeln und dann die grauen Bundeswehrstrümpfe an ihren Füßen. Als der zweite Stiefel neben dem Nachtschränkchen landete, hörte ich ein leises Jaulen.
„Oh“, sagte sie, „du Armer!“
Mit gesenktem Kopf und eingekniffenem Schwanz sah ich eine kleinen Hund auf sie zulaufen. Sie streichelte ihn hinter den Ohren, gab ihm was zu fressen, zog Holzpantinen an, drehte mir den Rücken zu und setzte sich auf einen von zwei Papierkörben.
„Was machst du denn jetzt?“, fragte ich erschrocken.
„Hab ich doch eben schon gesagt. Ich habe keine Zeit, hier unnötig rumzulaufen.“
Ich hörte es plätschern. Wenig später kippte sie den Korb über dem Spülstein aus und machte sich mit Papier-Handtüchern sauber.
Schließlich kam sie mit klappernden Holzpantinen auf mich zu. Ich raffte erst garnicht, wie nah sie schon war, weil sie noch so klein aussah.
„Was machst du denn da?“, fragte sie ärgerlich.
„Wie- was mache ich da!“
„Du hast den ganzen Bezug durcheinander gebracht“, schimpfte sie.
„Wat?“
„Steh mal auf!“
Ich erhob mich. Sie stellte sich neben mich und ordnete die obersten Schichten der Tücher über dem Fischgrab. „Sein Name war Willi Wühlmaus“, murmelte sie ärgerlich. Mit der Beflissenheit einer sehr ordentlichen Hausfrau zog sie die Tücher absolut gerade.
„So, jetzt leg dich wieder hin!“, sagte sie. „Aber ordentlich!“

Ich legte mich wieder hin. Allmählich hatte ich keine richtige Lust mehr. Das sah man auch. Aber in „Wirtschafts- und Soziallehre“ hatte ich gelernt, daß man, wenn man etwas kaufte, nicht nur die Pflicht zum Bezahlen, sondern auch die Pflicht zur Abnahme hatte. Also griff ich an mir nach unten, um den schlechten Eindruck, den ich soeben machte, etwas zu korrigieren.
„Hand weg!“, befahl sie und schlug mir auf die Finger.
„Sei doch froh, wenn ich dir helfe“, knurrte ich.
„Das ist meine Arbeit“, sagte sie. „Und sobald du hier drin bist und bezahlt hast, gehört das Ding mir und du läßt deine Finger davon, verstanden?“
„Aha“, sagte ich. Inzwischen wollte ich die Sache nur noch hinter mich bringen. Ich schloß die Augen und ließ es über mich ergehen, wie sie das Kondom aufzog, wobei sie an mir herumzerrte. Als ich die Augen wieder öffnete, saß sie auf mir drauf und produzierte ein absolut unechtes Stöhnen, das so schlecht gespielt war, daß es mich abstieß. Immerhin, wenn ich so dalag und zu ihr hochsah, wirkte sie aus dieser Perspektive etwas größer. Ich streckte meine Hände nach ihrer Oberweite aus.
„Finger weg!“, schimpfte sie. „Das kostet extra!“
Sie hielt inne.
„Schon gut“, sagte ich. Dann schloß ich die Augen wieder und dachte an eine ganz andere Frau. Auf diese Weise konnte ich der Situation doch noch etwas abgewinnen. Dummerweise murmelte ich dann aber auch den Namen dieser anderen Frau.
„Was hast du gesagt?“, fragte sie zornig.

Erneut hielt sie inne.
„Häh?“
„Das ist nicht mein Name!“
„Nein? Wie heißt du denn?“
„Das geht dich nichts an!“, fauchte sie.
„Und warum darf ich dich dann nicht nennen, wie ich will?“
Sie schnaubte und dachte sichtlich nach.
„Nenn mich Baccara“, sagte sie dann.
„Okay“, sagte ich.
„Und den anderen Namen will ich nicht mehr hören!“
„Okay“, sagte ich.
„Unverschämtheit“, murmelte sie.
Endlich machte sie weiter.
Ich weiß nicht, warum ich später immer wieder hierhin kam, aber ich stellte fest, daß diese Frauen in einer Hinsicht alle gleich und irgendwie ein bischen schizophren waren. Einerseits taten sie nichts umsonst, widmeten einem nur soviel Zeit wie unbedingt nötig und versuchten dabei möglichst viel Geld aus einem herauszuschlagen, aber andererseits waren sie stinksauer oder sogar verletzt, wenn man durchblicken ließ, daß einem irgendeine andere Frau besser gefallen würde.

Ich schloß meine Augen und dachte wieder an eine Frau. Sonst hätte ich die Sache nicht zuende bringen können. Als die Hure merkte, daß der Job beendet war, sah sie mich erst prüfend und dann ein bischen verächtlich an, ehe sie aufstand.
Sie sah an mir runter.
„Du hast wohl schon eine ganze Weile keine Frau mehr... getroffen“, sagte sie.
„Woran siehst du das?“, fragte ich.
„Blöde Frage“, sagte sie. Schließlich ging sie zum Spülstein und holte mir ein Papierhandtuch. Sie reichte es mir mit spitzen Fingern.
„Hier, mach es selber ab“, sagte sie. "Und dann wirf das ganze in den Papierkorb, wo schon die anderen drin sind!" Erneut lief sie mit den klappernden Pantinen zum Spülstein. Dort schmierte sie sich Salbe auf ihre Orangenhaut.
Knapp zehn Minuten später stand ich wieder auf der Straße. Ich ging sofort zum Bahnhof. Auf dem Weg dorthin hielt ich den Kopf gesenkt, vermied jeglichen Blickkontakt und hielt zu jedem anderen Menschen mindestens fünf Meter Abstand.

Wieder zuhause ging ich erst einmal ins Fitness-Studio, zog Stefan beiseite, und fragte ihn, warum genau er mir empfohlen hatte, in einen Puff zu gehen.
"Was habe ich?", fragte er.
"Du hast gesagt, ich sollte..."
"Sowas würde ich nie sagen", unterbrach er mich. "Blödsinn!"
Er riß sich los.
Wenig später wechselte der Inhaber.
Ich freute mich.


(Eine Fortsetzung folgt nur, wenn mindestens ein halbes Dutzend Leute sowas bestellen und ich nicht wegen "Verstoß gegen gute Sitten" o.ä. gesperrt werde!)

:rolleyes:
..ich muss wirklich ein Kompliment aussprechen.... gut geschrieben... ...und doch so realistisch... nehme ich mal an... :D

Grüße
caiox
@ caiox

Danke für den wohlwollenden Kommentar.


Ob ich wirklich gut bin, kann aber nur der Meister wirklich beurteilen. Ich habe ihn schon angemailt und darum gebeten, daß er diesen Thread ansieht und dadurch adelt...
:rolleyes:

Ich spreche natürlich von Kalle Krapowsky:




Damit ich hier einfach weiterschreibe, genügt mir aber schon das Verständnis von meinesgleichen ...
;)
@Wolfsbane

Immerhin schreibst du authentisch!

Tut mir aber leid, daß du so eine schlechte Erinnerung mitgenommen hast. Das hattest du bestimmt nicht verdient.

Ich kenne übrigens einen chinesischen Dichter von Weltruf, der beabsichtigt, ein Buch über die chinesischen Nutten zu schreiben. Diese sind noch relativ gut drauf, manche haben echt Freude bei dr Arbeit, und versuchen als typische Frauen dem Mann eine Freude zu bereiten. Sie haben auch noch mehr Menschlichkeit.

In der Herbertstrasse in Hamburg (darum ging es doch wohl?) sind die Frauen weitgehend unter Drogen, wurden irgendwann mal verschleppt, und mit üblen Methoden unterworfen, zB "zugeritten" (quasi vergewaltigt von mehreren Zuhältern hintereinander). Danach tun sie eben ihren Job, aber die seelische Komponente des Sex ist ihnen ausgetrieben worden. Das ist nicht viel anders als das Abschneiden der Klitoris bei afrikanischen Mädchen, nur eben seelische KAtastration statt körperlicher.

In China hingegen sind die Frauen Autodidakten, manche achten sehr auf eine angenehme Atmosphäre, sie sind auch im Business ganz schön hart, aber man kann immer noch ganz gut verhandeln. Manche sehen das Ganz auch als eine Freundschaft auf Zeit an, wollen statt Geld lieber Kleidung, Schmuck etc. Habe mal eine getroffen, die hatte einen Faible für deutsche Männer und hat mir ihre "Freude" aufgezählt, das hat gar nicht mehr aufgehört, wie wenn man ein Büchlein für männliche detuche Vornamen liest. Skurril!

Nach diesem Einwurf überlasse ich uns alle nun deiner weiteren Vorlesung...

der Prof
@ Prof


DANKE für das Lob. Ich selbst glaube, daß ich mehr Ähnlichkeit mit einem der Geschichten-Erzähler auf den Märkten von Marrakesch, als mit einem Professor habe. Meine Texte sind beileibe keine Vorlesungen, sondern allenfalls Moritaten.


Die Herbertstraße in Hamburg ist sehr bekannt. Es gibt aber mehrere ähnliche Straßen, die näher an meiner Heimatstadt liegen, z.B. im Ruhrgebiet oder in Holland. Die Straße in meiner Erzählung ist frei erfunden, auch wenn gewisse Ähnlichkeiten wohl unvermeidlich sind...
;)


Was ich hier schreibe, ist zwar autobiographisch getönt, aber alles andere als ein Tatsachenbericht. Ich behalte mir die künstlerische Freiheit vor, großen Vorbildern folgend Personen und Ereignisse zusammenzufassen.


Im weiteren werde ich nie wieder so sehr auf das Thema Prostitution eingehen. Für den Protagonisten (wie schon gesagt: alles erfunden) war es zu diesem Zeitpunkt der Handlung wichtig, solche Erfahrungen zu machen. Das Ganze läßt ihn im Nachhinein seinen Liebeskummer leichter ertragen, weil es ihn desensibilisiert und desillusioniert. Er realisiert nun auch gefühlsmäßig, wie wenig man auf äußere Attraktivität vertrauen darf. Später, als er sich wegen seiner Aktien-Geschäfte einen Internet-Zugang zulegt und sich in einem Chat anonym als Puff-Gänger outet, verhilft ihm dann ausgerechnet das zu seiner ersten Beziehung mit einer wirklichen Traumfrau, weil sie jemanden sucht, um ab und zu einfach "Spaß haben" zu haben, ohne in eine "Beziehungsfalle" zu geraten. Diese Art von ("Karriere"-)Frauen soll es mittlerweile auch in China geben.


Ich bin (angenehm) überrascht, daß überhaupt jemand meinen Text ernsthaft analysiert. Eigentlich bin ich schon sehr zufrieden, wenn ich wenigstens unterhaltsam gefunden werde.
:D :rolleyes: :D
@Wolfsbane

Hast du eigene Erfahrungen mit Prostituierten?

Ist dir bewußt, daß auch eine Nutte in erster Linie ein Mensch ist?

Leider habe ich in meinem Posting zu viele Tippfehler gefunden, sorry. "Freude" muß heißen "Freunde". Aber auch so scheint die Menschlichkeit trotzdem durch. Auch wenn du dir deine Texte ausdenkst, tue mir und deinen Leser(inne)n doch bitte einen Gefallen: Auf unserer Erde menschelt es auf Schritt und Tritt - vielleicht war es das, was deinen Kritikerinnen in deiem Text gefehlt hat...

Kann ja sein, daß sich dein Text nicht mehr umformen läßt - aber es gab doch mal eine Zeit, da wolltest du die Lektoren überzeugen!?

(oops - das mit der Vorlesung war eher witzig gemeint)
@ Prof 19



Natürlich ist mir klar, daß eine Hure ein Mensch ist. Das war doch die Aussage- auch eine Hure ist nicht einfach "konsumierbar"!

Ich dachte, ich hätte das deutlich gemacht.

Du meinst, es "menschelt" in meiner Erzählung nicht genug? Könntest Du das bitte präzisieren, damit ich es verstehe?

Natürlich läßt sich dieser Text praktisch beliebig umformen, und zwar auch so weit, daß er nicht mehr wiederzuerkennen ist. Nur dieser THREAD hat nun einmal schon einen bestimmten Verlauf genommen, den ich nicht mehr editieren kann, was nicht an meiner persönlichen Sturheit, sondern an den Spielregeln hier bei "w-o" liegt.


Zum Thema Lektoren:
Als ich es einst satt hatte, daß mein Manuskript in vorgefertigten Absagen als "Wahre Geschichte" bezeichnet wurde, zählte ich in einem Begleitbrief diverse Idole auf, deren Romane mich zum eigenen Schreiben ermutigt hatten.
Daraufhin bekam ich die Antwort, daß man schon an meinem Brief sehen könnte, daß mein Text bloß allerorten zusammengeklaut sei und keinerlei Eigenleistung beinhalte. Darum würde der Lektor ihn auch garnicht erst aufschlagen müssen.

Beim nächsten Begleitbrief zählte ich darum keine große Anzahl von Idolen auf, sondern schrieb, daß ich nur recht wenige Romane lesen würde.
Prompt hieß es, daß man an meinem Manuskript auch sehen würde, daß ich wenig lesen würde, und daß ich gefälligst mehr lesen sollte, denn dann würde ich vielleicht besser schreiben.
Also: Lektoren kann man es nie Recht machen!

Als ich letztesmal einen Text verschicken wollte, rief ich bei meinem Wunsch-Verlag vorher an. Ich fragte, ob sie lieber einen Auszug oder das komplette, etwa 200 Seiten dicke Manuskript haben würden. Antwort: "Schicken sie uns das GANZE Manuskript. Wir wollen doch auch wissen, wie die Geschichte AUSGEHT".
Also leistete ich dem Folge.

Nach vielen Monaten rief ich erneut an, um mich zu erkundigen, ob die Post angekommen sei. Daraufhin klagte man, daß ich das GANZE Manuskript eingeschickt hätte.
SOVIEL zu lesen- da dürfte ich dann auch nicht klagen, wenn alle anderen Angebote eher geprüft würden.
Also: Lektoren kann man es nie Recht machen!

Ich hätte noch weitere Beispiele...
:rolleyes:


So oder so- danke fürs Lesen. Was die chinesische (Edel-)Hure angeht, so kann ich dazu nur sagen: Das ist wohl einfach eine andere LIGA, als das, was ich schilderte.
;)
@Wolfsbane

Andere Liga: Da hast du recht, sie wollte 1000 $ und tat es für 50 DM weil sie mich so nett fand. Meine Begründugn war, daß ich einfach nicht mehr Geld dabei hatte, da ich am andern Tag nach Deutschland geflogen bin.

Das war aber nicht alles. Die anderen ware auch okay, wobei ich mir einen besonderen Trick ausgedacht hatte, um über Nacht nicht beklaut zu werden. Hier und dort erwies sich der Trick als hilfreich.

Naja, und dann noch die Heiratsanträge. Da kannst du in China genügend davon kriegen, egal was du vorher von de Frau gedacht hast, wen du nett bist und sie bei dir Geld vermuten, sind sie mit einem solchen Antrag schnell bei der Hand. Ich habe mich aber noch nicht entschieden.

Diese chinesischen Episoden werden übrigens ein Teil von meinem Buch, aber es wird ander Teile geben, die noch sehr viel mehr Menschlichkeit und Herzenswärme haben werden.

ZU DEINEN LEKTOREN:
Das sind ja ausgemachte Neurotiker. Wer sonst tut sich das an, all diese ungeschliffenen und zT. niveaulosen Manuskripte zu lesen? Das müssen doch verschrobene Typen sein...

Das Beste ist, du findest raus, wer im Verlag zuständig ist, fährst hin und machst eine Freundschaft mit ihm. Wenn er sich richtig angenommen fühlt, wendet er sich dir auch zu und liest vielleicht dein Manuskript. Irgendwo wild in der Gegend anzurufen, und noch nciht mal mit der seleben Person zu reden, wo soll das hinführen?

:look:
Jetzt gibt es doch gleich noch einmal etwas über eine ganz besondere Straße. Eigentlich wollte ich diese beiden Kapitel in meiner Schublade lassen, aber da es anscheinend Interesse an solchen Geschichten gibt, folgt hier die (doppelte) Zugabe:



Nach dem Besuch im Puff war ich von meinem Liebeskummer tatsächlich geheilt. Ich fühlte mich abgehärtet. Aber stattdessen wurmte mich jetzt, daß ich schlecht bedient worden war. Eigentlich kam ich mir immer noch wie ein Depp vor, nur aus einem anderen Grund.

Eines Spätnachmittags wurde ich im Fitness-Studio auf dem Weg zur Klimmzugstange, auch „Affenschaukel“ genannt, aufgehalten. Rolf rief mich. Rolf war ein Rocker Mitte dreißig, der auf dem Bau malochte, und jedesmal nach Feierabend noch Gewichte stemmte, um sich für das nächste Wochenend-Besäufnis fitzumachen.
Er hörte sich ziemlich gequält an. Wie meistens beschäftigte er sich mit Bankdrücken und versuchte seine Maximalkraft zu steigern. Rolf war nicht nur im Job und beim Trinken einer von den ganz Harten.
„Hilf mir mal!“, krächzte er.
Er versuchte gerade ein viel zu schweres Gewicht zu stemmen und die Hantel verreckte ihm auf halber Höhe. Seine Arme und seine Wangen zitterten. Seine Augen schienen aus den den Höhlen treten zu wollen. Er versuchte abzufälschem, indem er die Hüften hochhob, bis sie höher als das Gewicht waren.
„Ey!“, knurrte er.
Komisch, diese Gesichtsfarbe hatte ich bei ihm noch nie gesehen. Es lag vielleicht daran, daß wir erst Montag hatten, und er die ersten zwei oder drei Tage der Woche gewöhnlich darauf verwandte, sich vom letzten Gelage zu entgiften, ehe er spätestens donnerstags und freitags ernsthaft daran ging, sich fit für die nächste Sauferei zu machen.
„Aaaaah!“, brüllte er.
„Jaja“, sagte ich.
Dann stellte ich mich hinter ihn und griff nach der Hantel.
„Aaaaah!“, brüllte er wieder.
„Halt die Klappe“, sagte ich.
Dieses Gehabe fiel mir zunehmend mehr auf die Nerven. Kein Wunder, daß hier nur so wenige Frauen trainierten. Wenn die vor der Tür standen und dort solche Tarzan-Schreie hörten, kehrten die doch garantiert auf dem Absatz um.
Ich half ihm nur so viel, wie unbedingt nötig.
„Nicht mehr als nötig helfen!“, hechelte er.
Ich merkte, wie der Ärger in mir aufstieg. Hielt der mich für blöd? Merktze er garnicht, daß ich mich schon jetzt bremste?
Er pustete wie eine Frau im Kreißsaal, die zum erstenmal Mutter wird und Drillinge kriegt.
Endlich bewegte sich die Hantel in Richtung Ablage.
„Jetzt noch drei Negative!“, krächzte er.
Rolf machte grundsätzlich bei jedem Übungssatz am Ende noch drei oder vier „Negativ“-Wiederholungen, um die Muskeln auch wirklich ganz und gar zu erschöpfen.
Ich half ihm, das Gewicht zu heben. Der größte Aufwand lag bei mir. Von ihm kam nicht mehr viel. Dann versuchte er die Hantel möglichst langsam sacken zu lassen. Ich fragte mich nur, wohin er sie sacken lassen wollte und mußte die Stange festhalten, damit er sie auch nur einigermaßen gerade hielt.
„Noch zwei“, stieß er hervor.
Ich haßte „Negativ“-Wiederholungen. Wenn ich ein Gewicht nicht mehr allein heben konnte, legte ich es weg oder verringerte es.
Noch zweimal half ich ihm, die Hantel hochzuheben, damit er sie möglichst langsam runtersacken lassen konnte.
„Noch einmal!“, keuchte er.
Und dann half ich ihm noch einmal, während ich bereits auf die Uhr sah.
Schließlich legte er die Hantel ab und setzte sich hin.
„Warum ziehst du denn so einen Flunsch?“, fragte er.
„Schlechtes Wetter“, sagte ich.
„Ja“, sagte er, „da sieht man nicht soviewl kurze Röcke wie sonst.“
„Jau.“
„Stefan hat erzählt, du warst im Puff? Und es war nicht gut?“
„Ja, ich war da und es hat mir nicht gefallen.“
Ich guckte mich um, denn ich hatte kein Interesse daran, daß sich meine Erlebnisse noch weiter rumsprachen.
„Was für eine hast du dir denn ausgesucht? Wie sah dir aus?“
„Eigentlich sah die ganz gut aus“, sagte ich. „Die guckte irgendwie scharf aus der Wäsche und trug hohe weiße Stiefel. Sowas habe ich bis dahin noch nie in echt gesehen!“
Er winkte ab.
„Such dir nächstesmal lieber eine aus, die nett guckt. Das andere sind alles Deibels. Wenn die so hohe Stiefel tragen, haben die meistens auch noch mehr zu verbergen. Ich bin auch mal an einem Schaufenster gewesen, wo eine in hohen Stiefeln auf Kunden wartete. Die saß auf einem Barhocker und hatte die Füße ins Fensterbrett gestellt. Sie hatte eine echt schlanke Taille, sah super aus! Ich machte alles klar, und als ich durch die Tür gehe und sie mir entgegenkommt, sehe ich, daß die Oberschenkel wie ein Elefant hat. Ich dachte, naja, wenn sie die ollen Stiefel anbehält, kann ich drüber wegsehen, und vielleicht ist sie ja dafür umso netter. Aber dann sprang sie mittendrin von mir runter und wollte nochmal soviel Geld wie vereinbart. Ich mußte tatsächlich nochmal zu meiner Hose gehen und in die Tasche greifen. Und danach war es immer noch keine gut Nummer. Weißte, ich habe darüber nachgedacht, und jetzt glaube ich, die hatte nur so eine schlanke Taille, weil die sich hat Fett absaugen lassen. Und die brauchte die Extra-Kohle, um das auch für ihre fetten Beine zu bezahlen, damit endlich alles zusammenpaßt!“
„Kann sein...“
„Ja, jetzt mal ehrlich- was meinste, hab ich Recht?“
„Ich mache jetzt Klimmzüge“, sagte ich.


Als ich zum zweitenmal in den Puff ging, dachte ich auch daran, was Rolf erlebt hatte. Außerdem wollte ich darauf bestehen, unbedingt oben zu liegen.

Diesmal war es eine Frau in einem weißen Bikini und Badelatschen, die mir als erste die drei Zauberwort sagte:
„Willst du reinkommen?“

In ihrem Zimmer zog ich mein Hemd schon aus, als sie noch die Tür abschloß. Sonst ging das womöglich von meiner Zeit ab. Als sie sich zu mir umwandte, griff ich in meine Gesäßtasche, um zu bezahlen.

„Warum so hektisch?“, fragte sie.
„Hektisch?“, fragte ich verwundert zurück.
„Lernen wir uns doch erstmal kennen“, sagte sie entspannt.
Sie streichelte meine Schultern und zog sich daran leicht hoch.
Reflexartig griff ich mir ihre Taille und zog sie zu mir heran.
Sie lächelte und drückte ihre Hüfte gegen mich.
Ich stellte fest, daß sie kaum geschminkt war und auch aus der Nähe sehr gut aussah.
Fast hätte ich sie geküßt.
„Fast hätte ich dich geküßt“, sagte ich.
Sie drehte ihr Gesicht weg.
„Das kann ja mal passieren“, sagte sie mit nachlassender Stimme und wirkte ein bischen enttäuscht.
Ich ließ ihre Taille los und klopfte ihr auf den Hintern.
„Du mußt jetzt bezahlen“, sagte sie ernst.

Nachdem sie das Geld verstaut hatte, blieb sie einfach stehen und sah mich an. Ich ging zu ihr und faßte ihr diesmal mit beiden Händen an die Kiste. Sie legte wieder die Hände auf meine Schultern. Ich zog das, was ich ín den Händen hatte, ein bischen hoch, und prompt sprang sie mich an und schlang ihre Beine um mich. Sowas kannte ich schon. Das war meine Absicht gewesen.
Ich trug meine „Beute“ zum Bett.
Diesmal kam ich oben zu liegen.
Diesmal war es besser.
Und dabei war sie eigentlich garnicht „mein Typ“.

Als ich mich wieder anzog, blieb sie auf dem Bett sitzen und sah mir zu. Sie wirkte etwas traurig und darum überlegte ich, ob es helfen würde, wenn ich ihr ein Kompliment machte.
„Du hast einen sehr schönen Busen“, sagte ich schließlich. „Ich hätte nicht geglaubt, daß du wirklich so üppig bist, ehe ich es sah.“
„Ich hatte schon mit 14 Jahren soviel Busen“, sagte sie. „Die anderen Mädchen haben alle über mich geschimpft und ich habe mich sehr geschämt. Ich fühlte mich wie eine Hure!“
Sie wurde rot.
Ich faßte es nicht. Sie wurde immer noch rot, wenn sie daran dachte, daß sie sich einst zu Unrecht als Hure vorgekommen war, obwohl es ihr anscheinend nichtzs ausmachte, inzwischen wirklich eine Hure zu sein.
„In unsere Klasse gab es auch ein Mädchen, das soviel Busen hatte“, sagte ich, „aber sie hatte auch ziemlich viel Bauch. Du aber hast fast die Figur einer Barbie-Puppe. Das ist unglaublich!“
„Jaja, mein Bauch“, seufzte sie.
Sie sah an sich herunter.
„Früher hatte ich einen schönen Bauch, aber jetzt habe ich diese Schwangerschaftsstreifen... Das ist nicht mehr so schön... Aber die gehen nicht mehr weg...“
Sie seufzte erneut.
Jetzt, da sie es erwähnte, sah ich die Streifen auch, aber ich sah darin keinen wirklichen Makel. Es machte sie nur noch weiblicher.
„Ich sehe keine Streifen“, sagte ich.
Ich faßte es nicht. Sie schämte sich kein bischen, im Schaufenster zu stehen und sich zu verkaufen, aber sie schämte sich, daß man sah, daß sie schwanger gewesen und ein Kind ausgetragen hatte.
„Aber die kann man doch garnicht übersehen“, protestierte sie. Dann sah sie erneut an sich herunter und seufzte.
Frauen...


Einige Zeit später wurde ich zur Bundeswehr eingezogen. Wenn meine Kameraden abends nach Dienstschluß beim Bier zusammensaßen, redeten manche Experten auch über Huren. Sie erzählten dann meistens, wie sie in gewissen Straßen gewesen waren und die Huren „veräppelt“ hätten. Das fanden die meisten Jungs dann ziemlich spaßig.
Ich konnte da nie mitreden.
Ich hatte diese Frauen nie „veräppelt“.
Wenn ich mit ihnen sprach, dann nur, um handelseinig zu werden.


(Noch mehr???)
Es war schade, daß sie ging, aber es war geil, wie sie das tat.

klasse satz !

re
Hallo @ reneexe!


Als nächstes kommt wieder was Witziges. Das ganze habe ich so ähnlich schon einmal als "Leser-Story"in einer Männer-Zeitschrift veröffentlicht. Allerdings hat das Magazin damals aus meiner eigentlich in erster Linie lustigen Geschichte eine hammerharte Porno-Erzählung gemacht...
:mad: :laugh:
Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluß gekommen, daß es höchste Zeit wird, endlich wieder zur eigentlichen Geschichte zu kommen, ehe ich noch ganz den Faden verliere!

Also:


Irgendwann nach Beendigung meiner Grundausbildung bei der Bundeswehr radelte ich an einem Sonntagmorgen zum nahesten Trimm-Dich-Pfad, um Klimmzüge zu machen.
Zu meiner Überraschung hing an der Klimmzugstange schon einer dran.
Ich kannte den Kerl!
„Kalle?“, fragte ich.
„Wolf?“, fragte er zurück.
Wir waren bis zum 9.Schuljahr in derselben Klasse gewesen. Dann hatte er die Schule verlassen müssen. Er war mindestens so gut wie ich gewesen, aber die Lehrer hatten ihm sein Gekiffe und ein paar andere Dinge übelgenommen und ihn über die Zensuren diszipliniert.

„Du machst Klimmzüge?“, fragte ich.
„Bis jetzt ist es nur ein Versuch“, sagte er bescheiden.
„Wie kommst du denn auf den Quatsch?“, fragte ich.
„Machst du doch auch“, sagte er.
„Klar“, sagte ich, „aber bei mir paßt das auch zum Lebenstil.“
„Gib mal nicht so an“, sagte er.
„Das war nicht angeberisch gemeint. Du meintest doch immer, daß ich ein Spießer bin, oder?“
„Ab und zu bist du das“, sagte er.
Endlich ließ er die Stange los.

„Siehste“, sagte ich.
„Warum trainierst du nicht im Fitness-Studio?“, fragte er.
„Zuviele Freaks“, sagte ich.
„Freaks?“, fragte er. „Dann würde ich ja dort hinpassen:“
„Geh doch“, sagte ich.
„Dafür habe ich aber keine Zeit“, sagte er. „Ich habe auch keine Zeit, jahrelang zu trainieren, um Muskeln zu kriegen. Das muß schneller gehen.“
„Vergiß es“, sagte ich und stellte mich unter die Stange.
„Gibt es da denn keine Mittelchen, die das ganze beschleunigen?“, fragte er.

„Sicher“, sagte ich, „aber da kann ich dir nicht weiterhelfen.“
„Bei dir ging es doch auch ziemlich schnell!“
Ich tippte mir an die Stirn.
„Weißt du eigentlich, wie lange wir uns nicht mehr gesehen haben?“, fragte ich ihn. „Das ist so lange her, daß du inzwischen bestimmt schon wieder drei Dutzend Freundinnen hattest!“

„Ungefähr“, sagte er. „Aber die waren alle Schrott!“
„Was?“
So kannte ich ihn garnicht.
„Aber jetzt habe ich meine Traumfrau gefunden!“
So kannte ich ihn überhaupt nicht.
„Traumfrauen gibt es nicht, hast du immer gesagt“, erinnerte ich ihn.
„Nicht im Plural“, redete er sich heraus.

"Was?"
„Es gibt nur eine Traumfrau.“
Diesen verklärten Blick hatte ich bei ihm noch nie gesehen.
„Kenne ich die?“, fragte ich.
„Du?“
Er lachte schallend.
„So einem wie dir würde sie nie über den Weg laufen.“
„Sag den Namen!“, forderte ich ihn auf.

„Melanie“, sagte er.
sind die bordell besuche fantasie oder erfahrung
gewesen ?
ich finde sie ziemlich extrem wenn ich sie mit meinen erfahrungen vergleiche.

re
@reneexe

ging mir genauso, ganz deiner Meinung

auch Nutten sind Frauen und sind sinnlich

außerdem kommt es darauf an, ob sie dich auch außerhalb ihres Arbeitsplatzes als Mann akzeptieren würden, oder ob sie nur wegen des Geldes mit dir schlafen (im letzteren Fall können sie ihren Ekel vermutlich nicht ganz verbergen, habe ich aber keine Erfahrung damit)
die frauen haben mich auch so intressiert .
ich hab nich nur auf ihnen rumgehämmert .
aber ein kleines bier vorher hab ich schon gebraucht !

re
@ Prof 19
@ reneexe


Ja, diese Erfahrungen habe ich real gemacht. Ich kann die Dialoge zwar nicht wörtlich weitergeben, und es waren in Wirklichkeit mehr Frauen, aber ich habe solche Sachen erlebt.
Und das ist noch lange nichts alles.
Das "beste" kommt noch!!

Eigentlich wollte ich davon garnichts oder nur wenig erzählen, aber als mein Thread immer seltener angeklickt wurde und stattdessen solche Themen viel Aufmerksamkeit fanden, habe ich meine Einstellung geändert. Weil dann prompt wieder mehr Interesse gezeigt wurde, habe ich ich noch ein Brikett nachgelegt.

Wie ich schon sagte, komme ich jetzt wieder zur eigentlichen Story und schließe die Jugenderinnerungen dann bald ab.

Allmählich wundere ich mich selbst, daß die Einleitung so lang werden konnte...
:rolleyes: :( ;)
Da niemand mehr einen Kommentar schreibt und nur soch wenige Klicks kommen, werde ich die Sache am Wochenende zu einem Abschluß führen und einen neuen Thread starten...
:(
Oder hat jemand was dagegen?
:mad: :mad: ;) :rolleyes: :laugh: :mad: ;)
wenn kein neues posting kommt, dann klicke ich auch nicht mehr - wozu auch ;)
@ sg83

Jetzt kommt endlich die Beschreibung der Methode, mit der man früher beim Zugfahren Frauenbekanntschaften machen konnte.
Es mußten allerdings die richtigen Frauen und die richtigen Züge sein.



Die Geschichte geht weiter:



Nachdem ich mich mit meinem alten Kumpel Kalle zum Schachspielen verabredet und allein mein Fitness-Training absolviert hatte, fuhr ich nach Hause.
Meine Eltern waren gerade beim Frühstück.
„Ist gestern wohl spät geworden, was?“, fragte mein Vater.
„Nein, ich bin früh nach Hause gekommen“, sagte ich.
„Und woher kommst du jetzt gerade?“
„Vom Frühsport“, sagte ich.
„Und da meinst du, daß er nicht solide ist“, sagte meine Mutter.
Mein Vater senkte seinen Blick.
„Willst du mit uns frühstücken?“, fragte meine Mutter.
„Nee, danke“, sagte ich, „jetzt muß ich allmählich mal schlafen gehen.“

Am Abend fuhr ich zurück zur Kaserne.
Ich fuhr mit dem Zug.
Einige meiner Kameraden hatten Fahrgemeinschaften, aber die fuhren jeden Tag. Ich hatte keine Lust, täglich zwei Stunden vollgequalmt in klapprigen Autos zu sitzen und dafür ungefähr meinen halben Sold auszugeben.
Noch weniger Lust hatte ich, an Werktagen morgens schon um fünf Uhr aufzustehen.
Zugfahren hatte Vorteile. Als Wehrpflichtiger konnte man kostenlos fahren. Außerdem gab es in der Bahn Abteile für Nichtraucher. Und vor allem konnte man interessante Bekanntschaften machen.
Wenn ich daheim in den Nahverkehrszug stieg, hatte ich immer ein Buch in der Hand. Während der Fahrt las ich „Strafbataillon 999“, „Verdammt in alle Ewigkeit“ oder „Die Nackten und die Toten“, um mich nach dem Wochenende geistig wieder auf das Leben als Soldat umzustellen. Manchmal sah ich auf dem Weg zum Großstadt-Bahnhof nette Mädchen, aber der Zug hielt alle drei oder vier Minuten, und meistens stiegen gerade die interessanten Mädchen spätestens nach zwei Stationen wieder aus. Bei dem ganzen Geruckel, dem ständigen Ein-und Aussteigen so vieler Fahrgäste, sowie den offenen Abteilen war es ohnhin unmöglich, irgendwas anzuleiern. Einmal traf ich eine alte Bekannte wieder, in die ich irgendwann zwischen meinem zwölften und meinem vierzehnten Lebensjahr, jedenfalls exakt über die Dauer meines Alkoholproblems, verliebt gewesen war, und dieses Mädchen machte die volle Fahrt mit, aber ansonsten gehörte meine Zeit im Bummelzug immer der Literatur.

Wenn ich auf meinen Anschlußzug wartete, sah es völlig anders aus. Gewöhnlich lief ich wie ein Tiger im Käfig den Bahnsteig hoch und runter, um nach hübschen Mädchen Ausschau zu halten. Fast immer war ein weiblicher Fahrgast dabei, der mir akzeptabel erschien. Ich hielt dann stets respektvollen Abstand, sah aber so oft hin, bis sie merkte, daß ich sie ansah. Mehr war nicht nötig, um Interesse zu signalisieren. Fuhr der Zug ein, hielt ich immer noch Abstand und stellte allenfalls Blickkontakt her.
Wenn die betreffenden Frauen schließlich in den Zug stiegen, trennte sich die Spreu vom Weizen.

Die wirklich netten Mädchen, die einem eine Chance geben wollten, hielten dann nach einem geschlossenen und möglichst freien Abteil Ausschau, wo während der Fahrt ein Gespräch zum Kennenlernen möglich war.
Die anderen, weniger kontaktfreudigen Mädchen waren so unfair, daß sie Abteile bevorzugten, in denen nur noch ein einziger Sitzplatz frei war und die Reservierungstafeln verkündeten, daß die anderen Leute das Abteil alle erst im Ausland wieder verlassen würden.

An diesem Abend paßte alles.
Unter den Wartenden war ein hübsches, schlankes, langhaariges, kaum geschminktes Mädchen. Sie trug einen Pferdeschwanz und Klamotten, die ihre Figur in keiner Weise betonten. Damals trauten sich nur die Mädchen, die in festen Händen waren, außerhalb der Disco gestylt zu sein. Wenn ein Mädchen sich im Alltag so schlicht zeigte, gab es wahrscheinlich keinen Kerl, dem sie ständig gefallen wollte.
Sie guckte am Bahnsteig und beim Einsteigen in den Zug zu mir rüber. Dann suchte sich tatsächlich ein leeres Abteil, obwohl sie dafür fast den ganzen Waggon durchqueren mußte.
Bis zum nächsten Halt waren es zwanzig Minuten.
Das war Zeit genug.
Sie hieß Eva.

(to be continued)
;)



P.S.
Anders als "Kalle Krapowsky" vermutet, ist mein Pseudonym nicht die Abkürzung von "Wolfsbanane", sondern von "Wolfsbane-Fan"

Zur Erinnerung:




Von Wolfsbane und nicht von Charles Bukowski oder gar Kalle Krampowski (dem ich den Titel "Meister" leider aberkennen mußte) stammt übrigens diese berühmte Devise:

"I´m drinking to forget
But I don´t forget to drink"

@wolfsbane
Bin erst heute auf Deinen Thread gestoßen. Mein Kompliment, da kann man ja süchtig werden, bin gespannt wie´s weiter geht.

Viele Grüße
fujisan
Also mich persönlich schreckt eine hohe Posting-anzahl eher ab, weil man da erst so viel lesen muß, bis man mitreden kann (Extrembeispiel: der Weltrekord-Thread)- aber schön das Wolfsbanes Fangemeinde immer größer wird.

:)
MFG,
SG
@wolfsbane,
schön geschrieben, deine geschichten, und spannend zu lesen. eine richtige entdeckung hier in diesem board.

es interessiert mich immer, was männer in krisen und überspitzten situationen fühlen und denken. frauen leiden unter solchen wohl zunächst mehr als männer - vordergründig. lassen sich mehr fallen, erwarten dann auch mehr - können aber auf lange sicht wieder besser mit krisen, mit sich selbst umgehen (?).

aus weiblicher sicht gibt es da einerseits die bereitschaft, sich auf leidenschaft, die leiden schafft..., zwar einzulassen, verwundbar zu sein, mehr, als männer das können; andererseits reagieren sie sehr sensibel und offensiv auf verletzungen, erweitern schnell den speck auf der haut und setzen einen selbstrettungsmechanismus in gang.

so wird zwar die fast schon sprichwörtliche leidensfähigkeit der frau dem zeitgeist entsprechend zunächst angepasst und ausgebaut - `ich kann mich geben wie ich bin, ich bin ja modern`- , dann aber, quasi *stop-loss* setzend, wieder verringert. dies konsequent und mit dem entsprechenden rückschlagspotenzial für die beziehung, wenn es denn eine gibt.

so erlebe ich das im bekanntenkreis.

(männer hingegen lassen sich auf solche emotionalen abenteuer lieber gar nicht erst ein, schaun erstmal, wer ihnen wieviel bringt, wägen ökonomisch ab. weshalb es ihnen im zweifel bequemer ist, käufliche frauen zu erwerben).

wenn sie vernünftig sind, vermeiden die weibsen extrema in ihren leidenschaften, denn sonst gingen sie als persönlichkeit schnell verloren. disziplinieren sie sich nicht, leiden sie an leidenschaffenden zweifeln und zermürben sich wegen ihrer grundsätzlich höheren bereitschaft dazu. genetisch vorgegeben??

für männer ist det janze eher egal.

männer sind cooler, denen passieren gefühlsunfälle schon gar nicht so leicht. sie gehen zu frauen, die ihnen was geben sollen. lassen sich enttäuschen, und gehen trotzdem wieder hin oder suchen sich eine neue.

sie sind nie schuld, wenn sich ihre hoffnungen nicht erfüllen, es waren immer die umstände ;) - und sie wagen es darum gerne aufs neue und immer wieder.

sind allerdings schnell verbittert über jede form von freigewählter distanz der anderen seite, die sie doch für sich selbst so sehr schätzen. es könnte ihr ego verletzen.

...und nun schreib mal weiter, ich bin schon gespannt.

;)

gruss
cabinda
@ cabinda

Danke für den netten Kommentar. Leider hatte ich ein paar Probs mit meinem Internetzugang, aber hier ist nun doch noch die...



Fortsetzung:


Als ich vor dem Abteil stand, in dem sie allein saß und aus dem Fenster sah, fiel mir das Schild auf.
Ich öffnete die Tür, guckte kritisch fragte: „Bist du Raucherin?“
„Wie bitte?“, fragte sie.
„Das hier ist ein Raucherabteil“, sagte ich mit ernster Miene, „und ich bin Nichtraucher. Doch die Nichtraucherabteile sind alle schon voll.“
Ich pokerte hoch, aber ich mußte ihr noch eine Chance geben, mich rauszuschmeißen. Wenn sie auf keinen Fall etwas mit mir zu tun haben wollte, brauchte sie nur zu sagen, daß sie rauchte. Vielleicht tat sie das auch tatsächlich.
„Ich bin auch Nichtraucher“, sagte sie. „Ich hatte das Schild garnicht gesehen.“
„Prima“, sagte ich, „dann ist ja doch noch ein Fensterplatz für mich frei.“
Ich hievte meine Reisetasche in Zeitlupe auf die Gepäckablage und blieb schließlich etwas länger als eigentlich nötig in dieser Position. Keine Frau verliebte sich in meine Gangster-Visage, aber manche waren schon zufrieden, wenn ein Mann einen breiten Rücken hatte, und dafür machte ich schließlich seit Jahren möglichst täglich Klimmzüge.
Ich fischte „Strafbataillion 999“ aus der Tasche, setzte mich direkt vor sie auf den anderen Fensterplatz, guckte einmal kurz raus und schlug mein Buch auf.
Sie senkte den Blick, zog die Füße ein Stück zurück und holte auch ein Buch hervor. Zum Glück handelte es sich um kein „Frauen-Buch“, sondern um einen ganz normalen, von einer Frau geschriebenen Roman. Allerdings kannte ich die Autorin nicht, was mir die Möglichkeit nahm, mein Gegenüber im Verlaufe der Fahrt in ein Gespräch über ihre Lektüre zu verwickeln. Aber falls sie irgendwann auf mein Buch sah, konnte ich ihr vielleicht etwas über meinen eigenen Schmöker sagen, was übrigens selbstverständlich der übliche Plan B war.
Jedesmal wenn irgendjemand in das Abteil blickte, guckte ich böse. Ich setzte dann denselben Blick auf, wie wenn ich beim Kickboxen eine rasche Drehung um 180 Grad machte und dann über die Schulter nach hinten sah, ob mein Tritt den Gegner auch richtig traf.
Wir blieben alleine.
Endlich fuhr der Zug an.
Sie saß mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und bekam einen sanften Stoß in meine Richtung.
Ich sah mir ihr Gesicht dabei genau an.
„Oh“, sagte sie, als sie sich wieder gegen das Polster lehnte.

Ich vermied es, sie sofort anzustarren. Das wäre zu plump gewesen. Wenn ich sie anglotzte, mußte ich auch etwas zu ihr sagen können, aber noch hatte ich keine Ahnung, was ich sagen sollte.
Also wendete ich meine bewährte 3-Schritt-Technik an.
Zuerst gab ich mich sehr zurückhaltend und stierte angestrengt in mein Buch.
Dann guckte ich für jeden Baum und jedes Haus am Wegesrand aus dem Fenster, bis ich praktisch ohne Pause hinaus sah.
Schließlich ließ ich jedesmal, wenn sie mir nur den allergeringsten Vorwand dafür gab, den Blick zu ihr hinüberschweifen. Sobald sie sich ein wenig räusperte oder an der Nase rieb, warf ich ihr einen Blick zu, guckte wie beiläufig zum Abschluß kurz auf ihren Busen, und versteckte mich dann gleich wieder hinter dem Buch.
Es funktionierte.
Einmal faßte sie nach ihrem Pferdeschwanz, drehte ihren Kopf leicht zur Seite und ließ mich ihren Schwanenhals sehen.
Ich sah hin.
Sie lächelte ein ganz kleines bischen.
Zwei Minuten später machte sie exakt die gleiche Bewegung.
Ich sah wieder hin.
Sie lächelte ein bischen.
Eine Minute später machte sie diese Bewegung zum drittenmal.
Ich sah wieder wieder hin.
Sie lächelte.
Ich guckte wie „Mr.Spock“ in den guten alten „Enterprise“-Folgen, wenn er „Faszinierend“ sagt.
Sie lächelte weiter und ließ ihr Buch sinken.
Ganz offensichtlich testete sie mein Interesse und ihre Wirkung auf mich. Das war es, was mich beim Kennenlernen von Frauen am meisten erregte- wenn sie mit mir experimentierten. Meine Eltern und meine Verwandten und Bekannten verstanden das nie. Die dachten immer, es würde mich anmachen, wenn ein Mädchen mir gegenüber unerschütterlich nett war, aber sowas stürzte mich stattdessen in Depressionen. Schon Melanie hatte mir gegenüber neugierig ausprobiert, wie sie mich für sich interessieren konnte und wie weit sie gehen durfte. Nur wenn ein Mädchen mit mir ihre Spielchen zu spielen begann, wußte und fühlte ich, daß etwas „los“ war.
Sie legte das Buch auf die Knie, beugte sich ein wenig vor und griff mit beiden Händen hinter sich, um ihren Pferdeschwanz wieder in Ordnung zu bringen, obwohl das Teil ohnehin vorbildlich korrekt war. Sowas nannten Kalle, ich und einige unbedeutende Psychologie-Autoren „Putzverhalten“.
Mein Puls beschleunigte sich.
Ich bekam eine leichte Erektion.

Ich legte mein Buch ebenfalls fort.
„Du hast eine sehr schöne Haarfarbe“, sagte ich, während ich sie mit wohlwollender Miene betrachtete.
„Ach was“, sagte sie, „straßenköter-blond! Ich sollte wohl färben.“
„Oh nein“, sagte ich, „bitte nicht!“
Sie sah mich überrascht an, als ich flehte.
„Was wäre denn daran so schlimm? Dann hätten meine Haare wenigstens eine einheitliche Farbe. Ist das nicht schöner?“
„Nein“, sagte ich entschieden. „Diese vielen Strähnchen sind doch sehr hübsch. Dort, wo du die Haare zusammengebunden hast, verbinden sich alle diese Strähnchen zu einem schönen, einzigartigen Muster, das so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck ist. Wenn du dir die Haare färbst, ist deine ganze Persönlichkeit wie fortgewischt und du hast genau die gleiche Farbe wie Tausende anderer Frauen. Das wäre doch schade. Außerdem, wenn ich in der Werbung blonde Frauen sehe, deren Haarschopf eidottergelb ist, sieht das immer so künstlich aus, als wäre es eine Perück oder ... eine Legionärskappe...“
Sie kicherte.
„Du denkst bei blondgefärbten Haaren an Legionärskappen?“, fragte sie prusten. „Du solltest vielleicht weniger Soldatenbücher lesen!“
Sie wies auf „Strafbataillon 999“.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Es ist nicht meine Schuld, daß ich mich mit sowas beschäftigen muß“, sagte ich. „Aber dadurch habe ich jetzt immerhin dich kennengelernt.“
„Wie meinst du das?“, fragte sie erschrocken.
Es war keine geringe Verantwortung, Teil meines Schicksals zu sein, und das schien ihr soeben klar zu werden.
„Ich bin Soldat und gerade auf dem Weg zurück zur Kaserne. Morgen habe ich wieder Dienst, und wer weiß, was dann kommt. Hast du schon mal eine Erkennungsmarke gesehen?“
„Eine... was?“
Ich zog die ovale Marke aus dem Hemd. Bei solchen Zugfahrten trug ich sie immer um den Hals. Gleich wißt Ihr auch, warum!

„Siehst du?“, fragte ich, während ich mich vorbeugte, „da in der Mitte kann man die Marke ganz leicht durchbrechen. Fühl mal, wie einfach das geht..."
Sie rutschte mit ihrem niedlichen kleinen Hintern auf dem Sitz vorwärts und strich mit der Kuppe ihres zartgliedigen schlanken rechten Zeigenfingers über die Perforation.
"Ja, das fühlt sich schon so an, als wenn man das Teil ganz leicht knicken kann...", sagte sie andächtig.
"Weißt du denn auch schon, wozu das kleinere Kettchen unten an der zweiten Hälfte gut ist?", fragte ich.
Sie spielte mit dem Zeigefinger ein bischen daran herum, als könne sie auch hier durch ihren Tastsinn zu weiteren Erkenntnissen kommen.
"Nein...", sagte sie dann nachdenklich.
"Das ist für meinen großen Zeh".
"Was?"
"Wenn ich mal falle, oder aus Versehen von einem Panzer überrollt werde, bricht man das Oval in der Mitte durch und hängt mir die untere Hälfte der Erkennungsmarke an den großen Zeh. Der Kopf wird dann ja zugedeckt."
Erschrocken zog sie ihre hand zurück und setzte sich aufrecht hin.
"Kann das denn bei euch passieren?", fragte sie.
Ich war Fernmelder in der 1.Kompanie. Wenn nicht gerade Übung war, saß ich mit den anderen im Fernmeldekeller und putzte Antennen oder pokerte. Neuerdings saß ich meistens als "Gefreiter vom Dienst" im Eingang des Kompaniegebäudes und agierte als Pförtner.
Aber das durfte ich jetzt natürlich nicht sagen!
"Das darf ich nicht sagen", antwortete ich.

Sie musterte mich erneut. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Mein Puls ging schon wieder schneller, als ich sie so sah, aber ich gab mich cool und sah durch das Fenster mit klarem Blick in die weiter Ferne.
"Oh", hauchte sie.
"Übrigens, ich heiße Wolf", sagte ich rasch, die Gunst der Minute nutzend.
"Ich heiße Eva", sagte sie.
"Gib mire doch mal deine Adresse", sagte ich rasch, "dann kann ich dir nächste Woche oder so ein Lebenszeichen schicken."
"Ja, das ist gut", sagte sie sichtlich bewegt. "Hast du was zu schreiben dabei?"
"Ein guter Soldat hat immer Schreibzeug dabei, sagt unser Spieß", antwortete ich wahrheitsgemäß.
Sie hatte eine sehr schöne Schrift. Ich zögerte ein wenig, den Kugelschreiber von ihr zurückzunehmen, denn es sah so süß aus, wie sie ihn hielt. Als ich ihn dann doch wieder annahm, kriegte ich es hin, daß sich unsere Hände dabei leicht berührten, und sie zuckte kein bischen zurück, sondern bekam lediglich ein leichtes Liderflattern.
Allmählich wurde ich genauso gut wie Kalle...


;)
Nicht schlecht- einfach mal den "Helden in Flecktarn" raushängen lassen. Meine Kaserne lag östlich von meinem Wohnort- da hab ich Sonntag Abend immer gesagt, ich muß wieder an die "Ostfront" - klingt auch sehr dramatisch. Vielleicht hätte ich doch mal das Auto stehenlassen sollen ...
Als ich nach dem Ende der Zugfahrt am Bahnhof auf den Bus zur Kaserne wartete, kam ich mit zwei anderen Wehrpflichtigen ins Gespräch. Die beiden waren zwar keine Fernmelder, sondern nur irgendwas anderes, aber sie gehörten auch zu meiner Kompanie. Ich kannte sie vom Sehen und umgekehrt verhielt es sich genauso. Im Bus diskutierten sie dann, ob sie, sobald sie ihr Gepäck in der Kaserne hatten, noch in eine Discothek gehen sollten. Aus irgendeinem Grund sollte ich aber mitgehen.
„Da gibt es Frauen ohne Ende“, versprach Andreas.
„Echt wahr“, sagte Bernd.
„Das sind doch sicher alles noch Kinder“, wandte ich ein.
„Nö, da nicht. Es ist ja auch Sonntagabend“, sagte Andreas.
„Sonntagabends sind keine Kinder auf der Piste“, sagte Bernhard.
„Höchstens Friseusen“, sagte Andreas.
„Die sind jedenfalls alt genug“, sagte Bernhard.
Ich mochte keine Friseusen oder Friseure, denn die quatschten den Frauen immer diese aufwendigen künstlichen Frisuren auf, die mich stets so befremdeten, und die sich vor lauter Haarfestiger oft wie Stacheldraht anfühlten.
„Nee“, sagte ich.
„Da kann man Frauen aufreißen ohne Ende“, sagte Andreas.
„Das geht ganz leicht“, sagte Bernhard.
„Ich habe heute schon ein nettes Mädchen kennengelernt“, sagte ich.
„Frauen kann man ohne Ende haben“, sagte Andreas.
„Frauen hat man nie genug“, sagte Bernhard.
Mittlerweile erinnerten mich die beiden an meinen alten Kumpel Kalle und ich ließ mich überreden, mitzukommen.

In der Discothek hielten sich zu zwei Dritteln nur Männer auf. Ich sah auf den ersten Blick, daß die allermeisten von ihnen Soldaten waren, obwohl keiner von denen Uniform trug. Wenn man mal gedrillt worden ist, macht man keine überflüssigen Bewegungen mehr. Man zappelt nicht herum und läßt auch nicht ständig den Blick schweifen, wie es Jungs oft tun und für ganz normal halten.
Die meisten dieser Burschen strahlten eine latente Aggressivität aus.
„Boah, ey, wieder jede Menge Leute vom Jäger-Batallion da“, sagte Andreas.
„Ja, voll!“, sagte Bernhard.
Irgendein Angeber glotzte mich an. Ich blieb ruhig stehen, zuckte ein bischen mit den Schultern, glotzte zurück und tat so, als würde ich gerade einen Viertelliter Eiter durch die Nase hochziehen. Er blickte weg.

Ich sah mich nach Andreas und Bernhard um.
„Gehen wir“, sagte Andreas.
„Da drüben ist was frei“, sagte Bernhard.
Wir setzten uns an den Tisch. Sofort kam eine Bedienung und fragte nach unsere Bestellung. Sie sah sehr gut aus. Im Gegensatz zu den anderen Frauen trug sie verwaschene, enge Jeans. Ich konnte mich nicht daran sattsehen. Wenn eine Frau in Jeans steckte, die sie schon seit Jahren besaß und oft getragen hatte, wirkte sie auf mich wie in Reizwäsche.
Andreas und Bernhard bestellten jeder ein großes Pils.
„Ihr Deppen“, schimpfte ich, „warum bestellt ihr nicht kleinere Mengen und laßt sie doppelt so oft kommen. Sieht doch geil aus, wie sie geht.“
„Guck da nicht so hin“, sagte Andreas, „bitte!“
„Ihr Freund ist Jäger!“, mahnte Bernhard.
„Ich bin auch Jäger“, sagte ich.
„Nee, Fernmelder“, sagte Andreas.
„Genau“, sagte Bernd.
Ich starrte der Bedienung weiter hinterher. Sie gab dem Barkeeper die Bestellung und beugte sich leicht über die Theke, während sie mit ihm sprach.
„Die Frau weckt meine Jagdinstinkte“, sagte ich.
„Mach keinen Mist“, sagte Andreas.
„Aber echt“, sagte Bernhard.
„Was soll das überhaupt?“, fragte Andreas. „Okay, die trägt Jeans, aus denen sie schon ein bischen rausgewachsen ist...“
„Schön eng“, sagte Bernhard.
„Aber das ist auch alles“, sagte Andreas.
„Die sollte sich mal eine neue Jeans kaufen“, sagte Bernhard.
„Finde ich auch“, meinte Andreas.
„Stimmt doch“, sagte Bernhard.
„Blödsinn“, schimpfte ich. „Wißt ihr, was Waschmuster sind?“
„Nee“, antwortete Andreas.
„Ich laß immer meine Mutter waschen“, verriet Bernhard.
„Eine Jeanshose wird nie gleichmäßig belastet“, erklärte ich, „und dementsprechend wird sie auch nicht an allen Stellen gleich stark abgenutzt. Die stärker abgenutzten Stellen werden auch stärker ausgewaschen. Dadurch entsteht ein Muster, das bei jedem Menschen anders ist, weil ja auch jeder Körper anders ist und sich jeder ein bischen anders bewegt, und somit auch jeder seine Jeans etwas anders belastet. Das nennt man ein Waschmuster. In den USA hat man neulich zwei Bankräuber überführt, obwohl sie vor der Überwachungskamera maskiert gewesen sind. Man identifizierte sie anhand ihrer Jeans.“
„Dann sollte man sich besser ordentlich anziehen, wenn man eine Bank überfallen will“, sagte Andreas.
„Aber vielleicht brauchten die Typen das Geld, um sich neue Jeans zu kaufen?“, rätselte Bernhard.

Endlich kam das Bier. Meine Kehle fühlte sich von dem langen Vortrag schon ganz trocken an. Seltsamerweise brachte uns der Barkeeper das Gesöff, während das Jeans-Model hinter der Theke zapfte. Den ganzen restlichen Abend über behielten sie diesen Rollentausch bei.
Andreas und Bernhard erzählten mir, daß sie aus demselben Kaff kamen und in der Grundschule und am Gymnasium in derselben Klasse gewesen waren. Außerdem waren sie beide im Schülerorchester und im selben Fußballverein. Schließlich legten sie damit los, durchzuhecheln, was sie beide unabhängig voneinander am Wochenende über ihre gemeinsamen Bekannten Neues gehört hatten.
Ich guckte mich unauffällig um. Wenn man nur lange genug hinsah, war bei manchen der anwesenden Frauen durchaus was Hübsches zu finden. Aber Andreas und Bernhard winkten jedesmal ab.
„Die ist doch viel zu jung.“
„Die ist doch viel zu alt.“
„Die ist doch viel zu häßlich.“
„Die ist doch viel zu stark geschminkt.“
„Die ist auch bloß eine Jäger-Braut.“
Statt Frauen anzumachen, quatschten die beiden pausenlos über ihr blödes Kaff. Sie standen nur auf, wenn sie altes Bier wegbringen mußten.
Irgendwann fand ich das so unerträglich langweilig, daß ich schon die „Jäger-Braut“ anmachen wollte, um zu gucken, was die Jäger drauf hatten. Aber erstmal wollte ich noch pinkeln gehen.

Um zu den Männer-Toiletten zu kommen, mußte man zwei Stufen hoch und dann an der Damen-Toilette vorbeigehen.
Als ich sicherheitshalber auf die Stufen sah, die man bei der stark flackernden Beleuchtung schlecht erkennen konnte, hörte ich ein sehr weibliches Kreischen.
Ich blickte hoch und sah einen Schatten auf mich stürzen.
Eine leichte Person klammerte sich mit aller Gewalt an mir fest und zog wie verrückt an meinem linken Arm.
Sie klammerte so, wie nur Frauen klammern können, nämlich mit einer Kraft, der man anmerkt, daß sie nicht aus Masse an Muskeln, sondern aus reiner Entschiedenheit und Willenskraft geboren wird.
Endlich hörte das Kreischen auf.
Ein Mädchen zog sich an mir hoch.
Ihr Gesicht war knallrot und sie lächelte mich an.
Eine unwiderstehliche Kombination.
Ich wußte nicht, was passiert war oder noch passieren würde, aber ich wußte, daß ich Eva nichts davon schreiben würde.
„Hallo“, sagte die hübsche Fremde, „Du hast mir gerade das Leben gerettet.“
„Okay“, sagte ich, „darauf können wir wohl einen trinken.“
Ihr Lächeln verwandelte sich in ein wohlwollendes Grinsen. Sie sagte mir immer noch nicht, warum sie sich auf mich gestürzt hatte, aber sie sagte immerhin alles, was ich wirklich wissen mußte.
„Ja.“


Prima Wolf, ist wirklich interessant, Deine Geschichte! Ein wenig beschämt bin ich von Deiner erstaunlichen Reife in so jungen Jahren. Zu der Zeit wußte ich, im Nachhinein betrachtet, überhaupt nichts, schon gar nicht, über was sich Mädchen Gedanken machen;) Mit Eltern und Verwandten hast Du Dich also über das Kennenlernen von Frauen unterhalten und erinnerst Dich sogar daran!? Dafür fehlte mir erstens die Lust, zweitens die Zeit, drittens hätte ich keine Meinung dazu gehabt und viertens lief das sowieso immer gleich ab: lange reden und dann eine wie zufällige Berührung.
Ich bin schon wieder gespannt auf Melanie, ich hoffe, sie redet nicht so viel, wie Deine anderen Protagonisten;) Nichts für ungut: ich mag einfach geheimnisvolle Frauen! Gruß Stephen
Hallo Stephen,


schön, daß Du dich mal wieder meldest! Ich dachte schon, meine Story wäre für Dich uninteressant geworden.

Wie schon gesagt, das Ganze ist ein Roman und kein Tatsachenbericht. Trotzdem kann ich in einigen Details der Geschichten auf wirklich erlebte Dinge zurückgreifen. Außerdem muß der Protagonist Ähnlichkeit mit mir haben, weil ich seine Abenteuer sonst nicht glaubwürdig in der 1.Person schildern könnte.

Ich bin als Einzelkind aufgewachsen. Einzelkinder orientieren sich mehr an Erwachsenen als an Kindern. Bei mir kam dazu, daß meine Eltern mit mir mehrmals umgezogen sind. Mit vier Jahren wurde ich von meinen Verwandten, und damit auch von meinen gleichaltrigen Kusinen und Cousins getrennt, die ich von da an nur noch sporadisch sehen konnte. Als ich fast sechs Jahre alt war, wurde ich erneut von gleichaltrigen Freunden getrennt.Die neue Stadt, in der ich dann auch eingeschult wurde, war dafür bekannt, daß "Zugezogene" dort kaum Anschluß finden. "Zugezogen" ist jeder, der dort nicht geboren wurde... Ich wurde in einer Bauernschaft groß, wo das besonders zutrifft, und wo die Landjugendlichen sowieso skeptisch gegenüber Nicht-Bauern sind. Aus allen diesen Gründen habe ich mich noch mehr als andere Einzelkinder an Erwachsenen statt Gleichaltrigen orientiert und viel zuviel Zeit vor dem Fernseher verbracht. Sobald ich lesen konnte, wurde ich ein Bücherwurm. Mein Klassenlehrer an der Grundschule beklagte sich, ich sei "altklug". Im 2.Schuljahr hatte ich beim Spielen einen Unfall, wurde nicht richtig verarztet und zog mir eine Blutvergiftung zu, weshalb ich sehr lange im Krankenhaus war, wo ich nichts anderes tun konnte, als sehr viel zu lesen, was meine Ausdrucksweise sehr deutlich veränderte und mich bei Gleichaltrigen noch unbeliebter machte. Später am Gymnasium wurde meine Isoliertheit nicht geringer, sondern größer, denn dort war ich als Abkömmling der Arbeiterschicht Angehöriger einer absoluten Minderheit. Weil ich nie richtig in eine Clique reinkam, mußte ich mehr Aufwand als andere treiben, um an Mädchen heranzukommen. Damals ging ich aus Langeweile andauernd in die Stadtbücherei, wo ich mir mit dem Lese-Ausweis meiner Eltern bald Zugang zur Abteilung für Erwachsene verschaffte. Ungefähr im 4.Schuljahr las ich zum erstenmal ein Buch über Psychologie, und wenig später entdeckte ich ein paar populärwissenschaftliche, also einfach zu lesende und zu verstehende Sachbücher über "Körpersprache" etc. Auch die Werke von Desmond Morris, insbesondere das reich illustrierte "Der Mensch, mit dem wir leben", haben mich damals stark interessiert und beeinflußt. Ich bekam den Spottnamen "Professor" und wurde so unbeliebt, daß ich mich beim Karate-Training anmelden mußte, um auf dem Schulhof zu bestehen. So kam ich übrigens auch mit fernöstlicher Philosophie in Berührung und begann zu meditieren und in Gesprächen Buddha zu zitieren, wofür mich die Gleichaltrigen endgültig als "bekloppt" einstuften. Damals hatte ich nur den Wunsch, daß meine Kindheit möglichst rasch vorbeigehen möge.

Ein Erlebnis wie es in der Geschichte "Wolf" mit "Melanie" hat, kann das Leben eines Jungen natürlich auch gleich in andere Bahnen lenken. Wenn man nur mit Jungs groß wird, orientiert man sich natürlich an dem, was für Jungs am wichtigsten ist. Man will unbedingt der sein, der im Schwimmbad die tollsten Sprünge schafft, der beim Fußball die meisten Tore schießt, der am weitesten pinkeln und am längsten ohne Kotzen Splatter-Filme gucken kann. Das hat mich nie interessiert. Mir war immer ziemlich egal, was die anderen Jungs von mir dachten, solange sie nicht dachten, sie könnten mich hauen, ohne selber heiße Ohren zu kriegen. Weil ich früh ein sehr kluges Mädchen getroffen hatte, hielt ich Mädchen insgesamt (ausgenommen meine Kusinen) für klüger und besser als Jungs. Normalerweise versuchen Jungs dadurch besonders männlich zu sein, daß sie gucken, was die anderen Jungs machen, und in allen diese Disziplinen (s.o.) der Beste sein wollen, aber ich guckte immer, was Mädchen bzw. Frauen gefiel. Wenn ich in den Zeitschriften las, daß derzeit angeblich alle Mädchen und Frauen ganz verrückt nach irgendeinem Schlagerfuzzi mit langen Haaren waren, und meine Mitschülerinnen tatsächlich Poster von dem Deppen tauschten, dann ließ ich mir eben auch lange Haare wachsen, um bei den Mädchen anzukommen, und wenn die anderen Jungs das unmännlich fanden und mich deswegen ärgerten, mußten sie mit meiner Veranlagung zum Jähzorn rechnen.

Ungefähr mit acht Jahren kam ich auf die alberne Idee, Schriftsteller zu werden. Ich war kein guter Sportler, konnte nicht singen und keine Noten lesen, und sah auch nicht besonders gut aus, also war eine spätere Karriere als Fußballer, Musiker oder Schauspieler ausgeschlossen. Wenn ich davon träumen wollte, mal berühmt zu werden (als Kind hat man noch solche Ambitionen), dann ging das nur als Schriftsteller, denn die brauchten nichts wirklich zu können, sondern brauchten nur Fantasie. Mein Vater, Handwerker durch und durch, ermutigte mich ohne Absicht, indem er andauernd predigte: "Worte machen kann JEDER. Schwer ist NUR, mit seinen Händen etwas RICHTIGES fertig zu kriegen."
Von da an begann ich, mir alle halbwegs interessanten Erlebnisse für die spätere Verwendung in Romanen besonders gut einzuprägen und lustige Sprüche u.ä. zu sammeln. Ziemlich früh machte ich auch meine ersten Schreibversuche.
Ich erinnere mich, daß ich einmal in der Grundschule meinem Klassen-Lehrer im Unterricht widersprach, und der darauf antwortete: "Wenn du mal groß und wirklich ein berühmter Schriftsteller bist, dann kannst du mir widersprechen, aber jetzt entscheide immer noch ich, was hier richtig und falsch ist."

Mein erstes Vorbild war natürlich Karl May. Der erste Held, über den ich schreiben wollte, war "Old Shatterhand", der fast pausenlos Vorträge hielt, und zwischendurch bei Notwendigkeit Bösewichter mit einem einzigen "Jagdhieb" k.o. schlug. Manchmal, wenn ich hier lese, was ich am Vorabend (und anscheinend schon ein bischen müde) verzapft habe, stelle ich fest, daß man mir diese frühe literarische Prägung immer noch anmerkt...



:laugh: :laugh: :laugh: :laugh: :laugh:



P.S. Das Mädchen, daß dem Helden im letzten Kapitel entgegenfliegt, ist nicht etwa "Supergirl", sondern ist nur in ihren schicken Pumps auf der Treppe umgeknickt.
Mädchen tun sowas !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
;) :laugh:
hallo Wolfsbane,

von mir aus könnte es jetzt weitergehen;)

Gruss
GIZMO.com
@ GIZMO


Sorry, jetzt werde ich erstmal ins Fitness-Studio gehen.
Danach sehe ich mir das F1-Rennen an.
Dann werde ich Kaffee trinken.

Heute abend zur "Lindenstraße(n)"-Zeit stelle ich aber das nächste Kapitel rein.


CU

Wolf
Besser spät als nie...



Neues Kapitel:

Als wir die Stufen hinuntergingen, hielt sie sich immer noch an mir fest und drückte sich gegen mich. Obwohl sie sich inzwischen fühlbar entspannt hatte, zog sie immer noch in Intervallen äußerst heftig an meinem Arm. Normalerweise machten Frauen das bei mir nur, wenn sie mich schon etwas länger kannten und küssen wollten.
„Ich heiße Nicole“, sagte sie.
„Hallo Nicole“, sagte ich.
„Und wer bist du?“
„Der Wolf.“
Sie kicherte.
„Bloß gut, daß du mich aufgefangen hast. Ich kann in den neuen Pumps noch garnicht richtig laufen und bin echt voll umgeknickt!“
Sie steuerte zielstrebig auf einen kleinen Tisch zu.

„Ich habe da drüben noch einen Deckel“, sagte ich, wobei ich auf Andreas und Bernhard deutete.
„Kein Problem“, meinte sie. „Mein Kollege holt den Deckel rüber. Das Bier kannst du ruhig stehen lassen. Ich gebe dir ein neues Pils aus.“
Sie setzte sichauf die Bank, ohne mich loszulassen. Ich setzte mich neben sie und rutschte hinterher.
„Dein Kollege?“
„Ich arbeite hier“, sagte sie stolz. „Aber heute habe ich frei. Bis gerade eben war ich noch auf einer Geburtstagsfeier. Ich bin nur gekommen, weil sonntagabends immer die Schichten verteilt werden.“
Andreas und Bernhard guckten herüber.
„Sind das deine Freunde?“, fragte sie.

„Nein“, sagte ich. „Aber wir sind in derselben Kompanie.“
„Die sehen aber wirklich nicht wie Jäger aus.“
„Das sind ja auch Ölfüße. Ich bin Fernmelder.“
„Was?“
„Bongo. Ich bin Bongo. Funker!“
„Du siehst nicht aus, als wenn du von den Funkern bist“, sagte sie mit prüfendem Blick.
„Ich war zur Grundausbildung in Mordheim.“
Sie kniff die Augen zusammen.
„Das ist doch eine Strafkompanie!“
Ich gab mich überrascht.
„Wirklich? Ich habe mich schon gewundert, daß die Leute da immer ein bischen komisch waren.“
„Bist du vorbestraft?“, fragte sie angespannt.
„Nur aktenkundig, aber nie verurteilt“, antwortete ich.

Sie lächelte.
„Konsalik soll da auch gewesen sein“, erzählte sie. „Ich lese viel von Konsalik. Am besten fand ich das Buch über das Strafbataillion 999. Fällt dir dazu was ein?"
"Das Buch lese ich gerade. Es handelt auch von Fernmeldern. Es ist ganz nett geschrieben."
"Ich glaube die Bezeichnung 999 ist eine Anspielung auf die Zahl 666“, sagte sie. "Fällt dir dazu auch was ein?"
„Ich habe einen alten Onkel, der einen Volvo 66 mit Variomatik fährt“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, 666 ist die Zahl des...“
Dann kam endlich das Bier. Als ihr Kollege sich wieder entfernte, klammerte sie sich wieder äußerst merkwürdig an mich, ehe sie ihr Glas zum Anstoßen hob.

Ich wußte nicht, was ich von diesen Verrenkungen halten sollte und fragte gereizt: „Willst du etwa auf Brüderschaft trinken?“
„Um Gottes Willen, nein!“, widersprach sie. „Bloß kein Inzest!“
„Prost“, sagte ich.
Sie stieß so heftig mit mir an, daß ihr Glas überschwappte und etwas Bier auf ihrem kurzen Rock landete.
„Ooops!“, rief sie fröhlich kichernd, „ich bin ja ganz feucht!“


***



In der nächsten Woche erzähle ich dann, wieviel manche Bardamen von ihrem Freund erwarten und wie die letzte Begegnung mit Kalle und Melanie verläuft.
Danach kommt "wieder" ein Zeitsprung zu "Melanie II" und von dort an spielt die Börse immer mit.
;)
Nun der Rest der viel zu lang geratenen "Einleitung":



Das war eindeutig zweideutig.
Ich, selber nicht mehr ganz nüchtern, stellte fest, daß ich auf ihr schulterfreies Oberteil starrte. Um mein Gesicht zu wahren, mußte ich jetzt angreifen.
Ich ließ mein Bierglas los und legte meinen Arm um sie, während meine andere Hand über ihrem Knie zum Landeanflug ansetzte.
„Aaaaaaaah!“, kreischte sie.
Trotz der lauten Musik konnten es außer mir noch andere Leute hören. Nicole rutschte auf der Flucht vor meiner Hand unter den Tisch. Ihre Knie trafen die Tischplatte und brachten diese so zum Wackeln, daß mein Pils umkippte und das kalte Bier sich über meine Hose ergoß.
„Jetzt bist du auch feucht!“, rief sie lachend.
„Feucht? Patschnaß bin ich. Mußte das sein?“
„Ja, das war Notwehr!“, sagte sie heftig nickend.
„Was? Not... Gehe ich zu scharf ran oder was!“
„Nee, aber du hast zu kalte Hände!“
„Quatsch“, knurrte ich.
„Du hattest deine Hand vorher am kalten Pilsglas...“
Ich sah auf meine Hose. Nicole hatte meine Leidenschaft gerade eben sehr erfolgreich abgekühlt.
„Sei doch nicht so humorlos“, sagte sie.
„Ich sehe aus wie ein... Bettnässer“, knurrte ich.
„Wir bleiben doch sowieso noch“, sagte sie. „Das trocknet.“
„Toll.“
„Magst du mich jetzt nicht mehr?“
„Doch, doch“, sagte ich eilig, denn ich wußte, wie Frauen werden konnten, wenn sie sich auf einmal abgelehnt fühlten. Lieber boxte ich gegen die versammelte Riege ihrer Ex-Freunde auf einmal. Und das waren bestimmt nicht wenige.
„Willst du ein neues Pils?“, fragte sie.
„Laß mal“, sagte ich, „ist vielleicht besser so. Ich sollte ab jetzt lieber Cola trinken.“
Sie richtete sich auf.
„Warum das denn!“
Ich winkte ab.
„Das wäre gerade schon mein fünftes 0,3 gewesen. Wenn ich fünf davon geschafft habe, werde ich immer aufdringlich. Man sieht ja, was dabei rauskommt. Nee, vier Stück sind meine Grenze.“
Sie rannte zur Theke und holte für jeden von uns noch ein 0,3. Ich staunte, wie gut sie jetzt mit ihren schicken Pumps laufen konnte. Sie verschüttete keinen Tropfen.
„Prost“, sagte sie noch im Stehen.

Kaum saßen wir wieder nebeneinander, begann sie von ihrem Kater zu erzählen. Der würde jeden Baum hochkommen, oft Spaziergänge von Dach zu Dach machen und sogar Doggen in die Flucht schlagen.
„Na, den Kater möchte ich aber mal sehen!“, sagte ich schließlich.
Sie grinste süffisant.
„Sag doch gleich, daß du zu mir nach Hause willst!“, tönte sie mit einem aggressiven Unterton und unternehmungslustigem Blick.
Ich legte beide Hände auf ihre Knie.
„Du willst zu mir nach Hause, stimmt´s?“, fragte sie knurrig.
„Fürs erste bin ich damit zufrieden“, sagte ich.

Als wir vor ihrer Haustür aus dem Taxi stiegen, sah sie sich nervös um.
„Was ist los?“, fragte ich. „Falsche Adresse?“
„Ich gucke wegen Will“, sagte sie.
„Wer- Will?“
„Mein Ex-Freund. Der verfolgt und tyrannisiert mich. Der will es nicht einsehen.“
„Ich bin ja da.“
„Der darf nicht in meine Nähe. Das habe ich ihm nämlich gerichtlich untersagen lassen. Das hat mir nämlich schon Angst gemacht. Der muß es doch einsehen, wenn Schluß ist.“
„Jaja“, sagte ich, „nun laß uns reingehen.“
Sie küßte mich.
Plötzlich sah ich meine Zugbekanntschaft Eva vor mir und hatte auf Nicole gar keine richtige Lust mehr. Es tat mir leid, daß ich sie ein bischen angeführt hatte und jetzt bei einer anderen Frau war, anstatt auf der Stube zu sein und ihr einen Brief zu schreiben.
„Was ist mit dir?“, fragte sie.
Ich zog sie mit einer Hand an mich, klopfte ihr mit der anderen Hand auf die Backen und grinste sie an. Das reichte ihr als Antwort.
Sie drehte sich um und schloß auf.

Ihren Kater sah ich erst viel Stunden später, als ich aufstand. Mein Kopf dröhnte. Ich hörte es poltern.
„Was ist mit dir?“, fragte sie.
„Ich habe einen Kater. Und ich höre es hier überall poltern. Das ist bedenklich.“
„Ich habe sogar zwei Kater“, sagte sie gähnend. „Und es ist der richtige Kater, der hier rumpoltert. Der springt mir quer durch die Bude, weil er raus will.“
„Ich muß auch raus“, sagte ich. „Sonst ist das Fahnenflucht.“
Sie sprang auf.
„Ich muß mir dringend die Zähne putzen, ehe du noch vor meiner Fahne fliehst!“, hörte ich sie auf dem Weg zum Bad rufen.

„Willst du nicht erst noch frühstücken?“, fragte sie.
Ich sah dabei, wie ihr Kater mitten auf den Eßtisch sprang und zwischen dem offenen Margarine-Pott und dem geschnittenen Brot in Stellung ging.
„Lecker, lecker“, sagte Nicole, als sie den Kater fütterte, indem sie die Wurstscheibe von ihrem Brot nahm.
Es kam mir vor, als würde der schwarze Vierbeiner beim Fressen in die Margarine sabbern. Unglaublich, wie laut so ein kleines Tier schmatzen konnte.
„Wie spät ist es eigentlich?“, fragte sie. „Ich muß nämlich gleich noch einkaufen, und zwar vor allem Katzenfutter. Da muß man richtig hingucken, bei all den Sorten, die es heutzutage gibt.“
Sie streichelte ihn.
„Nicht wahr, Kleiner?“
Jetzt küßte sie ihn auch noch.
Er schnurrte.
Sie grinste.
„Hast du eigentlich schon mal Katzenfutter probiert?“, fragte sie.
„Nö, ich bin noch nie Katze gewesen“, antwortete ich.
„Schmeckt eigentlich garnicht so schlecht“, sagte sie zwinkernd.
Ich sah auf meine Armbanduhr.
„Heute abend muß ich arbeiten“, sagte sie. „Du kommst doch, oder?“

Als ich am Abend vor der Theke saß und sie mir ein Pils nach dem anderen zuschob, ohne etwas auf meinem Deckel zu notieren, erkannte ich sie kaum wieder. Sie wirkte ernst und unnahbar. Fast schüchterte sie sogar mich ein. Irgendwann konnte ich kein Bier mehr sehen. Ich stand auf.
„Du warst doch eben erst zur Toilette“, sagte sie streng.
„Ich will nicht zur Toilette.“
„Dann bleib doch sitzen!“
„Ich will nicht sitzenbleiben.“
„Was willst du dann?“, fragte sie ärgerlich.
„Ich will nur mal kurz frische Luft schnappen“, sagte ich. „Hier kann man die Luft ja sehen.“
„Das ist immer so. Ich muß hier sogar arbeiten. Ich habe noch lange nicht Feierabend! Du kannst jetzt nicht gehen!“
„Ich sitze hier doch sowieso nur rum“, sagte ich.
„Dann bleib doch sitzen!“
„Warum?“
„Viel mehr machst du doch beim Bund auch nicht“, sagte sie. „Das haben mir deine Freunde gesagt.“
Ich setzte mich wieder hin.
„Wann hast du mit denen gesprochen?“, erkundigte ich mich.
„Bevor ich mit dir gesprochen habe“, sagte sie. „Gegenüber von den Toiletten ist der Flipper. Ich habe gespielt. Die beiden haben mich andauernd angemacht.“
Jetzt kapierte ich auch, warum die so oft zur Toilette gegangen waren. Von wegen „altes Bier wegbringen“!
„Und wie lange soll ich hier noch sitzen?“, fragte ich.
„Ich muß bis ein Uhr arbeiten. Danach wird abgerechnet, aber du kannst ruhig hier drinnen darauf warten. Danach können wir dann wieder zu mir gehen.“
Ich dachte nach.
„Dann komme ich heute nacht wieder nicht zum Schlafen.“
Sie verdrehte die Augen.
„Es gibt doch Schlaftabletten!“
„Wie ich dich kenne, kriegst du mich trotzdem wach“, sagte ich, „egal wieviele Schlaftabletten ich nehme.“
Sie verdrehte die Augen und fauchte: „Ich meine doch, daß ich die Schlaftablette nehme, damit du schlafen kannst!“
„Ich finde es nicht gut, wenn du Tabletten nimmst.“
„Ich auch nicht“, sagte sie. „Aber es liegt ja nicht an mir. Bist du kein Mann? Kannst du nicht auch mal ohne Schlaf?“
Ich rieb mir die Augen.
„Ich soll hier solange sitzen, wie du hier arbeitest?“
„Dafür bist du mein Freund.“
„Und das jedesmal, wenn du arbeitest?“
Sie fuchtelte mit den Händen herum. Ihre Kollegen guckten böse, weil sie ihre Arbeit vernachlässigte.
„Sieh doch mal hin, was für Kerle hier rumhängen und auf meinen Arsch starren, als gäbe es mich im Schlußverkauf! Wie stellst du dir das eigentlich vor?“
Mir war schlecht von dem Bier und von dem vielen Zigarettenqualm. Am meisten war mir davon schlecht, wie Nicole sich in so kurzer Zeit verändert hatte.
Vielleicht brauchte ich nur eine Pause.
„Ich komme gleich wieder“, sagte ich.
Bis zu ihrem Feierabend waren es noch zwei Stunden.

Ich spazierte durch die Straßen und genoß die relativ frische Luft.
Mir fiel wieder ein, daß sie über Konsalik behauptet hatte, er sei einst in derselben Ausbildungseinheit wie ich gewesen. Was für ein Quatsch.
An einer Imbissbude genehmigte ich mir eine Curry-Wurst mit Pommes. Das brauchte ich einfach irgendwie.
Ich kramte einen Zettel und einen Kugelschreiber aus meine Taschen und überlegte mir, was ich Eva schreiben sollte. Umso länger ich an sie dachte, umso unattraktiver kam mir Nicole vor. Ich war ein blödes Arschloch. Ich schrieb das auf. Aber das konnte ich mir auch so merken. Ich knüllte den Zettel zusammen und warf ihn in einen Papierkorb.
Schließlich ging ich wieder in die Disco. Ich wollte mit Nicole Schluß machen.
Die Türsteher grinsten auf eine Art, die mir mißfiel.
Auf meinem Platz vor der Theke saß jemand, der größer als ich war und sich sehr angeregt mit Nicole unterhielt.
„Moin“, sagte ich.
„Ausgeschlafen?“, fragte sie.
Der Kerl auf dem Hocker grinste mich überheblich und spöttisch an.
„Ist das dein Bruder?“, fragte ich.
„Das ist mein Freund“, sagte sie.
„Das ging ja schnell“, sagte ich.
„Wir sind schon seit vier Jahren zusammen“, knurrte er.
„Ist das der, vor dem du Schiß hast?“, fragte ich.
„Manchmal...“, sagte sie.
„Und manchmal habe ich auch vor ihr Schiß“, sagte er und lachte.
„Ihr paßt gut zusammen“, sagte ich. „Ihr seid beide zwei kleine Schisser.
„Okay“, hörte ich jemanden hinter mir sagen, „das gibt Hausverbot.“
Ich drehte mich um.
„Besser so, als Katzenfutter fressen“, sagte ich, ehe ich freiwillig den Saftladen verließ.
Sowas kam dabei raus, wenn man mit Ölfüßen ausging.

Auf der Stube schrieb ich dann den richtigen Brief. Ich erzählte Eva nichts von dem peinlichen Abenteuer mit der Katzen-Närrin, sondern erzählte von Melanie und meine widersprüchlichen Gefühlen für sie. Ich fragte sie um Rat. Ganz zuletzt entschuldigte ich mich für mein angeberisches Verhalten im Zug und stellte klar, daß mein Dienst sehr langweilig war. Selbst auf Übungen hatte ich es bequem, denn meine Aufgabe beschränkte sich darauf, in einem gut beheizten Haus zu sitzen und Vermittlung zu bedienen. Nun wußte sie die Wahrheit. Nur von Mordheim erzählte ich ihr nichts. Weglassen war kein Lügen. Ich brachte den Brief noch in der Dunkelheit zum Briefkasten. Als ich zurückkam, war ich hundemüde, legte mich hin und schlief sofort ein.

Am Wochenende traf ich mich mit Kalle in einer Kneipe. Es gab dort einen Tisch mit einem Intarsien-Schachbrett.
„Ich bin ein bischen aus der Übung“, sagte er, als er die Figuren aufstellte.
„Aber bei den Mädchen scheinst du nicht aus der Übung zu kommen“, sagte ich.
„Nee, das ist ja auch wichtiger“, sagte er.
„Du hattest eine Melanie erwähnt...“
„Das habe ich dir erzählt?“, fragte er.
„Eine echte Traumfrau...“
„Ja, ich merke schon, ich habe es dir erzählt...“
Er fischte ein Foto aus der Innentasche seiner Jacke.
„Zuerst kannte ich nur das Bild“, sagte er. „Sie hat sich bei einem hiesigen Fotografen verewigen lassen. Der Fotograf fand das Bild so schön, daß er es in seinem Schaufenster ausstellte- als Werbung. Ich habe es gesehen und es war Liebe auf den ersten Blick. Ich ging also rein und fragte nach Abzügen. Er meinte darauf, er müßte das Mädchen erstmal fragen, ob er einem Fremden Abzüge geben dürfte, und als er sie anrief, fragte sie zurück, was für ein Fremder das denn wohl wäre. Wahrscheinlich hatte sie schon einmal von mir gehört. Sie hat sich jedenfalls mit mir verabredet und alles war super.“
„Das glaube ich nicht“, sagte ich.
„Egal.“
„Und sie macht Yoga?“
„Was?“
„Auf dem Bild macht sie Kopfstand!“
„Das kann sie bestimmt auch in Wirklichkeit“, sagte er begeistert.
Ich riß ihm das Bild aus der Hand und drehte es um.
Es war dieselbe Melanie, die ich kannte- oder gekannt hatte.
„Du kannst das Bild behalten“, sagte er. „Ich habe ja sozusagen das Original.“
Ich kriegte kein Wort mehr heraus. Da hatte ich gedacht, ich wäre inzwischen ein knallharter Bursche, ein „Mordsmolli“, wie unser Hauptfeld in der Grundi zu sagen pflegte, aber wenn ich in diese Augen sah, und selbst wenn es nur auf einem Foto war, fühlte ich mich wieder wie der staunende Sechsjährige, der rein gefühlsmäßig glaubte, daß er dort die ganze Welt erkennen könne, wenn er nur tief genug hineinsähe.

Schweigend und trinkend spielten wir Schach. Nach etwa zehn Zügen bekam Kalle Besuch. Ich sah, daß er wirklich das Original hatte.
„Genug des Schwachsinns! Remis!“, rief ich, und schob die Figuren zusammen.
„Früher habe ich dich immer besiegt“, sagte er.
„Aber da waren wir doch noch ganz klein“, sagte ich.
„Immer habe ich gewonnen, immer!“
„Aber da waren wir doch noch ganz klein, Kalle!“, knurrte ich.
„Sowas vergißt man nie!“
„Aber da wart ihr doch noch ganz klein“, sagte Melanie.
„Ist ja auch egal“, sagte er.
Ich verabschiedete mich. Ich wollte nach Hause. Kalle hatte das Original, aber ich hatte immerhin das Foto, nach dem ich mich nicht selbst zu fragen getraut hatte.

Als ich in mein Zimmer ging, brachte mir mein Vater Post.
„Ist eben erst eingetroffen“, sagte er.
„Um diese Zeit?“, fragte ich ungläubig.
„Der Postbote hat wiedermal falsch ausgeliefert. Der Brief ist bei einem anderen Haushalt gelandet, ein paar Straßen weiter. Aber ein Mädchen hat ihn dann zur richtigen Adresse gebracht.“
„Nett“, sagt ich.
Er gab mir den Brief.
„Weißt du, von wem der Brief ist?“, fragte er.
„Von Eva“, sagte ich. „Die habe ich im Zug kennengelernt.“
„Ich meinte, ob du weißt, wer ihn gebracht hat...“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Das sagtest du doch schon. Irgendeine Frau hier aus der Ecke.“
„Nicht irgendeine Frau“, sagte er. „Melanie.“
„Was?“
„Wart ihr nicht mal befreundet?“
„Da waren wir doch noch ganz klein“, sagte ich.
„Das mußt du selber wissen“, sagte er.
Ich öffnete den Brief.

Eva hatte eine gute Antwort auf meine Frage, warum meine Gefühle für Melanie so unterschiedlich sein konnten. Ich hatte sie unterschätzt. Sie war sehr klug. Aber man sieht immer alles viel klarer, wenn man nicht selber involviert ist.
„Manchmal, wenn man jemanden sehr lange nicht sieht, entwickelt man sehr viel Fantasie. Es kann passieren, daß am Ende fast alles, was man über diesen Menschen denkt, nur noch Fantasie ist. So war das vielleicht, was Melanie angeht. Sie sieht zwar so aus, wie Du erwartet hast, aber im übrigen ist ihr Leben wohl ganz anders verlaufen, als Du es dir vorstelltest.
Jetzt wirkt sie vom Aussehen her auf dich vertraut, aber hinter diesem Aussehen verbirgt sich eine Frau, die dir fremd ist. Sie hat recht- es ist viel zu lange her.
Aber wie Du dich jetzt verhälst, ist deine Entscheidung. Hoffentlich konnte ich Dir helfen.“
Als ich das las, fiel mir meine Entscheidung leicht.
Ich nahm das Foto, sah noch einmal in diese mir so vertrauten Augen, und faltete dann aus dem Abzug ein Schiffchen.
Damit ging ich zum Fluß, setzte es auf die Wasseroberfläche, sah ihm zu, wie es von der winzigen Strömung behutsam davongetragen wurde, und richtete mich schließlich auf, um so zu grüßen, wie ich es gerade am meisten gewohnt war, und wie es sich gehörte, wenn man einen Menschen oder einen Traum auf See bestattete.

(to be continued)
mach weiter ""klasse!!""
ich lese während meiner arbeit .sehr unterhaltsam und enspannend .

re
Hallo Wolf,

bin gerade auf diesen Thread gestoßen - sehr unterhaltsam!!
Ich warte schon auf die Fortsetzung :)

Gruß
Selter
Hallo,


danke für den Zuspruch.

Die Postings #30 und #42 habe ich inzwischen bearbeitet und als eigenständige Geschichten bei www.Leselupe.de (eine Empfehlung von Kalle Krampowsky) unter dem Titel "Großstadtdebüt" bzw. "Die schamhafte Frau" in der Rubrik " ab 18 & Horror" erneut veröffentlicht.
Zwar sind diese Texte nicht so "scharf", daß sie dahin müßten, aber für die Rubrik "Erotisches" schienen sie mir unpassend, weil vieles darin absolute Anti-Erotik ist...
;)


Noch diese Woche schreibe ich eine Fortsetzung...



WB
Hallo!


Inzwischen hat der Thread bei mir eine viel zu lange Ladezeit.
Aus diesem und einigen Gründen nutze ich die Tatsache, daß die Erzählung hier einen vorläufigen Schluß hat, und mache ich für die nächsten Geschichten einen neuen Thread auf.

Wahrscheinlich wird dieser Thread nach und nach auf die hinteren Seiten des Inhaltsverzeichnisses durchgereicht, um dann ganz aus dem Inhaltsverzeichnis zu verschwinden. Aber dabei hat jeder, der sich das Ganze ausdrucken möchte (???) eine ausreichend lange Gnadenfrist, dies zu tun.


CU

Wolfsbane
@wolfsbane

man kann den thread auch in die Liste der Favoriten aufnehmen, weiß nur nicht, wie lange er da drinne bleibt. Ansonsten kann man sich gelegentlich ein Buchzeichen reinmachen.
Ehe ich mit dem zweiten Teil beginne, kommt hier für die Interessierten anstelle von bloßen Andeutungen eine ausführlichere Darstellung früherer Erfahrungen mit Lektoren.


Meinen ersten Romanversuch fabrizierte ich nach meinem Wehrdienst. Ich fand nicht sofort Arbeit und schrieb Bewerbungen. Da ich sowieso andauernd an der Schreibmaschine saß, kam wie von selbst als Abfallprodukt ein Roman heraus.
Ich ging in die Stadtbücherei, guckte dort nach irgendwie vergleichbaren Romanen, notierte mir die Verlage und ließ mir von einem Buchhändler die Adressen geben. Der erste (weibliche) Buchhändler verweigerte mir diesen Dienst und unterstellte mir, ich wolle meine Bücher selbst direkt bei den Verlagen bestellen und sie um ihren Verdienst bringen.

Als ich Bekanntschaft mit dem Lektor machte, der mein Manuskript schon beim Durchblättern zum Erbrechen gefunden hatte, war das für mich eine mehrfache Enttäuschung. Ich mußte am Absender feststellen, daß der von mir favorisierte Verlag zu einer großen Gruppe gehörte, bei der ein mir sehr unsympathischer Verlag die Führung besaß. Die Absage galt nicht nur für einen, sondern für etliche Verlage...

Ein Lektor reagierte sehr freundlich und bescheinigte mir, ich würde viel besser und flüssiger als die allermeisten Autoren schreiben. Dieses Lob bedeutete besonders viel für mich, weil dieser Lektor selbst ein (sehr guter) Autor war. Er müsse leider bedauernd mitteilen, daß mein Roman nicht in das Verlagsangebot passe, aber er empfahl mir, den Text beim Lektorat einer bestimmten fremden Taschenbuchreihe anzubieten. Ich hatte auf eine Hardcoverausgabe spekuliert, aber inzwischen war ich bescheidener und nahm den Rat an. Ich hatte zwar von dem betreffenden Verlag schon eine Absage erhalten, aber da es sich um ein riesiges Haus handelte und die Taschenbücher aus der besagten Reihe in ihren Klappentexten den Eindruck vermittelte, ein ganz eigenes Lektorat zu besitzen, schickte ich den Text nochmal an diesen Verlag, aber diesmal eben speziell an das Lektorat dieser Reihe. Daraufhin bekam ich einen Brief vom Verleger, der sich beschwerte, daß ich es nicht nur gewagt hätte, ihm solchen Mist zu schicken, sondern dies nach so kurzer Zeit sogar zum zweitenmal wage. Er beschimpfte mich unter dem Logo der mir empfohlenen speziellen Taschenbuchreihe über zwei Seiten, wobei er mir nicht nur geistigen Diebstahl, sondern auch Größenwahn attestierte und sich über die von mir benutzten Ausdrücke wie "Plot" ("Plot und dit und dat" ) lustig machte.
Anschließend wandte ich mich an die (mittlerweile auch eingestellte) Konkurrenz-Reihe und schrieb diesmal einen kürzeren Begleitbrief, woraufhin mein Manuskript vom (Unter-)Verleger mit einer Begründung abgelehnt wurde, die im Gegensatz zur wesentlichen Aussage seines Kollegen stand.

Schließlich rief mich ein Verlag an und signalisierte Interesse. Der Mann sagte aber auch, er führe einen nur kleinen Verlag und könne nicht gegen die Großen bieten, sondern wollte lieber warten, wie die anderen Lektorate reagierten.
Ich hielt ihn auf dem Laufenden.
Von ihm kam im Gegenzug immer wieder Post, mit der er sagte, daß er noch ein Gutachten in Auftrag gegeben habe, und zwar bei einer ganz tollen freien Lektorin... Und dann brauchte es noch ein Gutachten und noch... und dann war die Buchmesse... Irgendwann rastete ich aus und fuhr hin. In seinem Büro stapelten sich Unterlagen von Agenten. "Alles fertige Bücher, die in vergleichbaren Ländern erfolgreich waren und nur übersetzt zu werden brauchen, wofür es genug Fachkräfte gibt, die das gut und zuverlässig erledigen." Außerdem sagte er mir, es gäbe da ein kleines finanzielles Problem. Als ich fragte, wieviel dem Verlag zur Herausgabe meines Romans fehle, sagte er:
"30.000 Mark"
Das war außerhalb meiner Möglichkeiten. Daraufhin gab er mir die Adresse eines Agenten, der auf die Zusendung meines Manuskripts damit reagierte, daß er ein paar angeblich geeignete Verlage vorschlug, von denen ich aber bereits angelehnt worden war.
(Dieser Agent schrieb später ein Buch, indem er das Verhalten des zuletzt geschilderten Verlags mit genau wiedergab und auch ganz offen hinzufügte, daß hinter einem solchen Verhalten immer Geldprobleme steckten. Sein pauschaler Rat war, dann doch in aller Höflichkeit sehr diskret eine kleine Geldhilfe anzubieten, und sich zu freuen, wenn diese wirklich dem Verlag helfen würde, ein Manuskript zu verlegen, an das man zweifelsohne wirklich glaube...)
Ich war von dem Agenten nicht überzeugt. Daraufhin empfahl der Verleger mir eine der (freien) Lektorinnen, die mein Manuskript begutachtet hatte.
Diese Frau schrieb mir dann, warum ihr mein Roman gefiele. In der Beschreibung erkannte ich nichts von mir wieder. Sie verlangte einen radikalen Neuanfang und einen deutlichen Wandel in Aussage, Inhalt und Stil. Ich sollte einen seichten, kitschigen Liebesroman schreiben und alle anderen Dinge streichen. (Dabei hatte ich mir die doofe Liebesgeschichte nur ausgedacht, um die wirklich interessanten Geschichten irgendwie miteinander zu verbinden.) Zwei Drittel der Handlung müßten weg und die Lücken sollten durch möglichst lange Beschreibungen von Gesichtern, Häusern, Gärten, Blumen, Bäumen, Kakteen, Tieren, Straßen etc. aufgefüllt werden. Desweiteren sollte ich von meinem demonstrativ an die gesprochene Sprache angelehnten Stil zu einer klassischen, möglichst literarischen, schönen Schreibweise finden.
Das widersprach völlig meiner Sicht des Marktes. Ich hatte keine Lust, einen Flop oder einen Groschenroman zu schreiben. Als ich vorsichtshalber mal fragte, ob denn wenigstens sicher sei, daß das Manuskript so umgekrempelt angenommen würde, sagte sie, selbst wenn es ihr gefiele, könne sie nicht versprechen, daß es dem mir bekannten Verlagsleiter gefiele. Und selbst wenn es dem gefiele, sei über diesem noch der ihm nicht allzu freundliche gesonnene Verlags-MANAGER (*wunder*) und über diesem wiederum der Verleger selbst, der sich schon despektierlich zu der ganzen Angelegenheit geäußert habe. Schließlich sagte sie auch noch "Ich wäre froh, wenn sich mal jemand so mit MEINEN Manuskripten beschäftigt hätte!"
Später traf ich sie doch noch. Sie kam mit irgendeinem angeberhaft wirkenden Kerl und bot mir ihre Dienste zum Stundenlohn von 60 DM an. Das wäre ihr normaler Stundenlohn als Lektorin (das war vor 13-14 Jahren) und unter dem könne sie es mir nicht machen. Sie wollte mir dafür nichts versprechen, bestand aber darauf, daß sie mir durch ihre Aufmerksamkeit höhere Weihen gäbe.
"Dann können sie sagen, sie sind SCHRIFTSTELLER."
"Ich dachte immer, dazu müßte man veröffentlicht haben", sagte ich.
Als ich keine Zahlungsbereitschaft zeigte und die ganze Sache hoffnungslos nannte, appellierte sie an meine "Schriftsteller-Ehre" o.ä., indem sie sagte: "Aber wenn sie Schriftsteller sind oder werden wollen, MÜSSEN sie doch schreiben. Das muß doch ein Zwang sein."
"Nee", sagte ich, "das muß ich bestimmt nicht. Ich kann mich auch anders beschäftigen."
Daraufhin sah dieses seltsame Pärchen sich an. Sie sagte "Hoffnungslos" und er sagte es auch. Danach tat sie beleidigt, er tat arrogant, und alle beide verschwanden in größter Eile.

Jahre später ging ich zu einem VHS-Kurs für Kreatives Schreiben, der von einem Herausgeber einer (mittlerweile längst eingestellten) Literatur-Zeitschrift geleitet wurde. Ich bat ihn um seine Meinung zu diesen Erlebnissen mit Lektoren. Er lachte erstmal und erklärte mir dann, daß ich unglaubliches Glück hätte, denn gewöhnlich erhielte man auf unverlangte Manuskripte nur Standard-Schreiben und keine persönlichen Stellungnahmen. Als ich ihn fragte, ob man nicht Masochist sein müßte, um es als Glück zu empfinden, geschmäht zu werden, lacht er wieder. Abschließend schlug er mir vor, doch mal einen Roman über meine Abenteuer mit Lektoren zu schreiben. Den würde zwar auch keiner drucken, aber das wäre sicherlich lustig zu lesen.

Bei dem Verlag, den ich zuletzt anschrieb, war es pikanterweise so, daß ich nicht nur zwei völlig unterschiedliche Aussage zum Thema "unverlangte Manuskripte" erhielt, sondern daß ich direkt nach der letzten Telefon-Auskunft am frühen Abend desselben Tages im Internet die Nachricht fand, der kleine Verlag sei soeben von einer großen Gruppe eingesackt worden...

:rolleyes:
P.S.

Die Lektorin, die mir für 60 DM Stundenlohn das Prädikat "Schriftsteller" geben wollte, erwähnte ihrerzeit neben dem Verlagschef, dem Verlags-MANAGER und dem Verleger noch eine Person mit Veto-Recht, nämlich den (Vertreter der) Buch-Vertreter. Sollte der die Ansicht kundtun, ein geplanter Titel hätte bei den Buchändlern keine Chance, könnte die Veröffentlichung auch daran scheitern.

Da fragt man sich vielleicht, ob die Macht der Lektoren nicht allgemein überschätzt wird....

:rolleyes:
Hat niemand eine Meinung dazu, ob ich einen Thread mit dem Titel "Meine Frauen und meine Aktien II" anlegen sollte?
Wenn es Euch sowieso egal ist, kann ich auch einfach weitermachen.



Neues Kapitel:


Vielleicht sollte ich den Tag verfluchen, an dem ich zum erstenmal im Leben daran dachte, Aktien zu kaufen.
Das kann ich aber nicht.
An diesem Tag begegnete ich nämlich zum erstenmal Ina.
Es war ein Montag. Das ist der Wochentag, an dem die meisten Unfälle passieren. Dazu gibt es solide Statistiken.
Genauer gesagt war es ein Montagabend. Es passierte in meiner alten Stammkneipe. Montags las ich dort immer ein ganz bestimmtes Magazin.

Ich saß an der Theke und süffelte gerade mein zweites oder drittes 0,3-Pils. Na gut, vielleicht war es auch schon mein viertes Glas. Es war jedenfalls maximal mein fünftes Pils. Es ist unwahrscheinlich, daß es schon mein sechstes oder achtes Pils gewesen war, denn dann würde ich mich daran erinnern, aber ehrlich gesagt erinnere ich mich ein bischen schwammig an die ganze Sache und es ist doch sowieso egal.
Ich saß also an der Theke und jedenfalls hatte ich keinen Durst, zumindest nie lange. Ich hatte die großen Artikel alle durch und las nun die kürzeren Texte, für die ich allerdings mittlerweile wegen nachlassender Konzentration genauso viel Zeit wie für die anderen brauchte.
Als ich einen Bericht über APPLE aufschlug und zum erstenmal ein Foto des bald erscheinenden iMac erblickte, hörte ich direkt neben mir eine junge Frau laut sagen:
„Ist der ja süß!“

Süß war auf jeden Fall ihre Stimme. Aber was war es, das sie süß fand? Mich bestimmt nicht. Manche Frauen fanden mich stattlich, aber süß fand mich selbst meine Mutter schon seit zwanzig Jahren nicht mehr.
Ich drehte mich leicht zur Seite.
„Ist der süß!“, erklang es erneut.
Diese Frau hatte ich noch nie zuvor gesehen. Sie war etwas kleiner als ich, trug unauffällige Kleidung, die nur bei einer schlanken Frau so weit und bequem wirken konnte, und trug ihr langes schwarzes Haar offen.
Einen Moment lang dachte ich, es sei Melanie. Sie rückte näher an mich heran und nahm mir die Zeitschrift weg. Ich fühlte mich ein bischen wie in Trance und war völlig damit ausgelastet, sie zu beobachten. War ich besoffen? Oder war ich verrückt? Besoffen zu sein, war wohl das geringere Übel.
„Den würde ich gern haben“, sagte sie.

Nein, das war nicht Melanie. Sie hatte noch volleres Haar. Sie hatte auch ganz andere Augen. Als sie meinen Blick erwiderte, sah ich in die dunkelsten Augen, die mir jemals begegnet waren. „Ich habe eine sehr intensive Augenfarbe“, sagte sie später einmal zu mir, und ich empfand das als die größte Übertreibung des Jahrhunderts.
Ihre Pupillen schienen die Größe von 2-Pfennig-Stücke zu haben, so dunkel waren ihre Augen. Ich hatte noch nie etwas so Schönes gesehen. Ich blinzelte, um schärfer zu sehen, aber das änderte an dem Bild vor meinen Augen garnichts.
Nein, das war nicht Melanie. Sie war etwas kleiner und ihre Stimme klang etwas tiefer und etwas rauer.

„Wie bitte?“, fragte ich.
„Den iMac, den würde ich sofort kaufen“, sagte sie.
„Glaubst du denn, daß APPLE überlebt?“, fragte ich.
„Ist mir egal“, sagte sie. „Ich würde den iMac kaufen. Ob ich Aktien von APPLE kaufen würde, ist natürlich eine ganz andere Sache.“
Sie gab mir die Zeitschrift zurück.
„Aktien?“, wiederholte ich fragend.
Sie winkte ab.
„Ich habe sowieso kein Geld für Aktien!“

Als sie ihren Deckel, auf dem nur ein einziges Getränk notiert war, mit lauter Kleingeld bezahlte, und der Wirt trotz ihres hübschen Anblicks eine verdrießliche Miene zog, glaubte ich ihr das.
Kaum hatte sie ihre Rechnung beglichen, bezahlte auch ich. Anders als sie gab ich Trinkgeld, und zwar deutlich mehr als sonst.
Der Wirt war überrascht und sogar ein bischen geschockt.
Aber ich hatte keine Zeit, auf die Rückgabe von Kleingeld zu warten.
Ich mußte raus.

Ich mußte hinterher.
Ich mußte ihren Namen wissen.
Ich mußte sie wiedersehen.
Ich wollte sie haben. Notfalls mußte ich ihr eben einen iMac kaufen. Oder ich würde versuchen, sämtliche Aktien von APPLE zu kaufen, um ihr die ganze Firma zu schenken.


;)


(Fortsetzung folgt)
Wolfsbane,wünsche Dir viel glück weil ich deinem schreibstil sehr erfrischend finde.Im engen feld der öffentlichen anerkennung, darf man niemals dem Mut verlieren.Hoffe du findest hier durch zufall die nötige aufmerksamkeit ,um deine Wünsche zu erfüllen.
Wolfsbane,wünsche Dir viel glück weil ich deinem schreibstil sehr erfrischend finde.Im engen feld der öffentlichen anerkennung, darf man niemals dem Mut verlieren.Hoffe du findest hier durch zufall die nötige aufmerksamkeit ,um deine Wünsche zu erfüllen.
@wolfsbane: führ auf jeden fall diesen thread weiter. das mit den ladezeiten ist definitiv kein problem, wenn man die w : o tools nutzt "letzte 20 postings" oder "seitennavigation".
ich habe diesen thread zum beispiel bei meinen favoriten und sehe immer beim einloggen, wenn ein neuer beitrag gekommen ist
- ein neuer thread würde so erst mal durchgehen und der ganze zusammenhang würde auseinandergerissen.

:)iguana
Weiter geht´s:



Als ich die Kneipe verließ, bückte sie sich gerade über ihrem Fahrrad, um es aufzuschließen.
„Hallo“, sagte ich.
„Hallo“, antwortete sie gelassen.
„Gehörst du zufällig zu der Bürgerinitiative, die gegen die neue Umgehungsstraße kämpft?“
Natürlich wußte ich über ungefähr alles Bescheid, was in meiner Stammkneipe los war.
„Für die Tierwelt wäre das eine Katastrophe“, antwortete sie.
Das war, wie ich später feststellte, typisch für sie. Sie antwortete nie einfach mit „Ja“ oder „Nein“, und versäumte keine Gelegenheit, ein Argument anzubringen.
„Absolut“, sagte ich.
Obwohl ich nicht einmal vage ahnte, welche Tiere sie meinte, war ich ohne Zögern bereit, mich notfalls mit Feldmäusen, Blattläusen oder entlaufenen Katzen zu verbrüdern, um ihre Gunst zu erringen.

„Jeder weiß das“, sagte sie laut und ärgerlich, „aber niemand will etwa unternehmen, um diese Wahnsinn zu stoppen!“
„Aber ihr seid doch schon eine ganze Menge Leute.“
„Es müßten noch viel mehr sein“, sagte sie. „Aber in Deutschland sind eben Autos wichtiger als Lebewesen.“
„Das ist eine unglaubliche Schweinerei“, sagte ich rasch.
Es ist immer schön, wenn man Opportunismus als Idealismus tarnen kann.
„Und warum machst du nicht mit, wenn du das weißt?“, fragte sie.
„Ich will ja mitmachen“, beteuerte ich.
„Wirklich?“
Sie musterte mich mit einem gewissen Mißtrauen.
„Ich will kämpfen!“, bekräftigte ich.

„Dann komm doch nächste Woche zum Stammtisch“, schlug sie vor.
„Einfach so?“, fragte ich aus gutem Grund.
„Sicher. Bei uns ist jeder Neue willkommen.“
„Ich bin bisher leider noch garnicht richtig informiert... was alles durch diese... äh. Schweinerei kaputtgemacht wird.“
„´ne ganze Menge“, sagte sie.
„Dann dürfen wir unsere Zeit nicht damit verschwenden, bei den Treffen jedesmal wieder die gleichen Anfängerfragen, äh, aufzubördeln...“
„Wie meinst du das?“, fragte sie.
„Ich meine, wenn ich nächste Woche gleich voll bei euch einsteigen soll, wäre es doch am besten, wenn mich jemand bis dahin schon auf den aktuellen Stand der Dinge bringt, oder?“
„Ja“, sagte sie, „ein paar von uns sind auch noch in der Kneipe. Die erklären dir alles!“
Sie schwang sich auf ihr Rad.

Ich entschloß mich spontan zu einer friedlichen Demonstration und blockierte ihr den Weg.
„He, was soll das?“, fragte sie.
„Die anderen Leute von der Gruppe mir total fremd, aber wir kennen uns jetzt doch schon. Kannst du mir denn nicht Informationen geben, damit die anderen nicht meinen, ich wäre blöd.“
Sie überlegte.
„Na gut. Hast du Email?“
„Nö. Ich warte noch darauf, daß ich mir einen iMac kaufen kann.“
„Hast du Fax?“
„Ja, aber das tut´s nicht. Demnächst kann ich ja mit meinem iMac faxen.“
„Wer weiß, wann der in Deutschland Verkaufsstart hat. Das dauert noch eine ganze Weile...“, meinte sie skeptisch.
„Erzähl es mir doch einfach“, schlug ich vor.
„Ich muß jetzt aber nach Hause“, sagte sie.

Ich sah demonstrativ auf meine Armbanduhr.
„Oh, so spät ist es schon?“, sagte ich. „Ja, dann erzähl es mir doch einfach am Telefon, wenn du Zeit hast. Das ist die beste Lösung, oder?“
„Ich soll dir meine Telefonnummer geben?“
Endlich kamen wir zur Sache.
„Super, ich habe sogar was zu schreiben dabei“, sagte ich. „Wenn das kein Schicksal ist! Ich glaube, ich wir handeln gerade voll im Sinne meines Karmas!“
„Naja, ich weiß nicht...“, meinte sie. „Dazu müßte ich erst einmal wissen, welches Sternzeichen du bist.“
Sie sah zum sternenklaren Himmel hoch. In dieser Pose wirkten ihre Augen noch strahlender.
„Das ist noch eine Sache, in der ich dringend deinen Rat brauche“, sagte ich. „Leg dir am besten schon mal Fachliteratur neben das Telefon!“
„Ach ja, meine Nummer“, sagte sie. „Also, schreib auf...“



;)

(Fortsetzung folgt)
@wolfsbane,
ich bin ganz der meinung von @iguana (*wink* ;) ). lange ladezeiten sind das noch nicht, und über die favoriten-liste kommt der thread doch immer wieder hoch; es ist auf alle fälle schöner, wenn alles zusammenbleibt.
mach einfach weiter, ich find`s gut zu lesen, lebendig und spannend.

was ich dich noch fragen wollte: holst du die geschichten aus der schublade, oder schreibst du sie hier jeweils neu?
gruss
cabinda
@ cabinda,



mir sind die Ladezeiten zu lang. Ich habe schließlich kein DSL.

Ich habe übrigens beantragt, daß man den Thread löscht. Mir sind die Ladezeiten bei W-O insgesamt zu lang und die Popups nerven mich dabei besonders.

Außerdem hat die Erzählung nicht genug mit Aktien zu tun, obwohl der Titel, den ich mittlerweile peinlich finde, das suggeriert.

Ich werde das Ganze jetzt erst einmal fertigstellen und dann entweder auf (einer) Literatur-Seiten(n) oder im Eigenverlag veröffentlichen.


Gruß

Wolfsbane
Wolfsbane,
DAS ist doch nicht dein Ernst?
1. Ich habe auch nur ISDN und überhaupt kein Problem mit den Ladezeiten- dann müßtest du ja bei manchen Threads mit vielen Bildern stundenlang laden!

"Ich habe übrigens beantragt, daß man den Thread löscht. Mir sind die Ladezeiten bei W-O insgesamt zu lang und die Popups nerven mich dabei besonders."

Wieso denn löschen? Das versteh ich überhaupt nicht. Deine begeisterten Leser sollten dir eigentlich Recht geben.


"Außerdem hat die Erzählung nicht genug mit Aktien zu tun, obwohl der Titel, den ich mittlerweile peinlich finde, das suggeriert."

Egal, jeder der sich den Thread durchgelesen hat, wird dir vergeben. Wirklich ein werbewirksamer Titel, der selbst bei der beachtlichen Threadlänge neue Leser anlockt.


"Ich werde das Ganze jetzt erst einmal fertigstellen und dann entweder auf (einer) Literatur-Seiten(n) oder im Eigenverlag veröffentlichen."


Wenn du deine Geschichten von Anfang an auf einer Literatur-Page veröffentlichst hättest, hätte ich sie garantiert nie gefunden. Bin normalerweise kein Mensch, der sich für Literatur interessiert, aber deine Storys fesseln echt.

MFG,
SG
@ sg83


Jeder, der schreibt, findet in seinem Bekanntenkreis ein paar Leute, die sein Zeug sympathisch finden.

Es stimmt, daß sich immer wieder ein neuer Interessent für meine Geschichten findet, aber das ist in meiner Stammkneipe genauso.

Wenn ich "umgezogen" bin, maile ich Dir, wo Du weitere Stories bzw. den Rest der Erzählung findest.


Gruß

Wolfsbane
@wolfsbane,
ich glaube, du musst ganz dringend herausfinden, wo die grenzen liegen zwischen deiner identität als schreiber und der deiner eigenen persönlichkeit. wo bist du auktorialer erzähler, und wo nicht - nur für dich! sonst verhedderst du dich und verwirrst beide welten.

bitte lösche den thread nicht.

gruss
cabinda
@ cabinda



Ich habe kein Interesse mehr an der Börse. Warum soll ich also auf einer Börsenseite veröffentlichen?

Danke für den Ratschlag bezüglich meiner Erzähltechnik.



Gruß
@cabinda: moin moin grüß dich!:)


@wolfsbane: hey hier ist das w : o sofa - das hat hier längst eine eigendynamik jenseits aller aktiengedanken entwickelt. ist irgendwie gleichzeitig realityshow, bühne und kuriositätenkabinett.
ich kenne keine site, wo so etwas besser aufgehoben wäre.

:)iguana
@wolfsbane

einen ratschlag geben wollte ich dir nicht. ich habe nur meinen sehr persönlichen eindruck wiedergegeben -

mir gefallen deine geschichten, ich lese sie einfach gern.

aber ladezeiten sind m.e. vorgeschobene gründe, um einen thread zu schließen, der an sich `ankommt`.

private gefühle, wie z.b. verletzlichkeiten, eitelkeiten, freude und frust - ich kenn dich nicht gut genug und schreib das einfach mal so hin, was die palette der möglichkeiten wäre -, sind eine ganz andere sache. keep cool und überprüf das einfach mal. es ist nicht leicht, ein schriftsteller zu sein, noch weniger, sich im `doppelleben` - erfundene figur vs. reales leben - zurechtzufinden. ich glaube, etwas von der sache zu verstehen und weiß auch, dass das nicht einfach ist.
gruss
cabinda
@wolfsbane

Bitte nicht löschen, und bitte weiterschreiben!

Es gibt hier viele Interessenten, viel mehr stille Leser als solche die dir antworten. Man kann auch in W-O lesen, ohne dort registriert zu sein, dann schreibt man eben nicht, sondern liest nur. W-O hat ganz beachtliche Clickraten jenseits der Zahl der angemeldeten User. Es gibt hunderttausende von Lesern, schau dir mal die Statistiken an, insbesondere die Information für Werbefirmen. Ich habe mal jemandem, der eine Linguistik-Seite pflegt, meinen Thread in W-O gezeigt, von diesen Zahlen kann der nur träumen. Und du hast ja auch schon über 2000 Clicks versammelt.

Also ich bitte dich: Bleibe hier, die Werbebanner sind einfach nötig, damit W-O überlebt. Literatur braucht immer einen Sponsor, ist es nicht so?

Ich bin gespannt auf deine weiteren Beiträge,

Viel Glück!
der Prof
@wolfsbane,wie viele andere im Board bin ich von Deinen Geschichten begeistert.Du scheinst im gegensatz zur Schriftstellerei ein lausiger Anbieter derselben zu sein.
Nehme bitte die gesammelte Zustimmung Deiner Leserschaft für Zukünftige Verhandlungen mit,viele heute erfolgreiche Schriftsteller, hätten dieses an Deiner Stelle sicher getan.
Hallo Wolf,

das Feedback der "Mitleser" ist eindeutig - auch ich möchte mich diesem anschließen:

Bitte schreib` weiter...

...oder poste wenigstens den Link, wo die Geschichte fortgesetzt wird!

Ich denke, daß viele von uns auch das Buch kaufen würden, wenn es irgendwann mal erscheinen sollte.


Viele Grüße
Selter
@wolfsbane

schließe mich den anderen Mitlesern an und würde mich über ein fortführen der Geschichte in DIESEM thread freuen:)

Gruss
PAYBACK:cool:

PS: Welche langen Ladezeiten :confused:
Hallo @ll,


das überrascht mich jetzt wirklich! DANKE!

Unter diesen Umständen fühle ich mich verpflichtet, noch ein paar Geschichten nachzulegen. Nun kommen aber Geschichten, die ich m.E. zum erstenmal aufschreibe. Außerdem habe ich inzwischen nicht mehr soviel Zeit, an meinen Texten zu feilen, weil um diese Jahreszeit die Arbeit in der Firma zunimmt und jetzt auch die Schachsaison beginnt. Ich kann also nicht für gleichbleibende "Qualität" garantieren und werde den Fortgang der Erzählung in kleinere Häppchen unterteilen müssen.

Auf jeden Fall werde ich heute nochmal posten.

;)

CU
Hier sind also die Kollegen versammelt! :)


tja, jetzt weiß ich es auch!

Bitte unbedingt weitermachen! :)


SBI
Weiter geht´s:



Kaum hatte Sabine mir endlich ihre Telefonnummer und ihren Vornamen diktiert, verabschiedete sie sich auch schon.
Ich sah, wie sie sich auf ihr Rad schwang. Sie bewegte sich sehr anmutig, und das sogar, obwohl sie viel zuviel an hatte.
„Was für ein Sternzeichen bist du?“, fragte ich hektisch.
„Waage“, sagte sie.
„Um Himmels Willen!“, rief ich. "Geh lieber zu Fuß und laß mich dich nach Hause bringen!"
Dann sah ich zu den Sternen hoch. Wenn ich ihr nicht in die Augen sah, konnte sie mir auch nicht ansehen, daß ich gleich log.
Sie rutschte wieder vom Sattel herunter, wirkte etwas verwirrt und blickte dann ebenfalls kurz forschend nach oben.

„Ich habe heute im Horoskop gelesen, daß Waage-Frauen diese Woche im Straßenverkehr besonders aufpassen müssen“, sagte ich hastig.
„Dann kann mir hier ja garnichts passieren“, meinte sie. „Denn das hier ist schließlich eine verkehrsberuhigte Zone, also praktisch das Gegenteil von Straßenverkehr.“
Ich winkte ab.
„Die Astrologen, die die Horoskope für Tageszeitschriften schreiben, sind doch zum großen Teil Scharlatane und Pfuscher! So genau darf man sich nicht darauf verlassen, wenn die etwas deuten. Aber man soll Gefahren nicht unterschätzen.“
Sie nickte.
„Dafür habe ich einen Talisman“, sagte sie dann.
Fasziniert starrte ich auf das Pentagramm, das sie eben aus ihrem T-Shirt gezogen hatte.
„Cool“, murmelte ich.
Erneut setzte sie ihren kleinen Hintern mit absolut bewundernswerter Zielsicherheit auf den beneidenswerten Fahrradsattel.
„Warte! Ich muß dir was gestehen!“, rief ich.

Diesmal blieb sie sitzen.
„Und was? Bist du ein Bulle, der uns überwachen soll?“
„Ich? Ein Bulle?“
„Das wäre wenigstens eine Entschuldigung für deinen Haarschnitt.“
„Nein, aber ich habe dich trotzdem angelogen. Ich glaube garnicht an Astrologie. Nicht wirklich.“
„Das solltest du aber“, sagte sie. „Es gibt Leute, die in Sachen Bären und Bullen ihre Entscheidungen nach der Astrologie treffen und meistens richtig liegen.“
Fieberhaft überlegte ich, was sie mit „Bären und Bullen“ meinte. Die „Bullen“ waren Polizisten, aber die „Bären“, was waren das für welche? Richter?
„Kannst du das mal präzisieren?“, fragte ich kritisch blickend.
„In den USA gibt es Börsen-Profis, die beim Handel mit Zertifikaten aus den Sternen lesen, ob es als nächstes auf- oder abwärts geht.“

„Echt wahr?“
„Bei Vollmond geht es meistens bergab. Bei Vollmond gibt es auch die meisten Börsencrashs“, sagte sie. „Das ist statistisch belegt! Und daran kann man auch sehen, daß Astrologie eben doch eine präzise Wissenschaft ist.“
„Wow“, sagte ich.
„Und du willst Löwe sein?“, fragte sie skeptisch.
„Ja.“
„Löwen sind dominant!“
„Ich bin doch voll dominant“, sagte ich.
„Dann solltest du noch ein Bier mehr trinken“, riet sie. „Denn noch bist du wohl nicht voll genug, um dominant zu sein!“

Kichernd radelte sie von dannen.
Ich fühlte mich wieder als Soldat.
Ich sah eine Flagge wehen, der ich folgen wollte.
Denn ihr langes Haar flatterte im Wind.


:laugh: ;)



P.S. Es ist schon okay, daß "w-o" sich durch Werbung finanziert. Aber meine Telefonrechnungen sind leider in letzter Zeit recht hoch gewesen, und dann machen einen irgenwann schon Kleinigkeiten nervös...
:rolleyes:
Nächstes Kapitel:
(Der Einstieg ins Börsengeschäft)


Am nächsten Tag versuchte ich Sabine anzurufen.
Jedesmal kam das Freizeichen, aber niemand hob ab.
Es war frustrierend.
Ich grübelte, ob ich etwas falschgemacht hatte. Um das zu erfahren, mußte ich sie aber erst besser kennenlernen. Solche Überlegungen brachten mich nicht weiter.

Schließlich wurde ich abergläubisch.
Ich war von ihr angesprochen worden, als ich zum erstenmal im Leben einen Artikel über APPLE gelesen hatte.
Mich erfaßte eine geradezu manische Sammler-Leidenschaft. Jeden Tag ging ich in den Supermarkt, um in den Zeitschriften zu blättern und nach weiteren Berichten über APPLE zu suchen, und wenn ich in einer Zeitschrift fündig wurde, marschierte ich gleich anschließend in meine Stammkneipe, setzte mich auf den bewährten Platz und las.

Über APPLE zu lesen, wurde in kurzer Zeit zur Besessenheit. Ich las jeden Bericht so gründlich, bis ich ihn jeweils auswendig konnte, und beschäftigte mich dann mit möglichst vergleichbaren Themen, wie den Geschäftspartnern oder Konkurrenten von APPLE.

Fast genauso interessant wie APPLE, von deren iMac Sabine begeistert war, las ich Artikel über die von ihr erwähnte Rolle der Astrologie an der Börse.
Wie Sabine gesagt hatte, gab es Fonds und Börsenbriefe, die ganz auf astrologischen Berechnungen basierten. Aktiengesellschaften wurden danach prognostiziert, an welchem Tag sie gegründet worden waren, und welche Konstellation der Sterne an diesem „Geburtstag“ besaßen.
Die ganze westliche Charttechnik mit ihren so beliebten Diagrammen, die man mittlerweile allerorten sah, stammte von der Astrologie ab; die allerersten Charts waren einst in dem Bemühen entstanden, das ewige Auf und Ab an den Börsen mit Ebbe und Flut zu vergleichen und auf den Einfluß der Mondphasen zurückzuführen.

Allmählich wurde ich zu einem kleinen Experten für APPLE und für die Börse. Meine Idee, in APPLE-Aktien zu investieren, erschien mir immer vernünftiger. Ich begann, den Chart dieser Firma genau zu beobachten, um einen günstigen Einstiegszeitpunkt zu finden. Kurz vor dem Verkaufsstart des iMac schlug ich zu. Ich verließ mich auf den Geschmack von Sabine. Der iMac war rasch vergriffen und der Kurs von APPLE explodierte.
Es war mein allererstes Aktiengeschäft.
Es war ein Erfolg.
Mittlerweile weiß ich, daß es der größte Fehler meines Lebens war, ein Aktien-Depot zu eröffnen.
Bevor ich spekulierte, hatte ich jede Menge Spaß am Leben und immer was zu lachen. Nach Feierabend konnte ich mich richtig ausruhen und in aller Gemütlichkeit über einem guten Buch, meinem Schachcomputer oder einer Pizza mit Schafskäse allen Streß vergessen. Wenn ich von Firmen-Pleiten oder Politiker-Reden hörte, fiel mir stets ein guter Witz dazu ein. Erfuhr ich stattdessen von Börsen-Crashs oder Natur-Katatstrophen, ließ mich das kalt.
Damit war es nun endgültig vorbei. Plötzlich erhielt jede Meldung in den Nachrichten einen absolut ernsten, mich betreffenden Sinngehalt. Wurden die Wirtschafts-Experten durch spektakuläre Pleiten oder die Aussicht auf die Machtergreifung eines etwas dubuiosen Politikers verunsichert, konnte es es an der Börse schnell abwärts gehen, und dann traf es fast jede Branche und fast jede Aktie und garantiert auch mich. Nach Feierabend fand ich keine Ruhe und oft auch keinen Schlaf mehr, weil ich immer fürchtete, es könne in den USA einen Börsencrash oder in irgendeinem Industriestaat eine Naturkatastrophe geben, die auch in Deutschland die Indexe purzeln ließe. Selbst wenn ich optimistisch und gutgelaunt war, fand ich oft weder Ruhe noch Schlaf, weil die Gier nach weiteren, möglichst immer größeren und immer schnelleren Gewinnen langsam zur Besessenheit heranwuchs. Die Angst, meine Gewinne und darüber hinaus vielleicht sogar mein durch richtige Arbeit angesammeltes Grundkapital wieder zu verlieren, ließ sich nur dadurch bekämpfen, daß ich mir ein finanzielles „Polster“ erwirtschaftete. Die Angst und die Gier waren nur zwei Seiten von ein und derselben Münze.
Im Nachhinein erinnert mich die Begegnung mit dieser Frau, die mich für APPLE begeisterte, beinahe ein wenig an die Vertreibung aus dem Paradies. Auf jeden Fall wurde ich dadurch ein Kapitalist und verlor mein letztes bischen Unschuld.


Ursprünglich hatte ich nur Sabine imponieren wollen. Ich hatte mit APPLE-Aktien absahnen wollen, um es ihr zu erzählen, sie an ihren Tip zu erinnern, und ihr zu suggerieren, daß wir ein gutes Team wären und unbedingt zusammengehörten. Nun aber tauchte sie nicht mehr auf. Ihre Kameraden von der Bürgerinitiative berichteten mir, sie hätte nach dem Verlust ihres Jobs die Reise zu einem Hüttendorf angetreten, um dort in Behausungen ohne Strom oder fließend Wasser „Basiswiderstand“ gegen die „Atom-Mafia“ zu leisten.
Ich konnte ihr nicht folgen.
Manchmal träumte ich von ihr.
Es war der alte Traum, in dem ich auf einem Rasen stehe und Fußball gegen eine Hauswand spiele, bis hinter mir plötzlich ein hübsches schwarzhaariges Mädchen eim hohen Feld entsteigt. Ursprünglich war Melanie dieses Mädchen gewesen, das mit mir gemeinsam älter wurde, aber jetzt war es Sabine.
Nun endete der Traum immer damit, daß ich schweißnaß aufwachte, weil hinter dem Mädchen Bulldozer auftauchten, die das Feld und das Mädchen plattfahren wollten, um dort eine Umgehungsstraße zu einem neuen Atomkraftwerk zu errichten.

Wenn ich nachts aufwachte, versuchte ich mich immer erstmal von dem Traum abzulenken, um schließlich wieder einschlafen zu können.
Als noch Melanie die Hauptdarstellerin dieses Traums gewesen war, hatte ich mich immer in Schach vertieft, um den Traum zu vergessen, aber das funktionierte nicht mehr, weil ich mittlerweile schon mein halbes Leben lang Schach spielte, und Schach ebenso alltäglich wie der Weg zur Arbeit geworden war.
Wenn ich jetzt nachts aufwachte, vertiefte ich mich in Bücher über Charttechnik oder Börsenzeitschriften. Das war für mich immer noch ein neue, aufregende Welt, über die ich alles andere vergessen konnte.
Wegen Melanie hatte ich mit dem Schachspielen begonnen, und auch wenn es nicht dazu gereicht hatte, sie mit einer spektakulären Karriere als Spieler wieder auf mich aufmerksam zu machen, so hatte mir das Schachspielen doch noch auf bescheidenere Weise zu einer Wiederbegegnung verholfen.

Wegen Sabine hatte ich mit der Börsenzockerei begonnen. Vielleicht führt das auch auf eine, schicksalhafte Weise zu einem Wiedersehen.
Als nächstes kaufte ich mir PIXAR und IRIDIUM.
PIXAR war die andere Firma des zurückgekehrten APPLE-Chefs Steve Jobs, der angeblich den immer noch erfolgreichen iMac erfunden hatte, und IRIDIUM war das ehrgeizigste Projekt von MOTOROLA, dem Prozessoren-Lieferanten von APPLE. Steve Jobs war wahrscheinlich der beste Manager überhaupt, und seinen Aussagen zufolge war Motorolas G3-Chip ungefähr der beste Prozessor überhaupt. Was konnte bei solchen Investitionen überhaupt schiefgehen?

In meiner Stammkneipe besaßen praktisch alle Stammgäste Aktien. Nun konnte ich mitreden. Leider wollten die anderen nach kurzer Zeit nichts mehr über meine Spekulationen wissen. Sie belehrten mich nur andauernd, ich solle „einfach Telekom-Aktien“ kaufen. Die Telekom war nach allgemeiner Ansicht der Behüter des Wohlstands schlechthin, die beste Firma der Welt und ein Quell immerwährender Dividenden und Fröhlichkeit. Ich kapierte nie, wie das funktionieren sollte, da ich in den Börsenzeitschriften andauernd von sinkenden Marktanteilen in Deutschland und Fehlinvestitionen im Ausland las. Allmählich nervtre mich dieses ewig gleiche Geplapper noch mehr als die immer stärkeren Schwankungen an den Börsen. Aber ich konnte in keine andere Kneipe gehen, denn entweder saßen da nur Fünfzigjährige, oder ich mußte fürchten, meiner Ex-Freundin Camilla zu begegnen, und stattdessen wäre ich lieber selbst in einem Hüttendorf ohne Strom oder fließend Wasser bei radikalen Atomkraft-Gegnern untergetaucht.
Endlich hörte ich statt Lobpreisungen der vermeintlich göttlichen Deutschen Telekom mal einen Ratschlag, der mich interessierte- und wie!

Es hieß, Sabine sei wieder in die Zivilisation zurückgekehrt und hätte einen Job als Kellnerin einem Restaurant. Es war nicht zu weit entfernt.
Von dem, was mir ihr Tip, den iMac zu beachten, eingebracht hatte, konnte ich ihr ein Trinkgeld geben, über das sie sich bestimmt sehr freute.
Bei der Gelegenheit wollte ich sie auch gleich fragen, wann wieder Vollmond war. Damit hatte sie nämlich auch Recht gehabt- bei Vollmond gab es eine statistische Häufung von Börsencrashs.
Die Antwort auf den nächsten Vollmond bekam ich schon unterwegs.
Es wurde bereits dunkel und ich mußte nur in den Himmel sehen.
Vollmond!


(Fortsetzung folgt)
Guten Morgen!

Ein sehr interessanter Thread - lese nun seit ca. 1 h :)

Hast Du die letzten geschichten auch selbst erlebt??
Hallo wolfsbane,

bin gestern durch einen Insidertipp auf Deinen Thread aufmerksam geworden. Klasse Stil, liest sich sehr gut und ist eine Real-Life-Story, die wohl jedem von uns passiert sein könnte ;)

Lass das ja nicht einschlafen und ändere unbedingt die Technik Deines Threadladens. Du kannst auf das "20"-Symbol klicken, dann passt das schon wieder mit der Ladezeit :)

Noch eine Anmerkung:
In #76 sprichst Du von dem Abend, an dem Du "Ina" kennenlerntest, im Folgenden geht es aber mit "Sabine" weiter. Solltest Du korrigieren, falls Du wirklich mal den richtigen Lektor findest ;)

Bin schon gespannt auf die Fortsetzung
Ara :)
@ Zeisig

Meine ersten Aktien waren APPLE-Aktien. Ich kann mich daran noch genau erinnern, weil es noch garnicht lange her ist. Ich weiß auch noch genau, warum ich sie gekauft habe, weil ich damals auch schon erwachsen war, während ich bei Kindheits- und Jugenderlebnissen oft lange grübeln und schließlich raten muß, um wieder zu verstehen wie ich damals dachte. Da ich jetzt endlich beim Titel-Thema bin, kann ich auch alles ausführlich schildern, während ich bei der Exposition viele Erlebnisse der Kürze wegen zusammenfassen mußte. Daher sind die Kapitel, in denen ich mich mit Aktien beschäftige, näher an der Wahrheit als alles vorherige.


@ Aragorn

Es stimmt, ich bin mit den Namen durcheinander gekommen. Danke für den Hinweis. Danke vor allem für die freundliche Beachtung.


CU @ll
@wolfsbane: ist mir ziemlich ähnlich gegangen mit der aktiengeschichte und gerade dieses nachrichtengewichten nach vorteil oder nachteil für mich und meine aktien. ist schon ziemlich strange wenn man das so zurückreflektiert.

:)iguana
@ WonderbraBernd

Genauso ist dieser "Bericht" gemeint gewesen- zum Lachen. Sogar eine Frau aus eben jenem Gewerbe, die ich am gleichen Ort "kennenlernte", hat sich enorm darüber amüsiert, als ich ihr von solchen Dingen erzählte; sie selbst war übrigens unglaublich nett und hat mich sogar mit Hinweis auf ihren "Feierabend" gefragt, was ich mit dem Rest der Nacht plante. Bei diesen Frauen gibt es mindestens soviel Vielfalt wie bei normalen Frauen.
Übrigens habe ich die Geschichte vom Puffbesuch unter dem Titel "Großstadtdebüt" auf einer Literaturseite veröffentlicht. Dort war die Reaktion ganz anders als bei der "Expertin" oder bei Dir.Erst wurde die Story vom Webmaster versteckt, so daß man sie nur noch über mein Profil aufrufen konnte, und als sie dann doch von einem Besucher gefunden wurde, schimpfte er, daß ich eine ganz schlechte Kopie von Charles Bukowski sei, mit meinen Schilderungen niemanden schocken könne und gefälligst mal eine Schreibwerkstatt besuchen solle. Nebenbei beschimpfte er mich auch noch wegen der Formulierung "Frauen aller Rassen" o.ä. als Rassist, und belehrte mich, es hieße "Frauen von allen Kontinenten". Letzteres wäre mir allerdings zu wenig aussagekräftig gewesen, denn schließlich sind wir "Langnasen" (so nennen uns meines Wissens die Japaner) überall vertreten und pflanzen uns auch überall fort, weswegen "Frauen von allen Kontinenten" auch durchaus ohne Ausnahme "KaukasierInnen" sein könnten. Ich habe die verschiedenen Rassen absichtlich nicht aufgezählt, damit keiner in der Reihenfolge eine (umgekehrte) Wertung vermuten kann...
Ehrenwort- ich bin kein Rassist! Ich habe gegen keine Rasse Vorurteile! Ich habe nur etwas gegen Inzucht! Also ganz im Gegenteil!


@ Iguana

Wie sehr die Börsenzockerei einen Menschen verändert, wurde mir erst bei einem Vereinskollegen klar. Er zeigte sich plötzlich nur noch nervös und aggressiv, und als ich seine Lebensgefährtin darauf ansprach, klagte sie, er würde neuerdings nach Feierabend fast immer sofort den Fernseher einschalten, dann den Blick nicht mehr von den Untertiteln auf n-tv abwenden, und dabei ohne Pause auf Analysten und Journalisten schimpfen. Deshalb freute sie sich immer, wenn ich zu Besuch kam und mit ihrem Mibewohner in der Küche stundenlang Blitzschach spielte, denn nur so hatte sie den Fernseher auch mal wieder für sich, und konnte sogar gelegentlich telefonieren, ohne daß ihre Gesprächspartner durch die Geräusche im Hintergrund Angst bekommen mußten, daß in unserer Stadt soeben ein Bürgerkrieger im Gange wäre.
;)
Hallo Wolfsbane,
in #103 zeigt sich wieder, dass es bei bei Literatur ähnlich wie bei Aktien ist- die Webmaster(=Analysten) leben in einer anderen Welt und haben überhaupt keine Peilung. Der angesprochene Webmaster ist wahrscheinlich der beste Kontraindikator, der garantiert die Literatur favourisiert, die für 90% der Normalsterblichen (quasi: User) hier zum-Erbrechen-langweilig ist.

Bei mir ist das so mit den Aktien: Am schlimmsten ist es, wenn man die Zeit hat den ganzen Tag davorzusitzen- dann überdenkt man bei jeder kleinen Schwankung die Anlageentscheidung, um eine halbe Stunde später festzustellen, dass die Überlegungen völlig umsonst waren. Wie ich auf Börsenschwankung reagiere, hängt von vielen Faktoren ab: manche Tage, da lauf ich schon bei -5% Pfade ins Wohnzimmer und erfinde ständig neue Schimpfworte, aber ich hatte auch mal bei einem Nebenwert -16%, da konnte ich sogar drüber lachen, weil die Brief/Geld- Kurse so kurios waren.

Ich habe festgestellt, dass die Emotionen stark von der Hoffnung abhängen, daher ist die Phase am schlimmsten, wenn sich herausstellt, dass die fest eingeplanten Kursgewinne nicht mehr vorhanden sind und die Hoffnung auf diese keine rationale Grundlage mehr hat.
Und Verluste sind nur halb so wild, wenn die berechtigte Hoffnung besteht, dass der Wert diese wieder wettmacht.

MFG,
SG

PS: Dein Geschichten-Thread entwickelt sich langsam zu einer Diskussion über das Thema der Überschrift- es wird immer lohnenswerter hier mal reinzuklicken. ;)
@ Payback

Den Wunsch nach MEHR kann ich Dir leicht erfüllen. Es ist noch Suppe da:



Am Stadtausgang sah ich plötzlich vor einem Waldstück im Mondlicht eine Anhalterin. Ich erschrak, trat im Reflex die Bremse und rollte auf den Seitenstreifen aus. Sie stürzte sofort auf den Wagen zu und öffnete die Beifahrertür.
Ich erkannte Sabine. Zuerst erschien es mir unglaublich, daß sie es war, aber andererseits war wohl keine andere Frau weit und breit so tollkühn, im Dunkeln bei Anhalter zu reisen, und außer mir war wohl weit und breit keiner so verrückt, im Dunkeln wegen einer kaum erkennbaren Gestalt anzuhalten.
„Hallo“, sagte sie, „wohin fährst du?“
„Bloß raus aus diesem Kaff“, antwortete ich.
„Das ist genau meine Richtung“, sagte sie. „Kannst du mich ein Stück mitnehmen?“
„Das ist eine Möglichkeit“, erklärte ich.
„Gut.“
Sie schleuderte ihre Jute-Tasche auf mich, ließ sich in den Sitz plumpsen und knallte die Tür hinter sich zu.
„Meinetwegen kann es losgehen“, sagte sie mit erwartungsvollem Blick.

„Bist du sicher?“, fragte ich. „Mußt du nicht vorher mein Horoskop studieren?“
Sie faßte sich an den Kopf.
„Jetzt weiß ich wieder, wer du bist!“, rief sie.
„Und jetzt weiß ich, warum du gegen die Umgehungsstraße bist“, sagte ich.
„Und warum?“
„Weil dann hier nichts mehr los ist und du nicht mehr per Daumen reisen kannst.“
Sie sah mir forschend ins Gesicht.
„Du bist Löwe, stimmt´s?“
„Weil ich dominant bin?“
„Nee, weil Löwen meist auch Ärsche sind.“
Sie tippte auf ihre Armbanduhr und fügte hinzu: „Falls wie hier nicht weiterkommen, sehe ich mich wohl besser nach einer anderen Mitfahrgelegenheit um!“
„Anschnallen“, befahl ich.

„Darf ich hier rauchen?“, fragte sie nach wenigen Kilometern.
„Du hast was bei mir gut“, antwortete ich. „Also bitte.“
„Was habe ich dir den Gutes getan?“, fragte sie mißtrauisch.
„Du hast mich auf die Idee gebracht, APPLE-Aktien zu kaufen.“
„Ich habe keine Ahnung von Aktien“, sagte sie.
„Trotzdem war APPLE ein guter Tip.“
„Ich habe keine Ahnung von APPLE.“
„Als du vom iMac begeistert warst, wußte ich, daß die Kiste ein Erfolg wird.“
„Ich habe keine Ahnung von Computern“, sagte sie.
„Dann war es eben weibliche Intuition. Auch gut.“
„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Bist du sicher, daß ich das war?“

Da war es wieder, mein Problem. Immer wenn ich dachte, daß eine Frau super zu mir passen könnte, blockte sie mich ab. Melanie hatte immer „Aber da waren wir doch noch ganz klein“ erwidert; Sabine wiederholte stattdessen immer ebenso stereotyp „Ich habe keine Ahnung“.
Allmählich verschmolzen Melanie und Sabine für mich gefühlsmäßig zu ein und derselben Person.
„Es ist Vollmond“, stellte ich fest.
„Na und?“, fragte sie.
„Das bringt angeblich manche Menschen ganz schön durcheinander...“
„Nicht nur angeblich“, sagte sie. „Der Vollmond weckt die Triebe. Früher haben die Hexen bei Vollmond nackt Tänze aufgeführt und sich rituell mit dem gehörnten Gott vereinigt. Die Kirche hat aus diesem heidnischen Gott den Teufel gemacht.“
Sie griff in ihre Jute-Tasche und zog tatsächlich einen Hexenhut hervor. Auf einmal sah sie garnicht mehr attraktiv, sondern nur noch unglaublich blöd aus.
„Setz das Ding bloß wieder ab“, knurrte ich. „So fahre ich nicht mit dir in die Stadt.“

Murrend entblößte sie wieder ihr Haupt.
„Das mit dem Teufel hat dir wohl auf den Magen geschlagen, oder?“, fragte sie.
„Ja“, sagte ich. „Den Teufel anzubeten ist doch wohl das letzte!“
„Und an der Börse das Geld anzubeten, ist das allerletzte!“

Ich beschloß das Thema zu wechseln.
„Du hast einen Job, habe ich gehört“, sagte ich.
„Schon wieder vorbei“, sagte sie. „Das war mir zu stressig. Ich gehe sowieso wieder in das Hüttendorf zurück. Aber vorher muß ich mir noch mein Geld abholen.“
„Soll ich mitkommen?“, fragte ich.
„Nee, du kannst mich gleich kurz nach dem Ortseingang rauslassen. Das Lokal, wo ich gearbeitet habe, kann ich dir empfehlen. Für Gäste ist es okay. In spätestens einer Stunde bin ich auch dort. Dann kann ich dir noch mehr über die Bedeutung des Vollmonds erklären.“
„Okay.“
Fünf Minuten später hielt ich an und sie stieg aus.

Diesmal machte sie die Tür nicht richtig zu. Ebensowenig grüßte sie zum Abschied. Sie schien es sehr eilig zu haben.
Ich fuhr weiter zu dem Lokal.
Es war überfüllt.
Um mich reinquetschen zu können, mußte ich erst einmal Eintritt bezahlen.
„Was ist denn hier los?“, fragte ich.
Die Kassiererin, die von Kleidung und Frisur so wirkte, als sei sie im Hüttendorf Sabines Nachbarin, warf mir einen Blick zu, als hielte sie mich für unterbelichtet.
„Wir machen eine Poetry-Party“, sagte sie. „Hier kann jeder seine Gedichte und andere Texte vorlesen. Auch du.“
Vorlesen hatte ich schon in der Schule immer gehaßt.

„Toll“, sagte ich.
Nachdem ich bezahlt hatte, trat gerade ein blonder Hippie an das Pult. Da Sabine sich nicht mehr blicken ließ, hörte ich einfach zu. Seine Gechichte handelte von einer Studentin namens Justine, die in einem Kino arbeitete und haargenau wie die Schauspielerin Sandra Bullock aussah.
Die ganze Geschichte klang wie ein normaler männlicher Wunschtraum. Auf jeden Fall klang es nach meinem speziellen Wunschtraum.
Das Verrückte daran war, daß er sich, wie ich wenig später erleben durfte, nichts von alledem ausgedacht hatte.
Alles stimmte.



(to be continued)
Wie versprochen geht es jetzt weiter:



Die Story von dem Blonden, der eigentlich kein richtiger Hippie, sondern wohl eher ein Softie oder Sunnyboy war, erzählte, wie er eines Abends allein ins Kino ging und auf eine Kartenabreißerin traf, die genau wie seine Lieblingsschauspielerin Sandra Bullock aussah, mit ihm ein paar Worte wechselte, ihn nett fand, und sich dann nach der Werbung zu ihm setzte, um ihm beim Film Gesellschaft zu leisten und anschließend mit ihm in ein nettes Lokal zu gehen.
Ich fand das ganze ein wenig lächerlich. Ich fragte mich, warum er sich nicht ausgedacht hatte, Sandra Bullock sei aus der Leinwand auf ihn zugekommen, um mit ihm zusammen zu sein.

Sabine kam nicht. Das fand ich noch lächerlicher. Es war genau wie mit Melanie. Erst traf man seine Traumfrau, dann wartete man viel zu lange auf das Wiedersehen, schließlich zickte sie rum und ließ einen auflaufen, und schließlich mußte man sich mit der Tatsache abfinden, daß sie einem anderen gehörte.
Die nächsten Hobby-Dichter lasen Geschichten vor, die mir rätselhaft blieben. Jeder Vortragende wurde artig beklatscht.
Klatschend trat ich den Rückzug an.
Adios, Sabine.
Sie war für mich wie ein Enzym gewesen.
Enzyme verändern alles, nur sich selbst ändern sie dabei nie.

Da ich jetzt schon in der Großstadt war und die Benzinkosten für die Fahrt noch nicht als Fehlinvestition buchen wollte, beschloß ich ins Kino zu gehen und mir irgendeinen Film anzuschauen, der in unserem Dorfkino garantiert niemals zu sehen sein würde.
Ich besorgte mir ein Kino-Programm, aber ich konnte mich für keinen Film entscheiden, denn vom Inhalt schienen sie ohne Ausnahme Müll zu sein.
Schließlich kam mir die Idee, meine Englisch-Kenntnisse endlich mal wieder aufzufrischen. Tatsächlich lief im kleinsten Kino der Stadt ein englischer Film im Original. Bis zum Beginn der Vorstellung blieb mir gerade noch genug Zeit, das Kino zu erreichen. Ich mußte mich beeilen und ich hatte keine Zeit mehr zum Nachdenken.
Leider verlief die Parkplatzsuche vor dem Kino abenteuerlich. Ich mußte mich beeilen, um den Weg vom Auto zur Kasse rechtzeitig zu schaffen.
Mit dem Ticket in der Hand und leicht schnaufend enterte ich den Gang zu den Sälen.
Und dann sah ich sie.

Ihr Lächeln war das einer Mona Lisa und alles Übrige ließ jeden realen Filmstar einschließlich der echten Sandra Bullock verblassen. „Hallo“, sagte ich.
„Guten Abend“, entgegnete sie.
Ich reichte ihr meine Karte.
Als sie den Kopf senkte, schaffte ich es, meinen Blick von ihren Augen zu lösen.
Sie stand mit dem Rücken zu einem „Toy Story“-Filmplakat.
Ich grübelte fieberhaft darüber nach, wie ich sie in ein Gespräch verwickeln konnte.
„Heißt du zufällig Justine?“, fragte ich.
„Ja“, antwortete sie.
Ihr Blick wirkte leicht überrascht. Ich war selbst überrascht. Im Gegensatz zu Sabine beantwortete Justine manche Fragen einfach mit „ja“.
„Oh“, sagte ich.
Sie war die Frau aus der Geschichte, die soeben auf der Poetry-Dings vorgelesen worden war. Ihr Name, ihr Aussehen, ihr Job, der name des Kinos... Alles paßte!
„Woher weißt du das?“, fragte sie.
Ich hätte sie am liebsten auf der Stelle abgeknutscht, und zwar nicht nur, weil sie so hübsch und nett und aufregend geheimnisvoll war, sondern weil sie mir eine Möglichkeit gab, unser Gespräch fortzusetzen, statt sie nur stamelnd anzustarren.
„Ja“, sagte ich.
„Ja?“
Sie kicherte. Es klang irgendwie lieblich und auch gleichzeitig sehr vornehm. Ich lernte soeben zum erstenmal im Leben eine echte Lady kennen.
„Das stand in meinem Horoskop“, sagte ich.

Sie betrachtete mich mit einer leichten Unsicherheit. Es widersprach allen Grundsätzen der Strategie, von der Poetry-Party zu berichten und sie so darauf hinzuweisen, daß ein anderer Mann ihr gehuldigt hatte. Der einzige Mann, an den sie jetzt denken sollte, war ich.
„Das war ein Scherz“, korrigierte ich.
„Und wie kommst du dann auf den Namen?“
„Du erinnertest mich im ersten Augenblick am Sandra Bullock in einem ihrer frühen Filme, wo sie eine Frau namens Justine spielte.“
„Nie gehört“, sagte sie.
Ich erschrak über ihr Achselzucken. Das bedeutete „Alarmstufe Rot“- ich drohte sie zu verlieren.
„Es war damals noch eine Indipendent-Produktion“, sagte ich.
„Aha“.
Sie wich demonstrativ meinem Blick aus. Nun geriet ich langsam doch in Panik. Wenn ich nicht den Eindruck auslöschte, daß ich soeben vergeblich um Blickkontakt kämpfte, hielt sie mich für einen Loser und würde denken, bereits mit mir fertig zu sein. Also tat ich, als würde ich in Wirklichkeit nicht sie, sondern das Plakat hinter ihr anglotzen und nach einer Aufschrift suchen.
Sie stutzte.

Ich starrte noch fester auf das Kino-Poster.
Endlich sah sie mir leicht in die Augen. Ich wandte alle meine Kraft auf, um nicht zu blinzeln oder zu zwinkern.
Schließlich folgte sie meiner Blickrichtung und sah sich ebenfalls das schon etwas betagte Poster an.
Jetzt mußte ich irgendetwas vorlesen, das deutlich zu erkennen war, so daß sie mir sofort glauben würde, daß ich gerade nichts anderes tat. als das Plakat zu studieren.
„PIXAR“, sagte ich in verschwörerischem Tonfall.
„Was ist damit?“, fragte sie.
„Das ist die Firma, die diesen schönen Film gemacht und damit die Zeichentricktechnik revolutioniert hat.“
„Ja und?“
Das hörte sich nun schon etwas neugierig und ungeduldig an.
Ich holte tief Luft und sagte so lässig wie möglich:
„Von denen habe ich Aktien!“

....
hihihi - so wie dir das mit PIXAR gegangen ist, hatte ich diese insider - ahaerlebnisse in bezug auf neue kinofilme mit der "Intertainment" und der "Kinowelt". wenn da ein hoffnungsvoller film startete, habe ich immer aufmerksam die kinobesuchercharts studiert und die zahlen auf den aktienkurs hochgerechnet - sind natürlich beide am ende gut abgesoffen...

:)iguana
@ Iguana


PIXAR hatte ich zweimal. Beim erstenmal machte ich, als "Das große Krabbeln" rauskam, schnell einen schönen Gewinn. Damals war kurz zuvor ein von der Machart und Thematik sehr ähnlicher Film erfolgreich gelaufen, und zwar "Antz" (Dreamworks). Viele Leute befürchteten, daß "Das große Krabbeln" kein Interesse mehr fände, aber ich setzte erfolgreich auf das Gegenteil.
Später versuchte ich es noch einmal mit PIXAR, aber da waren die Börsen schon sehr nervös und ich konnte den Gewinn nicht rechtzeitig realisieren. Ich ging bei "Plusminusnull" wieder raus.
Später blieb der Kurs von PIXAR erstaunlich stabil.

"Abgesoffen" bin ich erst mit ACHTERBAHN.
Erst saß ich mit einer Freundin im Kino und erlebte allerhand Jubel über den Vorspann zu "Werner III". Dann fragte dann einen Kumpel, der damals gerade ein kleines Kino übernommen hatte, was er von dem Film hielt, und erfuhr, daß er sich den Streifen für den Bundesstart gesichert hätte und volle Kassen erwarte.
Später stellte ich dann fest, daß der Rest vom Film längst nicht so witzig wie die mit besonders hohem technischen Aufwand gedrehten und im Trailer gezeigten Szenen war. Leider blieb sowohl im Kino meines Vereinskollegen, als auch bundesweit das Zuschauerinteresse an dem Film enttäuschend.
ACHTERBAHN war für mich ein Reinfall.
Mein Bekannter hat wenig später sein Kino aufgeben müssen.

Zuletzt las ich von ACHTERBAHN, daß die Finanzierung von "Werner IV" sich als problematisch erweise und daß man mit dem Kauf von "Harry Potter"-Merchanising-Lizenzen ein schlechtes Geschäft gemacht habe.

Wie gewonnen, so zerronnen...

Mein größter Fehler war, daß ich meinen Ärger über den Flop mit ACHTERBAHN an "Justine" ausließ, als sie das ganze zum Anlaß nahm, mal wieder ihren allgemeinen Unmut über meine Spekulationsgeschäfte zu äußern. Ich erinnere mich nichtz mehr genau daran, und vielleicht ist es auch nur ein wiederkehrender Alptraum, aber es kommt mir manchmal so vor, als hätte ich auf einen nörgelig klingenden Kommentar von ihr spontan sowas wie "Früher war ich besser und vielleicht bringst DU mir kein Glück" gesagt. Die Zeit des Bullenmarkts, als jeder Depp Gewinne machen konnte, hatte wirklich nicht nur meine Urteilskraft, sondern auch meinen Charakter sehr stark beeinträchtigt...

:( :( :( :( :( :(
Hallo,


jetzt kommt endlich wieder ein neues Kapitel. Gestern war ich anderweitig beschäftigt. Ich nahm ich an einem Blitzschachturnier teil.




Fortsetzung:


„Du hast Aktien?“, fragte sie nachdenklich.
Sie sah mich an, wie es nur Frauen können. Frauen sind komplizierter als wir. Wenn Frauen Autos wären, besäßen sie wie teure Geländewagen zwei Schalthebel für sechs normale Vorwärtsgänge, zuschaltbaren Allradantrieb und mehr. Wir Männer sind eher wie eine „Boss Hoss“, d.h. wie das in Einzelfertigung hergestellte amerikanische Motorrad mit V8-Motor, das dank seiner ausreichend großen Kraft nur einen einzigen Gang benötigt.
Sie wirkte gleichzeitig interessiert und gelangweilt, zugeneigt und trotzig, teilnehmend und abgestoßen, zickig und nett. Ihre Gefühle schienen sich gegenseitig aufzuwiegen.
Das faszinierte mich, aber so kam ich nicht vorwärts. Ich beschloß, ehrlicher zu sein.

„Also gut“, sagte ich, „vorhin war ich auf so einer Poetry-Party, also auf einer dieser neumodischen Veranstaltungen, bei denen jeder Nachwuchsautor seine Memoiren vorlesen darf, und da erzählte jemand von Kartenabreißerin im Kino, die wie ein Filmstar aussieht.“
Sie sah mich ruhig an.
„Die Geschichte spielte in diesem Kino und die Frau hieß wie du.“
„Ja?“
„Jawohl. Er beschrieb sie als Doppelgängerin irgendeiner berühmten Schauspielerin, und als ich hier entlangging, fiel mir das sofort wieder ein, denn wenn ich jemals einer Frau begegnet bin, die wie ein Filmstar aussieht, dann bist du das.“
Sie senkte leicht den Kopf und lächelte leise. Plötzlich war wieder diese Ähnlichkeit mit Mona Lisa da. Jede andere Frau hätte entweder gekichert oder wieherndes Gelächter angesondert. Aber Justine war offensichtlich eine feine Frau und Bewunderung gewohnt.
„Naja, den Rest von der Story fand ich beim Zuhören weniger prall. Es kam mir wie die Schilderung eines Wunschtraums vor.“
„Wie ging die Geschichte denn weiter?", erkundigte sie sich.
Sie sah mir in die Augen.

Ich kostete diese Gunst voll aus, indem ich mich nachdenklich am Kinn kratzte und erst spät und langsam mit wohlabgewogenen Worten antwortete.
Ich erkannte in ihrem Blick aufkommende Ungeduld.
„Ja, also, da war eigentlich dann nicht mehr viel“, sagte ich. „Der Held der Story, die übrigens in der Ich-Form erzählt war, wie das bei Geschichten von Anfängern ja meistens der Fall ist, so daß das, wie ich mal gehört habe, für Lektoren schon beinahe ein Indikator dafür ist, daß es sich um einen Dilettanten, äh, Idealisten handelt, und sie dann, weil sie sowieso viel zu viel zu tun haben, und bei deutschen Verlagen jedes Jahr ungähr 300000 Manuskripte eingehen, wobei zum Beispiel der Bertelsmann-Verlag...“
Sie sah sich ein wenig um und verlagerte ihr Gewicht vom linken auf das rechte Bein und umgekehrt.
Vielleicht faßte ich mich doch besser kurz, auch wenn das wohl sehr anti-intellektuell wirken würde.
„Irgendwie haben die beiden sich ein bischen über die Börse unterhalten, und dann hat sie ihm seinen Platz vorgelesen, ihn reingeschickt, ihm später Eis verkauft, und sich schließlich zu ihm gesetzt, um auch den Film zu sehen.“
Sie drehte den Kopf zur Seite und sah mich schräg an.

„Die Geschichte habe ich irgendwo schon mal gehört“, sagte sie.
„Na, dann weißt du ja, daß ich nicht lüge.“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Warum solltest du lügen?“
Ich zuckte auch mit den Schultern. Den Gesprächspartner in seinen Gesten nachzuahmen, war ein Signal der Verbundenheit, hatte ich in einem populärwissenschaflichen Buch über Psychologie gelesen. Wenn ich mich noch richtig an die Lektüre meiner Pubertät erinnerte. hieß sowas „Haltungsecho.“
„Keine Ahnung“, sagte ich, „aber du kennst mich ja kaum.“
„Stimmt“, sagte sie. „Das ist aber nicht schlimm.“
Ich beschloß, ihren letzten Satz nicht negativ auszulegen. Nur POSITIVES DENKEN brachte einen im Leben weiter.
„Ich interessiere mich auch für die Börse. Ich spekuliere sogar selbst“, sagte ich.
„Der besagte Film handelte davon, wie ein Spekulant sich ruiniert. Sowas finde ich immer ganz amüsant."

Ich ärgerte mich, daß ich mir die Geschichte so schlecht gemerkt hatte.
„Bist du jetzt nervös, weil du noch reingehen und Eis verkaufen mußt?“, fragte ich verständnisvoll.
„Nein“, sagte sie. „Es war schon jemand drinnen. Jetzt läuft längst der Hauptfilm.“
„Hast du den schon gesehen?“, fragte ich.
„Ja, den habe ich schon längst gesehen.“
Ich nickte.
„Kommst du auch noch rein?“, fragte ich.
Sie schwieg mit starrer Miene.
POSITIVES DENKEN.
„Ich meine“, fügte ich hinzu, „wenn du den Film schon kennst, ist es ja nicht so schlimm, daß du den Anfang diesmal verpaßt hast.“

Sie winkte ab.
„Ich fand den Film nicht so toll, daß ich ihn mir ein zweitesmal ansehen müßte.“
„Na, wenn er nicht so toll war, sollte ich ihn mir vielleicht auch schenken und mich lieber noch ein bischen länger mit dir unterhalten“, konterte ich.
„Oh nein“, sagte sie, „du hast doch schon bezahlt, und wenn du dir den Film jetzt nicht ansiehst, müssen wir dir das Geld zurückgeben und haben heute wieder nichts verdient. Dann ist mein Job in Gefahr. Das willst du doch nicht, oder?“
„Nee.“
„Und wenn man den Film zum erstenmal sieht, ist er total genial, wirklich. Nur wenn man die Pointen alle schon kennt, ist er etwas langweilig. Dann ist die Spannung raus. Aber ihn garnicht gesehen zu haben, ist eine Bildungslücke. Du mußt ihn dir unbedingt angucken. Also geh lieber rein, bevor du noch mehr verpaßt!“
Ohne die Lektüre zahlreicher Bücher über POSITIVES DENKEN hätte ich gefürchtet, sie wolle mich einfach loswerden, aber geschult wie ich war, freute ich mich stattdessen darüber, daß ich ihr soviele Worte wert war.
„Okay“, sagte ich, und wandte mich zum Eingang des Saals.
Dann fiel mir noch etwas ein, was ich ihr eigentlich unbedingt sagen mußte, aber als ich mich wieder umdrehte, konnte ich nicht erkennen, in welche Richtung sie verschwunden war.
Was hatte sie noch gleich gesagt?
Der Film handelte von einem Börsenmakler?




;)
Hallo cabinda :),

#59 das beste Posting hier (pardon an @, habe noch nicht alles gelesen :( )...im Wesentlichen schon richtig, wenn man die Ausnahmen auf beiden Seiten bedenkt!

;)uirli
Gestern mußte ich leider eine kleine Reise unternehmen. Danach gab es einiges zu klären. Aber nun geht die Geschichte weiter:




Der Film gefiel mir ganz gut, aber nicht gut genug, um mich von der Börse abzulenken. Neuerdings dachte ich permanent über Aktien nach. Es war eine Art Besessenheit. Nur wenn ich durch meinen Job, durch Autofahren oder intensives sportliches Training wie Blitzschach voll ausgelastet wurde, konnte ich mich vom Grübeln über Börsenstrategie befreien.

Am meisten beschäftigte ich mich mit der Frage richtigen Timings. Alle Aktien schwankten. Die Marktteilnehmer waren anscheinend ohne Ausnahme voll investiert. Zwar kamen durch die euphorischen Artikel in Zeitungen und Illustrierten kontinuierlich neue Zocker hinzu, so daß die Indizizes immer wieder noch ein bischen höher stiegen, aber das durfte man vernachlässigen, weil die Einsteiger inzwischen aus immer ärmeren Bevölkerungsteilen rekrutiert wurden und nur noch „Peanuts“ hinzusteuerten.
Am lukrativsten waren die ständigen Umverteilungen innerhalb des Bullenmarktes. Die Profis lauerten ständig auf neue Erfolgsmeldungen und „Kaufsignale“, um anderswo Gewinne zu realisieren und auf den nächsten Trend aufzuspringen wie ein Floh von einem Wirtskörper zum nächsten.

Um erfolgreich mitzuschwimmen, mußte man jeweils schnell reagieren. Um schnell zu reagieren, mußte man wiederum schnell entscheiden. Und um schnell entscheiden zu können, mußte man ein möglichst einfaches System verwenden.
Um Geld zu verdienen, mußte man nicht alle Aktien kennen. Wenn man zuviele Aktien analysierte und beobachtete, wurde man nur langsam und unentschlossen. Es gab nur wenige wachstumsstarke Branchen und dort jeweils nur wenige vielversprechende Firmen. Marktführer wie SAP waren ohne Ausnahme selbst im Vergleich zum allgemeinen Umfeld total überbewertet. Das waren die Aktien, auf die sich stets die Anfänger stürzten, und wo folglich kontinuierlich Kapital nachfloß, das alle Schwankungen bzw. „Einstiegskurse“ zügig ausbügelte. Um mit solchen Aktien Geld zu verdienen, mußte man den Markt pausenlos beobachten. Ich konnte aber immer nur nach Feierabend spekulieren. Ich verfügte auch über zuwenig Kapital, um mit prozentual kleinen Gewinnen große Erträge zu erwirtschaften, sondern spekulierte mit „Peanuts“, was sich in Anbetracht der hohen Gebühren nur bei großen Kursprüngen in einem Netto-Gewinn auszahlte. Natürlich hörte ich immer wieder, daß geniale Firmen wie SAP und TELEKOM ewig wachsen und ein niemals versiegender Quell immerwährenden Wohlstands sind, aber anders als der Rest meines Bekanntenkreises war ich zu doof, mir das vorstellen zu können. Ich war auch zu doof, mir auszumalen, daß die zahllosen Klitschen am „Neuen Markt“ lauter potentielle Weltmarktführer sein konnten. Beschreibungen von Firmen des „Neuen Markt(s)“, weckten bei mir gewöhnlich Assoziationen an Pommes-Buden, und gewöhnlich verstärkte sich dieser Eindruck in demselben Maße, indem ich mich näher damit beschäftigte. Ich hatte Bekannte, die bei kleinen Computer-Firmen arbeiteten und mir versicherten, daß ihre Chefs am liebsten ihre eigenen Herren wären, und nur die weniger erfolgreichen Konkurrenzfirmen notgedrungen an die Börse gingen und sich damit jede Menge zusätzlicher Pflichten aufhalsten.
Meine erste Wahl war jeweils die Nummer zwei. Ich kaufte mit Blick auf Computer-Betriebssysteme keineswegs MICROSOFT, aber APPLE. Ich kaufte mit Blick auf Zeichentrickfilme nicht WALT DISNEY, aber PIXAR. In beiden Fällen wurde die Nummer zwei von der Nummer eins gestützt. MICROSOFT besaß selbst Anteile an APPLE und entwickelte für deren Computer Software. WALT DISNEY trug geschäftliche Risiken für PIXAR und half dort bei der Entwicklung von Drehbüchern.

Die Aktien von APPLE und PIXAR schwankten immer in einem gewissen Rahmen. Die „Widerstandslinie“ von APPLE entsprach damals etwa der „Unterstützungslinie“ von PIXAR.
Mein „System“ bestand darin, solche „Paare“ aus diversen Branchen zu finden und dann bei spektakulären Kursbewegungen hin und her zu springen.
Gerade eben hatte ich 200 APPLE-Aktien verkauft, als ich gerade für denselben Preis 200 PIXAR-Aktien hatte kriegen können, um dann nach der technischen Gegenreaktion für den Erlös von 200 PIXAR-Aktien nun 300 APPLE-Aktien zu kaufen, mit denen ich wiederum Gewinn machte.

Im Grunde handelte ich wie ein Gemüsehändler. So fühlte ich mich auch. Im Vergleich zu Schach oder auch Backgammon war es ein doofes Spiel, bei dem fast jeder gewinnen konnte. Am häufigsten und meisten gewann ich selbst zum Beispiel, solange ich die Firmen, in die ich investierte, völlig falsch einschätzte. Bei APPLE leitete ich aus dem geringen Marktanteil von etwa 5% ab, daß ihr Umsatz sich noch verzwanzigfachen könne. In Wirklichkeit hatte APPLE sich längst den Ruf erworben, mit Lieferproblemen und Preiserhöhungen selbst einen höheren Marktanteil unmöglich zu machen. Bei PIXAR hoffte ich auf hohe Einnahmen durch Merchanising und dachte dabei an die äußerst erfolgreiche Firma EM.TV, die bewiesen hatte, daß der Handel mit solchen Lizenzen eine beispiellose Goldgrube bedeutete. Tatsächlich hatte PIXAR, um die ersten drei abendfüllenden Filme finanzieren zu können, die betreffenden Merchanising-Rechte vorab an WALT DISNEY verkauft.

Als das Licht wieder anging, versuchte ich mich erfolglos an die Handlung des Films zu erinnern, aber umso besser erinnerte ich mich noch an Justine.
Bei Verlassen des Kinosaals sah ich sie im Restaurationsteil des Kinos. Sie wischte die Tische ab und stellte die Stühle gerade.
„Hallo“, sagte ich.
„Hallo.“
Sie sah mich nicht an, sondern arbeitete ruhig weiter.
„Ich wollte dich vorhin nicht nerven.“
„Schon okay“, sagte sie.
„Ich war einfach total überrascht. Sowas nennt man ein Deja-vu, nicht wahr?“
„Das kann schon sein“, antwortete sie.
„Bist du ärgerlich auf den Autor, der dich so exakt beschrieb?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Du hast anscheinend viel Verständnis für Künstler“, sagte ich.
„Geht so.“
Ich sah mich um. Immer noch kamen Zuschauer aus den Sälen. Einige von ihnen mußten sich anscheinend erst wieder an richtiges Licht und die reale Welt gewöhnen. Ich wollte nicht der letzte Gast sein, aber davon war ich noch weit entfernt.
„Bist du hier fest angestellt?“, fragte ich.
„Ich studiere Kunstgeschichte“, sagte sie.
Plötzlich fiel mir wieder ein, was Eva mir einst über mein spätes Wiedersehen mit Melanie geschrieben hatte. In der langen Pause, in der Melanie fort gewesen war, hatte ich mir eine falsche Vorstellung von ihr gebildet. Darum hatte mich die echte Melanie schließlich enttäuscht. Aber trotzdem gab es die Frau, die ich immer vor meinem inneren Auge gesehen hatte.
Justine war mir vertraut, weil ich ihr in den vergangenen zwanzig Jahren schon unendlich oft begegnet war.
In meinen Träumen.


(to be continued)
Allmählich geht die Story ungefähr diesem Ende zu:


Wolf wird Justine, um ihr irgendwie doch noch zu imponieren, beichten, daß er als kleiner Junge (auch) Schriftsteller werden wollte.
Sie wird ihm eindringlich raten, auf diesen Weg zurückzufinden und wieder zu schreiben.
Sie wird ihm darüber hinaus den Rat geben, seine beiden größten Interessen, nämlich Börse UND Literatur irgendwie miteinander zu kombinieren.
Er wird das zunächst für total bescheuert halten, weil er weniger Angst vor betrügerischen Spekulanten als vor Lektoren hat, denn die Spekulanten handeln nur aus Gier statt Haß und treiben ihn langfristig lediglich in den Ruin, statt in den Wahnsinn.
Dann kreuzt er an ihrem Arbeitsplatz mit einer anderen, gegensätzlichen Frau auf, und danach spricht nicht mehr mit ihm. So ist er für den Rest seines Lebens darauf angewiesen, davon zu zehren, was sie an Ratschlägen für ihn hatte hatte, als sie noch mit ihm redete.




Irgendwelche Alternativ-Vorschläge?
wahrlich schön geschrieben, ich lasse mich mal
von dem ende überraschen.


gruß
deka
Okay, dann mach ich mal weiter:




Als ich nach der Begegnung mit Justine heimfuhr, fühlte ich mich wie in Trance. Ich vergaß darüber sogar meine Aktien. Justine besaß eine mystische Ausstrahlung. Das war es, was ich bei Frauen immer am meisten gesucht und mehr als alles andere bewundert hatte.
Von da an fuhr ich oft zu dem betreffenden Kino. Meistens kam ich sogar früher oder später an. Immer war es eine Strapaze. Ich fuhr ein altes Auto, das seit einem bereits einige Zeit zurückliegenden Sturm wegen der zahlreichen Beulen offiziell schon als Totalschaden galt.
Ich brauchte all mein Geld fürs Zocken an der Börse. Der Kauf eines anderen Autos mußte ungefähr solange zurückstehen, wie die Hausse andauerte, oder bis ich endlich reich war, aber auf jeden Fall bis zum nächsten TÜV-Termin. Ein Bekannter von mir, der anders als ich nach Börsenschluß stets erst noch an Spielautomaten weiterzockte, „um wieder runter zu kommen“, vertrat in dieser Thematik sogar den Standpunkt: „Ein Auto läuft auch ohne TÜV“.
Die zahlreichen hochdotierten Börsenspiele diverser Verlage zeigten, daß es nur eine einzige Strategie gab, mit der man an der Börse zu maximalem Erfolg kam- man mußte ununterbrochen voll investiert sein und ständig alles auf eine einzige Karte bzw. Aktie setzen.
Ich dachte damals, ich hätte durch mein „System“ die Dinge „unter Kontrolle“. Justine schien ohnehin einen Freund zu haben und wie Melanie und Sabine auf langhaarige Männer fixiert zu sein, so daß ich nur geduldig „am Ball bleiben“, auf eine Beziehungskrise warten und mir derweil selbst möglichst lange Haare wachsen lassen konnte. Aktien mußte man oft auch erst viele Wochen oder Monate geduldig und aufmerksam beobachten, ehe man den richtigen Einstiegszeitpunkt sah. Im krassen Gegensatz zu meinen Aktien wollte ich mich bei Justine allerdings auf unbegrenzte Dauer langfristig engagieren.
Gewöhnlich war ich zunächst schlecht gelaunt, wenn ich in ihrem Kino aufkreuzte. Es gab unterwegs stets Ärger mit meinem Wagen. Einmal zeigten die Armaturen an, daß der Tank noch fast halbvoll sei, aber trotzdem blieb ich mangels Kraftstoff stehen und mußte erst zu Fuß die nächste Tankstelle ansteuern, ehe sich das Auto wieder in Gang setzen ließ. „Bei älteren Autos ist der Kraftstoffvorratsanzeiger oft defekt“, tröstete mich der Tankwart. Bei einer anderen Fahrt riß mir der Gaszug. Ich reparierte das, aber vielleicht arbeitete ich dabei nicht sauber genug, denn wenig später gab es Probleme wegen einer verstopften Düse im Vergaser, die ich mit Druckluft reinigen mußte. Noch später platzte mir ein Schlauch und es gab thermische Probleme, so daß unterwegs plötzlich viel schwarzer Qualm durch die Belüftungsschlitze in die Fahrgastzelle drang. Wiederum später mußte ich bei meiner Batterie destilliertes Wasser nachfüllen, tat dabei des Guten zuviel und die Batterie kochte über, so daß unterwegs plötzlich viel weißer Qualm durch die Belüftungsschlitze in die Fahrgastzelle drang. Zum Glück ließ sich das Schiebedach zwar nie dicht verschließen, aber jederzeit problemlos voll öffnen, was mir bei jeder Art von Qualm im Cockpit bei Sicht- oder Atemproblemen rasch Besserung brachte.
Justine hatte immer ein bischen Zeit für einen kleinen Wortwechsel und schließlich hatte sie sogar jedesmal ein kleines Lächeln für mich, sobald sie mich erkannte. Das ließ mich jedesmal die Mühen der Anreise vergessen.
Eines Abends lächelte sie aber nicht mehr.

„Gibt es Probleme?“, fragte ich.
„Warum?“
Sie wich meinem Blick aus, indem sie den Kopf senkte.
„Du wirkst so... nachdenklich.“
„Es gibt Veränderungen.“
Ich erschrak. War sie schwanger?
„Veränderungen?“
„Hast du nicht den Aushang neben dem Eingang gelesen?“
Ich deutete auf meine Armbanduhr.
„Ich bin spät dran. Ich wollte nicht, daß du wieder schimpfst, weil ich zu spät zur Vorstellung komme. Darum bin ich im Eiltempo reingerannt!“
„Und warum bist du schon wieder so spät?“
“Mein Auto hat unterwegs Probleme gemacht.“
„Schon wieder?“
Jetzt schien sie beinahe doch noch zu lächeln.
„Ja, neuerdings geht der Motor öfter mal ohne Vorwarnung aus.“
„Das kommt wahrscheinlich vom Verteiler.“
Jetzt guckte sie noch ernster. Ich beschloß daher rasch das Thema zu wechseln.
„Übrigens, ich bin jetzt auch Schriftsteller!“
„Und was schreibst du?“
„Autogeschichten“, antwortete ich. „Eine Anzeigenzeitschrift zahlt neuerdings für jede lustige Geschichte zum Thema Autopannen 100 Mark. Zwei Geschichten haben sie mir schon abgekauft und gedruckt.“
„Damit wirst du bestimmt eher reich als mit Aktien“, meinte sie.
Ich nickte.
„Du hattest Recht. Ich sollte lieber schreiben statt zocken. Das war ein guter Rat. Willst du meine Agentin werden?“
Sie schien ein Kichern zu unterdrücken.
„Ich wäre schon damit zufrieden, wenn ich diesen Job weitermachen könnte. Aber irgendjemand hat das Kino gekauft und schließt es jetzt erst einmal für mehrere Wochen. Was nach dem Umbau kommt, weiß noch niemand.“
„Was ist mit den anderen Kinos in der Stadt?“
„Da sind im Moment keine Stellen frei. Da ist es auch nicht wie hier.“
Ich nickte nachdenklich.
„Der Film fängt gleich an“, mahnte sie.
„Oh.“
Ich wollte zum Saal flitzen.
„Stopp“, sagte sie energisch. „Ich muß erstmal deine Karte sehen.“

Als ich Justine zum vorläufig letztenmal sah, war sie offensichtlich nur privat im Kino. Sie hielt sich mit einer ganzen Gruppe von sehr nach Künstlern aussehenden Leuten in der Nähe der Theke auf und war für mich nicht ansprechbar. Alle waren schwarz gekleidet und wirkten sehr düster, tiefsinnig und vergeistigt.
Justine machte einen unsicheren Eindruck. Sie strahlte nicht den üblichen Glanz aus, sondern wirkte etwas niedergeschlagen, beinahe schon depressiv.
Aus Frust ging ich nach dem Besuch im Kino gleich anschließend in den Puff. Später setzte ich mich noch vor meinen Computer. Ich besaß nun tatsächlich eine dieser Knutschkugeln, dessen Design die wieder irgendwo untergetauchte Sabine mal auf Anhieb so entzückt hatte. Ich besaß einen iMac. Die Maschine sich selbst finanziert, denn durch das erfolgreiche Erscheinen des iMacs waren meine APPLE-Aktien so in die Höhe geschossen, daß der Gewinn locker für ein eigenes Exemplar gereicht hatte.
Ich begann zu chatten.
Schließlich landete ich nach einer Unzahl von Verlinkungen im Caht einer Frauen-Zeitschrift, wo die Chance, auf echte Frauen zu treffen, tatsächlich signifikant war
In diesem Chat gab es eine „Justine“. Sie redete nur mit Stammgästen des Chats. Ich dachte an den damals populären Film „Email für dich“, wo sich durch Zufall im Chat zwei Nachbarn treffen und daraus eine Beziehung entsteht, die sonst unmöglich gewesen wäre. Ich hegte ein winziges bischen Hoffnung, daß diese „Justine“ die echte Justine sein könnte. Einige wenige Leute fanden es witzig, auch im Internet ihre richtigen Namen zu benutzen, und in der Geschichte des Autors auf der Poetry-Party war schließlich auch ihr richtiger Name genannt worden. Also brachte ich von nun an viel Zeit und Geduld auf, um mit dieser „Justine“ ins Gespräch zu kommen.
Irgendwann chattete „Justine“ tatsächlich mit mir. Wir tauschten Email-Adressen und auf diesem Wege auch Fotos aus. Nein, es war nicht die richtige Justine. Aber deren Kino war nach wie vor wegen Umbau geschlossen und in den anderen Kinos suchte ich vergeblich nach ihr. Also war die nette, gepflegte Studentin mit dem Nicknamen „Justine“, die im richtigen Leben Laura hieß, ein Geschenk. Als sie mir ihre Telefonnummer gab, stellte ich fest, daß sie eine nette Stimme besaß. Wir verabredeten uns.

Eines Tages hatte ich mich verzockt und konnte meine schlechte Laune auch nicht abschütteln, als ich neben Laura alias „Justine“ lag.
„Warum hörst du nicht einfach damit auf?“, fragte sie.
„Damit kann man eine Menge Geld verdienen.“
„Du hast doch einen Job, oder?“
„Ja“, gab ich zu, „aber da verdiene ich nicht genug,“
„Anscheinend verdienst du sogar zuviel, denn sonst würdest du dein Geld nicht den Betrügern an der Börse nachwerfen“, tadelte sie.
„Bis jetzt habe ich meistens Glück gehabt.“
„Bis jetzt“, sagte sie. „Im Spielcasino muß man auch aufhören, wenn man noch am Gewinnen ist. Denn irgendwann hört jede Glückssträhne auf. Wenn man zu lange spielt, gewinnt am Ende wiedermal die Bank.“
„Ich habe alles im Griff“, widersprach ich.
Sie nickte.
„Wenn man das glaubt, ist man spielsüchtig. Das hat ein Professor nach einer Untersuchung von Börsenzockern festgestellt. Das war in etlichen seriösen Zeitungen zu lesen.“
„Nein, ich habe alles im Griff.“
„Das kannst du ja auch aufhören“, sagte sie.
„Natürlich“, sagte ich.
„Meinst du, daß du jemals mit Aktien soviel Geld verdienst, daß du nicht mehr arbeiten mußt?“, fragte sie.
„Nein.“
„Meinst du, daß du ewig diesen Doppelstreß von Arbeit und Börse durchhälst?“
„Nein“, sagte ich erneut.
„Warum hörst du dann nicht auf, freust dich über die bisherigen Gewinne und genießt deine Freizeit?“
Ich überlegte.
„Ich habe keine Lust, darüber weiter zu diskutieren“, sagte ich.
„Du sollst mir doch nur einen einzigen vernünftigen Grund sagen!“
Ich überlegte heftiger.
Jetzt hörte sie sich schon genauso besorgt wie meine Anlageberaterin an, die mir, wenn ich sie danach fragte, immer von meinen gewagten Spekulationen abriet. Das war eine sehr gebildete und nette Frau, die mich äußerlich an die damals sehr bekannte Analystin Ella Garzinelli erinnerte.
„Willst du es wirklich wissen?“, fragte ich ärgerlich.
„Und ob!“
Ich dachte, wenn ich ihr eine erkennbar ironische Antwort gab und sie mit einem drohenden Unterton aussprach, würde sie endlich doch noch einsehen, daß ich über dieses Thema nicht weiter diskutieren wollte.
„Weil ich meiner Anlageberaterin imponieren will“, knurrte ich.

Sie sprang auf.
„Ist sie hübsch?“
„Ja“, sagte ich schulterzuckend.
„Bist du in sie verliebt?“, rief sie aufgebracht.
Diese Frage überraschte mich.
„Das war vorhin ein Scherz“, bekannte ich.
„Aber meine Frage ist kein Scherz! Bist du in sie verliebt?“
Umso länger ich darüber nachdachte, desto berechtigter erschien mir die Frage. Nein, nein, Frau Köster war mir heilig.
Heilig, jawohl.
„Ich mag sie sehr“, sagte ich.
Das war sowohl der Anfang einer neuen Diskussion, als auch das Ende der Beziehung. Aber ich wurde gut damit fertig. Für die Liason mit Laura mußte ich mich anders als für die Sache mit Camilla nicht schämen. Außerdem feierte das Kino, in dem ich die echte Justine kennengelernt hatte, bald Neueröffnung.
Ich hoffte, sie würde wieder dort arbeiten.
Und so geschah es.




Die Erzählung wird wohl ungefähr so ausfallen, wie ich skizziert habe. Ganz zum Schluß gibt es als Pointe noch ein kleines Wiedersehen mit Wolfs erster Liebe Melanie, damit sich der Kreis schließt.

Bis dahin kommen aber noch zwei besonders heftige Episoden.
Aufatmen ist bei weitem verfrüht....
;)
Laura aus dem I-Net kommt von "um die Ecke"? Zufälle gibt es. Aber trotzdem - voll in Ordnung.
@ Hugo


Ich habe mal sonntagmorgens um 5 Uhr, als ich gerade aus der Disco kam, in einem Internet-Chat eine Frau aus unserer Kleinstadt getroffen und bin eine knappe Stunde später mit ihr zum Bäcker gefahren, um Brötchen fürs gemeinsame Frühstück zu kaufen...


Ich hatte nicht viel Lust, die Laura-Story auszuwälzen... Es ist schließlich nur ein Intermezzo und soll nicht zu sehr von der eigentlichen Handlung ablenken.
Wenn ich mal Zeit dafür finde, beschreibe ich alles ausführlicher und sende die Story als Kurzgeschichte an "www.leselupe.de" etc.
;)
Wer die Memoiren eines Börsenzockers zu langweilig oder zu kitschig findet, sollte vielleicht lieber mal eine meiner anderen Geschichten lesen.


Ich schreibe nämlich auch (anspruchsvolle) Science Fiction.


Hier findet Ihr meine wahrscheinlich beste SF-Story:

http://www.leselupe.de/lw/showthread.php?threadid=29582

Kannibalen aus dem Weltall- nichts für schwache Nerven! :mad:
Hoffentlich hat niemand von Euch daran gezweifelt, daß eine Story mit einem so unglaublich trashigen Titel wie "Kannibalen aus dem Weltall" auf keinen Fall ernst gemeint sein kann.
;) :laugh:



Jetzt geht es mit dem eigentlichen Thema "Meine Frauen und meine Aktien" weiter:



Nachdem ich über ein Dutzend Autogeschichten veröffentlicht hatte, stellte das Anzeigenblatt die Rubrik ein. Ich versuchte vergeblich einen Buchverlag für eine Sammlung dieser Geschichten zu gewinnen. Ich schickte Fotokopien an Fachjournalisten, aber auch die wußten keinen geeigneten Verlag. Schließlich wechselte ich das Genre und begann mit Science Fiction. Mein erstes Werk war eine Hommage an den Ed Wood-Klassiker „Plan No.9 from Outer Space“ und hieß „Kannibalen aus dem Weltall“. Dieses schöne Stück Literatur sandte ich an die „Leserstory“-Rubrik einer SF-Heftroman-Reihe.
Inzwischen erschien in einem renommierten Verlag eine Sammlung von Kurzgeschichten des Autors, den ich auf einst auf der Poetry-Party von Justine hatte erzählen hören. Dagegen konnte ich überhaupt nicht anstinken.

Ich kaufte mir das Buch und beschäftigte mich sofort noch einmal mit der Story über Justine.
Es war genauso gewesen, wie sie sagte. Sie hatte sich mit dem Ich-Erzähler einen Film angesehen, weil er zeigte, wie sich ein Börsenspekulant in die Pleite ritt, und weil sie sowas auf makabre Weise irgendwie lustig fand.
Als ich mich mit dem Buch beschäftigte, wurden mir gleich zwei Dinge klar. Weder mit Leserstories wie „Kannibalen aus dem Weltall“, noch mit meinem nach wie vor an Wert wachsenden Börsendepot konnte ich bei ihr Eindruck machen.

Während ich mich deswegen in Depressionen suhlte, las ich weiterhin Börsenzeitschriften. Dort fand man zunehmend häufiger den Rat, doch in Kunst zu investieren. Ein abstraktes Bild bot immer noch mehr realen Gegenwert fürs Geld als irgendeine Internet-Aktie. Wenn man in die richtigen Künstler investierte, durfte man Hoffnungen auf ähnlich wahnwitzige Wertsteigerungen wie bei „Dot.com(s)“ hegen. Da fiel mir sofort Justine ein. Sie studierte Kunstgeschichte. Sie war bestimmt auch Malerin. Ich wollte ein Bild von ihr. Eigentlich wollte ich Kinder von ihr, aber ein selbstgemaltes Kunstwerk kam doch irgendwie auch aus ihrem Inneren und würde mich ebenfalls noch in fünfzig oder hundert Jahren an sie erinnern.
Das wurde für mich zu einer fixen Idee.

Ich wollte ein Gemälde von ihr, oder zumindest ein Aquarell oder eine Zeichnung. Vielleicht kam sie eines Tages groß raus. Sie war fotogen, smart, und kannte viele Künstler- reichte das nicht?
Vielleicht spielten alle meine Instinkte bei ihr verrückt, weil ich inzwischen durch und durch Spekulant war und bei ihr die Möglichkeit witterte, die beste Investition meines Lebens zu machen.
Ich beschloß, in die Offensive zu gehen. Statt von meinem mickrigen literarischen Talent würden wir jetzt von ihrer mit Sicherheit viel größeren eigenen künstlerischen Begabung reden. Bestimmt fand sie das viel aufmerksamer, als wenn jemand immer nur von sich selbst redete.
Wenn ich ihr Bilder abkaufte und dafür mit dem Geld bezahlte, das ich mit Aktien verdient hatte, würde sie vielleicht doch noch etwas Respekt vor meinem Talent als Börsenspieler bekommen.

Ich schwang mich in mein Auto und startete den Motor. Dann startete ich den Motor nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Und irgendwann kam Bewegung in die alte Kiste. Vielleicht war es allmählich doch Zeit, Geld für ein neues Auto, statt immer nur für Aktien auszugeben. Es gab mittlerweile sowieso keine halbwegs realistisch bewerteten Aktien mehr.
Aber wenn mein Gefühl stimmte, brauchte ich mir nur ein Gemälde von Justine zuzulegen, um mir in wenigen Jahren einen Ferrari leisten zu können.

Ich gab Gas.
Ich gab noch mehr Gas.
Es kam mir vor, als könnte ich den Ferrari, den ich bald besitzen würde, schon ein bischen hören.
Es gab nichts besseres, um die Fantasie anzuregen, als eine kaputte Auspuffanlage...


(Fortsetzung folgt)
Das im Kino integrierte Café war größer und schöner geworden.
Statt Karten abzureißen und Plätze zuzuweisen, kellnerte Justine.
Statt einer Karte kaufte ich mir einen Kaffee und setzte mich an die Theke.
„Was macht die Schriftstellerei?“, fragte sie.
„Nichts“, sagte ich.
„Ach ja, du spekulierst lieber an der Börse, nicht wahr?“
Beinahe hätte sie gekichert. Vielleicht war sie doch nicht ganz so eine wunderbare Fee, wie es mir erschien. Aber egal, ich liebte die Illusion, daß sie eine Art Zauberwesen war.
„Was macht denn deine eigene Kunst?“, fragte ich.
Sie wirkte leicht geschockt.
„Wie meinst du das?“
„Du studierst doch Kunstgeschichte, oder?“
„Ja, und?“
Sie wirkte tatsächlich etwas pikiert. Anscheinend fand sie das zu persönlich. Jedenfalls trat sie hinter der Theke einen halben Schritt zurück, wobei sie fast mit ihrem schlanken Rücken gegen die Kaffeemaschine stieß. Nachdem sie auf diese Weise größtmöglichen physischen Abstand geschaffen hatte, vermied sie peinlichst jeden Blickkontakt.
„Dann malst du doch bestimmt auch selbst, oder?“, fragte ich.
„Ab und zu, aber nur ein bischen.“
„Das würde mich mal interessieren“, sagte ich nachdrücklich.
„Ich bin nicht gut.“
„Das ist mir egal“, sagte ich.
„Meine Sachen sind nicht gut genug, um sie zu verschenken.“
„Wieso verschenken. Ich würde dir glatt was abkaufen.“
„Du hast doch noch garnichts von mir gesehen“, sagte sie.
„Ja“, gab ich zu.
„Du willst mir blind was abkaufen?“
„Nö, aber du kannst mir doch was zeigen.“
Sie zündete sich eine Zigarette an. Im Café herrschte gerade wenig Betrieb. Nur am Vorabend und zwischen den Filmen war es hier voll. Sie konnte sich weiter mit mir unterhalten, ohne dadurch irgendwen zu vernachlässigen.
„Und du würdest mir auf jeden Fall was abkaufen?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Wenn es mir gefällt, ja. Das hängt von dir ab.“
„Verstehst du denn was davon?“
Ich zuckte wieder mit den Schultern.
„Weiß ich nicht.“
„Ich bin nicht gut“, sagte sie.
„Ich habe meinen eigenen Geschmack“, sagte ich.
„Außerdem habe ich im Moment nichts fertig.“
„Schön!, rief ich. „Sowas finde ich noch interessanter! Bei einem Werk, das sich noch in der Entstehung befindet, kann man am besten die Technik des Künstlers erkennen. Das fesselt mich am meisten.“
Ich hatte als Kind selbst gezeichnet und mich in unterschiedlichen Techniken geübt, bis meine Lehrer am Gymnasium in meinen Schulheften auf Skizzen von „Spiderman“ und ähnlichen Comic-Helden gestoßen waren, und mich am liebsten gleich von der Schule geworfen hätten, weil ich angeblich „schreckliche Fantasien“ und „perverse Neigungen“ besaß. Danach war mir jegliches Zeichnen verboten gewesen. Aber ich hegte immer noch ein passives Interesse für Mal- und Zeichentechniken.
„Wirklich?“, fragte sie.
„Bring doch mal was hierhin mit“, schlug ich vor. „Das gefällt mir bestimmt. Ich kenne auch ein paar professionelle Künstler mit guten Kontakten zur Szene...“
Das stimmte.
„Nein, ich kann die Sachen nicht mitbringen“, sagte sie. „Das ist alles in schweren Rahmen. Ich kann die Sachen nicht ohne weiteres hierhin transportieren.“
Ich wunderte mich nur noch. Ihre Aussagen wirkten auf mich schon beinahe so dubios wie die populären Marktanalysen des blondgefärbten Internet-Gurus Alfred Megadorn.
„Deine Bilder sind alle noch nicht fertig, aber schon gerahmt?“
„Jaja“, sagte sie hektisch paffend.
„Ich nehme noch einen Kaffee“, knurrte ich.


(Fortsetzung folgt)
„Bitte“, sagte sie. Ihre Stimme klang gleichzeitig sehr sanft, aber auch auf eine ebenfalls angenehme Weise rauh.
Manchmal dachte ich bei dieser Stimme an die Katze meiner Nachbarin, die, wenn man sie streichelte, nicht nur schnurrte, sondern einem dann auch die Hand leckte. Ihre Zunge war wohl das einzige auf der Welt, was gleichzeitig so sanft und so rauh wie Justines Stimme war.
„Bald bin ich nicht mehr da“, sagte sie dann.

„Warum?“, fragte ich erschrocken. „Bist du krank?“
Sie war tatsächlich ein bischen blaß. Vielleicht war sie darum auch so zickig.
„Nein“, sagte sie. Ehe sie weiterredete, warf sie mir einen ihrer üblichen mysteriösen Blicke zu. „Ich will endlich mit meinem Studium fertig werden. Ich muß mich auf meine Abschlußarbeit konzentrieren. Wenn ich damit anfange, höre ich auf, hier zu arbeiten.“
„Und wie lange arbeitest du hier noch?“, fragte ich.
„Maximal drei Wochen.“
Ich fuhr mir durchs Haar. Inzwischen guckten mich schon manche Leute wegen meiner Mähne schief an. Andererseits war mir die breite Masse Wurst. Bis zu der nötigen Länge für einen Pferdeschwanz würde ich mindestens noch drei Monate, wenn nicht sogar drei Quartale oder drei Jahre brauchen. Dann war es sowieso zu spät, um Justine noch zu gefallen.
„Dann hast du doch auch noch drei Wochen Zeit, mir was zu zeichnen oder zu malen. Ein Selbstportrait oder so.“

Sie sah sich um. Anscheinend hörte niemand mit.
„Warum willst du denn unbedingt ein Bild von mir?“, fragte sie etwas angespannt.
„Als Erinnerung. Als Souvenir. Als Reliquie.“.
Ihr Blick begann ein bischen zu flattern. Ich sah sie zum erstenmal erkennbar atmen. Ihre Brust hob und senkte sich wie bei einem Läufer im Endspurt. Das gefiel mir. Sie trug genau die richtige Art von Pullover, um daraus eine Schau zu machen. Ich überlegte, ob ich sie nach der Bekleidungsmarke fragen und in den Kurslisten nach Aktien dieser Firma suchen sollte. Vielleicht sollte ich sie auch mal nach ihrer bevorzugten Marke in Sachen Makeup fragen. Frauen verstanden von solchen Dingen tausendmal mehr als unsereiner. Kosmetikkonzerne lagen aktuell in der Gunst der Börsianer recht weit oben.

„Das sind ja gleich drei Antworten auf einmal“, stellte sie fest.
„Und?“
„Nein“, sagte sie.
„Dann gib mir wenigstens Zucker“, sagte ich streng.
Inzwischen verflüchtigte sich meine einstige Bewunderung. Sie besaß ein sehr gepflegtes Auftreten, aber vielleicht hatte sie sich das nur bei ihren versnobten Bekannten abgeguckt, bei denen sie sich Mühe geben mußte, um einfach mitlaufen zu dürfen. Ihre Lässigkeit mir gegenüber beruhte womöglich nicht nur darauf, daß ich sie sonst mit allzuviel Respekt behandelte. So war es auch einst bei der in Wirklichkeit garnicht so selbstsicheren Melanie gewesen. Sobald sie merkten, daß von mir keinerlei Gefahr drohte, entspannten sie sich. Mittlerweile wandte ich die Bewunderungstaktik längst absichtlich an, um Distanz zu überwinden; sich gleich als Macho zu outen, machte die Mädels meistens nur scheu und unnahbar.

„Meine Bilder werden mein Haus nicht verlassen“, sagte sie.
Anscheinend wollte sie einfach nichts mit mir zu tun haben, was über ihren Job in diesem Betrieb hinausging. Vielleicht war ich ihr dafür einfach zu alt, zu klein, oder zu häßlich. Obwohl sie sehr gebildet und vielschichtig wirkte, konnte es durchaus sein, daß sie in Bezug auf ihre privaten Neigungen nach ganz simplen Kriterien entschied.
„Okay“, sagte ich.
Sie sah mich mit leicht zusammengekniffenen Augen an. So guckte sie bestimmt auch, wenn ihr Lover gerade dazu ansetzte...
„Und jetzt gib mir wenigstens Zucker“, knurrte ich, wobei ich alle anderen Gedanken radikal verdrängte.
Ich hatte Lust, ihr mal so richtig den kleinen Hintern zu verhauen. Danach war sie bestimmt nicht mehr so störrisch.
Ach was, pfui, wie rückständig. Bloß weg mit dieser Wahnvorstellung! Ich mußte an etwas anderes denken- schon allein, weil ich sonst für die nächste Zeit nicht aufstehen konnte, ohne spätestens auf der Straße wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet zu werden.
„Zucker!“, sagte sie, als sie den Streuer etwas unsanft vor mir auf die Theke stellte.
„Wenigstens etwas.“
„Fragst du nur nach meinen Bildern, weil du zu mir nach Hause willst?“, fragte sie in etwas gereiztem Ton.
Einen Moment lang erinnerte ich mich an Nicole, die mir ihrerzeit unterstellt hatte, ich würde nur mit ihr über ihren Kater sprechen, weil ich zu ihr nach Hause wollte.
Nicole hatte dabei mit mir zusammengesessen, mir gerade in die Augen gesehen und mir zugezwinkert.
Justine hingegen stand hinter der Theke, aber trotzdem schien ihr das noch nicht genug Distanz zu sein, denn sie ging, ehe sie die Frage ganz ausgesprochen hatte, einen Schritt zurück, wandte mir die Seite zu, blieb in Bewegung und starrte auf einmal in Richtung Ausgang.
Es sah aus, als wollte sie fliehen.
„Nein, nein“, sagte ich eilig, damit sie bloß nicht wegrannte.

Nun setzte sie eine gelangweilte Miene auf.
Ich fragte mich, ob sie vielleicht doch wie Nicole auf ein „Ja“ spekuliert hatte. Vielleicht hatte ich soeben eine einmalige Chance vermurkst.
„So“, sagte sie.
„Seit ich damals diese Geschichte von der Kartenabreißerin gehört habe, die dem Filmbesucher Gesellschaft leistete, bin ich so oft wie sonst nie ins Kino gegangen, weil ich hoffte, daß mir auch mal sowas passieren würde. Weil ich hoffte, daß sich auch mal eine ganz tolle Frau zu mir setzen würde.“
Sie sah mich aus den Augenwinkeln an.
„Und hat es geklappt?“, erkundigte sie sich.
„Das weißt du doch am besten“, sagte ich.

„Der Mann, der diese Story geschrieben und vorgelesen hat, stammt aus gehobenen Kreisen und kennt wirklich jede Menge Künstler und Kritiker. Aber ehrlich- ich kann nicht gut malen oder zeichnen.“
"Hat er das gesagt?", fragte ich.
"Ist doch egal", sagte sie.
Jetzt verstand ich, warum meine Schnapsidee eine Totgeburt gewesen war. Genau wie als Schriftsteller, würde ich auch als Kunstkenner bei ihr immer nur maximal die abgeschlagene Nummer Zwei sein.
„Zahlen“, sagte ich.
„Das waren zwei Kaffee“, sagte sie.
Beim Bezahlen sah ich in meinem Portemonnaie ein paar Scheine. Das brachte mich auf eine Idee, was ich noch mit dem Rest dieses sowieso vermurksten Abends machen konnte.
Ich gab Justine ein Trinkgeld und ging flott zu meinem Auto.
Ich sah mich nicht um.


(Fortsetzung folgt. Nächstenmal gibt es wieder ein Puff-Abenteuer und ein ähnliches Geplänkel zwischen Wolf und einem attraktiven Mädchen, wie bei seinem Zug-Erlebnis mit „Eva“.)
Wow, Wolfsbane! Deine Mädels sind wirklich reizvoll! Mir wird ganz schwindelig, wenn Ihre Stimme sanft, aber auf eine angemehme Weise rauh klingt oder der Läufer sich ins Ziel wirft; ich brauche keine Bilder mehr;)
Nie im Leben hätte ich Deinen Platz an der Theke verlassen; Du mußt ein Masochist, ein einsamer Wolf, oder ein Blitzmerker sein! Ich hätte aus Ihren Worten nie im Leben geschlossen, daß es Zeit ist zu gehen?
Schöne Grüße von Stephen
Ungefähr um Mitternacht betrat ich wiedermal die berüchtigte Straße mit den Schaufenster-Damen. Ich fand den Aufenthalt dort stets sehr entspannend, und das begann schon, wenn ich mir die Frauen ansah.
Im normalen Leben sah ich andauernd interessante Frauen nur aus der Ferne, ohne sie richtig betrachten und die Frage beantworten zu können, ob das vielleicht die Frau meines Leben gewesen wäre. Ähnlich oft konnte ich eine Frau gut genug betrachten, um wiedermal „Liebe auf den ersten Blick“ zu fühlen, aber ich konnte sie nicht ansprechen und mußte sie für alle Zeiten entwischen lassen.
Noch mehr frustrierte es, wenn man eine perfekte Frau theoretisch ansprechen konnte, sie jedoch konsequent jedem Blickkontakt auswich und sich völlig unnahbar gab. Als Teenager hatte ich mir in solchen Fällen manchmal ein wenig Genugtuung verschafft, indem ich solche Frauen dann einfach anrempelte, „Paß doch auf!“ knurrte und ihnen gleichzeitig möglichst beiläufig an den Hintern faßte, aber leider machte mich das erfahrungsgemäß nur noch schärfer und im Nachhinein noch frustrierter.
Mehr als frustrierend, nämlich schier unerträglich war es, eine Frau wie Justine beinahe beliebig beobachten und vollquatschen zu können, sich dabei aber wie ein Fan bei einer Autogrammstunde vorzukommen.

In dieser Straße fühlte ich mich vor solchen Schmerzen sicher.
Hier konnte man jede Frau, die man haben wollte, auch kriegen.
Das dachte ich zumindest bis zu dieser Nacht.
Bis mir der Streifenwagen entgegenkam.

Danach war es vorbei.

(Fortsetzung folgt)




@ Stephen

Ob ich ein "Maoist" bin? Falls die Devise "Den Mut zum Kampfe haben, heißt, den Mut zum Siege haben", tatsächlich von ihm stammt, bin ich m.E. ein Anhänger seiner Lehre.
;) :laugh:
Weiter im Text:



Am Steuer des Streifenwagens saß eine junge Polizistin.
Genau wie meine Anlageberaterin strahlte sie gleichzeitig Autorität und anteilnehmende Sorge aus. Sie wirkte ein wenig streng, aber es mußte wohl erlernte Strenge sein, die nur auf Verantwortungsgefühl beruhte und ihre Sensibilität nicht beeinträchtigte.
Es war Liebe auf den ersten Blick.
Ich blieb stehen.
Mitten auf der Straße.
Sie sah sich mit offensichtlicher Erschütterung die Fenster an. Zum erstenmal hatte ich den Eindruck, daß es manchen Frauen peinlich war, sich dort zu zeigen.
Ich stellte mich breiter hin.

Vielleicht fuhr sie mich an und machte dann Wiederbelebungsversuche mit Mund-zu-Mund-Beatmung.
Nein.
Sie hielt den Wagen an.
Ich blieb weiter stehen und sah ihr klaren Blickes in die grünen Augen. Ihre Augenfarbe harmonierte herrlich mit ihrer Uniform. Wenn ich nur lange genug stehenblieb, würde sie mich vielleicht wegen Behinderung von Fahndungsmaßnahmen oder ähnlichem verhaften und eine Leibesvisitation vornehmen.
Sie kniff die Augen zusammen.
Sie war erregt.
Gut.

Dann öffnete ihr Kollege die Tür und ich machte eilig Platz, wobei ich mein rechtes Bein deutlich nachzog, damit er bloß nicht meinte, ich hätte absichtlich den Weg blockiert.
Mit Erleichterung registrierte ich, daß er die Tür kopfschüttelnd wieder zuwarf.
Ich wechselte auf den Bürgersteig.
„Willst du mal reinkommen?“, fragte eine rauchige Frauenstimme.
Ich sah dem Streifenwagen nach. Eigentlich wäre ich lieber bei der schönen Polizistin mitgefahren, aber der Platz bei ihr war nicht mehr frei.
„Na?“, fragte die rauchige Stimme.
„Gute Idee“, sagte ich.
„Dann komm doch“, sagte die Hure.
Sie war akzeptabel. Wenn ich etwas spontane Begeisterung zeigte, war sie bestimmt auch nett zu mir und machte ihren Job ohne Zicken. Wenn ich sie allerdings zu lange hinhielt, oder jetzt sogar weiterging, um mir erst die komplette Auswahl anzusehen, verdarb ich es mir mit ihr, und sie würde nur noch mürrisch ein Minimum an Arbeitseifer aufbringen. Weiterzugehen bedeutete ein großes Risiko.
„Welche Tür?“, fragte ich.
„Links“, sagte sie.

Als ich mich wieder anzog, konnte ich meine Neugier nicht länger zügeln.
„Warum war denn vorhin ein Streifenwagen hier?“
„Ach, das ist nur, weil ein Mann hier war, der meine Freundin hauen wollte“, sagte sie.
„Wollte er nicht bezahlen?“
„Doch“, sagte sie. „Er wollte sie dafür bezahlen, daß er sie hauen darf. Ein Perverser! Und dann wurde er böse, weil er nicht kriegte, was er wollte!“
„Ist die Polizei gekommen, um den Mann unschädlich zu machen?“
„Nein“, antwortete sie. „Ich bin gekommen, um ihr zu helfen, den Kerl zu verjagen. Dann ist er gegangen. Aber aus Rache behauptet er nun, ich habe ihm seine Armbanduhr geklaut!“
Unauffällig überzeugte ich mich davon, daß meine Armbanduhr noch an ihrem Platz war. Meine Armbanduhr und meine Socken behielt ich hier grundsätzlich an.
„So eine unverschämte Lüge“, sagte ich. „Wer soll denn das glauben?“
„Er hat eine Anzeige gemacht“, nuschelte sie.
„Tja, dann muß die Polizei der Sache nachgehen“, sagte ich.
Sie schmiegte sich an mich und gurrte: „Wolfi löst mich bestimmt aus, oder?“

Ich dachte einen Moment ernsthaft darüber nach. Aber es ging nicht.
„Nein, das geht nicht“, sagte ich dann. „Ich bin im Moment voll an der Börse investiert. Ich brauche meine ganze Kohle, um mit Aktien zu zocken.“
Sie zupfte an meinem Hemdkragen herum.
„Bringt das denn was, mit Aktien zu zocken?“, fragte sie.
„Ja“, antwortete ich.
Leider brachte es in letzter Zeit nicht mehr soviel wie früher. Seit die Internet-Aktien vierstellige KGV´s erreicht und sich auf diesem Niveau etabliert hatten, gab es nicht mehr viel zu holen. Ich konnte keine wirklich bedeutenden Vermögenssteigerungen mehr erzielen. Auch die riskantesten Deals mit vollem Kapitaleinsatz brachten nach Abzug der Spesen oft nur gerade ausreichend Gewinn, um damit im Puff eine halbe Stunde Entspannung zu kaufen. Meine Anlageberaterin wirkte zunehmend besorgter, weil ich immer größere Risiken einging. Als ich daran dachte, fiel mir auch wieder die Polizistin ein.
Ich öffnete die Tür, um zu gehen.
Da stand sie.
Meine Lieblingspolizistin.

„Wir müssen noch einmal mit ihnen sprechen“, sagte sie zu der Hure, während es mir vorkam, als würde sie mir leicht zuzwinkern. Sie war wirklich so bürgerfreundlich gewesen, mit der Vernehmung zu warten, bis ich meinen Service voll ausgekostet hatte.
Einen Moment lang bedauerte ich, daß sie nicht einfach rücksichtslos ins Zimmer geplatzt war. Dann hätte sie mich nackt sehen können, mit angespanntem Ober- und Unterkörper. Die Idee, ihr auf diese Weise entgegenzutreten, erregte mich sehr und blockierte meinen Verstand völlig. Unwillkürlich fummelte ich an meinen Hemdknöpfen herum und näherte mich der Uniformträgerin, die mich verwundert ansah und ihre rechte Hand auf ihre Waffe stützte.
„Alles klar mit ihnen?“, knurrte ihr Kollege, den ich bis dahin ganz vergessen und übersehen hatte.

Sofort legte ich die Hände an die Hosennaht.
„Jawohl“, antwortete ich.
„Der Ausgang ist da drüben“, sagte er.
Ich wandte mich von seiner Kollegin ab und setzte meinen Marsch mit korrigierter Richtung fort.
Eine für mich unsichtbare Person ließ die Tür summen.
Ich sah mich noch einmal um.
Nein, die Polizistin drehte sich nicht um. Irgendwie bedauerte ich das.
Endlich ging ich wieder auf die Straße.

Draußen fühlte ich mich zutiefst ernüchtert.
Auch hier konnte man nicht jede Frau haben. Auch hier konnte man sich unglücklich verlieben. Auch hier konnte man der Frau seines Lebens begegnen, daran scheitern und sich hinterher wie der größte Loser aller Zeiten vorkommen.
Das war nicht mehr das Männer-Paradies.
Jetzt nicht mehr.
Nicht für mich.



(Fortsetzung folgt)
Für die "Melanie"-Fans gibt es jetzt ein Wiedersehen:



Ich fühlte, daß ich in einer Sackgasse gelandet war. Meine Traumfrau Justine haßte mich, oder würde mich jedenfalls nie drauf lassen, und auch die geschulten Kräfte in der verbotenen Straße konnten mich nicht mehr trösten. Obendrein ging es mit meinem 5-Jahres-Plan, der mich durch Aktienspekulationen zum Millionär machen sollte, nicht weiter. Ich war noch keine dreißig, aber schon am Ende.
Wenn ich über meine Vergangenheit und verpaßte Chancen nachdachte, kam es mir vor, als hätte ich nur verbrannte Erde hinterlassen. Aber zumindest in dieser Hinsicht irrte ich.
Eines Abends klingelte das Telefon.

Ich hatte schon lange keinen Anruf mehr erhalten. Laura meldete sich nicht mehr, seit ich ihr von meiner Anlageberaterin erzählt hatte. Meine Eltern riefen nicht mehr an, seit ich auf die Frage „Wie geht es dir?“ grundsätzlich immer sofort ausführlich die Aktien in meinem Depot und auf meiner Watchlist analysierte.
Einen Moment lang dachte ich, daß der Wecker klingelte.
Dann ging ich ran.
„Hallo“, sagte ich.
„Hier ist Kalle!“
„Kalle?“

Der Kerl kam mir irgendwie beunruhigend vertraut vor, aber das mußte eine Erinnerung aus einem früheren Leben sein.
„Klar, dein Kumpel Kalle! Soviele Kumpel hast du doch nicht, oder?“
„Seitdem ich Aktientipps verteile, nicht mehr“, antwortete ich ganz ehrlich.
„Hahaha“, machte er. „Dich hat die Seuche also auch erwischt. Ja, das ist wirklich eine Epidemie. Ich bin auch schon ganz ballaballa. Deswegen braucht sich keiner zu schämen.“
„Was hälst du von Satelliten-Telefonie?“, fragte ich. „Der Hype um Internet-Aktien neigt sich dem Ende zu. Die Analysten bei den Banken brauchen eine neue Branche, bei der sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen können, um die Privat-Anleger zu verblöden und auszunehmen. Ich dachte erst, daß die Biotechnologie ein Comeback erlebt, oder daß bald alle auf Brennstoffzellen-Technologie setzen, aber jetzt scheint es mir am wahrscheinlichsten, daß die Satelliten-Telefonie zur nächsten Anlegerfalle wird. Die Kunst ist, rechtzeitig dabei zu sein und rechtzeitig auszusteigen.“
„Eigentlich wollte ich Schach spielen“, unterbrach mich Kalle.
„Schach spielen?“
„Ja, wie früher. Seit ich einen Computer habe, spiele ich oft gegen Helmut.“
„Helmut?“
„Kennst du nicht das Schachprogramm Helmut?“
„Sicher doch“, sagte ich. „Mich wundert nur, daß Du das hast.“
„Soso. Ich habe es aber. Neulich war ich mal wieder im Schachklub. Vielleicht spiele ich bald wieder in der Mannschaft.“
Ich wollte ihm absagen, denn ich hatte keine Zeit, weil ich immer die Börsen-Indizes und die Aktienkurse beobachten und auf vielen mittlerweile längst untergegangenen und vergessenen Börsen-Seiten, die damals oft stündlich aktualisiert wurden, nach Ad-hocs suchen mußte. Aber dann hörte ich im Hintergrund eine weibliche Stimme.

„Morgen geht es nicht!“
Die Erkenntnis, welche Frau da rief, ließ mich vor meinen Augen einen Blitz sehen, der sich fühlbar einen Weg durch meine ganze Wirbelsäule bahnte.
„Melanie sagt, morgen abend geht es nicht“, bestellte mir Kalle.
„Morgen abend kann ich auch nicht“, sagte ich rasch, obwohl ich das eigentlich noch garnicht wissen konnte. „Wie wäre es mit heute?“
„Heute?“
„Ja, jetzt hätte ich Zeit, Kalle. Sonst müßten wir erst wieder neu telefonieren!“
„Ach du meine Güte!“, rief er. „Kann es sein, daß du pausenlos online bist? Ich habe schon seit Wochen versucht, dich zu erreichen, aber bei dir ist ständig besetzt!“
„Dann machen wir es doch jetzt klar“, sagte ich.
„Okay, heute.“
Nach dem Gespräch setzte ich mich wieder vor meinen Computer und startete „Helmut 4.1“, um zu trainieren. Wir würden bei Kalle und Melanie spielen. Vor Melanie wollte ich mich auf keinen Fall blamieren, selbst wenn sie vielleicht nicht mehr ganz so hübsch wie früher war. Trotzdem war sie immer noch Melanie.


(Fortsetzung folgt)
Melanie und Kalle hatten eine ansprechend eingerichtete und sehr ordentliche Wohnung, in der nichts an ihre früheren Hippie-Allüren erinnerte.
Kalle und ich setzten uns zum Schachspielen in die Küche. Er besaß eine Schach-Uhr, so daß wir „Blitzschach“ spielen konnten. Zu meiner Überraschung hatte er es wieder voll drauf. Von der Spieltechnik war zwischen uns kein großer Unterschied. Meistens gewann derjenige von uns beiden, der gerade schneller zog. Einmal geriet ich besonders ins Grübeln, während meine fünf Minuten davonrannten.
„Wie würde John Wayne jetzt sagen?“, fragte Kalle.
„Zieh, wenn du ein Mann bist!“, zitierte ich.

„Weißt du noch, wie du das mal zu mir gesagt hast?“, fragte Kalle.
Ich nickte nur, ohne den Blick von der verzwickten Situation auf dem Brett abzuwenden.
„Wie alt sind wir damals gewesen?“, fragte er.
„Vierzehn“, riet ich.
„Und weißt du auch noch, was ich geantwortet habe?“
„Du hast gesagt, du wärst noch kein Mann, aber in 24 Stunden würdest du einer sein!“
Er lachte. Ich sah vom Brett auf. Nun schüttete er sich Bier in die Kehle. Ich machte meinen Zug und schlug auf die Uhr, daß sie laut krachte.
„Willst du wissen, wer die Perle war, mit der ich damals Bumsen geübt habe?“, fragte er.
„Nee“, sagte ich. „Jetzt nicht mehr. Ich habe inzwischen selbst welche zum Üben gefunden.“
Mir fiel wieder seine damalige Erklärung ein: „Auch Bumsen muß man es erst lernen. Meistens geht es beim erstenmal daneben. Dieses Risiko will ich nicht eingehen, wenn ich mal eine Frau treffe, die für mich die absolut Richtige ist. Dann muß es klappen. Ich kenne ein Mädchen, das genauso denkt. Sie ist etwas älter als ich. Sie ist nicht mein Typ, und ich bin auch nicht ihr Typ, aber wir sind gute Bekannte und wollen uns gegenseitig was beibringen- zum Nutzen unserer späteren Partner.“
Unwillkürlich mußte ich bei dieser Erinnerung den Kopf schütteln.

„Verdammt, ich stehe im Schach!“, stellte er fest.
„Jau“, sagte ich.
„Du hast das garnicht gesagt“, reklamierte er.
„Natürlich nicht“, gab ich zu. „Dafür sind wir zu gut.“
Er sah auf die Schach-Uhr.
„Verdammt, ich muß ziehen!“, rief er.
„Jau.“
Er zog seinen König aus dem Schach und schlug krachend auf die Uhr. Ich reagierte so schnell wie möglich und schlug ungefähr genauso laut auf die Uhr.
Dann ging hinter uns die Tür auf. Melanie kam herein.
„Vertragt ihr euch noch?“, fragte sie.
„Sich zu vertragen ist doch langweilig!“, rief er. „Schach!“
„Nee, wir kämpfen noch“, sagte ich. Dann sah ich, daß Matt in drei Zügen matt war und fluchte.
„Wenn man euch so hört“, begann Melanie, „könnte man denken, ihr schlagt euch die Köpfe ein!“
„Zeit!“, brüllte ich. "Du hast verloren, du lahme Ente!"
Kalle sah auf die Uhr und gröhlte zornig: „Fucking!“
Melanie zuckte zusammen.
„Pfui“, sagte sie.

„Schach ist eben ein Männersport“, verteidigte sich Kalle.
„Jau“, sagte ich.
„Willst du kein Bier?“, fragte mich Melanie.
„Ich bin mit dem Wagen hier“, sagte ich.
„Möchtest du einen Kaffee oder Tee?“, fragte sie.
„Tee wäre prima“, sagte ich.
Kalle beobachtete sie, während ich die Figuren wieder aufbaute.
„Weißt du noch, wie wir damals in meinem Baumhaus Schach gespielt haben?“, fragte er mich.
„Baumhaus?“, fragte ich lachend. „Da waren doch nur ein paar Bretter und sonst garnichts!“
Natürlich erinnerte ich mich an die alte Eiche. Dort hatte ich zum erstenmal im Leben Klimmzüge gemacht, um Kalle zu folgen, der sich am untersten Ast stets mit einem Überschwung in die Höhe beförderte. Bis zu seinem „Baumhaus“ mußte man ungefähr zwanzig Meter weit nach oben klettern.
„Dafür konnte man von dort umso besser in den Garten von Yvonne sehen“, sagte er grinsend. „Und das wolltest du damals doch immer.“
„Daran kann ich mich nicht mehr erinnern“, sagte ich.

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie scharf der damals auf Yvonne war“, sagte Kalle zu Melanie.
Sie stellte Wasser auf.
„Blödsinn“, warf ich ein.
„Der war damals ein richtiger Stubenhocker und hat sich vor Angst immer fast in die Hosen geschissen, wenn wir hochgeklettert sind“, sagte Kalle, „aber der wollte unbedingt mal Yvonne im Bikini sehen!“
„Ach was“, leugnete ich, „das wolltest die doch selbst immer sehen!“
„Und wenn schon“, sagte er. „Ich mußte mir dazu ja auch nicht in die Hosen machen. Für mich war das ein Klacks. So what?“
„Die Yvonne, die ich kenne?“, fragte Melanie mit dem Teebeutel in der Hand.
„Ich kann mich daran garnicht erinnern“, sagte ich.

„War sie damals sehr hübsch?“, erkundigte sich Melanie.
„Naja, sie sah ganz okay aus“, murmelte ich.
Kalle lachte.
Melanie goß den Tee auf.
„Das war Wolfs erste Liebe“, sagte er sichtlich amüsiert. „Er hat nur angefangen, Schach zu spielen, weil ich ihr Nachbar war und er sie von uns aus immer sehen konnte.“
Meistens hatten wir bei Kalles Eltern auf der Veranda gesessen und ich hatte fast jedes Schäfermatt, aber nie einen Auftritt von Yvonne übersehen.
„Kinderkacke“, sagte ich. „Laß uns weiterspielen!“
„Ich habe sie damals zusammengebracht“, sagte Kalle.

„Weiterspielen“, knurrte ich.
„Ich habe den Eindruck“, begann Melanie, „daß du dich garnicht mehr an Yvonne erinnern möchtest.“
Sie stellte den Tee vor mir ab. Es war mir irgendwie unmöglich, in ihrer Gegenwart zuzugeben, daß Kalle Recht hatte.
„Ich kann die Schnepfe nicht mehr leiden“, log ich.
„Ich schon“, sagte Melanie. „Das ist meine beste Freundin!“
Sie warf den Teebeutel in den Mülleimer und die Tür hinter sich zu.
Kalle sah mich unverwandt an und rülpste.
„Du benimmst dich wie ein Schwein“, sagte ich.
„Das sagt mir der Richtige“, lästerte er.
„Du bist besoffen“, sagte ich.
„Stimmt. Aber morgen bin ich wieder nüchtern, aber du bist morgen immer noch ein Depp!“

Ich machte meinen Eröffnungzug und schlug auf die Uhr.
„Weiterspielen“, knurrte ich.
Kalle horchte.
Ich hielt die Uhr an und horchte nun ebenfalls. Melanie und Kalle hatten soeben noch einmal Besuch bekommen. Ich hörte eine zweite Frauenstimme, die etwas zickig klang, also beinahe so, wie ich es einst bei Yvonne unwiderstehlich gefunden hatte.
„Wer ist das?“, fragte ich.
„Nur wiedermal ihre beknackte kleine Schwester“, murmelte er und verdrehte die Augen. Dann machte er seinen ersten Zug und setzte die Uhr erneut in Gang.
„Du bist am Zug“, mahnte er.
Ich lauschte weiter nach dieser aufreizenden Stimme im Nebenzimmer und fragte mich, wie Kalle das wohl meinte.

(Fortsetzung folgt)
Schon wenige Minuten später hörte ich die neue weibliche Stimme ungedämpft, denn die Tür, die bisher dazwischen gewesen war, wurde aufgerissen, ohne daß die beiden Frauen deshalb ihr Gespräch ins Stocken kommen ließen.
Ich starrte auf das Schachbrett. Der erste Eindruck war immer der wichtigste, also durfte ich bei Judith nichts überstürzen.
Endlich machten die beiden Damen eine Schnatterpause. Jetzt wußte ich, daß sie uns beobachteten. Ich blickte beim Spiel beiläufig Kalle an, der zu den beiden hochsah. Daraus, daß er sich rasch wieder abwandte und erst anschließend leicht frustriert „Hallo Judith“ murmelte, schloß ich, daß zumindest die Angesprochene nicht ihn, sondern mich für den interessanteren der beiden Schaukämpfer hielt. Ich hütete, mich, sie zu beachten. Wenn ich jetzt aufsah, würde sie meinen, ich müßte ihr nachlaufen und in einer späteren Ehe ihretwegen womöglich alle meine Hobbies aufgeben. So leicht durfte ich es ihr nicht machen.
„Warum hauen die immer auf die arme Uhr?“, fragte Judith.

Ich grinste. Sie begann tatsächlich, offen Beachtung zu verlangen. Melanie schwieg.
Ich schwieg auch. Ich konzentrierte mich lieber auf die Partie, denn ich durfte diesmal auf keinen Fall verlieren, auch nicht ihretwegen. Sie durfte mich nicht für einen „Loser“ halten, und sie durfte erst recht nicht denken, daß die Sympathie für sie mich verlieren ließ, denn der Erfahrung nach witterten Frauen dann einen stummen Vorwurf, und reagierten mit einer Taktik, die beim Militär „vorweggenommener Gegenschlag“ hieß und sich bei ihnen schlimmstenfalls als Zickigkeit manifestierte. Ich starrte auf das Brett und gab ihr noch mehr Zeit, meinen Anblick zu bewerten. Wenn ich Blickkontakt suchte, mußte sie sich sofort entscheiden, ob sie lächeln sollte, und wenn ich eine noch unsichere Frau diesbezüglich überrumpelte und ein „Ich weiß zwar überhaupt noch nicht, was ich von dem Kerl halten soll, aber ich ziehe sicherheitshalber mal eine gute Miene, um mir solange alles offen zu halten“-Lächeln ergaunerte, würde ich später dafür bezahlen müssen.
Endlich antwortete Kalle auf die Frage von Melanie.
„In dem Gehäuse sind zwei Uhren“, erklärte er. „Eine läuft, wenn er dran ist, und die andere läuft, wenn ich dran bin. Die laufen nie zur gleichen Zeit, sondern immer nur abwechselnd, je nachdem, wer gerade dran ist.“
„Und woher weiß die jeweilige Uhr, wann sie dran ist?“, fragte Judith.
„Wenn ich fertig bin, drücke ich auf meiner Seite den Nippel nach unten und stoppe meine Uhr“, sagte Kalle. „Dann fängt automatisch dafür seine Uhr zu laufen an.“
„Darum hauen die da immer drauf“, sagte Melanie.

„Matt“, sagte ich.
Kalle schob ärgerlich knurrend die Figuren zusammen und baute die Grundstellung neu auf. Ich warf einen flüchtigen Blick auf Judith, die beeindruckt schien und ansonsten recht knuffig wirkte.
„Das kommt nur vom vielen Quatschen“, murmelte er wütend.
„Jungs brauchen beim Spielen immer was zum Draufhauen“, sagte Judith etwas hochnäsig. Das gefiel mir. Erstens attestierte sie uns ein gewisses Maß an echter Männlichkeit, und zweitens wußte ich, daß es gerade die hochnäsigsten Frauen waren, die, wenn man ihre Abwehr endlich vollständig überwunden hatte, am lautesten „Mehr!“ oder „Tiefer!“ oder „Fester!“ riefen.
„Das stimmt total“, sagte Melanie.
Wie zum Beweis haute Kalle, der soeben mit dem Königsbauern eröffnet hatte, schon wieder auf die Uhr.
„Als ich ihn kennengelernt habe, hat er das auch gemacht“, fügte Melanie dann hinzu.
Kalle drehte sich verdattert um und fragte „Was?“
„Nein, nicht du!“
Melanie winkte ab und wies dann auf mich.
„Er ist diesmal gemeint“, sagte sie. „Bei der ersten Begegnung hielt ich ihn für einen Specht. Ich war gerade im Feld hinter unserem Haus unterwegs, als ich so ein regelmäßiges Klopfen hörte, ohne daß ich sehen konnte, wer das verursachte. Wie ich dann neugierig aus dem Feld rausgucke, sehe ich da diesen Heini, der gerade wie bekloppt immer wieder seinen Fußball gegen die Hauswand tritt.“
Verwundert sah ich auf.
„Ich dachte, du hättest damals eine Freundin besuchen wollen!“, sagte ich.
„Ich dachte, du erinnerst dich garnicht mehr an den Quatsch!“, sagte Kalle.

„Jaja“, sagte Melanie mürrisch, „ich wollte damals eine Freundin besuchen, aber wegen dem Geballer wäre fast wieder umgekehrt. Das ist mir auch nur wieder eingefallen, als ich hier schon wieder so einen Lärm hörte. Es ist eben genau wie meine Schwester sagt. Jungs brauchen beim Spielen immer was zum Draufhauen!“
„Wir sind keine Jungs, sondern Männer“, verbesserte Kalle.
„Jau“, sagte ich.
Judith kicherte albern.
„Soll ich es dir beweisen?“, fragte ich ärgerlich.
„Das möchtest du wohl gern“, höhnte sie.
„Im Moment möchte ich nur ungestört Schach spielen“, sagte ich.
„Soso“, sagte Melanie.
„Sagmal“, begann Judith, „Du siehst ein bischen indianisch aus. War deine Mama mal in Amerika?“
„Schach“, sagte Kalle.
„Mist“, sagte ich.
„Schachmatt!“, rief Kalle.
„Großer Mist!“, rief ich.
„Und? War deine Mama mal in Amerika?“, fragte Judith erneut.
„Nein“, antwortete ich, „aber im Moment fände ich es schön, wenn du gerade in Amerika wärst.“
Sie schnappte nach Luft. Schließlich sah sie aus dem Fenster.
„Im Moment weiß ich nicht einmal, wie ich nach Hause kommen soll“, sagte sie dann. „Ich bin zu Fuß, es regnet wie verrückt, und es ist auch noch so stürmisch, daß einem jeder Schirm sofort umgeknickt wird.“

„Man soll sich nie schämen, feucht zu werden“, sagte Kalle, der seine Figuren endlich neu aufgestellt hatte und die Uhr in Gang setzte.
Melanie haute ihm auf die Schulter.
„Protest!“, rief ich. „Sie gibt dir Ratschläge! Wenn sie dich auf die linke Schulter haut, mußt du am Damenflügel angreifen, und wenn sie dich auf die rechte Schulter schlägt, mußt du am Königsflügel angreifen- stimmt´s?“
„Und was heißt das hier?“, fragte sie, als sie ihm einen Klaps auf den Hinterkopf gab.
„Aua“, sagte er.
„Das heißt, er soll in der Mitte, also im Zentrum, angreifen“, sagte ich spekulativ.

„Zieh“, sagte er.
„Nein, du bist wegen unerlaubter Mithilfe disqualifiziert. Darum fahre ich jetzt als Sieger nach Hause. Mal gucken, ob ich bei Judith vorbeikomme.“
Ich stellte die Uhr komplett ab und erhob mich.
„Oh ja“, sagte Judith.
„Blödsinn“, sagte Kalle.
„Doch“, sagte Melanie und gab ihm einen weiteren Klaps. Plötzlich wurde mir klar, daß ich mir mal gewünscht hatte, an seiner Stelle zu sein. Jetzt erkannte ich, welcher Gefahr ich entronnen war. Noch im Nachhinein brach mir Angstschweiß aus. Ich wischte mir über die Stirn.
„Wir brauchen hier in der Küche einen Abzug“, meckerte Melanie und gab Kalle schon wieder einen Klaps. Ich nahm es mit Schrecken zur Kenntnis und wollte unbedingt weg.
„Nicht so schnell“, mahnte Judith, als ich an ihr vorbei aus der Küche ging, obwohl sie meinen Arm festhielt.


(Fortsetzung folgt)